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Geschichte der Kunst des Altertums

Johann Joachim Winckelmann: Geschichte der Kunst des Altertums - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Kunst des Altertums
authorJohann Joachim Winckelmann
year1964
firstpub1764
publisherHermann Böhlaus Nachfolger
addressWeimar
titleGeschichte der Kunst des Altertums
pages398
created20170709
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Periodisierung

Das zweite Stück dieses Abschnittes von dem Stil der Kunst unter den Ägyptern, welcher die Zeichnung des Nackenden und die Bekleidung ihrer Figuren in sich begreift, ist in drei Absätze zu fassen. In den zwei ersten derselben wird gehandelt von dem älteren und nachher von dem folgenden und späteren Stil der ägyptischen Bildhauer, und in dem dritten Absatze von den Nachahmungen ägyptischer Werke, durch griechische Künstler gemacht. Ich werde unten darzutun suchen, daß die wahren alten ägyptischen Werke von zweifacher Art sind, und daß man in ihrer eigenen Kunst zwei verschiedene Zeiten setzen müsse: die erste hat vermutlich gedauert, bis Ägypten durch den Kambyses erobert wurde und die zweite Zeit, solange eingeborene Ägypter unter der persischen und nachher unter der griechischen Regierung in der Bildhauerei arbeiteten; die Nachahmungen aber der ägyptischen Werke sind 48 vermutlich alle unter dem Kaiser Hadrian gemacht. In einem jeden von diesen drei Absätzen ist zum ersten von der Zeichnung des Nackenden und zum zweiten von der Bekleidung ihrer Figuren zu reden.

Horusstele (Seite A)


Der ältere Stil

Die Zeichnung des Nackenden

In dem älteren Stil hat die Zeichnung des Nackenden deutliche und begreifliche Eigenschaften, welche dieselbe nicht allein von der Zeichnung anderer Völker, sondern auch von dem spätern Stil der Ägypter unterscheiden; und diese finden sich und sind zu bestimmen sowohl in dem Umkreise oder in der Umschreibung und dem Kontur des Ganzen der Figur, als in der Zeichnung und Bildung eines jenen Teils insbesondere. Die allgemeinste und vornehmste Eigenschaft der Zeichnung in diesem Stil des Nackenden ist das Gerade oder die Umschreibung der Figur in wenig ausschweifenden und mäßig gewölbten Linien. Eben dieser Stil findet sich in ihrer Baukunst und in ihren Verzierungen; daher fehlt ihren Figuren die Grazie (Gottheiten, die den Ägyptern unbekannt waren) und das Malerische, welches Strabo von ihren Gebäuden sagt. Der Stand der Figuren ist steif und gezwungen; aber parallel dicht zusammenstehende Füße, wie sie einige alte Skribenten anzuzeigen scheinen, und wie dieselben an einigen etrurischen Figuren sind, hat keine einzige übriggebliebene ägyptische Figur, auch die zwei kolossalischen Statuen unweit den Ruinen von Theben nicht, wie die neuesten und beglaubten Berichte dartun. Die Füße, welche wahrhaftig alt sind, stehen parallel und nicht auswärts, aber wie ein geschobenes Parallellineal; einer steht voraus vor dem andern. An einer männlichen ägyptischen Figur von vierzehn Palmen hoch in der Villa Albani ist die Weite von einem Fuß zum anderen über drei Palme. Die Arme hängen gerade herunter längs den Seiten, an welche sie, wie fest angedrückt, vereinigt liegen, und folglich haben dergleichen Figuren gar keine Handlung, welche durch Bewegung der Arme und der Hände ausgedrückt wird. Diese Unbeweglichkeit derselben ist ein Beweis, nicht der Ungeschicklichkeit ihrer Künstler, sondern von einer in Statuen gesetzten und angenommenen Regel, nach welcher sie, wie nach einem und 49 ebendemselben Muster, gearbeitet haben: denn die Handlung, welche sie ihren Figuren gegeben, zeigt sich an Obelisken und auf anderen Werken. Verschiedene Figuren sitzen auf untergeschlagenen Beinen oder auf dem Knie, welche man daher Engonases nennen könnte, und in dieser Stellung waren die drei Dii Nixi, welche vor den drei Kapellen des olympischen Jupiter zu Rom standen.

In der großen Einheit der Zeichnung ihrer Figuren sind die Knochen und Muskeln wenig, Nerven und Adern aber gar nicht angedeutet: die Knie, die Knöchel des Fußes und eine Anzeige vom Ellenbogen zeigen sich erhaben, wie in der Natur. Der Rücken ist wegen der Säule, an welche ihre Statuen aus einem Stücke mit derselben gestellt sind, nicht sichtbar. Der angeführte Antinous hat den Rücken frei. Die wenig ausschweifenden Umrisse ihrer Figuren sind zugleich eine Ursache der engen und zusammengezogenen Form derselben, durch welche Petronius den ägyptischen Stil in der Kunst bedeutet. Es unterscheiden sich auch ägyptische, sonderlich männliche Figuren, durch den ungewöhnlich schmalen Leib über der Hüfte.

Diese angegebenen Eigenschaften und Kennzeichen des ägyptischen Stils, sowohl die Umschreibung und die Formen in fast geraden Linien, als die wenige Andeutung der Knochen und Muskeln, leiden eine Ausnahme in den Tieren der ägyptischen Kunst. Unter diesen sind sonderlich anzuführen ein großer Sphinx von Basalt in der Villa Borghese, ein anderer großer Sphinx von Granit unter den königlichen Altertümern zu Dresden, zwei Löwen am Aufgang zum Campidoglio und zwei andere an der Fontana Felice. Diese Tiere sind mit vielem Verständnisse, mit einer zierlichen Mannigfaltigkeit sanft ablenkender Umrisse und flüssig unterbrochener Teile gearbeitet. Die großen Umdreher, welche an den menschlichen Figuren unbestimmt übergangen sind, erscheinen an den Tieren nebst der Röhre der Schenkel und andern Gebeinen, mit nachdrücklicher Zierlichkeit ausgeführt; und gleichwohl sind die Hieroglyphen auf der Base der Sphinx zu Dresden und die Löwen an besagter Fontana deutliche Anzeichen ägyptischer Werke. Die Sphinxe an dem Obelisko der Sonnen, welcher im Campo Marzo liegt, sind in eben dem Stil, und in den Köpfen ist eine große Kunst und Fleiß. Aus dieser Verschiedenheit des Stils zwischen den 50 Figuren und Tieren ist zu schließen, daß, [soweit] jene Gottheiten oder heilige Personen vorstellen, die Bildung derselben allgemein bestimmt gewesen, und daß in Tieren die Künstler mehrere Freiheit gehabt, sich zu zeigen. Man stelle sich das System der alten Kunst der Ägypter, in Absicht der Figuren, wie das System der Regierung zu Kreta und Sparta vor, wo von den alten Verordnungen ihrer Gesetzgeber keinen Finger breit abzuweichen war; die Tiere wären in diesem vernünftigen Zirkel nicht begriffen gewesen.

Zum zweiten sind in der Zeichnung des Nackenden vornehmlich die äußeren Teile ägyptischer Figuren zu betrachten, das ist der Kopf, die Hände und die Füße. An dem Kopf sind die Augen platt und schräg gezogen, welche insgemein nicht tief, wie an griechischen Statuen, sondern mit der Stirn gleich liegen; daher auch der Augenknochen, auf welchem die Augenbrauen mit einer erhobenen Schärfe angedeutet sind, platt ist. Die Augenbrauen, die Augenlider und der Rand der Lippen sind mehrenteils durch eingegrabene Linien angedeutet. An einem der ältesten weiblichen Köpfe über Lebensgröße, von grünlichem Basalt, in der Villa Albani, welcher hohle Augen hat, sind die Augenbrauen durch einen erhobenen platten Streif, in der Breite des Nagels am kleinen Finger, gezogen, und dieser erstreckt sich bis in die Schläfe, wo derselbe eckig abgeschnitten ist; von dem unteren Augenknochen geht ebenso ein Streif bis dahin und endigt sich ebenso abgeschnitten. Von dem sanften Profil an griechischen Köpfen hatten die Ägypter keine Kenntnis, sondern es ist der Einbug der Nase wie in der gemeinen Natur; der Backenknochen ist stark angedeutet und erhoben; das Kinn ist alle Zeit kleinlich, und das Oval des Gesichts ist dadurch unvollkommen. Der Schnitt des Mundes oder der Schluß der Lippen, welcher sich in der Natur, wenigstens der Griechen und Europäer, gegen die Winkel des Mundes mehr unterwärts zieht, ist an ägyptischen Köpfen hingegen aufwärts gezogen. Von allen männlichen Figuren in Stein hat nur eine einzige einen Bart. Dieses ist ein Kopf über Lebensgröße, mit der Brust von Basalt, in der Villa Ludovisi; es ist derselbe ziegelförmig und ganz platt gearbeitet, und die Locken desselben sind durch verschiedene gleichlaufende Bogen angedeutet.

Die Hände haben eine Form, wie sie an Menschen sind, welche nicht 51 übelgebildete Hände verdorben oder vernachlässigt haben. Die Füße unterscheiden sich von Füßen griechischer Figuren dadurch, daß jene platter und ausgebreiteter sind, und daß die Zehen, welche völlig platt liegen, einen geringen Abfall in ihrer Länge haben und, wie die Finger, ohne Andeutung der Glieder sind. Es ist auch die kleine Zehe nicht gekrümmt noch einwärts gedrückt, wie an griechischen Füßen: also werden auch die Füße des Memnon, so wie Pococke dieselben zeichnen lassen, nicht beschaffen und gebildet sein. Die Kinder in Ägypten gingen zwar barfuß, und ihre Zehen litten keinen Zwang; aber die angezeigte Form der Füße entsteht nicht durch Gehen mit bloßen Füßen, sondern es muß auch dieselbe als eine von ihren ersten Figuren beibehaltene Bildung angesehen werden. Die Nägel sind nur durch eckige Einschnitte angedeutet, ohne alle Rundung und Wölbung.

An den ägyptischen Statuen im Campidoglio, an welchen sich die Füße erhalten haben, sind dieselben, wie selbst am Apollo im Belvedere, von ungleicher Länge; der tragende und rechte Fuß ist an einer von jenen um drei Zoll eines römischen Palms länger als der andere. Diese Ungleichheit der Füße aber ist nicht ohne Grund: denn man hat dem tragenden und hinterwärts stehenden Fuße so viel mehr geben wollen, als er in der Ansicht durch das Zurückweichen verlieren könnte. Der Nabel ist an Männern sowohl als Weibern ungewöhnlich tief und hohl gearbeitet. Ich wiederhole hier, was in der Vorrede allgemein erinnert worden, daß man nicht aus Kupfern urteilen könne: denn an den ägyptischen Figuren beim Boissard, Kircher, Montfaucon und anderen findet sich kein einziges von den angegebenen Kennzeichen des ägyptischen Stils. Ferner ist genau zu beobachten, was an ägyptischen Statuen wahrhaftig alt und was ergänzt ist. Das Unterteil des Gesichts an der vermeinten Isis im Campidoglio (welche die einzige unter den vier größten Statuen daselbst von schwarzem Granit ist) ist nicht alt, sondern ein neuer Ansatz; welches ich anzeige, weil es wenige wissen und finden können: es sind auch an dieser und an den zwei anderen Statuen von rotem Granit Arme und Beine ergänzt. Eine sitzende weibliche Statue in dem Palaste Barberini, welche nach Art einer anderen männlichen Figur beim Kircher einen kleinen Anubis in einem Kasten vor sich hält, hat einen neuen Kopf. 52

An dieses Stück von der Zeichnung des Nackenden würde am bequemsten dasjenige anzuhängen sein, was zum Unterricht derer, welche die Kunst studieren, von der besonderen Gestaltung göttlicher Figuren bei den Ägyptern und von den sinnlich gemachten Eigenschaften und Verrichtungen derselben zu sagen wäre. Weil hiervon aber zum Überfluß von anderen gehandelt worden, so will ich mich auf einige Anmerkungen einschränken.

Von Gottheiten, welchen man einen Kopf der Tiere gegeben, in welchen die Ägypter jene verehrten, haben sich wenige in Statuen erhalten. Es sind dieselben eine oben angeführte Statue in Lebensgröße mit einem Sperberkopfe, welche den Osiris vorstellt, im Palaste Barberini; eine andere Statue von gleicher Größe mit einem Kopfe, welcher etwas von einem Löwen, von einer Katze und vom Hunde hat, in der Villa Albani; und eine kleine sitzende Figur mit einem Hundskopfe, in eben dieser Villa: alle drei sind von schwärzlichem Granit. Der Kopf der zweiten von diesen Figuren ist auf dessen Hinterteile mit der gewöhnlichen ägyptischen Haube bedeckt, welche in viele Falten gelegt, rundlich vorn und hinten über die Achsel an zwei Palmen lang herunterhängt. Auf dem Kopfe erhebt sich ein sogenannter Limbus senkrecht über einen Palm in die Höhe: mit einem Limbo wurden nachher die Bildnisse der Götter, der Kaiser und der Heiligen vorgestellt. Denjenigen, welche, wie Wartburthon, unter den göttlichen Figuren die von dieser Art für jünger, als die ganz menschlichen Figuren, halten wollen, kann man versichern, daß die angeführten Figuren ebenso alt, wo nicht älter scheinen als die ältesten Figuren im Campidoglio, an welchen die menschliche Gestalt nicht geändert ist. Der Anubis von schwarzem Marmor im Campidoglio ist kein Werk ägyptischer Kunst, sondern zur Zeit des Kaisers Hadrianus gemacht.

Strabo, nicht Diodorus, nach dem Pococke, berichtet von einem Tempel zu Theben, daß innerhalb desselben keine menschlichen Figuren, sondern bloß Tiere gesetzt gewesen, und diese Bemerkung will Pococke auch bei andern daselbst erhaltenen Tempeln gemacht haben. Unterdessen finden sich jetzt mehr ägyptische Figuren, welche aus ihren beigelegten Zeichen Gottheiten scheinen, in völliger menschlichen Gestalt, als mit dem Kopfe eines Tieres vorgestellt, wie dieses unter andern die 53 bekannte Isische Tafel, die in dem Museo des Königs von Sardinien zu Turin ist, beweisen kann. Isis mit Hörnern auf dem Kopfe findet sich auf keinem alten Denkmale dieses Volkes. Die weiblichen Figuren im Campidoglio aber können am füglichsten auf diese Göttin gedeutet werden. Priesterinnen derselben können es nicht sein, weil kein Weib dieses Amt in Ägypten führte. Die männlichen Figuren an eben dem Orte können auch Statuen der Hohenpriester zu Theben sein, welche alle daselbst standen. Von den Flügeln der ägyptischen Gottheiten wird in dem dritten Absatze dieses zweiten Stückes geredet. Es kann auch hier bemerkt werden, daß das Sistrum keiner Figur auf irgendeinem alten ägyptischen Werke in Rom in die Hand gegeben ist, ja man sieht dieses Instrument auf denselben, außer auf dem Rande der Isischen Tafel, gar nicht vorgestellt, und diejenigen irren sich, welche, wie Bianchini, es auf mehr als einem Obelisko wollen gefunden haben. Hiervon habe ich schon an einem anderen Orte geredet. Die Stäbe der Gottheiten haben insgemein anstatt des Knopfes einen Vogelkopf nach der Art, wie die Ägypter und andere Völker dieselben zierten, wie die sitzenden Figuren auf beiden Seiten einer großen Tafel von rotem Granit in dem Garten des Palastes Barberini, und nicht da, wo man dem Pococke schrieb. Dieser Vogel ist vermutlich derjenige, welchen die Einwohner jetzt Abukerdan nennen, in der Größe eines kleinen Kranichs. Auch die Griechen trugen Stäbe, oben mit Vögeln verziert. Bei den Assyriern war, nach dem Herodotus, ein Apfel, Rose, Lilie, Adler oder sonst etwas oben darauf geschnitzt. Es war also der Adler oben auf dem Stabe des Jupiter, welchen Pindarus beschreibt, und wie man ihn an einem schönen Altare in der Villa Albani sieht, aus dem gemeinen Gebrauche genommen.

Die Sphinxe der Ägypter haben beiderlei Geschlecht, das ist, sie sind vorne weiblich und haben einen weiblichen Kopf und hinten männlich, wo sich die Hoden zeigen. Dieses ist noch von niemand angemerkt. Ich gab dieses aus einem Steine des Stoschischen Musei an, und ich zeigte durch die Erklärung der bisher nicht verstandenen Stelle des Poeten Philemon, welcher von männlichen Sphinxen redet, sonderlich da auch die griechischen Künstler Sphinxe mit einem Barte bildeten. Dieses fand ich auf einer Zeichnung in der großen Sammlung der Zeichnungen des 54 Herrn Kardinal Alex. Albani, und ich glaubte, das Stück, wovon diese Zeichnung genommen war, sei verloren gegangen. Es kam dasselbe aber nachher in der Garderobe des Farnesischen Palastes zum Vorschein und ist eine erhobene Arbeit von gebrannter Erde. Damals hatte ich die Hoden der ägyptischen Sphinxe noch nicht bemerkt. Herodotus, wenn er die Sphinxe ἀνδρόσφιγγες nennt, hat nach meiner Meinung die beiden Geschlechter derselben andeuten wollen. Besonders zu merken sind die Sphinxe an den vier Seiten der Spitze des Obelisks der Sonnen, welche Menschenhände haben mit spitzigen einwärts gekrümmten Nägeln reißender Tiere . . .

 
Bekleidete Figuren

In dem zweiten Absatze des älteren ägyptischen Stils von der Bekleidung ihrer Figuren merke ich zuerst an, daß dieselbe vornehmlich von Leinen war, welches in diesem Lande häufig gebaut wurde, und ihr Rock, Calasiris genannt, an welchem unten ein gekräuselter Streif oder Rand mit vielen Falten genäht war, ging ihnen bis auf die Füße, über welchen die Männer einen weißen Mantel von Tuch schlugen. Die männlichen Figuren aber sind alle nackend, sowohl in Statuen als an Obelisken und auf andern Werken, bis auf einen Schurz, welcher über die Hüften angelegt ist und den Unterleib bedeckt. Dieser Schurz ist in ganz kleine Falten gebrochen. Da dieses aber vermutlich göttliche Figuren sind, so kann, wie bei den Griechen, dieselben nackend vorzustellen, angenommen sein; oder es wäre als eine Vorstellung der ältesten Tracht daselbst anzusehen, welche bei den Arabern noch lange hernach geblieben war: denn diese hatten nichts als einen Schurz um den Leib und Schuhe an den Füßen.

In diesem älteren Stil ist die Bekleidung sonderlich an weiblichen Figuren nur durch einen hervorspringenden oder erhobenen Rand an den Beinen und am Halse angedeutet, wie an einer vermeinten Isis im Campidoglio und an zwei andern Statuen daselbst zu sehen ist. Um den Mittelpunkt der Brüste von der einen, wo die Warzen stehen würden, ist ein kleiner Zirkel eingegraben angedeutet, und von demselben gehen viel dicht nebeneinander liegende Einschnitte, wie Radii eines Zirkels, an zwei Finger breit auf den Brüsten herum. Und dieses könnte für 55 einen ungereimten Zierat angesehen werden. Ich bin aber der Meinung, daß hierdurch die Falten eines dünnen Schleiers, welcher die Brüste bedeckt, angedeutet werden sollten. Denn an einer ägyptischen Isis, aber vom späteren und schöneren Stil, in der Villa Albani, sind auf den Brüsten derselben, welche dem ersten Anblicke entblößt zu sein scheinen, fast unmerkliche erhobene Falten gezogen, welche in eben der Richtung sich von dem Mittelpunkte der Brüste ausbreiten. An dem Leibe jener Figuren muß die Kleidung bloß gedacht werden. In eben dieser Form ist eine bekleidete Isis auf einer Mumie gemalt, und die zwanzig kolossalischen Statuen der Beischläferinnen [des] Königs Mycerinus von Holz, welche Herodotus für nackend angesehen, werden vielleicht eine ähnliche Anzeigung der Kleidung gehabt haben; wenigstens findet sich jetzt keine einzige völlig nackte ägyptische Figur. Eben dieses bemerkt Pococke an einer sitzenden Isis, welche, ohne einen hervorspringenden Rand über die Knöchel des Fußes, für ganz nackend zu halten wäre; daher er sich diese Bekleidung als ein feines Nesseltuch vorstellt, wovon noch jetzt die Weiber im Orient, wegen der großen Hitze, Hemden tragen.

In einer besonderen Art ist die vorher angeführte sitzende Figur in der Galerie Barberini gekleidet: es erweitert sich der Rock von oben bis unten, wie eine Glocke, ohne Falten. Man kann sich davon aus einer Figur, welche Pococke beibringt, einen Begriff machen. Eben auf diese Art ist der Rock einer sehr alten weiblichen Figur, von schwärzlichem Granite, drei Palme hoch, in dem Museo [des] Herrn Urbano Rolandi zu Rom gemacht; und weil sich derselbe unten nicht erweitert, sieht das Unterteil dieser Figur einer Säule ähnlich. Es hält dieselbe einen sitzenden Cynocephalus, auf einem Kästchen, mit vier säulenweis gesetzten Reihen von Hieroglyphen vor der Brust. Die Füße an derselben sind nicht sichtbar.

Die erhabenen übermalten Figuren, welche sich zu Theben erhalten haben, sollen, wie des Osiris Kleidung gemalt war, ohne Abweichung und ohne Licht und Schatten sein. Dieses aber muß uns nicht so sehr als den, der es berichtet, befremden: denn alle erhobenen Werke bekommen Licht und Schatten durch sich selbst, sie mögen in weißem Marmor oder von einer andern einzigen Farbe sein, und es würde alles an ihnen 56 verworren werden, wenn man im Übermalen derselben mit dem Erhobenen und Vertieften es wie in der Malerei halten wollte. Es finden sich übrigens in Ägypten auch andere Stücke von übermalten erhobenen Arbeiten.

Es ist auch von den übrigen Stücken der ägyptischen Kleidung etwas zu reden. Die Männer gingen insgemein mit unbedecktem Haupte und waren hierin das Gegenteil der Perser, wie Herodotus über die verschiedene Härte der Hirnschädel der auf beiden Seiten in der Schlacht mit den Persern gebliebenen anmerkt. Die männlichen Figuren der Ägypter haben den Kopf entweder mit einer Haube oder Mütze bedeckt, als Götter oder Könige. Die Haube hängt an etlichen in zwei breiten oder auch auswärts rundlichen Streifen über die Achseln, sowohl gegen die Brust als auf den Rücken herunter. Die Mütze gleicht teils einer Bischofsmütze (Mitra), teils ist sie oben platt nach der Art, wie man sie vor zweihundert Jahren trug, wie z. B. die Mütze des älteren Aldus gestaltet ist. Die Haube nebst der Mitra haben auch Tiere; jene sieht man am Sphinx und diese am Sperber von Basalt, mit einer Mitra, ungefähr drei Palme hoch, befindet sich in dem Museo [des] gedachten Rolandi. Die oben platte Mütze wurde mit zwei Bändern unter dem Kinn gebunden, wie man an einer einzigen sitzenden Figur von vier Palmen, in schwarzem Granite, in eben diesem Museo sieht. Auf dieser Mütze erhebt sich, einen Palm in die Höhe, derjenige Zierat, welcher unter andern auf der Mütze einer Figur an der Spitze des Barberinischen Obeliski steht. Man will diesen Zierat für das Gesträuch des Diodorus halten, welches ein Hauptschmuck der Könige war. Einige Figuren, sowohl männliche als weibliche, haben vier Reihen, welche Steine, Perlen und dergleichen vorstellen, als eine Mantille über die Brust hängen, welcher Zierat sich sonderlich an Canopen und Mumien findet.

Weibliche Figuren haben allezeit den Kopf mit einer Haube bedeckt, und dieselbe ist zuweilen in fast unzählige kleine Falten gelegt, wie sie der angeführte Kopf von grünem Basalt in der Villa Albani hat. An dieser Haube ist auf der Stirn ein länglich eingefaßter Stein vorgestellt, und an diesem Kopfe allein ist der Anfang von Haaren über der Stirn angedeutet.

Von besonderem Hauptputze will ich hier nur dasjenige berühren, 57 was von andern nicht bemerkt ist. Es finden sich Aufsätze von fremden Haaren, wie ich an einem der ältesten weiblichen ägyptischen Köpfe in der Villa Altieri zu sehen glaube. Diese Haare sind in unzählige ganz kleine geringelte Locken gelegt und hängen vorwärts von der Achsel herunter: es sind, glaube ich, an tausend kleine Löckchen, welche jedesmal an eigenen Haaren zu machen zu mühsam gewesen wäre. Umher geht da, wo der Haarwuchs auf der Stirn anfängt, ein Band oder Diadema, welches vorn auf dem Kopfe gebunden ist. Mit diesem Haarputze kann ein weiblicher Kopf im Profil von erhobener Arbeit verglichen werden, welcher auf dem Campidoglio, außen an der Wohnung des Senators von Rom, unter anderen Köpfen und erhobenen Arbeiten, eingemauert ist. Die Haare desselben sind in viele hundert Locken gelegt vorgestellt. Dieser Kopf wird auch unten im dritten Stücke berührt. Ein ähnlicher Aufsatz beim Pococke, dessen innere Seite glatt ist, bestätigt meine Meinung; hier zeigt sich, was wir jetzt nennen, das Netz, worauf die Haare genäht sind. Ich weiß also nicht, ob ein solcher Aufsatz an einer ägyptischen Statue im Campidoglio aus Federn gemacht ist, wie in der Beschreibung derselben angegeben wird. Da es gewiß ist, daß den Karthaginensern Aufsätze von fremden Haaren bekannt waren, welche Hannibal auf seinem Zuge durch das Land der Ligurier trug, so wird der Gebrauch derselben bei Ägyptern auch dadurch wahrscheinlich. Eine andere besondere Tracht war die einzige Locke, welche man an dem geschornen Kopfe einer Statue von schwarzem Marmor im Campidoglio, auf der rechten Seite, an dem Ohr, hängen sieht: es ist eine ägyptische Nachahmung und wird unten angeführt. Diese Locke ist weder in dem Kupfer noch in der Beschreibung derselben angezeigt. Von einer solchen einzigen Locke an dem beschornen Kopfe eines Harpokrates habe ich in der Beschreibung der Stoschischen geschnittenen Steine geredet, wo auch eine solche Locke an einer Figur eben dieser Gottheit, welche Herr Graf Caylus bekanntgemacht, angezeigt habe. Hierdurch wird Macrobius erklärt, welcher berichtet, daß die Ägypter die Sonne mit beschornem Haupte vorstellten, außer den Locken auf der rechten Seite. Cuper, welcher, ohne dieses bemerkt zu haben, will, daß die Ägypter unter dem Harpokrates auch die Sonne verehrten, irrt also nicht. wie ihm ein neuer Skribent vorwirft. In dem Museo des58 Collegii St. Ignatii zu Rom findet sich ein kleiner Harpokrates, nebst zwei andern kleinen wahrhaftig ägyptischen Figuren von Erz mit dieser Locke.

Schuhe und Sohlen hat keine einzige ägyptische Figur, außer daß man an der vorher berührten Statue beim Pococke unter dem Knöchel des Fußes einen eckigen Ring angelegt sieht, von welchem wie ein Riem zwischen der großen und der folgenden Zehe heruntergeht, wie zur Befestigung der Sohle, welche aber nicht sichtbar ist. Dieses ist, was ich über den älteren Stil der Ägypter zu betrachten gefunden habe.

 
Der Stil der späteren Zeit

Die Zeichnung des Nackenden

Der zweite Absatz des zweiten Stückes dieses Abschnitts, welcher von dem folgenden und späteren Stil der Künstler dieses Volks handelt, hat wie in dem vorigen Absatze zuerst die Zeichnung des Nackenden und zum zweiten die Bekleidung der Figuren zum Vorwurfe. Beides läßt sich an zwei Figuren von Basalt und, was den Stand und die Bekleidung betrifft, an einer Figur in der Villa Albani, aus eben dem Steine, zeigen. (Diese hat nicht ihren alten Kopf, Arme und Beine.)

Das Gesicht der einen von der ersteren hat eine der griechischen ähnliche Form, bis auf den Mund, welcher aufwärts gezogen ist, und das Kinn ist zu kurz; zwei Kennzeichen, welche die älteren ägyptischen Köpfe haben. Die Augen sind ausgehöhlt, welche vor Alters von anderer Materie eingesetzt gewesen. Das Gesicht der anderen kommt der griechischen Form noch näher; das Ganze der Figur aber ist schlecht gezeichnet, und die Proportion ist zu kurz. Die Hände sind zierlicher als an den ältesten ägyptischen Figuren; die Füße aber sind geformt wie an jenen, nur daß sie etwas auswärts stehen. Der Stand und die Handlung der ersteren Figur sowohl als der dritten ist wie an den ältesten ägyptischen: sie haben senkrecht hängende Arme, welche, außer einer durchbohrten Öffnung an der ersten, fast an der Seite anliegen, und hinten stehen sie an einer eckigen Säule, wie jene alten Figuren. Die zweite hat freiere Arme, und mit der einen Hand hält sie ein Horn des Überflusses mit Früchten: diese hat den Rücken frei und ohne Säule. 59

Diese Figuren können von ägyptischen Meistern, aber unter der Regierung der Griechen gemacht sein, die ihre Götter und also auch ihre Kunst in Ägypten einführten, so wie sie wiederum ägyptische Gebräuche annahmen. Denn da die Ägypter zur Zeit des Platon, das ist, da sie von den Persern beherrscht wurden, Statuen machen lassen, wie die oben angeführte Nachricht desselben bezeugt, so wird auch unter den Ptolemäern die Kunst von ihren eigenen Meistern geübt worden sein, welches die fortdauernde Beobachtung ihres Götterdienstes um so viel wahrscheinlicher macht. Die Figuren dieses letztern Stils unterscheiden sich auch dadurch, daß sie keine Hieroglyphen haben, welche sich an den meisten ältesten ägyptischen Figuren, teils an deren Base, teils an der Säule, an welcher sie stehen, finden. Der Stil aber ist hier allein das Kennzeichen, nicht die Hieroglyphen: denn ob sich gleich dieselben auf keiner Nachahmung ägyptischer Figuren, von welchen in dem nächsten dritten Absatze zu reden ist, finden, so sind hingegen auch wahrhaftig alte ägyptische Figuren ohne das geringste von solchen Zeichen; unter denselben sind zwei Obelisken, der vor St. Peter und der bei St. Maria Maggiore, und Plinius merkt dieses von zwei andern an. An dem Löwen am Aufgange zum Campidoglio und an zwei andern von Granit, unter den königlichen Altertümern zu Dresden, sind keine Hieroglyphen, auch an zwei Figuren in der Galerie Barberini nicht, von welchen die eine einen Sperberkopf hat und oben angeführt ist. Eben dieses ist von einer kleinen ägyptischen Figur im älteren Stil in der Villa Altieri zu merken.

 
Bekleidete Figuren

Was die Kleidung anbetrifft, so bemerkt man an allen drei oben angeführten weiblichen Statuen zwei Unterkleider, einen Rock und einen Mantel. Dieses aber widerspricht dem Herodotus nicht, welcher sagt, daß die Weiber nur ein einziges Kleid haben: denn dieses ist vermutlich von dem Rocke oder dem Oberkleide derselben zu verstehen. Das eine Unterkleid ist an den zwei Statuen im Campidoglio in kleine Falten gelegt und hängt vorwärts bis auf die Zehen und seitwärts auf die Base derselben herunter; an der dritten Statue in der Villa Albani ist 60 es, weil die alten Beine fehlen, nicht zu sehen. Dieses Unterkleid, welches allem Ansehen nach von Leinwand scheint gewesen zu sein, war etwa über die Hüfte angelegt. Das andere Unterkleid, welches offenbar eine sehr feine Leinwand vorstellt, war wie ein Oberhemd; es bedeckte die weibliche Brust bis an den Hals und war mit kurzen Ärmeln, welche nur bis an das Mittel des Oberteils des Armes reichen. An diesen Ärmeln, welche durch einen erhabenen Rand und Vorsprung angezeigt sind, ist dieses Unterkleid an den zwei ersteren Statuen nur allein sichtbar; die Brüste scheinen völlig bloß zu sein, so durchsichtig und fein muß man sich dieses Zeug vorstellen. Auf der dritten Statue aber erscheint es deutlicher auf den Brüsten, durch ganz sanfte und fast unmerkliche Fältchen, welche sich von der Warze derselben sehr gelinde nach allen Seiten ziehen, wie auch oben bereits bemerkt ist.

Der Rock ist an der ersten und an der dritten Statue sehr ähnlich und liegt dicht am Fleische, außer einigen sehr flachen Falten, welche sich ziehen. Der Rock geht allen dreien bis unter die Brüste, und bis dahin wird derselbe durch den Mantel hinaufgezogen und gehalten.

Der Mantel ist an zwei seiner Zipfel über beide Achseln gezogen, und durch diese Zipfel ist der Rock unter die Brüste gebunden; das übrige von den Enden hängt unter den gebundenen Knoten von der Brust herunter; auf eben die Art, wie der Rock mit den Enden des Mantels geknüpft ist an der schönen Isis in Lebensgröße im Campidoglio und an einer größeren Isis im Palaste Barberini, welche beide von Marmor und griechische Arbeiten sind. Hierdurch wird der Rock in die Höhe gezogen, und die sanften Falten, welche sich auf den Schenkeln der Beine werfen, gehen alle zugleich mit aufwärts, und von der Brust hängt zwischen den Beinen bis auf die Füße herunter eine einzige gerade Falte. An der dritten Statue in der Villa Albani ist ein kleiner Unterschied: es geht nur einer von den Zipfeln des Mantels über die Achsel herüber, der andere ist unter der linken Brust herumgenommen, und beide Zipfel sind zwischen den Brüsten mit dem Rocke geknüpft. Weiter ist der Mantel nicht sichtbar, und da derselbe hinten hängen sollte, ist er gleichsam durch die Säule bedeckt, an welcher die erste und die dritte stehen: die zweite hat den Rücken frei und ohne Säule und hat den Mantel vor dem Unterleibe herumgenommen. 61

 
Römische Nachahmungen

Allgemeines

Der dritte Absatz dieses zweiten Stücks handelt von Figuren, welche den alten ägyptischen Figuren ähnlicher als jene kommen und weder in Ägypten, noch von Künstlern dieses Landes gearbeitet worden, sondern Nachahmungen ägyptischer Werke sind, welcher Kaiser Hadrian machen lassen, und, so viel mir wissend ist, sind dieselben alle in dessen Villa zu Tivoli gefunden. An einigen ließ er die ältesten ägyptischen Figuren genau nachahmen; an anderen vereinigte er die ägyptische Kunst mit der griechischen.

In beiden Arten finden sich einige, welche in Stand und Richtung den ältesten ägyptischen Figuren völlig ähnlich sind, das ist, sie stehen völlig gerade und ohne Handlung, mit senkrecht hängenden und an der Seite und den Hüften fest anliegenden Armen; ihre Füße gehen parallel, und sie stehen wie die ägyptischen an einer eckigen Säule. Andere haben zwar eben denselben Stand, aber nicht die Arme unbeweglich, sondern sie tragen oder zeigen mit denselben. Diese Figuren haben nicht alle ihre alten Köpfe, so wie auch die im vorigen Kapitel angeführte Isis einen neuen Kopf hat. Dieses ist wohl zu merken, weil es denen, die über diese Statuen geschrieben haben, nicht allezeit bekannt gewesen, und Bottari hält sich bei dem Kopfe gedachter Isis viel auf. Die Haarflechten, welche auf der Achsel liegen, hatten sich erhalten, und nach Anweisung derselben sind die Locken an dem neuen Kopfe gearbeitet. Nach der Ergänzung dieser Statue fand sich der alte wahre Kopf derselben, welchen der Kardinal Polignac kaufte, dessen Museum der König in Preußen erstanden. Ich will hier die verschiedenen Gattungen der Werke in dieser Art und unter denselben die beträchtlichsten Stücke mit einer Beurteilung ihrer Zeichnung und Form anzeigen und hernach die Bekleidung in diesem Absatze berühren.

 
Kritik der Zeichnung

Von Statuen sind insbesondere zwei von rötlichem Granite, welche an der Wohnung des Bischofs zu Tivoli stehen, und der angeführte ägyptische Antinous von Marmor im Campidoglio zu merken. Jene sind 62 beinahe noch einmal so groß als die Natur, und diese ist ebenfalls über Lebensgröße. Jene haben den Stand wie die ältesten ägyptischen Figuren und stehen wie diese an einer eckigen Säule, aber ohne Hieroglyphen. Die Hüften und der Unterleib sind mit einem Schurze bedeckt, und der Kopf hat seine Haube mit zwei herunterhängenden Streifen. Diese Ähnlichkeit verursacht, daß sie von allen unter die ältesten Werke der Ägypter gerechnet werden. Auf dem Kopfe tragen sie einen Korb nach Art der Karyatiden, aus einem Stücke mit der Figur. Das ganze hat eine ägyptische Gestalt, aber die Teile haben nicht die ägyptische Form. Die Brust, welche an den ältesten männlichen Figuren platt liegt, ist hier mächtig und heldenmäßig erhaben: die Rippen unter der Brust, welche an jenen gar nicht sichtbar sind, erscheinen hier völlig angegeben: der Leib über den Hüften, welcher dort sehr enge ist, hat hier seine rechte Fülle: die Glieder und Knorpel der Knie sind hier deutlicher als dort gearbeitet: die Muskeln an den Armen und an anderen Teilen liegen völlig vor Augen: die Schulterblätter, welche dort wie ohne Anzeige sind, erheben sich hier mit einer starken Rundung, und die Füße kommen der griechischen Form näher. Die größte Verschiedenheit aber liegt in dem Gesichte: welches weder auf ägyptische Art gearbeitet, noch sonst ihren Köpfen ähnlich ist. Die Augen liegen nicht, wie in der Natur und wie an den ältesten ägyptischen Köpfen, fast in gleicher Fläche mit dem Augenknochen, sondern sie sind nach dem Systema der griechischen Kunst tief gesenkt, um den Augenknochen zu erheben und Licht und Schatten zu erhalten. Die Form des Gesichts ist vielmehr griechisch, und es ist dem ägyptischen Antinous völlig ähnlich. Daher mutmaße ich, daß auch diese Statuen eine Vorstellung desselben auf ägyptische Art sein können. An besagtem ägyptischen Antinous von Marmor ist der griechische Stil noch deutlicher; es steht auch derselbe frei und an keiner Säule. Zu den Statuen können die Sphinxe gerechnet werden, und es sind vier derselben von schwarzem Granit in der Villa Albani, deren Köpfe eine Bildung haben, die mutmaßlich in Ägypten nicht kann entworfen und gearbeitet sein. Die Statuen der Isis in Maranor gehören nicht hierher: sie sind von der Kaiser Zeiten; denn zu des Cicero Zeiten war der Gottesdienst der Isis in Rom noch nicht angenommen. 63

Von erhobenen Arbeiten, welche zu diesen Nachahmungen gehören, ist vornehmlich diejenige von grünem Basalt anzuführen, welche in dem Hofe des Palastes Mattei steht und eine Prozession eines ägyptischen Opfers vorstellt. Ein anderes Werk von dieser Art ist bereits anderwärts von mir berührt. Die Isis auf demselben ist geflügelt, und die Flügel sind von hinten vorwärts heruntergeschlagen und bedecken den ganzen Unterleib. Die Isis auf der Isischen Tafel hat ebenfalls große Flügel, welche aber über den Hüften stehen und vorwärts ausgestreckt sind, um gleichsam die Figur zu beschatten, nach Art der Cherubinen. Ebenso sieht man auf einer Münze der Insel Malta zwei Figuren wie Cherubine, und welches zu merken ist, mit Ochsenfüßen, wie jene gestaltet, welche gegeneinander stehen und die Flügel von den Hüften herunter eine gegen die andere ausdehnen. Auch auf einer Mumie findet sich eine Figur mit Flügeln an den Hüften, welche sich erheben, um eine andere sitzende Gottheit zu beschatten.

Ich kann nicht unberührt lassen, daß die Isische oder Bembische Tafel von Erz mit eingelegten Figuren von Silber von Warburthon für eine Arbeit gehalten wird, welche zu Rom gemacht worden. Dieses Vorgeben aber scheint keinen Grund zu haben und ist nur zum Behuf seiner Meinung angenommen. Ich habe die Tafel selbst nicht untersuchen können; die Hieroglyphen aber auf derselben, die sich an keinen von den Römern nachgemachten Werken finden, geben einen Grund zur Behauptung des Altertums derselben und zur Widerlegung jener Meinung.

Nebst den angeführten Statuen und erhobenen Werken gehören hierher die Canopi in Stein, welche sich erhalten haben, und geschnittene Steine mit ägyptischen Figuren und Zeichen. Von den Canopen späterer Zeiten besitzt der Herr Kardinal Alex. Albani die zwei schönsten, in grünem Basalt, von welchen der beste bereits bekanntgemacht ist; ein anderer ähnlicher Canopus aus eben dem Steine steht im Campidoglio und ist, wie jene, in der Villa Hadriani zu Tivoli gefunden. Die Zeichnung und Form der Figuren auf denselben, und sonderlich des Kopfs, lassen keinen Zweifel über die Zeit, in welcher sie gemacht worden. Unter den geschnittenen Steinen sind alle diejenigen Scarabei, deren erhobene runde Seite einen Käfer, die flache aber eine ägyptische 64 Gottheit vorstellt, von späteren Zeiten. Die Skribenten, welche dergleichen Steine für sehr alt halten, haben kein anderes Kennzeichen vom hohen Altertume als die Ungeschicklichkeit und von ägyptischer Arbeit gar keins. Ferner sind alle geschnittenen Steine mit Figuren oder Köpfen des Serapis und Anubis von der Römer Zeit. Serapis hat nichts Ägyptisches, und man sagt auch, daß der Dienst dieser Gottheit aus Thracien gekommen und allererst durch den Ptolemäus in Ägypten eingeführt worden. Von den Steinen mit dem Anubis sind fünfzehn in dem Stoschischen Museo und alle von späterer Zeit. Die geschnittenen Steine, welche man Abraxas nennt, sind jetzt durchgehends für Gemächte der Gnostiker und Basilidianer aus den ersten christlichen Zeiten erklärt und sind nicht würdig, in Absicht der Kunst in Betracht gezogen zu werden.

Horusstele (Seite B)

 
Fragen der Bekleidung

In der Bekleidung der Figuren, welche Nachahmungen der ältesten ägyptischen sind, verhält es sich allgemein wie mit der Zeichnung und der Form derselben. Einige männliche Figuren sind, wie die wahren ägyptischen, nur mit einem Schurze angetan, und diejenige, welche, wie ich gedacht habe, an dem beschornen Kopfe eine Locke auf der rechten Seite hängen hat, ist ganz nackend, wie sich keine alte männliche Figur der Ägypter findet. Die weiblichen sind wie jene ganz bekleidet, auch einige nach der im ersten Absatze dieses Stücks angezeigten ältesten Art, so daß die Bekleidung durch einen kleinen Vorsprung an den Beinen und durch einen Rand am Halse und oben auf den Armen angedeutet worden. Von dem Unterleibe hängt an einigen dieser Figuren eine einzige Falte zwischen den Beinen herunter; an dem Leibe muß die Bekleidung nur gedacht werden. Über eine solche Bekleidung haben die weiblichen Figuren einen Mantel, welcher von den Schultern herunter vorn auf der Brust zusammengebunden ist, so wie ihn auch die griechische Isis insgemein hat; weiter aber ist nichts von dem Mantel zu sehen. Als etwas Besonderes ist eine männliche Figur von schwarzem Marmor in der Villa Albani, von welcher der Kopf verloren gegangen ist, anzumerken, welche eben auf die Art wie die Weiber gekleidet ist; 65 das Geschlecht aber ist durch die unter dem Gewand erhobene Anzeige desselben kenntlich. Eine Isis in Marmor in der Galerie Barberini, um welche sich eine Schlange gewickelt hat, trägt eine Haube wie ägyptische Figuren und ein Gehäng von einigen Schnüren über der Brust, nach Art der Canopen.

Dieses sind die drei Absätze dieses zweiten Stücks von dem Stil der ägyptischen Kunst: der erste von dem ältesten Stil, der andere von dem folgenden und späteren Stil und der dritte von den Nachahmungen ägyptischer Werke.

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