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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 71
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Sechstes Kapitel

Die Familie Acciajoli. Nerio, Kastellan von Korinth. Die Türken in Thrakien. Roger de Lauria nimmt sie in Theben auf. Mißliche Zustände in der Kompanie. Matteo Moncada, Generalvikar. Tyrannei des Peter de Puig. Verwaltung des Roger de Lauria. Die Enghien in der Argolis. Matteo de Peralta, Generalvikar. Die Mächte Europas, der Papst und die Türken. Kongreß in Theben. Nerio Acciajoli erobert Megara. Luis Fadrique, Generalvikar. Das Haus der Fadrique. Nach dem Tode Philipps von Tarent erben die Baux die Ansprüche auf Achaia.

1.

Niccolo Acciajoli hatte in seinem am 30. September 1358 zu Neapel verfaßten Testament, einem Aktenstück, so fürstlich an Umfang wie an Stil, alle seine Güter unter seine vielen Erben verteilt. Von seinen Söhnen Angelo, Benedetto und Lorenzo erhielt der älteste neben den Grafschaften Melfi und Malta und andern Besitzungen in Süditalien die Kastellanei Korinth wie einen großen Teil der Ländereien in Achaia. Auf Angelo ging auch die Würde des Großseneschalls Siziliens über.Gemäß der vom König Louis von Neapel und der Königin Johanna erteilten Erlaubnis; Akt vom 8. Sept. 1354, Buchon, N. R. I, p. 83. Unter den Zeugen desselben befand sich auch Walter von Brienne, der Titularherzog von Athen, nicht ahnend, daß die Acciajoli einst das Erbe seines Vaters gewinnen sollten.

Die leibliche Nachkommenschaft des großen Emporkömmlings blieb übrigens in Neapel, wo sie bald verfiel. Dagegen fügte es der Zufall, daß ein Nebenzweig des Hauses Acciajoli in Griechenland zu neuer Blüte kam. Das Haupt dieser Linie war der Vetter des Großseneschalls, Giacomo, aus dessen Ehe mit der Florentinerin Bartolommea Ricasoli drei Söhne stammten, Donato, Nerio und Giovanni, und diese fanden alle in Hellas ihr Glück. Noch kurz vor seinem Tode hatte Niccolo den Donato zum Leutnant seiner Länder in Achaia und zum Kastellan Korinths gemacht.Buchon, N. R. II, p. 198, n. XXXI. Durch seinen Einfluß war dessen Bruder Giovanni im Jahre 1360 Metropolit von Patras geworden, dem größten Erzbistum Moreas, welches sich zu einem selbständigen geistlichen Fürstentum unter der Autorität des Papsts ausgebildet hatte. Der dritte Sohn Giacomos, Nerio Acciajoli, trat schon im Jahre 1363 mit kühnen Plänen in Griechenland auf; dann nach dem Tode Giovannis I. Sanudo, des Herzogs von Naxos, bewarb er sich um die Hand von dessen vielbegehrter Erbtochter Fiorenza, aber Venedig verhinderte diese Verbindung.Hopf, Geschichte der Insel Andros.

Nachdem der Titularkaiser Robert von Tarent am 16. September 1364 ohne Erben gestorben war, begleitete der junge Nerio dessen Witwe, die Kaiserin Maria von Bourbon, als sie nebst ihrem Sohne Hugo von Galiläa aus ihrer ersten Ehe mit Guy von Lusignan, dem Bruder des Königs Peter I. von Zypern, den Versuch machte, Morea für jenen zu gewinnen. Durchaus wie der Großseneschall verdankte auch Nerio der Gunst einer Titularkaiserin von Byzanz sein Glück. Er kaufte von ihr Vostitsa, das alte Ägion, und Nivelet, die ehemalige Baronie des Hauses Charpigny.Buchon, N. R. I, p. 126. Sodann machte er sich zum Herrn Korinths.

Angelo, der älteste Sohn des Großseneschalls, war von dem neuen Titularkaiser Konstantinopels, Philipp II. von Anjou-Tarent, dem Bruder Roberts, im Besitze dieser Kastellanei bestätigt worden;Akt in Neapel, 7. Nov. 1366 (Buchon, N. R. II, p. 204 ff., n. XXXIII). Durch Diplom, Brindisi, 26. Febr. 1371, ernannte dann derselbe Philipp II. den Angelo Acciajoli zum Pfalzgrafen (palatinus) Korinths; ibid., p. 208, n. XXXV. da nun Donato, der dortige Statthalter, abberufen wurde und nach Italien zurückkehrte, schickte Angelo dessen Bruder Nerio als Kastellan nach Korinth, und er verlieh ihm Schulden halber diese Stadt nebst Sikyon oder Basilika als hypothekarisches Pfand. So begann Nerio Acciajoli in Morea aufzutreten; er gründete sich daselbst eine Herrschaft zu einer Zeit, wo die Zustände Griechenlands sich immer tiefer verwirrten.

Die endlosen Fehden der dortigen Machthaber miteinander und der Bürgerkrieg, welcher zwischen dem Kaiser Kantakuzenos und seinem Eidam Johannes V. von neuem entbrannt war, bahnten den Osmanen die Wege nach Europa. Suleiman, Orchans kühner Sohn, setzte im Jahre 1354, wie die Sage erzählt, von nur siebzig tapfern Kriegern begleitet, in einer Nacht über den Hellespont und überrumpelte die Burg Tzympe bei Gallipoli. Hier zuerst faßten die Türken auf europäischem Boden festen Fuß. Die Byzantiner haben diese Horde von Eroberern mit den Persern verglichen und auch mit deren Namen benannt. Die Osmanen aber waren furchtbarer und glücklicher als das Volk des Darius und Xerxes. Wenn es den Persern, nach der Bemerkung des Polybios, stets zum Verderben gereichte, sooft sie die Grenzen Asiens überschritten, wurden die Türken erst mächtig und groß, sobald sie die Erde Europas betraten.

Da der Kaiser Kantakuzenos die Hilfe des Sultans, seines eigenen Schwiegersohnes, benötigte, mußte er sich mit kraftlosen Protesten gegen die von Suleiman vollzogene Besitznahme thrakischer Städte begnügen. In der gleichen Lage befand sich Johann V. Palaiologos. Diesem gelang es im Jahre 1355, sich Konstantinopels zu bemächtigen und seine Gegner zu beseitigen. Der Kaiser Kantakuzenos legte die Krone nieder, um sein stürmisches Leben als beschaulicher Mönch in Sparta zu beschließen, wo sein geistvoller Sohn Manuel, einem Vertrage mit dem Palaiologen gemäß, als Despot weiter regieren durfte. Die Byzantiner aber beschäftigte fast mehr die Theologie als die Türkengefahr. Ihre Patriarchen und Kaiser untersuchten in Synoden, Disputationen und Schriften das Wesen der Lichtvision auf dem Berge Tabor. Wie einst den gallischen Bischof Salvianus die Schauspielwut der untergehenden Römer zu dem Ausspruche veranlaßt hatte, daß sie, gleichsam vom sardonischen Kraut gesättigt, lachend sterben wollten, so hätte ein besonnener Philosoph von den damaligen Byzantinern sagen können, daß sie als theologische Sophisten sterben wollten.

Nichts hemmte mehr das Vordringen der Osmanen im Balkanlande, zumal dort seit dem Tode des gewaltigen Serbenherrschers Stephan Dusan im Jahre 1355 diese große Slavenmacht unter seinem Sohne Uros V., dem letzten der Dynastie Nemanja, in mehrere Stücke zu zerfallen begann. Als auch Gallipoli, die bedeutendste aller Seestädte Thrakiens und damals noch ein großes Emporium des Handels zwischen Europa und Asien, in die Gewalt der Türken kam, waren dieselben Herren des ganzen Chersones. Von dieser Basis aus konnte Murad I., der Sohn des im Jahre 1359 gestorbenen Orchan, die Eroberungen des Vaters glücklicher fortsetzen. Die berühmte Metropole Thrakiens, Adrianopel, die er bestürmte und bezwang, machte er seit 1365 anstelle des asiatischen Brussa zum Sultanssitz und zum europäischen Mittelpunkt des Osmanenreichs für so lange, als das noch nicht die Weltstadt Konstantinopel geworden war, auf deren Gebiet der griechische Kaiser sich bereits beschränkt sah.

Von Thrakien drang Murad westwärts bis zu den Balkanpässen vor und südwärts in die schönen Landschaften Thessaliens. Kein Widerstand feindlicher Heere hielt den Zug der türkischen Kriegsscharen auf, als sie weiter durch die Thermopylen rückten und sich Böotien und Attika näherten. Hier war die Macht der sizilianischen Regierung durch innere Unruhen und unter den katalanischen Großen ausgebrochene Streitigkeiten gelähmt, während sie schon seit geraumer Zeit nicht nur die Streifzüge der Albanesen und Türken abzuwehren hatte, sondern auch mit dem griechischen Despoten Misithras, mit Guido von Enghien in Argos, und den Venezianern in Krieg verwickelt war. Die Familie der Lauria hatte damals die Fadrique von Aragon in den Hintergrund gedrängt, sie war mächtig in Theben, wo sie Lehnsgüter besaß und das Amt des Stadtvikars in ihren Besitz gekommen war.Als »hon. vigerius Thebarum« bezeugt Johannes de Lauria einen Akt am 13. Okt. 1359 (Commem. VI, fol. 103). Roger de Lauria stand in jener Zeit an der Spitze des Herzogtums als Statthalter des Königs Friedrich III. Von einer Gegenpartei und zugleich vom Bailo Negropontes bedrängt, machte er sich kein Gewissen daraus, die herannahenden Türken zu seiner Hilfe herbeizurufen. Als seine Bundesgenossen zogen sie sogar in die Stadt Theben ein, den Sitz der Regierung und den ansehnlichsten Ort des Herzogtums Athen.»Civitas nostra Thebarum, quae in ipsis ducatibus quasi caput est et magistra«, heißt es in einem Erlaß des Königs Friedrich III. (Archiv Palermo, Reg. Protonot. I, a. 1349–93, fol. 108).

Dies Ereignis bewies, daß auch die Spanier und Sizilianer Fremdlinge in Griechenland geblieben waren, mit dem sie kein Heimatgefühl verband. Die Kunde davon verbreitete Schrecken selbst im fernen Abendlande. Urban V. rief die Herren Euböas, den Erzbischof von Patras und andre Prälaten und Machthaber zur Abwehr der Gefahr auf, die Achaia bedrohte.Avignon, 5. Kal. Julii a. II (1364), bei Raynald n. 26. »Cum nuper audivimus, quod in civitate Thebarum et aliis circumstantibus partibus infidelium Turcorum profana multitudo moretur, ac terras fidelium principatus Achajae impugnare moleatur.«

Den ritterlichen König Zyperns, Peter I. von Lusignan, welcher seit dem Jahre 1362 die Höfe des Abendlandes bereiste, um eine Liga wider die Türken zustande zu bringen, ermahnte er, in sein Land heimzukehren, da auch dieses einen Einfall der Ungläubigen zu erwarten habe.

Peter hatte am 1. April 1363 zu Avignon mit Johann von Frankreich und Amadeo VI. von Savoyen den Kreuzzug gelobt.Datta, Spedizione in Oriente di Amadeo VI..., p. 12. Von den Mächten Europas nicht ausreichend unterstützt, kehrte er nach Zypern zurück und unternahm dann eine Kriegsfahrt nach Ägypten, welche kein anderes Ergebnis hatte als die Eroberung und vorübergehende Besetzung Alexandrias am 10. Oktober 1365.

Unterdes waren der Erzbischof Paulus von Theben, der Ritter Bartolommeo de Valeriis, Nikolaus de Ardoyno und Guillelm Bassani als Boten der flüchtigen Thebaner und anderer Gemeinden des Herzogtums Athen an den Hof Friedrichs von Sizilien gekommen, welchem sie die Besetzung jener Stadt durch die Türken und die verzweifelte Lage des Landes meldeten. Der König ernannte hierauf im August 1363 Matteo de Moncada nochmals zum Generalvikar auf Lebenszeit, mit der ausgedehnten Vollmacht, selbst Majestätsverbrecher zu amnestieren und nach Gutdünken Kastellane und Kapitäne in den Burgen einzusetzen. Da er seine Ernennung nicht nur der Stadt Theben, sondern sogar dem Marschall Roger de Lauria anzeigte, so geht daraus hervor, daß dieser einflußreiche Mann weder unter Prozeß gestellt noch irgend gestraft werden konnte.Patent für Moncada, Syrakus 16. Aug. I. Ind. (1363); bei Ros. Gregorio, App. 65. Ich fand diese Urkunde im Archiv Palermo, Reg. Prot. I, a. 1349–63, fol. 108 , und zwar datiert 20. Aug. ohne Jahr und Indiktion. Da aber auf fol. 109 die Verleihung der Markgrafschaft Bodonitsa, wenn sie erobert war, an denselben Moncada am 16. Aug. in Syrakus datiert ist und vorher eine andere Urkunde mit Ind. I bezeichnet ist, so ist das Jahr 1363 sicher.

Vielmehr fuhr er fort, das Herzogtum Athen nach wie vor zu verwalten, während Moncada im Dienst des Königs in Sizilien zurückgehalten wurde. Im Juli 1365 unterhandelte Roger mit der Republik Venedig wegen der Bestätigung des zwanzigjährigen Friedens, welchen die Kompanie ehedem mit Niccola Pisani, dem Kapitän des Golfs, gemacht hatte. Allein die venezianische Signorie wollte nur den kürzlich zwischen jener und dem Bailo Negropontes, Domenico Michiel, abgeschlossenen zweijährigen Waffenstillstand anerkennen. Sie wies auch die Forderung Rogers zurück, daß es der Kompanie gestattet werde, auf ihre Kosten eine Flotte zur Bekämpfung ihrer Feinde auszurüsten. Demnach hielt Venedig hartnäckig an jenen Bedingungen fest, welche die Katalanen in Athen verhinderten, eine Seemacht zu werden.»Quod suis expensis posset in mari armare contra suos inimicos.« – Venedig lehnt das ab, »quia nostrae intentionis est quod treugam predictam nuper factam per dictum nostrum bajulum in universitate inviolabiliter observetur« (Misti XXXI, fol. 108 , die 25. Julii 1365). Antwort an den Boten Rogers, welcher in diesem Akt heißt »marescalchus et vicarius generalis universitatis ducatus Athenarum«.

Es ist unbekannt, in welcher Zeit Matteo de Moncada im Herzogtum erschien. Es gelang ihm, Theben von der türkischen Invasion zu befreien, doch nicht die Ordnung im Lande herzustellen, wo das feste politische Gefüge der Kompanie aus den Fugen zu gehen drohte. Die Willkür der Großen war an die Stelle des Gesetzes getreten. Ein vornehmer Katalane, Peter de Puig, oder Puigparadines, Herr der Burgen Karditsa und Kalandri und, wie es scheint, eine Zeitlang während der Abwesenheit Moncadas dessen Stellvertreter als Vikar, konnte sich in Theben zum Tyrannen aufwerfen. Dort verdrängte er nicht nur die Lauria aus ihrem Einfluß, sondern er entriß auch, während eines Krieges mit den Albanesen, den Brüdern vom Hause Aragona, Bonifatius, Juan und Jayme, die Burgen Salona, Lidoriki und Vitrinitsa.Arch. Palermo, Reg. Cancell. a. 1346, n. 4, fol. 127. 3. Aug. apud Messanam (1365). In diesem Akt wird Petrus de Putheo (Puig) ausdrücklich genannt »vicarius dictor. ducatuum«, wobei der fehlende Zusatz »generalis« nicht maßgebend ist. Das Haus der Puig war wohl identisch mit den Puigparadines. Siehe den Artikel: Die Lehen der Herzogtümer Athen und Neopaträ am Ende der catalanischen Herrschaft, Deltion der histor. und ethnolog. Gesellschaft Griechenlands, Athen, Mai 1887. Endlich bildete sich in Theben eine Verschwörung gegen den Usurpator, deren Haupt Roger de Lauria war. Peter de Puig, sein Weib Angelina und mehrere seiner namhaftesten Anhänger wurden in einem Aufstande erschlagen und die Truppen der Regierung zusammengehauen. Moncada selbst war damals nicht in Theben, wo Roger und seine Partei sich der Gewalt bemächtigten. Sie schickten an den König Friedrich als ihren Syndikus und Boten Franziskus von Cremona, welchem am 2. Januar 1367 auch Abgeordnete der Städte in Theben Vollmacht gegeben hatten, um sich wegen jener Exzesse zu rechtfertigen, und Friedrich III. begnadigte notgedrungen alle Schuldigen.Privilegium Friedrichs undatiert, Arch. Palermo, Reg. Cancell. n. 13, a. 1371, fol. 123ff. Darin wird gesagt, daß die Vollmacht für Franziskus ausgestellt sei »anno D. Incarn. 1366 secundo Jan. V. Ind.« Demnach ist es das Jahr 1367. Als Anhänger Rogers sind in diesem Patent bezeichnet Wilh. de Almenara, Antonius de Lauria (Sohn Rogers), Albertus de Bonacolsis von Mantua, Jakobus Guardia, Alfonsus Cavalerius, Bernardus Balestarius usw.

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