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Geschichte der Kunst des Altertums

Johann Joachim Winckelmann: Geschichte der Kunst des Altertums - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Kunst des Altertums
authorJohann Joachim Winckelmann
year1964
firstpub1764
publisherHermann Böhlaus Nachfolger
addressWeimar
titleGeschichte der Kunst des Altertums
pages398
created20170709
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Drittes Stück

Einfluß des Klimas auf die menschliche Gestalt, Entstehung nationaler Verschiedenheiten

Nach angezeigtem Ursprunge der Kunst und der Materie, worin sie gewirkt, führt die Abhandlung von dem Einflusse des Himmels in die Kunst, als das dritte Stück dieses Kapitels, näher zu der Verschiedenheit der Kunst unter den Völkern, welche dieselbe geübt haben. Durch den Einfluß des Himmels bedeuten wir die Wirkung der verschiedenen Lage der Länder, der besonderen Witterung und Nahrung in denselben, in die Bildung der Einwohner, wie nicht weniger in ihre Denkungsart. Das Klima, sagt Polybius, bildet die Sitten der Völker, ihre Gestalt und Farbe. 33

Ägyptischer Schreiber

 
Die natürliche Bedingtheit der menschlichen Gestalt und Sprache

In Absicht des ersten, nämlich der Bildung der Menschen, überzeugt uns unser Auge, daß in dem Gesicht allezeit, so wie die Seele, also auch vielmals der Charakter der Nation gebildet sei: und wie die Natur große Reiche und Länder durch Berge und Flüsse voneinander gesondert, so hat auch die Mannigfaltigkeit derselben die Einwohner solcher Länder durch ihre eigenen Züge unterschieden; und in weit entlegenen Ländern ist die Verschiedenheit auch in anderen Teilen des Körpers und in der Statur. Die Tiere sind in ihren Arten, nach Beschaffenheit der Länder, nicht verschiedener, als es die Menschen sind, und es haben einige bemerken wollen, daß die Tiere die Eigenschaft der Einwohner ihrer Länder haben. Die Bildung des Gesichts ist so verschieden wie die Sprachen, ja wie die Mundarten derselben; und diese sind es vermöge der Werkzeuge der Rede selbst, so daß in kalten Ländern die Nerven der Zunge starrer und weniger schnell sein müssen als in wärmeren Ländern; und wenn den Grönländern und verschiedenen Völkern in Amerika Buchstaben mangeln, muß dieses aus eben dem Grunde herrühren. Daher kommt es, daß alle mitternächtigen Sprachen mehr einsilbige Wörter haben und mehr mit Konsonanten überladen sind, deren Verbindung und Aussprache anderen Nationen schwer, ja zum Teil unmöglich fällt. In dem verschiedenen Gewebe und [der] Bildung der Werkzeuge der Rede sucht ein berühmter Skribent sogar den Unterschied der Mundarten der italienischen Sprache. Aus angeführtem Grunde, sagt er, haben die Lombarder, welche in kälteren Ländern von Italien geboren sind, eine rauhe und abgekürzte Aussprache; die Toskaner und Römer reden mit einem abgemessenen Tone; die Neopolitaner, welche einen noch wärmern Himmel genießen, lassen die Vokale mehr als jene hören und sprechen mit einem völligern Munde. Diejenigen, welche viel Nationen kennenlernen, unterscheiden dieselbe ebenso richtig und untrüglich aus der Bildung des Gesichts als aus der Sprache. Da nun der Mensch allezeit der vornehmste Vorwurf der Kunst und der Künstler gewesen ist, so haben diese in jedem Lande ihren Figuren die Gesichtsbildung ihrer Nation gegeben; und daß die 34 Kunst im Altertume eine Gestalt nach der Bildung der Menschen angenommen, beweist ein gleiches Verhältnis einer zu der andern in neuern Zeiten. Deutsche, Holländer und Franzosen, wenn sie nicht aus ihrem Lande und aus ihrer Natur gehen, sind wie die Chinesen und Tataren in ihren Gemälden kenntlich: Rubens hat nach einem vieljährigen Aufenthalt in Italien seine Figuren beständig gezeichnet, als wenn er niemals aus seinem Vaterlande gegangen wäre.

Die Bildung der heutigen Ägypter würde sich noch jetzt in Figuren ihrer ehemaligen Kunst zeigen: diese Ähnlichkeit aber zwischen der Natur und ihrem Bilde ist nicht mehr eben dieselbe, welche sie war. Denn wenn die meisten Ägypter so dick und fett wären, als die Einwohner von Kairo beschrieben werden, würde man nicht von ihren alten Figuren auf die Beschaffenheit ihrer Körper in alten Zeiten schließen können, als welche das Gegenteil von der heutigen scheint gewesen zu sein: es ist aber zu merken, daß die Ägypter auch schon von den Alten als dicke, fette Körper beschrieben worden. Der Himmel ist zwar allezeit derselbe, aber das Land und die Einwohner können eine veränderte Gestalt annehmen. Denn wenn man erwägt, daß die heutigen Einwohner in Ägypten ein fremder Schlag von Menschen ist, welche auch ihre eigene Sprache eingeführt haben, daß ihr Gottesdienst, [ihre] Regierungsform und Lebensart der ehemaligen Verfassung ganz und gar entgegensteht, so wird auch die verschiedene Beschaffenheit der Körper begreiflich sein. Die unglaubliche Bevölkerung machte die alten Ägypter mäßig und arbeitsam; ihre vornehmste Absicht ging auf den Ackerbau; ihre Speise bestand mehr in Früchten als in Fleisch, und es konnten also die Körper sich nicht mit vielem Fleisch behängen. Die heutigen Einwohner in Ägypten aber sind in der Faulheit eingeschläfert und suchen nur zu leben, nicht zu arbeiten, welches den starken Ansatz ihrer Körper verursacht.

Eben diese Betrachtung läßt sich über die heutigen Griechen machen. Denn nicht zu gedenken, daß ihr Geblüt einige Jahrhunderte hindurch mit dem Samen so vieler Völker, die sich unter ihnen niedergelassen haben, vermischt worden, so ist leicht einzusehen, daß ihre jetzige Verfassung, Erziehung, Unterricht und Art zu denken, auch in ihre [körperliche] Bildung einen Einfluß haben könne. In allen diesen nachteiligen 35 Umständen ist noch jetzt das heutige griechische Geblüt wegen dessen Schönheit berühmt, und je mehr sich die Natur dem griechischen Himmel nähert, desto schöner, erhabener und mächtiger ist dieselbe in Bildung der Menschenkinder. Es finden sich daher in den schönsten Ländern von Italien wenig halb entworfene, unbestimmte und unbedeutende Züge des Gesichts, wie häufig jenseits der Alpen, sondern sie sind teils erhaben, teils geistreich, und die Form des Gesichts ist meistens groß und völlig, und die Teile derselben in Übereinstimmung. Diese vorzügliche Bildung ist so augenscheinlich, daß der Kopf des geringsten Mannes unter dem Pöbel in dem erhabensten historischen Gemälde könnte angebracht werden, und unter den Weibern dieses Standes würde es nicht schwer sein, auch an den geringsten Orten ein Bild zu einer Juno zu finden. Neapel, welches mehr als andere Länder von Italien einen sanften Himmel und eine gleichere und gemäßigtere Witterung genießt, weil es dem Himmelsstriche, unter welchem das eigentliche Griechenland liegt, sehr nahe ist, hat häufig Formen und Bildungen, die zum Modell eines schönen Ideals dienen können, und welche in Absicht der Form des Gesichts und sonderlich der stark bezeichneten und harmonischen Teile desselben gleichsam zur Bildhauerei erschaffen zu sein scheint.

Wer auch niemals diese Nation gesehen, kann aus der zunehmenden Feinheit derselben, je wärmer das Klima ist, von selbst und gründlich auf die geistreiche Bildung derselben schließen: die Neapolitaner sind feiner und schlauer noch als die Römer, und die Sizilianer mehr als jene; die Griechen aber übertreffen selbst die Sizilianer. Je reiner und dünner die Luft ist, sagt Cicero, desto feiner sind die Köpfe.

Es findet sich also die hohe Schönheit, die nicht bloß in einer sanften Haut, in einer blühenden Farbe, in leichtfertigen oder schmachtenden Augen, sondern in der Bildung und in der Form besteht, häufiger in Ländern, die einen gleichgültigen Himmel genießen. Wenn also nur die Italiener die Schönheit malen und bilden können, wie ein englischer Skribent von Stande sagt, so liegt in den schönen Bildungen des Landes selbst zum Teil der Grund zu dieser Fähigkeit, welche durch eine anschauliche tägliche Erkenntnis leichter erlangt werden kann. Unterdessen war die vollkommene Schönheit auch unter den Griechen selten, 36 und Cotta beim Cicero sagt, daß unter der Menge von jungen Leuten zu Athen nur einzelne zu seiner Zeit wahrhaftig schön gewesen. Wieviel ein glückliches Klima zur Bildung der Schönheit beitrage, zeigt auch das weibliche Geschlecht zu Malta von besonderer Schönheit: denn auf dieser Insel ist kein Winter.

Das schönste Geblüt der Griechen aber, sonderlich in Absicht der Farbe, muß unter dem ionischen Himmel in Kleinasien, unter dem Himmel, welcher den Homerus erzeugt und begeistert hat, gewesen sein. Dieses bezeugt Hippokrates und Lucianus, und ein aufmerksamer Reisender des sechzehnten Jahrhunderts kann die Schönheit des weiblichen Geschlechts daselbst, die sanfte und milchweiße Haut und die frische und gesunde Röte desselben, nicht genugsam erheben. Denn der Himmel ist in diesem Lande und in den Inseln des Archipelagi wegen dessen Lage viel heiterer und die Witterung, welche zwischen Wärme und Kälte abgewogen ist, beständiger und gleicher als selbst in Griechenland, sonderlich in den Gegenden am Meere, welche dem schwülen Winde aus Afrika, sowie die ganze mittägige Küste von Italien und anderer Länder, welche dem heißen Striche von Afrika gegenüberliegen, sehr ausgesetzt sind. Dieser Wind, welcher bei den Griechen λίψ, bei den Römern Africus und jetzt Scirocco heißt, verdunkelt und verfinstert die Luft durch brennende, schwere Dünste, macht dieselbe ungesund und entkräftet die ganze Natur in Menschen, Tieren und Pflanzen. Die Verdauung wird gehemmt, wenn derselbe regiert, und der Geist sowohl als der Körper wird verdrossen und unkräftig, zu wirken; daher es sehr begreiflich ist, wieviel Einfluß dieser Wind in die Schönheit der Haut und der Farbe habe. An den nächsten Einwohnern der Seeküste verursacht derselbe eine trübe und gelbliche Farbe, welche den Neapolitanern, sonderlich in der Hauptstadt, wegen der engen Straßen und hohen Häuser, mehr gemein ist als den Einwohnern auf dem Lande daselbst. Eben diese Farbe haben die Einwohner der Orte auf den Küsten der mittelländischen See, im Kirchenstaate, zu Terracina, Nettuno, Ostia usw. Die Sümpfe aber, welche in Italien eine üble und tödliche Luft verursachen, müssen in Griechenland keine schädlichen Ausdünstungen gehabt haben: denn Ambracia zum Exempel . . . lag mitten in Sümpfen und hatte nur einen einzigen Zugang. 37

Der begreiflichste Beweis von der vorzüglichen Form der Griechen und aller heutigen Levantiner ist, daß sich gar keine gepletschten Nasen unter ihnen finden, welches die größte Verunstaltung des Gesichts ist. Scaliger hat dieses von den Juden bemerkt; ja die Juden in Portugal müssen meistens Habichtsnasen haben; daher dergleichen Nasen daselbst eine jüdische Nase genannt wird. Vesalius merkt an, daß die Köpfe der Griechen und der Türken ein schöneres Oval haben als [die] der Deutschen und Niederländer. Es ist auch hier in Erwägung zu ziehen, daß die Blattern in allen warmen Ländern weniger gefährlich sind als in kalten Ländern, wo es epidemische Seuchen sind und wie die Pest wüten. Daher wird man in Italien unter tausend kaum zehn Personen mit unvermerklichen wenigen Spuren von Blattern bezeichnet finden; den alten Griechen aber war dieses Übel unbekannt.

 
Einfluß der Natur auf das Empfinden und Denken der Völker

Ebenso sinnlich und begreiflich als der Einfluß des Himmels in die Bildung ist zum zweiten der Einfluß desselben in die Art zu denken, in welche die äußeren Umstände, sonderlich die Erziehung, Verfassung und Regierung eines Volkes mitwirken. Die Art zu denken, sowohl der Morgenländer und mittägigen Völker als der Griechen, offenbart sich in den Werken der Kunst. Bei jenen sind die figürlichen Ausdrücke so warm und feurig als das Klima, welches sie bewohnen, und der Flug ihrer Gedanken übersteigt vielmals die Grenzen der Möglichkeit. In solchen Gehirnen bildeten sich die abenteuerlichen Figuren der Ägypter und der Perser, welche ganz verschiedene Naturen und Geschlechter der Geschöpfe in eine Gestalt vereinigten, und die Absicht ihrer Künstler ging mehr auf das Außerordentliche als auf das Schöne.

Die Griechen hingegen, welche unter einem gemäßigtern Himmel und Regierung lebten und ein Land bewohnten, welches die Pallas, sagt man, wegen der gemäßigten Jahreszeiten, vor allen Ländern den Griechen zur Wohnung angewiesen, hatten, so wie ihre Sprache malerisch ist, auch malerische Begriffe und Bilder. Ihre Dichter, vom Homerus an, reden nicht allein durch Bilder, sondern sie geben und malen 38 auch Bilder, die vielmals in einem einzigen Worte liegen und durch den Klang desselben gezeichnet und wie mit lebendigen Farben entworfen werden. Ihre Einbildung war nicht übertrieben wie bei jenen Völkern, und ihre Sinne, welche durch schnelle und empfindliche Nerven in ein feingewebtes Gehirn wirkten, entdeckten mit einem Male die verschiedenen Eigenschaften eines Vorwurfs und beschäftigten sich vornehmlich mit Betrachtung des Schönen in demselben.

Unter den Griechen in Kleinasien, deren Sprache, nach ihrer Wanderung aus Griechenland hierher, reicher an Selbstlauten (Vokalen), sanfter und mehr musikalisch wurde, weil sie daselbst einen glücklichern Himmel noch als die übrigen Griechen genossen, erweckte und begeisterte eben dieser Himmel die ersten Dichter; die griechische Weltweisheit bildete sich auf diesem Boden; ihre ersten Geschichtschreiber waren aus diesem Lande; ja Apelles, der Maler der Grazie, war unter diesem wollüstigen Himmel erzeugt. Diese Griechen aber, welche ihre Freiheit vor der angrenzenden Macht der Perser nicht verteidigen konnten, waren nicht imstande, sich in mächtige freie Staaten, wie die Athenienser, zu erheben, und die Künste und Wissenschaften konnten daher in dem ionischen Asien ihren vornehmsten Sitz nicht nehmen. In Athen aber, wo nach Verjagung der Tyrannen ein demokratisches Regiment eingeführt wurde, an welchem das ganze Volk Anteil hatte, erhob sich der Geist eines jeden Bürgers und die Stadt selbst über alle Griechen. Da nun der gute Geschmack allgemein wurde, und bemittelte Bürger durch prächtige öffentliche Gebäude und Werke der Kunst sich Ansehen und Liebe unter ihren Bürgern erweckten und den Weg zur Ehre bahnten, floß in dieser Stadt, bei ihrer Macht und Größe, wie ins Meer die Flüsse, alles zusammen. Mit den Wissenschaften ließen sich hier die Künste nieder, hier nahmen sie ihren vornehmsten Sitz, und von hier gingen sie in andere Länder aus. Daß in angeführten Ursachen der Grund von dem Wachstum der Künste in Athen liege, bezeugen ähnliche Umstände in Florenz, da die Wissenschaften und Künste daselbst in neueren Zeiten nach einer langen Finsternis anfingen, beleuchtet zu werden. 39

 
Die Wirkung gesellschaftlicher Faktoren

Man muß also in Beurteilung der natürlichen Fähigkeiten der Völker, und hier insbesondere der Griechen, nicht bloß allein den Einfluß des Himmels, sondern auch die Erziehung und Regierung in Betracht ziehen. Denn die äußeren Umstände wirken nicht weniger in uns als die Luft, die uns umgibt, und die Gewohnheit hat so viel Macht über uns, daß sie sogar den Körpern und die Sinne selbst, von der Natur in uns geschaffen, auf eine besondere Art bildet; wie unter andern ein an französische Musik gewöhntes Ohr beweist, welches durch die zärtlichste italienische Musik nicht gerührt wird.

Eben daher rührt die Verschiedenheit auch unter den griechischen Völkern in Griechenland selbst, welche Polybius in Absicht der Führung des Krieges und der Tapferkeit anzeigt. Die Thessalier waren gute Krieger, wo sie mit kleinen Haufen angreifen konnten, aber in einer förmlichen Schlachtordnung hielten sie nicht lange stand: bei den Ätoliern war das Gegenteil. Die Kretenser waren unvergleichlich im Hinterhalte oder in Ausführungen, wo es auf die List ankam, oder sonst dem Feinde Abbruch zu tun; sie waren aber nicht zu gebrauchen, wo die Tapferkeit allein entscheiden mußte: bei den Achajern hingegen und Mazedoniern war es umgekehrt. Die Arkadier waren durch ihre ältesten Gesetze verbunden, alle die Musik zu lernen und dieselbe bis in das dreißigste Jahr ihres Alters beständig zu treiben, um die Gemüter und Sitten, welche wegen des rauhen Himmels in ihrem gebirgigen Lande störrisch und wild gewesen sein würden, sanft und liebreich zu machen; sie waren daher die redlichsten und wohlgesittetsten Menschen unter allen Griechen. Die Cynäther allein unter ihnen, welche von dieser Verfassung abgingen und die Musik nicht lernen und üben wollten, verfielen wiederum in ihre natürliche Wildheit und wurden von allen Griechen verabscheut.

In Ländern, wo nebst dem Einflusse des Himmels einiger Schatten der ehemaligen Freiheit mitwirkt, ist die gegenwärtige Denkungsart der ehemaligen sehr ähnlich; dieses zeigt sich noch jetzt in Rom, wo der Pöbel unter der priesterlichen Regierung eine ausgelassene Freiheit genießt. Es würde noch jetzt aus dem Mittel desselben ein Haufen der 40 streitbaren und unerschrockensten Krieger zu sammeln sein, die wie ihre Vorfahren dem Tode trotzten, und Weiber unter dem Pöbel, deren Sitten weniger verderbt sind, zeigen noch jetzt Herz und Mut wie die alten Römerinnen; welches mit ausnehmenden Zügen zu beweisen wäre, wenn es unser Vorhaben erlaubte.

Das vorzügliche Talent der Griechen zur Kunst zeigt sich noch jetzt in dem großen fast allgemeinen Talente der Menschen in den wärmsten Ländern von Italien; und in dieser Fähigkeit herrscht die Einbildung, so wie bei den denkenden Briten die Vernunft über die Einbildung. Es hat jemand nicht ohne Grund gesagt, daß die Dichter jenseits der Gebirge durch Bilder reden, aber wenig Bilder geben; man muß auch gestehen, daß die erstaunenden, teils schrecklichen Bilder, in welchen Miltons Größe mit besteht, kein Vorwurf eines edlen Pinsels, sondern ganz und gar ungeschickt zur Malerei sind. Die Miltonschen Beschreibungen sind, die einzige Liebe im Paradiese ausgenommen, wie schön gemalte Gorgonen, die sich ähnlich und gleich fürchterlich sind. Bilder vieler andern Dichter sind dem Gehör groß, und klein dem Verstande. Im Homero aber ist alles gemalt und zur Malerei erdichtet und geschaffen. Je wärmer die Länder in Italien sind, desto größere Talente bringen sie hervor, und desto feuriger ist die Einbildung, und die sizilianischen Dichter sind voll von seltenen, neuen und unerwarteten Bildern. Diese feurige Einbildung aber ist nicht aufgebracht und aufwallend, sondern wie das Temperament der Menschen, und wie die Witterung dieser Länder ist, mehr gleich als in kälteren Ländern: denn ein glückliches Phlegma wirkt die Natur häufiger hier als dort.

 
Ein Blick auf Deutschland

Wenn ich von der natürlichen Fähigkeit dieser Nation zur Kunst rede, so schließe ich dadurch diese Fähigkeit in einzelnen oder vielen unter anderen Völkern nicht aus, als welches wider die offenbare Erfahrung sein würde. Denn Holbein und Albrecht Dürer, die Väter der Kunst in Deutschland, haben ein erstaunendes Talent in derselben gezeigt, und wenn sie, wie Raffael, Correggio und Tizian aus den Werken der Alten hätten lernen können, würden sie eben so groß wie diese 41 geworden sein, ja diese vielleicht übertroffen haben. Denn auch Correggio ist nicht, wie es insgemein heißt, ohne Kenntnis des Altertums zu seiner Größe gelangt: dessen Meister Andreas Mantegna kannte dasselbe, und es finden sich von dessen Zeichnungen nach alten Statuen in der großen Sammlung des Herrn Kardinal Alexander Albani; daher ihm Felicianus eine Sammlung alter Inschriften zueignete. Mantegna war in dieser Nachricht dem älteren Burmann ganz und gar unbekannt. Ob der Mangel der Maler unter den Engländern, welche keinen einzigen berühmten Mann aufzuweisen haben, und den Franzosen, ein paar ausgenommen, welche nach vielen aufgewendeten Kosten fast in gleichen Umständen sind, aus angezeigten Gründen herrühren, lasse ich andere beurteilen.

Ich glaube, den Leser durch allgemeine Kenntnisse der Kunst und die Gründe von der Verschiedenheit derselben in ihren Ländern, zur Abhandlung der Kunst unter besonderen Völkern zubereitet zu haben. 42

 

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