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Geschichte der Gemeinde und Bürgermeisterei Dudweiler

Albert Ruppersberg: Geschichte der Gemeinde und Bürgermeisterei Dudweiler - Kapitel 23
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Gemeinde und Bürgermeisterei Dudweiler
authorAlbert Ruppersberg
year1923
firstpub1923
publisherGebr. Hofer
addressSaarbrücken
titleGeschichte der Gemeinde und Bürgermeisterei Dudweiler
pages190
created20171230
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Gesamtansicht von Dudweiler
Standpunkt im Hungerpfuhl vom Dachsbau aus

18. Zeitungswesen und literarische Tätigkeit.

Bekanntmachungen der Gemeindebehörde wurden ursprünglich durch den Ausrufer mit der Schelle verbreitet, was heute nur noch in den dringendsten Fällen geschieht.

Im Jahre 1878 wurde in Dudweiler unter dem Titel »Dudweiler Anzeiger« eine Zeitung gegründet, die ein- bis zweimal in der Woche erschien und zugleich amtliches Organ für den Bürgermeistereibezirk Dudweiler war. Im Jahre 1889 ging die Zeitung in den Besitz von Johann Unterkeller über und heißt seitdem »Dudweiler Zeitung«. Sie erschien anfangs dreimal, dann sechsmal wöchentlich und hält sich von Parteipolitik frei. Die Auflage betrug im Jahre 1889 300, jetzt 4200 Stück. Der jetzige Besitzer ist Artur Unterkeller.

Ein zweites Lokalblatt, das seit dem Jahre 1910 unter dem Namen »Dudweiler Bürgerzeitung« erschien, hat bei Beginn des Weltkrieges sein Erscheinen eingestellt. Den örtlichen Bedürfnissen diente auch »Der Bote des Sulzbachtales«, der bis zum Jahre 1910 in Sulzbach erschien und in Dudweiler viel gelesen wurde. Jetzt ist die »Sulzbacher Volkszeitung« an seine Stelle getreten.

Außer diesen örtlichen Organen werden natürlich die Saarbrücker Zeitungen in Dudweiler viel gelesen. Das Bedürfnis nach geistiger Nahrung können Tageszeitungen nur in geringem Maße befriedigen; sie dienen vor allem der Politik und dem öffentlichen Leben. Geistiges Zusammenleben pflegt sich im allgemeinen erst in längeren Zeiträumen zu entwickeln; seine Träger sind gewöhnlich die Geistlichen, Beamten, Ärzte und Lehrer. Sie pflegen ihre geistigen Interessen meistens zunächst zu Hause, und davon dringt wenig in die Öffentlichkeit. Dudweiler ist als größerer Ort noch viel zu jung, als daß derartige Bestrebungen schon in der Öffentlichkeit hervortreten könnten, 156 doch fehlt es an Ansätzen hierzu nicht. Pfarrer Lichnock und Sanitätsrat Dr. Teich haben das Interesse für die Geschichte Dudweilers über die Banngrenzen hinaus getragen, und daß dieses Interesse auch in Dudweiler selbst lebendig ist, beweist gerade dieses Buch, dessen Erscheinen von der Gemeindeverwaltung angeregt worden ist.

Besondere Erwähnung verdient, daß eine bekannte Schriftstellerin unserer Zeit in Dudweiler geboren ist: Lisbeth Dill. Sie hat ihre ersten geistigen Eindrücke in Dudweiler erhalten und in ihren Romanen vielfach die Sprache und das Leben der Bewohner unserer Gegend geschildert. Über ihre Jugend berichtet sie selbst folgendes:

»Ich wurde am 28. März 1877 zu Dudweiler in dem ehemaligen Jagdhause des Fürsten von Nassau-Saarbrücken geboren, das mein Großvater von dem Glashüttenbesitzer Vopelius in Sulzbach erworben hatte. Das zweistöckige Haus war im Viereck gebaut und schloß einen großen Hof ein; eine Durchfahrt führte nach den Wiesen hinüber; in den Ställen standen zahlreiche Pferde und Kühe. Das in der Hauptstraße von Dudweiler gelegene Haus wurde später zu einem Gasthofe umgewandelt und führt jetzt den Namen »Nassauer Hof«.

Dieses Haus gehörte damals meinem Vater, dem Kaufmann und Landwirt Friedrich Dill, der länger als 20 Jahre das Ehrenamt eines Beigeordneten der Gemeinde bekleidete. Der Familienname deutet auf die Einwanderung der Vorfahren aus Nassau; der Großvater besaß eine Gerberei in Kirn, heiratete die Tochter des Gutsbesitzers Müller vom Eschberg und ließ sich in Dudweiler nieder. Mein Vater zog später nach Saarbrücken; auch hier berief ihn das Vertrauen seiner Mitbürger in die Gemeindevertretung.

Ich bin aufgewachsen in der Erinnerung an den Krieg. Mein Vater hatte im Jahre 1870 geholfen, das Schlachtfeld von Spichern abzusuchen, und Verwundete auf seinem Wagen zur Pflege in sein Haus nach Dudweiler gebracht; unsere ersten Ausflüge wurden auf das Schlachtfeld gemacht zu den Gräbern der Kämpfer, die unsere Heimat geschützt hatten.

Ich bin oft mit meinem Vater durch die schönen Wälder von Dudweiler gefahren; er setzte mich als kleines Kind aufs Pferd und ließ mich durch den Wald reiten; auch durfte ich manchmal selbst kutschieren. Mein Vater nahm mich früher auf alle Rennen der Umgegend mit; er interessierte sich sehr für Pferde und Pferdezucht und war ein ausgezeichneter Reiter bis in die letzten Jahre seines Lebens. 157

Ich besuchte in Dudweiler zuerst zwei Jahre die Elementarschule. In meiner Klasse waren 80 Kinder, meist Bergmannskinder, und mein erstes Theater, das ich sah, stand auf dem Dudweiler Marktplatz. Es wurde »Genoveva« gegeben; da ich keine Erlaubnis bekam, das Theater zu besuchen, ging ich heimlich hin und vergaß über dem Genuß der Vorstellung Ort und Zeit. Das Stück war erst um ½1 Uhr nachts zu Ende, und als ich heimkam, empfing mich mein Vater mit der Reitpeitsche in der Hand, so daß ich einen unauslöschlichen Eindruck von dieser ersten Theatervorstellung bekam. Es zog mich immer zu den grünen Zirkuswagen, und so bald sie sich nahten, umstanden wir Kinder sie, begierig, einen Blick in ihr geheimnisvolles Innere zu werfen.

Meine Mutter stammte vom Lande, von einem Weingut an der Mosel, aber sie liebte die Stadt und war die treibende Kraft, daß wir nach Saarbrücken zogen. Saarbrücken habe ich von jeher als meine eigentliche Heimat betrachtet; ich besuchte dort die höhere Töchterschule, die sogenannte Kasinoschule, hatte dort meine Freundinnen und lebte dort auch später bis zu meinem 26. Lebensjahre.

Ich hatte keine Geschwister; aber ich hatte eine Menge Freundinnen, mit denen ich phantastische Spiele spielte, die ich erfand, und ich wundere mich noch heute, daß ich stets bereitwillige Mitwirkerinnen dazu fand, die sich als Mohren schwarz und als Indianerinnen rot färben ließen. Die Mütter waren von diesen Spielen jedenfalls weniger entzückt als wir. Die Spiele fanden auf dem Speicher unseres alten Hauses statt, und die Theaterstücke schrieb ich selbst. Ich richtete die Bühne ein, saß an der Kasse, dirigierte den aufgehenden Mond, brannte das Feuerwerk ab und spielte den Souffleur.

In Dudweiler begann ich meine schriftstellerische Laufbahn, indem ich Märchen schrieb, die ich meinen Verwandten schenkte, und Theaterstücke, die verloren gegangen sind und auch wohl kein anderes Schicksal verdienten. Es kam immer ein Ritter darin vor wegen meines Papas hohen Reitstiefeln mit Sporen, die Glanzstücke unserer Theatergarderobe waren und unbedingt jedesmal Verwendung finden mußten. Meinen ersten Roman habe ich später in Saarbrücken geschrieben; ich war damals gerade 20 Jahre alt.

Über den Berggärten meiner Heimat schwebte es für mich wie ein Zauber. Es stand dort ein Brunnen, der tief in den Felsen hineinging; wir warfen Steine hinab, die wir in der Tiefe des Kellers dumpf aufschlagen hörten, und ich glaubte lange, in dem nahen Häuschen wohne eine Hexe. Ich sah überall Nixen, Feen und Geister. In unserer Wiese befand sich ein kleiner Weiher, und ich glaubte, dort unten wohnten Nixen in gläsernen Häusern. 159

Dudweiler mit seinen langen Bergmannszügen des Sonntags, voran Fahnen und Musik, das Bergmannsfest mit seinen Vorbereitungen droben im Walde, wo für Tausende im Freien in großen Kesseln gekocht wurde, der brennende Berg, in dessen heiße Spalten man die Eier legte, der erste Bergmannsstreik, den ich als Kind miterlebte, alles prägte sich mir ein für immer. Dudweiler des Morgens im Schnee, wenn man zur Schule mußte – der Zug fuhr gleich nach sieben, und der Kutscher mußte erst eine Bahn schaufeln vor der Haustüre – Dudweiler war dann schön, weißverhüllt alles, nur die Laternen blinzelten verschlafen auf dem Weg nach dem Bahnhof wie matte Sterne, und es begegnete einem niemand wie ein Trupp Bergleute, die zur Grube gingen. Dudweiler im strömenden Regen, wenn man des Nachmittags aus der Schule kam, mit nassen Schürzen und triefendem Bücherranzen, wie dann die heiße Schokolade und die dicken Wasserwecke schmeckten, die auf uns warteten, und die »Saarbrücker Zeitung«. Wie oft bin ich auch auf der heißen Landstraße zwischen den hohen alten Pappeln von Saarbrücken nach Dudweiler herausgewandert, wenn ich den Zug verfehlt hatte. Eine Erholung waren Spaziergänge nach Neuhaus, dem schattigen Forsthaus im Wald, wenn alles noch unberührt war, die Wiesen vom Tau funkelten und man Blumen pflückte am Weg; die feinen Nachmittage auf Stuhlsatzenhaus! Im Winter liefen wir Schlittschuh auf den Weihern droben im Wald, in der Hirschbach, und ein Eisfest auf einem Sulzbacher Weiher mit Lampions schwebt mir heute noch in Erinnerung als etwas Feenhaftes vor.

Dudweiler am Sedantag, wenn aus allen Häusern die schwarz-weiß-roten Fahnen hingen und das ganze Dorf sauber gefegt war, die Kinder bunte Schärpen über weißen Kleidern trugen und in langen Zügen singend zum Marktplatz zogen, um ihre Zuckerbretzel abzuholen, und der Abend, wenn der glitzernde Fackelzug sich durch das lange Dorf bewegte, mit Musik und Fahnen, und wenn man Pechfackeln auf dem Markt zusammenwarf, und alles um uns her sang und klang, wie von Jubel und Waffen.

Dudweiler Kirmes: Ein grauer Novembersonntag, die Straßen von schwarzem Schmutz bedeckt, der Regen troff, und auf dem Marktplatz war nicht durchzukommen vor Menschen. Und die Buden, wie sie lockten, bunt und leuchtend, mit blitzenden Blechlampen und schreienden Bildern, wie sich das glitzernde Karussell drehte, auf dem man einen Schimmel bestieg oder einen Schwan. Und was es nicht alles für 10 Pfennige gab! Eine rote oder grüne Gummistange, einen Kneifer mit blauen Gläsern, eine schreiende Schweinsblase oder ein Taschenkämmchen mit Etui . . . Die Riesendame zu sehen kostete zwanzig, das Wachsfigurenkabinett sogar dreißig Pfennige, das waren schon Ausgaben, die man sich überlegte. Die Sonntage in Dudweiler erscheinen mir noch heute 160 als etwas Festliches, Sonniges, und als ob es dann immer sehr heiß gewesen sei. Am schönsten war der Samstag, wenn man den Ranzen ablegte und wußte: morgen ist Sonntag, denn die Vorfreude ist immer noch das Schönste im Leben: die Illusion . . . Zuerst die Schularbeiten, dann hinaus auf die Wiesen hinter dem Hause. Manchmal fiel es Papa ein, uns, wenn wir dort spielten, die Steine auflesen zu lassen, die dort herumlagen. Das fand ich immer recht grausam, aber mein Vater war der Ansicht, daß die Woche zur Arbeit da sei und der Sonntag erst zum Ausruhen. Der Samstagabend war friedlich und festlich; im Hause duftete es nach frischgebackenen Kuchen, überall standen frische Blumen aus dem Garten, alles blitzte und blinkte, und der Hof sah sauber gefegt aus. Sonntag morgens durfte man ausschlafen, das heißt, auch darin waren mir Grenzen gesteckt; um acht Uhr mußte ich spätestens am Kaffeetisch sein, dann ging man zur Kirche und dachte zwischen Gesang und Predigt an den guten Mandelpudding, den man in der Speisekammer gesehen hatte, und nach dem Essen kamen die Freundinnen zum Spielen. Mit Puppen spielte ich nie. Puppen sind mir immer langweilig gewesen. Ich habe eine reiche, ungetrübte Jugend gehabt, und wenn ich heute an Dudweiler vorbeifahre, stehe ich immer am Fenster des Zuges und suche das alte Haus, das für mich meine Jugend darstellt und ein Stück Familiengeschichte. Dann grüße ich das Dorf und nehme seine schöne Landschaft noch einmal im Vorüberfahren mit, das Wiesental und die beiden hochgelegenen Kirchen, die ihre Spitzen mit den funkelnden Hähnen in den blauen Himmel zu bohren scheinen, den Wald, der früher das Dorf dicht umdrängte, bis zu dem alten Haus, dem Jagdschloß des Landesfürsten. Um dieses Haus sind allmählich Straßen entstanden und das große Dorf; der Wald ist immer mehr zurückgetreten, aber er umgibt den Horizont meiner Heimat wie ein grüner Kranz.«

Folgende Romane und Erzählungen von Lisbeth Dill sind im Druck erschienen: »Lo's Ehe« 1902, »Oberleutnant Grote« 1904, »Der vergessene Koffer« 1905, »Das gelbe Haus« 1906, »Suse« 1906, »Die kleine Stadt« 1907, »Freiheit«, »Eine von zu vielen«, 1907, »Unverbrannte Briefe« 1907, »Most«, Roman von der Mosel, 1912, »Virago«, Roman aus dem Saargebiet, 1913, »Der Tag von Nancy«, 1915, »Bekenntnisse der Baronin von Brionne« 1917, »Die Brieftasche«, »Das starre System« (Kriegsnovelle), »Lolotte« 1918, »Welt« 1918, »Lothringische Grenzbilder«, 1919, »Das verlorene Land«, »Rose Ferron« I, II, 1920, »Der Kammerdiener« und andere Novellen, 1920, »Die Sackgasse«, Roman einer Künstlerin (unvollendet), »Das bißchen 161 Liebe«, »Tagebuch eines jungen Mannes ohne Herz«, 1922, »Freiheit« 1922. Für die Bühne sind bearbeitet: »Die Grenze«, »Lo« und »Café Lorrain« (Einakter). Die Romane von Lisbeth Dill, besonders »Rose Ferron« und »Die Bekenntnisse der Baronin von Brionne« sind in der Presse, u. a. in der »Kölnischen Zeitung«, sehr günstig besprochen worden. 162

 


 

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