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Geschichte der Kunst des Altertums

Johann Joachim Winckelmann: Geschichte der Kunst des Altertums - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Kunst des Altertums
authorJohann Joachim Winckelmann
year1964
firstpub1764
publisherHermann Böhlaus Nachfolger
addressWeimar
titleGeschichte der Kunst des Altertums
pages398
created20170709
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Teil

Untersuchung der Kunst nach dem Wesen derselben

 

Erstes Kapitel

Von dem Ursprung der Kunst und den Ursachen ihrer Verschiedenheit unter den Völkern

 

Erstes Stück

Allgemeiner Begriff dieser Geschichte

Die Künste, welche von der Zeichnung abhängen, haben, wie alle Erfindungen, mit dem Notwendigen angefangen; nachdem suchte man die Schönheit, und zuletzt folgte das Überflüssige: dieses sind die drei vornehmsten Stufen der Kunst.

Die ältesten Nachrichten lehren uns, daß die ersten Figuren vorgestellt, was ein Mensch ist, nicht wie er uns erscheint, dessen Umkreis, nicht dessen Ansicht. Von der Einfalt der Gestalt ging man zur Untersuchung der Verhältnisse, welche Richtigkeit lehrte, und diese machte sicher, sich in das Große zu wagen, wodurch die Kunst zur Großheit und endlich unter den Griechen stufenweise zur höchsten Schönheit gelangte. Nachdem alle Teile derselben vereinigt waren und ihre Ausschmückung gesucht wurde, geriet man in das Überflüssige, wodurch sich die Großheit der Kunst verlor, und endlich erfolgte der völlige Untergang derselben.

Dieses ist in wenigen Worten die Absicht der Abhandlung dieser Geschichte der Kunst. In diesem Kapitel wird zum ersten von der anfänglichen Gestalt der Kunst allgemein geredet, ferner von der verschiedenen Materie, in welcher die Bildhauerei arbeitete, und drittens von dem Einflusse des Himmels in die Kunst. 22

 
Anfang der Kunst

Die Kunst hat mit der einfältigsten Gestaltung und vermutlich mit einer Art von Bildhauerei angefangen: denn auch ein Kind kann einer weichen Masse eine gewisse Form geben, aber es kann nichts auf einer Fläche zeichnen; weil zu jenem der bloße Begriff einer Sache hinlänglich ist, zum Zeichnen aber viele andere Kenntnisse erfordert werden: aber die Malerei ist nachher die Ziererin der Bildhauerei geworden.

Die Kunst scheint unter allen Völkern, welche dieselbe geübt haben, auf gleiche Art entsprungen zu sein, und man hat nicht Grund genug, ein besonderes Vaterland derselben anzugeben: denn den ersten Samen zum Notwendigen hat ein jedes Volk bei sich gefunden. Aber die Erfindung der Kunst ist verschieden nach dem Alter der Völker und in Absicht der früheren oder späteren Einführung des Götterdienstes, so daß sich die Chaldäer oder die Ägypter ihre eingebildeten höheren Kräfte zur Verehrung, zeitiger als die Griechen, werden sinnlich vorgestellt haben. Denn hier verhält es sich wie mit andern Künsten und Erfindungen, dergleichen das Purpurfärben ist, welche in den Morgenländern eher bekannt und getrieben wurden. Die Nachrichten der Heiligen Schrift von gemachten Bildnissen sind weit älter als alles, was wir von den Griechen wissen. Die Bilder, welche anfänglich in Holz gearbeitet, und andere, welche gegossen wurden, haben in der hebräischen Sprache jedes seine besondere Benennung: die ersteren wurden mit der Zeit vergoldet oder mit goldenen Blechen belegt. Diejenigen aber, welche von dem Ursprunge eines Gebrauchs oder einer Kunst und deren Mitteilung von einem Volke auf das andere reden, irren insgemein darin, daß sie sich an einzelne Stücke, die eine Ähnlichkeit miteinander haben, halten und daraus einen allgemeinen Schluß machen; so wie Dionysius aus der Schärfe um den Unterleib der Ringer bei den Griechen wie bei den Römern behaupten will, daß diese von jenen hergekommen.

In Ägypten blühte die Kunst bereits in den ältesten Zeiten, und wenn Sesostris an vierhundert Jahre vor dem Trojanischen Kriege gelebt hat, so waren in diesem Reiche die größten Obelisken, die sich in Rom befinden und Werke gemeldeten Königs sind, nebst den größten Gebäuden 23 zu Theben, bereits aufgeführt, da über die Kunst bei den Griechen noch Dunkelheit und Finsternis schwebten.

 
Über den Anfang der griechischen Kunst

Bei den Griechen hat die Kunst, obgleich viel später als in den Morgenländern, mit einer Einfalt ihren Anfang genommen, daß sie, aus dem, was sie selbst berichten, von keinem anderen Volke den ersten Samen zu ihrer Kunst geholt, sondern die ersten Erfinder scheinen können. Denn es waren schon dreißig Gottheiten sichtbar verehrt, da man sie noch nicht in menschlicher Gestalt gebildet hatte und sich begnügte, dieselben durch einen unbearbeiteten Klotz oder durch viereckige Steine, wie die Araber und Amazonen taten, anzudeuten. So war die Juno zu Thespis und die Diana zu Icarus gestaltet. Diana Patroa und Jupiter Milichus zu Korinth waren, wie die älteste Venus zu Paphos, nichts anders als eine Art Säulen. Bacchus wurde in Gestalt einer Säule verehrt, und selbst die Liebe und die Grazien wurden bloß durch Steine vorgestellt. Daher bedeutet das Wort Säule (κιών) auch noch in den besten Zeiten der Griechen eine Statue. Kastor und Pollux hatten bei den Spartanern die Gestalt von zwei Parallelhölzern, welche durch zwei Querhölzer verbunden waren; und diese uralte Bildung derselben erscheint in dem Zeichen ♊, wodurch diese Zwillinge in dem Tierkreis angedeutet werden.

Auf besagte Steine wurden mit der Zeit Köpfe gesetzt, unter vielen anderen war ein solcher Neptunus zu Tricoloni, und ein Jupiter zu Tegea, beide in Arkadien: denn in diesem Lande war man unter den Griechen mehr als anderswo bei der ältesten Gestalt in der Kunst geblieben. Es offenbart sich also in den ersten Bildnissen der Griechen eine ursprüngliche Erfindung und Zeugung einer Figur. Auf Götzen der Heiden, die von der menschlichen Gestalt nur allein den Kopf gehabt haben, deutet auch die H. Schrift. Viereckige Steine mit Köpfen wurden bei den Griechen, wie bekannt ist, Hermä, das ist große Steine genannt, und von ihren Künstlern beständig beibehalten.

Von diesem ersten Entwurfe und Anlage einer Figur können wir der anwachsenden Bildung derselben, aus Anzeigen der Skribenten und aus 24 alten Denkmalen, nachforschen. An diese Steine mit einem Kopfe merkte man nur auf dem Mittel derselben den Unterschied des Geschlechts an, welches ein ungeformtes Gesicht im Zweifel ließ. Wenn gesagt wird, daß Eumarus von Athen den Unterschied des Geschlechts in der Malerei zuerst gezeigt habe, so ist dieses vermutlich von der Bildung des Gesichts im jugendlichen Alter zu verstehen: dieser Künstler hat vor dem Romulus und nicht lange nach Wiederherstellung der olympischen Spiele durch den Iphitus gelebt.

Endlich fing Dädalus an, wie die gemeinste Meinung ist, die unterste Hälfte dieser Bildsäulen in Gestalt der Beine voneinander zu sondern; und weil man nicht verstand, aus Stein eine ganze menschliche Figur hervorzubringen, so arbeitete dieser Künstler in Holz, und von ihm sollen die ersten Statuen den Namen Dädali bekommen haben. Von den Werken dieses Künstlers gibt die Meinung der Bildhauer von Sokrates Zeit, welche er anführt, einigen Begriff; wenn Dädalus, sagt er, wieder aufstehen sollte und arbeiten würde, wie die Werke sind, die unter dessen Namen gehen, würde er, wie die Bildhauer sagen, lächerlich werden.

Die ersten Züge dieser Gestalten bei den Griechen waren einfältig und meistens gerade Linien, und unter Ägyptern, Etruriern und Griechen wird beim Ursprunge der Kunst unter jedem Volke kein Unterschied gewesen sein; wie dieses auch die alten Skribenten bezeugen: und dieses sieht man an der ältesten griechischen Figur von Erz in dem Museo Nani zu Venedig, mit der Schrift auf dessen Base: ΠΟΛΥΚΡΑΤΕΜ ΑΗΕΘΕΚΕ. Auch in dieser platten Art zu zeichnen liegt der Grund von der Ähnlichkeit der Augen an Köpfen auf den älteren griechischen Münzen und an ägyptischen Figuren; jene sind wie diese platt und länglich gezogen. Die ersten Gemälde hat man sich als Monogrammen, wie Epicurus die Götter nannte, das ist, wie einlinige Umschreibungen des Schattens eines Menschen vorzustellen.

Es führten also die ersten Linien und Formen in der Kunst selbst zur Bildung einer Art Figuren, welche man insgemein ägyptische nennt. Es hätten auch die Griechen nicht viel Gelegenheit gehabt, in der Kunst etwas von den Ägyptern zu erlernen: denn vor dem Könige Psammetichus war allen Fremden der Zutritt in Ägypten versagt, und die 25 Griechen übten die Kunst schon vor dieser Zeit. Die Absicht der Reisen, welche die griechischen Weisen nach Ägypten taten, ging vornehmlich auf die Regierungsform dieses Landes. Es wäre für diejenigen, welche alles aus den Morgenländern herführen, mehr Wahrscheinlichkeit auf seiten der Phönizier, mit welchen die Griechen sehr zeitig Verkehr hatten, von welchen diese auch durch den Cadmus ihre ersten Buchstaben sollen bekommen haben. Mit den Phöniziern standen in den ältesten Zeiten, vor dem Cyrus, auch die Etrurier, welche mächtig waren zur See, in Bündnis, wovon unter anderen die gemeinschaftliche Flotte, welche sie wider die Phocäer ausrüsteten, ein Beweis ist.

Es war unter den Künstlern dieser Völker ein gemeiner Gebrauch, ihre Werke mit Schrift zu bezeichnen; die Ägypter setzten dieselbe auf die Base und an die Säule, an welcher die Figuren stehen, die ältesten Griechen aber, wie die Etrurier, auf die Figur selbst. Auf dem Schenkel der Statue eines olympischen Siegers zu Elis standen zwei griechische Verse, und an der Seite eines Pferdes, an eben diesem Orte, von einem Dionysius aus Argos verfertigt, war eine Inschrift gesetzt; sogar Myron setzte noch seinen Namen auf den Schenkel eines Apollo mit eingelegten silbernen Buchstaben; und im fünften Kapitel werde ich von einer noch vorhandenen Statue in Erz reden, welche ebenfalls auf dem Schenkel eine römische Inschrift hat.

Die allerälteste Gestalt der Figuren war bei den Griechen auch in Stand und Handlung den ägyptischen ähnlich, und Strabo bezeichnet das Gegenteil durch ein Wort, welches eigentlich verdreht heißt und bei ihm Figuren bedeutet, welche nicht mehr, wie in den ältesten Zeiten, völlig gerade und ohne alle Bewegung waren, sondern in mancherlei Stellungen und Handlungen standen. In dieser Absicht werden die Statue eines Ringers, mit Namen Arrachion, aus der 54. Olympias und eine andere im Campidoglio, aus schwarzem Marmor, angeführt, weil an jener sowie an dieser die Arme längst an den Hüften herunterhingen. An jener Statue aber kann dieser Stand, wie an einer, die dem berühmten Milo von Kroton gesetzt war, seine besondere Bedeutung gehabt haben; und überdem war dieselbe in Arkadien gearbeitet, wo die Kunst nicht geblüht hat. Die andere scheint eine Isis vorzustellen und ist eine von den Figuren, welche Kaiser Hadrian, in dessen 26 Villa bei Tivoli dieselbe gefunden worden, als eine Nachahmung ägyptischer Werke machen lassen, und von welcher im folgenden Kapitel geredet wird.

Aus den geraden Linien der ersten Bildungen, bei welchen die Ägypter blieben, lehrte die Wissenschaft die etrurischen und griechischen Künstler herausgehen. Da aber die Wissenschaft in der Kunst vor der Schönheit vorausgeht und, als auf richtige strenge Regeln gebaut, mit einer genauen und nachdrücklichen Bestimmung zu lehren anfangen muß, so wurde die Zeichnung regelmäßig, aber eckig, bedeutend, aber hart und vielmals übertrieben; auf eben die Art, wie sich die Bildhauerei in neueren Zeiten durch Michelangelo verbessert hat. Arbeiten in diesem Stil haben sich auf erhabenen Werken in Marmor und auf geschnittenen Steinen erhalten, welche an ihrem Orte angezeigt werden; und dieses war der Stil, welchen die angeführten Skribenten mit dem etrurischen vergleichen, und welcher, wie es scheint, der äginetischen Schule eigen blieb: denn die Künstler dieser Insel, welche von Doriern bewohnt war, scheinen bei dem ältesten Stil am längsten geblieben zu sein.

 

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