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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 40
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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2.

In Achaia war Villehardouin, der Freund des Megaskyr, durch einen seltsamen Zufall zur fürstlichen Herrschaft gelangt. Er hatte erst seinem Lehnsherrn Champlitte geholfen, Elis, Messenien und Arkadien zu unterwerfen, und für diese Dienste die großen Baronien Kalamata, das alte Pherä, und Arkadia, das alte Kyparissia, zu Lehn erhalten. Er war schon der mächtigste Feudalherr im Peloponnes, als ein Ereignis eintrat, welches seinem Ehrgeiz jede Schranke entfernte. Champlitte wurde genötigt, nach seiner Heimat Burgund zurückzukehren, um dort sein väterliches Erbe zu übernehmen. Er bestellte zu seinem Statthalter in Achaia seinen Neffen Hugo, schiffte sich im Jahre 1209 nach Apulien ein und starb dort, ehe er Frankreich erreichte. Nun fügte es sich, daß auch der Bail Hugo in demselben Jahre starb, worauf die Barone Achaias dem Villehardouin die Regierung übertrugen, bis ein legitimer Erbe Champlittes dessen Rechte an sich nahm.Daß Hugo de Cham (Champlitte) als Bail zurückblieb und bald starb, sagt Innoz. III, lib. XIII, 170, 5. Nov. 1210. Champlitte hatte von seiner Gemahlin Elisabeth de Mont S. Jean zwei unmündige Söhne, Guillaume und Eudes, welche die Vicomté Dijon und andere Lehen in Burgund erbten. Arbois de Jubainville, a.a.O., II, p. 149.

Die Chronik von Morea hat diese Vorgänge und die Erhebung Gottfrieds zum Fürsten Achaias in einen Ritterroman verwandelt, welcher zu den besten Partien dieses fränkischen Epos gehört. Nach ihr hatte Champlitte selbst Villehardouin zu seinem Statthalter eingesetzt, aber unter der Bedingung, daß er ein Jahr und einen Tag auf die Ankunft seines Erben warte; erschien dieser nicht vor Ablauf der Frist, so sollte ihm das Fürstentum zufallen. Die Chronik erzählt weiter: Champlitte habe sich in Frankreich erst spät dieses Vertrages erinnert und dann seinen Neffen Robert nach Morea abgeschickt; aber erst habe der von Villehardouin heimlich für seine Absichten gewonnene Doge diesen Ritter lange in Venedig festgehalten, dann sei jener, als der Erbe mit vieler Mühe den Peloponnes wirklich erreicht hatte, im Lande hin und her gezogen, so daß Robert ihn erst auffinden konnte, nachdem der Termin verstrichen war. Die Barone hätten hierauf in einer feierlichen Versammlung die Rechte des Hauses Champlitte für erloschen erklärt und Villehardouin zum Fürsten des Landes ausgerufen, worauf der betrogene Robert nach Frankreich zurückgekehrt sei.Buchon (Établ. des Français) hat diese Erzählung des ›Livre de la Conq.‹ und der griech. Chronik von Morea noch als geschichtlich gelten lassen, aber Hopf hat sie mit Recht als eine Sage behandelt.

Dies ist Tatsache, daß der kluge Villehardouin die Entfernung und den Tod seines Lehnsherrn benutzte, um die Rechte der Champlitte an sich zu bringen.Von dieser Usurpation wird in den Assisen Romanias geredet (Beugnot, Rec. des hist. des croisades II, p. 401). Er erreichte, was er durch seine Mühen verdiente, da er zuerst die Eroberung des Peloponnes begonnen hatte und keiner seiner Waffenbrüder ihm an Heldenkraft vergleichbar war. Auch bei den Griechen hatte er sich durch Gerechtigkeit und Milde beliebt gemacht. Für die Ansprüche der Champlitte gab es entweder keine geeigneten Erben, oder Villehardouin setzte sich mit der Beistimmung des moreotischen Adels und des Megaskyr Athens über deren Rechte hinweg. Selbst der Kaiser Heinrich unterstützte ihn, den Neffen des gefeierten Marschalls der Champagne und Seneschalls von Romanien, da nur ein solcher Mann die Eroberung Achaias vollenden konnte. Außerdem war er der Zustimmung der Signorie Venedigs versichert, denn wie Ravano es für Euböa getan hatte, huldigte auch er der Republik für die Landstriche, welche sie in Morea beanspruchte. Er trat ihr die Häfen Koron und Modon ab, und sie anerkannte ihn als Fürsten des Peloponnes.Urkunde vom Juli 1209, Tafel u. Thomas II, p. CCVII. Chron. Andreae Danduli (Mur. XII, p. 336).

Im Beginn des Jahres 1210 erscheint Villehardouin mit dem Titel Princeps von Achaia.Innoz. III. nennt ihn am 24. März 1210 »fil. nob. Princeps Achaiae« (lib. XIII, ep. 25). Irrig wird geglaubt, daß erst sein Sohn diesen Titel geführt hat; denn in einer Urk. von 1210, Du Cange, Hist. de Cp. I, p. 425, nennt er sich »Ego Gaufridus de Villa Arduini princeps Achaye, et totius imperii Romanie senescallus«, und ebenso 1216: Arbois de Jubainville, Voyage paleogr. dans le dép. de l'Aube, p. 343. Sein Fürstentum umfaßte den Peloponnes, mit Ausnahme der Besitzungen der Venezianer, der noch nicht unterworfenen Gebiete Lakoniens, der ehemaligen Festungen des Sguros, welche dessen Nachfolger Theodor von Epiros innehatte, und der starken Griechenstadt Monembasia. Villehardouin erbaute bei Andravida den Hafen Klarenza, der bald als Stapelplatz für den Verkehr mit dem Abendlande Wichtigkeit erhielt.

So wurde der Schwerpunkt des fränkischen Peloponnes nach Andravida in Elis verlegt, wo sich die Verbindung mit dem Westen am leichtesten herstellen ließ. Von den berühmten Städten Griechenlands lebte nur Athen als Haupt eines neuen Staates fort, während Sparta seinen Trümmern überlassen blieb. Die Byzantiner hatten in deren Nähe auf den vier Hügeln am Eurotas die feste Stadt Lakedaimon errichtet und zur Metropolis Lakoniens gemacht, und dieser Ort war auch in der Slavenzeit griechisch geblieben.Λακεδαίμων μητρόπολις τη̃ς Λακωνικη̃ς η πρὶν Σπάρτη. Hieroclis Synek., ed. Parthey, p. 9. Die griech. Chronik von Morea (p. 51) nennt die Stadt Λακεδαιμονίαθ μεγάλη χώρα –. Schon seit 1206 bestürmte ihn Villehardouin, ohne noch zu seinem Ziele zu gelangen. Aber die Burgen Korinth, Argos und Nauplia fielen in seine Gewalt, wobei er von Otto de la Roche kräftig unterstützt wurde. Nach harter Belagerung zwang Hunger den Despoten Theodor im Jahre 1210, Hohenkorinth dem Fürsten Achaias zu übergeben. Er zog in die Burg Larissa oberhalb Argos ab, mit sich führend die Schätze der Kirche Korinths. Zwei Jahre lang verteidigte sich dort Theodor mannhaft, dann fiel auch diese Festung im Frühling 1212 und mit ihr der korinthische Kirchenschatz in die Hände Villehardouins und Ottos von Athen. Innozenz III., welcher das Erzbistum Korinth lateinisch einrichtete, forderte alsbald jene Kostbarkeiten für dieses unter Androhung des Bannes zurück.In einem Brief an den Erzb. von Theben, 25. Mai 1212 (Ep. XV, 77), worin es heißt: »Cum Theodorus quond. dominus Corinthi castrum de Argos nuper tradiderit.« Erzbischof von Korinth wurde ein Franzose Gualter.

Nachdem auch Nauplia erobert worden war, wurde das Fürstentum Achaia bis zum Isthmos ausgedehnt. Die Hilfe des Megaskyr belohnte Villehardouin reichlich, indem er ihm eine Rente aus den Zöllen Korinths und die Städte Argos und Nauplia zu Lehen gab.Marin Sanudo Torsello, Istor. del Regno di Romania, p. 100 (in den Chron. Gréco-Romanes des Carl Hopf). Zu ihrem Gebiete gehörten auch das alte Tiryns, die Trümmer Mykenäs und jene des weltberühmten Tempels der Hera. Alle diese klassischen Stätten, die mythischen Sitze achaischer Könige, waren verlassen und verschüttet. Die Sagen des Altertums lebten nicht mehr unter der sparsamen, zum Teil mit Slaven vermischten Bevölkerung der argolischen Landschaft fort. Wenn der Megaskyr und Villehardouin noch das graue Löwentor des goldreichen Mykenä durchschreiten oder die sogenannte Schatzkammer der Atriden betreten konnten, waren sie selbst sich nicht bewußt, daß sie das Glück der Eroberer hier zu Nachfolgern des Danaos und Pelops, des Atreus und Agamemnon gemacht hatte.

Der Herr Athens bekannte sich für Argos und Nauplia als Lehnsmann Villehardouins. Indem dieser seinen Verbündeten so königlich belohnte, zog er ihn zugleich (was für ihn sehr wichtig sein mußte) in seinen Feudalverband, und dies hatte die Folge, daß die Fürsten Achaias ihre Lehnshoheit auch über Theben und Athen auszudehnen suchten. Eine enge Waffenbrüderschaft verband die kraftvollen und klugen Gründer der beiden Frankenstaaten in Hellas und dem Peloponnes, und sie erleichterte die Befestigung ihrer Schöpfungen auf dem fremden Boden.

Dagegen konnte das lateinische Kaisertum in Konstantinopel keine Wurzeln fassen. Zu seinem Unglück starb der milde und gerechte Kaiser Heinrich kinderlos am 11. Juni 1216. Nur mittel- und machtlose Abenteurer, aus Frankreich hergeholt, ohne Kenntnis des Landes, ohne Ansehen bei den Griechen wie den Lateinern, setzten dies schattenhafte Reich fort. Peter von Courtenay, der Gemahl Jolanthas, einer Schwester Heinrichs, am 9. April 1217 als dessen Nachfolger vom Papst in Rom gekrönt, erreichte nicht einmal Konstantinopel, denn auf dem Zuge dorthin fiel er in Albanien in die Gewalt des verräterischen Despoten Theodor von Epiros. Er starb in dessen Kerker.

Unter seinem schwachen Sohne, dem Kaiser Robert von Courtenay (1221–1228), war das Lateinerreich am Bosporos fast schon auf Konstantinopel beschränkt, die Festung und das Gefängnis der Nachfolger Balduins, während die Bulgaren, die Griechen von Nikaia und die Epiroten von Arta immer engere Kreise um die ehemalige Weltstadt zogen. Im Abendlande, dessen Nationalstaaten sich unter unablässigen Kriegen miteinander erst zu gestalten suchten und wo der Kampf zwischen dem Reich und dem Papsttum die halbe Welt in Flammen setzte, gab es keine Macht, welche Flotten und Heere aussenden konnte, um die verunglückte lateinische Kolonie am Bosporos zu erhalten, welche sich das Kaisertum Byzanz nannte. Venedig, dessen großer Doge Dandolo einsichtig genug gewesen war, die griechische Krone auszuschlagen, aber der Republik die gebietende Stellung in Konstantinopel zu sichern, verfolgte nur seine Handelszwecke und hatte vollauf zu tun, seine Besitzungen in der Levante zu behaupten. So blieb das Reich der Lateiner ohne nachhaltigen Zusammenhang mit Europa, während sein Lehnsverband mit den griechischen Frankenstaaten nur ein abstrakter war. Das feudale System zeigte sich unvermögend, die Stelle der unbeschränkten byzantinischen Monarchie einzunehmen, welche trotz aller Stürme Jahrhunderte lang fähig geblieben war, eine große Ländermasse mit verschiedenen Völkern vom Zentrum Konstantinopel aus zusammenzuhalten. Alle Grundbedingungen dieses Staatsverbandes, die Einheit der Kirche, der Gesetze, der nationalen Regierung, waren von den Franken gewaltsam zerstört worden. Kein organischer Mittelpunkt vereinigte mehr die Glieder dieses zufällig entstandenen und mißgeschaffenen Feudalreichs. Die griechischen Inseln unter ihren fränkischen Dynasten und die Lehnsstaaten des Festlandes trennten daher alsbald ihre eigenen Schicksale von denen des schwindenden Kaisertums in Byzanz.

Nur in den altgriechischen Ländern gelang es der Kraft und auch der Mäßigung der ersten Frankenfürsten, ein lebensfähiges Staatswesen aufzurichten. Auf verhältnismäßig kleinen Gebieten glückte überhaupt der Versuch, die lateinische Kolonisation und Lehnsverfassung einzuführen. Die eingewanderten Barone waren reichlich mit Erbgütern ausgestattet, und da es mit der Zeit für ihren persönlichen Ehrgeiz und ihren Tatendrang dort keinen Raum mehr geben konnte, so verband sie der gemeinsame Vorteil der Erhaltung ihrer Besitzungen enge mit ihren Lehns- und Landesherren. Auch war ein fortgesetzter Zusammenhang mit dem Abendlande für das fränkische Griechenland leichter herzustellen als für das entfernte, stets mit dem Untergange bedrohte Konstantinopel und den von Schulden erdrückten Kaiserhof in den Blachernen. Viele jüngere Söhne des Adels aus der Champagne und Burgund kamen über Meer nach Athen und Andravida, um den freigebigen Fürsten zu dienen. Gottfried hatte, wie Marin Sanudo versichert, an seinem Hof immer achtzig Ritter mit Goldsporen. Priester und Mönche, Kriegsleute, Handwerker und Händler, verschuldete Edle, Glücksjäger, Abenteurer und aus dem Vaterlande Gebannte wanderten nach dem eroberten Griechenland, und so lagerte sich hier, wie in Konstantinopel und Syrien, auch ein zahlreiches Proletariat Europas ab.

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