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Geschichte der Hexenprozesse. Band I

Wilhelm Gottlieb Soldan: Geschichte der Hexenprozesse. Band I - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
authorWilhelm Gottlieb Soldan
titleGeschichte der Hexenprozesse. Band I
publisherMüller & Kiepenheuer
editorMax Bauer
year1911
firstpub1843
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140309
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Viertes Kapitel. Griechenland

Dem Glauben an Zauberei begegnen wir in Griechenland schon im ersten Anfang seiner Geschichte. Es ist möglich, daß schon damals Einwirkungen auf die Vorstellungen des griechischen Volkes von Chaldäa her stattgefunden haben; sie sind jedoch nicht nachweisbar. Sicher ist nur, daß die Griechen schon bei dem Beginne der Perserkriege eine mit der etruskischen völlig übereinstimmende Haruspicin besaßen O. Müller und Deecke, Die Etrusker, S. 187-188.. Erst von dieser Zeit an lassen sich allerlei Erscheinungen und Vorgänge nachweisen, von denen die Umgestaltung und größere Verbreitung des Glaubens an Zauberei herrührten.

Zunächst kommt hier die Entwicklung der philosophischen Anschauungen in Kleinasien in Betracht. Hier hatte zuerst Thales die Frage nach dem Urstoff der Welt, dem Prinzip alles Seienden angeregt. Er hatte dieses in der Materie, und zwar im Wasser nachzuweisen versucht, während nach ihm Heraklit (um 500 vor Chr.) es im Feuer finden zu müssen glaubte. Bald nach den Perserkriegen erhob sich dann Anaxagoras in Klazomenä – der erste Grieche, der eine Intelligenz als Weltursache erkannte, während ziemlich gleichzeitig Empedokles (um 440 vor Chr.) mit einem dem heraklitischen sich nähernden System auftrat, in dem er zuerst die für die Magie erforderliche dualistische Weltanschauung lehrte Hermann, Die gottesdienstl. Altertümer der Griechen, S. 213. und das Dasein einer Dämonenwelt anerkannte. Auch stand er selbst in dem Rufe eines Wundertäters und Zauberers. Von da an gewann die Dämonenlehre, die schon von den ältesten Zeiten her im griechischen Volke gelebt hatte, eine bestimmtere Gestalt und größere praktische Bedeutung Van Oerdt, De Godsdienst der Grieken met hunne volksdenkbeelden. Haarl. 1864, S. 67 ff.. Gleichzeitig kam Griechenland mit den Magiern und der medisch-persischen Magie in Berührung, die anfangs als eine im Abendlande noch ganz unbekannte höhere Weisheit angestaunt und gepriesen wurde.

Von großem Einfluß war ein während der Perserkriege nach Griechenland gekommenes Buch, das von einem Magier Osthanes herrühren sollte. Soviel wir von diesem Werke wissen, lehrte es als höchste Geheimnisse der Magierkaste auch allerlei Zaubereien und Wahrsagerkünste, selbst das Zitieren der Verstorbenen und der infernalen Dämonen. Plinius berichtet Hist. nat. XXX. 2., daß das Buch den Griechen nicht eine heftige Begierde, sondern geradezu einen rasenden Heißhunger nach der Magie eingeflößt habe.

In Griechenland trat daher jetzt die medische Magie an die Stelle der rohen und primitiven Gebräuche der griechischen Goeten Lenormant, S. 229.. Bald aber stellte sich die Magie, die man anfangs als eine auf der Sternenkunde beruhende Geheimwissenschaft bewundert und deren Vertreter man als den Göttern näher stehend verehrt hatte, in einem ganz anderen Lichte dar. Griechenland wurde von wirklichen und angeblichen Magiern, die von Osten her kamen und allerlei elende Gaukeleien trieben, überschwemmt, und bald erschien daher der Μάγος im griechischen Sprachgebrauch synonym mit γόης Sophocl. Oed. Tyr. 387, Aeschin. c. Ktesiphon. § 137. und mit der ganzen Schmach dieses Ausdrucks behaftet, so sehr auch die Anhänger der Magie beide Begriffe auseinander zu halten suchten K. F. Hermann, Gottesdienstl. Altertümer, S. 213.. Inzwischen hatte die Mantik und Auguralkunst in Griechenland eine neue Stütze durch die Philosophie erhalten, indem die Stoiker sie mit ihren fatalistischen Lehren in Zusammenhang brachten, den Aberglauben philosophisch begründeten und für ihn nicht nur bei dem Volke, sondern auch in den gebildeten Ständen neues Vertrauen erweckten Lenormant, S. 488..

Der erste Stoiker, der sich mit Aufstellung einer solchen Theorie befaßte, war Zenos zweiter Nachfolger Chrysippus († um 208 v. Chr.), der unter anderem zwei Bücher über Orakel und Träume schrieb. Nach Chrysippus verfaßte dann dessen Schüler Diogenes ein ausführlicheres augural-wissenschaftliches Werk, das anscheinend nicht allein die alte griechische Wahrsagerei, sondern auch die fremdländischen Wahrsagegebräuche behandelte Cicero, de divinat. I, 3; II, 43..

Der neue Aufschwung, den somit die Mantik und Auguralkunst in den Kreisen der Gebildeten nahm, trug aber den Ungebildeten nur eine neue Steigerung des Hanges zur Zauberei ein, zumal da die gleichzeitigen Vorgänge in Asien dem Dämonenglauben und der Magie in Griechenland den wirksamsten Vorschub leisteten.

Nachdem nämlich Alexander d. G. den Orient mit dem Okzident verbunden hatte, war in Asien unter den Seleuciden die bisherige Scheidewand zwischen der babylonischen Bevölkerung und den griechischen Ansiedlern fast völlig gefallen. Kräftiger als je vorher wucherten daher jetzt unter den griechischen Völkerschaften aller mögliche Dämonenspuk und alle nur erdenkbaren Praktiken der Bezauberung und Beschwörung auf, und zwar waren es ganz besonders Frauen, die sich diesem Treiben, namentlich dem Mischen von Liebestränken Josephus, Antiq. XVII. 41., ergaben. So nahm jetzt der chaldäische Dämonismus mit allem, was sich im Laufe der Jahrhunderte und unter den vielfachen vorgekommenen Völkermischungen an ihm angesetzt hatte, von Griechenland und von der ganzen abendländischen Welt Besitz. Chaldäer und Magier, eine Bezeichnung, die längst als Synonyma galt, zogen in den Landen hin und her, die Leichtgläubigen zu täuschen und die Hoffnungen und Wünsche der einzelnen zu ihrem Vorteil auszubeuten. Vielfach waren es hellenische Juden, die als Hexenmeister im hohen Ansehen standen. Sie waren, von altgriechischen Anschauungen beeinflußt, der Zauberei mehr ergeben als ihre Glaubensgenossen im Mutterland. Sie hielten jedoch auch in Hellas an dem Monotheismus fest, deshalb darf man ihre Magie, sofern sie nicht griechisch war, als die ihres Heimatlandes am Jordan ansprechen. Von diesen hebräischen Magiern sind Zauberformeln erhalten, die Deißmann wiedergab Bibelstudien, Marburg 1895, S. 21 ff. Blau, S. 96 ff.. In Kleinasien galt insbesondere Ephesus als der Hauptsitz untrüglicher und wirksamer Magie. Berühmt waren namentlich die Έϕέσια γράμματα, d. h. Zauberformeln, die auf Pergament geschrieben entweder hergesagt oder am Körper als Amulette getragen wurden Winer, Biblisches Realwörterbuch, Art. Zauberei..

Sehen wir uns nun nach diesem Überblick über die Entwicklung des Aberglaubens der griechischen Volksstämme im allgemeinen seine Erscheinungen im einzelnen an, so bietet sich bereits bei Homer F. G. Welckers, kleine Schriften, III, S. 20-26, 64-88. und Hesiod gar vielerlei dar. Bei Homer erscheint schon Circe, die der späteren Zeit als Königin aller Zauberinnen gilt, mit ihren betörenden Säften und ihrem klassischen Stabe, der lange Zeit ein fast unzertrennliches Attribut des Zauberers bleibt Odyss. X. 212 ff.. Was ihr naht, wird in Wölfe, Löwen oder Schweine verwandelt; den Gegenzauber kennt nur Hermes im Kraute Moly. Agamede in der Ilias ist so vieler Pharmaka kundig wie die weite Erde trägt Il. XI. 740.. Auf der Eberjagd am Parnaß stillen des Autolykos Söhne das Blut des verwundeten Odysseus durch Besprechungen Odyss. XIX 457.. Helena mischt den bekümmerten Gästen im Palaste zu Sparta einen Wundertrank aus ägyptischen Kräutern, der das Herz selbst gegen die härtesten Schläge des Schicksals stählt Odyss. IV. 220 ff. Lucian Pseudomantis.; Here fesselt den kalten Gemahl durch den von Aphrodite entliehenen Zaubergürtel Il. XIV. 214.. Wir erinnern ferner an die Verwandlungen des untrüglichen Seegreises Proteus und an den sinnbetörenden Gesang der Sirenen. Und vollends die nekromantischen Szenen der Odyssee mit ihrer viereckigen Grube, ihren Libationen und schwarzen Opfertieren, wo des Tiresias Schatten herbeibeschworen wird und die kraftlosen Häupter der Toten sich versammeln! – Hesiod kennt Tagwählerei. Er lehrt, an welchen Tagen Knaben und an welchen Mädchen zu guter Vorbedeutung geboren werden, und an welchen sie heiraten sollen Op. et dies, 765. sqq.. Die Verfasser der Nosten erwähnen Äsons Verjüngung durch Medea, wiewohl diese als vollendete Zauberin erst bei den Tragikern erscheint. Überhaupt zeigt uns ein Blick auf den Charakter der nächsten Jahrhunderte nach Homer Verwandtes in Menge. Es ist die von Hesiod und den Zyklikern eingeführte Periode der Dämmerung, wo, wie Lobeck sagt Aglaophamus pag. 316., die Dichter zu philosophieren und die Philosophen zu dichten anfingen, wo aus der einfachen, kindlichen Religionsansicht der heroischen Zeit sich das Symbolische, Mystische und Phantastische jeder Art hervorbildete, das später besonders in den orphischen Gaukeleien und in dem Institute der Pythagoräer seinen Abschluß erreichte. Es ist der Zeitraum der Katharten, Jatromanten und Agyrten, in dem jene wunderbaren Gestalten wie Abaris, Aristeas, Epimenides und Branchus auftreten. Nach Wegräumung des geheimnisvollen Nebels, den die spätere Legende um diese Figuren gezogen hat, bleibt uns wenigstens das als historisches Faktum, daß Abaris mit Sühnungen und Weissagungen Griechenland durchzog, um die Hyperboreer von der Pest zu befreien; daß Epimenides in Athen eine Seuche durch Mittel zu stillen versuchte, die man als außer dem Kreise des gewöhnlichen Tempelkults liegend betrachtete, und daß Branchus in Milet, obgleich Priester und Prophet Apollons, ebenfalls bei einer Epidemie ein höchst sonderbares Abrakadabra in die Sühnungsformeln mit einmischen ließ.

Von der geheimen Kraft des Kohls spricht Hipponax um die Zeit des Cyrus; von Pisistratus ist es nach einer Stelle bei Hesychius wahrscheinlich, daß er an der Akropolis zu Athen ein grillenartiges Insekt zum Schutze gegen den bösen Blick anbringen ließ Hesych. v. ΚαταΚήνη. Lobeck Aglaoph. p. 970 ff.. Die Keime des astrologischen Aberglaubens bei den Lakedämoniern zeigen sich deutlich in ihrem Benehmen vor der Schlacht von Marathon, und wenn wir Lukian glauben wollen, so hatten die Griechen ihre Sterndeuterei überhaupt nicht von außen, sondern von ihrem Orpheus erlernt Lukian, de Astrol. 10.. Doch war die Sterndeutung in Griechenland nie recht heimisch, wogegen die Traumdeuterei eine bedeutende Rolle spielte.

Nehmen wir hierzu noch den schon früh in Arkadien einheimischen Glauben, daß ein Mensch sich in einen Wolf verwandeln könne (Lykanthropie) Plat. de Republ. VIII. 16. Pausan. VIII. 2. Plin. H. N. VIII. 22. Vgl. Böttiger, Über die ältesten Spuren der Wolfswut in der griechischen Mythologie, in Sprengels Beiträgen z. Gesch. der Medizin, B. I. St. 2, u. R. Leubuscher, Über die Wehrwölfe und Tierverwandlungen im Mittelalter. Berl. 1850, S. 1-3. Hertz, Der Werwolf, Stuttgart 1862., und das in Schauerlichkeiten eingehüllte Totenorakel am See Aornos in Thesprotien, das ums Jahr 600 v. Chr. schon Periander befragte Herod. V. 92. 7. Heliodor VI. 14., so haben wir Beweise genug, daß lange vor den Perserkriegen ein ansehnlicher Vorrat von Zaubervorstellungen und damit verwandten Gebräuchen bei dem griechischen Volke aufgehäuft war, ohne daß wir zu den späteren Sagen unsere Zuflucht zu nehmen brauchten, die z. B. schon Melampus als eigentlichen Zauberer behandeln, Odysseus als Verehrer der Lekanomantie und Orpheus als Verfasser einer Schrift über talismanische Gürtel darstellen.

Nach den Perserkriegen wurde das aus der früheren Zeit Überlieferte verbreitet, modifiziert, zum Teil zu einem hohen Grad von Abenteuerlichkeit gesteigert; wesentlich Neues kam bis auf Alexander wenig oder gar nicht hinzu. Plato redet davon, daß nicht bloß Privatleute, sondern sogar ganze Städte sich von einer Menschenklasse betören ließen, die er so charakterisiert, daß eine Art von Zauberern in ihnen nicht zu verkennen ist De Republ. II. 7. ed. Stallb.. Sie ziehen, sagt er, vor den Türen der Reichen umher und wissen die Leute zu überreden, daß sie die Kraft von oben haben, durch Opfer und Besprechungen die Sünden der Menschen selbst und ihrer Vorfahren zu sühnen; wünscht jemand einem Feinde Übles zuzufügen, so versprechen sie für geringe Kosten durch Götterbeschwörungen und Bannflüche diesen Wunsch zu erfüllen. In ähnlicher Weise klagt der Verfasser der Schrift »de morbo sacro« über die gewinnsüchtigen Täuschungen der fahrenden Wundertäter; zu den Sühnungen eigner und fortgeerbter Blutschuld fügt er noch ihre vorgebliche Kunst, Sturm und heiteren Himmel, Regen und Dürre, Unsicherheit des Meeres und Unfruchtbarkeit der Erde zu machen.

Besonderen Beifall fand dieses Sühnwesen samt seinem Anhang von geheimem Kult und Liederlichkeit bei den Weibern. Strabo nennt sie die Oberanführer aller Deisidämonie Strabo. VII. pag. 297. Casaubon..

Das klassische Land der griechischen Zauberei ist Thessalien Plin. XXX. 1. Horat. Epod. V. 45 Lucan. Pharsal. VI. 452 ff..

Thessalische Weiber sind es, deren Salben bei Lukian und Apulejus Apulejus, Der goldene Esel, München, Georg Müller, 1910, S. 10. den Menschen in einen Vogel, Esel oder Stein verwandeln; sie selbst fliegen durch die Lüfte auf Buhlschaften aus wie später die Hexen. Hekate Dr. Herm. Stending, Griechische und röm. Heldensage. 2. Aufl. Leipzig 1897, S. 50., ursprünglich als eine unheilentfernende, segenverbreitende Göttin gedacht und noch von Hesiod als solche gepriesen, tritt jetzt nach mehrfachen, zum Teil durch die Mysterien bedingten Metastasen ihres Wesens als die grauenvolle Göttin der Unterwelt und Vorsteherin des Zauberwesens auf. Sie erscheint, gerufen, in finsterer Nacht mit Fackel und Schwert, mit Drachenfüssen und Schlangenhaar, von Hunden umbellt, von der gespenstischen Empusa begleitet Aristoph. Ran. 295. Ecclessiaz. 1049. Horat. Sat. I. 8. 38. Lukian. Philopseud. 14.. An Hekate hingen sich allmählich alle Arten von Zauberei an. Von ihr hatte Medea die Gifte und Zauberkräuter kennen gelernt. Die Zauberinnen schwuren bei ihr und beteten zu ihr. Auch krankhafte, nächtliche Schrecknisse, die aus dem Bette trieben, böse Träume u. dgl. galten als Anfälle der Hekate F. G. Welcker, Griechische Götterlehre, B. II, S. 412-416..

Von Hekate haben die späteren griechischen Autoren eine Menge Mythen erzählt und uns eine vollständige Beschreibung der Hekate-Beschwörungen hinterlassen. Ihre Wirkung sollte sein, daß die Göttin denen erschien, die sie anriefen. Die Vorkehrungen sind von der Hekate selbst vorgeschrieben. Sie lauten: »Machet eine Statue von wohlgeglättetem Holz, so wie ich es jetzt näher beschreiben werde. Machet den Körper dieser Statue aus der Wurzel der wilden Raute (Ruta graveolens L.) Lehmann, Aberglaube und Zauberei, Stuttg. 1908, S. 64. und schmücket ihn mit kleinen Hauseidechsen; knetet dann Myrrha, Storax und Weihrauch zusammen mit denselben Tieren und laßt die Mischung bei zunehmendem Mond an der Luft stehen; sprechet eure Wünsche dann in folgenden Sätzen aus: ›Komm unterirdische, irdische und himmlische Bombo, Göttin der Land- und Kreuzwege, die das Licht bringt, die in der Nacht umherschweift, Feindin des Lichtes, Freundin und Begleiterin der Nacht, die du dich des Bellens der Hunde und des vergossenen Blutes erfreust, die du im Schatten zwischen den Gräbern umherflackerst, die du Blut wünschest und den Toten Schrecken bringst, Gorgo, Mormo, Mond in tausend Gestalten, leihe unserem Opfer ein günstiges Ohr.‹ Ihr sollt ebensoviele Eidechsen nehmen, wie ich verschiedene Formen habe; machet es sorgfältig; machet mir eine Wohnung von abgefallenen Lorbeerzweigen, und wenn ihr innige Gebete an das Bild gerichtet habt, werdet ihr mich im Schlaf zu sehen bekommen« Lehmann, Aberglaube und Zauberei, Stuttg. 1908, S. 64.. Die der finsteren Göttin heilige Raute war das wichtigste Kraut bei den Exorzismen, den Teufelsaustreibungen des Mittelalters. Man brauchte die geweihte Raute vornehmlich zu Räucherungen und Bädern für die Besessenen Hovorka und Kronfeld, Vergleichende Volksmedizin, Stuttgart 1908. I. Bd., S. 357..

Es kommt hier nicht darauf an, alle Einzelheiten der Zauberkünste durchzugehen. In der Hauptsache beziehen sie sich auf Weissagung durch Totenbeschwörung und auf Liebeszauber; die Mittel sind fortwährend die altüblichen Formeln und Pharmaka. Der elfte Gesang der Odyssee ist der Prototyp aller Totenbeschwörungen und was dahin einschlägt; die Grube, das blutige Opfer wiederholen sich immer wieder; nur ist bei Homer die Grube quadratförmig, bei Apollonius rund Argonaut. III. 1032., in den orphischen Argonauticis aber dreieckig, worin die Beziehung auf die dreifache Natur der Hekate angedeutet scheint. Das Blut, das bei Lucan die thessalische Erichtho dem Leichnam eingießt Pharsal. VI. 554 ff., erinnert wieder ganz an dasjenige, das bei Homer der Schatten des Tiresias trinkt, bevor ihm der Mund zum Weissagen geöffnet wird. Auch in Lukians Menippus, obgleich ein zoroastrischer Magier als Führer eingemischt wird, sind alle nekromantischen Einzelheiten aus der Odyssee entlehnt. – Unter den Liebeszaubern kennt Pindar den Vogel Jynx; Aphrodite bringt ihn, an die vier Speichen des unauflöslichen Rades gebunden, den Sterblichen und lehrt Jason Zaubersprüche, um Medeas Herz zu besiegen, daß es der Eltern vergesse und nach Hellas sich sehne Pyth. IV. 214..

Noch ist des Zaubers zu gedenken, durch den die Thessalierinnen selbst den Mond vom Himmel herabziehen zu können (καδαιρειν τὴν σελήνην) im Rufe standen Hermann, S. 212. Horat, Epod. V. 45. Vgl. Tibull. I. 2. 45 und 8. 21. Virgil. Eclog. VIII. 69. Lucan. Phars. VI. 420. Brunck. Anthol. III. 172.. Der Schlüssel hierzu scheint nicht schwer zu finden. Daß Hekate, die in Thessalien geborene Zaubergöttin herbeigeschworen wird, ist in der Ordnung. Hekate ist aber in der späteren Mythologie zugleich auch Selene, d. h. die personifizierte Fernwirkung des Mondes K. F. Hermann, Lehrbuch der gottesdienstlichen Altertümer der Griechen (Heidelberg 1846), B. II. S. 209. und es bedarf mithin nur eines kleinen Schrittes, um von der mystischen Gottheit zu dem von ihr repräsentierten Planeten überzugehen, um so mehr, da man bei seinen jeweiligen Verfinsterungen eine Ursache seines Verschwindens suchte. Zauberinnen mußten dann die Schuld tragen. Um deren Bemühungen zu vereiteln, um ihre Worte nicht bis hinauf dringen zu lassen, machte man Lärm mit Erzplatten und Trompeten Tacit. Annal. I. 28..

Unter den Zauberkräutern sind bei den Dichtern keine häufiger, als die kolchischen und iberischen Z. B. Horat. Epod. V. 21 ff. Ovid. Remed. amor. 261. Tibull. I. 2. 53.; neben diese werden die thessalischen gestellt Ovid. Metamorph VII. 224.. Merkwürdig genug aber leiteten nach Tacitus die pontischen Iberier ihren Ursprung aus Thessalien her Annal. VI. 34.. Den Glauben an Lykanthropie fand Herodot ebenfalls am Pontus. Die dortigen Scythen und Griechen glaubten von den benachbarten Neuren, daß jeder von ihnen alljährlich auf etliche Tage ein Wolf werde Herod. IV. 105.. Auch die Thibier, die in jener Gegend wohnten, galten für ein Volk, das durch Berührung, Blick und Hauch Kinder und Erwachsene bezaubern und auf dem Wasser nicht untergehen könne Plutarch, Sympos. V. 7. Plin. H. N. VII. 2.. Assyrische Pharmaka erwähnt Theokrit Theocr. II. 162.. Unter den magischen Ringen ist ohne Zweifel der unsichtbar machende des lydischen Gyges, dessen Platon gedenkt, der älteste De Republ. II. 3.. Von besonderem Gewichte aber ist's, daß die von Platon erwähnten Gaukler ihre Künste aus Schriften von Orpheus und Musäus geschöpft zu haben vorgaben. Von der Echtheit dieser Schriften kann freilich nicht die Rede sein; aber das wenigstens ist gewiß, daß sich etwas ganz Neues und Landfremdes nicht sogleich als altnational unterschieben läßt. Auch bei Euripides, im Cyklopen, findet sich eine έπψδὴ Όρϕικὴ, durch die ein Feuerbrand zum Laufen gebracht werden soll. Die orphischen Sühnungen und Heilungen aber hingen mit dem früher aus Phrygien herübergekommenen Kult der Cybele zusammen Aglaopham. Lib. II. Kap. 8. § 6.. Der frühzeitige Verkehr der Phrygier mit den Hellenen ist durch das Alter der kleinasiatischen Ansiedelungen hinlänglich bestätigt. Cybele galt mit ihrem Gefolge, dem Pan und den Korybanten, für eine Haupturheberin von Schrecken und Krankheiten. Ihre Priester, die Metragyrten, eine Art von herumziehenden Bettelmönchen, beschäftigten sich daher besonders mit der mystischen Heilung der sogenannten heiligen Krankheiten. Bei Aristophanes findet sich schon eine Andeutung hiervon, und Antiphanes läßt in seinem Metragyrtes durch bloßes Bestreichen mit geweihtem Öle die plötzliche Heilung eines paralytischen Greises bewirken Athen. Deipnos. XII. 553. (Kap. 78, Schweich.). Auch Philo redet von diesen Priestern als Zauberern, und es ist aus der Stelle, wo er dies tut, wenn nicht mit Gewißheit, doch mit Wahrscheinlichkeit zu entnehmen, daß sie es besonders waren, denen man die Kunst, durch Philtra und Beschwörungen Liebe und Haß zu erregen, zuschrieb Leg. spec. II. 792..

Es ist Tatsache, daß man zoroastrische, orphische, pythagoräische und hermetische Schriften schmiedete, und Plinius selbst erzählt von angeblich demokritischen Zauberbüchern, deren Echtheit schon damals bestritten wurde. Aulus Gellius handelte später in einem eigenen Kapitel »de portentis fabularum, quae Plinius Secundus indignissime in Democritum confert« Noct Att. X. 12.. So ist es vollkommen im Einklang mit den Ansichten jener Zeit, daß Plinius nicht nur viele einzelne Zaubermittel auf Zoroasters unmittelbare Empfehlung zurückführt, sondern auch die gesamte Zauberei aus dessen System sich über den Okzident verbreiten läßt. Für Griechenland zunächst muß ihm Osthanes zu diesem Zwecke dienen, obgleich es schwer fällt, einzusehen, wie bei den erweislich so zahlreichen Berührungspunkten beider Völker sich hier alles an eine einzelne Persönlichkeit knüpfen soll, und sich in der Tat auch bei Plinius selbst schon die Bemerkung findet, daß von besser Unterrichteten einem etwas früheren Prokonnesier, den er Zoroaster nennt, ähnliche Einflüsse zugeschrieben werden. Ein zweiter Osthanes um Alexanders Zeit dient ihm nun weiter, um die Verpflanzung der Magie nach Italien, Gallien, Britannien und den übrigen Teilen der Erde zu erklären. Der ältere Osthanes wird aber auch als Verfasser eines Buches genannt, in dem außer verschiedenen andern Arten der Weissagung gehandelt werde »de umbrarum inferorumque colloquiis«. Wäre diese Schrift wirklich echt, so enthielte sie doch wenigstens in diesem letzten Punkte etwas, was unseren Erörterungen zufolge einesteils den Griechen nicht neu und anderenteils dem Zoroastrismus völlig fremd wäre.

Was nun endlich das Strafverfahren anbelangt, das bei den Griechen gegen Zauberer gesetzlich stattgefunden haben soll, so haben sich zwar Delrio und andere Koryphäen in der Literatur des Hexenwesens mehrfach auf dieses berufen und hierin einen schlagenden Beweis für die Allgemeinheit und das hohe Alter solcher Prozesse zu finden geglaubt. Die Sache ist indessen sehr zweifelhaft. Die ganze Behauptung gründet sich eigentlich nur auf einen einzelnen, sehr kurz berührten und noch keineswegs mit Sicherheit ermittelten Vorfall in Athen. In einer angeblich demosthenischen Rede wird nämlich ein lemnisches Weib, Theoris oder Theodoris, beiläufig erwähnt, das von den Athenern samt seiner ganzen Familie zum Tode geführt worden sei Demost. in Aristogit. I. p. 424.. Zwar ist sie als eine ϕαρμακὶς bezeichnet, deren Pharmaka späterhin sich auf einen athenischen Bürger vererbten, und auch von Formeln, die als Zaubersprüche betrachtet werden dürfen, ist die Rede. Aber das eigentliche Verbrechen, das ihr die Strafe zuzog, bleibt nichtsdestoweniger im Zweifel. War es die Zauberei an sich, die man hier verfolgen zu müssen glaubte, war es gemeine Giftmischerei, oder ein schädliches Philtrum oder eine unter dem Deckmantel eines quacksalberischen Zeremoniells verübte Tötung – über dieses alles gibt die Fassung der Worte keinen Aufschluß. Noch zweifelhafter wird die Sache, wenn wir von Plutarch vernehmen, daß in dem Prozesse dieser Theoris, die er als eine Priesterin bezeichnet, gar eine Häufung von Verbrechen zur Sprache kam, unter denen namentlich die Aufwiegelung der athenischen Sklaven an sich schon als bedeutend genug erscheint Plut. vit. Demosth. 14.. Nehmen wir hierzu noch die weitere Notiz, daß Theoris wegen der Verachtung der Landesgötter (ἀσέἀεια) den Tod erlitten habe Harpocrat. v. Θεωρίς., so haben wir hiermit eine Divergenz der Nachrichten, die sich vielleicht nur durch die Annahme ausgleichen läßt, daß Theoris die Vorsteherin irgendeines verbotenen Geheimdienstes gewesen sei. Wenigstens ist es erwiesen, daß an solche aus der Fremde gekommene Kulte oft genug Dinge der genannten Art wie Zauberbegehungen, Sklavenverführung, Verachtung der Landesgottheiten und Verschwörungen sich angeschlossen haben.

Schließlich bemerken wir, daß Platon in seinen Gesetzen eine schwere Gefängnisstrafe für die trügerischen Gaukler beantragt, die sich auf Nekromantie und dergleichen Künste zu verstehen vorgeben. Es wird die Asebie und Gewinnsucht dieser Menschen hierbei hervorgehoben Legg. X. 15. ed. Ast..

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