Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich von Sontheim >

Geschichte der Liebe

Friedrich von Sontheim: Geschichte der Liebe - Kapitel 5
Quellenangabe
typeessay
authorFriedrich von Sontheim
titleGeschichte der Liebe
publisherHallberger'sche Verlagshandlung Stuttgart
year1855
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidd1c8c9c4
created20070210
Schließen

Navigation:

Mag die Sinnlichkeit bei den Orientalen auch noch so verfeinert und dadurch über ihren ursprünglichen Standpunkt hinausgetrieben sein, immer liegt doch jenes unmittelbare Verhältniß von Geist und Sinnlichkeit zu Grunde, wo der Geist sich seiner Geschiedenheit und Freiheit noch nicht bewußt ist; wo er sich nicht über die Materie erhebt, um sich dann wieder auf sie einzulassen, und so innerhalb des Natürlichen selbst seine rechte volle Freiheit zu behaupten. Nirgends ist noch jene geistige Spannung und Entzweiung, welche Allem erst das höchste Interesse verleiht, überall der ruhige, ungehemmte, natürliche Fluß. Dieß ist selbst in Griechenland der Fall, welches bei aller Höhe der Bildung doch von dem allgemeinen Charakter der alten Welt nicht ausgenommen war. Eben darum bildeten die Griechen das sinnlich Ideale zu seiner höchsten Vollkommenheit aus, weil ihnen das transscendente Ideale, das Sentimentale und Romantische etwas durchaus Fremdes war, weil ihnen das Leben überall viel zu sehr in seiner heitern Gestalt entgegen trat, als daß sie hätten daran denken können, es erst durch einen hinein gelegten geistigen Reiz zu verschönern. Indem aber von ihnen das Natürliche, die schöne Sinnlichkeit auf ihre höchste Höhe gehoben und zu classischer Reinheit vollendet wurde, mußte sie dadurch nothwendig selbst vergeistigt werden. Darin liegt gerade der Reiz der griechischen Welt, daß in ihr die Elemente des wahrhaft freien geistigen Bewußtseins aus dem Schoos der Sinnlichkeit unwillkürlich, mit innerer Nothwendigkeit hervorbrechen. Deßwegen ist sie auch in sich selbst zusammengebrochen und hat ihr reiches Leben in ein neues Gefäß übergeströmt, während die orientalische Sinnlichkeit ruhig und unverändert fortbesteht wie in den ältesten Zeiten. Diesen Übergang, diese Mittelstufe an dem griechischen Leben und an der innerhalb desselben herrschenden Form des geschlechtlichen Verhältnisses insbesondere zu veranschaulichen, ist nun die Aufgabe.

Griechenland bildet schon geographisch betrachtet den Übergang von Asien nach Europa, und die Gelehrten haben schon längst die drei verschiedenen Straßen ausfindig gemacht, auf denen ihnen die ältesten Elemente asiatischer Cultur zugeführt werden konnten. Diese Spuren orientalischen Wesens lassen sich denn auch gar leicht nachweisen, und nirgends deutlicher als in den geschlechtlichen Dingen. Dem Asiatischen aber stand ein so kräftiges europäisches Element entgegen, daß das erstere nirgends zu einseitiger Uebergewalt kommen konnte, sondern aus der gleichmäßigen Mischung beider das originale Produkt des Hellenenthums hervorging. Die beiden Hauptrichtungen des menschlichen Geistes, Verstand und Wille, Freiheit und Energie erblickte schon Aristoteles bei seinem Volk in glücklichster Mischung und leitete hievon die geistige Ueberlegenheit, die ganz besondere Trefflichkeit desselben ab. Die Feinheit, der gebildete Formensinn, die weiche Sinnlichkeit und Erregbarkeit kam ihnen von Asien, die energische sittliche Tüchtigkeit aber, das schöne Maßhalten, das den Geist nie an die bloße Sinnlichkeit verloren und in ihr untergehen ließ, war ihr europäisches Erbtheil.

Die Sinnlichkeit und die ganze Weltanschauung der asiatischen Völker hing auf's Engste zusammen mit ihrem religiösen Systeme. Weil sie in dem Göttlichen nichts Anderes erblickten, als die zeugende und schaffende Naturkraft, ohne irgend eine weitere geistige und sittliche Bedeutung, deßwegen war auch das menschliche Leben von Nichts erfüllt als von Aeußerungen der Sinnlichkeit und was von höheren Lebensgestaltungen hinzukam, war nicht das Werk einer objektiven sittlichen Macht, sondern die unwillkürliche Frucht der mit den höheren geistigen Funktionen von Natur unzertrennlich verbundenen Thätigkeit des natürlichen Lebens. Ganz diese asiatische Natur-Religion war aber auch das älteste Götterwesen der Griechen, und wenn dasselbe auch später veredelt und in einen Kreis sinnlich-geistiger, olympisch-erhabener Göttergestalten umgeschaffen wurde, so scheint doch auch in diesen folgenden Zeiten überall das Ursprüngliche, rein Natürliche, noch durch. Alte Natur-Gottheiten, die allmälig eine veränderte Bedeutung erhielten, waren Hermes, Demeter, Dionysos (Bacchus). Mehr dem Volksglauben und dem altpoetischen Vorstellungskreis gehörten an: Pan und Priapus, diese ächt orientalische Personifikation der Zeugungskraft, ferner die Satyren und Faunen. Interessant ist nun, auf welche verschiedene Weise der Einfluß dieser alten unaustilgbaren Natur-Götter sich im Leben geltend zu machen suchte. Die Faunen und Satyrn spielten ihre Hauptrolle in den dem Volk an's Herz gewachsenen mythischen Erzählungen, in den Volksgeschichten und Romanen; sie standen in der zweideutigen Mitte zwischen ungläubiger Verwerfung und sinnlichem, nur um so festerem Glauben, ähnlich den Gegenständen des Zauber- und Geister-Glaubens in unserer Zeit. Wenn nun aber diese Personifikationen sinnlicher Lüsternheit und gewaltsamer Begier die eigentliche Substanz der religiösen Vorstellung bildeten, so läßt sich denken, in welcher Richtung durch sie das Leben des Volks bestimmt wurde. Deutlicher und greifbarer sind die Spuren des alten Naturdienstes in den geheimen Culten des Dionysos und der Demeter. Obgleich mit dem Schleier des Geheimnisses bedeckt und den Profanen unzugänglich, waren sie doch ein Theil des eigentlichen Gottesdienstes, ja ohne Zweifel der wichtigste und einflußreichste, da wohl auch hier, wie überall, die Götter des Tages zwar in den Tempeln glänzten und der officiellen Verehrung genossen, die wirkliche Macht aber ihren verborgenen und verachteten Nebenbuhlern, den Geschöpfen des Aberglaubens überlassen mußten. Welcher Art die Culte des Dionysos sein mußten, läßt sich errathen aus den bekannten Schilderungen der Mänaden, der von wüthender Lust erfüllten Weiber, die jeden Mann, der in ihre Nähe kam, mit grausamer Gier zerrissen. Die Mysterien der Demeter waren geregelter und ernster, aber auch ihr Gegenstand war kein anderer, wie uns der Dichter mit so viel Anmuth und Schalkheit in den folgenden Distichen sagt:

Und was war das Geheimniß? als daß Demeter, die Große,
Sich gefällig einmal auch einem Helden bequemt,
Als sie dem Jasion einst, dem mächtigen König der Kreter,
Ihres unsterblichen Leibs holdes Verborgne gegönnt.
Da war Kreta beglückt! Das Hochzeitbette der Göttin
Schwoll von Aehren und reich drückte den Acker die Saat.
Aber die übrige Welt verschmachtete! denn es versäumte
Ueber der Liebe Genuß Ceres den schönen Beruf.
Voll Erstaunen vernahm der Eingeweihte das Mährchen,
Winkte der Liebsten – Verstehst Du nun, Geliebte, den Wink?
Jene buschige Myrte beschattet ein heiliges Plätzchen!
Unsre Zufriedenheit bringt keine Gefährde der Welt.

Wie mächtig mußte sich die Sinnlichkeit bei einem Volke entwickeln, das in seiner Religion selbst die stärkste und unmittelbarste Aufforderung hatte, den Trieben derselben zu huldigen! Daher auch die der asiatischen Prostitution ganz analoge Erscheinung der Hierodulen, der Venus-Priesterinnen in Samos oder Korinth, welche den fremden Besuchern ihres Tempels willfahrten und von dem Lohne ihrer Gewährungen diesen Tempel selbst aufgebaut hatten, wie die berühmte ägyptische Buhlerin eine der höchsten Pyramiden zusammenbrachte, indem sie von jedem ihrer Begünstigten einen Stein zu dem Bau herbeitragen ließ.

Dem dunkeln Grunde der Natur-Religion entstiegen, wie gesagt, nach und nach die höheren Götter, die Geschöpfe einer gebildeteren Einbildungskraft. Wenn aber diese auch nicht mehr blos die eine Zeugungsfülle der Natur repräsentirten, sondern in reicher Mannigfaltigkeit den verschiedenen Zweigen eines erfüllteren sittlichen Lebens vorstanden, so waren sie doch immer nicht aus dem Kreise des Natürlichen und Sinnlichen hinausgerückt; sie waren der treue Reflex eines Volkes, das sich ungestört von den unmittelbaren natürlichen Zuständen zu einem schönern, menschlich heiteren Dasein fortentwickelt hatte. Und wie die Götter ein Abbild des Volkes waren, so spiegelte sich dieses mit Lust an seinen Göttern. Zeus, der höchste und erhabenste, stellte in seiner Person dar, wie die von ihm beherrschten Menschen sein sollten. Er selbst aber war ein Mensch mit allen Leidenschaften und dem ganzen sinnlichen Wesen der Erdenbewohner, und nur dadurch unterschied er sich von den Sterblichen, daß er die unbeschränktere Fähigkeit hatte, das, was er menschlich wünschte und begehrte, mit göttlicher Allmacht zu erreichen. Diese Wünsche und Begierden sind nun zwar nie die einer machtlosen, sich selbst vernichtenden Sinnlichkeit, ungescheut aber geht er die schönen Verhältnisse der Sinnlichkeit ein. Diesem Vorbilde folgend verachtete auch der Grieche eine maßlose barbarische Sinnlichkeit, ohne Bedenken dagegen überließ er sich jeder sinnlichen Aeußerung, welche durch die Macht der Schönheit veredelt war. Überall im Leben galt das, was in den alten Sagen von dem Verkehr der Götter und Menschen in tausendfacher Wiederholung vorkam:

In der heroischen Zeit, da Götter und Göttinnen liebten,
Folgte Begierde dem Blick, folgte Genuß der Begier.

Dieses schöne sinnliche Leben der Griechen tritt uns in seiner ursprünglichen Frische entgegen bei Homer. Der Standpunkt, den er einnimmt, ist ganz der des A. Testaments in der Schilderung der patriarchalischen Zustände; nur daß bei ihm Alles mehr von dem Schimmer der Poesie übergossen ist. Das Verhältniß der beiden Geschlechter erscheint auch bei ihm als ein durchaus natürliches; die sinnliche Begierde wird nirgends verhüllt und selbst die Geheimnisse der natürlichen Liebe werden offen und unbefangen geschildert. Alle Schilderungen dieser Sinnlichkeit aber sind edel und schön, so daß das Natürliche überall in angeborner sittlicher Würde auftritt. Frauen und Jungfrauen sind stets keusch und züchtig; die letzteren kommen freilich seltener vor, weil sie nach der allgemeinen Sitte der Zeit meist zurückgezogen im Gynäceum, im Frauengemach leben; doch läßt sich kaum ein schöneres Bild naiver Jungfräulichkeit denken, als Nausikaa. Desto zahlreicher sind die edeln Frauen: Hekuba, Andromache, Penelope, welche mit aller Treue an dem Manne hängen, ohne ihm irgend sklavisch untergeordnet zu sein. Die eheliche Eintracht wird namentlich als die schönste und höchste Gabe der Götter gepriesen. Wie aber Jupiter neben der Juno den irdischen Weibern nachgeht, so ist auch der Mann keineswegs ausschließlich an seine Gattin geknüpft; der Umgang mit einem Kebsweibe ist weder eine Schande noch ein Unrecht, so lange das Vorrecht der ehelichen Gattin nicht gekränkt wird. Ganz offen wird die schöne Briseis dem Achilles in's Zelt gebracht als die kostbarste Beute, die mit Recht der göttergleichen jugendlichen Kraft und Tapferkeit zukomme, und ihr Verbleiben in seinem Besitz ist eine Angelegenheit, die das ganze Volk aufs Lebhafteste beschäftigt und aufregt.

Diese Verklärung des Natürlichen durch die ihm angeborne Schönheit und Würde ist es, wegen deren in Homer ewig die erste und vollkommenste Darstellung der einfach schönen Menschlichkeit bewundert wird. Auch die späteren Tragiker gehen ganz von diesem Prinzip der natürlichen Sinnlichkeit aus; da der Hauptgegenstand ihrer Darstellung aber immer ein ernstes tragisches Geschick ist, und nicht wie bei Homer das heitere Leben in seiner spiegelklaren Bewegung, so tritt dieses Sinnliche gegen das sittliche Element überall zurück, wodurch die Frauengestalten und ihre leidenschaftlichen Beziehungen, die Antigone des Sophokles oder die Iphigenia des Euripides, unserer Vorstellung weit näher gerückt werden.

Bei den Dichtern ist die Gesammtheit des griechischen Lebens in idealer Weise zusammengefaßt; sie geben eine Totalanschauung des Edelsten und Schönsten, bei welcher die störenden Eigenthümlichkeiten des Einzelnen in der Vollendung des Ganzen verschwinden. In der geschichtlichen Entwicklung aber tritt das bei ihnen so schön Vereinte weiter aus einander; nur Homer hat die sämmtlichen Stämme von Troja vereinigt, in der Wirklichkeit ging nicht nur jedes seinen eigenen Weg, sondern sie standen meistens sogar mit der größten Feindseligkeit einander gegenüber. Diese Stammesverschiedenheit aber machte sich in der Weise geltend, daß jeder Stamm seine eigene schöne Ausbildung hatte, dem einen aber gerade das abging, was bei dem andern im höchsten Maße war. Die Dorier repräsentirten mehr das streng sittliche Wesen, die Ionier vorherrschend die sinnlich-weiche, die allseitig erregbare Seite des griechischen Volkscharakters. Bei den Doriern hatte deßwegen das weibliche Geschlecht eine viel freiere, würdigere Stellung: die Mädchen wurden mit den Jünglingen erzogen und gingen mit ihnen ungehindert um; die Frauen waren zwar mehr auf ihr Hauswesen beschränkt, hier aber waren sie die Herrinnen und dieß so sehr, daß die gewiß mannhaften Spartaner in Athen wegen dieser Pantoffelherrschaft verlacht wurden. So waren bei den Doriern alle Bedingungen zu einer geistigen Gestaltung des geschlechtlichen Verhältnisses gegeben, und wirklich gehören auch die ausgezeichnetsten griechischen Frauen fast alle ihnen an. Auf der andern Seite aber fehlte ihnen gerade das, was für eine feinere Auffassung des Lebens unerläßlich ist, jene weiche Sinnlichkeit und ästhetische Bildsamkeit, welche den Ioniern eigen war. Das männliche Geschlecht wurde bei ihnen nur mit Rücksicht auf körperliche Tüchtigkeit erzogen und konnte daher natürlich auch dem weiblichen keine feinere geistige Bildung mittheilen. Nicht diese wurde an den spartanischen Jungfrauen gesucht, sondern eine der männlichen gleichkommende Rüstigkeit, welche sie in den Stand setzte, dem Staat kräftige Bürger zu gebären und im Nothfall zu seiner Vertheidigung selbst die Waffen zu ergreifen. Ein tüchtiges häusliches Leben konnte daher wohl gedeihen, von dem aber, was wir allein Liebe nennen, von jener individuellen gemüthlichen Betheiligung war da keine Rede, wo sich Alles nur auf den Staat, auf Krieg und Waffen bezog, wo jede freie individuelle Regung gewaltsam unterdrückt, das Spröde und Harte überall geflissentlich hervorgekehrt wurde.

Was den Doriern abging, fand sich bekanntlich bei den Ioniern in reicher Fülle: Kunst, Literatur, die vielseitigste geistige Ausbreitung. Die hohe Bildung der Männer nun mußte, sollte man denken, nothwendig auch eine höhere Wertschätzung der Frauen mit sich bringen. Wirklich kannten auch die Ionier eine feinere weibliche Bildung wohl und wußten sie zu schätzen; Beweis davon sind die Hetären, welche eine ehrenhafte öffentliche Stellung einnahmen. Dennoch aber konnte auch bei ihnen von einer allgemeinen Bildung des weiblichen Geschlechts keine Rede sein, so daß die geistigen und gesellschaftlichen Reize der Hetären nur für die um so weiter zurückgebliebene Bildung des übrigen Geschlechts entschädigen zu sollen schienen. Die Ehe war nämlich auch hier bloßes Staatsinstitut, eine Pflicht gegen die Ahnen zur Fortpflanzung ihres Geschlechts; aus diesem Grunde allein traf den Ehelosen Strafe und wurde der Familienvater geachtet. Zu diesem kam noch, daß die äußere Form des Lebens bei den Ioniern weit mehr orientalisch war, daß namentlich die Privatsklaverei bei ihnen in weit größerem Umfang sich fand. Deßwegen erhielt die Frau jene orientalisch zurückgezogene Stellung im Hause, bei der sie, von allem bildenden Umgang ausgeschlossen, als ganz untergeordnet, nur der Sinnlichkeit und den übrigen Forderungen des Mannes dienend angesehen wurde. Je größer aber auf diese Weise die Kluft zwischen der männlichen und weiblichen Bildung wurde, desto näher war damit auch der Gedanke an eine Emancipation der Frauen gelegt, welcher bei Platon und Aristophanes die beschränkte nationale Sitte und Vorstellung zu durchbrechen anfing.

So fein organisirt also auch die Griechen für alles Schöne und Sinnliche waren, so fand die Liebe doch nur als der bloße Genuß und Schönheits-Cultus eine Stelle in ihrem Leben, der höhere romantische und sentimentale Schwung aber ging ihnen ab. Die Sinnlichkeit war bei ihnen zu sehr eine ungehemmte, und alle ihre Sinne und Gedanken gingen zu sehr auf in den Beziehungen des natürlichen, insbesondere aber des öffentlich politischen Lebens, als daß sie aus der Enge eines bürgerlich-philisterhaften, von allen Seiten gedrückten Daseins, wie wir, in die einzig freie Sphäre des Romantischen sich zu flüchten nöthig gehabt hätten. Nur zwei Erscheinungen sind es, in denen bei den Griechen die höhere Liebe gleichsam aus der vollen Knospe der Sinnlichkeit hervorzubrechen versucht, wir meinen die schon erwähnten Hetären und die Knabenliebe. Merkwürdig, daß auch diese beiden Erscheinungen an die zwei Hauptstämme vertheilt waren; denn die Hetären kamen zwar überall in Griechenland, in Asien und Italien vor, ihr Hauptsitz aber war in Athen; ebenso breitete sich die Päderastie über alle griechischen Stämme aus und nahm zum Theil, besonders in Asien, einen ganz veränderten, gemein sinnlichen und unnatürlichen Charakter an; ihre eigentliche Heimath aber, wo sie sich in ihrer ursprünglichen Reinheit befand, war bei den Doriern.

Man würde sehr irren, wenn man die Hetären als bloße Buhlerinnen und Lustdirnen ansehen wollte. Als solche hätten sie in Griechenland gar keine besondere Rolle spielen können, da die Sinnlichkeit überall frei und offen auftreten konnte, und der geschlechtliche Umgang mit reizenden Mädchen sich von selbst verstand. Ihre Bedeutung läßt sich aus nichts deutlicher erkennen, als aus dem Umstand, daß die ausgezeichnetsten Individuen dieses Standes, eine Aspasia und Phryne, des Atheismus beschuldigt wurden und deßwegen vor dem öffentlichen Gericht standen. Von jener konnten nur des Perikles Thränen und seine hinreißende Beredtsamkeit das Schlimmste abwenden; diese wußte Hyperides durch nichts Anderes zu retten, als dadurch, daß er ihren göttlichen Busen entblößte, und die grauen Richter zur Ueberzeugung brachte, daß ein solches Meisterwerk der Götter nicht zum Unglauben an ihr Dasein verleiten könne. Erinnert man sich, daß auch ein Sokrates wegen derselben Anklage des Atheismus sich zu verantworten hatte, so wird man auf die Ansicht geführt, daß die Hetären über das Gewöhnliche hervorragende Weiber waren, die sich mit dem, wenn auch noch so unbestimmten Gedanken an eine sociale Umgestaltung, namentlich an eine Reform des geschlechtlichen Verhältnisses, der Stellung der Frauen in der Gesellschaft trugen. Sie entsprachen also so ziemlich denjenigen, die bei uns mit leidenschaftlichem Eifer für die Emancipation des Fleisches und was dazu gehört kämpfen. Bei uns sind es meistens Männer, die diese socialen Schranken zu durchbrechen suchen; in Griechenland, wo der männlichen Sinnlichkeit keine Fesseln angethan waren, mußten es vorherrschend Weiber sein, geniale Künstlerinnen, Schülerinnen und Lehrerinnen der Philosophen. So waren freilich nicht alle; viele waren nur wegen ihrer unvergleichlichen Schönheit allgemein gesucht; daß es aber solche Hetären gab und daß dieß gerade zu ihrem Wesen gehörte, ist unläugbar. Das berühmteste Beispiel hievon ist Aspasia, die Freundin und dann die Gattin des Perikles. Daß auch sie anfänglich vollkommen frei in sinnlicher Beziehung lebte, ist nicht zu bezweifeln; dieß hielt aber den Sokrates nicht ab, sich als ihren Schüler zu bekennen, noch den Perikles, bei ihr alle Geheimnisse des feinsten Geschmacks zu lernen. Bei aller Freiheit der Sinnlichkeit finden wir also hier eine außerordentliche geistige Werthschätzung des Weibes. Mehr nur von der sinnlichen Seite sind Phryne und Lais bekannt. Wie offen auch in dieser Hinsicht der Umgang mit ihnen war, geht daraus hervor, daß der Redner Demosthenes, um die Reize der letzteren zu genießen, nach Korinth reiste, aber unverrichteter Sache wieder umkehrte, weil ihm 1000 Thaler zu viel waren, was zu dem im ganzen Alterthum gangbar gewordenen Sprüchwort Veranlassung gab: »Nicht jeder kann nach Korinth reisen.« Ja sogar den Diogenes, den jeden Genuß verachtenden Philosophen in der Tonne, soll sie aus dieser heraus in ihre weichen Arme gelockt haben.

War in dem Genuß, den man bei den Hetären suchte, das Sinnliche immer noch eine Hauptsache, wo nicht vorherrschend und ausschließlich, so suchte man dagegen in der reinen Knabenliebe eine eigentlich geistige und sentimentale Befriedigung. Hier galt es bloß das Seelenvolle, das namentlich die großen Philosophen Sokrates und Platon vorzugsweise bei schönen Jünglingen zu finden glaubten. Da für den Griechen die Frauenliebe etwas so ganz Offenes, die Sinnlichkeit eine unverhüllte war, so mußte er das Bedürfniß des sentimentalen Gefühls durch ein anderes Verhältniß befriedigen. In der Knabenliebe hatte er nun die heimliche Vertraulichkeit, die leidenschaftliche Aneignung und Eifersucht, welche er in der Liebe des Weibes nicht kannte. Ausdrücke, die wir in den platonischen Dialogen finden, von dem seelenvollen Aufschlagen der Augen eines solchen geliebten Jünglings und ähnliche, entsprechen ganz dem, was eine höhere Liebe an dem geistig begabten Weibe hinreißend findet. Auch wo die Knabenliebe vollkommen rein und geistig war, konnte sie also nie ohne das Element der Schönheit sein, und es ist einleuchtend, wie nahe deßwegen auch für die Besten ihre Gefahren und Verirrungen lagen. Wo aber die Päderastie rein blieb, da trug sie auch ganz die Früchte, welche wir dem edelsten Lebensverhältniß zuschreiben; sie war eine Vereinigung auf Leben und Tod, der Bund eines gemeinsamen höheren Strebens, der Bund der edelsten Hingabe und Aufopferung.

Die Darstellung der griechischen Liebe ist mit der lyrischen Poesie zu schließen, wie sie mit der epischen begonnen hat. Dieß wird zugleich Veranlassung, eines dritten griechischen Hauptstamms noch besonders Erwähnung zu thun, des äolischen. Dieser war in staatlicher und gesellschaftlicher Ausbildung hinter den anderen weit zurückgeblieben; die ganze Form des äolischen Lebens war noch eine so zu sagen alterthümlich ritterliche, alle ihre Äußerungen deßwegen mehr subjektiv und leidenschaftlich, ohne in den Fluß eines wirklich harmonisch gegliederten öffentlichen Daseins eingehen zu können. Dadurch eigneten sich nun die Aeolier vorzugsweise zur Ausbildung einer innigeren subjektiven Lyrik. Nicht als ob es den Griechen überhaupt an einer erotischen Literatur gefehlt hätte; Schönheit und Liebe spielten bei einem so fein organisirten Volke eine viel zu bedeutende Rolle, als daß sie nicht auch einen poetischen Ausdruck hätten finden sollen. Aber alle ihre Liebeslieder stießen in anakreontischer Heiterkeit dahin, entweder eine Begierde ausdrückend, welcher noch keine spiritualistische Moral hemmend in den Weg trat, oder den frohen Genuß feiernd. Von dieser griechischen Ruhe und Heiterkeit ist die Aeolierin Sappho die einzige Ausnahme; ihr Minnegesang war zwar durchaus weich und anmuthig, aber auch voll Gluth und Leidenschaft. Um ihren Platz in der griechischen Literatur und im griechischen Leben zu würdigen, dürfen nur die Aussprüche und Urtheile der Alten selbst über sie angeführt werden. Die ausgezeichnetsten, höher gebildeten Männer nennen sie eine unvergleichliche Frau; wie Homer unter den Männern, so stehe Sappho unter den Weibern unerreicht da. Der weise Solon lernte in seinen alten Tagen ein Lied von ihr auswendig, um mit dem Eindruck desselben zu sterben, und Sokrates zählt sie zu den weisen, zu den geistig schönen Frauen. Dagegen wurde sie von der niedriger stehenden öffentlichen Meinung, die ihr Organ hauptsächlich in den attischen Komödiendichtern fand, ebenso verspottet und verlästert wie bei uns ein ezcentrischer leidenschaftlicher Dichter, der durch die Rückhaltlosigkeit seiner Gefühlsäußerungen Anlaß zu Beschuldigungen eines lasciven Lebenswandels gibt. Man konnte ihr, einem Weibe, nicht verzeihen, daß sie durch ihr Talent die meisten Männer verdunkle, und verhöhnte sie daher als eine kleine, schwarze Person; noch weniger konnte man dulden, daß sie die freiere Stellung der Männer, welche ungehindert nach allen Seiten hin dem Zug der Schönheit und Begierde folgen konnte, auch für ihr Geschlecht in Anspruch nehme, welchem zwar keine Moral, aber eine noch strengere und unverbrüchlichere Sitte jede freiere Lebens- und Gefühlsäußerung verwehrte. Deßwegen gab man ihr unnatürliche Gelüste und unerlaubten Umgang mit Personen ihres Geschlechts Schuld, während sie nicht anders als in der edelsten Weise von der weiblichen Schönheit begeistert war, und ihr Verhältniß zu ihren schönen Freundinnen ebenso wenig etwas Anstößiges hatte, als die Liebe der edelsten Männer zu geistig und leiblich schönen Jünglingen, als die Päderastie im reinsten Sinne. Mit aller Energie der Leidenschaft führte Sappho den Streit für die Freiheit des Geschlechts gegen die Schranken einer unnatürlichen Sitte; die Vergeblichkeit ihres Kampfes aber ist, wenn auch nicht mit historischer, doch gewiß mit innerer Treue in dem Mythus von ihrem Tode ausgesprochen. Der Jüngling Phäon, von Aphrodite mit unwiderstehlichem Liebreiz begabt, soll ihr Geliebter gewesen sein, und als er ihre Liebe nicht erwiedert, habe sie sich von einer hohen Felswand in's Meer hinabgestürzt. Dieß soll ohne Zweifel nichts Anderes heißen, als daß ein Weib untergehen mußte, welches Aphroditens Gesetz verkehrend, dem Zug ihres eigenen Gefühls folgen wollte, anstatt ein bloßer Gegenstand männlichen Begehrens zu sein.

Sappho ist für die Geschichte der Liebe so bedeutend, daß es nicht zu viel sein wird, von den wenigen Bruchstücken, die als letzte Trümmer einstigen Reichthums auf uns gekommen sind, das mitzutheilen, was zur Charakteristik ihrer gemüthlichen und doch so leidenschaftlichen Gesänge sich besonders eignet. Zuerst eine Ode, welche ihr sehnsüchtiges Verlangen nach einem Geliebten ausdrückt:

Unsterbliche Aphrodite, die Du auf bunt schimmerndem Sitze thronst,
Stärke spinnende Tochter des Zeus, ich bitte Dich, belaste
O Herrin, nicht mit Kummer und Schmerzen mein Herz,

Sondern komm zu mir, wenn Du je sonst aufmerksam
Meinem Gesange lauschtest und Deines
Vaters goldenes Haus verlassend kamst

In Deinem Gespann. Da zogen Dich schöne schnelle Sperlinge
Vom Himmel herab mit emsigem Flügelschlag über der
Schwarzen Erde hin, mitten durch den Äther schwebend.

Und plötzlich waren sie da. Du aber, o Selige, lächeltest
Mit dem unsterblichen Antlitz und fragtest: was es sei',
Das ich erdulde, und warum denn ich Dich rufe,

Und welchen besondern Wunsch ich hege im stürmenden
Gemüthe. »Wen soll ich Dir fangen im Netze der Liebe?
Wer krankt Dich, o Sappho? – Sei ruhig – flieht er

Auch jetzt, bald wird er Dich verfolgen. Nimmt er jetzt
Deine Geschenke nicht an – er wird Dir solche geben.
Küßt er jetzt Dich nicht, bald wird er küssen selbst die Widerstrebende.«

Komm auch jetzt zu mir und befreie mich von quälenden
Sorgen, und was mein Herz wünscht, erfülle,
Du selbst aber sei meine Helferin.

Die folgenden, ohne Zweifel unvollständigen Strophen »an eine geliebte Frau« sind noch stärker im Ausdruck. Einzelne Bilder sind bei aller Schönheit und Wahrheit uns ungewohnt; abgesehen davon wird Jedermann darin den schönen leidenschaftlichen Ausdruck eines lange zurückgehaltenen Gefühls bewundern:

Den Göttern gleich dünket sich der Mann,
Der Dir gegenüber sitzt, und aus der Nähe
Deine süße Stimme hört

Und Dein liebliches Lachen. Das macht mir mein Herz
Im Busen schlagen. Denn wenn ich Dich sehe, so kommt
Plötzlich kein Laut mehr aus mir.

Sondern meine Zunge erstirbt, und zartes Feuer
Ueberläuft sogleich meine Haut; mit den Augen
Sehe ich nichts und meine Ohren klingeln.

Und herab rinnt der kalte Schweiß, Zittern
Durchbebt mich ganz; ich bin blasser als Gras,
Fast ist es, als wäre kein Leben mehr in mir.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.