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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 54
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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2.

Als das furchtbare Kriegsvolk Rogers im byzantinischen Meer erschien, mußte es die Erinnerung an die lateinischen Kreuzfahrer wachrufen, die gerade vor einem Jahrhundert als vertragsmäßige Verbündete eines Kaisers Konstantinopel erobert hatten. Die alte ehrwürdige Königin der Meere thronte noch über dem Bosporos, aber der Glanz ihres Kaiserdiadems war erblichen, und sie blickte voll Verzweiflung auf die an Slaven und Lateiner verlorenen Provinzen des europäischen Festlandes und das von namenlosem Elend erfüllte, fast schon verlorene Kleinasien. Wenn jetzt, nach dem Erscheinen der spanischen Söldner, keine gleiche Katastrophe erfolgte wie im Jahre 1204, so sollten doch auch diese Söldner dem griechischen Reich tödliche Wunden schlagen. Es wiederholte sich dasselbe Schauspiel von Ohnmacht, Feigheit und Arglist, von finanzieller Not auf der einen und von Übermut, Raubgier und Gewaltsamkeit auf der andern Seite.

Der Kaiser Andronikos ernannte Roger de Flor zum Mega Dux oder Großadmiral und vermählte ihn mit seiner Nichte Maria, der Tochter seiner Schwester Irene und des Bulgarenfürsten Johann Asen. Die Kompanie, lange Zeit in der Nähe Konstantinopels lagernd, geriet in einen blutigen Kampf mit den Genuesen Galatas, welche die Venezianer seit einigen Jahrzehnten vom Bosporos verdrängt hatten, in den Spaniern werdende Rivalen haßten und die Byzantiner mit Argwohn gegen deren Absichten erfüllten. Dann schiffte die Soldbande nach Kyzikos in Anatolien hinüber, bekämpfte im folgenden Frühjahr siegreich die Türken und entsetzte Philadelphia; sie durchzog die Landschaften am Hermos und Mäander bis nach Phrygien hin, überall die Heere der Ungläubigen vernichtend. Roger de Flor konnte als Gemahl einer kaiserlichen Prinzessin den Plan fassen, mit den Schwertern seiner Krieger sich ein Fürstentum in Anatolien aufzurichten, und vielleicht würden diese tapferen Spanier die Osmanen lange Zeit von Europa ferngehalten haben, wenn sie Ionien und Pamphylien, Karien, Lydien und Phrygien bleibend in Besitz genommen hätten.

Vom argwöhnischen Kaiser wurde Roger bald aus Kleinasien zurückberufen, um in den Balkanländern die Bulgaren zu bekämpfen. Er führte die Kompanie zunächst in die Winterquartiere auf den thrakischen Chersones, und hier bei Madytos erschien Berengar d'Entenza, welcher mit neun Schiffen von Sizilien nach Konstantinopel gekommen war, um gleichfalls in die Dienste des Kaisers zu treten, ohne von diesem dazu berufen zu sein. Mit begründetem Mißtrauen wurde überhaupt das fremde Kriegsvolk der Katalanen von den Griechen angesehen. Die Küsten Asiens und Europas waren von ihm schonungslos gebrandschatzt und ausgeraubt worden; der Kaiser aber sah sich außerstande, die Geldforderungen der Spanier zu befriedigen, welche überdies stärker an Zahl waren, als er sie gewünscht hatte. Sie drohten aus Söldnern zu Gebietern im Reiche zu werden, wo sie allein eine geschlossene Heeresmacht bildeten. Aus ihrem verschanzten Lager in Gallipoli konnten sie zu jeder Stunde vom Kaiser abfallen und als Feinde vor den Mauern Konstantinopels erscheinen. Andronikos suchte deshalb die Kapitäne der Kompanie durch Ehren und Geschenke für sich zu gewinnen; er ernannte Entenza auf den Rat Rogers zum Großadmiral, diesem selbst aber verlieh er sogar die Würde des Cäsar, mit dem Versprechen, ihm die Statthalterschaft über Kleinasien zu geben, einige große Städte ausgenommen.Mutaner, c. 212, ruft verwundert aus, daß es seit 400 Jahren keinen Cäsar mehr im Reiche gegeben habe. Doch das ist irrig. Im Jahre 1179 hatte Rainer von Montferrat als Gemahl Marias, der Tochter Manuels I., den Cäsartitel erhalten. Seit Alexios Komnenos gab es 6 große Hoftitel: Despot, Sebastokrator, Cäsar, Großdomestikus (Marschall des Landheeres), Panhypersebastos, Protovestiarius (Kodinos, De Off., c. 2). Denn dorthin sollte Roger die Soldbande nochmals hinüberführen, um sie aus Europa zu entfernen und die Türken zu bekämpfen, welche Philadelphia wiederum belagerten. Allein es kam nicht mehr dazu. Als der neue Cäsar es wagte, mit geringer Begleitung Michael IX., den Sohn des Andronikos, in Adrianopel zu besuchen, wurde er auf dessen heimlichen Befehl im kaiserlichen Palast von der alanischen Leibwache verräterisch ermordet, am 28. März 1305.

Diese tückische Tat hatte ein entsetzliches Strafgericht zur Folge; das Verbrechen des Herrschers büßten die schuldlosen Völker des Reichs jahrelang durch namenlose Leiden. Voll Wut erhoben sich die Katalanen zum Rachekrieg gegen das falsche Byzanz, und nie wurde eine schrecklichere Blutrache vollzogen. Berengar d'Entenza führte jetzt den Oberbefehl über die Soldbande in Gallipoli. Der kriegserfahrene spanische Edelmann betrachtete sich fortan als ihr selbständiges Oberhaupt; er nannte sich von Gottes Gnaden Großadmiral des Reichs Romania und Herr Anatoliens wie der Inseln desselben Reichs.Am 10. Mai 1305 schrieb er aus Gallipoli dem Dogen Pietro Gradeniga: »Amico suo karissimo tamq. patri plurimum diligendo, Berengarius de Entenza eadem gr. (dei) magnus dux predicti Imperii Romanie, ac dominus Natolii ac Insularum ejusdem Imperii salutem...« Archiv Venedig, Commem. I, fol. 81. Seit dieser Zeit wurde die Kompanie Rogers de Flor eine frei wandernde Militärrepublik, »das glückliche Heer der Franken in Romania«, wie sie sich nannte. Sie erinnerte an die gemischten Kriegshaufen des Odoakar, welche einst Italien erobert hatten, und an die Normannen des 11. Jahrhunderts, die aus Söldnern im Dienste des byzantinischen Reichs zu Gebietern Apuliens und Siziliens geworden waren.

Die von Haß und Not zur Verzweiflung gebrachten Krieger streiften mordend und verheerend bis vor die Tore Konstantinopels. Vergebens machte der Kaiser Friedensverträge. Er rief die Genuesen zu Hilfe, denen er im März 1304 ein neues Handelsprivilegium verliehen und die Niederlassung in Galata bestätigt hatte.Zachariä v. Lingenthal, Jus Graeco-Rom. II, p. 623. In der Propontis, im Angesichte Konstantinopels, wurde die katalanische Flotte von den Genuesen unter Eduard Doria vernichtet, Entenza selbst gefangengenommen und sodann nach Genua hinweggeführt. Aber das stark befestigte Gallipoli behauptete der neue Kapitän der Bande, Berengar de Rocaforte. Bei Apros wurde sogar Michael IX. aufs Haupt geschlagen, so daß er nur mit Mühe nach Didimoteichos entrinnen konnte.

Das Schicksal Rogers de Flor und seine Folge, der wütende Rachekrieg der großen Kompanie mit Byzanz, ihre Heldentaten, ihre beispiellosen Kämpfe und Bedrängnisse in dem feindlichen Lande, welche fast den Ruhm der Kriegszüge der lateinischen Kreuzfahrer Balduins und Bonifatius' erreichten, begannen unterdes die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu ziehen. Der König Friedrich II. von Sizilien hatte nie seine Autorität über die katalanische Soldbande aufgegeben. Er war mit dieser in Verbindung geblieben; in ihrer Not hatte sie sich mehrmals an ihn um Hilfe gewendet, zumal nach der Ermordung Rogers de Flor dessen Sekretär Jakobus zu ihm geschickt, welcher dann mit Briefen des Königs nach Gallipoli zurückkehrte, aber bei Tenedos in die Gefangenschaft der Byzantiner geriet.Pachymeres VII, p. 563. Statt, wie er dem Papst versprochen, die Absichten Karls von Valois und der Anjou auf Konstantinopel zu unterstützen, mußte dem König Friedrich viel daran liegen, die furchtbaren Krieger zu Werkzeugen seiner eigenen Politik im griechischen Orient zu machen. Sie selbst aber bedurften eines Rückhaltes an einer starken Macht; sie unterhandelten mit den Agenten des Königs und erboten sich, in seinen Sold und Dienst zu treten.

Nach Sizilien war damals Friedrichs Vetter gekommen, der junge ruhmbegierige Infant Ferdinand, der dritte Sohn des Königs Jakob von Mallorca, der schönsten der balearischen Inseln, welche, seitdem sie Jayme von Aragon den Mauren entrissen hatte, ein eigenes Königreich unter aragonischen Herrschern bildete. Friedrich II. machte mit dem Infanten am 10. März 1306 zu Melazzo einen Vertrag, wodurch er ihn zu seinem Stellvertreter als Führer der fortan in seinem Dienst stehenden Kompanie ernannte, und als solcher leistete ihm der Prinz den Treueid.Buchon, N. R. II, p. 385. Testa, Vita di Federico II, p. 138. Bozzo, Note storiche, p. 163ff. In diesem Akt wird die Kompanie durchaus bezeichnet als »gens, quam dictus dominus rex habet in partibus Romaniae«. Mit Kriegsvolk und vier Galeeren ausgerüstet, ging dieser von Messina in See nach Gallipoli.

Als er dort landete, die Patente des Königs in der Hand, fand er in dem Kriegslager nur den Intendanten der katalanischen Bande, Ramon Muntaner, während die andern Kapitäne getrennt im Felde standen. Ein heftiger Zwiespalt entzweite sie. Entenza war durch die Fürsprache Jaymes von Aragon aus seiner genuesischen Haft befreit worden und mit frischen Truppen von Barcelona zur Kompanie zurückgekehrt. Er hatte sich alsbald mit dem herrschsüchtigen Rocaforte überworfen. Er, wie Muntaner, Ximenes d'Arenos und andere Hauptleute wollten den König von Sizilien als ihren Oberherrn und den Infanten Ferdinand als seinen Leutnant anerkennen, doch Rocaforte überredete seinen Anhang, den Prinzen nur für seine Person und nicht als Stellvertreter des Königs anzunehmen; er wußte wohl, daß der Infant nicht darauf eingehen werde.Diese Ränke sind gut dargestellt von Moncada, c. L. Dieser ließ sich indes bewegen, die Kompanie, welche das verwüstete Thrakien verließ, von Gallipoli nach Makedonien zu begleiten. Die beiden erbitterten Parteien setzten ihren Marsch durch das südliche Küstenland Thrakiens in getrennten Zügen fort, stießen aber unglücklicherweise aufeinander. Entenza wurde von den Verwandten Rocafortes niedergehauen, worauf Ximenes d'Arenos mit andern Katalanen die Kompanie verließ und zu den Griechen in die Burg Xantheia flüchtete. Auch der erschreckte Infant trennte sich, für sein eignes Leben fürchtend, von der wildaufgeregten Soldbande. Seine vier Galeeren lagen an der Küste gegenüber der Insel Thasos; er schiffte sich auf ihnen ein, um nach Sizilien heimzukehren. Mit ihm ging auch Ramon Muntaner, der Geschichtsschreiber dieses katalanischen Heldenepos. Nachdem derselbe alle seine amtlichen Verpflichtungen gegen die Kompanie redlich erfüllt hatte, bestieg er das Schiff Spagnola, mit sich führend Beuteschätze, 25 000 Unzen oder 100 000 Goldflorene an Wert.

Der Infant hielt es nicht unter seiner Würde, aus Rache wegen einer erlittenen Beleidigung unterwegs Halmyros am Golf von Volo zu überfallen und zu plündern, eine lebhafte Hafenstadt, die schon Edrisi als bedeutend hervorgehoben und Benjamin von Tudela von zahlreichen Kaufleuten des Abendlandes besucht gefunden hatte. Sie aber stand damals als thessalischer Ort unter der Verwaltung des Herzogs von Athen. Der Infant segelte hierauf sorglos weiter nach Negroponte, wo er zuvor auf seiner Hinfahrt nach Gallipoli freundlich aufgenommen worden war. Dort befand sich gerade der französische Admiral Theobald von Cepoy als Bevollmächtigter jenes Karl von Valois, welcher seit Jahren mit der Ausrüstung eines Kriegszuges gegen Byzanz beschäftigt war, wozu Frankreich, der Papst Clemens V. und Venedig ihm ihre Unterstützung bewilligt hatten. Die Republik von S. Marco hatte die alten Verträge mit Karl von Anjou zugunsten des Valois erneuert, hoffend, durch eine mögliche Restauration des lateinischen Kaisertums ihre frühere Machtstellung in der Levante wiederzugewinnen. Mit jenem Minister des Valois hatte sie deshalb am 19. Dezember 1306 einen Bundesvertrag zur Eroberung Konstantinopels abgeschlossen.Thomas, Diplomat. Veneto-Levantin., p. 48ff. Weiterhin andre Dokumente diese Angelegenheit betreffend. Die Mission Cepoys im Dienste des Valois dauerte vom Sept. 1306, wo er Paris verlassen hatte, bis April 1310, wo er nach Mons zurückgekehrt war. Auszug aus der Rechnungsablage desselben, Du Cange, Hist. de Const. II, p. 352ff. Allein die große Unternehmung wurde zum Verdruß der Venezianer von Termin zu Termin aufgeschoben und verlief endlich im Sande.

Cepoy, der mit venezianischen Galeeren von Brindisi nach Negroponte gekommen war, suchte damals Hilfsmittel und Bundesgenossen in Griechenland und hatte auch den Auftrag, die katalanische Bande, wenn es möglich war, dem Könige von Sizilien abwendig zu machen und in den Dienst des Valois zu ziehen. Dies gelang ihm durch einen Vertrag, den er mit Rocaforte in Kassandreia machte. Er befand sich wieder in Negroponte mit venezianischen Galeeren unter seinem Befehl, als der Infant im Juli 1307 daselbst erschien.Elf Galeeren und ein Schiff unter Giov. Quirini und Marco Negrotto: Reklamation Friedrichs II. an den Dogen, infolge der Beschwerde Muntaners, präsentiert zu Venedig, 5. Aug. 1308, Arch. Ven. Commem. I, 128 bei Predelli, Reg., n. 374. Das Datum des Ereignisses ist »infra mens. Julii proximi preteriti Indict. V«. Dessen Einfluß auf die Kompanie fürchtend, bewog Cepoy die venezianischen Schiffskapitäne, den Prinzen zu überfallen und festzunehmen, obwohl diesem zuvor von ihm selbst, vom Bailo Negropontes und einigen Dreiherrn vollkommene Sicherheit zugesagt worden war. Zugleich wurden die Schätze Muntaners geplündert. Man übergab den Infanten den Baronen Euböas, Jean de Noyer, Herrn von Maisy, und Bonifatius von Verona. In dem Hause des letzteren sah damals Muntaner dessen achtjährige Tochter Marulla, die ein Jahrzehnt später in der Geschichte der Kompanie eine wichtige Figur werden sollte.Muntaner, c. 243. Die Dreiherren brachten alsbald den Infanten mit ritterlicher Bedeckung zum Herzog von Athen.

Guido II., durch die Plünderung des Hafens Halmyros schwer beleidigt und von Cepoy für die Sache Karls von Valois bereits gewonnen, übernahm den Gefangenen im Namen des Königs von Frankreich und schloß ihn in die Kadmeia ein.

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