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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 65
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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2.

Eine andere, vom Schicksal schwer getroffene Fürstin aus dem fränkischen Hellas, die Witwe Walters von Brienne, lebte unterdes am Hofe des Königs Robert oder auf ihrem Lehen in Lecce. Ihren Vater, den Konnetabel Gauthier de Chatillon, hatte sie zum Vormunde ihrer beiden Kinder ernannt.Neapel, 22. Nov. 1312 – ihr Bevollmächtigter war Humbert, Erzbischof dieser Stadt. Du Chesne, Hist. de la maison de Chatillon, Paris 1621, Preuves p. 212. Sie wurde nicht müde, die Könige Frankreichs und Neapels und den Papst mit Aufforderungen zu bestürmen, ihren Sohn Walter, den legitimen Herzog von Athen, durch einen Kriegszug gegen die Katalanen in sein väterliches Erbe wiedereinzusetzen. Clemens V. zeigte eine gewisse Zurückhaltung, welche seine eigenen Mißverhältnisse in Avignon begreiflich machten, wo Philipp von Frankreich ihn festhielt. Der König nahm von der Verdammung des Papsts Bonifatius VIII. als Ketzer nur Abstand, um von Clemens die Verurteilung des Tempelordens zu erreichen, was im März 1312 auf dem Konzil zu Vienne geschah. Die Schwächung des Hauses Anjou und die Stärkung Aragons konnten dem Papst augenblicklich nicht unwillkommen sein.

Er mußte freilich gegen die Katalanen auftreten. Den Bitten der Herzogin-Witwe und den dringenden Vorstellungen Philipps von Tarent entsprechend, forderte er am 2. Mai 1312 den Großmeister der Johanniter Fulco von Villaret auf, sich mit dem Fürsten Achaias zu vereinigen, um die Usurpatoren aus dem Herzogtum Athen mit Kriegsgewalt zu vertreiben.S. Pauli Cod. Dipl. del S. Milit. Ord. Gerosol. II, 395. Die Kompanie wird in diesem Breve genannt »societas Cathalanorum commorantium in partibus Romaniae«. Der Begriff »morari« oder »commorari« ist bezeichnend für das Wandern der Katalanen; er wurde übrigens offiziell auch von der Kompanie selbst und vom Könige Siziliens gebraucht. Fulco befand sich gerade in einer Lage, die jener der Kompanie in mancher Hinsicht vergleichbar war. Denn der Orden der Johanniter, welcher, nachdem Ptolemais und ganz Syrien im Jahre 1291 unter die Gewalt des Sultans Ägyptens gefallen waren, zu Limasol in Zypern ein vorläufiges Asyl gefunden, hatte seit 1309 Rhodos den karamanischen Türken und den Byzantinern entrissen und dort seinen Sitz genommen. Die herrliche Insel konnte unter dem Regiment dieser Ritterschaft der Schlüssel zu Ägypten und Syrien, zum Archipel und zu Griechenland werden. Aber die Einrichtung des neuen Ordensstaats und seine Unternehmungen zur Besitzergreifung anderer Inseln, wie Skarpanto, Kos, Nysiros, Kalymnos und von Halykarnassos an der Küste Asiens, mußten den Großmeister hindern, sich mit den Katalanen und dem Hause Aragon in Krieg zu verwickeln.

Da Friedrich von Sizilien die Kompanie nicht nur in der Herrschaft über das Land Athen anerkannt, sondern dasselbe sogar als Herzogtum mit seiner Krone verbunden hatte, so blieb dieser König allen Vorstellungen und Mahnungen des Papstes wie andrer Mächte unzugänglich. Auch die Hoffnung der Anjou auf den in der Osterzeit 1313 geplanten Kreuzzug des Königs Philipp des Schönen von Frankreich, der Könige Luis von Navarra und Eduard von England, als könne bei dieser Gelegenheit die katalanische Soldbande aus Attika verjagt werden, erwies sich als eitel.Zurita II, p. 16.

Der Papst wandte sich endlich, und auffallend spät, an den König Jayme von Aragon, den Bruder Friedrichs von Sizilien. In einem Breve vom 14. Januar 1314 schilderte er ihm die Freveltaten der Katalanen, welche den Herzog Walter erschlagen, dessen Witwe und Kinder vertrieben, die Kirchen geplündert, die Güter der Geistlichkeit und des Adels an sich gerissen hatten und nicht aufhörten, den Dukat Athen zu verwüsten. Als natürlicher Landesherr dieser seiner ehemaligen Untertanen möge der König jenen Räubern gebieten, den rechtmäßigen Erben ihr Eigentum zurückzugeben und das Herzogtum zu verlassen.Dat. Montiliis Carpentorat. Dioc. XIX. Kal. Febr. Pont. a. IX. Indices rer. ab Arag. regib. gestar., vol. III der Hisp. III., Frkf. 1606. Der Papst nennt den erschlagenen Walter »tamquam Christi verus Athleta et fidelis pugil Ecclesiae«, eine Phrase, welche einer seiner Vorgänger auch von Karl von Anjou gebraucht hatte. An demselben Tage schrieb der Papst an Nikolaus, den lateinischen Patriarchen Konstantinopels, welchem zum Unterhalt das Bistum Negroponte übergeben war: Von dem Kapitän des Herzogtums, den der Konnetabel Frankreichs eingesetzt habe – und dies war der in Argos befehlende Foucherolles –, sei er um Hilfe gegen die fortdauernde Bedrängnis durch die Katalanen gebeten worden; deshalb solle der Patriarch die Häupter der Kompanie unter Androhung des Bannes ermahnen, den Raub herauszugeben und das Herzogtum zu räumen.»Ab olim clamor validus... querelarum de partibus ducatuum Athenarum provenientes apostolicum pulsarunt auditum«; diese Klagen dauerten schon mehrere Jahre fort, »jam pluribus annis praeteritis continuata«, was der Chronologie wegen zu bemerken ist. Raynald, ad a. 1314, n. 9.

Der König von Aragon hielt wie sein Bruder in Sizilien seine Blicke nach dem Orient gerichtet, da ihm Konstanze, die Witwe des Kaisers Johannes Batatzes, ihre Rechte auf Konstantinopel übertragen hatte.Valenza, 16. Aug. 1306. Isidoro Carini, Gli Archivi e le Bibl. di Spagna, Palermo 1884, P. II, fasc. I, p. 189. Er antwortete dem Papst, daß er keine Macht über die katalanische Kompanie besitze, daß es nicht wohl angehe, siegreiche Eroberer der Früchte ihrer Mühen zu berauben; der Herzog Walter von Brienne habe seinen Untergang durch eigene Treulosigkeit verschuldet;So sagt auch die Chronik von Morea: »et là fu occis par sa coulpe«. endlich seien die Katalanen katholische Christen, welche der römischen Kirche im Kampf gegen die schismatischen Griechen wesentliche Dienste leisten könnten.Pedro, Abarca, Annales histor. de los reys de Aragon. II, lib. XXII, c. 6, n. 9.

Nun starb Clemens V. am 20. April, und es blieb seinem Nachfolger auf dem heiligen Stuhle überlassen, zugunsten des jungen Prätendenten Walter die fruchtlosen Bemühungen der Kurie gegen die Eroberer Athens fortzusetzen, welche der kraftvolle Herrscher Siziliens schützte, der König von Aragon begünstigte und bald auch die Republik Venedig anerkennen mußte, während sich der Frankenstaat in Morea in kraftloser Zerrüttung befand. Dagegen lebte in dem katalanischen Staat Athen der heldenhafte Sinn der Kompanie fort, die sich nur durch dasselbe Mittel erhalten konnte, mit dem sie das Herzogtum erobert hatte.

Es war ein Triumph für diese Katalanen, daß dem Papst und den Anjou zum Trotz sogar ein Großer Frankreichs es wagte, ihnen seinen Degen anzubieten. Guy, Baron von Montauban, der dritte Sohn jenes Dauphin Humbert I. von Vienne, mit welchem das Haus der Grafen La Tour du Pin in der Dauphinée zur Herrschaft gelangt war, schickte im Jahre 1314 seinen Boten Raymbaud d'Alans nach Theben, um hier mit der Kompanie einen Vertrag zu schließen. Sie besaß die Kühnheit, sich als Herrin des ehemaligen Königreichs Thessalonike zu betrachten, nach dessen Besitz einst Rocaforte gestrebt hatte. Dies Reich lag freilich für sie so gut wie im Monde, da es den Byzantinern gehörte und außerdem vom vertriebenen Kaiser Balduin an den Herzog Hugo von Burgund wenigstens auf dem Papier verkauft worden war. Allein die Kompanie scheint damals Teile davon, vielleicht Pharsala und Domokos in Thessalien, besetzt gehalten zu haben. Sie machte am 26. März 1314 jenem nach Abenteuern in Griechenland begierigen Guy mit Thessalonike eine förmliche Schenkung, indem sie seinem Prokurator einen silbernen Stab in die Hand legte, unter Vorbehalt ihrer eigenen Rechte und ihrer Treue gegen den König Friedrich. Der katalanische Kanzler Jakob de Sarriano fertigte darüber eine Urkunde aus, die erhalten ist.»Idcirco gratis et ex certa scientia pura et mera liberalitate damus, concedimus... in quant. tamen de nobis est et ad nos dignoscitur spectare, regnum Salonicense, quod nunc a Graecis scismaticis injuste detinetur... Dat. Thebis... Sept. Kal. April. A. D. 1314«. Abgedr. aus der Pariser Nationalbibl. von Mas Latrie, Mélanges Histor. Choix de Doc., T. III, Commerce etc., p. 27ff. Man vergleiche damit den Akt vom Oktober 1314 aus S. Denis, worin Phil. d. Schöne erklärt, daß Phil. von Valois, Kaiser von Konstantin., und Hugo von Burgund dem Louis von Burgund alle Rechte auf Salonike abgetreten bei Gelegenheit seiner Heirat mit Mathilde (ibid., p. 29ff.).

An dem gleichen Tage belieh die Kompanie denselben Guy de la Tour mit dem Schloß St. Omer in Theben, soweit dessen Zugehörigkeiten noch nicht irgendeinem ihrer Mitglieder erteilt seien. Dies Schloß hatte bei der katalanischen Einnahme Thebens eine arge Verwüstung erlitten, aber die Belehnungsurkunde des Jahres 1314 zeigt, daß es wiederhergestellt worden war.Urkunde, ausgefertigt vom Kanzler Jacobus de Sausano, wie hier der Name irrig für Sarriano geschrieben ist. Im Text steht »castrum nostrum vocatum Sanctus Adamanus«. Abgedr. in Hist. de Dauphine (Genève 1722), Preuv. II, n. 24, p. 151. Der Sohn des Dauphin kam indes nicht nach Griechenland; denn trotz seiner Verbindung mit den Katalanen, den Feinden des Hauses Anjou, nahm er die Anerbietungen des Königs Robert von Neapel an, der ihn am 22. Februar 1314 zu seinem Generalkapitän in der Lombardei ernannte. Guido de la Tour starb schon im Jahre 1317.Ibid. n. 23, n. 27.

Mit soldatischer Gewalt behauptete sich das glückliche Heer der Franken im eroberten Herzogtum. Der Vizekönig Berengar Estañol, ein Mann von preiswürdiger Tatkraft, vermochte den Venezianern auf Euböa zu widerstehen und kriegerische Unternehmungen gegen die Angeloi von Thessalien und Arta wie nach der Argolis und Morea auszuführen. In seiner kurzen Regierung legte er, immer die Waffen in der Hand, die ersten sichern Grundlagen für den Ausbau des merkwürdigen Katalanenstaats Athen. Er starb wahrscheinlich in Theben, dem Sitze des Statthalters, im Jahre 1316, worauf die Kompanie, ehe der neue Generalvikar ernannt war, einen tapfern Mann aus ihrer Mitte, Guillelmus Thomasii, zu ihrem vorläufigen Kapitän und Regenten des Landes erwählte. Sie zeigte dies dem Könige von Sizilien an, welcher die eigenmächtige Wahl bestätigte. Denn jenem Hauptmanne und der Kompanie empfahl er am 8. Oktober 1316 den Messinesen Petrus de Ardoino, den er zum Kanzler des Herzogtums auf unbestimmte Zeit ernannt hatte.Königliche Kommission aus Messina für P. de Ardoyno als »Cancellarius fel. exerc. Francor. in ducatu Athenar. morancium... ad nostrum vel incliti Infantis Manfredi karissimi filii nostri domini Societatis predicti beneplacitum«, und »Transumptum literar. Dni. Regis missarum Guillelmo Thomasii Capitaneo Societ. fel. Exercitus Francor... et eidem exercitui fidelibus suis« (Kommunalbibl. Palermo, Ms. Qq. G, 2. fol. 20; Abschriften, von mir dort eingesehen; schon ediert von Buchon, Nouv. Rech. II, p. 394ff.). In der Rechnungsablage Cepoys (Du Cange II, p. 355) wird genannt »notaire Pierre de Meschine«, und dieser damalige Notar der Kompanie ist wohl identisch mit Petrus de Ardoyno von Messina. Das Datum der Kommission ist »VIII. Oct. Ind. XV«. Das Jahr dieses Monats ist 1316.

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