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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 16
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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3.

Gerade in der Zeit, als sich slavische Stämme durch die griechische Halbinsel verbreiteten, wurde im Jahre 752 Irene geboren, die zweite Athenerin, welche das byzantinische Perlendiadem getragen hat. Das ihr plötzlich zugefallene glänzende Los erinnert, wie ihre wechselvollen Schicksale, vielfach an jene der berühmten Philosophentochter Athenais-Eudokia. Beide Athenerinnen zeichnete seltene Schönheit aus, und daß auch der Verstand Irenes mehr als gewöhnlich war, hat sie durch ihren Ehrgeiz, ihre Willenskraft und Herrschsucht hinlänglich dargetan. Nur das Maß der Bildung dieser Frauen war ungleich. Denn mehr als dreihundert Jahre nach Athenais konnte sich die Erziehung Irenes zu jener ihrer Vorgängerin nur verhalten wie die Klosterschule des barbarisch gewordenen Athen zur Akademie der letzten Platoniker.

Irene war siebzehn Jahre alt und befand sich in Athen, als sie der Kaiser Konstantin (Kopronymos) zur Gemahlin seines Sohnes erwählte. Wenn es nicht ein Zufall war, der dem Monarchen eine Tochter gerade desjenigen Landes zuführte, welches mit Entschiedenheit der Partei der Bilderfreunde angehörte, so konnte ihn leicht die Absicht leiten, die Hellenen durch diese Wahl mit Byzanz zu versöhnen. Er ehrte dieselben zugleich als die altgriechische Nation, die lange Zeit von den Byzantinern zurückgesetzt worden war, und zeichnete im besondern ihre ruhmvolle Metropole Athen aus.

Die Vaterstadt Irenes war denn doch nicht so ganz verschollen und vergessen, daß sie mit der Weltstadt am Bosporos nicht mehr in Verbindung stand, noch war sie in solche Armseligkeit verfallen, daß es in ihr keine angesehenen Familien mehr gab. Wir kennen freilich diejenige Irenes nicht; das Haus der Sarantapechi war mit ihr nahe verwandt, doch mag sie dasselbe erst als Kaiserin großgemacht haben.Es kann richtig sein, was Lebeau, Hist. du Bas-Empire XII, L. XVI, p. 377, mutmaßt, daß Sarantapechos ein Bruder Irenes war; dies scheint aus Theophanes, p. 734, hervorzugehen. Joakim Phoropulos, ’Ειρήνη η ’Αθηναι̃α αυτοκρ., Leipzig 1887, hat nichts über diese Familie zu ergründen vermocht. Sie konnte sogar niedriger Abkunft sein, denn das Vorurteil der Mißheirat war am byzantinischen Hofe unbekannt. Vor ihr waren Frauen aus dem Staube auf den Kaiserthron gestiegen, und nach ihr verdankte im 10. Jahrhundert die Spartanerin Theophano nur ihrer Schönheit das Diadem. Auch geschah es nicht selten, daß in orientalischer Weise Kaiser für sich oder ihre Söhne eine förmliche Brautschau im Reiche hielten, und bei einer solchen kann auch Irene entdeckt worden sein und das große Los gezogen haben.

Sie war elternlos wie Athenais, als sie dasselbe unverhoffte Glück zur Kaiserbraut machte.Theoph., p. 741. Aus Zonaras III, p. 353, darf man schließen, daß erst der Kaiser Konstantin ihr den Namen Irene gab. Unter dem Geleit vieler schön geschmückter Schiffe wurde die Athenerin erst nach dem Palast Hieron auf der asiatischen Seite des Bosporos und dann nach Byzanz geführt, wo sie einen prachtvollen Einzug hielt. Am 3. September 770 feierte sie ihre Vermählung mit dem Kaisersohne Leon, und am 17. Dezember wurde sie im Augusteum als Augusta gekrönt.

Sie fand in Konstantinopel die Partei der Ikonoklasten herrschend, denn der aufgeklärte Kaiser Konstantin, dem die erbitterten Mönche den Schimpfnamen Kopronymos angeheftet haben und welchen Theophanes den Vorläufer des Antichrist nannte, hatte die Bilderverbote seines Vaters Leon III. noch leidenschaftlicher fortgesetzt und ohne Erbarmen das widerstrebende Mönchtum und den Klerus verfolgt. Aber Irene brachte aus ihrer Heimat Athen andere Neigungen mit sich, denn die Stadt der Philosophen verteidigte jetzt die Bildnisse und Figuren der christlichen Mythologie nachdrücklicher gegen die Edikte der isaurischen Kaiser, als sie ein paar Jahrhunderte früher die heidnischen Nationalgötter gegen die Theodosianer hatte verteidigen können.

Wenn wir das Dunkel der Geschichte Athens und anderer griechischer Städte im 8. Jahrhundert aufzuhellen vermochten, so würden wir daselbst wohl eine mit Rom verbundene mächtige Ikonodulenpartei entdecken, welche von den eifrigen Bischöfen und den Mönchen geführt wurde. Diese Partei hatte die erlittenen Verfolgungen bereits durch den Aufstand unter Kosmas und Agellianos zu rächen versucht, und wahrscheinlich galten die bei den Byzantinern lange Zeit als Heiden angesehenen Athener jetzt im allgemeinen als Ikonodulen. Daher mußte Irene vor ihrem bräutlichen Einzuge in die Hauptstadt den Bilderdienst feierlich abschwören, durchaus wie Athenais vor ihrer Vermählung mit Theodosios II. dem alten Heidenglauben durch die christliche Taufe entsagt hatte. Mit dem römischen Papsttum im Bündnis brach Irene später ihren Eid.

Nachdem Konstantin Kopronymos im Jahre 775 gestorben war, wurde ihr Gemahl Leon IV. Kaiser, ein wohlwollender Fürst, sanft und schwach, wie Theodosios II. es gewesen war, während die Kaiserin Irene den energischen Herrschersinn der Pulcheria zeigte, ohne deren Tugenden zu besitzen. Unter dem Einfluß seiner Gemahlin milderte Leon IV. die strengen Gebote seines leidenschaftlichen Vaters. Er starb schon im Jahre 780, worauf Irene, von der wieder erstarkten Partei der Bilderfreunde unterstützt, die Vormundschaft über ihren Sohn Konstantin erhielt, dessen Mitregentin wurde und eigentlich das Reich regierte.

Als Athenerin hatte sie dieselbe ihr naheliegende Veranlassung, die Wohltäterin ihres vernachlässigten Vaterlandes zu sein, wie Athenais nach der Invasion der Goten Alarichs.

Sicher war es ein Zeugnis ihrer Heimatliebe, daß sie zuerst die Unterwerfung der Slavenstämme in Griechenland unternahm, und weil sie dies tat, mußten jene dort zu großer Kraft emporgekommen sein. Der kaiserliche Schwiegervater Irenes, der tapfere Bezwinger der Araber und Bulgaren, hatte im Jahre 758 die makedonischen Slaven bekriegt; doch es wird nicht gemeldet, daß er auch ihre Stammgenossen weiter unten im eigentlichen Griechenland angegriffen habe.Theophanes, p. 663: τὰσ κατὰ Μακεδονίαν Σκλαβινίας ηχμαλώτευσεν, καὶ τοὺς λοιποὺς υποχειρίους εποίησεν, was sehr allgemein ist. Diese waren wohl zu seiner Zeit der byzantinischen Staatsgewalt noch nicht besonders wichtig oder gefährlich erschienen. Dagegen scheint Altgriechenland 28 Jahre nach dem Tode jenes Kaisers Konstantin Kopronymos durch wiederholtes massenhaftes Nachströmen der Slavinen so ganz in die Gewalt der Barbaren gekommen zu sein, daß diese Provinzen von den Byzantinern wie ein feindliches Land behandelt und erobert werden mußten.

Die slavischen Ansiedlungen breiteten sich über die ganze Halbinsel aus. Immer mehr griechische Orte wurden eingenommen und sogar die Seestädte mit Eroberung bedroht. Heiße Kämpfe mögen zwischen den Griechen und Barbaren stattgefunden haben; denn diese begannen aus Kolonisten zu Gebietern zu werden, und sie drohten mit der Zeit ein Slavenreich aufzurichten. Die steigende Gefahr machte jetzt die kaiserliche Regierung ernstlich besorgt, während der Hilferuf der Hellenen gerade bei der Athenerin Irene bereitwillige Erhörung finden mußte. Sie schickte im Jahre 783 zahlreiche Truppen nach Griechenland unter dem Befehl ihres Kanzlers und Günstlings, des Patriziers Staurakios. Dieser General unterwarf erst die Slavinen in Thessalien und Hellas, zwang sie zum Tribut und zog dann über den Isthmos auch in den Peloponnes. Mit reicher Beute beladen und mit vielen Gefangenen kehrte er von dort wie aus einem eroberten Lande zurück, um im Januar 784 einen Triumphzug durch den Hippodrom Konstantinopels zu halten.Theophanes, p. 707: καὶ κατελθὼν επὶ Θεσσαλονίκη καὶ ‛Ελλάδα υπέταξε πάντας καὶ υποφόρους εποίησε τη̃ βασιλεία. Alle genaueren Nachrichten über diesen Kriegszug fehlen. Weder Korinth noch Theben, noch Athen werden bei dieser Gelegenheit genannt.

Die Stadt Athen hat wohl mehrfach die Gunst der Kaiserin erfahren. Wenn der Bau von Kirchen eine Wohltat für sie sein konnte, so werden die Athener sich dessen zu erfreuen gehabt haben. Man schreibt Irene solche zu wie der Athenais.Finlay I, p. 90, p. 102. Die Behauptung des Surmelis, daß die Kaiserin Athen zu neuem Wohlstande gebracht habe, stützt sich nur auf Fanellis ›Atene Attica‹. Daß sie immer in Verbindung mit ihrer Vaterstadt blieb und auf deren Ergebenheit rechnen konnte, zeigte sich bei Gelegenheit tragischer Ereignisse in der Familie ihres Schwiegervaters. Ihr Sohn, der Kaiser Konstantin VI., hatte seine Oheime, die fünf Söhne des Konstantin Kopronymos, aus Argwohn, daß sie es auf seinen Thron und sein Leben abgesehen hätten, mit wahrhaft asiatischer Grausamkeit blenden oder verstümmeln lassen. Dann war er selbst, fünf Jahre später, am 19. August 797, von seiner eigenen herrschsüchtigen Mutter mit gleicher Barbarei geblendet worden. Hierauf exilierte die Kaiserin jene unglücklichen Prinzen im November 797 nach Athen.Theophanes, p. 733: εξώρισεν αυτοὺς εις ’Αθήνας. Politische Gefangene verbannte man damals nach verschiedenen Orten des Reichs, nach Thessalonike, Cherson, Epidamnos und nach fernen Inseln. Wenn nun Irene Athen zum Ort des Exils ihrer Schwäger wählte, so tat sie das, weil sie der Treue ihrer Vaterstadt versichert war. Damals scheint ihr Verwandter, der Patrizius Konstantin Sarantapechos, Befehlshaber der Stadt gewesen zu sein.Theophanes, p. 734. Die fünf Brüder, die letzten legitimen Erben des Hauses der Isaurier – die beiden ältesten waren Nikephoros und Christophoros –, schmachteten in der Akropolis. Trotzdem fanden sie Gelegenheit, heimliche Verbindungen mit Slavenfürsten anzuknüpfen. Diese aber faßten im Einverständnis mit einer Partei unter den Griechen den kühnen Plan, die Verbannten zu befreien und einen von ihnen zum Kaiser auszurufen. An der Spitze der Verschwörung stand Akamir, einer der wenigen Slavenzupane in Griechenland, welche namentlich bekannt geworden sind.Nach Theophanes sollte das Unternehmen im März 799 ausgeführt werden. Zonaras XV, 13, p. 367: τινὲς τω̃ν τη̃ς ‛Ελλάδος προση̃λθον τω̃ άρχοντι τω̃ν Σθλαβικω̃ν εθνω̃ν. –

Demnach hatte der Kriegszug des Staurakios die Macht der Slaven keineswegs gebrochen. Akamir herrschte in Belzetia, einer Landschaft im südlichen Thessalien, wo unter den slavischen Stämmen, die im Jahre 676 Thessalonike bedrängt hatten, die Bjelezigen namhaft waren. Sie bauten Velestino beim alten Pherä unweit des pagasäischen Golfs, dem sie den Namen Volo gaben.Tafel, De Thessal., p. LXXVIII, u. Symbolar. criticar., p. 131 – Schafarik, Slav. Altert. II, S. 193, glaubt, daß Belzetia eine Landschaft in Makedonien gewesen sei.

Dieser Slavenstamm hatte seine Sitze schwerlich bis nach Böotien und Attika vorgeschoben, wenn auch sein Machteinfluß so weit reichen konnte.Die Annahme Hilferdings (p. 4), daß die Belziten sogar Athen besetzt hatten, ist vollkommen grundlos. Die Absicht der Verschworenen wurde entdeckt und wahrscheinlich von den Anhängern Irenes in Athen der byzantinischen Regierung mitgeteilt. Hierauf schickte die Kaiserin den Spathar Theophylaktos, den Sohn des Sarantapechos, zur Untersuchung nach Athen. Entweder ergab diese, daß die Prinzen auch hier eine Partei gewonnen hatten, oder ihr Verbannungsort erschien jetzt nicht mehr als sicher, denn die Unglücklichen wurden nach Panormos fortgeschafft.Lebeau sucht diesen Ort nicht in Sizilien, sondern in Chalkidike. Theophanes, p. 773ff. Kedrenos behauptet sogar, daß die Prinzen von den Athenern geliebt wurden. Da sie auch dort noch später den Argwohn des Kaisers Michael erregten, beschlossen sie endlich ihr jammervolles Leben im Kerker zu Aphusia.

Irene selbst büßte ihre Verbrechen durch ein schmachvolles Ende. Eine Revolution erhob am 31. Oktober 802 den Logotheten Nikephoros auf den Thron, und dieser verbannte die Kaiserin erst auf die Prinzeninsel, dann nach Lesbos, wo sie am 9. August 803 starb. Ihre Leidenschaften und Frevel, ihre Herrschsucht, Ränke und wechselvollen Schicksale haben diese Athenerin eines wahrhaft barbarischen Zeitalters zu der hervorragendsten Frauengestalt des byzantinischen Reiches gemacht, um so mehr als der größte Monarch des Abendlandes einen Augenblick daran dachte, sich mit ihr zu vermählen, um dadurch die beiden Hälften des Römerreiches wieder zu vereinigen.

Die dankbare Kirche hat die Mörderin des eigenen Sohnes ohne Scham unter die Heiligen ihres Kalenders aufgenommen; dies war ihr Lohn für die Wiedereinführung des Bilderkultus, welche Irene auf dem siebten ökumenischen Konzil zu Nikaia im Jahre 787 durchsetzte. So hatte eine Athenerin die Reformation des kirchlichen Kultus verhindert und der Idolatrie wieder zum Siege verholfen. Für das griechische Reich war das Erlöschen der isaurischen Dynastie mit Konstantin VI. höchst unheilvoll, denn Palastrevolutionen und wechselnde Regierungen erschütterten dasselbe gerade in der Zeit, wo Italien durch Karl den Großen mit der fränkischen Monarchie vereinigt wurde, wo das weströmische Reich sich für immer von Byzanz trennte, die Bulgaren in der Balkanhalbinsel die Herrschaft erlangten und die Sarazenen von Afrika und Spanien her Kreta in Besitz nahmen.

Auch die Slaven in Griechenland benutzten die Schwächung der Reichsgewalt, nicht nur um sich dort weiter auszubreiten, sondern sich unabhängig zu machen. Ihre Stämme bevölkerten damals große Landstriche in Elis und Messenien, aus denen die Griechen zum Teil gewichen waren. Die dortigen Slavengaue, deren geographische wie politische Einrichtung uns unbekannt geblieben ist, müssen von Zupanen oder Häuptlingen regiert worden sein, die ihre Bestätigung vom Strategen des Peloponnes empfingen und zur Zahlung eines jährlichen Tributs an den kaiserlichen Fiskus wie zur Heeresfolge verpflichtet waren. Ihre wiederholten Bestrebungen, sich den Staatsgesetzen zu entziehen, hatten die Kaiserin Irene zu ihrer Züchtigung genötigt.

Bald nach der Thronbesteigung des Nikephoros erhoben sie sich zu neuem Aufstande. Konstantin Porphyrogennetos, der davon erzählt, spricht nur von den Slaven im Thema Peloponnes; er berichtet, daß sich dieselben empörten und zunächst die Besitzungen ihrer griechischen Nachbarn plünderten.καὶ ου̃τοι εν τω̃ θέματι έντες Πελοποννήσου απόστασιν εννοήσαντες πρω̃τον μέν τὰς τω̃ν γειτόνων οικίας τω̃ν Γραικω̃ν εξεπόρθουν. De admin. Imperio, c. 49. Allein ihr Aufstand nahm größere Verhältnisse an, weil das Ziel desselben die Eroberung des wichtigen Hafens Patras war. Sie belagerten diese Stadt von der Landseite im Jahre 805 oder 807, während sie zur See von einer Flotte der Sarazenen unterstützt wurden, mit denen sie demnach in Verbindung getreten waren. Die Patrenser jedoch verteidigten sich tapfer, ihrem Entsatze durch den Strategen von Korinth entgegen sehend. Einer ihrer verzweifelten Ausfälle zersprengte endlich das Heer der Belagerer, und das plötzliche Erscheinen des griechischen Prätors vollendete den Sieg. So scheiterte der letzte und drohendste Versuch der slavischen Ansiedler in Altgriechenland, ihre Unabhängigkeit zu erringen. Die Befreiung der Seestadt Patras rettete nicht nur den Peloponnes, sondern auch Hellas von der Gefahr, ein slavisches Land zu werden.

Der Kaiser Nikephoros belohnte die Patrenser durch die Erhebung zur Metropolis. Die unterworfenen Rebellen machte er der Kirche des heiligen Andreas, des Schutzpatrons und vermeintlichen Retters der bedrängten Stadt, leibeigen und zinsbar; man hat daher an Slavendistrikte in der Nähe derselben zu denken.

Obwohl wir keine Kunde davon haben, daß jener Sieg einen weiteren Kriegszug gegen die Slavinen in Altgriechenland zur Folge hatte, so ist das doch sehr wahrscheinlich. Als Schauplatz der Kämpfe der Griechen mit diesen im Beginne des 9. Jahrhunderts wird nur der Peloponnes und wesentlich Patras bezeichnet, daher wissen wir nicht, ob auch Hellas davon berührt worden ist. In jedem Falle mußte die Niederlage der Slavenstämme auch dort günstige Wirkungen hervorbringen.

Die Stadt Athen war durch die kaiserliche Größe einer ihrer Töchter der Vergessenheit wieder entrissen worden, und dasselbe Glück erfuhr sie wenige Jahre nach dem Sturze der Kaiserin zum zweiten Mal. Dort waren Verwandte Irenes zurückgeblieben, deren Familien durch sie ein hohes Ansehen erlangt hatten. Es lebte in Athen ihre Nichte Theophano als Gattin eines vornehmen Mannes.Zonaras III, p. 370. Nun fügte es sich, daß Nikephoros für seinen Sohn und Mitkaiser Staurakios eine Gemahlin suchte. Er ließ Brautschau im ganzen Reiche halten, und seine Werber empfahlen ihm Theophano.Eine Brautschau wurde auch 830 gehalten, als sich der Kaiser Theophilos mit Theodora vermählte, der Tochter eines Turmarchen Marinos. Muralt, p. 412. Sie wurde ohne weiteres von ihrem Gemahl getrennt und am 20. Dezember 807 mit dem Cäsar vermählt. Die brutale Mißhandlung zweier schöner Hoffräulein, welche die Braut aus Athen mit sich gebracht hatte, durch den alten Lüstling Nikephoros störte die Hochzeitsfeste so wenig, daß dieser Frevel vielmehr den Höflingen zur Erheiterung diente.Theophanes, p. 750.

Weil Theophano eine nahe Verwandte Irenes war, mochte der Kaiser zu ihrer Wahl durch die Absicht bewogen worden sein, mit dieser Verbindung die gestürzte Partei der Isaurier für sich zu gewinnen. Allein der Athenerin Theophano war nicht, wie ihrer Muhme Irene, eine lange und glänzende Herrschaft beschieden, denn wenige Jahre nach ihrer Vermählung fiel ihr Schwiegervater Nikephoros im Bulgarenkriege. Krum, der schreckliche Khan dieses Volks, der im Jahre 809 Sofia zu seiner Hauptstadt gemacht hatte, war von ihm empfindlich geschlagen worden, machte aber noch eine verzweifelte Anstrengung und siegte am 25. Juli 811 in einem nächtlichen Überfall, wo der Kaiser, sein Heer und die Blüte des byzantinischen Adels niedergehauen wurden. Der in Silber eingefaßte Schädel des Herrschers des Ostens diente seither dem rohen Bulgarenfürsten zum Trinkgefäß bei Zechgelagen. Staurakios entrann, zu Tode verwundet, und überdauerte den Fall seines Vaters nur wenige Monate, denn der Gemahl seiner Schwester Prokopia, der Kuropalat Michael Rhangabe, stürzte ihn vom Thron in das Grab. Die Kaiserin Theophano beschloß ihr Leben im Kloster.Zonaras III, lib. XV, p. 374.

So hatten drei Frauen aus Athen das griechische Kaiserdiadem getragen, Athenais, Irene und Theophano, und dadurch ihre Vaterstadt in immer dunkler und barbarischer werdenden Zeiten wieder namhaft gemacht. Dies ist um so merkwürdiger, als kein Athener noch überhaupt ein Altgrieche jemals den Thron in Byzanz bestiegen noch während der Dauer des oströmischen Reichs auf irgendwelchem Gipfel des historischen Lebens geglänzt hat.

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