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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 48
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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2.

Die Insel Negroponte bot das seltsamste Schauspiel des fränkischen Feudalwesens in Griechenland dar, denn nirgend sonst war dasselbe so verwickelt. Die dortigen Dreiherren, die man wegen ihrer Herkunft noch immer Lombarden zu nennen pflegte, setzten das fruchtbare Geschlecht der Carceri Veronas in mehreren Zweigen fort, während durch Vermählung mit ihren vielbegehrten Töchtern auch fremde Herren vom Festlande und den Inseln euböotische Güter erwarben, wie die Pallavicini, die Morosini, Sanudo, Ghisi, Cicons und die Noyer aus Burgund. So war das Inselland in viele Lehen zersplittert, obwohl die alte Dreiteilung im Prinzip bestehen blieb.Noch heute zerfällt die Nomarchie Euböa in drei Eparchien; Oreos heißt jetzt Xerochori.

Als gemeinschaftliche Hauptstadt der Terzieri galt Chalkis oder Negroponte, der größte Ort der Insel, eins der lebhaftesten Emporien der Levante, von geschäftigen Griechen, Franken und Juden bevölkert. Das mächtige Kastell schloß den Euripos. Unmittelbar vor ihm führte eine hölzerne Brücke zu dem mit dem Turm bewehrten Felsen, der aus dem schmalen Sunde aufsteigt. Sie setzte sich dann nach dem Ufer Böotiens fort, wo sie durch ein andres Bollwerk gedeckt war. Schon Prokopios, zu dessen Zeit weder Chalkis noch Euböa den antiken Namen verloren hatte, spricht von dieser beweglichen Holzbrücke über den Euripos, welche Euböa zum Kontinent mache, wenn sie über den Sund gelegt wurde, und zur Insel, wenn man sie abnahm.De Aedif. IV, 3. – Spon, Voyage II, p. 320. Lacroix, Iles de la Grèce, Paris 1881, p. 386.

Die Terzieri hatten in der Stadt ihre Häuser, unter denen man sich freilich keine großartigen Paläste vorstellen darf. Sie übten die städtische Gerichtsbarkeit aus, von welcher die Jurisdiktion des venezianischen Bailo vertragsmäßig geschieden war. Denn die Republik San Marco besaß eine solche nur in dem Quartier ihrer eigenen Handelsgemeinde; stets anerkannte sie die Herrenrechte der Terzieri auf die Stadt Negroponte.Dies zeigt ein merkwürdiger Brief des Dogen Pietro Gradenigo an Friedrich III. von Sizilien, Venedig, 28. März 1280: »Civitas Nigropontis non est tota nostrae juridictioni supposita, sed solum quaedam pars ejus, quae est super mare, propter quam ex forma pactorum quae cum dominis Lombardis habemus a venientibus per mare commerclum possumus accipi facere.« Archiv Venedig, Lettere di Collegio, fol. 93 Beamte Venedigs erhoben am Euripos von den Handelsschiffen das Comerclum oder den Zoll. In die Mitte dieser feudalen Oligarchie lombardischer Barone hatte sich eine von jedem Lehnsverbande mit ihnen völlig freie Kolonie oder Kommune venezianischer Kaufleute eingeschoben, welche beide Naturen in sich vereinigte, die aristokratische Venedigs und die bürgerliche aufgrund ihrer Handelszwecke. Die Faktorei war eine durchaus dem venezianischen Staat zugehörige politische Körperschaft, denn ihre Mutterstadt an der Adria verwaltete die ihr zugewiesenen Plätze, Fondaci, Magazine und Kirchen als ihr Eigentum und regierte die Kolonie gleich jener in Tyrus und Byzanz durch einen Bailo mit seinen zwei Räten. Dieser ursprüngliche Konsul Venedigs wurde allmählich der einflußreichste Mann auf der Insel, der bedeutendste Minister der Republik in den Levantekolonien seit dem Falle des Frankenreichs in Konstantinopel.

Kein Trieb nach Einheit war auf der Insel Euböa sichtbar, noch konnte er sich dort bei der Natur des Lehnswesens geltend machen, zumal es in der Politik Venedigs lag, die Macht der dortigen Barone durch Teilung zu schwächen. Allein trotz dieser Zersplitterung der Insel in Drittel- und selbst Sechstellehen behauptete sich das Geschlecht der Carceri, durch Familienverträge in sich zusammengehalten, gegen alle Stürme und Bedrängnisse. Die Herren vom Veroneser Hause des Ravano und Giberto waren auch aus dem Kriege mit dem Fürsten Achaias glücklich hervorgegangen. Sie hatten ihre Besitzungen und Feudalrechte bewahrt, wenn sie auch die Oberlehnshoheit desselben anerkennen mußten. Diese konnten sie sogar als minder lästig oder als ein Gegengewicht der Herrschaft Venedigs vorziehen. Sie hatten Euböa mit Burgen erfüllt, die sie meist auf alten Akropolen der Elloper, Abanten und Dryopen oder aus den byzantinischen Schlössern errichteten. Ihre Ruinen stehen noch heute über einsamen Hafenbuchten und an den Abhängen des Delphi- und Ochagebirges. In den Burgen zu Oreos, Karystos und Larmena, in la Vathia, Vasiliko, Philagra, in Cupä, Klisura, Manducho und Varonda schalteten die Lombarden über ihre Lehnsleute und die Masse griechischer Bauern, ihre Leibeigenen, »villani« oder »pariki« genannt.

Der größere Teil Euböas lag in kulturloser Verwilderung, von Myrtengebüsch, Oleaster und Lentiskus wie heute bedeckt, doch gab es auch Täler und Ebenen, wo Getreide, Wein, Honig und Öl, auch Seide genug erzeugt wurden. Die fruchtreichste der Ebenen, jenes schöne Lelantongefilde, welches im Altertum der Gegenstand des erbitterten Streites zwischen den Gemeinden Eretria und Chalkis gewesen war, erscheint noch mit dem wenig veränderten antiken Namen als Lilando im 13. Jahrhundert, und dort stand ein fränkisches Kastell Filla.Marin Sanudo, Ist. d. R., p. 127: »Castello della Filla, che guarda sopra Lilando.« Die oben genannten Namen entnahm ich ebenfalls dem Sanudo. Philagra an der Ostküste wird bisweilen in venez. Urkunden genannt. Eine mittelalterliche Chorographie Euböas ist sehr zu wünschen. Weder Bursian noch A. Baumeister (Topogr. Skizze der Insel Euböa, 1864), noch Ulrichs (Reisen u. Forschg. II), noch Leake, Travels in northern Greece, geben darüber Aufschluß.

Die wesentliche Quelle des Wohlstandes für die halb verwilderten Inselbarone war nicht der friedliche Ackerbau, sondern der barbarische Seeraub. Die geplünderten Schätze der Küstenstädte des Archipels und Kleinasiens wanderten in ihre Burgen, und ihre Gefangenen wurden auf den Märkten des Orients und Abendlandes als Sklaven verkauft. Die Insel führte den Seeraub in demselben Maße aus, als sie ihn erlitt. Sie war, wie Keos, Samothrake, Samos, Rhodos und Chios, ein Sammelplatz für Meerpiraten aller Nationen, für venezianische Freibeuter, Pisaner und Genuesen, Provençalen, Sizilianer, Sklavonier, welche aus den Häfen und Buchten nach den Inseln und Küsten Asiens Raubzüge unternahmen. Nach der Angabe des Marin Sanudo liefen von Euböa jährlich wohl hundert Korsarenschiffe aus. An diesem furchtbaren Seeraub beteiligten sich auch die La Roche, namentlich von Nauplia her. Nicht minder schrecklich waren die byzantinischen Korsaren, die unter kaiserlicher Flagge die Meere unsicher machten.Einen Einblick in das Treiben der Seeräuber geben die ›Judicum venetor. in causis piraticis contra Graecos depositiones‹ 1278. Tafel u. Thomas III, p. 159–381. Unter den byzantinischen Korsaren finden sich Menschen verschiedener Länder, wie Johes Sanzaraxon, Saladin, Johes de Cavo und Andrea Gaffore.

Der Hof des reichen Guglielmo I. dalle Carceri von Oreos war der glänzendste Euböas. Dieser Dreiherr hatte sich nach dem Tode seiner ersten Gattin Helena von Thessalonike nochmals vermählt, mit Simona, einer Nichte Wilhelms II. Villehardouin. Durch seine tätige Teilnahme an dem Kriege gegen die Byzantiner in Morea war er diesem Fürsten so wert geworden, daß derselbe die Absicht hatte, ihm die Oberhoheit über ganz Euböa zu verleihen. Marin Sanudo behauptet sogar, daß er ihm die Hoheitsrechte über das Herzogtum Athen geben wollte. Das würden freilich die La Roche bestritten haben, aber diese Bemerkung beweist immerhin, daß die Villehardouin Athen als im Lehnsverbande mit Achaia stehend betrachtet haben.»A dargli omaggio del ducato di Atene e de Terzieri di Negroponte«, p. 116.

Guglielmo starb im Jahre 1262; sein Land Oreos erbte sein Sohn Guglielmo II., welcher Erbmarschall Achaias war, als zweiter Gemahl der Margarete de Neuilly von Passava.

Die Insel Negroponte gegen die wiederholten Angriffe der Palaiologoi zu schützen mußte die Sorge aller lateinischen Staaten Griechenlands sein, zumal des benachbarten Herzogs von Athen. Die Unternehmungen des griechischen Kaisers, den Franken Euböa zu entreißen, hatten endlich mehr Erfolg, als er dort unverhofft durch die verräterische Rachlust und das Genie eines Abenteurers unter den Franken selbst unterstützt wurde. Dies war Licario, Vicentiner von Geburt, einer der tatkräftigsten, kühnsten und tapfersten Männer des fränkischen Rittertums in Griechenland. Arm, mißachtet und ehrgeizig, suchte er emporzukommen. Er gewann die Liebe Felisas, der verwitweten Schwester Guglielmos II.; heimlich vermählte er sich mit ihr, und die stolzen Verwandten der Dame verbannten ihn in eine Felsenburg.Marin Sanudo, p. 119ff. Licario bot aus Rache dem Kaiser Michael seine Dienste an, ließ griechische Truppen in das Schloß Anemopylä ein und veranlaßte so einen heftigen Krieg der Terzieri mit den Byzantinern. Auf die Kunde des ruhmvollen Sieges des Herzogs von Athen und seines thessalischen Verbündeten bei Neopaträ schickten die Dreiherren, durch diese Waffentat auch ihrerseits zu einem Kriegszuge ermuntert, eine Flotte gegen die Griechen aus. Mit ihr waren auch Schiffe von Kreta vereinigt.Nikeph. Gregoras IV, c. 10, p. 117ff. Sie brachte dem Admiral Philanthropenos bei Demetrias im Golf von Almyros eine Niederlage bei. Nun aber traf es sich, daß noch während dieser Seeschlacht der von Neopaträ zurückgeworfene Johannes Palaiologos, auf dem Rückzuge begriffen und die Verbindung mit dem Admiral suchend, mit dem Rest seiner Truppen an jenem Golf erschien. Er ließ sofort die dem Lande zu fliehenden griechischen Galeeren mit seinem Kriegsvolk bemannen, erneuerte den Kampf und vernichtete vollkommen die schon siegesgewisse Flotte der Euböoten.Pachymeres IV, p. 333. Marin Sanudo, p. 121ff. Nikeph. Gregoras, a.a.O. In dem mörderischen Handgemenge fiel Guglielmo II. mit mehreren Rittern, während sein Bruder Francesco und andre Barone, auch Mitglieder des Hauses Sanudo, in Gefangenschaft gerieten. Ein zweiter Bruder Guglielmos, Giberto, rettete sich mit Not auf einer Galeere nach Negroponte. Die Kunde dieses Unglücks setzte die Insel in Schrecken; man erwartete hier jeden Augenblick die Landung des Palaiologos Johannes. Der Herzog von Athen schickte daher in Eile Truppen von Böotien hinüber. Zum Glück war der byzantinische Feldherr nicht imstande, seinen Sieg zu verfolgen; vielmehr führte er die Trümmer seines eigenen, bei Neopaträ geschlagenen Heeres mit den gefangenen Lateinern nach Konstantinopel, wo er sich dann aus Mißmut in das Privatleben zurückzog.

Den Krieg in Euböa setzte indes Licario eifrig und mit wachsendem Erfolge fort. in wenigen Jahren entriß er den Franken die Burg Karystos, das Lehen der Cicons, viele andre feste Schlösser und Städte, auch einige Inseln des Archipels, wie namentlich Lemnos, wodurch die Venezianer schwer getroffen wurden. Der griechische Kaiser aber belieh ihn zum Lohn seiner Taten mit Euböa und machte ihn zu seinem Großadmiral. Fast ganz Negroponte war in der Gewalt Licarios, die Hauptstadt ausgenommen, wo die Venezianer zwar ihre Kolonie zu schützen suchten, sonst aber, durch ihren Waffenstillstand mit dem Palaiologos gebunden, sich als ruhige Zuschauer der Ereignisse verhielten. Nur Johann von Athen führte im Jahre 1278 persönlich sein Kriegsvolk hinüber, vereinigte dieses mit den Resten der euböotischen Ritterschaft unter Giberto und warf sich dem griechischen und katalanischen Söldnerheer Licarios bei Varonda entgegen.Sanudo, p. 125, sagt, daß Licario mit sich führte »gente d'armi spagnola e catalana, e del reame di Sicilia, ch'era stata del re Manfredi«; dies ist das erste Auftreten katalanischer Söldner in Griechenland. Er verlor die Schlacht; von einem Pfeil getroffen, sank der gichtbrüchige Herzog vom Pferde; er selbst, der verwundete Giberto und viele andre Barone wurden gefangen.Pachymeres lib. V, p. 411.

Die Stadt Negroponte rettete augenblicklich der venezianische Bailo Niccolo Morosini, welcher sich zu ihrer Verteidigung entschloß; auch erschien Jakob de la Roche, Baron von Veligosti und Kapitän von Argos und Nauplia, mit frischen Truppen auf der Insel, wohin ihn Wilhelm, der in Theben zum Stellvertreter seines gefangenen Bruders ernannt worden war, abgeschickt hatte. Die Nachricht von einer großen Niederlage des byzantinischen Generals Johannes Synadenos, welchen der Sebastokrator von Neopaträ bei Pharsalos geschlagen hatte, hielt unterdes Licario von weiteren Angriffen auf Negroponte zurück. Er schiffte mit seinen Gefangenen nach Konstantinopel. Als diese vor den Kaiser geführt wurden, erschütterte der Anblick jenes jetzt mit Sieg und Ehren gekrönten Verräters, seines verhaßten Schwagers, den stolzen Giberto so tief, daß er vom Schlage getroffen tot zusammenstürzte.

Wie einst Villehardouin fand sich jetzt auch Johann von Athen in einem Kerker Konstantinopels, und sein Schicksal lag in den Händen desselben ruhmgekrönten Wiederherstellers des griechischen Reichs. Er hatte indes mehr Glück als der Fürst von Achaia, denn seinen edlen Gefangenen mit Schonung zu behandeln, zwangen Michael VIII. manche Rücksichten: seine Beziehungen zum Papst aufgrund der Kirchenunion; die Furcht vor Karl von Anjou, der sich gerade damals zum Kriegszuge nach Konstantinopel rüstete, endlich jene schwere Niederlage seines Heeres in Thessalien. Dem Herzoge Johann blieb der tragische Seelenkampf erspart, welchem der Fürst von Achaia zum Opfer gefallen war. Statt von ihm die Abtretung auch nur eines Teiles seiner Länder zu fordern – und namentlich hätte die Restitution von Argos und Nauplia an das griechische Reich von höchster Wichtigkeit sein müssen –, sah sich der Kaiser zu dem beschämenden Geständnis genötigt, daß er einem kleineren Frankenherrscher nicht mehr die Bedingungen auferlegen konnte, welchen sich zwanzig Jahre früher der stolze Fürst des Peloponnes hatte unterwerfen müssen. Michael VIII. suchte vielmehr die Freundschaft des Herzogs von Athen, den er persönlich lieb gewann. Er bot ihm die Hand seiner Tochter, welche Johann ablehnte; er begnügte sich mit einem Lösegeld von 30 000 Goldsolidi und dem Gelöbnis ewigen Friedens, dann entließ er den Gefangenen und seine Unglücksgefährten mit Ehren.

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