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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 45
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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2.

Während der Abwesenheit Guidos in Frankreich hatte der Fürst Achaias seinen Kampf gegen Venedig zu Wasser und zu Lande eifrig fortgesetzt und außerdem wichtige Verbindungen mit dem neuen Herrscher von Epiros angeknüpft. Dies war Michael II. Angelos, Bastard des ersten Despoten dieses Landes, welcher den von den Bulgaren zertrümmerten epirotischen Staat im Jahre 1237 glücklich hergestellt hatte, in Arta residierte und bis nach Makedonien hinein gewaltig war. Er nannte sich bedeutungsvoll Despot von Hellas. Die Zeit erschien ihm günstig, weiter um sich zu greifen und Thessalonike an sich zu reißen, welches Johannes Batatzes im Jahre 1246 erobert hatte. Denn gerade jetzt war ein Kind Erbe der kaiserlichen Macht in Nikaia. Da sich nun Michael Angelos von dort am heftigsten bedroht sah, suchte er bei den Franken und selbst in Italien eine Stütze zu gewinnen. Er schloß ein Bündnis mit Manfred, dem Könige beider Sizilien, dem er im Juni 1259 seine Tochter Helena vermählte, sie mit Korfu, Durazzo und Valona ausstattend.

In derselben Zeit gab er seine zweite Tochter Anna Angela dem verwitweten Fürsten von Achaia, dem sie Güter in Thessalien und der Phthiotis mitbrachte. Seine beiden Schwiegersöhne waren, der eine in Süditalien, der andre in Griechenland, die machtvollsten Herrscher. Indem sich dieselben miteinander und dem Despoten von Arta verschwägerten, anerkannten sie, daß der Staat Epiros in dem Balkangebiet ein notwendiges Gegengewicht zu der wachsenden Größe des griechischen Kaisers sei, aber sie selbst sicherten sich die Möglichkeit, dort einzugreifen und Eroberungen zu machen.

Auf den Thron Nikaias hatte sich eben erst der kräftigste der byzantinischen Großen emporgeschwungen, Michael Palaiologos, dessen edle Familie mit den Komnenen verwandt war. Batatzes nämlich war 1254, sein Sohn Theodor II. Laskaris 1258 gestorben, worauf jener Palaiologos die Regentschaft für dessen unmündigen Erben Johann IV. an sich riß und sich am 1. Januar 1259 zum Mitkaiser krönen ließ. Michael VIII. wandte sich zuerst gegen den Despoten von Arta, der ihn als Thronräuber verabscheute und selbst nach dem Kaisertum trachtete. So mußte es jetzt zur Entscheidung kommen, wer die Hauptstadt und Krone Konstantins gewinnen werde, der Gebieter von Epiros oder der Kaiser von Nikaia.

Dieser schickte seinen Bruder, den Sebastokrator Johannes Komnenos, mit einem großen Heer nach Makedonien. Sein Gegner war gut gerüstet und von seinen Söhnen Nikephoros und dem Bastard Johannes beraten und unterstützt. Der König Manfred hatte ihm vierhundert Ritter geschickt, sein andrer Schwiegersohn, der Fürst von Achaia, ihm sogar persönlich seinen Heerbann zugeführt, die Peloponnesier, Kriegsvolk der La Roche aus Theben und Athen und Truppen aus Euböa, Naxos und Bodonitsa.Die aragon. Chronik von Morea, p. 61, nennt unter den Befehlshabern Otto de la Roche, Bruder und Bail Guidos. Siehe auch Liv. de l. Conq., p. 119. Dies zeigt, daß ihm jetzt keiner seiner ehemaligen Gegner, die er bei Karydi besiegt hatte, die Heeresfolge verweigerte. Villehardouin stand gerade auf dem Gipfel seiner Herrlichkeit; er war Gebieter in Griechenland; kein Wunder, daß ihn der Ehrgeiz trieb, neue Lorbeeren zu gewinnen und zu seinem schönen Reich neue Länder hinzuzufügen. Im Oktober 1259 stießen die feindlichen Heere an der Westgrenze Makedoniens in der Ebene Pelagonia aufeinander. Infolge des Verrats des durch den Übermut der fränkischen Ritter beleidigten Bastards Johannes, von den Epiroten plötzlich im Stich gelassen, stand der tapfre Villehardouin mit seinen Kriegerreihen dem stärkeren Feinde allein gegenüber, und er verlor die Schlacht.Pachymeres I, p. 83ff. Georg Akropolita, p. 180. Die deutschen Ritter Manfreds fielen nach tapferer Gegenwehr, die moreotischen Edlen wurden niedergemacht oder zersprengt. Der Fürst selbst wurde vom nachsetzenden Feinde aus einem Versteck gezogen, da ihn seine Gesichtsbildung, namentlich ein hervorstehender Zahn, kenntlich machte. Gottfried von Bruyeres, Ancelin de Toucy und viele andere Herren gerieten gleichfalls in die Gewalt der Byzantiner.

Der Tag von Pelagonia zertrümmerte mit einem Schlage das politische Gebäude, welches die gewalttätigen Villehardouin aufgerichtet hatten; er brach den Widerstand der beiden stärksten Gegner des Palaiologos, der vereinigten Mächte von Epiros und dem Peloponnes. Er räumte ihm damit das größte Hindernis zur Wiederherstellung des byzantinischen Reichs in Konstantinopel hinweg. Alsbald eroberte der Sebastokrator Johannes Arta; ein Teil seiner Truppen drang sogar bis ins Herzogtum Athen und belagerte den Bruder und Bail Guidos, Otto la Roche, in Theben.G. Akropolita, p. 183. Die siegreichen Byzantiner würden damals die Frankenstaaten in Hellas und selbst Athen überwältigt oder doch in tiefe Verwirrung gebracht haben, wenn nicht ein plötzlicher Umschlag der Gesinnung jenes epirotischen Bastards ihre Fortschritte aufgehalten hätte. Johannes fiel auch von seinem neuen Verbündeten ab, eilte zu seinem Vater zurück und gewann Arta wieder. Dies zwang den Sebastokrator, aus Böotien abzuziehen und heimzukehren.

Er brachte die Kriegsgefangenen zu seinem kaiserlichen Bruder nach Lampsakos. Michael VIII., der sich schon jetzt als den Wiederhersteller des byzantinischen Reichs betrachten konnte, verlangte von dem gedemütigten Fürsten Achaias als Lösegeld die Abtretung des ganzen Peloponnes an ihn, den rechtmäßigen Herrn Griechenlands; aber der Gefangene weigerte sich, seine Freiheit um solchen Preis zu erkaufen. Wenn er den Forderungen des Palaiologos die Verjährung des Besitzes und das Recht der Eroberung entgegenstellte, so konnten solche Gründe seiner Weigerung auf den Kaiser keinen Eindruck machen. Wichtiger war die Auseinandersetzung des Gefangenen vom Wesen des fränkischen Feudalstaates, wonach er als Fürst nur der erste unter seinesgleichen sei und keine Gewalt über die Barone habe, ohne deren Zustimmung er über sein und ihr Land nicht verfügen könne.Chronik von Morea, p. 156ff. Villehardouin blieb in der Gewalt Michaels VIII., welcher nach einem fruchtlosen Angriff auf Konstantinopel nach Asien zurückkehrte.

So war das Strafgericht über die Eroberer Griechenlands hereingebrochen; die Woge der byzantinischen Reaktion drang immer mächtiger von Asien heran, um den armseligen Rest des Reiches Balduins am Bosporos hinwegzuschwemmen.

Der Herzog von Athen, durch diese folgenschweren Ereignisse aus Frankreich zurückgerufen, landete unterdes im Hafen Clarenza. Da sein Streit mit dem Fürsten Achaias durch den Urteilsspruch Ludwigs IX. auf eine für ihn so glänzende Weise ausgeglichen war, gab es neben ihm augenblicklich keinen Dynasten in Griechenland, der ein gleiches Ansehen genoß. Die verzweifelte Lage des Landes zwang die in Andravida versammelten Barone und die Fürstin Anna, den ehemaligen Gegner des unglücklichen Gefangenen sogar zum Bail oder Regenten Achaias zu ernennen.Marin Sanudo, p. 107. Die aragon. Chronik von Morea, p. 66, sagt ausdrücklich, daß der Herzog nach seiner Rückkehr aus Frankreich vom Rat der Barone zum »bayle et governador« des Fürstentums gemacht wurde.

Guido übernahm seine ehrenvolle Aufgabe an Ort und Stelle, ohne, wie es scheint, vorerst nach Theben und Athen zurückzukehren.Eine Münze GVI. DVX. ATENES, Revers: DE CLARENTIA, die einzige hier geschlagene eines Herzogs von Athen, scheint Guido als Bail Achaias geprägt zu haben. De Saulcy, a.a.O. Da er vor allem den Frieden zwischen Achaia und der Republik Venedig zu vermitteln suchte, entließ er sofort die von Wilhelm Villehardouin eingekerkerten Dreiherren Euböas, Guglielmo und Narzotto, aus ihrer Haft. Er bemühte sich durch Gesandte, die er an Michael VIII. schickte, die Freilassung des Fürsten um große Summen Lösegeldes zu erwirken, allein solche Anerbietungen fanden bei dem siegreichen Kaiser kein Gehör. Bald traten noch furchtbarere Ereignisse ein, die das ganze fränkische Griechenland erschütterten.

Nur durch einen Waffenstillstand mit dem Palaiologos hatte das schwindsüchtige Dominium der Lateiner in dem bedrohten Konstantinopel eine letzte kurze Lebensfrist erlangt. Der junge Kaiser Balduin II. hatte Westeuropa wiederholt und fruchtlos durchwandert, um die dortigen Herrscher und den Papst zu seiner Rettung aufzurufen. Die kärglichen Mittel, die er selbst zusammenbrachte, waren nur Tropfen für heißen Sand. Von der Masse seiner Schulden erdrückt, veräußerte er, was er noch in Konstantinopel besaß; er verkaufte kostbare Reliquien, selbst das Blei von den Dächern der Paläste machte er zu Geld. Seinen eigenen Sohn Philipp, den ihm Maria, die Tochter Johanns von Brienne, geboren hatte, mußte er sogar venezianischen Kaufleuten, seinen Gläubigern, zum Sicherheitspfande überliefern.

Die einzige Macht im Abendlande, welche die Fortschritte des Palaiologos noch aufhalten konnte und dies zu tun Ursache genug hatte, war die Republik Venedig. Der Krieg mit Villehardouin um Euböa hatte ihre Kräfte jahrelang in Anspruch genommen, und jetzt bemühte sich der Kaiser Michael, sie durch Genua zu schwächen. Die Genuesen, welche wie ihre Feinde, die Pisaner, keinen Anteil am lateinischen Kreuzzuge und der fränkischen Eroberung Griechenlands genommen, aber ihre Handelskommunen in Syrien errichtet hatten, waren die erbitterten Rivalen Venedigs im Mittelmeer. Seit dem Jahre 1255 führten sie mit dieser Republik einen verzweifelten Krieg um Akkon, und eben erst im Juni 1258 hatten sie aus dieser ihrer wichtigsten Kolonie weichen und dieselbe den Venezianern überlassen müssen. Von Haß und Rachlust entflammt, suchten sie jetzt den siegreichen Gegner gerade an dem Zentrum seiner levantischen Handelsmacht tödlich zu treffen, und sie boten sich deshalb dem Palaiologos als Verbündete zur Eroberung Konstantinopels dar. Ihre Bevollmächtigten schlossen mit ihm zu Nymphaion in Lydien am 13. März 1261 einen Vertrag, wodurch Genua sich verpflichtete, die Unternehmung des griechischen Kaisers mit einer Flotte zu unterstützen; dafür wurde der ligurischen Republik volle Handelsfreiheit im Romäerreich und das ausschließliche Niederlassungsrecht in der Hauptstadt zugesichert, sobald dieselbe erobert war. So trat Genua in dasselbe Verhältnis zum byzantinischen Kaiser, welches seit Alexios Komnenos die Venezianer behauptet hatten, und diese sollten fortan von dem Handel in der Levante und dem schwarzen Meer ausgeschlossen werden.Liber jurium I, 1350, Akt vom 13. März 1261 (apud Niffum); bestätigt in Genua, 10. Juli 1261. Die Ansiedlung der Genuesen in Galata, der Vorstadt Konstantinopels, mußte gerade deshalb einer der schwersten Schläge sein, welche Venedig treffen konnten.

Aber ehe noch die genuesische Hilfsflotte im Hellespont erschien, fiel Konstantinopel durch einen glücklichen Handstreich der Griechen. Der Cäsar Alexios Melissenos Strategopulos, welcher als General des Kaisers Michael in Thrakien eingerückt war, um dann die empörten Epiroten zu bekriegen, überrumpelte, von einem Zufall begünstigt, die schlecht bewachte und augenblicklich fast wehrlose Stadt in der Nacht des 25. Juli 1261 mit nur 800 Mann bithynischer Reiter und einigem Fußvolk. Die Wiedereroberung der Hauptstadt des griechischen Reichs, welche die Helden des lateinischen Kreuzzuges nur nach schrecklichen Kämpfen hatten bezwingen können, war jetzt das Werk weniger Stunden. Bestürzung und die von den Eingedrungenen entfachte Feuersbrunst lähmten den Widerstand der Franken, denen kein Führer Mut einzuflößen imstande war. Der lateinische Kaiser Balduin befand sich jetzt in derselben Lage wie einst der ratlose Alexios III.; an der Gegenwehr verzweifelnd, warf er sich mit einem Schwarm von Flüchtlingen auf eine venezianische Galeere und suchte das Weite.

Eilboten brachten die große Kunde in das Lager des griechischen Kaisers zu Nymphaion in Lydien; er staunte und zweifelte. Am 15. August zog Michael VIII., ohne Prunk hinter dem Bildnis der heiligen Jungfrau, der »Wegeführerin«, zu Fuß einherschreitend, durch die Porta Aurea in die Stadt Konstantins ein. Sie war während der Lateinerherrschaft gänzlich vernachlässigt, verarmt und entstellt worden. In der Sophienkirche ließ sich der Palaiologos vom orthodoxen Patriarchen feierlich krönen, und er nannte sich fortan den neuen Konstantin.In Urkunden: »Michael in Chr. Deo fid. Imp. et moderator Romanorum Ducas Angelus Comninus Paleologus, novus Constantinus«. Mit dem Titel und dem Gewande Konstantins ließ der Patriarch Germanos den Kaiser Michael auf einem Teppich darstellen, welcher zwischen zwei Porphyrsäulen in der Hagia Sophia ausgespannt wurde. Pachymeres VII, p. 614.

Das fränkische Kaisertum in Byzanz, die Schöpfung des kreuzfahrenden Adels des Abendlandes, des egoistischen Handelsgeistes der Venezianer und der hierarchischen Idee des Papsttums, war somit nach einem kläglichen Dasein von 57 Jahren erloschen, ohne andere Spuren als die der Zerstörung und die Anarchie zurückzulassen. Weil im Leben der Völker alles, was aus der Tat sich gestaltet, den Wert des Seins von dem Maße der schöpferischen und fortbildenden Kräfte empfängt, so darf man urteilen, daß jener mißgeschaffene ritterliche Feudalstaat der Lateiner zu den wertlosesten Erscheinungen der Geschichte gehört. Die sophistische Maxime des deutschen Philosophen, welcher behauptet hat, daß alles, was ist, vernünftig ist, wird hier einfach zum Absurdum.

Ein großes Verbrechen am Völkerrecht war endlich durch die Wiederherstellung des Reichs der Byzantiner gesühnt worden. Allein die glücklich durchgeführte Restauration vermochte nicht mehr, die zertrennten Glieder dieses Staatskörpers zu vereinigen. Sowenig der zerstückelte Pelias der Mythe in verjüngter Gestalt wiedererstand, so wenig konnte das der byzantinische Staat. Altgriechenland und die Inseln des Archipels blieben im Besitz der Franken, während der Papst und die beteiligten Mächte Europas fortfuhren, die Ansprüche der lateinischen Prätendenten auf Byzanz zu verfechten und das Reich der Palaiologoi hinderten, zu erstarken und sich der Türken zu erwehren. Die Verlegung des Kaisersitzes aus Nikaia nach Konstantinopel entzog dem griechischen Kleinasien die beste Lebenskraft und erleichterte den Türkenstämmen die Eroberung dieses Landes, welches aufhörte, die Vorratskammer und die vorgeschobene Festung des Bosporos und Hellespont auf der Seite Asiens zu sein. Dagegen war die Wiederaufrichtung des byzantinischen Reichs in Konstantinopel immerhin eine reale Bedingung für die Stärkung des Griechentums in Europa. Die Unfähigkeit der Lateiner, sich am Bosporos zu behaupten und in den übrigen hellenischen Ländern sich dauernd zu befestigen, rettete die griechische Nation vor dem Schicksal, aus der Reihe der lebenden Völker zu verschwinden.

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