Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 61
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel

Die Katalanen besetzen das Herzogtum Athen. Flucht der Herzogin-Witwe. Bonifatius von Verona lehnt die Führung der Kompanie ab; Roger Deslaur übernimmt dieselbe. Die Katalanen verleihen ihm Salona. Sie bieten Friedrich von Sizilien das Herzogtum Athen an. Vertrag zwischen dem Könige und der Kompanie. Erste Einrichtung des katalanischen Herzogtums. Der Infant Manfred, Herzog von Athen. Berengar Estañol, Generalvikar. Verfassung des Herzogtums.

1.

Nach ihrem Siege am Kephissos betrachteten die Katalanen das Herzogtum Athen mit demselben Recht als »terra di conquista«, welches sich ehemals hier ihre französischen Vorgänger angemaßt hatten. Durch den Untergang Walters und seines Heers war das ganze Land wehrlos geworden; es zeigte sich, daß die Herrschaft der Burgunder trotz eines Jahrhunderts ihrer Dauer in der griechischen Nation völlig wurzellos und ein Regiment von nur geduldeten Fremden geblieben war.

Kein Widerstand hielt die Fortschritte der Sieger auf. Aus Theben und anderen Städten entflohen die Bürger massenhaft nach dem benachbarten Negroponte.Arag. Chronik v. Morea, p. 121. Die Kastelle Böotiens ergaben sich; nur in dem entfernten Peloponnes hielt Gautier von Foucherolles Argos und Nauplia für das Haus Brienne. Um Gnade flehend, zogen den Spaniern die erschreckten Bewohner der Flecken entgegen, und sie empfingen im günstigsten Falle die Zusicherung ihres Lebens und Eigentums. Die feste Burg Levadia kapitulierte, nachdem die Kompanie den griechischen Einwohnern alle Rechte der Franken zugesagt und dies Privilegium urkundlich verbrieft hatte.Diese Tatsache beglaubigt ein späteres Patent des Königs Friedrich III. von Sizilien und Herzogs von Athen für den Levadesen Nicolachio de Mauro, worin gesagt wird: »Cum a tempore acquisitionis... castri... Livadie acquisiti per fel. societ. Francorum... cetereque persone alie quae tunc in dicti castri forcilio morabantur et se dicte societati spontaneo tradiderunt ac castrum... assignaverunt... in Francorum numero aggregati vigore scil. concessionis... sollemnis facte eis per principales societ. prefate sicut in patentib. literis eorum sub sigillo b. Georgii quo tunc dicta soc. generaliter utebatur exprimitur.« Archiv Palermo, Reg. Cancell. 1364–65, n. 8, fol. 27. 28.

Theben versuchte, wie es scheint, keine Gegenwehr, wurde aber trotzdem samt den Schätzen der Kadmeia ausgeplündert.In einem Erlaß des venez. Senats vom 27. Jan. 1340 wird dem Nicol. Tibertino das Bürgerrecht Venedigs erneuert, weil sein Vater, ein Euböote, aber in Theben lebend, dasselbe verloren hatte, »quando per Catellanos dictus locus Thebarum captus extitit... vix cum persona aufugit« (Misti XIX, fol. 22). – Die Plünderung Thebens bemerkt Chalkokond., lib. I, p. 19. Das Schloß der St. Omer erlitt in der ersten Furie der katalanischen Eroberung eine so vollständige Verwüstung und wahrscheinlich auch eine so gründliche Zerstörung durch Feuer, daß es später in seiner alten Pracht nicht mehr wiederherstellbar war.

Wo sich damals der Herr des Burgpalasts, der Marschall Nikolaus von St. Omer, befand, sagt keine Kunde. Er scheint an der Katalanenschlacht nicht persönlich teilgenommen zu haben, sondern in Achaia geblieben zu sein. Dort baute er sich in Elis an den Ufern des Peneios zwischen Kaloskopi und Andravida eine neue Burg, die er gleichfalls St. Omer nannte. Noch heute dauern die Ruinen derselben unter dem Namen Santameri fort.Moland, a.a.O., p. 145. Nikolaus III. starb am 30. Januar 1314, ohne von seiner Gemahlin Guillerma, der Tochter des Grafen Richard von Kephallenia, Erben zu hinterlassen. So endete mit ihm das berühmte Geschlecht der St. Omer in Griechenland.

Die Witwe des erschlagenen Herzogs hatte mit ihren beiden Kindern nicht in Theben, sondern in der Akropolis Athens ihre erste Zuflucht gesucht. Wenn dem vereinzelten Bericht eines späteren Chronisten zu trauen ist, verteidigte sie sich daselbst einige Zeit gegen die Stürme des Feindes, bis sie, am ferneren Widerstande verzweifelnd, nach Achaia und weiter nach Frankreich entfloh.»Alli si defendiò por un tiempo« (aragon. Chronik Moreas, n. 552, 553). Allein die Flucht aus der belagerten Stadtburg wäre doch zu schwierig gewesen; daher hat wohl die Herzogin das Erscheinen der Feinde nicht abgewartet. Man hat die Katalanen beschuldigt, die Stadt Athen verwüstet, unter anderm auch die Olivenhaine am Kolonos zerstört zu haben; selbst die Vernichtung des Stadtviertels auf dem Südabhange der Burg und der dort an Stelle des Asklepiostempels erbauten christlichen Kirche hat man ihrem Vandalismus zugeschrieben.Ulrich Köhler, Mitteil. des Deutsch. Arch. Inst. in Athen, 1877, p. 235. Die Sage von der Zerstörung des Olivenhains, bei Fallmerayer, Gesch. Moreas II, S. 182. Chalkokondylas, ein Athener, a.a.O., nennt nur Theben geplündert und schweigt von Athen. Jedoch niemand weiß zu sagen, ob im Beginne des 14. Jahrhunderts jener Abhang der Akropolis überhaupt noch bewohnt gewesen ist. Daß sonst die Katalanen in jedem von ihnen eroberten Lande die ärgsten Frevel verübt haben, pflegt man aus der Tatsache zu erweisen, daß noch heute das Wort Katilano in Athen, auf Euböa, in Tripolitsa, selbst in Akarnanien als Schimpf- und Schreckwort gebraucht wird.Epamin. Stamatiadis οι Καταλανοί, p. 223. Eine patriotische Verteidigung der Katalanen versuchte Antonio Rubio y Lluch in seiner Schrift ›La expedicion y dominacion de los Catalanos en Oriente juzgadas por los Griegos‹ (Memor. de la R. Acad. de buenas Letras de Barcelona T. IV, 1883). Niemand wird den Heldenmut dieser Krieger bezweifeln; aber die auf ihren langjährigen Kriegsfahrten in Griechenland von ihnen verübten Greuel, welche die Zeitgenossen Pachymeres, Theodulos und Nikephoros Gregoras (Brief an den Philosophen Joseph, Boissonade, Anal. Gr. II, p. 213) geschildert haben, lassen sich ebenso wenig beschönigen als die Frevel der Spanier und Landsknechte im Sacco di Roma. Solche Eindrücke hatte nicht nur die große Kompanie in ihren jahrelangen Wanderungen zurückgelassen, sondern sie sind auch den wiederholten Plünderungen der Küstenländer durch katalanische Seeräuber zuzuschreiben.

In kurzer Zeit war das ganze Herzogtum Athen in der Gewalt des glücklichen Heeres der Franken in Romania. Nach jahrelangem Umherschweifen unter beispiellosen Kämpfen und gleich schrecklichen Entbehrungen vertauschte die Soldbande das Wanderlager mit dem Besitz eines reichen Landes, in welchem sie zur Ruhe kam.τη̃ς τε μακρα̃ς πλάνης απήλλαξαν εαυτούς (Nikeph. Gregoras). Ihr unverhofftes Glück war für diese Krieger selbst so überraschend, daß sie dadurch in Verlegenheit kamen. Sie konnten einen wohlgeordneten Staat mit Waffengewalt erobern, aber ihn nicht wieder aufrichten und regieren, indem sie an die Stelle seiner zerstörten Verfassung einfach die rohen Gebräuche ihres Soldatenlagers setzten. Ihre Feldherren und die angesehensten Kavaliere von Adel waren im Kriege oder in Lagertumulten umgekommen; und jetzt rächten sich die Ermordung Entenzas und der Sturz Rocafortes; denn lebte noch einer dieser kühnen Männer, so würde er sich ohne weiteres zum Herzog von Athen gemacht und seine Anerkennung als solcher errungen haben. Da nun die Wahl irgendeines der namenlosen Kapitäne zu ihrem Oberhaupt unmöglich war, so beschloß die Kompanie, dieses nicht in ihrer eigenen Mitte zu suchen. Nichts beweist ihre Ratlosigkeit mehr als die Tatsache, daß sie dem erlauchtesten ihrer Gefangenen aus der Kephissosschlacht den Oberbefehl und die Regierung des Herzogtums anbot. Allein Bonifatius von Verona war nicht ehrgeizig genug, um sich an die Spitze einer Soldbande zu stellen, die eben erst seinen Lehnsherrn und seine edlen Freunde erschlagen hatte. Er lehnte mit dem Antrage die gefährliche Aufgabe ab, sich durch Hilfe der Katalanen zum Nachfolger Walters von Brienne aufzuwerfen und womöglich mit dem Herzogtum Athen auch Euböa zu vereinigen, was nicht ohne heiße Kämpfe mit der Republik Venedig und andern Mächten geschehen konnte. Roger Deslaur, an welchen sich hierauf die Kompanie wandte, hegte nicht die ehrenhaften Zweifel seines Unglücksgefährten: Er übernahm die Führung der Kompanie und die provisorische Regierung des Herzogtums.

Die Spanier richteten sich jetzt in dem eroberten Lande ein. Sie überzogen dasselbe als ein buntgemischter Kriegshaufe, in welchem freilich die katalanische Nationalität die vorherrschende blieb. Es war dies eine durchaus militärische Invasion, aber doch zahlreicher und stärker als jene erste der Burgunder unter Otto de la Roche. Wenn man die nicht großen Verluste der Soldbande in der Kephissosschlacht mit in Rechnung zieht, so mußten es immer mehr als 6000 Krieger sein, welche mit ihren Weibern, Kindern und ihrem anderen Troß das Herzogtum Athen besetzten. Sie fanden daselbst zwei nationale Bevölkerungsschichten vor, die einheimischen Griechen und die bisher herrschenden Franzosen. Sie selbst warfen diese aus ihren Ämtern, Besitzungen und Lehen. Kein französischer Adel, kein burgundisches Geschlecht von Bedeutung wird seither im Herzogtum irgend mehr sichtbar. Die früheren Gebieter waren tot, oder sie verließen Griechenland, oder sie verschwanden hier in Dunkelheit.

Die Sieger teilten unter sich die Schlösser und Güter und selbst die Frauen und Töchter der am Kephissos Erschlagenen.Theodulos, a.a.O., p. 201. Muntaner, c. 240. Der Raub der Sabinerinnen fand in Attika und Böotien sein Nachspiel, oder vielmehr die Katalanen wiederholten das Verfahren der Normannen nach der Eroberung Englands, wo die Witwen der bei Hastings gefallenen sächsischen Edlen ihre Person und ihre Güter den Siegern überliefern mußten.Thierry II, lib. IV, p. 18. Je nach dem Range des Söldners wurde ihm ein Weib zugeteilt; mancher erhielt ein solches von so hohem Adel, »daß er kaum würdig war, ihm das Handwasser zu reichen«. So gestaltete sich, sagt Muntaner, die Kompanie ihr Leben aufs beste, und sie konnte sich dort mit Ehren für immer behaupten, wenn sie mit Klugheit zu Werke ging. Sie war aber doch nicht zahlreich genug, um das eroberte Land ganz auszufüllen; daher forderte sie sogar ihre Bundesgenossen, die Türken, auf, sich als Kolonisten im Herzogtum anzusiedeln. Diese lehnten das ab. Sie schieden, alle reich geworden, von den Spaniern in Freundschaft, um zu ihren Stammesgenossen nach Kleinasien zurückzukehren, und bald darauf fanden sie durch die Byzantiner und Genuesen ihren Untergang.Muntaner, c. 231, spricht mit Achtung und Sympathie von ihnen.

Roger Deslaur zögerte nicht, als General der Kompanie für sich selbst den möglich größten Vorteil aus dem Zusammensturz des Frankenstaats zu ziehen. Die Katalanen gaben ihm, wie Muntaner ohne weitere Bemerkung berichtet, die Witwe des letzten Stromoncourt, der am Kephissos gefallen war, und mit ihr das große Lehen Salona in Phokis. Wenn der ehrgeizige Ritter aus Roussillon nach einem noch höheren Ziele strebte, so erreichte er das nicht. Denn trotz ihrer ungeheuren Erfolge befand sich die Kompanie in einer nicht minder schwierigen Lage als zur Zeit des Entenza und Rocaforte. Alle Staaten im Osten und Westen, der Fürst von Achaia, welcher als solcher Oberlehnsherr des Herzogtums Athen war, die Angeloi in Thessalien und Epiros, der griechische Kaiser, die Könige von Frankreich und Neapel, die im nahen Euböa gebietende Republik Venedig konnten die Eroberer Thebens und Athens nur als eine Räuberbande ansehen, die außer dem Völkerrecht stand. An den Hof der Anjou war die Witwe des erschlagenen Brienne entflohen, und sie forderte vom Könige Neapels und vom Papst, ihr zum Wiederbesitz des Herzogtums Athen, des Erbes ihres Sohnes Walter, zu verhelfen. Ihr Vogt Foucherolles behauptete für diesen die Burgen Argos und Nauplia.

 << Kapitel 60  Kapitel 62 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.