Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Joachim Winckelmann >

Geschichte der Kunst des Altertums

Johann Joachim Winckelmann: Geschichte der Kunst des Altertums - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Kunst des Altertums
authorJohann Joachim Winckelmann
year1964
firstpub1764
publisherHermann Böhlaus Nachfolger
addressWeimar
titleGeschichte der Kunst des Altertums
pages398
created20170709
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

 
Zur Methode des Schaffens

Das dritte Stück des zweiten Abschnittes dieses Kapitels betrifft das mechanische Teil derselben, und zwar erstlich die Ausarbeitung ihrer Werke und zweitens die Materie, in welcher sie gearbeitet sind.

 
Über die Ausarbeitung

In Absicht der Ausarbeitung berichtet Diodorus, daß die ägyptischen Bildhauer den noch unbearbeiteten Stein, nachdem sie ihr festgesetztes Maß auf denselben getragen, auf dessen Mittel voneinander gesägt, und daß sich zwei Meister in die Arbeit einer Figur geteilt. Nach eben der Art sollen Telekles und Theodorus aus Samos eine Statue des Apollo von Holz zu Samos in Griechenland gemacht haben; Telekles die eine Hälfte zu Ephesus, Theodorus die andere Hälfte zu Samos. Diese Statue war unter der Hüfte, bis an die Scham herunter auf ihr Mittel geteilt und hernach wiederum an diesem Orte zusammengesetzt, so daß beide Stücke vollkommen aufeinander paßten. So und nicht anders kann der Geschichtschreiber verstanden werden. Denn ist es glaublich, wie es alle Übersetzer nehmen, daß die Statue von dem Wirbel bis auf die Scham geteilt gewesen, so wie Jupiter, nach der Fabel, das erste Geschlecht doppelter Menschen von oben mitten durch geschnitten? Die Ägypter würden ein solches Werk ebensowenig als den Menschen, den ihnen der erste Ptolemäus sehen ließ, welcher auf diese Art halb weiß 66 und halb schwarz war, geschätzt haben. Zum Beweis meiner Erklärung kann ich eine auf ägyptische Art, ohne Zweifel von einem griechischen Künstler gearbeitete Statue von Marmor anführen. Es ist mehrmal erwähnter Antinous, wie er in Ägypten verehrt worden, welches die Ähnlichkeit desselben mit wahren Köpfen dieses Lieblings beweisen kann: es stand derselbe vermutlich unter den ägyptischen Gottheiten in dem sogenannten Canopo in der Villa des Kaisers Hadrianus zu Tivoli, wo er gefunden worden. Nichtdestoweniger hat diese Statue nicht die ägyptische Form: denn der Leib ist kürzer und breiter, und außer dem Stande ist dieselbe völlig nach den Regeln der griechischen Kunst gearbeitet. Es besteht dieselbe aus zwei Hälften, welche unter der Hüfte und unter dem Rande des Schurzes zusammengesetzt sind: sie wäre also als eine Nachahmung der Ägypter auch in diesem Stücke anzusehen. Dieser Weg zu arbeiten aber, welchen Diodorus angibt, müßte nur bei einigen kolossalischen Statuen gebraucht worden sein, weil alle anderen ägyptischen Statuen aus einem Stücke sind. Eben dieser Skribent redet unterdessen von vielen ägyptischen Kolossen aus einem Stücke, von denen sich noch bis jetzt einige erhalten haben: unter jenen war die Statue [des] Königs Osimanthya, deren Füße sieben Ellen in der Länge hatten.

Alle übriggebliebenen ägyptischen Figuren sind mit unendlichem Fleiße geendigt, geglättet und geschliffen, und es ist keine einzige mit dem bloßen Eisen völlig geendigt, wie einige der besten griechischen Statuen in Marmor; weil auf diesem Wege dem Granit und dem Basalt keine glatte Fläche zu geben war. Die Figuren an der Spitze der hohen Obelisken sind wie Bilder, die in der Nähe müssen betrachtet werden, ausgeführt; welches an dem Barberinischen und sonderlich an dem Obelisko der Sonnen, welche beide liegen, zu sehen ist. An diesem ist sonderlich das Ohr eines Sphinx mit so großem Verständnisse und Feinheit ausgearbeitet, daß sich an griechischen erhobenen Arbeiten in Marmor kein so vollkommen geendigtes Ohr findet. Eben diesen Fleiß sieht man an einem wirklich alten ägyptischen geschnittenen Steine des Stoschischen Musei, welcher in der Ausarbeitung den besten griechischen geschnittenen Steinen nichts nachgibt. Es stellt dieser Stein, welcher ein außerordentlich schöner Onyx ist, eine sitzende Isis vor; es ist derselbe 67 hohl, nach Art der Arbeit auf den Obelisken geschnitten, und da unter der oberen sehr dünnen Lage von bräunlicher und eigener Farbe des Steins ein weißes Blättchen liegt, so sind bis dahin Gesicht, Arme und Hände, nebst dem Stuhle, tiefer gearbeitet, um dieses weiß zu haben.

Die Augen höhlten die ägyptischen Künstler zuweilen aus, um einen Augapfel von besonderer Materie hineinzusetzen, wie man an einem angeführten Kopfe von grünlichem Basalte in der Villa Albani, und an einem anderen abgebrochenen Kopfe in der Villa Altieri sieht. An einem anderen Kopfe nebst der Brust in dieser letzten Villa sind die Augen aus einem Steine so genau eingepaßt, daß sie hineingegossen scheinen.

 
Über das benutzte Material

Was zum zweiten die Materie betrifft, in welcher die ägyptischen Werke gearbeitet sind, so finden sich Figuren in Holz, in Erz und Stein. Hölzerne Figuren, nach Art der Mumien gestaltet, von Zedern, sind drei in dem Museo des Collegii St. Ignatii zu Rom, von welchen die eine übermalt ist. Der Granit, welches der äthiopische Marmor des Herodotus oder der thebanische Stein sein soll, ist von zweifacher Art, schwärzlicher und rötlicher; und von dieser letzten Art Stein sind drei der größten Statuen im Campidoglio. Aus schwärzlichem Granite ist die große Isis an eben dem Orte, und nebst dieser ist die größte Figur ein angeführter vermeinter Anubis, groß wie die Natur, in der Villa Albani. Jene Art von gröberen Körnern diente zu Säulen.

Von Basalt sind ebenfalls zwei Arten, der schwarze und der grünliche: aus jenen sind sonderlich Tiere gearbeitet, als die Löwen am Aufgange zum Campidoglio und die Sphinxe in der Villa Borghese. Die zwei größten Sphinxe aber, einer im Vaticano, der andere in der Villa Giulia, beide von zehn Palme lang, sind von rötlichem Granite. Der Kopf derselben ist zwei Palme lang. Aus schwarzem Basalte sind unter anderen die zwei angeführten Statuen des folgenden und spätern ägyptischen Stils im Campidoglio und einige kleinere Figuren. Von Figuren aus grünlichem Basalte finden sich Schenkel und die untergeschlagenen Beine in der Villa Altieri nebst einer schönen Base mit Hieroglyphen und den Füßen einer weiblichen Figur auf derselben in dem Museo des 68 Collegii St. Ignatii zu Rom. Aus eben diesem Steine sind Nachahmungen ägyptischer Werke in späteren Zeiten gemacht, wie die Canopi sind und ein kleiner sitzender Anubis im Campidoglio.

Außer diesen gewöhnlichen Steinen finden sich auch Figuren in Alabaster, Porphyr, Marmor und Plasma von Smaragd. Der Alabaster wurde bei Theben in großen Stücken gebrochen, und es findet sich eine sitzende Isis mit dem Osiris auf ihrem Schoße, von etwa zwei Palmen hoch, nebst einer andern kleineren sitzenden Figur in dem Museo des Collegii St. Ignatii. Von Statuen aus Alabaster ist nur die einzige angeführte übrig, die sich in der Villa Albani befindet. Das Oberteil derselben, welches fehlte, ist aus einem kostbaren Alabaster ergänzt worden.

Von Porphyr finden sich zwei Arten, der rote und der grünliche, welches der seltenste und zuweilen wie mit Gold bespritzt ist, welches Plinius von dem thebanischen Steine sagt. Von dieser Art sind keine Figuren, aber Säulen übrig, welches die allerkostbarsten sind; vier waren in dem Palaste Farnese, welche nach Neapel geführt worden und in der Galerie zu Portici dienen sollen. Zwei stehen vor der Porta St. Paolo in der Kirche Alle Tre Fontane genannt und zwei andere in der Kirche St. Lorenzo außer der Stadt eingemauert, so daß nur eine Spur von denselben sichtbar ist. Zwei große neugearbeitete Vasen aus diesem Steine sind in dem Palaste Verospi und eine kleinere, aber alte in der Villa Albani. Aus rotem Porphyr, welcher, wie Aristides berichtet, in Arabien gebrochen wird (und von welchem Steine große Gebirge sind, zwischen dem Roten Meere und dem Berge Sinai, wie Herr Assemanni, Kustos der Vatikanischen Bibliothek, versichert), finden sich Statuen, aber sie sind nicht ägyptisch, und die meisten sind zu der Kaiserzeit gemacht: einige stellen gefangene Könige vor, von welchem zwei in der Villa Borghese und zwei andere in der Villa Medicis sind. Aus eben dieser Zeit ist eine sitzende weibliche Figur in dem Palaste Farnese, deren Kopf und Hände, welche sehr schlecht sind, aus Erz von Guil. Della Porta gemacht zu sein scheinen. Das Oberteil einer geharnischten Statue im Palaste Farnese ist in Rom gearbeitet: denn es wurde, wie es jetzt ist, nicht völlig geendigt, im Campo Marzo gefunden, wie Pirro Ligorio in seinen Handschriften der Vatikanischen 69 Bibliothek berichtet. Von höherer Zeit und Kunst sind eine Pallas in der Villa Medicis; die schöne sogenannte Juno in der Villa Borghese mit dem unnachahmlichen Gewande, welche beide Kopf, Hände und Füße von Marmor haben; und ein Sturz von einer bekleideten Göttin am Aufgange zum Campidoglio; und diese können vielleicht Werke griechischer Künstler in Ägypten sein, wie ich im zweiten Teil dieser Geschichte anführen werde. Von den ältesten ägyptischen Figuren aus Porphyr ist zu unseren Zeiten nur eine einzige mit dem Kopfe eines chimärischen Tieres bekannt, welche aber aus Rom nach Sizilien gegangen ist. In dem Labyrinthe zu Theben waren Statuen aus diesem Steine.

In Marmor finden sich, außer einem einzigen Kopfe, auf dem Campidoglio eingemauert, welcher oben angeführt ist, keine alten ägyptischen Werke in Rom; von weißem Marmor aber waren in Ägypten große Gebäude aufgeführt, wie die langen Gänge und Säle in der großen Pyramide sind. Man sieht noch jetzt daselbst von einem gelblichem Marmor Stücke von Obelisken, von Statuen und Sphinxe, von welchen der eine zweiundzwanzig Fuß in der Länge hat, ja kolossalische Statuen von weißem Marmor. Man hat auch ein Stück von einem Obelisko in schwarzem Marmor gefunden. Aus Rosso antico ist in der Villa Albani der Oberteil einer großen Statue; dieselbe aber ist, wie der Stil gibt, vermutlich unter dem Kaiser Hadrian gemacht, in dessen Villa zu Tivoli dieses Stück entdeckt worden. Aus Plasma von Smaragd befindet sich eine einzige kleine sitzende Figur, in Gestalt der Statue von Alabaster, in eben dieser Villa.

Ich schließe die Abhandlung über die Kunst der Ägypter mit der Anmerkung, daß niemals Münzen dieses Volks entdeckt worden, aus welchen die Kenntnis ihrer Kunst hätte können erweitert werden, und man könnte daher zweifeln, ob die alten Ägypter geprägte Münzen gehabt hätten, wenn sich nicht einige Anzeige bei den Skribenten fände, wie der sogenannte Obulus ist, welcher den Toten in den Mund gelegt wurde; und dieserwegen ist an Mumien, sonderlich den übermalten, wie die zu Bologna ist, der Mund verdorben, weil man in demselben nach Münzen gesucht. Pococke redet von drei Münzen, deren Alter er nicht anzeigt; das Gepräge derselben aber scheint nicht vor der persischen Eroberung von Ägypten gemacht zu sein. Vor einiger Zeit ist eine silberne 70 Münze in Rom zum Vorschein gekommen, welche auf der einen Seite in einem vertieften viereckigen Felde einen Adler im Fluge vorstellt; auf der anderen Seite ist ein Ochse, über welchen ein gewöhnliches heiliges Zeichen der Ägypter steht, nämlich eine Kugel mit zwei langen Flügeln und Schlangen, die aus der Kugel herausgehen. Vor den Vorderfüßen steht das sogenannte ägyptische Tau, aber etwas verschieden von dem sonst bekannten ♀. Unter dem Ochsen ist ein Donnerkeil. Das Besonderste ist ein Werk auf dem linken hinteren Schenkel des Ochsen, und dieses ist ein griechisches A der ältesten Form A. Diese Münze befindet sich in dem Museo [des] Hrn. Joh. Casanova, Sr. Königl. Maj. in Polen Pensionarii in Rom . . . Ich lasse den Leser darüber urteilen; meine Meinung über dieselbe werde ich an einem andern Orte geben. Diese Münze ist unterdessen niemandem vorher zu Gesicht gekommen.

Die Geschichte der Kunst der Ägypter ist, nach Art des Landes derselben, wie eine große verödete Ebene, welche man aber von zwei oder drei hohen Türmen übersehen kann. Der ganze Umfang der ägyptischen Kunst hat zwei Perioden, und aus beiden sind uns schöne Stücke übrig, von welchen wir mit Grund über die Kunst ihrer Zeit urteilen können. Mit der griechischen und etrurischen Kunst hingegen verhält es sich wie mit ihrem Lande, welches voller Gebirge ist und also nicht kann übersehen werden. Und daher glaube ich, daß in gegenwärtiger Abhandlung von der ägyptischen Kunst derselben das nötige Licht gegeben worden.

 

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.