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Geschichte der Hexenprozesse. Band I

Wilhelm Gottlieb Soldan: Geschichte der Hexenprozesse. Band I - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
authorWilhelm Gottlieb Soldan
titleGeschichte der Hexenprozesse. Band I
publisherMüller & Kiepenheuer
editorMax Bauer
year1911
firstpub1843
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140309
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Elftes Kapitel. Die Kirche und das Gesetz im dreizehnten Jahrhundert

Im Laufe der Jahrhunderte hatten sich die religiösen Vorstellungen der abendländischen Christenheit unter der Leitung der Hierarchie allmählich vielfach, zum Teil von Grund aus, geändert. Namentlich war dieses bezüglich der kirchlichen Lehre vom Teufel und dessen Dämonen der Fall. Das eigentlich christliche Element, das die ursprüngliche Lehre der Kirche vom Satan charakterisiert hatte, war durch die Hierarchie aus ihr entfernt worden. Die evangelische Verkündigung der Väter und der Kirche in den ersten Jahrhunderten: »Unser Glaube ist der Sieg, der alle Teufel und Dämonen überwindet«, war zum Schweigen gebracht, und das Gebot des Kirchenvaters Hermas: »Ihr sollt den Teufel nicht fürchten« hatte die Hierarchie in das entgegengesetzte Gebot umgewandelt. Die alte Kirche war von dem Bewußtsein erfüllt gewesen, daß der Christ über Dämonen Gewalt habe und daß der Teufel vor ihm fliehen müsse; in der Kirche des Mittelalters dagegen ging der Glaube um, daß der Teufel und dessen Dämonen mit göttlicher Zulassung in allerlei Weise auch über den Christen Gewalt hätten, weshalb der Christ vor ihrer Tücke nirgends sicher wäre. – An Stelle der christlichen Lehre von dem Teufel und dessen Reich gewann daher allmählich der heidnische Dämonismus wieder Platz.

Hierdurch allein wurde es möglich, daß auf der Grundlage der Lehre vom Teufel die Lehre von der Zauberei und Hexerei, die in späteren Jahrhunderten die Völker des Abendlandes beherrschte und zerfleischte, erwachsen, und daß sie die Bedeutung und Ausdehnung gewinnen konnte, in der sie sich uns geschichtlich darstellt. Doch hat dabei die Stellung der Hierarchie zur Ketzerei wesentlich mitgewirkt.

Auf die bisherigen, in der öffentlichen Meinung der Kirche feststehenden Ketzergreuel war freilich der Name der Zauberei zur Bezeichnung des Ganzen noch nicht angewandt worden; nur Gerüchte von einzelnen Zauberübungen wurden im Gefolge der übrigen Beschuldigungen laut. Doch haben wir uns, indem wir die progressive Ausbildung der Ketzermärchen schrittweise begleiteten, zu einem Punkte hingeführt gesehen, von dem aus es nicht mehr als ein Sprung erscheinen darf, wenn zu jenen Greueln jetzt auch noch der Vorwurf verderblicher Zauberkünste als wesentliches und sogar überwiegendes Moment in der Weise hinzutritt, daß er dem aus dieser Vermischung entstehendem Ganzen den Namen gibt, und daß unter der generalisierten Benennung der Zauberei jene Ketzerlaster hinfort in der Regel als mitinbegriffen verstanden werden.

Vernehmen wir zuvörderst, wie der Dominikaner Nikolaus Jaquier († 1472) 1458 die Ketzereien seiner Zeit charakterisiert Flagellum haereticorum fascinariorum, Hansen, Quellen, S. 134 ff.!

Er berichtet von einer neu entstandenen Sekte, die an Verruchtheit alle bisherigen Ketzer weit überbiete; bei ihr gehe alles aus bösem Willen, nichts aus Irrtum hervor. Sie versammeln sich an bestimmten Tagen zu einem Teufelskulte (synagoga diabolica), wo man den Bösen in Bocksgestalt anbete und Unzucht mit ihm treibe. Ihr Hauptbestreben sei, im Dienste des Teufels den katholischen Glauben anzufeinden, weil dieser allein selig mache. Darum werde zwar von dem aufzunehmenden Juden und Mohammedaner die Verleugnung des väterlichen Glaubens nicht gefordert, der Christ dagegen müsse, wie er einst bei der Taufe dem Teufel entsagt, nun Gott und seinem Dienste absagen, das Kreuz anspeien und treten, Abendmahl und Weihwasser lästern, dem Teufel durch Kuß und Kniebeugen Ehre erweisen, ihn als Herrn erkennen und nach bestem Vermögen mit Opfern bedenken.

Bis hierher hat sich Jaquier noch nicht von Bekanntem entfernt; nun fügt er aber hinzu, daß diese Ketzer in ihren Teufelssynagogen vom Satan allerlei Zaubermittel empfangen und sich verpflichten, durch diese ihren Mitmenschen in jeder Weise zu schaden, indem sie Krankheiten, Wahnsinn, Sterben unter Menschen und Tieren, männliches Unvermögen und weibliche Unfruchtbarkeit, Verderben der Saaten und anderer zeitlichen Güter hervorrufen. Diejenigen Menschen nun, die sich zu dem beschriebenen Kultus bekennen, bilden nach Jaquier die Ketzer- und Zaubersekte (secta et haeresis maleficorum fascinariorum). Auch in den angeführten magischen Wirkungen ist, wie man sieht, nichts Neues; eine geschlossene Zaubersekte aber mit festbestimmtem Kult und Streben war den früheren Zeiten ein ebenso undenkbares Ding, wie eine Häresis der Mörder, Diebe und Brunnenvergifter. Auch ist sich Jaquier dessen wohl bewußt; die Zauberketzer sind, wie er selbst bemerkt, erst in neueren Zeiten (modernis temporibus) entstanden. Gewinnen wir für diese wichtige allgemeine Zeitangabe eine nähere Bestimmung durch den Inquisitor Bernhard von Como Bernard. Comens., Tractat. de Strigibus. Hansen, Quellen, S. 34, 279 ff. († 1510), der die Sekte der Hexen (secta strigarum) – was mit obiger Bezeichnung gleichbedeutend ist – aus der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts datieren läßt, so ist hiermit im allgemeinen die Epoche bezeichnet, in der zuerst aus Ketzerei und Zauberkünsten jenes eingebildete Monstrum zusammengesetzt worden ist, dem mehr als vierhundert Jahre hindurch so viel unschuldiges Blut geopfert wurde.

siehe Bildunterschrift

Albertus Magnus. Holzschnitt aus »Secreta Mulierum«
(Köln, um 1480)

Das traurige Verdienst, das Ketzer- und Zauberwesen zu dem Ganzen der Hexerei theoretisch vereinigt und die Hexenprozesse der neueren Zeit in Gang gebracht zu haben, gebührt den Inquisitoren und ihren gelehrten Schildträgern. Um diesen Satz in helleres Licht zu stellen, werden wir zuvor auf das Verhältnis der Magie zu der öffentlichen Meinung und dem Strafgesetze in der den Hexenprozessen zunächst vorangehenden Zeit einen Blick werfen, um sodann aus der eigentümlichen Lage der Inquisitoren die Ursachen zu entwickeln, die so Verderbliches zur Erscheinung gebracht haben.

Die Kreuzzüge haben der christlichen Welt unter anderen auch den wesentlichen Dienst erwiesen, daß sie sie der arabischen Bildung näher brachten. Um die Wette sieht man Deutsche, Franzosen und Engländer zu den Schulen von Toledo und Cordova wallfahrten und bereichert an mathematischen, physikalischen, mechanischen, chemischen und medizinischen Kenntnissen heimkehren. An die Namen eines Roger Bacon, Albert von Bollstädt, gewöhnlich Albertus Magnus genannt, Raimund Lullus, Peter von Apono, Arnold von Villeneuve u. a. knüpfen sich dankbare Erinnerungen in dieser Beziehung. Die bequemeren arabischen Zahlzeichen kamen jetzt in allgemeineren Gebrauch, gleichzeitig bemächtigte sich die Scholastik durch Alexander von Hales der Arbeiten der Araber über den noch kurz vorher zum Feuer verurteilten Aristoteles, und Friedrich II. verbreitete die Schriften dieses Philosophen nach Übersetzungen aus dem Arabischen. Wenn sogar der Dominikaner Raimond von Pennaforte das Studium der arabischen Literatur empfehlen konnte und die Synode zu Vienne; wo Clemens V. den Templerorden verdammte, Lehrstühle für sie zu errichten beschloß, so geht daraus hervor, daß man selbst von Seiten der Kirche die Notwendigkeit der Sache tief genug fühlte, um sie nicht aus dem einseitigen Grunde zu verdammen, weil sie gerade von den Ungläubigen stammte.

Aber mit dieser Ausbeutung des Orientalischen war das doppelte Übel verbunden, daß nicht nur die Gelehrten selbst mit dem Guten auch mannigfache Verirrungen herüberbrachten, sondern daß auch das Richtige, das sie gaben, bei der Menge vielfältiger Mißdeutung unterlag. So heftete sich an die Fortschritte einer erleuchteteren Medizin die Verbreitung der Astrologie. Die Chemie, so verdient um die Pharmakologie, konnte sich nicht losringen von dem alchimistischen Anstriche, den ihr schon Dschaffar gegeben hatte; man war überzeugt von der Möglichkeit der Metallverwandlung und der Gewinnung eines lebensverlängernden Elixirs oder einer Panazee, die einige schon in einer Goldauflösung u.dgl. gefunden zu haben wähnten.

Aber auf der andern Seite, welche imponierenden Tatsachen hatte nicht die Wissenschaft jener Zeit in Wirklichkeit dem Volke entgegenzuhalten! Wenn die fortgeschrittene Pharmakologie Wunden heilte, wo der Grabesvorhang des heiligen Martin vergebens aufgelegt worden war, war dies nicht schon ein halber Beweis für den Satz von der Lebenstinktur? Wenn Bacon (1214-1294) kühn die Ahnung aussprach, daß auch ein schwererer Körper unter gewissen Bedingungen sich in die Luft zu erheben vermöge, schien er damit nicht sagen zu wollen, daß er dies mit seinem eigenen Leibe könne, wie einst, der verbreiteten Sage zufolge, der Magier Simon zu Rom getan? Und wenn Bacon vollends von einer chemischen Mischung Donner und Blitz, die Vernichtung eines Heeres und die Zerstörung einer Stadt verspricht, tut dann der Unkundige zuviel, wenn er an die furchtbarste Entladung eines landverheerenden Gewitters denkt? Der Gedanke an magische Künste mußte hier um so eher kommen, als die Gelehrten sehr oft nur mit den Wirkungen prunkten und die Mittel dazu in unverständliche Formeln hüllten. Man nehme z. B. das Rezept zu Bacons explodierender Substanz J. Dumas, Die Philosophie der Chemie. Übersetzt von Rammelsberg. Erste Vorlesung S. 17., oder dasjenige, worin Raimund Lullus (1235-1315) Anweisung gibt, wie man aus dem Merkur der Weisen in verschiedenen Durchgängen grüne und rote Löwen, kimmerische Schatten, einen Drachen, der seinen Schweif verschlingt, und endlich brennendes Wasser und menschliches Blut gewinnen soll, womit, nach Dumas, nichts anderes als die Gewinnung des Brenzessiggeistes aus Blei dargestellt ist Dumas a. a. O. S. 26. Brambach, Des Raimundus Lullus Leben und Werke in Bildern des 14. Jahrhunderts. Karlsruhe 1893.! Die arithmetischen Tabellen, die mit ihren wenigen krausen, ausländischen Zeichen auf die schwierigsten Fragen augenblickliche Antwort gaben, waren schon ihrer Natur nach für die Menge ein unauflösliches Rätsel. Hieran heftete sich nun das vergrößernde Gerücht. Gerberts metallener Kopf, der vorgelegte Fragen beantwortet, im zwölften Jahrhundert zuerst erwähnt Guil. Malmesb. II. p. 67. Johann von Salisbury, Policrat. I. 11., wiederholt sich dann bei Roger Bacon und wird bei Albert dem Großen gar zu einem vollständigen Menschen, der das Verborgenste enthüllt, um später im Prozesse der Templer wieder zum redenden Kopfe herabzusteigen. Arnold von Villeneuve bildet bei Mariana gleichfalls einen Menschen auf künstliche Weise. Peter von Apono, weil er in den sieben freien Künsten so sehr bewandert war, muß sieben Familiargeister in einer Flasche aufbewahren. Gerberts Rechentisch, den er den Sarazenen gestohlen haben sollte, mußte jetzt Belehrungen über die Bedeutung des Singens und Fliegens der Vögel und über die Heraufbeschwörung der Schatten aus der Unterwelt enthalten Guil. Malmesbur, II. p. 64. Vgl. Vicent Bellovac. Spec. hist. XXIV. 98.. Ja, von Artephius, der im zwölften Jahrhundert gestorben war, wollte man wissen, daß er mit Apollonius von Tyana eine Person gewesen sei und folglich durch geheime Künste über tausend Jahre sein Leben hingehalten habe.

So warf sich auf diese Männer selbst und ihr Treiben ein Schein des Wunderbaren, Übermenschlichen, und es fragte sich nur, ob ihre Wirkungen von Gott oder vom Teufel stammten; denn daß sie die Frucht des eigenen Nachdenkens und der Naturbeobachtung sein könnten, fiel nur wenigen ein. Auch Thomas von Aquino glaubte entschieden an die Wirklichkeit der Magie. Was er mit Eifer gegen ihre Erlaubtheit vorbringt, ist zum Teil so subtil, daß es von manchen Verehrern der geheimen Wissenschaften zu ihren Gunsten umgedreht wurde. Für den Teufel, von dem das Jahrhundert voll war, entschied man sich immer am liebsten, und jedenfalls dann, wenn der Inhaber jener Geheimnisse zugleich auch einige Selbständigkeit in Religionssachen mitgebracht hatte und es sich herausnahm, dem Pfaffentum und der Orthodoxie entgegenzutreten, wie Roger Bacon, Peter von Apono und Arnold von Villeneuve. Zu milderem Urteil war man geneigt, wo etwa scholastische Verdienste um die Stützung des Dogmas vorlagen, wie bei Albert d. G., oder ein Bekehrungseifer wie bei Raimund Lullus. Wußte man ja von Albert, dem großen Lehrer des noch größeren Thomas, daß die heilige Jungfrau ihm die Gnade verliehen hatte, alle Wissenschaft der Philosophen zu erlernen, ohne am wahren Glauben Schaden zu nehmen, und daß er überdies fünf Jahre vor seinem Ende seine ganze Weisheit freiwillig wiedervergessen hatte, um eines christlichen Todes desto sicherer zu sein. Seine Magie ward darum auch für eine natürliche erklärt, wie er selbst diese Bezeichnung schon gebrauchte S. Trithem. Chron. Hirsaug. T. I. p. 593 cf. T. II. p. 40..

Das Beispiel reizte zur Nachahmung. Viele wären gerne im Besitz der Künste gewesen, die man an Albertus und anderen pries; was diese auf dem von der Menge ungeahnten Wege der Forschung erreicht hatten, erstrebte man auf dem Wege abergläubischer Gebräuche; man suchte die alten theurgischen Übungen hervor, mischte sie mit dem Zeremoniell, mit dem die Priester seit Jahrhunderten Geister gebannt und anderen Unfug getrieben hatten, und gedachte hiermit zur Herrschaft über die Geister und die von diesen repräsentierten Naturkräfte sich zu erheben. So kam dasjenige in Gang, was man weiße Magie oder weiße Kunst nannte. Trotz ihrer steten Bemühung, sich einen christlichen Anstrich zu geben, und trotzdem sie sich längere Zeit auf einzelnen Universitäten, namentlich zu Salamanka und Krakau eines gewissen Rufes erfreute, hat es indessen dieser weißen Magie in ihren verschiedenen Erscheinungen als Theurgie, Theosophie, Rosenkreuzerei usw. niemals recht gelingen wollen, von der Kirche anerkannt zu werden. Ein Bezwingen der Dämonen kann nach Thomas von Aquino Quaest. disp. VI. de mirac. art. 4. nur durch die Kraft Gottes geschehen, und wo dies geschieht, da ist überhaupt keine Magie, sondern eine Wirkung der göttlichen Gnade vorhanden. Hiernach sei, fährt Thomas fort, dem König Salomo, den man so gerne zum Erzvater der weißen Magie machte, entweder alle Magie abzusprechen, sofern man von seinen Geisterbezwingungen aus derjenigen Zeit rede, wo er im Stande des Heils war, oder er habe gleich jedem andern durch die Kraft des Teufels gewirkt, sofern er zur Zeit seines Götzendienstes Übernatürliches getan. Dies stimmt mit Augustins Ansicht überein, der zwischen Goetie und Theurgie nur in der Benennung einen Unterschied findet.

Der Name der weißen Magie ist übrigens jünger als der der schwarzen, der ihn erst als Gegensatz hervorrief. Der letztere entstand durch die Korrumpierung des Wortes Nekromantie in Nigromantie (nigromantia). Unter Nekromantie verstand man bereits zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts nicht mehr die bloße Totenbefragung, sondern böse Zauberkünste überhaupt. Noch in demselben Jahrhundert kommt die Nigromantie in gleicher Bedeutung vor. Wer diese Wortform zuerst gebraucht hat, ist uns unbekannt. Schon Vincentius von Beauvais bedient sich ihrer (Spec. nat. II. 109), ebenso Ottokar von Horneck in seiner Erzählung vom Pseudo-Friedrich:

Ettleich jahen zu dem mal
Er war ein Aeffer gewesen
Und hiet die Puch gelesen
Von Nigramanczey,
(Man gicht, daz die Chunst sei
Also gemachet und gestalt,
Wer jr hat Gewalt,
Der peget mit Zawber und tut
Darnach ym stet sein Mut)
Die Chunst chund er von dem Puch
Und hiez dieser Mann Holzschuch.

Als Grundlage aller nicht von Gott ausgehenden Weissagung betrachtet diese Zeit schon ein Bündnis mit dem Teufel, das entweder ausdrücklich oder stillschweigend eingegangen wird. Man berief sich deshalb auf Jesaias XXVIII. 15: Percussimus foedus cum morte et cum inferno fecimus pactum Vincent Bellovac. Spec. moral. Lib. II. Dist. 17. part. 3. Torreblanca Daemonolog. II. 6.. Vincentius setzt für das, was er Nigromantie nennt, das ausdrückliche Pactum voraus.

Das Land, wo die Weisen des Jahrhunderts ihr Wissen holten, galt jetzt als Hauptsitz der Zauberei Roger Bacon. Opus majus, ed. Jebb, p. 253 ff. Jacob. de Vitriaco. Hist. Hirosol. 73.. Bayerische und schwäbische Jünglinge studieren, sagt Cäsarius von Heisterbach, zu Toledo die nekromantische Kunst. Ein Magister aus Toledo muß die von Konrad von Marburg verfolgten Teufelsgreuel verbreitet haben. Was aber aus Spanien nur dunkel und bruchstückweise verlautete, ergänzte sich die Neugierde aus der zugänglicheren römischen Literatur. Virgil, Apulejus und Petronius, letzterer der Liebling der Klöster, konnten hier aushelfen. Hier gab es Luftfahrten, Tierverwandlungen, Donner und Blitz. In dem Zauberer Virgilius stellt schon Gervasius einen Tausendkünstler dar, der dem späteren, von der Sage vergrößerten Albertus kaum etwas nachgibt Vincent. Bellov. Spec. hist. VI. 61 nach Helinand.. An Bacons Flugkünste ketteten sich die Nachtweiber mit ihren Tier- und Stockritten und gewannen in den Lamien und Strigen eine bestimmtere Gestalt, während sie zugleich die Zaubersalbe der Pamphile bei Apulejus beibehielten. Sein Rezept für Donner und Blitz rief die alten Tempestarier ins Gedächtnis; und wenn schon einst die Synode von Braga (563) den Glauben an das Gewittermachen des Teufels für ketzerisch erklärt hatte, so weiß doch die Scholastik die Klippen des Manichäismus geschickt zu umschiffen, indem sie den Teufel auf künstlichem, nicht auf natürlichem Wege diese Erscheinungen herbeiführen läßt.

siehe Bildunterschrift

Liebeszauber
Flandrisches Gemälde aus dem 15. Jahrhundert

In den Malefizien gegen Personen hielt sich die nächste Folgezeit ebenfalls vorzugsweise an römische Muster. Bezauberung durch das böse Auge, geschmolzene Wachs- und Bleibilder, magische Ringe, Stricke, Haare und Nägel von Gehängten, Erde von Begräbnisplätzen, Turteltaubenblut, Kräuterabsude und ähnliches kommt in Akten aus der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts vielfältig vor und mag zum Teil schon vorher praktisch versucht worden sein. Den Haß Philipp Augusts gegen seine verstoßene Gemahlin Ingeburg leitet schon Vincentius von einer Bezauberung her Spec. natural. XXXIII. 96. S. auch Rigordus de reb. gestis Phil. August, bei Duchesne T. I. p. 37.; der Glaube an die Möglichkeit einer solchen hatte bereits in Gratians Dekret eine Autorität gefunden.

Längst war nämlich die Einwirkung auf die Leidenschaften des Menschen, die Erregung unüberwindlichen Abscheus oder der leidenschaftlichsten Liebe gerade in solchen Lebensverhältnissen, wo die Natur und das Gebot Gottes den entgegengesetzten Affekt forderten, als eine der gewöhnlichsten Übeltaten der Zauberer allgemein anerkannt. Nicht selten sollte ein boshaftes Weib ein irdisches Feuer in der Brust eines Mönches entzündet und ihn zu Falle gebracht haben. Auch nahm der Böse wohl bei seinen Bewerbungen die Gestalt eines angesehenen Geistlichen an, dessen Ruf der Heiligkeit er dadurch für immer zerstört. Daneben machten sich Zauberer und Zauberinnen ein besonderes Geschäft daraus, Neuvermählte an ihrer geschlechtlichen Vereinigung zu hindern. Eine ganze Reihe von Synoden und Konzilien hat alle Urheber einer solchen Untat mit dem Banne bedroht Hartpole Lecky S. 61.!

Die Furcht vor den geheimen Malefizien der Werkzeuge Satans, die sich der Gemüter bemächtigte, wurde noch durch den (z. B. auch von Thomas v. Aquino bestätigten) weit verbreiteten Wahn gesteigert, daß die Dämonen die Körper ihrer Werkzeuge verändern könnten, worauf namentlich der Glaube an die Lykanthropie – der Verwandlung der Hexen in Wölfe beruhte Hartpole Lecky, S. 58-59..

Auf diese Weise hatte sich im dreizehnten Jahrhundert vieles vereinigt, um zahlreiche einzelne Vorstellungen von magischem Wesen in Umlauf zu bringen, die sich mehr und mehr im tiefsten Schwarz zusammenzogen und den Begriff der Hexerei und der Hexe zum Abschluß bringen sollten. Die Schriftsteller verunstalteten ihre Werke mit den aberwitzigsten Geschichtchen, und mancher betrogene Bösewicht mag in jener Zeit den wirklichen Versuch gemacht haben, durch die ihm angepriesenen Zauberkünste seine Feinde zu verderben oder sich selbst emporzuschwingen; wenigstens finden sich dergleichen Klagen bald nachher selbst am päpstlichen Hofe zu Avignon. Noch aber ist die Sache nicht zur Festigkeit gelangt; obgleich man das Paktum mit dem Teufel kennt, so bildet es doch noch nicht den gemeinschaftlichen Mittelpunkt zu einem Ganzen verbundener Zaubergreuel wie im späteren Hexenwesen. Der Zauberer des dreizehnten Jahrhunderts treibt das eine oder das andere; er ist noch weit mehr Gelehrter, den der Bund mit dem Satan des Studiums nicht überhebt; die spätere Hexe erhält ihr ganzes Können durch den Bund mit einem Male; jener steht für sich, diese ist nur Glied einer großen Gesellschaft.

Wie übrigens der Glaube an die nachtfahrenden Strigen schon in Synodalbeschlüssen und fränkischen Kapitularien als ein unchristlicher und sündhafter erklärt worden war, so fand er auch jetzt noch Widerspruch, wo man ihn aus den Schriften der Römer hervorzusuchen anfing. Merkwürdig ist in dieser Beziehung eine Stelle, die Grimm aus einer Wiener Handschrift des Striker oder eines von dessen Zeitgenossen mitgeteilt hat Deutsche Mythologie S. 589..

So erklärt auch Vincentius diese Nachtflüge für eine Täuschung, die der Mensch im Traume erleide Spec. moral. lib. II. dist. 17. part. 3.; ebenso der Roman de la Rose.

Indessen konnte doch über das Maß des Sündhaften in der Beschäftigung mit der Magie jene Zeit noch keine feste Ansicht haben, eben weil sie über die Wirklichkeit und Natur jener Künste noch nicht im klaren war. Im ganzen ließ man den guten oder schlimmen Gebrauch den Ausschlag geben, und selbst die so arg gebrandmarkte Nekromantie unterlag in geeigneten Fällen einer milderen Beurteilung. Zwar fahren bei Cäsarius und seinen Zeitgenossen die Seelen der verstorbenen Nekromanten zum Teufel; aber das hatten sie nicht nur mit den Seelen anderer Sünder und selbst mit leblosen Gegenständen gemein. Ein Mensch, dem ein Stiefel nicht angehen will, wünscht, daß diesen der Teufel holen möge; sogleich fliegt der Stiefel durch die Luft fort Vincent, Bell. Spec. mor. Lib. III. Dist. 8. part. 5.. Man hat sogar Seelen aus der Hölle zurückkehren und Zisterzienseräbte werden sehen. Erinnern wir uns weiter, wie bei Cäsarius ein Nekromant als gläubiger Katholik vor dem Bilde der Jungfrau für die Seele seines verstorbenen Gefährten Psalmen liest, und wie selbst der Bischof von Besançon durch einen nekromantischen Priester unter Zusicherung des Sündenerlasses zwei Ketzerhäupter entlarven läßt. Thomas von Aquino gestattet schließlich sogar den Besitz magischer Kenntnisse als unsündlich, sofern man sie nicht zur Ausübung, sondern zur Widerlegung der Magie anwenden will Quodlib. IV. Qu. 9.. Hieraus geht hervor, daß Thomas, obgleich auch er im allgemeinen einen Teufelsbund kennt Ad. Jesai. XXVIII. 15., ihn dennoch zur Erwerbung magischer Kenntnisse nicht unbedingt notwendig hält.

Was die kirchlichen Strafmaßregeln gegen Zauberübungen betrifft, so finden sich zurzeit noch keine Abweichungen von den früheren Disziplinarbestimmungen, da als eigentlich kirchliches Strafmittel noch immer die Exkommunikation gilt; wohl aber entschließt sich das bürgerliche Gesetz in Deutschland zu einer Neuerung. Der Sachsenspiegel sagt: »Swelk kerstenman [oder wif] ungelovich is unde mit tovere ummegat, oder mit vorgiftnisse [unde des verwunnen wirt], den sal men upper hort bernen Artikel XIII. Herausgegeb. von Curt Müller, Leipzig (Reclam) S. 70..« Eine Neuerung nennen wir dies, weil vor dem Sachsenspiegel in Sachsen keine Spur einer gesetzlichen Verbrennung der Zauberer gefunden wird, und besorgen hierbei nicht den Einwurf, daß diese Sammlung nur Altüberliefertes aufgenommen habe. Nicht um das, was einst gegolten hatte, sondern um dasjenige, was galt oder gelten sollte, hatte sich der Sammler für praktische Zwecke zu kümmern, und sein Werk trägt in der Tat das Gepräge des Neuaufgenommenen auch sonst noch, z. B. in seinen Sympathien für die römisch-hierarchischen Grundsätze von den zwei Schwertern, die den alten Sachsen vollkommen fremd waren. In der Zeit, wo der Sachsenspiegel entstand, fing eben der Teufel überall wieder zu spuken an. Damals gerade erzählte Cäsarius seine Geschichten von den Homagien, unterhielt Gervasius den Sachsenkaiser Otto mit seinen Werwölfen und Weibern in Katzengestalt und galt Philipp August für behext. Besonders aber ist zu beachten, was jene Zeit von den Magistern aus Toledo, den bleichen Männern, bei deren Kusse der Glaube aus dem Herzen weicht, und der Betreibung nekromantischer Studien in den mohammedanischen Ländern fabelte. Eine solche Zeit konnte auch wohl ein Gesetz, wie das erwähnte ist, entstehen sehen. Für den späteren Begriff der Hexerei zeigt sich übrigens hier noch keine Spur gesetzlicher Anerkennung.

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Teufel nehmen eines Menschen Leib
Geiler von Kaisersberg Emeis. Straßburg 1517

Der Schwabenspiegel hat das besprochene Gesetz fast mit denselben Worten, in seinen späteren Redaktionen jedoch mit manchen Erweiterungen und mit deutlicher Hereinziehung des Homagiums, aufgenommen Der Schwabenspiegel, herausgegeben von Dr. H. G. Gengler, Erlangen 1875. Kap. CCCIX, S. 230, und Kap. CXLV1II, § 12, S. 128..

Auf demselben Standpunkte halten sich die seitdem aufgestellten sächsischen Stadtrechte von Hamburg, Lübeck, Bremen, Riga, Stade, Verden. Das Hamburger Stadtrecht von 1270 z. B. bestimmt (XII. 6): »So welck Kersten Man offte wyff, de ungelovich ist, offte mit Toveryn ummegeit, offte mit Vergiftenisse vnde mit der verschen Daet begrepen werd, de schall me vpe der Hord bernen, vnde so schall man ock don enen vorreder.« Um also auf die Strafe des Scheiterhaufens erkennen zu können, war erforderlich: 1. daß der Verbrecher oder die Verbrecherin sich zum Christentum bekannte, 2. daß die Person ungläubig war, 3. daß sie mit Zauberei oder Vergiftung umging und 4. daß sie auf frischer Tat ergriffen worden war C. Trummer, Vorträge über Tortur, Hexenverfolgungen, Vehmgerichte und andere merkwürdige Erscheinungen in der Hamburgischen Rechtsgeschichte, Hamburg, 1844, S. 102 ff.. Durch diese letztere Bestimmung unterschied sich aber das Hamburger Stadtrecht von dem Sachsenspiegel und den mit ihm übereinstimmenden Stadtrechten. Während diese nur wollen, daß der Täter »des verwunden wird« und dadurch der späteren Anwendung der Tortur Raum schafften, wird dort das richterliche Verfahren auf den Fall der Handhaftigkeit beschränkt.

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