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Geschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit, Band 6

Friedrich von Raumer: Geschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit, Band 6 - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit, Band 6
authorFriedrich von Raumer
year1825
firstpub1825
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleGeschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit, Band 6
pages622
created20150809
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Buch.

Beiträge zu den Alterthümern des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

I. Kirchliche Alterthümer.

Einleitung.

Unter allen Veränderungen, deren die Weltgeschichte Erwähnung thut, ist die Ausbreitung des Christenthums die wichtigste, folgenreichste und heilsamste. Denn was sich auch lächerliches, tadelnswerthes, ja frevelhaftes unter dem Vorwande, es sey christlich, einfand und entwickelte: an dem Evangelium war ein unwandelbarer Prüfstein gegeben, die Wahrheit wiederum vom Irrthume zu scheiden; das Evangelium blieb ein Mittel, den hülflosen Menschen auf so beseligende Weise mit Gott zu verbinden, wie es die Vorzeit kaum zu ahnen wagte. – Welche Ansicht unter den Christen verschiedener Bekenntnisse über Christus selbst auch vorwalten mag, darin sind alle einig: daß er in einer Zeit auftrat, wo die müde Welt einer Stärkung und Erneuung, die ausgeartete einer Heiligung bedurfte, und daß jeder Versuch, das Heidenthum herzustellen (Julians Bestreben keineswegs ausgenommen), nicht etwa durch Zufall, sondern darum scheitern mußte, weil das Bessere nicht durch das Schlechtere besiegt werden konnte.

Die im neuen Testamente enthaltenen Schriften unterscheiden sich durch ihre unergründliche Tiefe und Vollendung auf bewundernswerthe Weise von allem, was je später durch Christen und über Christen geschrieben worden ist; 4 doch konnte eine Prüfung und Entwickelung der Ansichten, eine verschiedenartige Wirkung auf diese und jene Zeiten und Völker nicht ausbleiben: die Geschichte der Lehre ist ein Haupttheil der christlichen Kirchengeschichte. In den ersten Jahrhunderten entwickelte sich die Lehre, die Dogmatik am raschesten; nachher galt das meiste als unwandelbar festgesetzt, und nur für einzelne Theile wurden Zusätze aufgefunden und anerkannt.

In untrennlichem Zusammenhange mit dem wesentlich Christlichen, obgleich abhängiger von äußern Ereignissen, war die Form der kirchlichen Verfassung; weshalb das, was in einer Zeit angemessen erschien, allmählich unpassend werden und sich, wenigstens zum Theil, in anderes verwandeln konnte. Die Forderung: das Christenthum solle ohne alle kirchliche Form seyn, bleiben und wirkenAugusti Alterthümer IV, 85, ein so anziehendes, als gründliches und lehrreiches Werk., steht etwa der gleich, die menschliche Seele solle auf Erden ohne Körper seyn und leben; und nicht minder einseitig ist die Behauptung, jede in den ersten Zeiten des Christenthums aufgestellte Form sey für alle Zeiten unbedingt beizubehalten. Dazumal, wo einzelne Gemeinen bei engstem Aneinanderschließen bis zu dem unausführbaren Plane einer völligen Gütergemeinschaft kamen, und andererseits die Unterdrückten, in vielen Ländern Zerstreuten, fast in gar keine Wechselwirkung traten; konnte von einer einigen, zusammenhangenden kirchlich-christlichen Welt, im späteren Sinne, noch nicht die Rede seyn. Wenn auch ohne Samen überall kein Wachsthum gedenkbar bleibt, so ist darum das erste Keimen doch nicht herrlicher, als die Zeit der Blüthe und Frucht.

Auf ganz natürlichem Wege gingen die ersten mehr demokratischen Einrichtungen der einzelnen Gemeinen in aristokratische über, und der Sprengel des Bischofs, die Landschaft des Erzbischofs, erschienen als nothwendige, größere 5 Ganze. Und wiederum stellten sich die Patriarchen über den Erzbischöfen, zu Verbindung mehrer Landschaften auf, bis sich der reiche Bau in der monarchischen Spitze des Papstes endigte. – So wurde die Kirche allmählich die wichtigste Genossenschaft, die größte Einrichtung des Mittelalters, ja aller Zeiten. Denn ihr lag die höchste, umfassendste Idee zum Grunde: eine Idee, welche nicht ein Land, sondern alle Länder in sich begriff, nicht eine Thätigkeit und Sinnesart, sondern alle in Anspruch nahm; welche Erde und Himmel, endliches und unendliches verknüpfte, und keineswegs das eine oder das andere, stolz oder kleinlich, zur Seite schob. Nichts sollte hülflos, nichts anmaaßlich außerhalb ihres allumfassenden Kreises liegen. Selbst Abgeneigte werden die Idee eines bloß weltlichen Bundesstaates, oder gar eines Kontinentalsystems, nicht damit vergleichen wollen; und so verschieden auch die Ansichten über das Wesen und die Gestaltung einer allgemeinen christlichen Kirche sind, haben doch alle christlichen Parteien den Gedanken selbst, in ihren Bekenntnissen fest gehalten.

Weil jedoch keineswegs unsere Absicht dahin geht, vorzugsweise allgemeine Betrachtungen anzustellen, so wollen wir sogleich ohne weitern Aufenthalt von dem Einzelnen handeln. Die Zahl der hier zu berührenden Gegenstände ist so groß und ihre wechselseitige Verbindung so mannigfaltig, daß man keine über Einwürfe erhabene Folge der Darstellung auffinden kann; doch hat es uns am besten geschienen, wenn wir sprechen:

  1. Von den persönlichen Verhältnissen der Geistlichen und ihrer Stellung zu den Laien.
  2. Von den sachlichen Verhältnissen der Kirche, z. B. Kirchengut, Steuern u. s. w.
  3. Von dem Kirchenrechte und der Kirchenzucht.
  4. Von der Kirchenlehre, den Heiligen, Ketzern u. s. f.
  5. Von dem Mönchswesen und den Klöstern.

 


 

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