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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 57
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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2.

Der Zug der Soldbande nach Lokris war nicht durchaus die Folge ihres Abkommens mit dem thessalischen Fürsten, sondern er geschah mit dem Willen und sogar im Dienste des Herzogs von Athen. Walter von Brienne machte Rechte auf Teile der Phthiotis und Thessaliens geltend, um so mehr, als der dortige Dynast kinderlos war und mit seinem Tode die Linie der Angeloi Neopaträs erlöschen mußte. Aber der Kaiser Andronikos, sein Schwiegersohn Johannes und die Fürstin Anna von Epiros waren solchen Ansprüchen bereits entgegengetreten. Es ist wahrscheinlich, daß diese Verbündeten nach dem Tode Guidos die ehemals von den La Roche gewonnenen thessalischen Orte besetzt hatten. So in Krieg mit den Griechen verwickelt, war Walter auf den ihm naheliegenden Gedanken gekommen, die herrenlose Kompanie in seinen Sold zu nehmen, mit welcher überdies schon sein Vorgänger Unterhandlungen angeknüpft hatte.Muntaner spricht sogar von einem mit den Katalanen in Kassandreia abgeschlossenen Soldvertrage, was so ungenau ist, wie die Angabe der Aragon. Chronik, n. 536, welche dies Bündnis noch zwischen Guido und Rocaforte abschließen läßt. Er selbst war, wie Ramon Muntaner erzählt, den Katalanen nicht unbekannt und sogar bei ihnen beliebt; er verstand ihre Sprache, da er mit ihnen verkehrt hatte, als er in seiner Kindheit als Geisel seines Vaters lange in der Burg Agosta in Sizilien hatte leben müssen. Das furchtbarste Kriegsvolk der Zeit, welches schon seit Jahren der Schrecken Griechenlands war, Städte bezwungen, feindliche Heere zersprengt, ganze Provinzen verwüstet, in wilden Lagertumulten seine Kapitäne erschlagen hatte, stand dennoch unbesiegt und mächtig da, wie in den Tagen Rogers de Flor. Der Herzog Walter aber betrachtete dasselbe nur als einen Söldnerhaufen, der jedem neuen Brotherrn feil stand, seitdem das Verhältnis zu Karl von Valois durch die Flucht Cepoys gelöst war.

Sein Unterhändler Roger Deslaur, ein Ritter aus Roussillon, der in seine oder schon in Guidos Dienste getreten war, schloß mit der Kompanie einen Vertrag, wonach sie für sechs Monate dem Herzog zu dienen hatte. Der ungewöhnlich hohe Sold, den sie forderte und erhielt, bewies sowohl das stolze Bewußtsein ihres Werts als den Reichtum des Herzogs von Athen. Denn jeder schwere Reiter sollte monatlich 4 Goldunzen, jeder leichte Reiter 2, jeder Mann zu Fuß eine Unze erhalten. Wenn man die Stärke der Kompanie nur zu 7000 Mann berechnet, so betrug die monatliche Ausgabe Walters 12 000 Unzen oder 2 900 000 Francs.Sassenay, Les Briennes, p. 180.

Es war nach dem Abschluß dieses Soldvertrages, daß die Kompanie sich mit den Truppen des Herzogs vereinigte. Wo dies geschah, wissen wir nicht. Muntaner spricht nur im allgemeinen von der Ankunft der Katalanen im Herzogtum Athen, wo sie Walter mit Freuden empfangen und ihnen sofort den Sold für zwei Monate ausgezahlt habe.Hopf I, S. 389, läßt sie durch die Thermopylen und Lokris nach Böotien ziehen und vorläufig in Theben Quartier nehmen, was so unwahrscheinlich wie unerweisbar ist. Viele Gründe sprechen dafür, daß der Herzog diesem zügellosen Kriegsvolk nicht gestattete, mitten in das Herz seines Landes und in seine Hauptstadt Theben einzuziehen, sondern daß er es für passend hielt, sich an den Nordgrenzen seines Staates, in der Nähe des eigentlichen Kriegsschauplatzes, mit ihm zu vereinigen. In demselben Frühjahr und Sommer 1310 begann er sodann den Krieg gegen den Kaiser Andronikos und die mit ihm verbündeten Thessalier und Epiroten. Im Monat Juni lag er vor Zeitun.Nach einer Urkunde, datiert »sotto la Gyrona«, 6. Juni 1310, VIII. Ind., schenkte er dem Venezianer Zuan Quirin Land im Wert von 1000 Hyperpern und verpfändete ihm dafür die Abtei Cochinta. Seine Schenkung bestätigte später sein berühmter Sohn Walter als Titularherzog von Athen, Vened. 5. Nov. 1336. Lunzi, Della condizione politica delle isole Jonie sotto il dominio Veneto, Ven. 1858, p. 124. Hopf versteht unter Gyrona einfach Zeitun. Vielleicht ist im Text Gytona zu lesen; denn die fränkische Form für Zituni ist Giton oder Gipton (Liv. de la Cq.).

Mit Hilfe der Kompanie eroberte er in der Phthiotis mehr als dreißig feste Orte, so daß er sich zum Herrn der pagasäischen Küsten machte.Muntaner, c. 240. Der Krieg muß sich tief nach Thessalien hineingezogen haben und verheerend genug gewesen sein, denn der Zeitgenosse Marin Sanudo bemerkte später, daß Wlachien an Getreide und allen andern Bedürfnissen reich sei und davon aus den Häfen Halmyros, Demetrias und Lade genug ausführen könnte, wenn es jenen Wohlstand wiedererlangen würde, den es besaß, ehe derselbe vom Grafen von Brienne zerstört wurde, als er die katalanische Bande in seinem Dienste hatte.»Si ad statum reduceretur pristinum, eo quod ipsa consumta fuit a comite Brenensi, dum societatis Catelanorum dominium obtinebat.« Secreta fidelium crucis, lib. II, pars 4, p. 68 (ed. Bongars).

Der siegreiche Feldzug Walters dauerte sechs Monate lang. Ein vorteilhafter Friede, wozu sich der Kaiser und seine Verbündeten bequemen mußten, sicherte ihm alle seine in Thessalien gemachten Eroberungen. Sobald nun der Herzog von Athen, schneller und glücklicher, als er selbst es erwarten konnte, den Zweck seines Vertrages mit den Katalanen erreicht hatte, suchte er die Kompanie auf byzantinische Weise los zu werden. Den Sold für vier Monate blieb er ihr schuldig. Er wähnte sich seiner Verpflichtungen zu entledigen, wenn er die tüchtigsten und angesehensten dieser Krieger, zweihundert Panzerreiter und dreihundert Almugavaren, aus der Mitte der Bande auswählte, sie bezahlte und ihnen als Eigentum Landgüter anwies, um sie fortan in seinem Dienste festzuhalten. Allen übrigen befahl er, das Herzogtum zu verlassen.Muntaner, c. 240. Die mit so schmählichem Undank behandelte Kompanie weigerte sich, ihr gefahrvolles Wanderleben fortzusetzen und sich von neuem mittellos und aussichtslos nordwärts durch feindliche Länder hindurchzuschlagen. So kam es zum Bruch. Dies ist die Darstellung Muntaners. Allein ein so gewaltsames, rechtloses und zugleich unkluges Verfahren des Herzogs ist doch schwer begreiflich; darum verdient der Bericht der aragonischen Chronik Glauben, welcher auf die erbitterte und übereilte Stimmung Walters ein Licht wirft. Die Kompanie nämlich hatte in Südthessalien mehrere von ihr eroberte Kastelle besetzt, deren Auslieferung der Herzog verlangte, die Katalanen aber forderten diese Orte von ihm zu Lehen, um fortan als seine Dienstmannen im Lande zu bleiben, da sie sonst nicht wüßten, wohin sie sich wenden sollten. Weil es feststeht, daß Walter seiner Verpflichtung in bezug auf den Sold nicht nachgekommen war, so konnte auch nichts natürlicher sein, als daß die Katalanen die von ihnen besetzten Kastelle als Pfänder festhielten. Der Herzog schlug ihren Antrag entschieden ab und drohte, sie mit Gewalt zu seinem Willen zu zwingen.Aragon. Chronik von Morea, n. 546, 547: »Respondieron que non querian render los castiellos et las predas que avian ganado, por que no sabian do yr, mas ellos lo pregavan que éll los dexase estar en pas, et que ellos querian fer homenage de aquellos castiellos et iurarle de nunqua fer danayo en aquella terra ne en ninguna suya.« Die Chronik verlegt freilich den Krieg irrig in die Zeit Guidos. Übrigens weiß auch die griech. Chronik von Morea, v. 5946, daß die Eroberung von Domokos durch die Katalanen den Grund des Bruchs mit dem Herzoge abgab.

Hierauf beschlossen die Spanier, ihr Recht als freie Männer mit dem Schwert zu behaupten. Das verhängnisvolle Zerwürfnis ist demnach in der eroberten Phthiotis ausgebrochen. Denn schwerlich konnte der Herzog so unklug sein, dies gefährliche Kriegsvolk nach dem Friedensschluß mit dem Kaiser in sein eigenes Land zu führen, um sich erst hier seiner zu entledigen.Ich verwerfe diese Ansicht Hopfs (I, S. 391).

Da er selbst augenblicklich nicht stark genug war, die Kompanie aus Thessalien zu vertreiben, so kehrte er zunächst nach Theben zurück, und beide Teile rüsteten sich im Herbst und Winter des Jahres 1310 zum Kampfe miteinander.Nikephoros Gregoras VII, 7, p. 252. Dieser Geschichtsschreiber sagt nichts, weder von dem Soldvertrage der Katalanen mit dem Herzog noch von dem siegreichen Kriege desselben mit dem Kaiser.

Walter von Brienne versammelte seinen Heerbann. Alle seine Lehnsträger, selbst euböotische Barone, sogar Feudalherren Achaias und kampflustige Ritter aus Neapel, folgten bereitwillig seinem Ruf, da die Vernichtung der großen Kompanie als eine gemeinschaftliche Aufgabe des fränkischen Griechenlands erscheinen mußte. Auch der Republik Venedig konnte sie nur willkommen sein. Diese Signorie hatte ihre Verbindung mit den Katalanen ganz aufgegeben und mit dem Kaiser Andronikos einen zwölfjährigen Waffenstillstand gemacht, da die geplante Unternehmung Karls von Valois nicht zur Ausführung gekommen war.Treugua, in den Blachernen, 11. Nov. 1310. Thomas, Diplom. Veneto-Levant., n. 46. Der Tod hat meinen um die Erforschung der Beziehungen Venedigs zu Griechenland hochverdienten Freund Thomas verhindert, den Druck des 2. Bandes seines Diplomatars zu besorgen. Es ist dringend zu wünschen, daß die Gesellschaft vaterl. Geschichte Venedigs die ihr überlieferten Manuskripte bald herausgibt. Allen ihren Rektoren und Untertanen hatte sie den Verkehr mit solchen griechischen Orten untersagt, in denen sich die Katalanen befanden.

Man darf annehmen, daß Walter von Philipp von Tarent, dem Gebieter Achaias, die Einwilligung erhielt, die ritterlichen Vasallen auch dieses Landes zum Kriege mit der Kompanie aufzubieten, und zu den lehnspflichtigen Baronen des Fürstentums gehörten außer ihm selber, dem Herrn von Athen, der Herzog des Archipels, der Herzog von Leukadia, der Graf von Kephallenia, der Markgraf von Bodonitsa, der Herr von Salona, die Terzieri Negropontes. Siebenhundert französische Ritter folgten der Fahne Walters, und sein Aufgebot von Franken und Griechen ergab im ganzen eine Truppenmasse von 6400 Reitern und mehr als 8000 Mann Fußvolks.Nikephor. VII, 7, p. 252, 253. Muntaner, c. 240, zählt 700 französische Ritter und sogar 24 000 Mann Fußvolks. Mit diesem für jene Zeit gewaltigen Heer bildete sich der stolze Brienne ein, nicht nur die Spanier niederzuschlagen, sondern alles Land bis Konstantinopel einzunehmen.Nikephor., a.a.O., Theodulos, p. 200.

Die Kompanie war schwächer an streitbarem Kriegsvolk; sie zählte etwa 8000 Mann zu Roß und zu Fuß, worunter sich Thessalier und türkische Reiter befanden.Nikephor. rechnet 3500 Reiter, 4000 Fußvolk. Er läßt die Türken des Melik und Chalil sich schon in Makedonien von den Katalanen trennen, aber ein Teil davon blieb bei ihnen, und sowohl Muntaner als Theodulos wissen, daß sie am Kephissos gefochten haben. Ihren Kern bildeten die in hundert Kämpfen gestählten Veteranen, die Almugavaren, welche den taktischen Wert der Infanterie in die Kriegskunst eingeführt hatten, mehr als hundert Jahre vor den Schweizern. Während berühmte Ritter und Feudalherren im Heere Walters glänzten, wird kein einziger Hauptmann mit Namen unter den Katalanen genannt, da sie alle ihre großen Kapitäne verloren hatten. Die Erfahrung ersetzte den Verlust, und das Bewußtsein, daß sie siegen oder sterben mußten, flößte ihnen den Mut der Verzweiflung ein. Mit Freude begrüßten sie den Zuzug jener Fünfhundert, welche der Herzog in seinem Dienst behalten hatte, jetzt aber mit ritterlicher Geringschätzung fortziehen ließ, weil sie voll edlen Sinnes sich weigerten, gegen ihre Brüder zu streiten.

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