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Geschichte der Kunst des Altertums

Johann Joachim Winckelmann: Geschichte der Kunst des Altertums - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Kunst des Altertums
authorJohann Joachim Winckelmann
year1964
firstpub1764
publisherHermann Böhlaus Nachfolger
addressWeimar
titleGeschichte der Kunst des Altertums
pages398
created20170709
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Stück

Zur Entwicklung der Plastik

Das zweite Stück dieses Kapitels, die Materie, in welcher die Bildhauerei gearbeitet, zeigt die verschiedenen Stufen derselben sowie die Bildung und Zeichnung selbst. Die Kunst und die Bildhauerei fingen an mit Ton, hierauf schnitzte man in Holz, hernach in Elfenbein, und endlich machte man sich an Steine und Metall.

 
Erste Materie: der Ton

Die erste Materie der Kunst, den Ton, deuten selbst die alten Sprachen an: denn die Arbeit des Töpfers und des Bildners wird durch eben dasselbe Wort bezeichnet. Es waren noch zu Pausanias Zeiten in verschiedenen Tempeln Figuren der Gottheiten von Ton: als zu Tritia in Achaja, in dem Tempel der Ceres und Proserpina; in einem Tempel des Bacchus zu Athen war Amphiktyon, wie er nebst anderen Göttern 27 den Bacchus bewirtete, ebenfalls von Ton; und eben daselbst auf der Halle, Ceramicus, von irdenen Gefäßen oder Figuren also genannt, stand Theseus, wie er den Skiron ins Meer stürzte, und die Morgenröte, welche den Cephalus entführte, beide Werke von Ton. Die Bilder aus Ton wurden mit roter Farbe bemalt und zuweilen, wie sich an einem alten Kopfe von gebrannter Erde zeigt, ganz rot überstrichen: von den Figuren des Jupiters wird es insbesondere gesagt, und in Arkadien war ein solcher zu Phigalia; auch Pan wurde rot bemalt. Eben dieses geschieht noch jetzt von den Indianern. Es scheint, daß daher der Beiname der Ceres φοινικόπεζα, die Rotfüßige, gekommen sei.

Der Ton blieb auch nachher sowohl unter als nach dem Flor der Kunst ein Vorwurf derselben, teils in erhobenen Sachen, teils in gemalten Gefäßen. Jene wurden nicht allein in die Friesen der Gebäude angebracht, sondern sie dienten auch den Künstlern zu Modellen, und um sie zu vervielfältigen, wurden sie in eine vorher zubereitete Form abgedruckt; wovon die häufigen Überbleibsel einer und eben derselben Vorstellung ein Beweis sind. Diese Abdrücke wurden von neuem mit dem Modellierstecken nachgearbeitet, wie man deutlich sieht, und der Verfasser besitzt selbst einige Stücke dieser Art. Die Modelle wurden zuweilen auf ein Seil gezogen und in den Werkstellen der Künstler aufgehängt: denn einige haben ein dazu gemachtes Loch in der Mitte. Man findet unter diesen Modellen ganz besondere Vorstellungen. Die vermeinte Pythische Priesterin ist ein solches Werk in gebrannter Erde. An den feierlichen Festen, die zum Gedächtnisse des Dädalus gehalten wurden, in Böotien sowohl als in den Städten um Athen, und namentlich zu Platää, setzten die Künstler dergleichen Modelle öffentlich aus.

Von der anderen Art Denkmale der Arbeit in Ton, nämlich von der Alten ihren bemalten Gefäßen, sind uns sowohl etrurische als griechische übrig, wie unten mit mehreren wird gedacht werden. Der Gebrauch irdener Gefäße blieb von den ältesten Zeiten her in heiligen und gottesdienstlichen Verrichtungen, nachdem sie durch die Pracht im bürgerlichen Leben abgekommen waren. Jene gemalten Gefäße waren bei den Alten anstatt des Porzellans und dienten zum Zierat, nicht zum Gebrauch: denn es finden sich einige, welche keinen Boden haben. 28

 
Figuren in Holz

Aus Holz wurden, so wie die Gebäude, also auch die Statuen, eher als aus Stein und Marmor gemacht. In Ägypten werden noch jetzt von ihren alten Figuren von Holz, welches Sycomorus ist, gefunden; es finden sich dergleichen in vielen Museis. Pausanias macht die Arten von Holz namhaft, aus welchen die ältesten Bilder geschnitzt waren; und es waren noch zu dessen Zeiten an den berühmtesten Orten in Griechenland Statuen von Holz. Unter andern war zu Megalopolis in Arkadien eine solche Juno, Apollo und die Musen, ingleichen eine Venus und ein Mercurius von Damophon, einem der ältesten Künstler. Es ist auch eine Statue von Holz aus einem Stücke in dem Tempel des Apollo zu Delos, davon Pindarus gedenkt, anzuführen. Besonders sind zu merken Hilaira und Phoebe zu Theben nebst den Pferden des Castor und Pollux aus Ebenholz und Elfenbein, von Dipoenus und Skyllis, des Dädalus Schülern, und eine solche Diana zu Tegea in Arkadien, aus der ältesten Zeit der Kunst, und ingleichen eine Statue des Ajax zu Salamis. Pausanias glaubt, daß schon vor dem Dädalus Statuen von Holz Dädala genannt worden. Zu Sais und zu Theben in Ägypten waren kolossalische Statuen von Holz. Wir finden, daß noch Siegern in der einundsechzigsten Olympias hölzerne Statuen aufgerichtet worden; ja der berühmte Myron zur Zeit des Phidias machte eine Hekate von Holz zu Ägina. Diagoras, welcher unter den Gottesverleugnern des Altertums berühmt ist, kochte sich sein Essen bei einer Figur des Herkules, da es ihm an Holz fehlte. Mit der Zeit vergoldete man die Figuren, wie [es] unter den Ägyptern sowohl als unter den Griechen geschah; von ägyptischen Figuren, welche vergoldet gewesen, hat Gori zwei besessen. Zu Rom wurde eine Fortuna Virilis, die von Zeiten [des] Königs Servius Tullius und vermutlich von einem etrurischen Künstler war, noch unter den ersten römischen Kaisern verehrt.

 
Figuren in Elfenbein

In Elfenbein wurde schon in den ältesten Zeiten der Griechen geschnitzt, und Homerus redet von Degengriffen, von Degenscheiden, ja von Betten und von vielen anderen Sachen, welche daraus gemacht 29 waren. Die Stühle der ersten Könige und Konsuls in Rom waren gleichfalls von Elfenbein, und ein jeder Römer, welcher zu derjenigen Würde gelangt war, die diese Ehre genoß, hatte seinen eigenen Stuhl von Elfenbein; und auf solchen Stühlen saß der ganze Rat, wenn von den Rostris auf dem Markte zu Rom eine Leichenrede gehalten wurde. Es waren sogar die Leiern der Alten aus Elfenbein gemacht. In Griechenland waren an hundert Statuen von Elfenbein und Gold, die meisten aus der älteren Zeit und über Lebensgröße: sogar in einem geringen Flecken in Arkadien war ein schöner Aesculapius, und auf der Landstraße selbst, nach Pellene, in Achaja, war in einem Tempel der Pallas ihr Bild, beide von Elfenbein und Gold. In einem Tempel zu Cyzicum, an welchem die Fugen der Steine mit goldenen Leisten geziert waren, stand ein Jupiter von Elfenbein, den ein Apollo von Marmor krönte; auch zu Tivoli war ein solcher Herkules. Herodes Atticus, der berühmte und reiche Redner zur Zeit der Antoniner, ließ zu Korinth in dem Tempel des Neptunus einen Wagen mit vier vergoldeten Pferden setzen, an welchen der Huf von Elfenbein war. Von Elfenbein von Statuen hat sich niemals, in so vielen Entdeckungen, die geringste Spur gefunden, einige ganz kleine Figuren ausgenommen, weil Elfenbein sich in der Erde kalziniert, wie Zähne von anderen Tieren, nur die Wolfszähne nicht. Zu Tyrinthus in Arkadien war eine Cybele von Gold, das Gesicht aber war aus Zähnen vom Hippopotamus zusammengesetzt.

 
Figuren in Stein

Der erste Stein, aus welchem man Statuen machte, scheint eben derjenige gewesen zu sein, wovon man die ältesten Gebäude in Griechenland, wie der Tempel des Jupiters zu Elis war, aufführte, nämlich eine Art Tuffstein, welcher weißlich war. Plutarchus gedenkt eines Silenus in diesem Steine. Zu Rom gebrauchte man auch den Travertin hierzu, und es findet sich eine Konsularische Statue in der Villa des Herrn Kardinal Alex. Albani, eine andere in dem Palaste Altieri, in Campitelli, welche sitzt und auf dem Knie eine Tafel hält, und eine weibliche Figur, so wie jene in Lebensgröße, mit einem Ringe am Zeigefinger, in der Villa des Marchese Belloni. Dieses sind die drei 30 Figuren aus diesem Steine in Rom. Figuren von solchen geringen Steinen pflegten um die Gräber zu stehen.

Aus Marmor machte man anfänglich zuerst Kopf, Hände und Füße an Figuren von Holz, wie eine Juno und [eine] Venus von Damophon, einem der ältesten berühmten Künstler, waren; und diese Art war noch zu des Phidias Zeiten in Gebrauch: denn seine Pallas zu Platää war also gearbeitet. Solche Statuen, an welchen nur die äußeren Teile von Stein waren, wurden Acrolithi genannt: dieses ist die Bedeutung dieses Worts, welche Salmasius und andere nicht gefunden haben. Plinius merkt an, daß man allererst in der fünfzigsten Olympias angefangen habe, in Marmor zu arbeiten, welches vermutlich von ganzen Figuren zu verstehen ist. Zuweilen wurden auch marmorne Statuen mit wirklichem Zeuge bekleidet, wie eine Ceres war, zu Bura in Achaja; ein sehr alter Aesculapius zu Sikyon hatte gleichfalls ein Gewand. Dieses gab nachher Gelegenheit, daß man an Figuren von Marmor die Bekleidung ausmalte, wie eine Diana zeigt, welche im Jahre 1760 im Herculano gefunden worden. Es ist dieselbe vier Palme und dritthalb Zoll hoch, mit einem Kopfe, welcher nicht idealisch ist, sondern eine bestimmte Person vorstellt. Die Haare von derselben sind blond, die Veste weiß, so wie der Rock, an welchem unten drei Streifen umher laufen; der unterste ist schmal und goldfarbig, der andere breiter, von Lackfarbe, mit weißen Blumen und Schnirkeln auf demselben gemalt; der dritte Streif ist von eben der Farbe. Die Statue, welche Corydon beim Virgilius der Diana gelobte, sollte von Marmor sein, aber mit roten Stiefeln. In schwarzen Steinen, es sei Marmor oder Basalt, arbeiteten bereits die ältesten griechischen Bildhauer: eine Diana zu Ambryssus in der Landschaft Phocis von einem äginetischen Künstler, war aus solchem Steine. In wirklichen Basalt arbeiteten die Griechen sowohl als die Ägypter; wovon unten wird gehandelt werden.

 
Figuren in Erz

In Erz müßte man in Italien weit eher als in Griechenland Statuen gearbeitet haben, wenn man dem Pausanias folgen wollte. Dieser macht die ersten Künstler in dieser Art Bildhauerei, einen Rhoecus und 31 Theodorus aus Samos, namhaft. Dieser letzte hatte den berühmten Stein des Polykrates geschnitten, welcher zur Zeit des Crösus, also etwa um die sechzigste Olympias, Herr von der Insel Samos war. Die Skribenten der römischen Geschichte aber berichten, daß bereits Romulus seine Statue, von dem Siege gekrönt, auf einem Wagen mit vier Pferden, alles von Erz, setzen lassen: der Wagen mit den Pferden war eine Beute aus der Stadt Camerinum. Dieses soll nach dem Triumph über die Fidenater, im siebenten Jahre dessen Regierung, und also in der achten Olympias, geschehen sein. Die Inschrift dieses Werks war, wie Plutarchus angibt, in griechischen Buchstaben: da aber, wie Dionysius bei anderer Gelegenheit meldet, die römische Schrift der ältesten griechischen ähnlich gewesen, könnte es eine Arbeit eines etrurischen Künstlers sein. Ferner wird von einer Statue von Erz gemeldet, welche dem Horatius Cocles, und von einer anderen zu Pferde, welche der berühmten Cloelia, zu Anfang der römischen Republik, aufgerichtet worden; und da Spurius Cassius wegen seiner Unternehmungen wider die Freiheit gestraft wurde, so ließ man aus seinem eingezogenen Vermögen der Ceres Statuen von Erz setzen. Auf der anderen Seite aber wissen wir aus anderen Nachrichten, daß von den Griechen schon zur Zeit des Crösus in Lydien ungeheuer große Werke in allerhand Metall gearbeitet wurden: die große Vase von Silber, die besagter König in den Tempel zu Delphos schenkte, enthielt sechshundert Eimer, und oben gedachter Theodorus war der Meister derselben. Die Spartaner ließen eine Vase von Metall, als ein Geschenk für den Crösus, machen, welche dreihundert Eimer faßte, und dieselbe war mit allerhand Tieren geziert. Eine geraume Zeit zuvor waren drei kolossalische Figuren zu Samos gemacht, jede von sechs Ellen hoch, welche auf einem Knie saßen und eine große Vase trugen, die so wie die Figuren von Erz war: es war der Zehnte des Gewinns von der Schiffahrt der Samier nach Tartessus, jenseits der Säulen des Herkules. Den ersten Wagen mit vier Pferden von Erz, von welchem unter den Griechen Meldung geschieht, ließen die Athenienser nach dem Tode des Pisistratus, das ist, nach der siebenundsechzigsten Olympias machen, und er wurde vor dem Tempel der Pallas aufgestellt. Die Statuen von Erz hatten vielmals ihre Base auch aus Metall. Statuen von Gold wurden im Altertum einigen Gottheiten, 32 häufiger aber den römischen Kaisern gesetzt, wie, außer den Skribenten, einige Inschriften bezeugen.

 
Von der Kunst, in Stein zu schneiden

Die Kunst, in Stein zu schneiden, muß sehr alt sein, und war auch unter sehr entlegenen Völkern bekannt. Die Griechen, sagt man, sollen anfänglich mit Holz vom Wurm durchlöchert gesiegelt haben, und es ist in dem Stoschischen Museo ein Stein, welcher nach Art der Gänge eines solchen Holzes geschnitten ist und zum Siegeln scheint gedient zu haben; wir wissen aber nicht, wie lange dieser Gebrauch gedauert hat. Die Ägypter sind in diesem Teile der Kunst zu einer großen Vollkommenheit gelangt, wie die Isis im besagten Museo, von welcher im folgenden Kapitel Meldung geschieht, beweisen kann; auch die Äthiopier hatten Siegel in Stein gearbeitet, welche sie mit einem andern harten Stein schnitten. Von dieser Art der Kunst aber wird unter jedem der folgenden Kapitel insbesondere gehandelt. Wie häufig bei den Alten die Arbeit in kostbaren Steinen gewesen, sieht man nur allein, ohne andere dergleichen Nachrichten zu berühren, aus den zweitausend Trinkgeschirren, welche Pompejus in dem Schatze des Mithridates fand.

 

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