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Geschichte der Kunst des Altertums

Johann Joachim Winckelmann: Geschichte der Kunst des Altertums - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Kunst des Altertums
authorJohann Joachim Winckelmann
year1964
firstpub1764
publisherHermann Böhlaus Nachfolger
addressWeimar
titleGeschichte der Kunst des Altertums
pages398
created20170709
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Drittes Stück

Von der Kunst der mit den Etruriern grenzenden Völker

Das dritte Stück dieses Kapitels enthält eine Betrachtung über die Kunst der mit dem Etruriern grenzenden Völker, welche ich hier in eins zusammenfasse, nämlich der Samniter, Volsker und Kampaner, und sonderlich dieser letzteren, bei welchen die Kunst nicht weniger als bei den Etruriern blühte. Den Schluß dieses Stückes macht eine Nachricht von Figuren aus der Insel Sardinien.

Von den Werken der Kunst der Samniter und Volsker hat sich außer ein paar Münzen, soviel uns kenntlich ist; nichts erhalten; von den Kampanern aber Münzen und irdene gemalte Gefäße: ich kann also von jenen nur allgemeine Nachrichten von ihrer Verfassung und Lebensart geben, woraus auf die Kunst unter ihnen könnte geschlossen werden, welches der erste Satz dieses Stücks ist; der zweite handelt von den Werken der Kunst der Kampaner. 106

 
Das Gesellschaftliche

Es wird sich mit der Kunst jener beiden Völker wie mit ihrer Sprache verhalten, welches die oskische war, die, wo sie nicht als ein Dialekt der etrurischen anzusehen ist, von dieser wenigstens nicht sehr verschieden gewesen sein wird. So wie wir aber den Unterschied der Mundart dieser Völker nicht wissen, so mangelt es uns auch an Unterricht, wenn sich etwa von ihren Münzen oder geschnittenen Steinen etwas erhalten hat, die Kennzeichen davon anzugeben.

Die Samniter liebten die Pracht und waren als kriegerische Völker dennoch den Wollüsten des Lebens sehr ergeben: im Kriege waren ihre Schilder einige mit Gold, andere mit Silber ausgelegt, und zu der Zeit, da die Römer von Leinenzeug nicht viel scheinen gewußt zu haben, trug die auserlesene Mannschaft der Samniter sogar im Felde Röcke von Leinwand, so wie die Spanier in dem Heere des Hannibal, die dieselben mit Purpur besetzt hatten; und Livius berichtet, daß das ganze Lager der Samniter in dem Kriege der Römer unter dem Konsul L. Papirius Cursor, welches ins Gevierte sich auf allen Seiten an zweihundert Schritte erstreckte, mit leinenen Tüchern umzogen gewesen. Capua, welches von den Etruriern erbaut worden und nach dem Livius eine Stadt der Samniter war, das ist, wie er anderswo berichtet, von diesen jenen abgenommen worden, war wegen der Wollust und Weichlichkeit berühmt.

Die Volsker hatten, so wie die Etrurier und andere benachbarte Völker, ein aristokratisches Regiment: sie wählten daher nur bei entstehendem Kriege einen König oder Heerführer, und die Einrichtung der Samniter war der zu Sparta und in Kreta ähnlich. Von der großen Bevölkerung dieser Nation zeugen noch jetzt die häufigen Trümmer vertilgter Städte auf nahe gelegenen Hügeln, und von ihrer Macht [zeugt] die Geschichte von so viel blutigen Kriegen mit den Römern, welche jene nicht eher als nach vierundzwanzig Triumphen bezwingen konnten. Die große Bevölkerung und die Pracht erweckte das Gehirn und den Fleiß, und die Freiheit erhob den Geist; Umstände, welche der Kunst sehr vorteilhaft sind. 107

Die Römer bedienten sich in den ältesten Zeiten Künstler aus beiden Völkern; Tarquinius Priscus ließ von Fregellä, aus dem Lande der Volsker, einen Künstler mit Namen Turrianus kommen, welcher eine Statue des Jupiters von gebrannter Erde machte, und man will aus der großen Ähnlichkeit einer Münze des servilischen Geschlechts zu Rom mit einer samnitischen mutmaßen, daß jene von Künstlern dieser Nation geprägt worden. Eine sehr alte Münze von Anxur, einer Stadt der Volsker, jetzt Terracina, hat einen schönen Kopf der Pallas.

Die Kampaner waren ein Volk, denen ein sanfter Himmel, welchen sie genossen, und der reiche Boden, welchen sie bauten, die Wollust einflößten. Dieses Land sowohl als der Samniter ihres war in den ältesten Zeiten unter Etrurien begriffen; das Volk aber gehörte nicht zu dem Körper des etrurischen Staats, sondern bestand für sich. Die Griechen kamen nachher, ließen sich in diesem Lande nieder und führten auch ihre Künste ein, welches noch jetzt außer den griechischen Münzen von Neapel die von Cuma, welche noch älter sind, beweisen können.

 
Die Kunst der Kampaner

Was zum zweiten die kampanischen Werke der Kunst betrifft, so sind erstlich ihre Münzen von Capua und Tiano bekannt, mit Schrift in ihrer eigenen Sprache. Der Kopf eines jungen Herkules auf Münzen beider Städte und der Kopf eines Jupiter auf denen von Capua sind in der schönsten Idee: eine Viktoria auf einem vierspännigen Wagen, auf Münzen dieser Stadt, ist in dem schönsten Gepränge.

Unter den kampanischen gemalten Gefäßen begreife ich hier zugleich alle sogenannten etrurischen, weil die meisten in Kampanien, und sonderlich zu Nola, ausgegraben sind. Die Etrurier waren zwar in den ältesten Zeiten Herren von Italien, von den Alpen an bis zu der Meerenge von Sizilien, wie Livius bezeugt, aber man kann aus diesem Grunde diese Gefäße nicht etrurisch nennen: denn die besten derselben müssen aus spätern und aus guten Zeiten der Kunst sein. Es waren aber die etrurischen Gefäße von Arezzo berühmt, wie es jetzt die von Perugia sind. Es ist auch nicht zu leugnen, daß auf manchen Gefäßen, sonderlich auf kleinen Schalen, die Zeichnung der etrurischen sehr ähnlich: es sind 108 manche Ideen, wie die Faune mit langen Pferdeschwänzen, in etrurischen Figuren von Erz, auch mit diesen Gefäßen, welche aber auch den Kampanern eigen gewesen sein können. Gewiß ist, daß alle großen Sammlungen solcher Gefäße aus dem Königreiche Neapel kommen und daselbst zusammengebracht sind; wie die Sammlung des Grafen von Mastrilli zu Neapel, welche aus einigen hundert Stücken besteht. Ein anderer aus eben diesem Hause, welcher zu Nola wohnt, hat an eben dem Orte eine auserlesene Sammlung gemacht, und auf einem seiner Gefäße, welches zwei Figuren vorstellt, die sich miteinander schlagen wollen, liest man: KALLIKLES KALOS: »Der schöne Kallikles«. Diejenigen, welche in der Bibliothek der Theatiner zu S. Apostoli in gedachter Stadt stehen, besaß ein bekannter neapolitanischer Rechtsgelehrter, Joseph Valetta, welcher auch der Besitzer war der großen und schönen Sammlung solcher Gefäße in der Vatikanischen Bibliothek, von dessen Erben der Kardinal Gualtieri dieselben kaufte, und von diesem kamen sie an den Ort, wo sie jetzt stehen. Unter diesen Sammlungen verdient auch diejenige bekanntgemacht zu werden, welche Herr Anton Raphael Mengs gemacht und in Neapel zusammengesucht hat, welche an dreihundert Stücke enthält.

Unter den Mastrillischen Gefäßen befinden sich drei und in dem Königlichen Museo zu Neapel eine Schale mit griechischer Inschrift, von welchen im folgenden Kapitel geredet wird; daß also auch hieraus erhellt, wie wenig Grund der allgemeine Name etrurischer Gefäße habe, unter welchem man dieselben bisher begriffen hat. Man will sogar vorgeben, daß sich noch in neueren Zeiten Stücke von irdenen gemalten Gefäßen mit dem Namen ΑΓΑΘΟΚΛΕΟΥΣ gefunden haben, welche von diesem berühmten Könige, der eines Töpfers Sohn war, sein sollen.

Es finden sich unter diesen Gefäßen von allerhand Art und Form, von den kleinsten an, welche zum Spielzeuge der Kinder müssen gedient haben, bis auf Gefäße von drei bis vier Palme hoch; die mancherlei Form der größeren zeigt sich in Büchern, wo dieselben in Kupfer gestochen sind. Der Gebrauch derselben war verschieden. Bei Opfern, und sonderlich der Vesta, blieben irdene Gefäße beibehalten: einige dienten zur Bewahrung der Asche der Toten, wie denn die meisten in verschütteten Grabmälern, sonderlich bei der Stadt Nola, nicht weit von Neapel, 109 gefunden worden. Es zeigt dieses auch ein schönes Gefäß in dem Museo [des] Herrn Mengs, welches im alten Capua, in ein anderes Gefäß gesetzt, verwahrt gewesen: das Gefäß ist in eben der Form auf demselben gemalt und steht wie auf einem kleinen Hügel, welcher vermutlich ein Grab vorstellen soll, so wie die Gräber der ältesten Zeiten waren. Man merke hierbei die Gelegenheit, daß neben den Toten ein Gefäß mit Öl gesetzt wurde, und daß solche Gefäße auch auf Grabmälern gemalt wurden. Auf der einen und auf der anderen Seite des gemalten Gefäßes steht eine junge männliche Figur, welche, außer einem auf der Schulter hängenden Gewande und einem Degen unter dem Arme hinauf, nach Art heroischer Figuren (welches alsdann ὑπωλένιος heißt) nackend ist. Es sind die Gesichter derselben nicht idealisch, sondern scheinen bestimmte Personen vorzustellen: sie unterreden sich miteinander voller Betrübnis. Wir wissen auch, daß in den ersten Zeiten der Griechen ein bloßes Gefäß der Preis des Sieges in ihren Spielen war, und dieses zeigt ein Gefäß auf Münzen der Stadt Tralles an und auf vielen geschnittenen Steinen. Der Preis in den panathenaischen Spielen zu Athen waren gemalte Gefäße von gebrannter Erde, mit Öl angefüllt, und hierauf deuten die Gefäße an dem Gipfel eines Tempels zu Athen. Viele Gefäße aber waren vermutlich bei den Alten, was jetzt unser Porzellan ist, nur zum Zierate, welches sonderlich daraus zu schließen ist, daß sich einige finden, welche keinen Boden haben, noch gehabt haben. Aus den häufigen Figuren, welche ein Schabezeug (Strigilis) halten, könnte es scheinen, daß viele derselben in Bädern aufzustellen gemacht worden.

Die Figuren sind auf den meisten nur mit einer einzigen Farbe gemalt, oder besser zu reden, die Farbe der Figuren ist der eigentliche Grund der Gefäße oder die natürliche Farbe des gebrannten sehr feinen Tons selbst; das Feld aber des Gemäldes oder die Farbe zwischen den Figuren ist eine schwärzliche Glätte, und mit eben derselben sind die Umrisse der Figuren auf demselben Grunde gemalt. Von Gefäßen mit mehr Farben gemalt befinden sich, außer denen in der Vatikanischen Bibliothek zwei in der Galerie zu Florenz und zwei andere in dem Museo [des] Herrn Mengs. Das eine von diesen, und man sagt das gelehrteste unter allen Gefäßen, ist eine Parodie der Liebe des Jupiters und der Alcmena, das ist, es ist dieselbe ins Lächerliche gekehrt und auf eine komische Art 110 vorgestellt; oder man könnte sagen, es sei hier der vornehmste Auftritt einer Komödie, wie der Amphitrio des Plautus ist, gemalt. Alcmena sieht aus einem Fenster, wie diejenigen taten, welche ihre Gunst feil hatten oder spröde tun und sich kostbar machen wollten: das Fenster steht hoch, nach Art der Alten. Jupiter ist verkleidet mit einer bärtigen weißen Maske, den Scheffel (Modius) auf dem Kopfe, wie Serapis, welcher mit der Maske aus einem Stücke ist. Es trägt derselbe eine Leiter, zwischen deren Sprossen er den Kopf hindurchsteckt, wie im Begriffe, das Zimmer der Geliebten zu ersteigen. Auf der anderen Seite ist Mercurius mit einem dicken Bauche, wie ein Knecht gestaltet und wie Sosia beim Plautus verkleidet; er hält in der linken Hand seinen Stab gesenkt, als wenn er denselben verbergen wollte, um nicht erkannt zu werden, und in der andern Hand trägt er eine Lampe, welche er gegen das Fenster erhebt, entweder dem Jupiter zu leuchten oder es zu machen, wie Delphis beim Theocritus zur Simätha sagt, mit der Axt und mit der Lampe, auch mit Feuer Gewalt zu gebrauchen, wenn ihn seine Geliebte nicht einlassen würde. Er hat einen großen Priapus, welcher auch hier seine Deutung hat, und in den Komödien der Alten band man sich ein großes Glied von rotem Leder vor. Beide Figuren haben weißliche Hosen und Strümpfe aus einem Stücke, welche bis auf die Knöchel der Füße reichen, wie der sitzende Comicus mit einer Maske vor dem Gesicht in der Villa Matei: denn die Personen in den Komödien der Alten durften nicht ohne Hosen erscheinen. Das Nackende der Figuren ist Fleischfarbe bis auf den Priapus, welcher dunkelrot ist, so wie die Kleidung der Figuren, und das Kleid der Alcmena ist mit weißen Sternchen bezeichnet. Mit Sternchen gewirkte Kleider waren schon unter den Griechen der ältesten Zeiten bekannt; ein solches hatte der Held Sosipolis auf einem uralten Gemälde, und Demetrius Poliorcetes trug dergleichen . . .

Die Zeichnung auf den meisten Gefäßen ist so beschaffen, daß die Figuren in einer Zeichnung des Raffael einen würdigen Platz haben könnten, und es ist merkwürdig, daß sich nicht zwei mit völlig einerlei Bildern finden, und unter soviel Hunderten, welche ich gesehen habe, hat jedes Gefäß seine besondere Vorstellung. Wer die meisterhafte und zierliche Zeichnung auf denselben betrachtet und einsehen kann und die Art zu verfahren weiß, in Auftragung der Farben auf dergleichen 111 gebrannte Arbeit, findet in dieser Art Malerei den größten Beweis von der allgemeinen Richtigkeit und Fertigkeit auch dieser Künstler in der Zeichnung. Denn diese Gefäße sind nicht anders als unsere Töpferarbeit gemalt oder wie das gemeine Porzellan, wenn, nachdem es geröstet ist, wie man spricht, die blaue Farbe aufgetragen wird. Dieses Gemalte will fertig und geschwinde gemacht sein: denn aller gebrannter Ton zieht, wie ein dürres lechzendes Erdreich den Tau, unverzüglich die Feuchtigkeit aus den Farben und aus dem Pinsel, daß also, wenn die Umrisse nicht schnell mit einem einzigen Striche gezogen werden, im Pinsel nichts als die Erde zurückbleibt. Folglich da man insgemein keine Absätze oder angehängte und von neuem angesetzte Linien findet, so muß eine jede Linie des Umrisses einer Figur unabgesetzt gezogen sein, welches in der Eigenschaft dieser Figuren beinahe wunderbar scheinen muß. Man muß auch bedenken, daß in dieser Arbeit keine Änderung oder Verbesserung stattfindet, sondern wie die Umrisse gezogen sind, müssen sie bleiben. Diese Gefäße sind, wie die kleinsten geringsten Insekten die Wunder in der Natur, das Wunderbare in der Kunst der Alten, und so wie in Raffaels ersten Entwürfen seiner Gedanken der Umriß eines Kopfes, ja ganze Figuren, mit einem einzigen unabgesetzten Federstriche gezogen, dem Kenner hier den Meister nicht weniger als in dessen ausgeführten Zeichnungen zeigen, ebenso erscheint in den Gefäßen mehr die große Fertigkeit und Zuversicht der alten Künstler als in andern Werken. Eine Sammlung derselben ist ein Schatz von Zeichnungen.

 
Sardinische Funde

Hier scheint mir der bequemste Ort, zum Beschlusse dieses Kapitels ein paar Worte zu melden von einigen in der Insel Sardinien entdeckten Figuren in Erz, welche, in Absicht ihrer Bildung und ihres hohen Altertums, einige Aufmerksamkeit verdienen. Es sind vor kurzer Zeit ein paar andere ähnliche Figuren aus dieser Insel bekanntgemacht worden; diejenigen aber, von welchen ich rede, befinden sich in dem Museo des Collegii St. Ignatii, von dem Herrn Kardinal Alexander Albani dahin geschenkt. Es sind vier derselben von verschiedener Größe, von einem halben bis an zwei Palme. Die Form und Bildung derselben ist ganz barbarisch und hat zugleich die deutlichsten Kennzeichen des höchsten 112 Altertums in einem Lande, wo die Künste niemals geblüht haben. Der Kopf derselben ist lang gezogen, mit ungewöhnlich großen Augen und ungestalten Teilen und mit langen storchmäßigen Hälsen, nach der Art, wie einige der häßlichsten kleinen etrurischen Figuren in Erz gebildet sind.

Zwei von den drei kleineren Figuren scheinen Soldaten, aber ohne Helme; beide haben einen kurzen Degen, an einem Gehenk über den Kopf geworfen, auf der Brust selbst hängen, und zwar von der rechten zur linken. Auf der linken Schulter hängt ein kurzer und schmaler Mantel, welcher ein schmaler Streifen ist, und reicht bis an die Hälfte der Schenkel. Es scheint ein viereckiges Tuch, welches kann zusammengelegt sein; auf der einen und innern Seite ist dasselbe mit einem schmalen erhobenen Rande eingefaßt. Diese besondere Art Kleidung kann vielleicht die den alten Sardiniern allein eigene sein, welche Mastruca hieß. Die eine Figur hält einen Teller mit Früchten, wie es scheint, in der Hand.

Die merkwürdigste unter diesen Figuren, fast zwei Palme hoch, ist ein Soldat mit einer kurzen Weste, wie jene mit Hosen und Beinrüstungen bis unter die Waden, welche das Gegenteil von andern Beinrüstungen sind; denn anstatt daß der Griechen ihre das Schienbein bedeckten, liegen diese über die Wade und sind vorne offen. Ebenso sieht man die Beine bewaffnet an dem Castor und Pollux, auf einem Steine des Stoschischen Musei, wo ich jene Figur zur Erklärung angeführt habe. Dieser Soldat hält mit der linken Hand einen runden Schild vor dem Leib, aber etwas entfernt, und unter demselben drei Pfeile, deren Fittige über den Schild hervorgehen; in der linken Hand hält er den Bogen. Die Brust ist mit einem kurzen Panzer verwahrt, wie auch die Achseln mit Kappen, welche Achselrüstung man auch auf einem Gefäße der Mastrillischen Sammlung zu Nola sieht, und diese Kappen sind wie die an der Montur unserer Trommelschläger gestaltet. Der Kopf ist mit einer platten Mütze bedeckt, an welcher von den Seiten zwei lange Hörner, wie Zähne, vorwärts und aufwärts stehen. Auf dem Kopfe liegt ein Korb mit zwei Tragestangen, welcher auf den Hörnern ruht und abgenommen werden kann. Auf dem Rücken trägt er ein Gestell eines Wagens mit zwei kleinen Rädern, dessen Deichsel in einen Ring auf dem Rücken gesteckt ist, so daß die Räder über den Kopf reichen. 113

Sogenannte Ringerbasis. Marmorrelief

Sogenannte Hockeybasis. Marmorrelief

Dieses lehrt uns einen unbekannten Gebrauch der alten Völker im Kriege. Der Soldat in Sardinien mußte seine Mundprovision selbst mit sich führen; er trug dieselbe aber nicht auf der Schulter, wie die römischen Soldaten, sondern er zog sie hinter sich auf einem Gestelle, worauf der Korb stand. Nach vollendetem Zuge, wo dieses nicht mehr nötig war, steckte der Soldat sein leichtes Gestelle in den Ring, welcher auf dem Rücken befestigt war, und legte seinen Korb auf den Kopf über die zwei Hörner. Vermutlich ging man mit all diesem Geräte, wie man sieht, auch in die Schlacht, und der Soldat war beständig mit allem Zubehör versehen.

 
Abschluß

Zum Beschlusse dieses Kapitels gebe ich dem Leser, welcher in manchen Stücken mehr Licht verlangen möchte, zu bedenken, daß es uns in der Vergleichung dieser alten Völker in Italien mit den Ägyptern geht wie einigen Personen, welche in ihrer Muttersprache weniger als in einer auswärtigen Sprache gelehrt sind. Von der Kunst der Ägypter können wir mit mehr Gewißheit reden, die uns von jenen Völkern, deren Länder wir bereisen und umgraben, fehlt. Wir haben eine Menge kleiner etrurischer Figuren, aber nicht Statuen genug, zu einem völlig richtigen Systema ihrer Kunst zu gelangen, und nach einem Schiffbruche läßt sich aus wenig Brettern kein sicheres Fahrzeug bauen. Das meiste besteht in geschnittenen Steinen, welche wie das kleine Gestrüpp sind von einem ausgehauenen Walde, von welchem nur noch einzelne Bäume stehen, zum Zeichen der Verwüstung. Zum Unglück ist zur Entdeckung von Werken aus den blühenden Zeiten dieser Völker wenig Hoffnung. Die Etrurier hatten in ihrem Lande die Marmorbrüche bei Luna (jetzt Carrara), welches eine von ihren zwölf Hauptstädten war; aber die Samniter, Volsker und Kampaner fanden keinen weißen Marmor bei sich und werden folglich ihre Werke meistenteils von gebrannter Erde oder von Erz gemacht haben. Jene sind zerbrochen und diese geschmolzen; und dieses ist die Ursache von der Seltenheit der Kunstwerke dieser Völker. Unterdessen da der etrurische Stil dem älteren griechischen ähnlich gewesen, so kann diese Abhandlung als eine Vorbereitung zum folgenden Kapitel angesehen und der Leser hierher verwiesen werden. 114

 

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