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Geschichte der Kunst des Altertums

Johann Joachim Winckelmann: Geschichte der Kunst des Altertums - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Kunst des Altertums
authorJohann Joachim Winckelmann
year1964
firstpub1764
publisherHermann Böhlaus Nachfolger
addressWeimar
titleGeschichte der Kunst des Altertums
pages398
created20170709
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das zweite Kapitel

Von der Kunst unter den Ägyptern, Phöniziern und Persern

 

Erster Abschnitt

Von der Kunst unter den Ägyptern

 
Natürliche und gesellschaftliche Bedingtheiten der künstlerischen Entwicklung

Die Ägypter haben sich nicht weit von ihrem ältesten Stil in der Kunst entfernt, und dieselbe konnte unter ihnen nicht leicht zu der Höhe steigen, zu welcher sie unter den Griechen gelangt ist; wovon die Ursache teils in der Bildung ihrer Körper, teils in ihrer Art zu denken, und nicht weniger in ihren sonderlich gottesdienstlichen Gebräuchen und Gesetzen, auch in der Achtung und in der Wissenschaft der Künstler kann gesucht werden. Dieses begreift das erste Stück dieses Abschnitts in sich; das zweite Stück handelt von dem Stil ihrer Kunst, das ist, von der Zeichnung und Bekleidung ihrer Figuren; und in dem dritten Stücke wird von der Ausarbeitung ihrer Werke geredet.

 
Über die menschliche Gestalt

Die erste von den Ursachen der Eigenschaft der Kunst unter den Ägyptern liegt in ihrer Bildung selbst, welche nicht diejenigen Vorzüge hatte, die den Künstler durch Ideen hoher Schönheit reizen konnten. Denn die Natur war ihnen weniger als den Etruriern und Griechen günstig gewesen; welches eine Art chinesischer Gestaltung, als die ihnen 43 eigentümliche Bildung, sowohl an Statuen als auf Obelisken und geschnittenen Steinen beweist: es konnten also ihre Künstler das Mannigfaltige nicht suchen. Eben diese Bildung findet sich an Köpfen der auf Mumien gemalten Personen, welche, so wie bei den Äthiopiern, genau nach der Ähnlichkeit des Verstorbenen gemacht worden sind, da die Ägypter in Zurichtung der toten Körper alles, was dieselben kenntlich machen konnte, sogar die Haare der Augenlider, zu erhalten suchten. Vielleicht kam auch unter den Äthiopiern der Gebrauch, die Gestalt der Verstorbenen auf ihre Körper zu malen, von den Ägyptern her; denn unter dem König Psammetichus gingen 240 000 Einwohner aus Ägypten nach Äthiopien, welche hier ihre Sitten und Gebräuche einführten. Es dient auch hier zu bemerken, daß Ägypten von achtzehn äthiopischen Königen beherrscht worden, deren Regierung in die ältesten Zeiten von Ägypten fällt. Die Ägypter waren außerdem von dunkelbrauner Farbe, so wie man dieselbe den Köpfen auf gemalten Mumien gegeben hat.

Man will auch aus einer Anmerkung des Aristoteles behaupten, daß die Ägypter auswärts gebogene Schienbeine gehabt haben: die mit den Äthiopiern grenzten, hatten vielleicht wie diese eingebogene Nasen. Ihre weiblichen Figuren haben, bei aller ihrer Dünnheit, die Brüste mit einem gar zu großen Überflusse behängt; und da die ägyptischen Künstler nach dem Zeugnisse eines Kirchenvaters die Natur nachgeahmt haben, wie sie dieselbe fanden, so konnte man auch aus ihren Figuren auf das Geschöpf des weiblichen Geschlechts daselbst schließen. Mit der Bildung der Ägypter kann eine große Gesundheit, welche sonderlich die Einwohner in Oberägypten, nach dem Herodotus, vor allen Völkern genossen, sehr wohl bestehen, und dieses kann auch daraus geschlossen werden, daß an unzähligen Köpfen ägyptischer Mumien, welche Prinz Radzivil gesehen, kein Zahn gemangelt, ja nicht. einmal angefressen gewesen. Die angeführte Mumie in Bologna kann auch dartun, daß es außerordentliche große Gewächse unter ihnen gegeben: denn dieser Körper hat elf römische Palmen in der Länge. 44

 
Über das Psychische und die Denkweise der Menschen

Was zum zweiten die Gemüts- und Denkungsart der Ägypter betrifft, so waren sie ein Volk, welches zur Lust und Freude nicht erschaffen schien. Denn die Musik, durch welche die ältesten Griechen die Gesetze selbst annehmlicher zu machen suchten, und in welcher schon vor den Zeiten des Homerus Wettspiele angeordnet waren, wurde in Ägypten nicht geübt; ja es wird vorgegeben, es sei dieselbe verboten gewesen, wie man es auch von der Dichtkunst versichert. Weder in ihren Tempeln, noch bei ihren Opfern wurde, nach dem Strabo, ein Instrument gerührt. Dieses aber schließt die Musik überhaupt bei den Ägyptern nicht aus oder müßte nur von ihren ältesten Zeiten verstanden werden; denn wir wissen, daß die Weiber den Apis mit Musik auf den Nil führten, und es sind Ägypter auf Instrumenten spielend vorgestellt sowohl auf dem Mosaik des Tempels des Glücks zu Palestrina, als auf zwei herkulanischen Gemälden.

Diese Gemütsart verursachte, daß sie sich durch heftige Mittel die Einbildung zu erhitzen und den Geist zu ermuntern suchten. Die Melancholie dieser Nation brachte daher die ersten Eremiten hervor, und ein neuerer Skribent will irgendwo gefunden haben, daß zu Ende des vierten Jahrhunderts in Unterägypten allein über siebzigtausend Mönche gewesen.

Die Ägypter wollten unter strengen Gesetzen gehalten sein und konnten gar nicht ohne König leben, welches vielleicht die Ursache ist, warum Ägypten von Homerus das bittere Ägypten genannt wird. Ihr Denken ging das Natürliche vorbei und beschäftigte sich mit dem Geheimnisvollen.

In ihren Gebräuchen und Gottesdiensten bestanden die Ägypter auf eine strenge Befolgung der uralten Anordnung derselben noch unter den römischen Kaisern, und die Feindschaft einer Stadt gegen die andere über ihre Götter dauerte noch damals. Was einige Neuere auf ein dem Herodotus und Diodorus angedichtetes Zeugnis vorgeben, daß Kambyses den Götterdienst der Ägypter und die Art, die Toten zu balsamieren, gänzlich aufgehoben, ist so falsch, daß sogar die Griechen nach dieser Zeit ihre Toten auf ägyptische Art zurichten lassen, wie [ich] 45 anderwärts angezeigt habe, aus derjenigen Mumie mit dem Worte ΕΥ + ΥΧΙ auf der Brust, die ehemals in dem Hause Della Valle zu Rom war und jetzt unter den königlichen Altertümern in Dresden ist. Da sich die Ägypter unter dem Darus, des Kambyses Nachfolger, empörten, so würden sie auch schon damals, wenn auch obiges Vorgehen Grund hätte, zu diesem Gebrauche zurückgekehrt sein.

Daß die Ägypter noch unter den Kaisern über ihren alten Gottesdienst gehalten haben, kann auch die Statue des Antinous im Campidoglio bezeugen, welche nach Art ägyptischer Statuen gebildet ist und so wie derselbe in diesem Lande, sonderlich in der Stadt, die von demselben den Namen Antinoea führte, verehrt worden. Eine ähnliche Figur von Marmor, so wie jene, etwas über Lebensgröße, befindet sich in dem Garten des Palastes Barberini, und eine dritte, etwa von drei Palmen hoch, ist in der Villa Borghese: diese haben den steifen Stand mit senkrecht hängenden Armen, nach Art der ältesten ägyptischen Figuren. Man sieht also, Hadrian mußte dem Bilde des Antinous, sollte er den Ägyptern ein Vorwurf der Verehrung werden, eine ihnen annehmliche und allein beliebte Form geben; und so wie dieser Antinous, welcher zu Tivoli gestanden, gebildet ist, werden es auch die Statuen desselben in Ägypten gewesen sein.

Hinzu kam der Abscheu dieses Volkes gegen alle fremden, sonderlich griechischen Gebräuche, vornehmlich ehe sie von den Griechen beherrscht wurden, und dieser Abscheu mußte ihre Künstler sehr gleichgültig gegen die Kunst unter anderen Völkern machen; dieses hemmte den Lauf der Wissenschaft sowohl als der Kunst. So wie ihre Ärzte keine anderen Mittel, als die in den heiligen Büchern verzeichnet waren, vorschreiben durften, ebenso war auch ihren Künstlern nicht erlaubt, von dem alten Stil abzugehen; denn ihre Gesetze schränkten den Geist auf die bloße Nachfolge ihrer Vorfahren ein und untersagten ihnen alle Neuerungen. Daher berichtet Platon, daß Statuen, die zu seiner Zeit in Ägypten gemacht worden, weder in der Gestalt noch sonst von denen, welche tausend und mehr Jahre älter waren, verschieden gewesen. Dieses ist zu verstehen von Werken, welche vor der Zeit der griechischen Regierung in Ägypten von ihren eingeborenen Künstlern gearbeitet worden. 46

 
Der Künstler in der Gesellschaft

Endlich liegt eine von den Ursachen der angezeigten Beschaffenheit der Kunst in Ägypten in der Achtung und in der Wissenschaft ihrer Künstler. Denn diese waren den Handwerkern gleich und zu dem niedrigsten Stande gerechnet. Es wählte sich niemand die Kunst aus eingepflanzter Neigung und aus besonderem Antriebe, sondern der Sohn folgte, wie in allen ihren Gewerken und Ständen, der Lebensart seines Vaters, und einer setzte den Fuß in die Spur des anderen, so daß niemand scheint einen Fußtapfen gelassen zu haben, welcher dessen eigener heißen konnte. Folglich kann es keine verschiedenen Schulen der Kunst in Ägypten, wie unter den Griechen, gegeben haben. In solcher Verfassung konnten die Künstler weder Erziehung noch Umstände haben, die fähig waren, ihren Geist zu erheben, sich in das Hohe der Kunst zu wagen; es waren auch weder Vorzüge noch Ehre für dieselben zu hoffen, wenn sie etwas Außerordentliches hervorgebracht hatten. Den Meistern der ägyptischen Statuen kommt daher das Wort Bildhauer in seiner eigentlichen ersten Bedeutung zu: sie meißelten ihre Figuren nach einem festgesetzten Maß und Form aus, und das Gesetz, nicht davon abzugehen, wird ihnen also nicht hart gewesen sein. Der Name eines einzigen ägyptischen Bildhauers hat sich nach griechischer Aussprache erhalten; er hieß Memnon und hatte drei Statuen am Eingange eines Tempels zu Theben gemacht, von welchen die eine die größte in ganz Ägypten war.

 
Die Qualität der Schaffenden

Was die Wissenschaft der ägyptischen Künstler betrifft, so muß es ihnen an einem der vornehmsten Stücke der Kunst, nämlich an Kenntnis in der Anatomie, gefehlt haben; einer Wissenschaft, welche in Ägypten sowie in China gar nicht geübt wurde, auch nicht bekannt war: denn die Ehrfurcht gegen die Verstorbenen würde auf keine Weise erlaubt haben, eine Zergliederung toter Körper anzustellen; ja es wurde, wie Diodorus berichtet, als ein Mord angesehen, nur einen Schnitt in dieselbe zu tun. Daher auch der Paraschistes, wie ihn die Griechen nennen, oder derjenige, welcher die Körper zum Balsamieren 47 durch einige Schnitte öffnete, unmittelbar nach dieser Verrichtung plötzlich davonlaufen mußte, um sich zu retten vor den Verwandten des Verstorbenen und vor anderen Umstehenden, welche jenen mit Flüchen und mit Steinen verfolgen. Es zeigt sich auch in der Tat die wenige Kenntnis der ägyptischen Bildhauer in der Anatomie, nicht allein in einigen unrichtig angegebenen Teilen, sondern man könnte auch aus den wenig angezeigten Muskeln und Knochen, wovon ich unten reden werde, auf den Mangel der Kenntnis derselben schließen. Die Anatomie erstreckte sich in Ägypten nicht weiter als auf die inneren Teile oder die Eingeweide; und auch diese eingeschränkte Wissenschaft, welche in der Zunft dieser Leute vom Vater auf den Sohn fortgepflanzt wurde, blieb vermutlich für andere ein Geheimnis: denn bei Zurichtung der toten Körper war niemand außer ihnen zugegen. Man bemerkt an ägyptischen Figuren auch gewisse Abweichungen von den natürlichen Verhältnissen, wie die Ohren an einigen Köpfen sind, welche höher als die Nase stehen, wie unter anderen an den Sphinxen zu sehen ist: an einem unten angeführten Kopfe in der Villa Altieri mit eingesetzten Augen stehen die Ohren mit den Augen gerade, das ist, das Ohrläppchen steht fast in gerade Linie mit den Augen.

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