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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 31
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Zweites Buch

Erstes Kapitel

Der lateinische Kreuzzug. Dandolo gibt ihm die Richtung nach Byzanz. Vertrag der Kreuzfahrer mit dem jungen Alexios. Seine und seines Vaters Wiedereinsetzung auf den griechischen Thron. Erstürmung Konstantinopels durch die Lateiner. Verhältnis des Papsts zu diesem Ereignis. Teilung des griechischen Reichs unter die Lateiner. Bonifatius, König von Thessalonike. Entstehung des lateinischen Kaisertums unter Balduin von Flandern. Das Abendland und die griechische Kultur. Zug Bonifatius' nach Hellas. Leon Sguros, Tyrann von Nauplia, Argos und Korinth. Akominatos zwingt ihn zum Abzuge von Athen. Bonifatius in Griechenland. Die Lehen Bodonitsa und Salona. Verleihung Thebens an Otto de la Roche. Einzug der Franken in Athen. Akominatos verläßt Athen. Bonifatius verleiht Athen dem Otto de la Roche. Belagerung des Sguros in Hohenkorinth.

1.

Die Flucht eines byzantinischen Prinzen ins Abendland, ein Kreuzzug und die kühnen Absichten Venedigs auf die Beherrschung des Mittelmeers trafen zusammen, um eins der größten Ereignisse des 13. Jahrhunderts hervorzubringen, den gewaltsamen Umsturz des griechischen Reichs durch lateinische Eroberer.

Diese Tatsache war als solche ein die Welt überraschender Zufall, aber doch die Ausführung eines politischen und kirchlichen Triebes, welcher aus dem schroffen Gegensatz des Okzidents zum griechischen Orient entsprungen, zuerst unter den Normannenherrschern Siziliens, dann während der Kreuzzüge in das geschichtliche Bewußtsein des Abendlandes getreten war. Schon als die ersten Kreuzfahrer unter Gottfried von Bouillon und Boemund nach Konstantinopel kamen, schrieben ihnen die argwöhnischen Griechen die geheime Absicht zu, sich unter dem Vorwande der Befreiung Jerusalems des Reichs zu bemächtigen.Anna Komnena, Alexiad., lib. X, c. 5ff. Bei den Lateinern hatte der nationale und religiöse Haß gegen Byzanz eine solche Höhe erreicht, daß im Jahre 1147 französische Barone und Bischöfe den kreuzfahrenden König Ludwig VII. von Frankreich zu überreden suchten, sich mit Roger von Sizilien zu verbinden, um Konstantinopel zu erobern und dem Reich der Romäer ein Ende zu machen. Derselbe Gedanke hatte während des dritten Kreuzzuges im Jahre 1190 den Kaiser Friedrich I. und dann auch seinen Sohn Heinrich VI., den Erben des Normannenhauses, beschäftigt.L. Streit, Venedig und die Wendung des vierten Kreuzzuges gegen Konstantinopel, 1877, S. 18ff. In Wahrheit war zu dieser Zeit Jerusalem nur ein Vorwand, denn das Ziel bildeten die griechischen Provinzen, nach deren Besitz jeder mächtige Fürst Europas verlangte.Le Bret, Staatsgesch. der Rep. Ven. I, S. 400. Dies sagt übrigens ausdrücklich Cinnamus, ed. Bonn, p. 67.

Die eine verbrecherische Tat Alexios' III., der seinen Bruder entthront und geblendet hatte, gab das Motiv her zu einem Sturm von tragischen Verhängnissen, der über den Osten hereinbrach. Alexios, der junge Sohn des gestürzten Kaisers Isaak Angelos, entrann im Jahre 1201 nach Ancona; er eilte hilfesuchend zum Papst, dann nach Deutschland zum Hohenstaufen Philipp, dem Gemahl seiner Schwester Irene. Der deutsche König faßte den Plan, seinen Schwiegervater auf dem Kaiserthrone wiederherzustellen und sich zu diesem Zwecke des bevorstehenden Kreuzzuges der französischen, flandrischen und lombardischen Ritterschaft zu bedienen. Er wies den Flüchtling an den Markgrafen Bonifatius von Montferrat, einen der glänzendsten Fürsten seiner Zeit. Dieser heroische Mann war der überlebende von fünf Söhnen des Markgrafen Wilhelm des Alten von Montferrat in Oberitalien. Seine Brüder hatten sich im Orient hervorgetan. Der älteste, Guglielmo Lungaspada, war im Jahre 1175 nach Jerusalem gezogen, dort der Gemahl Sibillas, der Schwester und Erbin des Königs Balduin IV., geworden und nahe am Throne 1177 gestorben. Sein Sohn wurde später König Balduin V. Der zweite Bruder Rainer hatte in Konstantinopel seit 1179 eine glänzende Stellung erlangt; als Gemahl der Prinzessin Maria, einer Tochter des Kaisers Manuel, wurde er zum Cäsar, selbst zum Könige von Thessalonike ernannt; aber er und seine Gattin fielen als Opfer jener blutigen Revolution, durch welche Andronikos die Kaiserkrone erlangte. Auch der dritte Bruder Konrad hatte sich in Konstantinopel und dann in Syrien berühmt gemacht, wo er Isabella, die Schwester Sibillas, heiratete, Rechte auf die Königskrone Jerusalems erwarb, aber durch Meuchelmord sein Leben verlor. So war Bonifatius, der letzte der Heldensöhne des alten Guglielmo, durch sein Haus in nahe Beziehungen zu Byzanz und dem Orient gesetzt. Mit den Hohenstaufen befreundet und sogar verwandt, hatte er im Jahre 1194 für den Kaiser Heinrich VI. in Sizilien gekämpft. Sein Ruhm war groß in Italien wie in Frankreich. Nach dem plötzlichen Tode Theobalds III., des Grafen der Champagne, wurde er an dessen Stelle zum Führer der Kreuzfahrer erwählt, die sich in Venedig versammelten.C. Desimoni, Il Marchese di Montferrat Guglielmo il Vecchio e la sua famiglia (Giornale Ligustico di Archeologia, 1885, p. 321ff.).

Der Papst Innozenz III. hatte diesen vierten Kreuzzug, welchen man vorzugsweise den lateinischen nennt, in Bewegung gebracht. Mächtige Vasallen und Ritter, Franzosen, Belgier, Lombarden und einige Deutsche nahmen daran teil, so der junge Graf Balduin von Flandern, der Marschall der Champagne Gottfried von Villehardouin, der Graf Hugo von St. Pol, Ludwig von Blois, Pierre de Bracheux, Kono von Bethune, die beiden Champlitte und viele andere edle Herren. Der Zug sollte, wie es im Plane der Kriegsherren und des Papsts bestimmt war, nach Ägypten, dem Schlüssel Syriens, die Richtung nehmen, allein die Venezianer, die sich unter ihrem großen Dogen den Kreuzfahrern angeschlossen hatten, suchten das Pilgerheer vom Nillande abzulenken, mit dem sie einen gewinnreichen, vom dortigen Sultan Malek-Adel begünstigten Handelsverkehr unterhielten.

Mancherlei Umstände vereinigten sich, dem Kreuzzug den christlichen Charakter zu nehmen und ihn vor den Augen des überraschten Papsts aus einer heiligen in die profanste Unternehmung zu verwandeln, welche je die Welt gesehen hatte. Der neunzigjährige Greis Enrico Dandolo, seit 1192 Doge der Republik, der großartigste Staatsmann seines Zeitalters, war der Beweger dieses erstaunlichen Dramas. Wenn ihn die Begierde reizte, seine tückische Blendung durch einen Hohlspiegel zu rächen, welche er einst als Gesandter Venedigs am Hofe Manuels erlitten hatte, so war ein viel wichtigerer Trieb des Handelns für ihn die Überzeugung, daß die Vertreibung des Venedig entschieden feindlich, den Pisanern aber freundlich gesinnten Alexios III. und die Wiederherstellung der von ihm verdrängten Dynastie für die Republik unermeßliche Gewinnste eintragen müsse.Niketas, De Alexio, lib. II, c. 9. Von ihrer ehemaligen Untertänigkeit, ja selbst von dem freundschaftlichen Verbande zu Byzanz hatte sich die mächtige Lagunenstadt losgelöst und sich den Interessen des Abendlandes zugewendet. Sie verfolgte im Bunde mit diesen ihren eigenen Staatsgedanken.

Dandolo gewann den Markgrafen Bonifatius für seinen heimlichen Plan, die Richtung nach Ägypten oder Syrien mit der nach Konstantinopel zu vertauschen. Gemäß eines neuen Vertrags mit den Kreuzfahrern, welche die volle Summe für die von Venedig gemieteten Überfahrtsschiffe nicht aufbringen konnten, führte der Doge die gewaltige Flotte im Oktober 1202 erst nach Zara, um diese Stadt, die damals die Oberhoheit des Königs von Ungarn anerkannte, für die Republik zu erobern. Dies geschah trotz des ausdrücklichen Verbotes des Papsts, christliche Länder anzugreifen. In Zara überwinterte das Pilgerheer, und hier erschienen Boten des deutschen Königs Philipp und des Prinzen Alexios. Ihr Antrag lautete bestimmt dahin, nach Konstantinopel zu segeln, dort den Thronräuber zu stürzen, den rechtmäßigen Kaiser wieder einzusetzen. Große Gegenleistungen, sogar die Unterwerfung der griechischen Kirche unter die Autorität des Papsts, wurden zugesagt. So beschloß man, trotz des Widerspruchs mancher gewissenhafter Kreuzfahrer von hohem Ansehen, den Zug nach Konstantinopel. Der Prinz Alexios bestätigte den Vertrag, als er selbst nach Zara kam. Diese Urkunde unausführbarer Verpflichtungen veranlaßte den Untergang des byzantinischen Reichs.

Die Pilgerflotte ging am 24. Mai 1203 von Korfu in See, umschiffte den Peloponnes, rastete in Euböa und erschien zu St. Stefan vor Konstantinopel am 23. Juni. Die große Weltstadt wurde bestürmt, Alexios III. entfloh aus ihr, und die Griechen selbst setzten am 18. Juli den blinden Isaak wieder auf den Thron. Die Franken führten hierauf dem Vater den Sohn zu, welcher am 1. August als Mitkaiser Alexios IV. gekrönt wurde. So war die gestürzte Dynastie hergestellt, und die auch von Isaak Angelos bestätigten Bedingungen des Vertrags mit den Kreuzfahrern sollten jetzt erfüllt werden, was freilich unmöglich war.

Zerwürfnisse zwischen diesen und den beiden Kaisern, die Wiederaufnahme des Kampfs um Konstantinopel, erbitterte Volksaufstände, endlich eine Palastrevolution, durch welche im Januar 1204 Murtzuphlos sich als Alexios V. des Thrones bemächtigte, während der Kaiser Isaak starb und sein Sohn im Kerker umgebracht wurde, folgten einander, und sie trieben die wutentbrannten Franken zu dem Entschluß, dies verhaßte Byzanz für sich selbst zu erobern. ihr mit jenen legitimen, von ihnen wieder eingesetzten Kaisern abgeschlossener Vertrag, von diesen nicht ausgeführt, war erloschen, und das Kreuzfahrerheer hätte, wenn es Konstantinopel sich selbst überließ, entweder, an Zahl gemindert, mittellos, von den Griechen nicht unterstützt, die Fahrt nach Syrien fortsetzen oder mit Schimpf und Schande heimkehren müssen. Die eiserne Logik der Tatsachen hielt dasselbe fest. Der Doge nahm die Stunde wahr; im März traf er mit den Kriegsfürsten ein Abkommen über die Teilung des zu erobernden Reichs und die Einsetzung eines lateinischen Kaisers. Dann wurde am 9. April der Sturm auf die Stadt begonnen. Die nie bezwungene Königin der Meere, das Emporium dreier Erdteile, die prachtvolle Kaiserstadt, wurde nach der Flucht des Murtzuphlos am 12. und 13. April 1204 von wenigen tausend Venezianern, Franzosen, Lombarden und Deutschen erstürmt, verbrannt, geplündert und mit namenlosen Greueln erfüllt.

Dies war eine der kühnsten Waffentaten, welche die Geschichte kennt. Das ungeheure Ereignis und was aus ihm folgte, erschien dem staunenden Abendlande als der Gipfel des ritterlichen Ruhms, »seitdem die Welt erschaffen war«. Menschen der damaligen Zeit waren zu solchem Urteil vollkommen berechtigt. Sie hatten ein anderes Sittengesetz und eine andere Rechtsanschauung von internationalen Verhältnissen als wir. Heute aber zwingt uns unsere eigene Philosophie dazu, jene Heldentat der Franken als einen der brutalsten Gewaltakte anzusehen, den jemals das Völkerrecht erlitten hat. Die Geldmacht Venedigs hatte sich mit der Kriegswut und Abenteuerlust des fahrenden Adels Europas verbunden, um diesen Vernichtungsschlag gegen das älteste aller christlichen Reiche auszuführen. Hinter dem ruhmbegierigen Helden stand der gewinnsüchtige Kaufmann, und er trug die besten Vorteile davon. Der einzige rationelle Gedanke, der überhaupt in dem Kreuzzuge der Lateiner entdeckt werden kann, ist der großartige Plan Venedigs, das griechische Mittelmeer mit dem Netz seiner Faktoreien zu umspannen und das Monopol des Welthandels an sich zu ziehen. Dann eilte auch das von der Staatskunst des Dogen überlistete Papsttum, die vollendete Tatsache in das System seiner die Welt umfassenden geistlichen Herrschaft aufzunehmen. Innozenz III. hatte den Kreuzfahrern durchaus verboten, Länder der Christen, ganz im besondern diejenigen der Griechen, anzugreifen; schon gegen die unfolgsamen Eroberer Zaras hatte er den Bann verhängt. Allein die ehrenhaften Zweifel religiöser Natur, welche anfangs das Gewissen dieses großen Papsts beunruhigten, waren am Ende nicht stark genug, noch konnten sie in einer Zeit bestimmend sein, wo der heroische Grundsatz galt, daß die Welt von Rechts wegen demjenigen gehöre, der sie mit dem Schwert zu erobern vermag. Die Raubzüge selbst der Meerpiraten, welche fremde Küsten überfielen, galten damals so wenig für schimpflich wie zur Zeit des Homerischen Odysseus, und jede gewaltsame Eroberung von Fürsten oder Rittern wurde durch die dabei erwiesene Tatkraft in den Augen der Welt als eine heldenhafte Handlung geadelt.

Der lateinische Kreuzzug war durch das von ihm genommene rein politische Ziel in den grellsten Widerspruch zu den mystischen Idealen der kriegerischen Pilgerfahrten getreten. Sein unvorhergesehenes Ergebnis erschreckte den Papst, aber bald mußte ihn die Vorstellung beschwichtigen, daß eine wunderbare Fügung ihm ermögliche, den Orient mit dem Okzident zu einer großen christlichen Republik unter seiner Führung wieder zu vereinigen. So wurde Innozenz erst zum grollenden Dulder, dann zum mächtigen Verbündeten und Mitschuldigen der Eroberer Konstantinopels, und diese selbst erschienen als Werkzeuge einer erhabenen Idee; denn die Hauptsache für das Papsttum war die Unterwerfung der schismatischen griechischen Kirche, der einzigen großen Nationalkirche, welche der geistlichen Monarchie Roms eine Schranke setzte. Wenn sie bezwungen war, konnte der Traum des Papsttums von Jahrhunderten, so wähnte man, zur Wirklichkeit werden.Briefe Innozenz' III. an Balduin, Nov. 1204, an die Bischöfe im Pilgerheer, 13. Nov. (Brequigny II, lib. VII, p. 153, 201). Die Byzantiner leiteten den Sturz Konstantinopels durch die Lateiner einfach aus dem kirchlichen Schisma ab. Chalkokond., lib. I, p. 7.

Nach dem Falle der Hauptstadt schreckten die Franken nicht vor der ungeheuren Anmaßung zurück, das griechische Reich als ihre rechtmäßige Beute zu behandeln. Statt eine neue einheimische Dynastie in Konstantinopel einzusetzen und dann mit ihr die günstigsten Verträge abzuschließen, erklärten sie dieses ganze Reich zur »terra di conquista«, wie wir heute etwa Afrika so ansehen. Am 9. Mai 1204 wurde, nach dem Willen des gebietenden Dogen, der mittellose Graf Balduin von den fränkischen Wahlherren zum Kaiser Romanias ausgerufen und bald darauf in der Sophienkirche gekrönt. Drei Gruppen bildend, Kaiser, Venedig, das Pilgerheer, teilten die Kriegsfürsten untereinander die griechischen Provinzen Asiens und Europas erst auf dem Papier, und zwar gemäß der schon im März entworfenen Urkunde. Impulse des Eigennutzes von Fürsten und Völkern haben stets die auffallendsten politischen Veränderungen in der Welt hervorgebracht, die Geschichte der Staaten weist deutlicher eine Kette von wirksamen Freveln und Gewalttaten auf als eine solche von schöpferischen Tugenden. Das Wachstum aller Reiche, die irgend zur Macht gekommen sind, beweist diese Wahrheit. Es würde auch nur Heuchelei sein, wenn wir heute die Teilung des Reichs der Komnenen durch die Franken einfach auf die Roheit jenes Jahrhunderts zurückführen wollten, da es noch nicht lange her ist, daß im Zeitalter philosophischer Aufklärung unter Friedrich dem Großen ein ähnliches Verbrechen ungestraft verübt werden konnte. Nur die quantitativen Verhältnisse sind verschieden. Denn im Beginne des 13. Jahrhunderts wurde nicht ein kleines Land, sondern das damals größte und berühmteste Reich der Welt von einem Schwarm kühner Abenteurer zerstückt, auf deren Brust das heilige Zeichen des Erlösers prangte. Der gewaltsame Umsturz eines verderbten Herrscherhauses durch die Franken findet in seinen Ursachen die Erklärung und Rechtfertigung. Die kühne Handlung der Lateiner wurde zum Verbrechen erst durch die barbarische Verwüstung der Weltstadt, dann durch die Knechtung und Teilung des griechischen Reichskörpers. Selbst in bezug auf diese könnte noch das Verdammungsurteil der Nachwelt gemildert werden, wenn die Franken fähig gewesen wären, auf den Trümmern dessen, was sie zerstört hatten, einen neuen lebenskräftigen Staat aufzurichten und mit ihm einen Fortschritt der menschlichen Kultur zu bezeichnen.

Ein Viertel dieses Reichs, nämlich Konstantinopel, Thrakien und einige Inseln, fielen dem Wahlkaiser zu, drei Viertel sollten zwischen Venedig und dem Pilgerheere geteilt werden. Die Republik S. Marco sicherte sich alle Handelsprivilegien, die ihr ehemals byzantinische Kaiser durch Goldbullen verliehen hatten, und dann die Besitzesrechte auf die wichtigsten Häfen, Küsten und Eilande. Der Doge, ein wirklicher Cäsar neben dem ohnmächtigen Kaiser, dem primus inter pares, nannte sich seither Beherrscher eines Viertels und Achtels des gesamten Reichs Romania.

Dem Nebenbuhler Balduins, dem um die Krone Konstantins gekommenen Markgrafen Bonifatius, waren das griechische Asien und die Insel Kreta zugewiesen, deren Besitz ihm bereits der junge Alexios urkundlich verbrieft hatte. Allein da er sich mit Margaretha von Ungarn, der schönen Witwe des Kaisers Isaak Angelos, vermählte, wünschte er sich ein besser gelegenes und minder unsicheres Reich auf der Balkanhalbinsel selbst zu gründen. Er begehrte vom Kaiser Thessalonike, was dieser in richtiger Erkenntnis der Verhältnisse anfangs verweigerte. Ein Krieg zwischen ihm und dem grollenden Markgrafen drohte das erst werdende Frankenreich im Keime zu vernichten, bis der große Doge mit andern Baronen Balduin bewog, nachzugeben und auf Thessalonike zu verzichten. Bonifatius trat ihm dafür Kleinasien ab und empfing jene Hauptstadt der Diözese Illyrien mit Gebieten Makedoniens und Thessaliens und dem noch zu erobernden eigentlichen Griechenland als ein dem Kaiser lehnspflichtiges Königreich. Die Errichtung des Staates Thessalonike, welcher nur im losesten Verbande mit dem lateinischen Byzanz bleiben konnte, war schon an sich das Verderben dieses fränkischen Kaisertums. So wurde nicht nur eine sich absondernde nationale Einheit, die der Lombarden, geschaffen, sondern der Zusammenhang jenes lateinisch-byzantinischen Kaiserreichs mit Hellas und dem Peloponnes unterbrochen.

Es war die Republik Venedig, welche das Kaisertum der Kreuzfahrer schwächte, indem es Bonifatius in Thessalonike einsetzte und die für ihre eigene Meerherrschaft notwendige Insel Kreta von ihm sich abtreten ließ.Refutatio Cretis 1205, Archiv Venedig, Pacta II, fol. 139, öfters abgedruckt.

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