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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 58
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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3.

Statt den Heranzug ihrer Gegner zu erwarten, brach die Kompanie mit kühnem Entschluß aus ihren Lagern in der Phthiotis auf und rückte durch Lokris feindlich in das Herzogtum ein, vielleicht nur um sich hier den Durchzug weiter nach dem Süden zu erkämpfen. Sie überschritt den Kephissos in der böotischen Kopais und stellte sich an dem rechten Ufer jenes Flusses auf. Nordwestlich von Theben liegt eine Tiefebene, wo sich im Winter und Frühling ein System von flachen Seen bildete, welches von dem alten Kopä (dem heutigen Topolia) den Namen Kopaissee erhielt.Über das kopaische Böotien, Bursian, Geogr. I, S. 194. Forschhammer, Hellenika I, S. 159. Buchon, Grèce continentale. K. O. Müller, Orchomenos und die Minyer I, c. 2 u. 3. Ulrichs, Reisen u. Forschungen I, S. 205 L. Roß, Königsreisen, Bd. I. E. Burnouf, Le Lac Copaïs, Archives d. miss. scient. I, p. 133ff. Der Kephissos führte ihm die Wasser von Doris und Phokis zu; der Melas und Wildbäche des Helikon ergossen sich dort. Lange natürliche Höhlengänge im Kalkgebirge, die sogenannten Katabothren, gaben diesen Wasserbecken Abfluß zur Bucht von Larymna. Schon die alten Minyer von Orchomenos hatten der Überflutung durch Dämme und andere künstliche Werke Schranken zu setzen gesucht, und noch der makedonische Alexander ließ durch seinen Ingenieur Krates aus Chalkis die Katabothren reinigen. Sein Plan der Trockenlegung des Sees kam aber nicht zur Ausführung.

Zur Zeit Strabos waren die fruchtbaren Ebenen von den Wassern überflutet, und von den alten berühmten Städten im Umkreise hatten nur Tanagra und Thespiä einige Bedeutung bewahrt; denn verödet und in Ruinen lagen Orchomenos, Chaironea, Lebadeia, Haliartos, Leuktra, Platää, Orte, auf deren Ebenen mehrmals die Geschicke Griechenlands durch große Schlachten waren entschieden worden. Böotien überhaupt erhob sich auch in der byzantinischen Zeit, das eine Theben ausgenommen, nicht mehr zur Blüte. Mehr scheinen die Frankenherzöge Athens für das Land getan zu haben. Neuere Untersuchungen erwiesen, daß während ihrer Herrschaft die Kopaisebene wasserfreier war als später und bis auf unsere Zeit. Noch dauert eine fränkische Brücke von fünf Bogen über dem Kephissos neben einer antiken, welche zerstört ist. Ein mittelalterlicher Turm bei Tegyra, ein Damm bei Topolia zeigen, daß zur Frankenzeit Verkehrsstraßen durch das Seegebiet führten. Ein fränkisches Kastell (Gla genannt), aus großen Steinblöcken mit Kalk aufgemauert, steht noch oberhalb Topollas.Ulrichs, Reis. u. Forsch. I, S. 205ff.

Die Herzöge Athens oder ihre Vasallen benutzten nicht mehr die Akropolis von Orchomenos beim heutigen Skripu, wo das prachtvolle, von Pausanias bewunderte Schatzhaus des Minyas längst verfallen war.Über den Zustand von Orchomenos, Schliemann, Exploration of the Boeotian Orchomenos, Journal of Hellenic studies II. 1881, und deutsch, Leipzig 1881. Doch ein Baron des Hauses La Roche gebot in dem festen Lebadeia, und in dem neugriechischen Karditsa, auf den Ruinen des alten Akrephia, saß als Lehnsmann des Herzogs von Athen der Ritter Antonio de Flamenc. Heute hat die kopaische Landschaft ihren historischen Charakter für immer eingebüßt; denn im Juni 1886 ist der berühmte See nach einer Dauer von Jahrtausenden bis auf wenige Reste verschwunden. Eine Gesellschaft von französischen Kapitalisten hat den Plan Alexanders des Großen wieder aufgenommen und die Kopaisgewässer durch einen Abzugskanal bei Karditsa in den Landsee von Hylike und durch ihn in das euböotische Meer fortgeleitet und so 25 000 Hektar Landes für den Ackerbau gewonnen.Rottmanns Gemälde des Kopaissees in der Münchener Pinakothek hat jetzt eine historisch-monumentale Bedeutung.

Mit großem Geschick nahmen die Katalanen eine solche Aufstellung am Kephissos, daß der Fluß und die Nähe des Sees sie vor einer Umgehung sicherten. Das Schlachtfeld selbst wird nirgends nach diesem See benannt, sondern nach dem Kephissos oder »nach einer schönen Ebene bei Theben« oder nach dem Ort Almiros.Nikephoros: διαβάντες... τὸν Κηφισσὸν κατεστρατοπέδευσαν περὶ τὴν Βοιωτίαν ου πόρρω του̃ ποταμου̃. Muntaner: »en un bel pla prop Estives«. Sanudo (Brief an Louis von Bourbon von 1334, bei Kunstmann, Studien über M. Sanudo, S. 810) und ›Secreta fidel.‹ (p. 68) schreibt Almiro, und in ›Istor. di Romania‹ (p. 117): Valmiro. Griech. Chron. von Morea, v. 5934: εις τὴν ‛Αλμηρόν. Liv. d. l. Cq., p. 474: »en la Ramiro«. Arag. Chron., n. 549: »à un luguar, que se clama el Almiro«. An das südthessalische Halmyros am Golf von Volo, welches Innozenz III. (Ep. 15, 69 »Armiro, quae Valestino dicitur«) und Henry de Valenciennes (p. 663) »Amiro« nennen, ist hier nicht zu denken. Zwar heißen Quellen bei Talanti am Meeresufer Armyrá (Ulrichs, Reisen u. Forsch. I, S. 198, S. 207), aber Talanti konnte nicht das Schlachtfeld sein. Es muß demnach damals einen Ort Almiro am Kephissos gegeben haben. Daß der Fluß selbst, wie Hopf will, im Volksmunde so hieß, ist unerwiesen. Finlay, H. of Greece IV, p. 144, verlegt das Schlachtfeld bei Skripu, und ihm folgte Hertzberg. Allein Skripu liegt auf der linken Seite des Kephissos, den doch die Katalanen überschritten hatten. Daher muß das Schlachtfeld rechts, etwa in der Richtung auf Levadia zu suchen sein.

Da die Kompanie, deren wesentliche Stärke im Fußvolk der Almugavaren bestand, ganz besonders die schwere Reiterei des Feindes zu fürchten hatte, suchte sie sich gegen dieselbe durch die sumpfige Beschaffenheit des Ortes zu decken. Außerdem lockerte sie die Ebene auf, leitete Gräben aus dem Kephissos ab und stellte so eine unwegsame Fläche dar, deren verräterische Moore das Frühlingsgrün verschleierte.Nikephoros VII, 7, p. 252.

Der Herzog von Athen lagerte unterdes bei Zeitun. Obwohl er von stolzem Selbstgefühl erfüllt war, wußte er doch sehr wohl, daß er mit einem furchtbaren Feinde zu kämpfen hatte. Der Tod auf dem Schlachtfelde war das tragische Los und das ehrenvolle Privilegium des Hauses der Brienne, und so etwas wie Todesahnung scheint auch den tapferen Walter ergriffen zu haben. Denn er machte in Voraussicht der nahen Schlacht sein Testament. Er entledigte sich aller seiner Verpflichtungen gegen seine nahen Verwandten, die Herzogin Mathilde, die Witwe seines Stiefbruders und Vorgängers Guido, gegen seine eigene Schwester Jeannette und viele Personen seines Hofs, die ihm aus Frankreich nach Hellas gefolgt waren. Er vermachte der Parthenonkirche (Notre-Dame) und den Minoriten in Athen, der Notre-Dame in Theben und in Negroponte, den großen Kirchen in Korinth und Argos je 200 Hyperpern und je 100 dem heiligen Georg in Lebadeia wie den Kirchen in Davalia und Bodonitsa.Der Herausgeber des Testaments liest irrig Escines, was er für Egine hält, statt Estives (Theben). Seiner Gemahlin Jeanne de Chatillon trug er auf, dem S. Leonardo in Lecce zu seinem und seiner Ahnen Seelenheil eine Kirche zu stiften. Er ernannte sie zum Vormund seiner Kinder Isabella und Gautier in allen seinen griechischen, apulischen und französischen Besitzungen. Er übertrug ihr neben andern Vertrauenspersonen, worunter auch der Bischof von Davalia war, die Vollziehung des Testaments. In der Abtei zu Daphni bei Athen, der Familiengruft seiner Vorgänger vom Hause La Roche, sollte seine Leiche beigesetzt werden.»Après nous élisons nostre sepulture aux Daufenins.« Zeugen des Akts waren der Bail von Achaia Gilles de la Planche und die euböotischen Barone Jean de Maisy und Bonifatius von Verona.Der erstgenannte ist bezeichnet als »bail de la princé d'Achaye«. Er fehlt im Katalog Hopfs, welcher als Bail Moreas für Philipp II. von Tarent von 1309–1313 aufführt Thomas von Marzano (Chron. Gréco-Rom., p. 471). »Et nous Gilles de la Plainche dessusdiz, Jehanz de Maisy et Bonifaces de Varonne dessus dit avons mis nous séauls pandanz en ce présent testemant avec lou sien et à sa requeste.« So erklären die Genannten im Testament. Die Urkunde ist fünf Tage vor der Schlacht, am Mittwoch, dem 10. März 1311, in Zeitun ausgestellt.Das Tagesdatum ist richtig; nur im Jahre 1311 fiel der 10. März auf den Mittwoch. Das Original des Testaments auf Pergament (in Troyes) hat noch zwei hängende Siegel in Wachs, von denen das eine die Legende trägt »sigillum Bonifacii de Verona«. Es beginnt: »L'an de grâce mil trois cenz et once, lou macredi à dis jourz de mars, nous Gautiers, dux d'Atheinnes, cuens de Brienne et de Liche...«, und schließt: »donné et fait au Gitom l'an et lou jours dessus dit«. Abgedr. von H. d'Arbois de Jubainville, Voyage paléogr. dans le département de l'Aube, Troyes et Paris 1855, p. 332ff. Demnach war Walter mit seinem Heer von Theben dorthingerückt, um die Katalanen zu treffen. Da er sie nicht mehr in Thessalien fand, brach er südwärts zu ihrer Verfolgung auf. Trotz des Spercheios und der Ausläufer des Öta, die er zu überschreiten hatte, konnte er die Entfernung von Zeitun bis zum Kopaissee sehr gut in wenigen Tagen zurücklegen. Die Schlacht am Kephissos aber fand am Montag, dem 15. März 1311, statt.Tag und Monat verzeichnen nur die griech. u. franz. Chron. von Morea (v. 5957; p. 474). Ihr Jahresdatum ist unrichtig. Der Montag fällt nur 1311 auf den 15. März. Dies Datum für die Schlacht hat Hopf I, S. 391, überzeugend festgestellt.

Die Almugavaren erwarteten in fester Ordnung das anrückende feindliche Heer, aber ihre türkischen Bundesgenossen stellten sich voll Mißtrauen in einiger Entfernung auf, weil sie, wie Muntaner sagt, argwöhnten, daß der Kampf zwischen dem Herzog und der Kompanie nur ein Schein und es auf ihre eigene Vernichtung abgesehen sei. Sie wiederholten hier dasselbe listige Verfahren, welches sie in der Schlacht bei Apros beobachtet hatten. Voll Ungeduld stürzte sich der Herzog an der Spitze von 200 auserlesenen Rittern mit goldenen Sporen auf die spanische Phalanx. Aber die gepanzerten Rosse sinken alsbald in den moorigen Grund; vergebens strengen sich die Ritter an, sie emporzureißen: Wie Statuen bleiben manche, so erzählt Nikephoros, auf den Pferden sitzen. Der Knäul von Menschen und Tieren wird von den Wurfgeschossen der Spanier überschüttet; das Löwenbanner der Brienne sinkt; der Herzog stürzt. Die nachdringenden Heerhaufen verwickeln sich in dasselbe Labyrinth; jetzt vollenden auch die Türken die Blutarbeit der Katalanen. Panischer Schrecken erfaßt die Reihen des schönsten Heeres, welches das fränkische Hellas jemals gesehen hat. Was dem Gemetzel entrinnen kann, flieht auf der Straße nach Theben fort.

An den Ufern des Kephissos wiederholte sich das Schicksal des mithridatischen Heeres, welches Sulla dort in die Sümpfe geworfen hatte.Plutarch, Sulla XXI. Noch zu seiner Zeit fand man dort Waffen und Schädel aus der Schlacht von Orchomenos. 1840 entdeckte man in der Burg Negroponte viele Rüstungen, welche Buchon für solche der am Kopais Gefallenen und, wie er annahm, von Bonifatius von Verona in Negroponte bestatteten Ritter erklärte (Grèce contin., p. 134ff., und ›Sur les armures trouvées à Negrop.‹). Man hat diese Rüstungen 1886 in einem Magazin des Patisia-Museums wiederentdeckt und im Museum der histor. Gesellschaft zu Athen aufgestellt. In denselben Sümpfen versank das burgundische Herzogtum Athen mit dem stolzen Herzog selbst, der durch seine eigene Schuld erschlagen wurde.»Et là fu occis par sa coulpe.«, Liv. d. l. Cq. Sein Haupt trugen die Spanier im Triumph auf einer Lanze umher. Mit vollem Recht darf man die Schlacht am Kopaissee das Azincourt der Franzosen in Hellas nennen. Denn an diesem einen Tage wurde die Blüte des lateinischen Adels in Griechenland, die Nachkommenschaft der großen Konquistadoren niedergemacht, und die furchtbare Vernichtung der Franken durch Franken erfüllte die erstaunten Griechen mit Genugtuung.τὴν καλλίστην καὶ θαυμαστὴν εκείνην κατὰ τω̃ν προσχω̃ρον ’Ιταλω̃ν ανείλοντο νίκην, sagt Theodulos, p. 201, behauptend, daß alle erschlagen wurden, so daß nicht ein Feueranzünder (πυρφόρος) übrigblieb. Nach der Schlacht bei Zorndorf schrieb Friedrich d. Große an Voltaire, sie sei einer jener Schaudertragödien ähnlich gewesen, wo keiner am Leben bleibe als der Lampenputzer. Muntaner sagt, alle Ritter seien erschlagen und etwa 20 000 Mann Fußvolks.

Nach dem Bericht Muntaners blieben von den 700 Rittern im Heere Walters wie durch ein Wunder nur zwei am Leben, Roger Deslaur und Bonifatius von Verona. Beide waren bei den Katalanen beliebt; sie wurden daher geschont, zwar zu Gefangenen gemacht, aber ehrenvoll behandelt. Die Angaben Muntaners sind indes ungenau, denn unter den Lebenden befand sich auch Nikolaus Sanudo, der Sohn des Herzogs Guglielmo I. von Naxos.Arch. Ven., Commem. II, p. 38. Man darf sogar annehmen, daß auch andere große Herren deshalb geschont wurden, weil sie reich genug waren, um ihre Freiheit mit beträchtlichen Summen zu erkaufen. Getötet waren Alberto Pallavicini, der Markgraf von Bodonitsa und Sechsherr auf Negroponte; Georg Ghisi, durch seine Vermählung mit Alice dalle Carceri Terziere auf derselben Insel und Herr von Tinos und Mykonos; Thomas, Herr von Salona und Marschall Achaias.Dies geht hervor aus einer Liste von Dynasten mit der Aufschrift »De Romania« (Arch. Ven., Pacta lib. III, fol. 79 ): »Albertus Palavicinus comes Bondenice et dns. sexterii Nigropontis (decessit). Georgius Gisi tercie partis ins. Nigropontis, Tynarum et Michollarum dominator fedelis (decessit). Thomas de la Sola dns. Salone et principatus Achaye marescalchus (mortuus).« Am Ende steht »Antonius Flamengo milex«, ohne diesen Zusatz, weshalb es fraglich ist, ob auch er in der Schlacht fiel. Die Liste ist vor 1311 geschrieben; das »decessit- und »mortuus« nach 1311 zugesetzt. Hopf (Chron. Graec.-Rom., Einl., p. XXIV) entnahm diese Notiz der Kopie des Bandes Patti in Wien; ich schrieb sie vom Originalbande in Venedig ab. Da Rainald de la Roche, der Sohn Jakobs von Damala und Veligosti, fortan aus der Geschichte verschwand, so mochte auch er am Kephissos gefallen sein. Mit ihm aber erlosch die Manneslinie des griechischen Hauses der La Roche, denn er hinterließ nur eine Tochter Jacqueline, die sich später mit Martino Zaccaria, dem Gebieter von Chios und Phokäa, vermählte.

Giovanni Villani, der Zeitgenosse dieser erstaunlichen Katastrophe, in welcher das Würfelspiel des Glücks auf einem einzigen Schlachtfelde einer verzweifelten Söldnerbande ein Reich mit dem unsterblichen Namen Athen vor die Füße warf, bemerkte dazu: »So wurden durch das zügellose Volk der Katalanen jene Wonnen der Lateiner zerstört, in deren Genuß einst die Franzosen gekommen waren, und diese hatten dort in größerem Wohlstand und Luxus gelebt als in jedem andern Lande der Welt.«»E cosi le delizie de' Latini acquistate anticamente per gli Franceschi... furono distrutte« (VIII, 51). Die Schlacht hat Villani nicht nach ihrem Ort benannt.

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