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Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter - Kapitel 102
Quellenangabe
typetractate
authorFerdinand Gregorovius
year1980
publisherC. H. Beck Verlag
addressMünchen
isbn3-406-07951-2
titleGeschichte der Stadt Athen im Mittelalter
pages3-16
created20011106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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4.

Seit der Rückkehr der Athener aus ihrer Zerstreuung im Jahre 1690 verging aber noch eine lange Zeit, ehe die ersehnte Stunde der Erlösung schlug. Die Stadt war auf die Zahl von acht- bis neuntausend Einwohnern herabgekommen, doch bemerken die neugriechischen Geschichtsschreiber, daß sie sich allmählich erholte und an der geistigen Wiedergeburt der Hellenen ihren lebhaften Anteil nahm.

In den Stürmen, die seit 1770 der Versuch Rußlands zur Befreiung Moreas über Griechenland brachte und wo die von den Türken herbeigerufenen Albanesen Hellas und den Peloponnes auf unmenschliche Weise verwüsteten, wurde Athen glücklich verschont. Das Reich Peters des Großen, ein neu entstehender Koloß byzantinischen Cäsarentums in slavischer Form, begann unter Katharina II. sein Gewicht in die Weltverhältnisse zu legen und seine Stellung zur orientalischen Frage zu nehmen. Sie konnte seither nicht mehr ohne Rußland gelöst werden. Die Hoffnungen der Hellenen wandten sich dieser Macht zu, der Todfeindin der Türkei und der Beschützerin der griechischen Nationalität schon aufgrund der gleichen Religion. Rußland gewann in jenem Kriege Teile der Krim und die freie Schiffahrt in den türkischen Meeren, aber es überlieferte doch im Frieden zu Kütschük-Kainardschi im Jahre 1774 die Griechen wieder dem Joche der osmanischen Barbaren. Nur wurde dieses in dem Maße leichter, als die Staatskraft der Pforte schwächer wurde. Die Hellenen bereicherten sich durch Handel; die Segel der Kauffahrerschiffe, die ihre Inseln aussandten, bedeckten das Mittelmeer.

Im 18. Jahrhundert erwachte der Nationalgeist Griechenlands. Zahlreiche Schulen im In- und Auslande nährten sein einheitliches Bewußtsein. In Athen selbst entstand im Jahre 1812 die patriotische Gesellschaft der Musenfreunde, von den Türken geduldet, die ihre Bedeutung nicht verstanden. So widerlegten die Athener, ohne es selbst zu wissen, die Vorstellung Beethovens, der in demselben Jahre in seinem Festspiel ›Die Ruinen von Athen‹ die vom zweitausendjährigen Schlaf erwachte Minerva aus ihrer zertrümmerten, von den Türken geknechteten Stadt mit Entsetzen entfliehen ließ, um die ausgewanderten Musen in Ungarn, Germanien und Gallien aufzusuchen.Mit diesem Festspiel wurde das Theater in Pest eröffnet; der barocke Text ist von Kotzebue.

Die Freiheitsideen der amerikanischen Unabhängigkeit und der französischen Revolution, dann die Umwälzung der veralteten despotischen Verfassung Europas durch Napoleon, die Reaktion der von diesem Eroberer bezwungenen, seinem cäsarischen Weltreich einverleibten Nationen, endlich der patriotische Geheimbund der Hetärie rüsteten die Elemente zur Erhebung Griechenlands im Frühjahr 1821.

Welches Urteil immer man über die unausbleiblichen Wirkungen fällen mag, welche die Erniedrigung durch lange Knechtschaft auf den moralischen Charakter eines Volkes ausüben muß, so wird man doch anerkennen, daß der Befreiungskampf der Hellenen der überraschten Welt ein Schauspiel von wahrhaftem Heroismus dargeboten hat. Mit Opfern und Taten der Vaterlandsliebe, gleich groß wie jene antiken im Kampf gegen die Perser, eroberten sich die Griechen die Achtung Europas und das Recht zurück, als freies Volk die Geschichte von Hellas fortzusetzen.

In diesen heißen Kämpfen schützte nochmals ein guter Stern Athen, obwohl die Stadt gerade damals der Gefahr am nächsten kam, von der Erde zu verschwinden. Am 10. Juni 1822 hatten die empörten Athener die Türken zur Ergebung gezwungen. Nach 366 Jahren kam die Burg des Kekrops wieder in die Gewalt der Griechen. Doch die Türken kehrten in dem verhängnisvollen Jahre 1827 zurück, nachdem auch Missolunghi gefallen war, und die griechische Besatzung ergab sich ihnen am 5. Juni. Athen war zu jener Zeit so verlassen wie nach dem Abzuge der Venezianer Morosinis. Als sodann der blutgierige Ägypter Ibrahim Pascha durch die Mächte gezwungen wurde, aus dem verwüsteten Griechenland zu weichen, und die zerstreuten Athener seit 1830 wieder heimkehrten, war ihre Stadt fast vernichtet. Erst am 31. März 1833 verließ die türkische Besatzung für immer die Akropolis.

Es leben heute noch Männer in Athen, welche Zeugen dieses geschichtlichen Ereignisses gewesen sind. Der Anblick des damals noch erhaltenen Propyläenschlosses der Acciajoli hätte sie oder jeden mit der Vergangenheit vertrauten Griechen dazu anregen können, sich den Abzug des letzten Frankenherzogs von der Akropolis zu vergegenwärtigen, jenen mit diesem letzten Abzuge der Türken zu vergleichen und ein Urteil über die eine und die andre Fremdherrschaft auszusprechen. Im Jahre 1833, wo die Athener ihre Vaterstadt aus dem Besitz der Mohammedaner nur als Schutthaufen zurücknahmen, würde ihr Urteil ohne Zweifel zugunsten der Franken ausgefallen sein. Später hat sich die Ansicht geändert.

Die heutigen Hellenen dürfen es beklagen, daß ihrem Vaterlande die beiden Fremdherrschaften auferlegt gewesen sind, und gerne würden sie jede Erinnerung daran auslöschen. Allein die fränkische wie die türkische Okkupation sind Daseinsformen im Leben Griechenlands, deren historische Tatsache sich nicht mehr aus der Geschichte von Hellas austilgen läßt wie der Frankenturm, das Schloß der Acciajoli und das Minarett auf der Akropolis.

Jeder besonnene Richter wird urteilen, daß den politischen Schöpfungen der Franken in Hellas kein großer Kulturwert zugemessen werden kann, aber auch, daß die heutigen Griechen ungerecht sind, wenn sie in den Lateinern nur ihre Tyrannen sehen. Sie vergessen, daß die Franken Athen und Hellas einer langen Geschichtslosigkeit entrissen und teilweise wieder zum Wohlstande gebracht hatten; vielleicht waren gerade sie es, die Griechenland davor schützten, zur Provinz eines Barbarenreiches, sei es der Bulgaren oder der Albanesen, herabzusinken. In jedem Falle brachten sie dasselbe in Bezug und Verkehr mit dem Abendlande, und die griechische Herrschaft der Franzosen und Italiener im Mittelalter darf zum mindesten als eine Voraussetzung des Wiedereintritts der Hellenen in das europäische Kultursystem betrachtet werden.

Dies ist wahr, daß die Franken Griechenland zerstückelten und die Schwächung des hellenischen Gesamtbewußtseins verschuldeten. Die Neugriechen sind daher im Recht, wenn sie behaupten, daß dagegen die Herrschaft der Türken trotz ihrer Barbarei für die Hellenen von einem wirklichen nationalen Gewinn begleitet war. Denn erst sie gab ihnen, wenn auch unter allgemeiner Knechtschaft, die Einheit zurück und machte deshalb ihre spätere Wiedergeburt als Nation möglich.

Die neugriechischen Geschichtsschreiber blicken aus diesem Grunde auf die türkische Epoche mit minderem Haß zurück als auf die Zeit der Lateiner. Während diese, ihre Verwandten durch Stamm, Religion und Bildung, in das innerste Leben ihrer Gesellschaft und Kirche hemmend und zerstörend eingegriffen hatten, war den Hellenen von den fremden Asiaten nur das gemeine Unglück wehrloser Völker zuteil geworden: die Unterwerfung durch das Schwert. Wenn die Osmanen in Griechenland Denkmäler einer eigenartigen orientalischen Bildung erschaffen hätten wie die Araber in Spanien, so würden sie die Geschichte von Hellas um ein anziehendes Kulturgemälde reicher gemacht haben, und die Türkenzeit dort hätte sympathische Darsteller gefunden, wie die Herrschaft der Mauren in jenem Lande sie gefunden hat. Da sie als ein geistloses, jeder höheren Entwicklung unfähiges Volk keine andren Erinnerungen in Hellas als die der Sklaverei zurückgelassen haben, so darf das mildeste Urteil über sie als Gebieter Griechenlands nur im eingeschränkten und negativen Sinne, etwa in die Sentenz zusammengefaßt werden, welche Cassiodorus den Goten in Italien als Nachruf gewidmet hat.»Gothorum laus est civilitas custodita. – Turcorum laus est Graecitas custodita.«

Ein Verdienst wird den Türken so gut wie den Franken in Athen bleiben: Sie haben die Denkmäler des Altertums verschont. Ihre gewaltsamsten Veränderungen dort beschränkten sich auf die Umformung der Parthenonkirche zur Moschee, auf den Bau von Bastionen der Burg, welchem im Jahre 1687 der Niketempel zum Opfer fiel;Im Jahre 1835 wurde diese türkische Bastion entfernt und der Tempel durch Roß und Schaubert aus seinen Bruchstücken glücklich wieder zusammengesetzt. auf die Ummauerung der Stadt durch den Woiwoden Chaseke im Jahre 1778, die das Abtragen einiger Altertümer wie des Portals der Wasserleitung Hadrians und der Ilissosbrücke veranlaßte. Vorher hatte Athen keine Stadtmauern gehabt; die Reisenden Wheler und Spon fanden keine solchen vor.

Schon Mehmed II. hatte die Denkmäler Athens in den Schutz seiner eigenen Empfindung, wenn auch nicht für den Wert der hellenischen Kulturwelt, so doch für schöne Architektur überhaupt gestellt. Wenn ein solcher Sinn bei seinen Nachfolgern, welche die erlauchte Stadt niemals besuchten und kaum von ihrem Dasein Kenntnis nahmen, nicht vorausgesetzt werden kann, so wurden doch ihre Monumente durch andere Verhältnisse geschützt. Die osmanischen Türken in Athen hatten als ein Barbarenvolk keine Beziehung zur Geschichte Griechenlands und kein Verständnis für die Denkmäler der edelsten Blüte der Menschheit; allein die Schönheit der noch erhaltenen Tempel und Ruinen nötigte immerhin auch sie zur Achtung und Schonung. Weder die geringe Zahl der mohammedanischen Bewohner noch die schnell wechselnden Agas konnten das Bedürfnis haben, große neue Bauwerke in Athen aufzuführen und deshalb die alten als Material für solche zu verwenden. Nicht einmal um die Verbesserung ihres bürgerlichen Zustandes haben sie sich ernstlich bemüht. Lamartine hat gesagt. »Die Osmanen in Griechenland haben nichts zerstört, nichts wiederhergestellt, nichts gebaut.« Diese Tatsache, ein Glück für die Monumente Athens, kann wesentlich aus der indolenten Natur der Türken erklärt werden, welche sie so sehr von den Arabern unterscheidet. Linné hat unter den Merkmalen des asiatischen Türken dieses entweder übersehen oder in dem Begriff des melancholischen Temperaments zusammengefaßt.»Homo asiaticus: luridus, melancholicus, rigidus, pelis nigricantibus, oculis fuscis, severus, fastuosus, avarus, tegitur indumenicis laxis, regitur opinionibus« (bei F. W. Sieber, Reise nach Kreta, 1817, I, S. 268. Zu dieser etwas heiteren Charakteristik von Linné würde Prokesch-Osten sicherlich noch die Prädikate »dignitosus, religiosus et sincerus« hinzugefügt haben.

Am 18. September 1834 wurde Athen zum Sitz der griechischen Regierung erklärt. Die Wahl hatte auch zwischen Nauplia und Korinth geschwankt. Man hat die Entscheidung für Athen getadelt, sogar als antiquarische Laune verspottet; jedoch sie war so wenig ein Zufall, als dies in unserer Zeit die Wahl Roms zur Hauptstadt des ersten Königs der geeinigten Italiener gewesen ist. Der geheiligte Name und Begriff Athens machte sie notwendig, trotzdem daß sich die alte hellenische Welt vollkommen ausgelebt hatte. Die Erinnerungen, die Ruinen, die antike Götterburg der Akropolis forderten sie selbst von dem neuen Geschlecht. Man darf sagen: Pallas Athene hat ihre Stadt zur Metropole des neuen Griechenlands gemacht. Nur weil ihr Parthenon erhalten war, weil so viele andere und mehr Denkmäler als in jeder andern Stadt Griechenlands noch als Zeugen der großen Vergangenheit die Jahrhunderte überdauerten, konnte sie zu neuer geschichtlicher Bedeutung auferstehen. Es ist das Verdienst des letzten großen Philhellenen Ludwigs von Bayern, eines neuen Hadrian, daß er die Stimme des Genius Athens verstanden hat.Dies Verdienst hat Surmelis gefeiert: ‛Ιστορία τω̃ν ’Αθηνω̃ν κατὰ τὸν υπὲρ ελευθερίας αγω̃να, Widmung an den König.

Sechs Jahrhunderte waren hingegangen, seit der erste Frankenherzog seinen Einzug in Athen gehalten hatte; jetzt hielt, am 1. Januar 1835, den seinen ein deutscher Fürst, welcher denselben Namen Otto trug.In der neuen Pinakothek Münchens befindet sich das Gemälde von Peter Heß, welches diesen Einzug darstellt. Im Hintergrund sieht man den Tempel des Theseus. Er kam nicht als Eroberer, sondern als erwählter erster König der Hellenen. Die Stadt fand er in Trümmern. Niemals zuvor, weder zur Zeit des Synesios noch des Michael Akominatos, nicht einmal im Jahre 1690, war sie so tief herabgesunken. Ein armes Volk, aus dem Exil heimgekehrte Bürger und andre Griechen wohnten dort zwischen den Schutthaufen von Kirchen, Häusern und Straßen und den Ruinen des Altertums, in Hütten von Lehm.Die Schilderungen der Reisenden vom damaligen Zustande der Stadt hat A. Meliarakis zusammengestellt in dem Aufsatz: Die großen Häuser Athens vor 50 Jahren (Hestia 19, 1885, Januar).

Die Auferstehung des Griechenvolks aus seinem geschichtlichen Grabe war ein Schauspiel ohne Beispiel im Leben der Nationen. Die Hellenen glichen den plötzlich erwachten Schläfern von Ephesos, die sich in der veränderten Kulturwelt nicht mehr zurechtfanden.In der Stunde der Wiedergeburt stand das griech. Volk einer Welt von Objekten, Kenntnissen und Begriffen stumm gegenüber (Krumbacher, Griech. Reise, 1886, S. XXVIII). Das Abendland wurde ihr Lehrer und Führer in diesem neuen Dasein.

Im Verhältnis zu der grenzenlosen Erschöpfung Griechenlands war der Prozeß seiner Zivilisierung ein überraschend schneller. Das hat vor allem Athen dargetan, neben Rom heute die älteste und in ihrer Regeneration zugleich die jüngste Hauptstadt, die ein Volk besitzt. Nur 53 Jahre sind seit dem Einzuge des Königs Otto verflossen, und schon gegenwärtig ist Athen, was es niemals mehr seit den Römerzeiten war, eine Stadt von 100 000 Einwohnern, die größte und schönste Griechenlands, welche zwar weder Sophokles noch Pindar, aber sicherlich jeder Byzantiner als glücklich und volkreich (ευδαίμονα καὶ πολυάνθρωπον) würde gepriesen haben. Sie dehnt sich mit weiten Plätzen, Straßen und manchen Palästen aus pentelischem Marmor bis zum Fuß des Lykabettos und über den Ilissos und Kephissos aus, während ihr Hafen zu einer zweiten, lebhaften Piräusstadt geworden ist.

An die Stelle asiatischer Barbarei sind die Gesetze, die Sitten und Kenntnisse Europas auf den alten mütterlichen Boden der Bildung wieder verpflanzt worden. In den Museen Athens sammeln sich wie in denen Roms die kostbaren Überreste der antiken Kunst. Die heimischen Gelehrten durchforschen das Altertum und lehren in öffentlichen Schulen, den Stiftungen des Staats und der opferbereiten Vaterlandsliebe von Privatpersonen, jede wissenschaftliche Disziplin. Das Abendland gab Athen und den Hellenen reichlich zurück, was es dem antiken Lande zu verdanken gehabt hatte. Auf den Universitäten Europas sind die Neugriechen in die Mysterien der modernen Wissenschaft eingeweiht und zu dem Berufe ausgerüstet worden, ihr Vaterland von der Barbarei zu reinigen und auf immer höhere Stufen der Gesittung zu erheben.

Die Scheidewand zwischen Hellenen und Franken ist gefallen; diese sind Bundesgenossen und Freunde des Landes, welches ihre ritterlichen Vorfahren im Mittelalter erobert und beherrscht hatten. Athen ist ein internationales Zentrum für das antiquarische Studium der griechischen Welt geworden, wie Rom es für dasjenige der Lateinerwelt ist. Wenn noch im 18. Jahrhundert und bis auf die Befreiung Griechenlands Forscher nur mit Mühe die Erlaubnis eines flüchtigen Besuchs der Stadt und ihrer Burg erhielten, so haben jetzt fremde Regierungen gelehrte Institute in Athen eingerichtet. Die Franzosen setzen dort ihre großen wissenschaftlichen Traditionen eifrig fort; die Deutschen, sogar die Amerikaner seit 1882, besitzen daselbst ähnliche Anstalten.

Der Einfluß der deutschen, für das Verständnis der antiken Idealwelt mit innerstem Sinn begabten Nation auf die Geschichte Neugriechenlands ist erst ein halbes Jahrhundert alt, da er wesentlich eine Folge der Berufung Ottos von Bayern auf den hellenischen Thron war.

Das moderne Griechenland hat seine erste bürgerliche Gesetzgebung und die Stadt Athen die Gründung der Universität den Deutschen zu verdanken. Wenn sich diese, von Martin Crusius abgesehen, später als die Franzosen, die Italiener und Engländer an der wissenschaftlichen Erforschung von Athen und Hellas beteiligen konnten, so erreichen doch auch ihre Arbeiten auf diesem Gebiet schon den Umfang einer Bibliothek. Die Griechen haben schließlich durch eine nationale Reaktion das deutsche Element aus ihrem Staate wieder ausgeschieden, aber ein seltsamer Zufall hat es gefügt, daß auch ihr zweiter König einem germanischen Volke und jenem Lande der Waräger angehört, dessen meerdurchfahrende Helden einst ihre Anwesenheit in Athen mit Runenschrift auf dem Piräuslöwen verewigt hatten.

Die Stadt Athen würde schon glücklich zu preisen sein, wenn sie aus den Jahrhunderten des Verfalles und der Sklaverei nur als die Schatzkammer heimischer Wissenschaft hervorgekommen wäre. Allein sie hat noch eine ehrenvollere Stellung und eine größere Aufgabe erhalten als diese, das Museum Griechenlands zu sein. Sie ist das politische, nationale und geistige Haupt aller Hellenen geworden, die sich zum ersten Mal, solange ihre Geschichte dauert, in einem Königreiche vereinigt haben. Dies Reich wurde zwar durch die Mißgunst der Mächte geographisch karg bemessen, und doch ist sein Umfang im Verhältnis zu den Staaten des antiken Griechenlands groß zu nennen. Die Regierung Athens umfaßt als ein einiges Gebiet beinahe das gesamte europäische Hellas. In die Grenzen des Nationalstaats sind erst vor wenigen Jahren Thessalien, ein Teil von Epiros und die ionischen Inseln eingeschlossen worden. Andere Erweiterungen können nur eine Frage der Zeit sein.

Hellas hat sich demnach die ehemaligen griechischen Kolonien Venedigs zum größten Teile einverleibt. Die unsterbliche Republik der Venezianer, die einst das Romäerreich gestürzt und ihren Namen auf jedem Blatte der mittelalterlichen Geschichte der Griechen eingezeichnet hatte, ist vom Schauplatz der Weltbegebenheiten abgetreten. Nach der Vollendung ihrer letzten großen Mission, der Abwehr des vorschreitenden Türkenreichs, ist sie in Italien aufgegangen. Zwei andre italienische Staaten, welche ehedem in die Geschicke Griechenlands tief eingegriffen hatten, Neapel und Sizilien, sind gleichfalls als Provinzen in ihr Gesamtvaterland zurückgetreten. Neue Mächte, die während des Mittelalters in den Beziehungen des Okzidents zum Orient kaum oder gar nicht sichtbar waren, sind im Lauf der letzten Jahrhunderte dort gewaltig aufgetreten. Rußland hat sich vom Norden her in die türkischen Gebiete eingeschoben und umfaßt beinahe schon den Pontus Euxinus. England ist zu einem maritimen Weltreich von nie gesehener Größe emporgestiegen. Es besitzt im Mittelmeer Malta und Zypern, das ehemalige Königreich der Lusignan; es hat seine Hand auf Ägypten gelegt, wo der Suezkanal, die späteste und wichtigste Schöpfung der Franken im Osten, die Meerengen des Bosporos und Hellespont bis nach Indien fortsetzt. Österreich ist der Erbe der südwestlichen Slavenländer Illyriens; zum Besitze Kroatiens, Slavoniens und Dalmatiens hat es Bosnien hinzugefügt.

Die sich vollziehende Neugestaltung der Balkan- und Donauvölker, deren tumultuarische Nationalstaaten man ihrem Ursprunge nach den geschichtlichen Niederschlag der großen slavischen Völkerwanderung nennen kann, gehört zu den bedeutendsten Schöpfungen unserer Zeit. Das türkische Reich ist dadurch um große europäische Gebiete verringert und dem Zustande von Ohnmacht nahegebracht worden, in dem sich Byzanz unter den letzten Palaiologen befunden hatte. Jene Völkermauer der Slaven und Wlachen, welche die Sultane im 14. und 15. Jahrhundert erst unter gewaltigen Kämpfen durchbrechen mußten, um zur Donau zu gelangen, hat sich vor unsern Augen wieder aufgerichtet. Die Rumänier, die Bulgaren und Serben, einst dem griechischen Reiche so furchtbar, haben sich von der türkischen Vasallenschaft befreit, und sie versuchen sich zu selbständigen Staaten herauszubilden, die mit den Interessen und der Bildung des Abendlandes enge verbunden sind. Sie versperren heute das untere Donaugebiet nicht nur gegen die Türkei, sondern sie bilden für den ganzen illyrisch-griechischen Kontinent und selbst für Konstantinopel einen Verteidigungsgürtel zum Schutze gegen das Vordringen Rußlands. Sie sind aber zugleich ein Wall, an dem die mögliche Ausdehnung des neugriechischen Staats nach dem Norden eine Schranke findet. Die Tatsache, daß es den Byzantinern nicht gelungen war, die Balkan- und Donauslaven, ferner Makedonien und Thrakien zu hellenisieren, ist heute auf die Fortentwicklung des griechischen Nationalstaates insofern von Einfluß, als sein Verhältnis zu Konstantinopel dadurch bedingt wird.

Seit der Entstehung des Reiches der Romäer war Griechenland eine byzantinische Provinz gewesen. Erst die Franken hatten dasselbe von Byzanz abgetrennt. Es war sodann unter den Palaiologen mit Konstantinopel wieder politisch verbunden worden, das eigentliche Hellas ausgenommen, wo der fränkische Staat Athen und einige andre Länder bis auf die türkische Eroberung außer dem Zusammenhange mit Byzanz blieben. Die Türken stellten diesen wieder her. Durch die Befreiung Griechenlands wurde endlich die alte staatliche Verbindung der Hellenen mit der Hauptstadt am Bosporos nochmals gelöst.

Es entsteht die Frage, ob diese Trennung eine bleibende sein wird, oder mit klaren Worten, ob die Wiederherstellung des byzantinischen Reichs durch die Griechen jemals möglich ist. Diese Frage kann Theoretiker beschäftigen, aber sie liegt außer dem Bereich der historischen Tatsachen, und sie hat auch für uns nur Wert, soweit sie dazu dient, die gegenwärtige Bedeutung Athens in dem neuen Prozeß der Geschichte der Hellenen festzustellen.

Wie Rom in der Gegenwart als die vaterländische Hauptstadt der Italiener das Zurückweichen der großen kosmopolitischen Ideen vor den nationalen bezeichnet, so ist auch die Stadt Athen das Haupt und die Seele des eigentlichen Landes der Hellenen. Ihr Schicksal hat diese natürliche Lösung gefunden, während dasjenige Konstantinopels noch ungelöst ist. In der byzantinischen Zeit, selbst noch unter der Herrschaft der Sultane, pulsierte das Leben der großen griechischen Familie wesentlich in den Adern der Weltstadt Konstantins. Jetzt ist dasselbe von dort hinweggeströmt, um sich wesentlich in Athen zu sammeln, dem alten legitimen Gefäß der griechischen Kultur. Die Stadt der Pallas und der Musen wird dies wohl geraume Zeit bleiben und in dem Maße, als Hellas wieder zu neuer Kraft gelangt, eine immer reichere Entwicklung haben.

Allein es droht ihr nochmals eine Gefahr von Byzanz her, derjenigen Stadt, die sich nicht in nationale Schranken verweisen läßt. Der am Horizont der Geschichte neu aufsteigende Stern Athens kann wiederum durch Konstantinopel verdunkelt werden, wenn nach dem Abzuge der Osmanen vom Bosporos das griechische Kreuz auf der Hagia Sophia wieder erscheint und ein neues hellenisches Kulturreich mit dem Mittelpunkt Byzanz entsteht, welcher dann die Lebensgeister Griechenlands mit magnetischer Zugkraft an sich ziehen würde.

So gibt es heute keine Frage, die mehr aufregt als diese nach der Zukunft Konstantinopels, der gegenwärtig geheimnisvollsten und wichtigsten aller Städte der Erde, von deren dämonischem Fatum nicht nur das Schicksal Athens und Griechenlands, sondern vielleicht die künftige Gestaltung zweier Weltteile abhängig ist.

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