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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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3.

Nicht lange nach jenem gotischen Einfall ergoß sich eine neue Völkerwoge von Barbaren desselben Stammes, die auf 2000 Schiffen vom Dnjestr hervorbrechen, über das Donaugebiet. Der mannhafte Kaiser Claudius vernichtete diese Horden in der Schlacht bei Naissus in Mösien im Jahre 269 und sicherte dadurch Römern und Griechen für mehr als ein Jahrhundert die Ruhe. Kraftvolle und weise Kaiser hemmten den erneuten Ansturm der Feinde des Reichs. Aurelian, der Restitutor Orbis, schloß mit den Goten Frieden; er siedelte sie als Kolonisten in Dakien an. Sodann gab Diokletian dem Reich eine neue Ordnung, und schon er verlegte dessen Schwerpunkt nach dem griechischen Osten.

Wenn Eunapios, der Fortsetzer der Zeitgeschichte des Dexippos in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts, sogar die von den Goten stark heimgesuchten Länder Thrakien, Thessalien und Makedonien wegen ihrer zahlreichen Bevölkerung und ihres Wohlstandes glücklich preisen konnte, so werden sich Hellas und der Peloponnes um so leichter erholt haben, da sie weniger gelitten hatten.Eunapios, ed. Bonn, I, 51. Die Städte Thessalonike, Korinth und Athen waren damals noch so angesehen, daß der römische Senat auch an ihre Gemeinderäte die Briefe sandte, in denen er die am 25. September 275 erfolgte Erwählung des Tacitus zum Kaiser kund gab.

Indes, kein einziger geschichtlicher Vorgang von Wichtigkeit ist in den Annalen Athens in jenem Zeitalter zu verzeichnen. Selbst die allgemeinen Christenverfolgungen unter Decius und Diokletian trafen Asien und Afrika empfindlicher als Altgriechenland, wo die Gegensätze beider Religionen nicht durch übermäßigen Fanatismus der Parteien verschärft wurden. Die griechischen Kirchen, auch die größten in Paträ und Korinth, waren im 3. und 4. Jahrhundert nur schwache Gemeinden. In Athen blühten noch immer die Schulen des Plato, Aristoteles und Chrysippos, und sie gingen keine wahlverwandtschaftliche Verbindung mit den christlichen Ideen ein wie jene in Alexandria und Antiochia, in Karthago und andern Herden der Theologie.

Vielleicht aber war es infolge der Angriffe und Deklamationen der heidnischen Philosophen der Akademie Platos geschehen, daß sich gerade in Athen die ersten Apologeten des Christentums erhoben hatten; zur Zeit Hadrians schrieben solche Verteidigungsschriften der Christ gewordene Philosoph Aristides und Quadratus, nachmaliger Bischof Athens. In demselben 2. Jahrhundert verfaßte auch Athenagoras, ein in Alexandrien lebender Athener, eine Apologie. Die Reihe athenischer Vorkämpfer des Christentums würde sich noch um einen berühmten Mann vermehren, wenn es erwiesen wäre, daß Clemens von Alexandria, der Schüler des Pantainos und Lehrer des Origenes, wirklich in Athen geboren war. Immer ist es merkwürdig, daß sich christliche Athener nur in den ersten Jahrhunderten namhaft gemacht haben, wo die heidnische Philosophenschule noch fortbestand und gegen die neue Glaubenslehre kämpfte. Selbst in alten Katalogen der römischen Bischöfe stehen ein paar Athener verzeichnet, nämlich Anaklet, dem man in der Reihe nach St. Petrus die zweite Stelle gibt, und Yginus, der achte Papst. Auch Xystus II., ein Zeitgenosse des Dexippos, römischer Bischof um 258 und Märtyrer unter Valerian, soll ein »Philosophensohn« aus Athen gewesen sein. Mag nun die Herkunft jener legendären Päpste wahr sein oder nicht, so beweist doch ihre Bezeichnung als Athener, daß die römische Kirche Wert darauf legte, unter ihren ältesten Bischöfen Männer zu zählen, die aus dem feindlichen Lager der Philosophen Athens hergekommen waren.

Erst seit dem Duldungsedikt Konstantins konnte die christliche Mission in der Hauptstadt des Hellenentums schnellere Propaganda machen. In dem heißen Kampfe um die Neugestaltung der römischen Welt, der zwischen diesem großen Manne und Licinius entschieden wurde, hüteten sich die Athener glücklicherweise, die Partei des Schwächeren zu ergreifen. Im Piräus sammelten sich sogar im Jahre 322 die Schiffe, welche die Griechen dem Kaiser stellten. Dies beweist, daß der Stadthafen damals noch eine bevorzugte Station für Kriegsflotten gewesen ist. Bei Adrianopel, sodann im Hellespont, endlich in Byzanz wurde der Gegenkaiser Licinius besiegt und Konstantin Alleinherrscher des Reichs. Er war die Janusgestalt auf der Grenzscheide im Leben der Menschheit.

Er baute Konstantinopel. Seit der Gründung Roms ist keine wichtigere Stadt auf der Erde geschaffen worden. Als er dort unter der Porphyrsäule seines Forum das Palladium Roms vergraben ließ, senkte er das Schicksal der Welt am Bosporus ein, und noch wirkt das Fatum dieser einen Stadt in unermeßliche Fernen der Zukunft fort. Sie war die Marke, an der das heidnische Altertum haltmachte, und zugleich bezeichnete sie die kulturgeschichtliche Trennung des lateinischen Abendlandes vom griechischen Morgenlande. Die Päpste haben dies so aufgefaßt, als sei Konstantin durch göttlichen Ratschluß genötigt worden, sich aus Rom nach dem Bosporus zurückzuziehen, um ihnen selbst und der römischen Kirche das Abendland zu überlassen. Im Grunde haben sie die ungeheuren Folgen der Tatsache richtig erkannt. Die in der Natur der Dinge begründete Scheidung des orbis terrarum in zwei Hälften wurde durch die neue christliche Kaiserstadt besiegelt. Das lateinisch-germanische Abendland erhielt seinen Mittelpunkt in Rom, der hellenistische Osten den seinigen in Byzanz. Für Griechenland selbst hatte die Schöpfung Konstantins diese weder von den damaligen Hellenen noch von ihren Nachkommen in langen Jahrhunderten begriffene Bedeutung, daß durch sie der Fortbestand der griechischen Nation gerettet und ihre Kulturschätze der Menschheit erhalten wurden. Denn ohne Konstantinopel würden Hellas und der Peloponnes von fremden Barbarenvölkern erobert und bevölkert worden sein; ohne diese große und feste Stadt ist das byzantinische Reich ebensowenig denkbar wie die griechische Kirche und wie das Fortleben der in ihren Schutz gestellten humanistischen Wissenschaft.

Mit der Gründung Konstantins entstand freilich nicht nur eine Nebenbuhlerin und Gebieterin Athens, sondern ein dem heidnischen Hellenismus feindliches Prinzip. Der Glanz der antiken Mutter der Weisheit erlosch vor dem neuen Gestirn, welches eine geistige Umwandlung der Menschheit verkündigte, in deren Prozeß die Stadt des Plato keine Stellung mehr finden konnte. Ihre Bedeutung im Leben der Welt beruhte allein auf der klassischen Bildung des Altertums, und sie schwand auch mit dieser dahin. Bald sahen die Byzantiner mit Geringschätzung auf Altgriechenland herab, die Athener aber blickten voll Eifersucht und Haß nach jenem Ort am Bosporus, der ehemals Athen mit Korn versorgt hatte, während jetzt Asien, Syrien und Phönizien nicht mehr ausreichten, den hungrigen Pöbel zu sättigen, welchen Konstantin aus den verwaisten Städten des Reichs nach Byzanz zusammengeschleppt hatte.Eunapios im ›Aedesius‹, p. 462.

Der Kaiser plünderte die Städte der Hellenen, um ihre Kunstschätze nach seiner neuen Hauptstadt zu entführen.Athen, Kyzikos, Cäsarea, Tralles, Sardes, Satalia, Antiochia, Zypern, Kreta: Anon. bei Banduri, Imp. Or. pars II, p. 40. Kodinos, De Signis, p. 53. Finlay, a.a.O., S. 152, glaubt, daß Konst. die griechischen Tempel besonders an Orten plünderte, wo das Christentum vorherrschend war. Diese setzte das Raubsystem Roms im hellenistischen Orient fort. Die Werke des Alkamenes, Phidias und Praxiteles, des Myron und Lysippos wurden den Christen nicht zur Zerstörung überlassen, sondern zu Zierden Neu-Roms bestimmt. Die Großstadt am Bosporus wurde das reichste Museum der Kunst, während die Schriften der alten Griechen ihre Bibliotheken erfüllten. Aus beiden Schatzkammern übertrug sich eine, wenn auch schwache, Nachwirkung des hellenischen Geistes auf die Malerei und technischen Künste wie auf die Wissenschaften der Byzantiner, ohne daß diese es zu originalen Schöpfungen bringen konnten.

In der alten Sophienkirche versammelten sich wie in einer profanen Galerie 427 Statuen; unter ihnen sah man sogar die Götterbildnisse des Zeus, der Aphrodite, der Artemis und einer Priesterin der Athene.Erst Justinian entfernte sie beim Neubau und verteilte sie in der Stadt. Banduri I, 14. Die Musen vom Helikon, welche Sulla, Caligula, Nero und die Goten verschont hatten, stellte Konstantin in seinem Palast auf; mit der Bildsäule des pythischen Apollo und dem goldenen Dreifuß aus Delphi schmückte er den Hippodrom. Das aber sind die einzigen namhaften Kunstwerke Altgriechenlands, die in den Verzeichnissen byzantinischer Autoren als von Konstantin geraubt angeführt werden. Unter den von ihm aus Athen fortgebrachten Bildwerken befanden sich nicht jene, die noch Pausanias bewundert hatte. Er schonte die dortigen Tempel, nicht allein, weil er dem Kultus der Heiden die Freiheit gewährte, sondern weil er Athen besonders ehrte. Er hielt es noch für eine persönliche Auszeichnung, die Würde des dortigen Strategen zu bekleiden. Als ihm die Athener eine Ehrenstatue errichteten, dankte er ihnen durch jährliche Verteilung von Korn.Von seinem Staatsamt und seiner Wohltat spricht Julianus, Orat. I. in laudem Constantini, ed. Spanheim, p. 8.

Neben Korinth, der Hauptstadt Achaias, war Athen damals der angesehenste Ort Griechenlands, noch immer im Besitz seiner städtischen Autonomie und freien Verfassung. Es wohnten daselbst manche reiche Primatenfamilien, und viele Fremde aus den Provinzen des Reichs machten dort ihre wissenschaftlichen Studien. Eine vollkommene Lehrfreiheit unterstützte die Tätigkeit der heidnischen Sophisten und Philosophen auf den reichlich besoldeten Lehrstühlen. Die seit Severus durch die Gotenkriege unterbrochene oder doch stark geminderte Universität stellte sich fast so glänzend wieder her, wie sie unter den Antoninen gewesen war. Der Kaiser Konstantin selbst begünstigte sie. Seine Verbindung mit dem im Reich mächtig gewordenen Christentum berührte nicht den gebildeten oder heidnischen Menschen in ihm. Er war ein aufrichtiger Freund des Neuplatonikers Sopater, von dem er im Verein mit dem Hierophanten Prätextatus und dem Astrologen Valens bei der Gründung Konstantinopels feierliche Weihen nach heidnischem Ritus vollziehen ließ. Einem Athener, dem Neuplatoniker Nikagoras, welcher das Amt des Daduchen bei den eleusinischen Mysterien bekleidete, gab er die Mittel, um eine Studienreise nach Ägypten zu machen. In den Königsgrüften Thebens hat sich dieser Philosoph durch eine Inschrift verewigt, worin er den Göttern und dem Kaiser dankte, der ihm das gewährt hatte.Καὶ χαρὶν έσχον τοι̃ς θεοὶς, καὶ τω̃ ευσεβεστάτω βασιλει̃ Κωνσταντίνω τω̃ του̃το μοὶ παρασχόντι. Böckh, n. 4770. Dazu Burckhardt, Die Zeit Konstantins des Großen, 2. Aufl., S. 218. 360.

Konstantin soll in seiner Hauptstadt eine lange Stoa erbaut haben, in welcher Philosophen aus Theben, Athen und dem übrigen Hellas mit den Gelehrten Konstantinopels disputierten. Wenn bei dieser Gelegenheit gesagt wird, daß die Philosophen Griechenlands in solchen Kämpfen stets Sieger blieben, bis sie zur Zeit des Kaisers Justin unterlagen und dann nicht mehr wiederkamen, so drückt die Legende damit den Fortbestand der heidnischen Wissenschaften Athens bis auf die justinianische Zeit aus.Kodinos, De Aedificiis CP., ed. Bonn, p. 85.

Auch die Söhne Konstantins erwiesen der Stadt Athen und ihrer Hochschule mehrfache Gunst. Den berühmten Sophisten Proairesios, welchem selbst Rom eine öffentliche Statue errichtete, ehrte der Kaiser Konstans so hoch, daß er aus Liebe zu ihm den Athenern die Einkünfte einiger Inseln schenkte.Eunapios, Vita Proairesii, ed. Boissonade, p. 90. Um dieselbe Zeit stellten der Prokonsul Carbonius und Ampelius beschädigte Bauwerke der Stadt wieder her. Diese bewahrte in der Mitte des 4. Jahrhunderts mit ihrer architektonischen Pracht noch den vollen Charakter des Heidentums, dessen Seele sich freilich aus den veralteten Götterkulten in die Hörsäle der Philosophen flüchtete. Die letzte, nur noch künstliche Blüte der athenischen Universität reicht bis tief in das 5. Jahrhundert hinab. Sie ist an die Wirksamkeit der Sophisten und Philosophen Julianus, Proairesios und Musonius, Himerios, Aidesios, Priskos, Plutarch und Proklos geknüpft und hat an dem Zeitgenossen Eunapios von Sardes ihren leider sehr ungeschickten Geschichtsschreiber gefunden.Die Verhältnisse der Universität Athen sind in bekannten Schriften behandelt worden: von C. G. Zumpt, Über den Bestand der philosophischen Schulen in Athen; von Weber, De acad. Litter. Athen.; C. Ullmann, Gregorius von Nazianz; Sievers, Leben des Libanius; Zeller, Zinkeisen und Hertzberg, Bernhardy (Grundriß der griech. Literaturgesch.), Carl Wachsmuth, Über die Hochschule Athen; Burckhardt, R. Nicolai (Griech. Literaturgesch.) usw.

Da die Wissenschaft Athen zu einem internationalen und neutralen Boden machte, vereinigten sich dort die Anhänger der alten und neuen Religion in den Hörsälen der Professoren ohne Glaubenshaß. Die christliche Beredsamkeit ging in die Schule der heidnischen Logik und Rhetorik, und sie zündete ihr eigenes Licht an dem Feuer des Demosthenes und Plato an. Um das Jahr 355 studierten in Athen nebeneinander drei nachher weltberühmte Männer, Gregor von Nazianz, Basileios der Große und der Prinz Julian, zwei künftige Kirchenväter und ein kaiserlicher Apostat.

Die Mirabilien Roms und die Kaiserchronik erzählen, daß ein Götterbild im Tempel des Faunus oder die im Tiber liegende Bildsäule des Merkur den christlich erzogenen Prinzen zum Abfall in das Heidentum verlockt habe.»Ad S. Mariam in Fontana fuit templum Fauni, quod simulacrum locutum est Juliano et decepit eum.« Mirabilia, Massmann, Kaiserchronik III, S. 574. Sie haben nicht so ganz unrecht, nur hätten sie die Szene aus Rom nach Athen verlegen sollen. Denn es sind die schönen Gebilde des Phidias, Praxiteles und Alkamenes, es sind die beredten Deklamationen der heidnischen Sophisten, der strahlende Himmel und die Denkmäler Athens gewesen, welche das Gemüt des schwärmerischen Jünglings bestrickten.

Die Apostasie des Kaisers Julian mag man als eine romantische Verirrung belächeln, aber es würde doch ohne sie etwas in der Geschichte der Menschheit auf ihrem Übergange von einer Kultur zur andern fehlen. Immerhin bleibt der Abfall Julians ein merkwürdiges Zeugnis von der Macht der alten Olympier noch in ihrem Sturz, und er war auch die letzte große, dem schönen hellenischen Heidentum dargebrachte Huldigung und der Abschied von ihm. Sein Zusammenbruch als öffentlicher Staatskultus hatte schon unter dem streng christlich gesinnten Kaiser Konstantios II. begonnen. Durch die Edikte vom 1. Dezember 353 und vom 18. Februar 356 war die Schließung aller Tempel anbefohlen und jeder Opferdienst bei Todesstrafe untersagt worden.Lasaulx, Untergang des Hellenismus, S. 55. Obwohl diese Gebote nur teilweise zur Ausführung kamen, konnten sie doch auch in Griechenland nicht ohne Wirkung bleiben, vielmehr erfuhr das Heidentum selbst in Athen eine tiefe Erschütterung. Julian versuchte es hierauf, dessen Zusammenfall durch eine dem Christentum angepaßte sittliche Reform aufzuhalten.

Als er sich im Jahre 361 gegen Konstantios empörte, richtete er außer an die alten Hellenenstädte Korinth und Sparta auch an Senat und Volk Athens eine Proklamation, die sich glücklich erhalten hat. In den zwei Jahren seiner Herrschaft feierte der Hellenismus nur den flüchtigen Triumph seiner Befreiung vom Druck der Reichsgesetze, während sich seine moralische Wiederherstellung als unmöglich erwies. Die künstlich aufgeregte Flamme des Götterglaubens versank wieder, als dessen großer Beschützer gefallen war. Die Nachfolger Julians, die Kaiser Jovianus, Valens und Valentinian, gaben dem Christentum sein gesetzliches Ansehen und seine Privilegien zurück, ohne jedoch den konstantinischen Grundsatz der Duldung des Heidentums aufzuheben. Selbst noch Gratian achtete diesen, obwohl er zuerst die kaiserliche Würde des Oberpriesters der heidnischen Religion anzunehmen verschmähte, welche dann später die Päpste aus dem Magazin römischer Antiquitäten hervorgezogen haben.

Trotz der Kultusverbote der Reichsregierung wagte es noch im Jahre 375 Nestorius, der greise Hierophant der Demeter in Eleusis, eine Zauberpuppe des Achill unter den Koloß der Parthenos zu stellen, um den Schutz des Halbgottes für Athen zu erflehen, als ein furchtbares Erdbeben viele Städte Griechenlands zertrümmerte. Zosimos, der dies erzählt, bemerkt freilich, daß die Behörden den Hierophanten für irrsinnig erklärten, aber Athen und Attika seien doch durch den Heros Achill gerettet worden, während manche Städte in Hellas, im Peloponnes und auf Kreta zerstört wurden.Zosimos IV, c. 18. Als Gewährsmann der Anekdote führt er den Philosophen Syrianos und dessen Hymnus auf Achill an. Die Tatsache wird wahr sein, zumal jene Zeremonie ebenso heimlich vollzogen werden konnte wie das Gebet des Philosophen Proklos im Tempel des Asklepios. Marin., Vita Procli, c. 29.

Die volle Reaktion gegen das Heidentum trat erst ins Werk, nachdem Theodosios I. im Jahre 379 den Kaiserthron bestiegen hatte, ein fanatischer Spanier, gleich verfolgungssüchtig gegen die nicht orthodoxen Christen wie gegen die altgläubigen Heiden. Kein Kaiser ist vor ihm mit solcher Entschiedenheit für das Christentum eingetreten. Er brach den letzten Widerstand der Heiden in Rom. Die alte Kaiserstadt am Tiber war im 4. Jahrhundert neben Athen die zweite große Burg des Götterkultus, und nur langsam ist auch sie von den Christen erobert worden. Der Kampf um den Altar der Victoria im römischen Senatshause zur Zeit des Kaisers Gratian und des heiligen Ambrosius, endlich die Revolution der Altgläubigen nach der Ermordung Valentinians im Jahre 392 und die Wiederherstellung des heidnischen Kultus als Staatsreligion durch Flavianus zeigten, wie fest der alte Glaube noch unter den Römern wurzelte. Seine Stütze war die Aristokratie des Senats, und deren Kampf wider das Christentum war politischer Natur. In Athen stützte den heidnischen Glauben die Aristokratie der Bildung, und ihr Widerstand gegen das Christentum war philosophischer Natur.

Die Edikte Theodosios' I. unterdrückten den letzten öffentlichen Gottesdienst im Abend- und Morgenlande. Zahllose Heiligtümer wurden zerstört, unter ihnen auch das berühmte Serapeum in Alexandria. Vergebens schrieb Libanius seine Schutzschrift zugunsten der Tempel. Nach Konstantinopel ließ jener Kaiser viele Werke der hellenischen Kunst hinüberführen, wie die samische Hera des Lysippos, die Minerva von Lindos, die Aphrodite des Praxiteles von Knidos und den Zeus des Phidias von Olympia.

Am mindesten litt von diesem Vandalismus Altgriechenland. Athen im besondern wurde verschont. Keiner der großen Göttertempel dort von Ruf ist damals gefallen. Wenn auch die heidnischen Opfer und Prozessionen fortan unterblieben, so hat doch weder Theodosios noch ein anderer Kaiser bis auf Justinian den antiken Glauben der Athener gewaltsam ausgerottet noch die Schulen dort und ihre Lehrfreiheit anzutasten gewagt.

Dasselbe Glück, welches während der Völkerstürme, in denen die antike Welt unterging, Rom behütete, schützte auch die Stadt Athen. Wie sie das Erdbeben jenes Jahres 375 verschont hatte, so gingen auch die erneuerten Einfälle der Goten, welche Hellas und Achaia verwüsteten, schonend an ihr vorüber.

Die große Völkerwanderung hatte seit 375 das Gotenvolk in neuen Aufruhr gebracht; der Kaiser Valens fiel in der mörderischen Schlacht bei Adrianopel im Jahre 378, und die Goten verheerten Thessalien und Epiros. Das eigentliche Hellas aber entging dem Verderben. Seine Rettung scheint das Verdienst des tatkräftigen Präfekten Theodoros von Achaia gewesen zu sein, dem die Athener dafür im Jahre 380 eine Ehrenbildsäule setzten.C. J. Att., 636. Damals war Theodosios Kaiser. Er siedelte die Goten als Verbündete des Reichs in Mösien und Thrakien an.

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