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Geschichte der Hexenprozesse. Band I

Wilhelm Gottlieb Soldan: Geschichte der Hexenprozesse. Band I - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
authorWilhelm Gottlieb Soldan
titleGeschichte der Hexenprozesse. Band I
publisherMüller & Kiepenheuer
editorMax Bauer
year1911
firstpub1843
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140309
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Zweites Kapitel. Der heidnische Orient

Betrachten wir den Aberglauben, auf dem der Wahn der Magie und der Hexerei beruht – ein Wahn, dem wir noch am heutigen Tag bei allen christlichen Völkern, namentlich in den niederen Volksschichten begegnen, – und verfolgen wir dessen Geschichte rückwärts von Jahrhundert zu Jahrhundert, so will es uns doch nicht gelingen, irgendwo in der Geschichte der abendländischen Welt eine Stelle aufzufinden, wo er sich zuerst gestaltet und von wo aus er sich unter den Völkern verbreitet habe. Denn die grausige Zeit des siebzehnten Jahrhunderts, in dem fast alle Lande Europas von den die Opfer heidnischen Aberglaubens verzehrenden Flammen der Scheiterhaufen widerleuchteten, weist uns zurück über die Reformation hinaus in das Mittelalter hinein, wo man hin und wieder auch »weidlich gebrannt« hat, und von da in die Zeit der Kirchenväter, die denselben Aberglauben vertreten, den das römische und den schon früher das griechische Heidentum gepflegt und den dieses aus den Landen am Euphrat und Tigris fast unverändert überkommen hat, wo wir das Bestehen der dämonischen Magie bis hinauf zum Anfange der eigentlichen Geschichte und der lebendigen Erinnerungen des Menschengeschlechts verfolgen können. Wo aber diese aufhören, da führen uns die Hieroglyphen der Pyramiden Ägyptens und die Keilschriften-Literatur der Lande am Euphrat in eine graue Vorzeit ein und zeigen, daß schon in ihr, schon wenigstens ein Jahrtausend vor dem Beginne der eigentlichen Geschichte hindurch, im wesentlichen derselbe Aberglaube bestand, den wir in der Geschichte aller Völker Europas zu allen Zeiten nachweisen können, daß daher seine Spuren gerade so weit hinaufreichen wie die Spuren der Menschheit selbst.

Erst in neuer Zeit ist es der Wissenschaft gelungen, die Geheimnisse, die der Bibliotheksaal im Palaste der Könige zu Ninive in sich barg, zu erschließen. Henry Rawlinson teilte im Jahr 1866 im zweiten Bande der Cuneiform inscriptions of Western Asia (Taf. 17 und 18) eine größere Tafel mit achtundzwanzig Zaubersprüchen mit. Er fand ferner in der Bibliothek des alten Königspalastes unter Tausenden von Bruchstücken tönerner Täfelchen die Fragmente eines umfangreichen Werkes magischen Inhalts, das in seiner Vollständigkeit nicht weniger als zweihundert Tafeln umfaßte. Diese unschätzbaren Urkunden sind wie alle auf Magie sich beziehenden Dokumente Chaldäas in akkadischer Francois Lenormant: »Die Geheimwissenschaften Asiens. Die Magie und Wahrsagekunst der Chaldäer, Jena, 1878«. d. h. in der den finnischen und tatarischen Idiomen verwandten turanischen Sprache abgefaßt, die der ursprünglichen, vorgeschichtlichen Bevölkerung der Ebenen des unteren Euphrat (Chaldäas) eigen war. Der assyrische König Assurbanipal (884-860 v. Chr.) ließ sie zusammen mit der assyrischen Interlinearversion, mit der sie überliefert waren, abschreiben und seiner Palastbibliothek einverleiben. Diese Hinterlassenschaft der Akkader – die wohl selbst wieder auf älteren allmählich zu einem Ganzen zusammengestellten Überlieferungen beruhen mag – weist daher hoch hinauf auf eine Zeit, in der unter den Akkadern wie unter den Ägyptern der Glaube an die Einheit und reine Geistigkeit des göttlichen Wesens – trotz des aufgewucherten Kultus der Naturgewalten – noch nicht ganz erloschen war. Die Masse der Urkunden zeugt, wie Lenormant S. 23 sagt, »von der Existenz einer so künstlichen und zahlreichen Dämonologie bei den Chaldäern, wie sie sich ein Jakob Sprenger, Joh. Bodin, Weier oder Pierre de Lancre wohl nimmer vorgestellt hätten. Es erschließt sich uns darin eine ganze Welt von bösen Geistern, deren Rangordnung mit vieler Gelehrsamkeit festgestellt, deren Persönlichkeiten sorgfältig unterschieden und deren besondere Eigenschaften scharf präzisiert sind«.

Zu oberst werden zwei Klassen von Wesen gestellt, die als Genien oder Halbgötter erscheinen Lenormant, S. 16 ff.. Unter ihnen stehen die guten Geister und die Dämonen, von denen die letzteren (akkadisch: utuq) gewöhnlich an wüsten Stätten hausen. Die mächtigsten und gefürchtetsten von ihnen sind diejenigen, deren Macht sich über die Ordnung der Natur erstreckt, in die sie oft zum Nachteil des Menschen störend eingreifen, während die Tätigkeit der übrigen unmittelbarer auf den Menschen gerichtet ist, dem sie unablässig Unheil und Schaden bereiten. Von allen Einwirkungen der Dämonen auf den Menschen ist die Besessenheit die gefürchtetste. Zur Bannung dieser Krankheit hatte man daher vielerlei Formeln. Waren aber die Dämonen aus dem Körper eines Besessenen vertrieben, so gab es nur ein sicheres Schutzmittel gegen ihre Wiederkehr: es mußte durch Anwendung anderer Formeln dahin gewirkt werden, daß sich nun gute Geister des von den Dämonen befreiten Menschen bemächtigten.

siehe Bildunterschrift

Götterrelief aus dem Palaste Assurbanipals in Ninive (Berlin)

Eine andere Klasse der Dämonen sind diejenigen Geister, die, ohne unmittelbar verderbliche Handlungen zu verrichten, in schreckenerregenden Erscheinungen hervortreten. Solcher Art sind z. B. der »innin« und der »gewaltige uruku«, die beide zu den Nachtgeistern und Gespenstern zählen. Die drei hervorragendsten Wesen dieser Klasse sind das »Schreckgespenst« oder »Schattenbild« (akkad. dimme, assyr. lamastuw), das »Gespenst« (akkad. dimmea, assyr. labasu) und der »Vampir« (akkad. dimmekhab, assyr. abharu). Von diesen dreien erschrecken die beiden ersteren nur durch ihre Erscheinung, wogegen der Vampir »den Menschen anfällt«. Der Glaube, daß die Toten als Vampire aus dem Grabe steigen und Menschen anfallen, war überhaupt in Babylonien und Chaldäa ganz allgemein – Eine besondere Gruppe bilden ferner die »Dämonen der nächtlichen Samenergüsse«, die bald als Nachtmännchen (akkad. lillal, assyr. lilu), bald als Nachtweibchen (akkad. kiel-lillal, assyr. lilituv) erscheinen, und deren Umarmungen sich weder Männer noch Frauen im Schlafe zu erwehren vermögen. – Allgemein herrschend war außerdem die Furcht vor dem »bösen Blick« sowie vor dem »bösen Wort« oder »bösen Mund«, d. h. vor der unheilvollen Wirkung gewisser Worte.

Zur Abwehr und Bekämpfung dieses dämonischen Zaubers gebrauchte man vor allem Beschwörungsformeln, und wie jene Vorstellungen von den Dämonen und deren verderblicher Wirksamkeit sich bei Griechen und Römern und im Mittelalter wieder finden, so zeigt sich auch zwischen jenen Beschwörungen und z. B. der Φαρμακεύτρια des Theokrit und der achten Ekloge des Vergilius die auffallendste Ähnlichkeit.

Als die ältesten mit der monotheistischen (oder wohl richtiger: monolatrischen) Gottesidee im Zusammenhange stehenden Beschwörungsformeln stellen sich diejenigen dar, in denen »der große Name,« »der höchste Name«, den Êa allein kennt, gebraucht wird. Vor diesem Namen beugt sich alles im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt; selbst den Göttern legt dieser Name Fesseln an und zwingt sie, ihm Untertan zu sein. Aber nur Êa kennt diesen Namen.

Die Masse der Beschwörungsformeln ist indessen anderer Art. Zuerst werden in ihnen die zu beschwörenden Dämonen genannt, ihre Machtsphäre wird angegeben und ihre Wirkung geschildert. Es folgt hierauf der Wunsch, daß sie vertrieben werden und daß man vor ihren Nachstellungen bewahrt bleiben möge, was häufig in geradezu kategorischer Form verlangt wird. Eine dieser Formeln lautet:

Die Pest und das Fieber, die das Land verheeren,
die Seuche, die Auszehrung, die das Land verwüsten,
schädlich dem Körper, verderblich den Eingeweiden,
der böse Dämon, der böse alal, der böse gigim,
der boshafte Mensch, der böse Blick, der böse Mund, die böse Zunge,
daß sie des Menschen, Sohn seines Gottes, Körper verlassen mögen,
daß sie seine Eingeweide verlassen mögen.
Meinem Körper werden sie nimmer anhaften,
vor mir werden sie nimmer Böses stiften,
in meinem Gefolge werden sie nimmer einherschreiten,
in mein Haus werden sie nimmermehr eintreten,
mein Zimmerwerk werden sie nimmer durchschreiten,
in das Haus meiner Wohnstätte werden sie nimmermehr einkehren Dr. S. Seligmann, Der böse Blick, Berlin 1910, 1. Bd. S. 6.

Außerdem gebrauchte man zur Abwehr dämonischer Zauberei Zaubertränke, Zauberknoten oder Schleifen, Talismane von allerlei Art, auch zum Tragen am Halse eingerichtet und mit akkadischen Inschriften versehen, und insbesondere Zauberstäbe, die Cicero virgulae divinae nennt.

siehe Bildunterschrift

Altassyrisches Amulett aus Eisenstein: Der Kopf eines Dämon. Auf der Rückseite eine Zauberformel in Keilschrift (Berlin, Kgl. Museum für asiatische Altertümer)

Dieses war die gute, die göttliche Magie, die in den Priesterschulen der Akkader gelehrt wurde. Neben dieser gab es aber auch eine dämonische, teuflische Magie, die verboten war und verfolgt wurde, die natürlich in den offiziellen Urkunden nicht beschrieben ist, aber doch aus ihnen erkannt werden kann Lenormant , S. 68 ff.. Es gab in Akkad, wie man aus den gegen die dämonische Zauberei aufgestellten Beschwörungen ersieht, eine Menge Zauberer und Zauberinnen, die als »Bösewichte«, »boshafte Menschen« bezeichnet werden, deren Tun und Treiben man aber nur in sehr verschleierter Weise anzudeuten wagte, weil die Furcht vor ihnen die Gemüter aller beunruhigte. Indirekt bekommen wir aber mannigfache Aufklärungen über die Zauberei, weil die Priester natürlich ihr ebensowohl wie allen andern schädlichen Einflüssen entgegentreten mußten. Die Beschwörungen bestehen nämlich größtenteils aus sehr ausführlichen Beschreibungen sowohl der Wirkung der Zauberei als der Mittel, durch die sie ausgeübt wird. Es heißt z. B.: »Weil die Zauberin mich bezaubert hat, die Hexe mich gebannt hat, schreit mein Gott und meine Göttin über mich. Wegen meiner Krankheit bin ich schmerzlich geplagt, ich stehe aufrecht, lege mich nicht nieder, weder nachts noch am Tage. Mit Schnüren haben sie meinen Mund gefüllt, mit Upuntakraut haben sie meinen Mund gestopft. Das Wasser meines Getränks haben sie gering gemacht; mein Jubel ist Jammer, meine Freude ist Trauer!« Dr. Alfr. Lehmann, Aberglaube und Zauberei, Stuttgart 1908, 2. Aufl., S. 42.

Es war gar kein Übel denkbar, das der Zauberer nicht auszuüben vermocht hätte. Er bezauberte durch den bösen Blick und durch Unglücksworte und zwang durch seine Zauberformeln die Dämonen, nach seinem Willen zu tun. Dabei waren es in Akkad und Chaldäa (geradeso wie später in Thessalien) namentlich Frauen, die diese dämonische Zauberei trieben, zu denen sie Zauberformeln, zauberische Knoten, Zaubertränke und namentlich von ihnen angefertigte Bildnisse der betreffenden Personen verwendeten. Übrigens war bereits in Akkad der Glaube verbreitet, daß die Hexen ihre Versammlungen hielten und zu ihnen auf einem »Stück Holz« ritten.

Diese Magie beruhte bei den Akkadern auf einem vollständigen, in allen seinen Teilen zusammenhängenden mythologischen System, das die auffallendste Übereinstimmung mit der Mythologie der Finnen erkennen läßt, was uns zur Herleitung dieses Dämonenglaubens und der mit ihm zusammenhängenden Magie aus einer Urzeit des Menschengeschlechtes berechtigt, in der die am Euphrat und Tigris lebenden Akkader mit den Finnen im hohen Norden Europas noch ein Volk waren Lenormant, S. 259.. Dagegen ist zwischen dem akkadischen System und dem der Ägypter keine Verwandtschaft vorhanden. Lenormant weist als Grundlage der ägyptischen Magie den Gedanken nach, daß die Menschenseele die Bestimmung habe, nach dem Tode dem Osiris gleich zu werden. Zur Beförderung dieser Apotheose wurde der Leichnam durch die Anwendung magischer Formeln gegen schädliche, zerstörende Einwirkungen gefeit, indem die Erhaltung des Leibes die Bedingung der Apotheose der Seele war. Außerdem legte man den Zauberformeln aber auch die Kraft bei, dem Lebenden, der sie sprach, göttliche Vollkommenheiten zuzuführen. Der Gedanke eines Unterschiedes böser und guter Dämonen ist dem ägyptischen System fremd. Der Zauberer, durch seine Magie auf eine höhere, göttliche Stufe erhoben, gebietet den Göttern. Die spätägyptischen Magier bedienten sich, wie aus einem Leidener Papyrus hervorgeht, des Hypnotismus, um die Verbindung zwischen einer übernatürlichen Welt mit der sinnlichen herzustellen. Der Papyrus ist etwa um das dritte Jahrhundert unserer Zeitrechnung geschrieben, wo die Gnosis in vollster Blüte stand. Das Hauptbestreben der Gnostiker im Pharaonenland ging dahin, die heidnischen Mythen, dann die Gottheiten und Dämonen, vorzüglich der ägyptischen und syrischen Tempelwelt, mit dem Christentum zu verquicken Prof. Dr. H. Brugsch-Pascha, Aus dem Morgenlande, Leipzig (1894) S. 44..

Bei den Geisterbeschwörungen dieser Gnostiker war ein reiner, unschuldiger Knabe das Haupterfordernis. »Das Kind vertrat die Stelle des Mediums, und aus seinem Munde vernahm der Beschwörer, ob der gerufene Dämon oder die Dämonen zur Stelle waren, zugleich auch ihre Geneigtheit, die gestellten Fragen zu beantworten Brugsch, S. 48.

Wie es scheint, war es im dritten Jahrtausend vor Christus, daß in das von den Akkadern bewohnte nachherige Chaldäa sowie in die umliegenden Lande kuschitische Semiten einwanderten, von denen die Nationalität, die Sprache und die Religion der Akkader allmählich mehr und mehr zurückgedrängt wurden. In Chaldäa und Babylonien gestalteten sich so verschiedenartige Kulte, aus denen um das Jahr 2000 König Sargon I., der beide Reiche beherrschte, ein einheitliches Religionssystem herstellte, das nun in Chaldäa und Babylonien und hernach auch in Assyrien als Staatsreligion galt Lenormant, 157, S. 334.. Dieses System beruhte wesentlich auf der der syrischen und phönizischen verwandten Religion der Kuschiten. Daher begann jetzt die bis zur Zeit Alexanders des Großen dauernde Periode der »Chaldäer«, d. h. der Priesterkaste der chaldäisch-babyIonischen Staatsreligion, die, wie in Chaldäa und Babylonien, so auch im assyrischen Reich als Vertreter der Staatsreligion galt Lenormant, S. 422.. Die gelehrte Staatsreligion nahm nun allerdings in Chaldäa, Babylonien und Assyrien die alten akkadischen Beschwörungsformeln mit dem ihnen zugrunde liegenden Dämonismus in den Kanon ihrer heiligen Schriften auf, so jedoch, daß die darin angerufenen Geister in der Staatsreligion eine untergeordnete Stellung erhielten. Daher bestanden neben den Priestern der Staatsreligion besondere Körperschaften von Zauberpriestern fort, die als untergeordnete Schriftgelehrte die alte Magie ausübten und aufrecht erhielten Lenormant, S. 109.. Indem diese nun hierbei nach wie vor die alten akkadischen Formeln gebrauchten, so besaß in Chaldäa die Magie ihre eigene Sprache, die zwar vom dreizehnten Jahrhundert an nicht mehr verstanden, die aber gerade darum von dem assyrisch oder chaldäisch redenden Volke als mit einer besonderen, geheimnisvollen Macht ausgestattet angesehen wurde.

Hoch über diese Zauberpriester stellte sich nun die Genossenschaft von Priestern und Schriftgelehrten, die den Namen des ursprünglichen Volksstammes der »Chaldäer« mit einem gewissen Stolze von sich gebrauchte, indem sie als gelehrte Astronomen und Astrologen ursprünglich wenigstens mit Zauberei nichts zu tun haben wollten Lenormant, S. 422.. Sie betrachteten die Sterne nicht nur als die Lenker des Weltalls, sondern auch als die Verkünder aller Vorkommnisse, gaben sich daneben aber auch mit allerlei anderer Weissagerei ab.

Neben ihnen erhob sich jedoch etwa seit dem siebenten Jahrhundert in den in Rede stehenden Landen von Medien her eine ganz verwandte Erscheinung, der Magismus, so genannt nach dem medischen Stamme der Magier, der in Medien das ausschließliche Privilegium besaß, das Priesteramt auszuüben. Diese Magier waren keine Anhänger der von dem Zauberwesen und den Wahrsagerkünsten ursprünglich ganz freien Lehre des Zoroaster in Persien, sondern vielmehr ihre Gegner, weshalb sie, mit ihrem Sternenkultus und ihrer Weissagekunst anfangs auf Medien beschränkt, von den persischen Königen verfolgt wurden, bis es ihnen unter der Regierung des Xerxes gelang, auch am persischen Hofe sich einen immer mächtiger werdenden Einfluß zu verschaffen. Bald standen sie hier an der Spitze des gesamten Kultus Xenoph. Cyropaedie. VIII, 3, 6; VIII, 1, 8.-14. Sie bildeten jetzt die nächste, angesehenste Umgebung des Königs. Eben damals begannen aber die Chaldäer und Magier ganz ineinander überzugehen. Im Buche Daniel werden die Kaschedim neben anderen Klassen von Zauberern und Wahrsagern zugleich (Dan. 2, 4, 5, 10) als Repräsentanten der Magie und Mantik überhaupt erwähnt. Sie müssen also wohl als identisch mit den Magiern angesehen werden. Der Name Magier war eben längst ein gewöhnlicher Titel der chaldäischen Gelehrten geworden. Ihre astronomischen Beobachtungen und Traditionen reichten schon damals in das graueste Altertum hinauf, was schon daraus erhellt, daß Callisthenes bei der Einnahme Babylons durch Alexander dort auf Backsteintafeln astronomische Beobachtungen von 1903 Jahren vorfand, die er an Aristoteles einsandte Simplicii comment ad Arist. de coelo p. 123..

Auch in den nächstfolgenden Jahrhunderten finden wir die Bezeichnungen »Chaldäer« und »Magier«, im Abendlande namentlich, ganz synonym und beide in gleich ehrenvoller Weise gebraucht.

Das Ansehen dieser Chaldäer-Magier beruhte – abgesehen von der astronomischen und sonstigen wissenschaftlichen Bildung, die man ihnen zutraute – auf ihrer angeblichen Weissagekunst, die sie ganz in derselben Weise wie die alten Chaldäer ausübten. Hierbei diente ihnen alles mögliche als Mittel zur Erforschung der Zukunft Lenormant, S. 430-524.. Die Chaldäer und Magier weissagten nämlich nicht nur nach den Sternen, sondern auch mit Anwendung von Losen oder Pfeilen (Belomantie); sie beobachteten hierzu den Flug bestimmter Wahrsagevögel, untersuchten die Eingeweide, insbesondere die Leber von Opfertieren (Hepatoskopie), sie wahrsagten nach der Wolkenbildung, nach den Blitzstrahlen, nach dem Rauschen und den Bewegungen von Bäumen und Sträuchern, nach den Bewegungen und dem Verhalten gewisser Tiere (Schlangen, Hunde, Fliegen, Fische usw.), nach zufälligen Wahrnehmungen und Vorkommnissen (z. B. nach der Bewegung von Hausgeräten etc.), nach überraschend klingenden Worten, die man zufällig hörte, nach dem Vorkommen von Mißgeburten. So versprach z. B. die Geburt eines Kindes mit weißem Haare dem Landesfürsten hohes Alter. Ganz besonders den Träumen legten die Chaldäer und Magier prophetische Bedeutung bei.

In der römischen Kaiserzeit änderte sich jedoch der Gebrauch beider Bezeichnungen. Chaldäer und Magier galten im Morgen- wie im Abendlande als fahrende Gaukler, die für Geld wahrsagten und ihre Heilmittel anboten und sich bei Leichtgläubigen durch geheimnisvoll aussehende Operationen Ansehen zu verschaffen suchten. Die öffentliche Meinung betrachtete bald beide als Schwindler und Betrüger P. Scholz, Götzendienst und Zauberwesen bei den alten Hebräern und den benachbarten Völkern. Regensburg 1877, S. 87-89..

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