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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Zweites Kapitel

Folgen des Einbruchs der Goten für Athen. Synesios von Kyrene. Fortdauer des Heidentums. Athenais als griechische Kaiserin. Umwandlung Athens durch das Christentum. Die Jungfrau Maria verdrängt die Pallas Athene. Die christliche Kirche in Athen. Verschwinden der antiken bürgerlichen Einrichtungen. Erlöschen der heidnischen Universität zur Zeit Justinians. Die antiken Monumente. Verwandlung von Tempeln in Kirchen. Das Christentum nimmt Besitz von Athen. Justinianische Befestigung der Stadt. Die Akropolis.

1.

Die Folgen der gotischen Invasion mußten für Athen fühlbar genug sein. Wenn auch nach dem Abzuge Alarichs nach Illyrien die geflüchteten Sophisten in ihre Lehrsäle wieder zurückkehrten und die studierende Jugend aus den Provinzen des Reichs fortfuhr, die athenische Hochschule zu besuchen, so war doch der ruhige Bestand der Dinge tief erschüttert worden.

Wenige Jahre nach jener Katastrophe besuchte der berühmte Synesios von Kyrene Athen; er fand die Stadt in einer so üblen Verfassung, daß seine Schilderung ihres Zustandes an das Wort des Horaz »vacuae Athenae« erinnert. Er verglich sie mit dem übriggebliebenen Fell eines geschlachteten Opfertieres. Nichts Merkwürdiges sei mehr dort zu finden als die erlauchten Namen alter Örtlichkeiten. Nicht mehr ihre Weisen, sondern nur ihre Honigkrämer gäben der Stadt noch einigen Ruf.Synesios, Ep. 136. Siehe meine Schrift: Athenais, p. 16. Allein die finstern Farben im Bilde Athens, wie sie der geistvolle Schüler der Hypatia, welcher erst Heide, dann ein gläubiger Bischof in Ptolemais war, aufgetragen hat, sind als übertrieben anzusehen. Weil Synesios in seinen Briefen aus Athen die berühmten Denkmäler der Stadt mit keiner Silbe erwähnt hat, so beweist sein Schweigen zum mindesten dies, daß er dort keine gotischen Zerstörungen zu beklagen hatte. Auch kann der Verfall Athens nach 396 nicht so schnell und allgemein gewesen sein, als man aus den Sarkasmen des Sophisten gefolgert hat, denn eine im Jahre 1881 in der Nähe der alten Metropolis gefundene Inschrift bekundet, daß Severus Antius, der Prokonsul von Hellas, den Kaisern Arkadios und Honorius ein Bauwerk geweiht hatte, und das konnte doch kein ganz geringfügiges sein.Die ergänzte dreizeilige Inschrift veröffentlichte zuerst Kumanudis im Aion, 2. Okt. 1881, dann Swoboda in Mitteil. d. Deutsch. Arch. Instit. in Athen 1881, S. 312f. Swoboda weist nach, daß sie spätestens 401 verfaßt worden ist.

Nicht Alarich hat die schwindende Herrlichkeit Athens zerstört, sondern dies war das Werk der Zeit. Wenn sich auch das wissenschaftliche Leben dort fortsetzte, so erreichte dasselbe doch nicht mehr jene Bedeutung, die es in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts gehabt hatte. Den Glauben an die olympischen Götter aber hielt die große Mehrheit der Athener, trotz der Goten und der byzantinischen Priester, noch immer hartnäckig fest. Die antike Religion vermochte den Kampf gegen das Christentum noch länger als ein Jahrhundert nach Alarich gerade in Athen fortzusetzen, denn so lange Zeit erhielt sich die platonische Akademie.

Wenige Jahre nach dem Einbruch der Goten muß sich Herculius, welcher zwischen 402 und 412 Präfekt Illyrikums war, ein besonderes Verdienst um diese Akademie erworben haben, denn deren Häupter Plutarch und der Sophist Apronianos errichteten ihm öffentliche Ehrenbildsäulen, von denen eine sogar neben der Promachos aufgestellt wurde; ein sicherer Beweis, daß diese Erzfigur noch aufrecht stand.... στη̃σε παρὰ προμάχω Παλλάδι Κεκροπίης. Diese Inschrift wurde im Gymnasium des Ptolemaios gefunden. Eustratiadis in der Arch. Ephimeris, 15. Febr. 1873, Heft 16, n. 432, p. 443. Als Synesios nach Athen kam, fand er auf dem Lehrstuhle des Priskos jenen Philosophen Plutarch, den Sohn des Nestorios, und die Sophisten Syrianos und Archiadas glänzten durch Ihre Beredsamkeit. Aus den wissenschaftlichen Kreisen der Stadt konnte sogar eine schöne und geistvolle Heidin, nachdem sie zum Christentum übergetreten war, als Kaiserin auf den Thron von Byzanz steigen und so einen unerwarteten Lichtglanz über ihre sinkende Heimat verbreiten.

Das war Athenais, die Tochter des Philosophen Leontios, welcher den gotischen Einbruch erlebt und unversehrt überstanden hatte. Am 7. Juni 421 erhob sie Theodosios II., des Arkadios Sohn, zu seiner Gemahlin, und sie nahm den Namen Eudokia an. Ihre Schicksale bilden eine merkwürdige Episode in der Zeit des fallenden Hellenentums und seines Überganges in die christliche Neugestalt. Die Philosophentochter aus der Stadt Platos stellte in ihrer eigenen Person diese Metamorphose dar, und wahrscheinlich war es nicht ihre bezaubernde Anmut und attische Bildung allein, sondern die Absicht, den Widerstand der Heiden in Athen zu brechen, was Pulcheria bewog, ihren kaiserlichen Bruder mit Athenais zu vermählen. Die mächtig gewordene Athenerin konnte ihren schwachen Gemahl bewegen, die Leiden Athens und Griechenlands durch Steuererlasse zu mildern, aber sie durfte den Verfall der antiken Welt nicht aufhalten, von deren Genius sie selbst sich für immer abgewendet hatte. Wenige Jahre nach seiner Vermählung mit ihr erließ Theodosios II., unter dem Einfluß seiner frommen Schwester, strenge Edikte gegen die heidnischen Kulte, und er gebot, alle Tempel, die noch im Reiche übrig geblieben waren, zu zerstören. Wenn auch diese Befehle nicht nach ihrem ganzen Wortlaut befolgt wurden, zumal in Athen, so konnte sie doch auch hier nicht ohne Wirkung bleiben.

Theodosios selbst scheute sich nicht, athenische Kunstwerke nach Byzanz hinwegzuführen. Durch den Patrizier Proklos ließ er einen Monolith aus Athen im Hippodrom aufstellen, und aus dem athenischen Arestempel soll er Gebilde von Elefanten fortgenommen und an der Porta Aurea in Byzanz aufgestellt haben, was indes sehr zweifelhaft ist.Kodinos, De Sign., ed. Bonn, p. 47. Siehe meine Schrift: Athenais, S. 87. Bald nach dem gotischen Einbruch waren durch einen Prokonsul Achaias, wie Synesios bemerkte, die Gemälde des Polygnot aus der Stoa Poikile gewaltsam entfernt worden.Synesios, Ep. 136. Diese berühmten Kunstwerke hatten trotz ihres Alters noch in der Mitte des 4. Jahrhunderts zu den größten Merkwürdigkeiten der Stadt gehört. Denn der Sophist Himerios, welcher bis 362 den Lehrstuhl der Beredsamkeit in Athen einnahm, machte die ionischen Ankömmlinge ganz besonders auf sie aufmerksam.δείξω μὲν υμι̃ν τὸν Μαραθω̃να εν τη̃ γραφη̃... Himer. X.

Wenn nun jene Malereien solches Schicksal erlitten, so werden auch andre ihm nicht entgangen sein. Die Zeit hatte manche bereits halb zerstört, denn schon Pausanias machte bei den Gemälden in der Pinakothek die Bemerkung, daß sie zum Teil unkenntlich geworden waren. Die herrlichen Bilder, mit welchen Polygnot, Mikon und Euphranor Athen geschmückt hatten, die Gemälde in der Stoa Basileios, im Tempel des Theseus, im Heiligtum der Dioskuren, im Anakeion, in den Tempeln des Dionysos und Asklepios und anderswo fanden ihren spurlosen Untergang. Nur Wandmalereien in Nekropolen, nur die Fresken Pompejis, nur die byzantinischen Musive und neuerdings gefundene Porträts aus der Zeit der ägyptischen Ptolemäer geben uns noch eine schwache Vorstellung von der griechischen Malerkunst.

Nach 429 wurde auch die goldelfenbeinerne Parthenos des Phidias aus dem Tempel der Göttin von den Christen entfernt.Marinus, Vita Procli, c. 30. Die Göttin verkündete dem Philosophen, daß sie fortan bei ihm wohnen wolle, und Proklos war 429 nach Athen gekommen, wo er um 450 den Lehrstuhl der Akademie innehatte. Was sodann ihr Schicksal geworden ist, hat niemand zu sagen gewußt.Nach der Angabe des Erzb. Arethas von Cäsarea (um 900) soll die Parthenos vor dem Senatshause in Konstantinopel gestanden und als Statue der Ge gegolten haben. Michaelis, der dies anführt (Parthenon, S. 270), bezweifelt es und glaubt an Verwechslung (S. 45)

Die Jungfrau Maria hatte bereits ihren siegreichen Kampf mit der alten Pallas um den Besitz Athens begonnen. Nichts aber ist merkwürdiger als diese Verdrängung der Stadtgöttin aus ihrer tausendjährigen Herrschaft durch die neue Himmelskönigin der Christen. Die schönste Gestalt der christlichen Mythologie und Kunst, die vergötterte Mutter mit dem Kinde auf ihren Armen, war das Sinnbild der Vereinigung der Gottheit und Menschheit und zugleich der ewigen Tragik des Erdenlebens, in welchem der Mensch, »vom Weibe geboren«, Schmerz und Tod erdulden muß, aber von der Liebe zu göttlicher Glorie verklärt wird. Vor der liebevollen Mutter mit dem Kinde legte die streng und schweigend auf die Menschheit blickende Pallas Athene, die Göttin mit dem Medusenhaupt auf ihrer Brust, die Lehrerin der kalten Weisheit, die nicht das Herz erwärmt, ihren Schild und Speer als Überwundene nieder.

Eine Legende erzählt, daß der Evangelist Lukas, als er in Theben starb, ein von ihm selbst gemaltes Bild der Gottesmutter zurückgelassen habe und daß dieses von einem Christen Ananias nach Athen gebracht worden sei. Die Athener bauten eine schöne Kirche und stellten in ihr das Bildnis auf, dem sie den Namen Athenaia gaben. Es blieb daselbst bis auf die Zeit Theodosios' des Großen, wo eines Tages die Jungfrau Maria den athenischen Priestern Basileios und Soterichos offenbarte, daß sie dazu auserwählt seien, ihr zu Ehren ein Kloster auf dem Berge Melas am Pontus zu erbauen, wohin sie ihnen den Weg weisen werde. Das von Engeln getragene Bildnis führte diese Männer durch Griechenland und übers Meer nach Anatolien; dort gründeten sie das berühmte Kloster der Panagia von Sumela in der Nähe der Stadt Trapezunt.

Die Legende spricht demnach von einer christlichen Kirche zu Athen schon im 1. Jahrhundert; sie gibt dem Bildnis der Jungfrau den Namen Athenaia, und diesem begegnet man später in dem der Panagia Atheniotissa wieder, die während des Mittelalters im Parthenontempel verehrt wurde, nachdem derselbe in eine christliche Kirche verwandelt worden war. Doch sagt die Legende nichts von diesem Tempel, sondern nur, daß die Athener das Bild der Jungfrau in einer sehr schönen Kirche aufstellten, die sie nicht weit von der Stadt erbauten.Ναὸν οι ’Ιθαγενει̃ς περικαλλη̃ ου μακρὰν τη̃ς πόλεως ανεγείραντες, ανεστήλωσαν εν αυτω̃ τὴν αγίαν Εικόνα.

Welche Veranlassung die himmlische Heilige hatte, zur Zeit des Kaisers Theodosios Athen zu verlassen und nach Trapezunt überzusiedeln, hat die Legende nicht bemerkt. Es sieht fast so aus, als fühlte sich die Gottesmutter unter den Heiden Athens noch nicht behaglich.Die Legende ist ausführlich erzählt in der ‛Ιστορία τη̃ς ιερα̃ς Μονη̃ς Παναγίας του̃ Σουμελα̃, welche beigegeben ist dem Buch ‛Η Θεία καὶ ‛Ιερὰ ’Ακολουθία τω̃ν οσίων... Πατέρων... Βαρνάβα καὶ Σωφρονίου τω̃ν εξ ’Αθηνω̃ν, καὶ του̃ ιερου̃ Χριστοφόρου, τω̃ν εν Μελα̃ όρει ασκησάντων, Leipzig 1775.

Die christliche Kirche machte indes Fortschritte in Griechenland, wenn auch am langsamsten in Athen. Ihr Kampf erst um das Dasein, dann um die Herrschaft in der Metropole der Griechenwelt, wo ihr das Heidentum als Macht der Intelligenz gegenüberstand, würde ein noch reizvolleres Gemälde darbieten als ihr allmähliches Wachstum in der Kaiserstadt Rom. Allein die Geschichte der Entstehung und Ausbreitung des Christentums in Athen ist mit tiefem Dunkel bedeckt. Der Katalog der dortigen Bischöfe ist sehr lückenhaft.Er zählt als die drei ersten legendären Bischöfe auf: Dionysios Areopagites, Publius, Quadratus; dann folgt Pistos. Lequien, Oriens christianus II. Wenn schon auf dem Konzil zu Nikaia zur Zeit Konstantins ein Bischof Athens anwesend war, so ist es wohl nur Zufall, daß ein solcher, wie auch der von Sparta, auf der Synode zu Chalkedon im Jahre 451 nicht bemerkt wird. Denn dort erschienen Bischöfe selbst geringerer Gemeinden wie Troizen, Hermione und Megara, Tegea, Argos und Amphissa, Messene, Elis und Platää, und schon diese Tatsache reicht hin darzutun, daß manche Städte Altgriechenlands die gotische Verheerung überdauert hatten. Von einigen mögen freilich nur die Titel, nicht die bischöflichen Sitze sich erhalten haben.

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