Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 30
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
Schließen

Navigation:

2.

Zehn Jahre lang herrschte der Schlemmer Isaak zum Unglück des griechischen Reichs, welches in die alte Kraftlosigkeit und Verderbnis zurücksank. Die feindlichen Völker in der Levante wie im Donaugebiet, welche die Komnenen mit starker Hand daniedergehalten hatten, wuchsen jetzt zu drohender Macht auf. Während die seldschukischen Türken immer weiter nach dem Westen Kleinasiens vordrangen und den Hellespont zu erreichen suchten, erneuerten sich im Balkanlande wiederum zwei kriegerische Slavenstaaten. Die Serben hatte schon um 1160 der Kral Stephan Nemanja zu einem Reiche vereinigt, welches von seiner Hauptstadt Rassa (Novi Pazar) Raszien genannt wurde. Um das Jahr 1186 empörten sich die Bulgaren zwischen der Donau und dem Balkan, durch unerträglichen Steuerdruck zur Verzweiflung gebracht. Sie verbanden sich mit den dakoromanischen Stämmen der Walachen in Thessalien und stellten unter ihrem Könige Asen das Reich des Samuel wieder her. Ihre Hauptstadt wurde Trnovo.

Auf einem Kriegszuge gegen dieses Volk verlor Isaak Angelos im April 1195 die Herrschaft. Sein eigener Bruder wurde an ihm zum Verräter, nahm ihn gefangen, ließ ihn blenden und mit seinem jungen Sohne in Konstantinopel einkerkern, wo er selbst als Alexios III. den Thron bestieg.

Michael Akominatos richtete auch an diesen neuen Kaiser eine Denkschrift zum Schutze Athens.Hypomnestikon I, p. 307. Er verklagte die schamlosen Erpressungen der Prätoren, die mit ihrem Gefolge wie erobernde Feinde Stadt und Land brandschatzten, und die Habgier der Steuereinnehmer, welche, zum Zweck der Indiktionen-Verzeichnisse oder für neue Auflagen, die Äcker nach Spinnefußweite ausmaßen, die Blätter auf den Bäumen und die Haare auf den Köpfen der Athener zählten. Die Folge ihres Drucks werde eine allgemeine Auswanderung sein. Diese Besorgnis war nicht übertrieben; denn manche Städte und Landschaften des Reichs entvölkerten sich durch die Flucht der zur Verzweiflung gebrachten Bewohner. Ganze griechische Gemeinden, so versicherte Niketas, wanderten zu den Barbaren aus, um sich bei diesen anzusiedeln.ως τὴν παρὰ βαρβάροις αποικίαν πόλεις όλας ‛Ελληνίδας ελέσθαι καὶ τη̃ς πατρίδος ασμένως αλλάξασθαι. De Alexio, lib. II, c. 5. Dies ist freilich hier vom griechischen Kleinasien zu verstehen.

Gerade damals waren die griechischen Provinzen mehr als je durch die Schiffssteuer geplagt, welche kaiserliche Offizianten ausschrieben, während doch solche Auflagen gesetzmäßig zu den Befugnissen des Logotheten des Dromos oder Generalpostmeisters des Reichs gehörten. Bürger und Bauern mußten zur Ausrüstung von Kriegsfahrzeugen, die nicht einmal gebaut wurden, willkürlich auferlegte Summen aufbringen. So sollte die Stadt Athen Strafgeld zahlen, als ein Flottenbau verfügt war und trotzdem nirgends Galeeren gebaut wurden, weil die Beamten das Geld in ihre Tasche steckten.Hypomnest. I, p. 308. Ich wage nicht, daraus zu schließen, daß es damals noch Schiffswerften im Piräus gab. Zur kaiserlichen Flotte stellte das Thema Hellas, als Leo VI. einen Kriegszug gegen Kreta rüstete, 10 Dromonen mit 3000 Mann. Konst. Porph., De Caerim., p. 653. Die griechische Regierung betrachtete die Schiffssteuer als Mittel, ihre Finanzen zu verbessern: Sie urteilte, wie nachher Montesquieu, daß große Flotten einen Staat erschöpfen und gleich großen Landheeren in der Regel keinen Erfolg haben.Montesquieu (›Considérations‹ bei Gelegenheit der Eroberungen Justinians) würde eine Note hinzugefügt haben, wenn er die Erfolge der großen deutschen Heere 1870 erlebt, und eine andre, wenn er die Militärlasten gekannt hätte, welche heute alle Nationen Europas erschöpfen. Als Vorwand für solche Erpressungen dienten die Raubzüge der Korsaren, namentlich jene des berüchtigten Genuesen Gaffore, gegen welche die byzantinische Regierung den Kalabresen Giovanni Stirione, einen ehemaligen Seeräuber, in Sold nahm und ausschickte. Auch dieser erzwang von Athen und andern Städten Schiffssteuern.II, p. 105, an die Belissarioten.

Später erschien dort auch Sguros, ein in Nauplia zur Tyrannengewalt emporgekommener Archont, in Begleitung des Prätors von Hellas, und sie erpreßten von dem armen Athen eine größere Auflage, als sie das reichere Theben und Euböa zu leisten hatten.πάλιν υπὲρ πλωΐμων τω̃ Σγουρω̃ καὶ τω̃ πραίτωρι νομισμάτων δεδώκαμεν. Hypomn. I, p. 308. Erste Erwähnung des Sguros, entweder Leos oder seines Vaters. Die gesetzlose Ausbeutung des Landes durch die byzantinischen Magnaten war vielleicht empfindlicher als die sonst geregelte Abgabenlast. Wenn die jährliche Schiffssteuer Athens nicht mehr als 8000 Francs betrug und diese Summe das Volk in Verzweiflung brachte, so muß man allerdings urteilen, daß die Stadt, welche im Altertum die größte Finanzmacht Griechenlands gewesen, zu tiefer Armut herabgekommen war.Lambros, Athen am Ende des 12. Jh., p. 95.

Die kaiserliche Regierung war bisweilen doch genötigt, die Steuerlast der Städte zu mindern; so scheint Athen nach der Ankunft des Prätors Prosuch diese Vergünstigung erlangt zu haben, ohne daß sie dann tatsächlich ausgeführt wurde.II, p. 53. Prosuch war Türke (Perser) von Geburt, aber schon als Kind Christ und Grieche geworden, und hatte sich dann unter Manuel als General im Orient hervorgetan. Er scheint ein wohlwollender Mann gewesen zu sein. Der Erzbischof berief sich übrigens auf alte, durch kaiserliche Chrysobullen verbriefte Rechte, welche, wie er behauptete, dem Prätor den Eintritt in die Stadt verwehrten.I, p. 308: καθότι προσκυνητὸν χρυσόβουλλον καὶ αυτὴν απείργει τὴν εις ’Αθήνας αυτω̃ παρόδον. p. 311 beruft er sich auf Vergünstigungen wegen neuer Auflagen. Da eine solche Exemtion von der Strategengewalt mit den Tatsachen in Widerspruch steht, so wollte wohl Akominatos nur sagen, daß der Prätor nicht mit einem Heer Athen betreten, seine Soldaten nicht in die Quartiere der Bürger legen, keine willkürlichen Abgaben erheben und in die gesetzliche Gerichtsbarkeit des Richters von Hellas sich nicht einmischen durfte.Lambros, Athen am Ende etc., p. 63ff. Leider fällt nur ein zweifelhaftes Licht aus diesem Schreiben des Erzbischofs auf die Verwaltung Athens. Gleichwohl war ein Stratege mit heergleichem Gefolge gekommen, welcher das Land aussog, während seine Amtsleute, der Logariastes, Protovestiarios, Protokentarchos und andere, nicht zurückblieben. Die Truppenführer forderten Naturallieferungen, kerkerten Widerstrebende ein, raubten dem Ackermann das Vieh und zwangen ihn, dasselbe zurückzukaufen.Von alters her erhielten nur die Strategen des Orients Besoldung, während die des Okzidents von ihren Themen sich bezahlt machten. Konst. Porphyr., De Caerim., p. 697.

Akominatos schrieb dem Logotheten Demetrios Tornikis, daß außer dem Prätor noch ein Antiprätor nach Athen gekommen sei, und er verlangte, daß jener nur, wenn es not sei und zeitweise, die Stadt besuche, wie das Drimys und Prosuch getan hätten.II, p. 66. Er wurde nicht müde, die kaiserlichen Offizialen als Verderber zu brandmarken, da sie, barbarischer als dies ehemals Xerxes getan hatte, Athen behandelten, die alte, einst glückliche Stadt, die Tyrannenfeindin, das gemeinsame Vaterland aller gebildeten Menschen, und deren Schutzpatronin die im Parthenon der Akropolis thronende Gottesmutter sei. Zahlloser als einst Jehova Frösche nach Ägypten gesandt habe, schicke Konstantinopel Steuerpächter und Zöllner, Prätoren, Landvermesser und Schiffsgeldeintreiber überall hin, am meisten aber nach Griechenland.An Theodor Irenikos II, p. 103; an Georg Padyatis, p. 105. Irenikos, welchen Niketas (De Alexio II, c. 4) rühmt, war an Stelle des Konstantin Mesopotamites erster und alles vermögender Minister des Kaisers geworden. Er schrieb dringende Bittgesuche an seine mächtigen Freunde am Hof und vermittelte auch die eigenen Beschwerden der Athener an die Regierung durch seinen getreuen Sekretär Thomas.

Die Verzweiflung des Erzbischofs wurde noch durch die Belastung der Kirchengüter gesteigert. Kolonen und Leibeigene bebauten diese in beständiger Furcht vor den Landungen der Seeräuber, und die von Natur nicht fruchtbaren Äcker Attikas lieferten nur einen sparsamen Ertrag an Wein und Öl.Akominatos sendet einmal einem Freunde aus Athen einen Schlauch Öl und Seife (II, p. 137). Das Erzbistum zahlte eine Abgabe (Akrostichon) an den Staat; ein Hofbeamter in Konstantinopel, Mystikos betitelt, vertrat dort die Rechte der athenischen Kirche. So bat einmal Akominatos den Kaiser, er möge dem Mystikos befehlen, das vom Kirchengut widerrechtlich Genommene nicht in den Staatsschatz abzuliefern.Hypomnest., p. 310.

Unter dem kraftlosen, von seinen Günstlingen beherrschten Alexios III. erreichte unterdes die byzantinische Verwaltung den äußersten Grad der Zerrüttung. Alle Ämter waren feil: Die verworrensten Menschen erkauften sich die wichtigsten Stellen; selbst Skythen und Syrier, die ehemals Sklaven gewesen, erlangten für Geld den Titel des Sebastos. Die Verwandten des Kaisers und andere Magnaten, durch den Thronwechsel an jede Art der Räuberei und die Plünderung des Staatsschatzes gewöhnt, häuften Reichtümer auf, indem sie die Provinzen brandschatzten.Niketas, De Alexio Isaacii Angeli Fratre II, c. 2. Als Basileios Kamateros, ein mächtiger Mann, weil er Logothet des Dromos und mit dem Kaiser verschwägert war, nach Athen kam, begrüßte ihn der Erzbischof mit feierlichen Ehren; er rief die Schatten der großen Athener herbei, ihm als ein Chor von Schutzflehenden zu nahen, hoffend, daß auch der stolze Byzantiner als gebildeter Mann nicht verschmähen werde, Athen, die Mutter aller Weisheit, seine eigene Heimat zu nennen. Nach Themistokles und Konon möge er der dritte Gründer der Stadt werden, welche jetzt tot sei und deren Namen sogar verschwinden würde, wenn ihn nicht die den Neid besiegenden Erinnerungen des Altertums erhielten, »diese Akropolis hier und dort der Areopag, der Hymettos und Piräus und was noch sonst an unzerstörbaren Werken der Natur zu nennen ist«.I, p. 31.

In Angelegenheiten des Reichs kamen demnach bisweilen große Staatsbeamte nach Athen. So erschien dort ein andrer Verwandter des Kaisers Alexios III., der raubgierige Großadmiral Michael Stryphnos, welcher sich kein Gewissen daraus machte, die Flotte des Reichs verfallen zu lassen, um aus dem Verkauf der Schiffsgeräte Geld zu machen. Er war derselbe Magnat, dessen Ungerechtigkeit den genuesischen Kaufmann Gaffore in Konstantinopel zu solcher Wut entflammt hatte, daß er sich in den furchtbarsten Korsaren der Zeit verwandelte. Als Stryphnos in Begleitung seiner Gemahlin, der Schwester der lasterhaften Kaiserin Euphrosyne, nach der Parthenonkirche kam, dort ein Weihgeschenk darzubringen, richtete der Erzbischof eine prunkvolle Anrede an ihn. Man müsse, so sagte er ihm, sich Athens noch immer erinnern als jener glänzenden und ruhmvollen Stadt, welche einst Pindar die Säule Griechenlands genannt hatte. Ihr einziger Reichtum bestehe jetzt in den Mysterien der Marienkirche, denn alles übrige sei ein Trümmerhaufen.I, p. 324ff.

Stryphnos hatte Handelsschiffe im Piräus gesehen, und dieser war niemals ohne Verkehr, da auch in kaiserlichen Chrysobullen für Venedig Athen durchaus noch als Hafenplatz verzeichnet wurde; doch konnte der Handel dort nur unbeträchtlich sein; er beschränkte sich meist auf griechische Kauffahrer.Akominatos bemerkt einmal in Piräus Handelsschiffe von Monembasia, II, p. 137. Im übrigen wird von byzantinischen Autoren immer nur der eine Hafen Piräus genannt, während die anderen von Munichia und Phaleron nicht mehr erwähnt werden. Vielleicht hatte Stryphnos aus boshafter Ironie Athen wegen jener Handelsschiffe im Stadthafen mit Konstantinopel verglichen, denn der Erzbischof erinnerte später den Admiral in einem Briefe voll Unwillen an jenes Wort und versicherte, daß Athen und sein Gebiet weder Ackerbau noch Viehzucht besitze, daß es keine Seidenfabriken habe; daß es nur an Seepiraten reich sei, welche die Landschaft bis zu den Bergen hinauf verwüsten, so daß dasselbe Meer, welches die Stadt ehedem wohlhabend gemacht hatte, jetzt die Ursache ihres Elendes sei. Er bat den Admiral, den Neidern nicht Glauben zu schenken, welche ihn, den Bischof, und die Athener verleumdeten.II, p. 83ff. Unter diesen mißgünstigen Nachbarn verstand er vielleicht weniger die kaiserlichen Verwalter als die Städte selbst. Denn der Charakter munizipaler Eigenart und Eifersucht, welcher das hellenische Staatsleben im Altertum bedingt hatte, dauerte auch in der byzantinischen Zeit fort. Jede griechische Gemeinde besaß ihre besonderen Gewohnheiten und Privilegien, welche sie sich von den Kaisern bestätigen ließ. Selbst noch damals lag Athen oder dessen Kirche wegen des Besitzes von Oropos mit Theben in Streit.II, p. 131.

Leider erfahren wir aus den Schriften des Erzbischofs nichts Bestimmtes über die inneren Zustände und die damalige Verfassung der Stadt. Er nennt niemals weder angesehene Geschlechter unter den Bürgern noch wirkliche Magistrate der Gemeinde, so daß wir nicht einmal wissen, ob Athen am Ende des 12. Jahrhunderts noch einen städtischen Senat besessen hat, wie Thessalonike einen solchen besaß. Die wiederholten Klagen und Bittschriften Michaels an die Minister und Großen des byzantinischen Staats hatten nicht die erwünschte Wirkung, wenn sie auch nicht immer ungehört blieben. Wenigstens konnte er seinem Bruder Niketas nachrühmen, daß derselbe als ein am Kaiserhofe einflußreicher Mann ihm, dem Bischof, und der Stadt Athen manche Wohltat erwiesen habe.’Εκείνου μὲν γὰρ πολλὰ καὶ μεγάλα πολλάκις εγώ τε καὶ ’Αθη̃ναι οίδαμεν απονάμενοι. Monodie auf Niketas, I, p. 348. Im allgemeinen scheiterte sein edles Bemühen an den unrettbaren Zuständen des Reiches und Griechenlands; er selbst war dem Neide und der Verunglimpfung der Schlechten ausgesetzt.

Um das Jahr 1195 raubte ihm der Tod seinen großen Freund Eustathios, mit dem er von Athen aus einen langen brieflichen Verkehr unterhalten hatte. Er beweinte ihn als »den letzten Rest des goldenen Zeitalters« und setzte ihm in einer enthusiastischen Trauerrede ein Denkmal der Pietät.Diese Monodie ist trotzdem ein verkünsteltes, phrasenhaftes Produkt. Seine Vereinsamung in Athen wurde immer peinvoller und seine Verzweiflung größer. Er klagte, daß man ihn dort wie einen Toten vergessen habe. Gleich allen Byzantinern nannte auch er Athen den »äußersten Winkel der Welt«, ja geradezu einen Tartaros, wo er Schattenbilder zu Genossen habe und sein tollkühnes Wagnis büße, als Erzbischof dort hingegangen zu sein.An den Patriarchen Theodosios Xiphilinos, II, p. 101, u. sonst öfters. Er bat seine mächtigen Freunde in Konstantinopel, ihm die Hand herabzureichen, um ihn aus diesem Hades wieder an das Licht zu ziehen.

Sein Verlangen, Athen zu verlassen, wurde endlich erfüllt, nachdem er dreißig Jahre lang den Sitz auf der Akropolis eingenommen hatte; dann aber sollte er als ein weit unglücklicherer Mann den Rest seines Lebens im Exil beschließen. Ein furchtbares Verhängnis brach vom Abendlande über das Reich der Komnenen herein, zertrümmerte dieses und unterwarf auch Griechenland dem Schwert lateinischer Eroberer.

 << Kapitel 29  Kapitel 31 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.