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Geschichte der Hexenprozesse. Band I

Wilhelm Gottlieb Soldan: Geschichte der Hexenprozesse. Band I - Kapitel 13
Quellenangabe
typetractate
authorWilhelm Gottlieb Soldan
titleGeschichte der Hexenprozesse. Band I
publisherMüller & Kiepenheuer
editorMax Bauer
year1911
firstpub1843
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140309
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Neuntes Kapitel. Der Teufelsbund

Es kann dem Leser nicht entgangen sein, daß bei einigen der zuletzt besprochenen Sekten zu den alten Ketzergreueln ein neuer hinzugekommen ist, nämlich die dem Satan persönlich und förmlich dargebrachte Huldigung. Verträge mit der Geisterwelt waren schon dem römischen Altertum nicht ganz unbekannt. Lucanus berichtet im 6. Buch seiner Pharsalia von einem durch Pakte vermittelten Verkehr mit den Göttern. Die Idee eines Paktums und Homagiums war auch in der Versuchungsgeschichte Jesu ausgesprochen. »Dieses alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest«, hierin liegt das Paktum, sofern die Leistungen beiderseitig sind, das Homagium, sofern die Hoheit des Teufels anerkannt werden soll. Die Heiligenlegende bildete dieses vielfältig nach; ihre Helden triumphierten, wie der Heiland. Nun mußte aber auch ein Unterliegen gedacht werden können; ja, in dem Schwachen, dessen höchstes Ziel das Glück dieser Erde war, konnte der Wunsch nach einer solchen Versuchung und die Geneigtheit, ihr zu unterliegen, im voraus vorhanden sein. Diesen Fall veranschaulichen die Geschichte vom heiligen Basilius, Bischof von Cäsarea (370-379), in der ein Sklave Christus abschwört, um die Liebe der Tochter eines Senators zu erlangen, was ihm mit Teufelshilfe auch gelingt, und die Legende des Vicedominus Theophilus in Cilicien, für deren Glaubwürdigkeit der Patriarch Eutychius als Augenzeuge einstehen muß. Allgemein geschätzt und selbst des Bischofsstabes für würdig geachtet, verlor Theophilus unter Justinian I. um niedriger Verleumdung willen sein Amt als Ökonomus der Kirche zu Ada und ließ sich in der Verzweiflung von einem jüdischen Zauberer verführen, einen förmlichen Vertrag mit dem Teufel einzugehen. Für das Versprechen seiner Wiedereinsetzung sagte er sich von Christus und den Heiligen los und gab sich dem sichtbar erscheinenden Teufel durch eine Handschrift zu eigen. Nur nach aufrichtiger Zerknirschung und langwieriger Buße gelang es ihm später, seine Verschreibung durch die Fürsprache der heiligen Jungfrau wieder zu erhalten und sich mit Gott auszusöhnen. Diese Theophilussage erscheint nun mit verschiedenen Ausschmückungen im Abendlande bei Roswitha von Gandersheim Die Dramen der Roswitha von Gandersheim. Übers. von Ottamor Piltz, Lpzg. S. 13. Golther, Gesch. der deutschen Literatur. (Kürschners Nat. Literatur 163. Bd.) 1. Bd. S. 410. Hansen 168. dem Kardinal Damiani, Sigebert von Gemblours, Vincentius von Beauvais und vielen andern. Einmal von den Mönchen aufgenommen, mußte der Glaube an die Teufelsbündnisse bald genug auch unter dem Volke sein Hansen, S. 169.. Cäsarius und Vinzenz von Beauvais brachten die ersten Berichte von solchen wirklich zustande gekommenen Teufelspakten, und bald teilten päpstliche Geschichtsschreiber selbst (Martin der Pole u. a.) mit, daß wirklich ein Papst, Silvester II. (999-1003) – der als Mönch Gerbert etwas mehr gelernt hatte als die meisten anderen seiner Zeit – durch einen mit dem Satan abgeschlossenen Bund auf den Stuhl Petri gekommen sei »Der Papst und das Konzil von Janus«, Leipzig 1869, S. 271 ff.! Doch beschränkte sich der Glaube an die Teufelsbündnisse zunächst auf das Verhältnis der Zauberer zum Teufel, deren Gemeinschaft mit ihm schon von Augustin mit einem Bündnisse verglichen worden war.

Hierzu trat aber Entsprechendes aus dem Ketzerwesen. Die Ketzer waren bereits von den Kirchenvätern als Werkzeuge, Kinder, Diener oder Krieger des Satans betrachtet worden; den Manichäern und den von diesen abgeleiteten Parteien hatte man sogar eine Verehrung des bösen Prinzips vorgeworfen. Das Christentum kennt einen alten und einen Bund Gottes mit den Menschen und heilige Mysterien dieses Bundes; es schien daher nahe zu liegen, auch dem Teufel einen solchen mit den Ketzern unter bestimmten Formen zuzuweisen. Doch bildete sich das alles nur langsam aus. Bei Tertullian findet sich von dem Gedanken des Teufelsbundes eine erste Spur De praescript. haeret. Cap. 40., indem er vom Teufel sagt, daß er beim Götzendienste die Sakramente nachahme, seine Gläubigen und Getreuen taufe und seine Krieger auf der Stirne zeichne. Bei den Messalianern läßt man die persönliche Dahingebung an die sichtbaren Dämonen schon deutlicher hervortreten. Der förmliche Akt der Huldigung kommt jedoch erst im Abendlande zum Abschlusse.

In der Tat hatte die abendländische Ketzerei eine so feindliche Stellung gegen die römische Kirche eingenommen, daß sie alles bisher Erlebte zu überbieten schien. Schon der heilige Bernhard findet zwischen den alten und neuen Ketzern den Unterschied, daß diese nicht, wie jene, einen menschlichen Stifter haben, sondern von unmittelbarer satanischer Eingebung herrühren; ja schon vorher hatte die Sage die Abtrünnigkeit der Chorherren zu Orleans von der Wirkung eines eingenommenen Pulvers abgeleitet. Nun aber ist sicher, daß einige jener Sekten, namentlich die Katharer, eine bestimmte Feierlichkeit hatten, in der der Übertretende sich von dem Verbande der römischen Kirche lossagte. Diese Lossagung vom Papsttum aber und die Verwerfung der Wassertaufe erschien den Katholiken als Lossagung vom Christentum und von Gott, als das diabolische Gegenstück zur abrenunciatio diaboli. Inquisitoren wußten bald das ausdrückliche Geständnis zu erpressen, daß der Aufzunehmende Christum verleugnen müsse Hist. de Languedoc, Tom IV. Preuves pag. 118..

In den Katharern des Mittelalters wollte man die alten Manichäer wieder erkennen; von dem diesen zugeschriebenen Glauben an zwei Grundwesen bedurfte es nur eines kleinen Schrittes, um auch eine Anbetung des Bösen zu folgern. Dieser Anbetung lieh man nun die Form des skandalösen Kusses, der offenbar nichts anders ist, als eine Verdrehung des Bruderkusses bei der Adoration. Die alten Heiden ließen die Urchristen die Genitalien ihrer Priester verehren M. Conrat, Die Christenverfolgungen im römischen Reich vom Standpunkt des Juristen, 1897. 29 ff.; die Ketzermacher des Mittelalters lassen ihre Mitchristen dem Teufel selbst den obszönsten Körperteil küssen. Jene erdichteten nur eine Unfläterei, diese legten in die Unfläterei noch die abscheulichste Sünde; denn der Kuß ist das Zeichen des Homagiums, nach ihm und durch ihn ist der Ketzer der Mann oder Vasall (homo) des Teufels. Der erste, der von diesem Kusse erzählt, ist angeblich Alanus von Ryssel, der ihn den Katharern aufbürdet. Über die Bedeutung des Aktes spricht sich deutlicher die Anklage gegen den Bischof von Coventry (1303) aus, quod diabolo homagium fecerat et cum fuerit osculatus in tergo.

Tiergestalten und andere abenteuerliche Formen hatte man schon in früher Zeit den erscheinenden Dämonen beigelegt; bei Jamblich treten sie als Löwen, Säcke und Geschirre auf, bei Basilius d. H. fallen sie als Katzen, Hunde und Wiesel die Menschen an. In den Ketzerorgien begegnen wir den Dämonen zuerst bei den Messalianern, dann bei den Chorherren von Orleans, wo der Graf Arefast weiß, daß sie allerlei Tiergestalten annehmen. Daß Alanus bei den Katharern gerade die Katzengestalt wählt, geschieht offenbar nur, um ihren Namen von catus ableiten zu können. Dieser etymologische Einfall machte indessen das Glück des Katers, den wir gleich darauf auch in der Bulle von 1233, im vierzehnten Jahrhundert in dem Prozesse der Templer und noch öfter wiederfinden Vincentius (Spec. hist. XXX. 76). (Gesta Trevirorum, ed. Wyttenbach et Müller, Tom. I, cap. 104.) Mones Anzeiger 1839, S. 127. Gmelin, Schuld oder Unschuld des Templerordens, Stuttg. 1893. S. 67 u. a. a. O.. Noch im siebenzehnten Jahrhundert leitet der Jesuit Gretser die Namen Katharer und Ketzer von Kater und Katze ab. Statt des Katers erschien, aber anderwärts auch ein Frosch, eine Kröte, ein Hund, ein Bock, ein blasser Mann oder die unzweideutige Gestalt des Satans selbst, um die Huldigung zu empfangen.

siehe Bildunterschrift

Versuchung des hl. Antonius (Dämonen in Tiergestalten)

Neben dem Homagium durch den Kuß findet sich für den Ketzerbund auch die Form des Chirographums, späterhin freilich immer seltener und mehrenteils nur für die Teufelsverbündeten höheren Rangs, ohne Zweifel deshalb, weil die geringe Verbreitung der Schreibekunst unter dem gemeinen Volke von selbst zu solchen Unterscheidungen führte.

Zwei Ketzer – erzählt Cäsarius von Heisterbach Illustr. mirac. V. 18., – kamen nach Besançon, taten Wunder und fanden viele Anhänger. Voll Angst über ihren Erfolg forderte der Bischof einen in der Nekromantie bewanderten Geistlichen auf, durch Teufelsbeschwörung zu ermitteln, was jenen Leuten die Kraft gebe, im Wasser nicht unterzugehen und im Feuer nicht zu verbrennen. Es ergab sich, daß sie die Chirographa, worin sie dem Teufel das Homagium geleistet hatten, zwischen Haut und Fleisch unter der Achsel trugen und sich dadurch schützten. Des Zaubers beraubt, wurden sie verbrannt. – In andern Erzählungen desselben Schriftstellers erscheint der Teufel mit der Frage: Vis mihi facere homagium? ohne die Art weiter zu bezeichnen. Auch bei Berthold von Regensburg, dem gewaltigsten Volksprediger des 13. Jahrhunderts, gibt es Leute, die »sich dem Teufel um des Gutes willen« verschreiben. Predigten, herausgeg. v. Pfeiffer und Strobl. Wien 1862. I, 342. Hansen, S. 169.

Die Verschreibungen geschahen mit dem eigenen Blute des Menschen. In den Hexenprozessen findet sich späterhin auch die Form des Paktums, daß man etwas von seinem Blute in ein mit Totenknochen unterhaltenes Feuer laufen läßt.

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