Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Joachim Winckelmann >

Geschichte der Kunst des Altertums

Johann Joachim Winckelmann: Geschichte der Kunst des Altertums - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Kunst des Altertums
authorJohann Joachim Winckelmann
year1964
firstpub1764
publisherHermann Böhlaus Nachfolger
addressWeimar
titleGeschichte der Kunst des Altertums
pages398
created20170709
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Vorrede

Die Geschichte der Kunst des Altertums, welche ich zu schreiben unternommen habe, ist keine bloße Erzählung der Zeitfolge und der Veränderung in derselben, sondern ich nehme das Wort Geschichte in der weiteren Bedeutung, welche dasselbe in der griechischen Sprache hat, und meine Absicht ist, einen Versuch eines Lehrgebäudes zu liefern. Dieses habe ich in dem Ersten Teile, in der Abhandlung von der Kunst der alten Völker, von jedem insbesondere, vornehmlich aber in Absicht der griechischen Kunst, auszuführen gesucht. Der Zweite Teil enthält die Geschichte der Kunst im engeren Verstande, das ist, in Absicht der äußeren Umstände, und zwar allein unter den Griechen und Römern. Das Wesen der Kunst aber ist in diesem sowohl als in jenem Teile der vornehmste Endzweck, in welches die Geschichte der Künstler wenig Einfluß hat, und diese, welche von anderen zusammengetragen worden, hat man also hier nicht zu suchen: es sind hingegen auch in dem zweiten Teile diejenigen Denkmale der Kunst, welche irgend zur Erläuterung dienen können, sorgfältig angezeigt.

Die Geschichte der Kunst soll den Ursprung, das Wachstum, die Veränderung und den Fall derselben, nebst dem verschiedenen Stile der Völker, Zeiten und Künstler lehren, und dieses aus den übriggebliebenen Werken des Altertums, so viel möglich ist, beweisen.

Es sind einige Schriften unter dem Namen einer Geschichte der Kunst an das Licht getreten; aber die Kunst hat einen geringen Anteil an denselben: denn ihre Verfasser haben sich mit derselben nicht genug bekannt gemacht und konnten also nichts geben, als was sie aus Büchern oder vom Sagenhören hatten. In das Wesen und zu dem Innern der Kunst führt fast kein Skribent, und diejenigen, welche von Altertümern handeln, berühren entweder nur dasjenige, wo Gelehrsamkeit anzubringen war, oder wenn sie von der Kunst reden, geschieht es teils mit 8 allgemeinen Lobsprüchen, oder ihr Urteil ist auf fremde und falsche Gründe gebaut. Von dieser Art ist des Monier Geschichte der Kunst, und des Durand Übersetzung und Erklärung der letzten Bücher des Plinius, unter dem Titel: Geschichte der alten Malerei: auch Turnbull in seiner Abhandlung von der alten Malerei gehört in diese Klasse. Aratus, welcher die Astronomie nicht verstand, wie Cicero sagt, konnte ein berühmtes Gedicht über dieselbe schreiben; ich weiß aber nicht, ob auch ein Grieche ohne Kenntnis der Kunst etwas Würdiges von derselben hätte sagen können.

Untersuchungen und Kenntnisse der Kunst wird man vergebens suchen in den großen und kostbaren Werken von Beschreibung alter Statuen, die bis jetzt bekannt gemacht worden sind. Die Beschreibung einer Statue soll die Ursache der Schönheit derselben beweisen und das Besondere in dem Stile der Kunst angeben: es müssen also die Teile der Kunst berührt werden, ehe man zu einem Urteile von Werken derselben gelangen kann. Wo aber wird gelehrt, worinnen die Schönheit einer Statue besteht? Welcher Skribent hat dieselbe mit Augen eines weisen Künstlers angesehen? Was zu unseren Zeiten in dieser Art geschrieben worden, ist nicht besser als die »Statuen« des Callistratus; dieser magere Sophist hätte noch zehnmal soviel Statuen beschreiben können, ohne jemals eine einzige gesehen zu haben: unsere Begriffe schrunden bei den meisten solcher Beschreibungen zusammen, und was groß gewesen, wird wie in einen Zoll gebracht.

Eine griechische und eine sogenannte römische Arbeit wird insgemein nach der Kleidung oder nach deren Güte angegeben: ein auf der linken Schulter einer Figur zusammengehefteter Mantel soll beweisen, daß sie von Griechen, ja in Griechenland gearbeitet worden. Man ist sogar darauf gefallen, das Vaterland des Künstlers der Statue des Marcus Aurelius in dem Schopfe Haare auf dem Kopf des Pferdes zu suchen; man hat einige Ähnlichkeit mit einer Eule an demselben gefunden, und dadurch soll der Künstler Athen haben anzeigen wollen. Sobald eine gute Figur nur nicht als ein Senator gekleidet ist, heißt sie griechisch, da wir doch gleichwohl senatorische Statuen von namhaften griechischen Meistern haben. Ein Gruppo in der Villa Borghese führt den Namen Marcus Coriolanus mit seiner Mutter: dieses wird vorausgesetzt, und daraus 9 schließt man, daß dieses Werk zur Zeit der Republik gemacht worden, und eben deswegen findet man es schlechter, als es nicht ist. Und weil einer Statue von Marmor in eben der Villa der Name der Zigeunerin (Egizzia) gegeben worden, so findet man den wahren ägyptischen Stil in dem Kopfe, welcher nichts weniger zeigt, und nebst den Händen und Füßen gleichfalls von Erz, vom Bernini gemacht ist. Das heißt die Baukunst nach dem Gebäude einrichten. Ebenso ungründlich ist die von allen ohne aufmerksame Betrachtung angenommene Benennung des vermeinten Papirius mit seiner Mutter in der Villa Ludovisi, und Dubos findet in dem Gesichte des jungen Menschen ein arglistiges Lächeln, wovon wahrhaftig keine Spur da ist. Dieses Gruppo stellt vielmehr die Phädra und den Hippolytus vor, dessen Figur Bestürzung im Gesichte zeigt über den Antrag der Liebe von einer Mutter: die Vorstellungen der griechischen Künstler (wie Menelaus der Meister dieses Werks ist) waren aus ihrer eigenen Fabel und Heldengeschichte genommen.

In Absicht der Vorzüglichkeit einer Statue ist es nicht genug, so wie Bernini vielleicht aus unbedachtsamer Frechheit getan, den Pasquin für die schönste aller Statuen zu halten; man soll auch seine Gründe bringen: auf eben diese Art hätte er die Meta Sudante vor dem Coliseo als ein Muster der alten Baukunst anführen können.

Einige haben aus einem einzigen Buchstaben den Meister kühnlich angegeben, und derjenige, welcher die Namen einiger Künstler an Statuen, wie bei dem gedachten Papirius oder vielmehr Hippolytus und bei dem Germanicus geschehen, mit Stillschweigen übergangen, gibt uns den Mars von Johann Bologna in der Villa Medicis für eine Statue aus dem Altertum an; dieses hat zugleich andere verführt. Ein anderer, um eine schlechte alte Statue, den vermeinten Narcissus in dem Palaste Barberini, anstatt einer guten Figur, zu beschreiben, erzählt uns die Fabel desselben, und der Verfasser einer Abhandlung von drei Statuen im Campidoglio, der Roma und zwei barbarischer gefangener Könige, gibt uns wider Vermuten eine Geschichte von Numidien: das heißt, wie die Griechen sagen, Leukon trägt ein Ding und sein Esel ein ganz anderes.

Aus Beschreibungen der übrigen Altertümer, der Galerien und Villen zu Rom, ist ebenso wenig Unterricht für die Kunst zu ziehen; sie 10 verführen mehr, als sie unterrichten. Zwei Statuen der Hersilia, der Frau des Romulus und eine Venus vom Phidias beim Pinaroli, gehören zu den Köpfen der Lucretia und des Cäsar nach dem Leben gemacht, in dem Verzeichnisse der Statuen des Grafen Pembroke und des Kabinetts des Kardinals Polignac. Unter den Statuen Graf Pembrokes zu Wilton in England, die von Carry Creed auf vierzig Blätter in Groß-Quart schlecht genug geätzt sind, sollen vier von einem griechischen Meister Kleomenes sein. Man muß sich wundern über die Zuversicht auf die Leichtgläubigkeit der Menschen, wenn eben daselbst vorgegeben wird, daß ein Marcus Curtius zu Pferde von einem Bildhauer gearbeitet worden, welchen Polybius (ich vermute, der Feldherr des achäischen Bundes und Geschichtsschreiber) von Korinth mit nach Rom gebracht habe: es wäre nicht viel unverschämter gewesen, vorzugeben, daß er den Künstler nach Wilton geschickt habe.

Richardson hat die Paläste und Villen in Rom und die Statuen in denselben beschrieben wie einer, dem sie nur im Traume erschienen sind: viele Paläste hat er wegen seines kurzen Aufenthaltes in Rom gar nicht gesehen, und einige, nach seinem eigenen Geständnisse, nur ein einziges Mal; und dennoch ist sein Buch bei vielen Mängeln und Fehlern das beste, was wir haben. Man muß es so genau nicht nehmen, wenn er eine neue Malerei, in Fresco und von Guido gemacht, für alt angesehen. Keyßlers Reisen sind in dem, was er von Werken der Kunst in Rom und an anderen Orten anführt, nicht einmal in Betrachtung zu ziehen: denn er hat dazu die elendesten Bücher abgeschrieben. Manilli hat mit großem Fleiße ein besonderes Buch von der Villa Borghese gemacht, und dennoch hat er drei sehr merkwürdige Stücke in derselben nicht angeführt: das eine ist die Ankunft der Königin der Amazonen Penthesilea beim Priamus in Troja, dem sie sich erbietet beizustehen; das andere ist Hebe, welche ihres Amts, die Ambrosia den Göttern zu reichen, war beraubt worden und die Göttinnen fußfällig um Verzeihung bittet, da Jupiter schon den Ganymedes an ihre Stelle eingesetzt hatte; das dritte ist ein schöner Altar, an welchem Jupiter auf einem Zentaur reitet, welcher weder von ihm noch von sonst jemand bemerkt worden ist, weil er in dem Keller unter dem Palaste steht.

Montfaucon hat sein Werk entfernt von den Schätzen der 11 alten Kunst zusammengetragen und hat mit fremden Augen und nach Kupfern und Zeichnungen geurteilt, die ihn zu großen Vergehungen verleitet haben. Herkules und Antäus im Palaste Pitti zu Florenz, eine Statue von niedrigem Range und über die Hälfte neu ergänzt, ist beim Maffei und bei ihm nichts weniger als eine Arbeit des Polycletus. Den Schlaf von schwarzem Marmor in der Villa Borghese, vom Algardi, gibt er für alt aus: eine von den großen neuen Vasen aus eben dem Marmor, von Silvio von Veletri gearbeitet, die neben dem Schlafe gesetzt sind, und die er auf einem Kupfer dazugesetzt gefunden, soll ein Gefäß mit schlafmachendem Safte bedeuten. Wieviel merkwürdige Dinge hat er übergangen! Er bekennt, er habe niemals einen Herkules in Marmor mit einem Horne des Überflusses gesehen: in der Villa Ludovisi aber ist er also in Lebensgröße vorgestellt, in Gestalt einer Herma, und das Horn ist wahrhaftig alt. Mit eben diesem Attribute steht Herkules auf einer zerbrochenen Begräbnisurne, unter den Trümmern der Altertümer des Hauses Barberini, welche vor einiger Zeit verkauft worden sind.

Es fällt mir ein, daß ein anderer Franzose, Martin, ein Mensch, welcher sich erkühnen können zu sagen, Grotius habe die siebzig Dolmetscher nicht verstanden, entscheidend und kühn vorgibt, die beiden Genii an den alten Urnen können nicht den Schlaf und den Tod bedeuten; und der Altar, an welchem sie in dieser Bedeutung mit der alten Überschrift des Schlafs und des Todes stehen, ist öffentlich in dem Hofe des Palastes Albani aufgestellt. Ein anderer von seinen Landsleuten straft den jüngeren Plinius Lügen über die Beschreibung seiner Villa, von deren Wahrheit uns die Trümmer derselben überzeugen.

Gewisse Vergehungen der Skribenten über die Altertümer haben sich durch den Beifall und durch die Länge der Zeit gleichsam sicher vor der Widerlegung gemacht. Ein rundes Werk von Marmor in der Villa Giustiniani, dem man durch Zusätze die Form einer Vase gegeben, mit einem Bacchanale in erhobener Arbeit, ist, nachdem es Spon zuerst bekannt gemacht hat, in vielen Büchern in Kupfer erschienen und zu Erläuterungen gebraucht worden. Ja man hat aus einer Eidechse, die an einem Baume hinaufkriecht, mutmaßen wollen, daß dieses Werk von der Hand des Sauros sein könne, welcher mit einem Batrachus den Portico des Metellus gebaut hat: gleichwohl ist es eine neue Arbeit. 12 Man sehe, was ich in den Anmerkungen über die Baukunst von diesen beiden Baumeistern gesagt habe. Ebenso muß diejenige Vase neu sein, von welcher Spon in einer besonderen Schrift handelt, wie es der Augenschein den Kennern des Altertums und des guten Geschmacks gibt.

Die meisten Vergehungen der Gelehrten in Sachen der Altertümer rühren aus Unachtsamkeit der Ergänzungen her; denn man hat die Zusätze anstatt der verstümmelten und verlorenen Stücke von dem wahren Alten nicht zu unterscheiden verstanden. Über dergleichen Vergehen wäre ein großes Buch zu schreiben: denn die gelehrtesten Antiquarii haben in diesem Stücke gefehlt. Fabretti wollte aus einer erhobenen Arbeit im Palaste Mattei, welche eine Jagd des Kaisers Gallienus vorstellt, beweisen, daß damals schon Hufeisen, nach heutiger Art angenagelt, in Gebrauch gekommen; und er hat nicht gekannt, daß das Bein des Pferdes von einem unerfahrenen Bildhauer ergänzt worden. Die Ergänzungen haben zu lächerlichen Auslegungen Anlaß gegeben. Montfaucon zum Exempel deutet eine Rolle oder einen Stab, welcher neu ist, in der Hand des Castor oder Pollux in der Villa Borghese auf die Gesetze der Spiele in Wettläufen zu Pferde, und in einer ähnlichen neu angesetzten Rolle, welche der Mercurius in der Villa Ludovisi hält, findet derselbe eine schwer zu erklärende Allegorie; so wie Tristan auf dem berühmten Agath zu St. Denis einen Riem an einem Schilde, welchen der vermeinte Germanicus hält, für Friedensartikel angesehen. Das heißt, St. Michael eine Ceres getauft. Wrigth hält eine neue Violine, die man einem Apollo in der Villa Negroni in die Hand gegeben, für wahrhaftig alt und beruft sich auf eine andere neue Violine, an einer kleinen Figur von Erz zu Florenz, die auch Addison anführt. Jener glaubt Raffaels Ehre zu verteidigen, weil dieser große Künstler nach seiner Meinung die Form der Violine, welche er dem Apollo auf dem Parnasso im Vatikan in die Hand gegeben, von besagter Statue werde genommen haben, die allererst über anderthalb hundert Jahre nachher vom Bernini ist ergänzt worden; man hätte mit ebenso viel Grund einen Orpheus mit einer Violine auf einem geschnittenen Steine anführen können. Ebenso hat man an dem ehemaligen gemalten Gewölbe in dem alten Tempel des Bacchus vor Rom eine kleine Figur 13 mit einer neuen Violine zu sehen vermeint: hierüber hat sich Santes Bartoli, welcher dieselbe gezeichnet, nachher besser belehren lassen und aus seiner Kupferplatte das Instrument weggenommen, wie ich aus dem Abdruck desselben sehe, welchen er seinen ausgemalten Zeichnungen von alten Gemälden in dem Museo des Herrn Kardinal Alexander Albani beigefügt hat. Durch die Kugel in der Hand der Statue des Cäsar im Campidoglio hat der alte Meister derselben, nach der Auslegung eines neuern römischen Dichters, die Begierde desselben nach einer unumschränkten Herrschaft andeuten wollen: er hat nicht gesehen, daß beide Arme und Hände neu sind. Herr Spence hätte sich bei dem Zepter eines Jupiters nicht aufgehalten, wenn er wahrgenommen, daß der Arm neu und folglich auch der Stab neu ist.

Die Ergänzungen sollten in den Kupfern oder in ihren Erklärungen angezeigt werden: denn der Kopf des Ganymedes in der Galerie zu Florenz muß nach dem Kupfer einen schlechten Begriff machen, und er ist noch schlechter im Originale. Wieviel andere Köpfe alter Statuen daselbst sind neu, die man nicht dafür angesehen hat! wie der Kopf eines Apollo, dessen Lorbeerkranz vom Gori als etwas Besonderes angeführt wird. Neue Köpfe haben der Narcissus, der sogenannte phrygische Priester, eine sitzende Matrone, die Venus Genetrix: der Kopf der Diana, eines Bacchus mit dem Satyr zu dessen Füßen, und eines andern Bacchus, der eine Weintraube in die Höhe hält, sind abscheulich schlecht. Die meisten Statuen der Königin Christina von Schweden, welche zu St. Ildefonse in Spanien stehen, haben ebenfalls neue Köpfe, und die acht Musen daselbst auch die Arme.

Viele Vergehungen der Skribenten rühren auch aus unrichtigen Zeichnungen her, welches zum Exempel die Ursache davon in Cupers Erklärung des Homerus ist. Der Zeichner hat die Tragödie für eine männliche Figur angesehen, und es ist der Cothurnus, welcher auf dem Marmor sehr deutlich ist, nicht angemerkt. Ferner ist der Muse, welche in der Höhle steht, anstatt des Plectrum eine gerollte Schrift in die Hand gegeben. Aus einem heiligen Dreifuße will der Erklärer ein ägyptisches Tau machen, und an dem Mantel der Figur vor dem Dreifuße behauptet derselbe drei Zipfel zu sehen, welches sich ebenfalls nicht findet. 14

Es ist daher schwer, ja fast unmöglich, etwas Gründliches von der alten Kunst und von nicht bekannten Altertümern außer Rom zu schreiben: es sind auch ein paar Jahre hiesigen Aufenthalts dazu nicht hinlänglich, wie ich an mir selbst nach einer mühsamen Vorbereitung erfahren. Man muß sich nicht wundern, wenn jemand sagt, daß er in Italien keine unbekannten Inschriften entdecken könne: dieses ist wahr, und alle, welche über der Erde, sonderlich an öffentlichen Orten, stehen, sind der Aufmerksamkeit der Gelehrten nicht entgangen. Wer aber Zeit und Gelegenheit hat, findet noch allezeit unbekannte Inschriften, welche lange Zeit entdeckt gewesen, und diejenigen, welche ich in diesem Werke sowohl als in der Beschreibung der geschnittenen Steine des Stoschischen Musei angeführt habe, sind von dieser Art: aber man muß dieselben zu suchen verstehen, und ein Reisender wird dieselben schwerlich finden.

Noch viel schwerer aber ist die Kenntnis der Kunst in den Werken der Alten, in welchen man nach hundertmal Wiedersehen noch Entdeckungen macht. Aber die meisten gedenken zu derselben zu gelangen wie diejenigen, welche aus Monatsschriften ihre Wissenschaften sammeln, und unterstehen sich vom Laokoon, wie diese vom Homerus, zu urteilen, auch im Angesichte desjenigen, der diesen und jenen viele Jahre studiert hat: sie reden aber hingegen von dem größten Dichter wie Lamothe, und von der vollkommensten Statue wie Aretino. Überhaupt sind die meisten Skribenten in diesen Sachen wie die Flüsse, welche aufschwellen, wenn man ihr Wasser nicht nötig hat, und trocken bleiben, wenn es am Wasser fehlt.

In dieser Geschichte der Kunst habe ich mich bemüht, die Wahrheit zu entdecken, und da ich die Werke der alten Kunst mit Muße zu untersuchen alle erwünschte Gelegenheit gehabt und nichts erspart habe, um zu den nötigen Kenntnissen zu gelangen, so glaube ich, mich an diese Abhandlung machen zu können. Die Liebe zur Kunst ist von Jugend auf meine größte Neigung gewesen, und ohnerachtet mich Erziehung und Umstände in ein ganz entferntes Gleis geführt hatten, so meldete sich dennoch allezeit mein innerer Beruf. Ich habe alles, was ich zum Beweis angeführt habe, selbst und vielmal gesehen und betrachten können, sowohl Gemälde und Statuen als geschnittene Steine und Münzen; um 15 aber der Vorstellung des Lesers zu Hilfe zu kommen, habe ich sowohl Steine als Münzen, welche erträglich im Kupfer gestochen sind, aus Büchern zugleich mit angeführt.

Man wundere sich aber nicht, wenn man einige Werke der alten Kunst mit dem Namen des Künstlers oder andere, welche sich sonst merkwürdig gemacht haben, nicht berührt findet. Diejenigen, welche ich mit Stillschweigen übergangen habe, werden Sachen sein, die entweder nicht dienen zur Bestimmung des Stils oder einer Zeit in der Kunst, oder sie werden nicht mehr in Rom vorhanden oder gar vernichtet sein: denn dieses Unglück hat sehr viel herrliche Stücke in neueren Zeiten betroffen, wie ich an verschiedenen Orten angemerkt habe. Ich würde den Trunk [Torso] einer Statue, mit dem Namen Apollonius, des Nestors Sohn aus Athen, welche ehemals in dem Palaste Massimi war, beschrieben haben; er hat sich aber verloren. Ein Gemälde der Göttin Roma (nicht das bekannte im Palaste Barberini), welches Spon beibringt, ist auch nicht mehr in Rom. Das Nymphäum, vom Holstein beschrieben, ist durch Nachlässigkeit, wie man vorgibt, verdorben und wird nicht mehr gezeigt. Die erhobene Arbeit, wo die Malerei das Bild des Varro malte, welches dem bekannten Ciampini gehörte, hat sich ebenfalls aus Rom verloren, ohne die geringste weitere Nachricht. Die Herma von dem Kopfe des Speusippius, der Kopf des Xenokrates und verschiedene andere mit dem Namen der Person oder des Künstlers haben gleiches Schicksal gehabt. Man kann nicht ohne Klagen die Nachrichten von so vielen alten Denkmalen der Kunst lesen, welche sowohl in Rom als anderswo zu unserer Väter Zeiten vernichtet worden, und von vielen hat sich nicht einmal die Anzeige erhalten. Ich erinnere mich einer Nachricht in einem ungedruckten Schreiben des berühmten Peiresc an den Commendator del Pozzo, von vielen erhobenen Arbeiten in den Bädern zu Pozzuolo bei Neapel, welche noch unter Papst Paul III. daselbst standen, auf welchen Personen mit allerhand Krankheiten behaftet vorgestellt waren, die in diesen Bädern die Gesundheit erlangt hatten: dieses ist die einzige Nachricht, welche sich von denselben findet. Wer sollte glauben, daß man noch zu unseren Zeiten aus dem Sturze [Torso] einer Statue, von welcher der Kopf vorhanden ist, zwei andere Figuren 16 gemacht? und dieses ist zu Parma in diesem Jahre, da ich dieses schreibe, geschehen, mit einem kolossalischen Sturze eines Jupiters, von welchem der schöne Kopf in der Malerakademie daselbst aufgestellt ist. Die zwei neuen aus der alten gemeißelten Figuren von der Art, wie man sich leicht vorstellen kann, stehen in dem Herzoglichen Garten. Dem Kopfe hat man die Nase auf die ungeschickteste Weise angesetzt, und der neue Bildhauer hat für gut befunden, den Formen des alten Meisters an der Stirne, an den Backen und am Barte nachzuhelfen, und das, was ihm überflüssig geschienen, hat er weggenommen. Ich habe vergessen zu sagen, daß dieser Jupiter in der neulich entdeckten verschütteten Stadt Velleja, im Parmesanischen, gefunden worden. Außerdem sind seit Menschen Gedenken, ja seit meinem Aufenthalt in Rom, viel merkwürdige Sachen nach England geführt worden, wo sie, wie Plinius redet, in entlegenen Landhäusern verbannt stehen.

Da die vornehmste Absicht dieser Geschichte auf die Kunst der Griechen geht, so habe ich auch in dem Kapitel von derselben umständlicher sein müssen, und ich hätte mehr sagen können, wenn ich für Griechen, und nicht in einer neuern Sprache geschrieben, welche mir gewisse Behutsamkeiten aufgelegt: in dieser Absicht habe ich ein Gespräch über die Schönheit, nach Art des Phädrus des Platon, welches zur Erläuterung der theoretischen Abhandlung derselben hätte dienen können, wiewohl ungern, weggelassen.

Alle Denkmale der Kunst, sowohl von alten Gemälden und Figuren in Stein als in geschnittenen Steinen, Münzen und Vasen, welche ich zu Anfang und zu Ende der Kapitel oder ihrer Abteilungen, zugleich zur Zierde und zum Beweise, angebracht habe, sind niemals vorher öffentlich bekanntgemacht worden, und ich habe dieselben zuerst zeichnen und stechen lassen.

Ich habe mich mit einigen Gedanken gewagt, welche nicht genug erwiesen scheinen können: vielleicht aber können sie andern, die in der Kunst der Alten forschen wollen, dienen, weiter zu gehen; und wie oft ist durch eine spätere Entdeckung eine Mutmaßung zur Wahrheit geworden. Mutmaßungen, aber solche, die sich wenigstens durch einen Faden an etwas Festem halten, sind aus einer Schrift dieser Art ebensowenig als die Hypotheses aus der Naturlehre zu verbannen; sie sind 17 wie das Gerüst zu einem Gebäude, ja sie werden unentbehrlich, wenn man, bei dem Mangel der Kenntnisse von der Kunst der Alten, nicht große Sprünge über viel leere Plätze machen will. Unter einigen Gründen, welche ich von Dingen, die nicht klar wie die Sonne sind, angebracht habe, geben sie einzeln genommen nur Wahrscheinlichkeit, aber gesammelt, und einer mit dem anderen verbunden, einen Beweis.

Das Verzeichnis der Bücher, welches vorangesetzt ist, begreift nicht alle und jede, welche ich angeführt habe; wie denn unter denselben von alten Dichtern nur der einzige Nonnus ist, weil in der ersten und seltenen Ausgabe, deren ich mich bedient, nur die Verse einer jeden Seite und nicht der Bücher in demselben, wie in den übrigen Dichtern, gezählt sind. Von den alten griechischen Geschichtschreibern sind meistenteils die Ausgaben von Robert und von Heinrich Stephanus angeführt, welche nicht in Kapitel eingeteilt sind, und dieserwegen habe ich die Zeile einer jeden Seite angemerkt.

An Vollendung dieser Arbeit hat mein würdiger und gelehrter Freund, Herr Francke, sehr verdienter Aufseher der berühmten und prächtigen Bünauischen Bibliothek, einen großen Anteil, wofür ich demselben öffentlich höchst verbindlichen Dank zu sagen schuldig bin: denn dessen gütiges Herz hätte mir von unserer in langer gemeinschaftlicher Einsamkeit gepflogenen Freundschaft kein schätzbareres Zeugnis geben können.

Ich kann es auch nicht unterlassen, da die Dankbarkeit an jedem Orte löblich ist und nicht oft genug wiederholt werden kann, dieselbe meinen schätzbaren Freunden, Herrn Fueßli zu Zürich und Herrn Will zu Paris, von neuem hier zu bezeugen. Ihnen hätte mit mehrerem Rechte, was ich von den herkulanischen Entdeckungen bekanntgemacht habe, zugeschrieben werden sollen: denn unersucht, ohne mich zu kennen, und aus freiem gemeinschaftlichen Triebe, aus wahrer Liebe zur Kunst und zur Erweiterung unserer Kenntnisse, unterstützten sie mich auf meiner ersten Reise an jene Orte durch einen großmütigen Beitrag. Menschen von dieser Art sind, vermöge einer solchen Tat allein, eines ewigen Gedächtnisses würdig, welches sie ihre eigenen Verdienste versichern.

Ich kündige zugleich dem Publico ein Werk an, welches in welscher Sprache, auf meine eigenen Kosten gedruckt, auf Regal-Folio, im 18 künftigen Frühlinge zu Rom erscheinen wird. Es ist dasselbe eine Erläuterung niemals bekanntgemachter Denkmale des Altertums von aller Art, sonderlich erhobener Arbeiten in Marmor, unter welchen sehr viele schwer zu erklären waren, andere sind von erfahrenen Altertumsverständigen teils für unauflösliche Rätsel angegeben, teils völlig irrig erklärt worden. Durch diese Denkmale wird das Reich der Kunst mehr, als vorher geschehen, erweitert; es erscheinen in denselben ganz unbekannte Begriffe und Bilder, die sich zum Teil auch in den Nachrichten der Alten verloren haben, und ihre Schriften werden an vielen Orten, wo sie bisher nicht verstanden worden sind, auch ohne Hilfe dieser Werke nicht haben können verstanden werden, erklärt und in ihr Licht gesetzt. Es besteht dasselbe aus zweihundert und mehr Kupfern, welche von dem größten Zeichner in Rom, Herrn Johann Casanova, Sr. Königl. Majestät in Polen pensionierten Maler, ausgeführt sind, so daß kein Werk der Altertümer Zeichnungen aufzuweisen hat, welche mit so viel Richtigkeit, Geschmack und Kenntnis des Altertums sich anpreisen können. Ich habe an der übrigen Auszierung desselben nichts ermangeln lassen, und es sind alle Anfangsbuchstaben in Kupfer gestochen.

Diese Geschichte der Kunst weihe ich der Kunst und der Zeit und besonders meinem Freunde, Herrn Anton Raphael Mengs.

Rom, im Juli 1763

 


 

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.