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Geschichte der Gartenkunst. Zweiter Band

Marie Luise Gothein: Geschichte der Gartenkunst. Zweiter Band - Kapitel 7
Quellenangabe
authorMarie Luise Gothein
titleGeschichte der Gartenkunst. Zweiter Band
publisherEugen Diederichs
year1997
isbn34240136761
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid05b049cb
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England

England hat vielleicht am wenigsten, jedenfalls am wenigsten nachhaltig, den unmittelbaren Geist dieser französischen Kunst auf sich wirken lassen. Zwar als Karl II. nach den Jahren nüchtern strengen Regiments der Puritaner auf seinen Thron zurückkehrte, brachte er mit manchen andern französischen Sitten auch die Anschauung der eben aufblühenden Gärten am Hofe seines französischen Schützers heim. Doch so schnell konnte der englische König nicht seine Pläne durchführen. Ein großer Teil der Gärten seiner Vorfahren war vernichtet oder sehr zerstört. Weder die Mittel noch die Künstler standen ihm auch nur entfernt so zu Gebote wie seinem königlichen Bruder jenseits des Kanals. Zudem war der puritanische Utilitarismus und die verstandesgemäße Nüchternheit nicht ohne bestimmenden Einfluß auf die Gartenanlagen auch der Restauration geblieben. Pepys berichtet in seinem Tagebuch Pepys, Diary, 22. Juli 1666., diesem Sprachrohr der Tagesmode, von einer Unterhaltung mit Hugh May, einem Architekten im königlichen Dienste, über die herrschende Gartenmode kurz nach der Restauration: »Auf dem Wege nach White Hall auf und ab spazierend mit Hugh May, der ein sehr gescheuter Mann ist. Unter anderem sprachen wir über die gegenwärtige Mode, die Gärten einfach zu gestalten; daß wir die besten Kieswege in der Welt haben, wie sie weder Frankreich noch Italien hat, und daß das Grün unserer Ballspielwege besser ist als irgendwo anders. Da unser Streben ist, Luft zu genießen, so ist dies die beste Art, nur hier und dort unterbrochen von Statuen oder Topfpflanzen, was sehr hübsch sein kann, wenn man sie mit Blumen oder Grün, je nach der Jahreszeit, füllt. Dann, was Blumen anbetrifft, so zieht man sie am besten in kleinen Gehegen für sich allein; außerdem verderben Blumenbänder die Wege des andern Gartens. Was die Früchte anbetrifft, so baut man dafür am besten konzentrische runde Mauern und läßt den Wandergarten nur zu diesem Zweck.« Diese mehr und mehr zunehmende Blumenfeindschaft, die zeitweise auch Frankreich ergriff, war dort nicht so fühlbar durch den Reichtum der Wassergestaltung, der Statuen und anderen Skulpturen. Der englische Garten mit seiner Vorliebe für breite bequeme Wege, der immer sehr sparsamen Verwendung des Skulpturenschmuckes, muß in jener Zeit einen öden, nüchternen Eindruck gemacht haben. Freilich lehnte sich der gute Geschmack bald dagegen auf. Im Jahre 1665 erschien ein geharnischter Protest: »Eine gute Auswahl lebender Schönheiten, seltener Pflanzen, Blumen, Früchte sind wahrhaft Ruhm, Reichtum und Entzücken für den Garten«, schreibt Rea in seinem Gartenbuche »Ceres, Flora und Pomona«; »die neue Mode der Kieswege und Rasenflächen paßt nur für Stadthäuser, während sie jetzt in manchem stattlichen Landsitze vorherrschen, wo die Gartenblumen verbannt sind, diese Wunder der Natur und der schönste Schmuck, der je entdeckt wurde, um einen Ort angenehm zu machen. Aber man kann hoffen, daß diese neue nutzlose und unerfreuliche Mode mit manchen anderen Veränderungen verschwinden wird« J. Rea, Ceres, Flora and Pomona, 1665, p. 2.. Der Protest gegen die Blumenfeindschaft wurde noch 12 Jahre später von einem vielgelesenen Schriftsteller, John Worlidge, wiederholt. Aber mit den breiten Wegen, mit Ruhesitzen und Zielpunkten für Spaziergänge, hatten die beiden »verständigen Männer«, Pepys und May, schon den eigentlichen Kernpunkt der Forderung des englischen Gartens getroffen; sie lag im Wesen der englischen Freude an frischer Bewegung in der freien Natur. Darum stimmt Worlidge Reas Abneigung gegen die breiten Wege nicht bei. »Es gehört nicht zum geringsten Teil zu der Freude an einem Garten«, führt er etwas wortreich aus, »spazieren zu gehen und sich entweder mit Freunden und Bekannten oder auch allein, befreit von den Sorgen der Welt und der Gesellschaft, die manchmal lästig wird, zu erfrischen, und wenn dann Müdigkeit oder Hitze oder Regen die offenen Wege unerfreulich machen, sich unter einem schönen Baum oder einer gedeckten Laube auszuruhen, bis es einem gefällt, wieder die offene Luft zu genießen« J. Worlidge, Systema Horticulturae or the Art of Gardening, 1677.. Von solch einem »Wandergarten« hatte ein Südländer oder auch ein Franzose niemals geträumt. Das offene Parterre war für sie da, um von oben überschaut oder in der Kühle langsam genossen zu werden; über den sonnigen Platz ließ man sich am liebsten tragen, fuhr auf kleinen Wägelchen die breiten Wege bis zu den schattigen Bosketts, wo man wahrlich auch nicht spazieren ging. England auch ganz eigentümlich waren und sind bis zum heutigen Tage die mit Rasen belegten weichen Gartenwege. Die unerreichte Schönheit des Rasens, die England der Feuchtigkeit seines Klimas dankt, hatte ja schon rückwirkend das Rasenparterre à l'anglaise in Frankreich in Mode gebracht. Im eigenen Lande waren natürlich diese Grasparterres oft ein ununterbrochenes Rasenstück, nur an den Rändern mit Blumen oder, der Mode zu Ende des Jahrhunderts gemäß, mit kleinen grünen Bäumen, Statuen und Vasen umsäumt. In England auch waren zuerst die breiten und oft sehr langen Ballspielalleen mit dichtem haltbaren Rasen bedeckt. Wie wenig andere Länder solch einen Rasen zu halten imstande waren, zeigt die seltsame Umdeutung des Wortes »bowling green« in der französischen Gartensprache. »Boulingrin« war ein Wort, von dem man wohl noch wußte, daß es aus England gekommen war. Man verstand aber darunter zur Zeit der »Théorie et Pratique« ein vertieftes Rasenstück, das als Mittelpunkt eines Bosketts manchmal einen Brunnen umschloß. Nur den Rasen hatte man, als das Auffallende, behalten, war aber weit davon entfernt, es noch mit der eigenen »jeu de paume oder mail« zusammenzubringen, das, wenn es unbedeckt war, meist gestampfte Erde als Spielbahn hatte; so leitete man boulingrin später von boule = bowl und green, d. h. grüne Höhlung, ab.

Kein Wunder, daß eine Neuerung des französischen Gartenstils in England besonderen Anklang fand: die Anlage von Avenuen. Nicht daß diese großen Richtlinien, die den Park in unmittelbare Verbindung mit dem Garten brachten, eine Erfindung des französischen Gartenstils waren, wir sahen sie schon zu Ende des XVI. Jahrhunderts im italienischen und spanischen Garten; aber die Regelmäßigkeit, die von einem Punkte, meist der Mittelachse des Gartens, aus nach allen Richtungen hin 3–5 Alleen durch den Park leitete, häufig mit irgendeinem fernen Kirchtum oder einem Brunnen als point de vue, andrerseits auch ihre Verwendung als pomphafte Zufahrtsstraßen zum Haupteingange des Schlosses, spricht doch erst stilvoll die großartige Gesinnung des französischen Gartens aus. Unter diesem Einflusse ließ auch Karl II. in Hampton Court die beiden Parks, die von Osten noch immer bis nahe an die Schloßfront heranreichten, von breiten Alleen durchschneiden. Auch den großen Kanal, den Karl gleich nach seiner Rückkehr in Angriff nahm, scheint man ursprünglich bis in die Nähe der Ostfront des Hauses geführt zu haben; von hier gingen nun ursprünglich die sternförmigen Parkalleen aus, aus denen sich später der große Halbzirkelgarten entwickelt hat. Am 9. Juni 1662 besucht Evelyn Hampton Court und sieht und erwähnt diese Neuanlage als Verschönerung des Parkes. An den Gärten findet er manche hübsche Einzelheit zu loben, im ganzen aber seien sie viel zu klein – er hat also immer noch allein die alten Renaissancegärten an der Südfront vor Augen. Selbst wenn die Anlage des Halbzirkelgartens wirklich schon im Plane Karls II. gelegen hat Stephan Switzer, Iconographia Rustica, 1715, p. 75., so ist er jedenfalls nicht weit damit vorgeschritten. Er hatte allerdings den lebhaften Wunsch, von Frankreich nach Möglichkeit zu lernen; deshalb sandte er seinen Gärtner Rose nach Paris, um ihn dort ausbilden zu lassen. Ja, Karl hat am französischen Hof anfragen lassen, ob nicht Le Nôtre selbst zu kurzem Besuch nach England herüberkommen könnte, und Ludwig scheint seinem Gärtner eine etwas zögernde Erlaubnis erteilt zu haben, doch verlautet nichts von einem Aufenthalte desselben in England E. Cecil (Alicia Amherst), A History of Gardening in England, 3, 1910, p. 177 ff. Die ausführlichen Untersuchungen in dieser neuen Auflage führen eher zu einem negativen Resultat. J. Guiffrey, André Le Nostre, p. 69 ff. [Les grands Artistes], kommt, gestützt auf diese Ausführungen, trotzdem zu einer Bejahung der Reise..

Das beste Verdienst jedoch, den Gärten die heutige Gestalt gegeben zu haben, gehört erst Wilhelm III. und Marie. Beide hatten eine große Vorliebe für Hampton Court und machten es zu ihrer dauernden Residenz. Christopher Wren, der damals unbestritten als der größte Baumeister seiner Zeit galt, wurde berufen, um an den alten, schönen Tudorbau, der noch mit seinem Wassergraben umgeben war, nach Osten einen neuen gewaltigen Palast anzubauen, dessen Stil die nach Versailles gerichteten Blicke leicht verrät. Mit der neuen Gartenanlage wurden London und Wise, beides Schüler des in Frankreich ausgebildeten Rose, beauftragt (Abb. 444).

Abb. 444
Hampton Court unter Wilhelm III. und Marie

Stich von John Bowles

Vor dem neu errichteten Ostflügel wurde nun ein großes, halbzirkelförmiges Stück aus dem Park herausgeschnitten und als Ziergarten angelegt E. Law, The Hiystory of Hampton Court III, p. 42.; dazu mußten die Alleen, die ja bis zum alten Schlosse reichten, zurückgedrängt werden; man führte dafür Alleen und Kanal um den Halbzirkel außen herum. Das Innere des Halbrundes wurde unter Beibehaltung der auf das Schloß sternförmig zulaufenden Wege mit Parterres de broderie ausgelegt, mit 13 größeren und kleineren Springbrunnen und einer Fülle von Statuen versehen. Dem Haus entlang wurde ein 2300 Fuß langer Kiesweg, der ganzen Ausdehnung des Hauses samt den Seitenflügeln entsprechend, geführt, der an Stelle der Terrasse dienen mußte. Trotz der großartigen Pläne Wilhelms hatte er sich doch zu den kolossalen Erdumgestaltungen, die eine Tieferlegung des Gartens verlangt hätte, wodurch er allein eine Terrasse hätte herstellen können, nicht verstehen mögen. Doch haben den Mangel einer Übersichtsterrasse in Hampton Court Zeitgenossen und spätere Schilderer immer beklagt. Der Kiesweg wurde zur Sommerszeit mit einer Reihe herrlicher Orangenbäume besetzt, deren besondere Pflege als Sinnbild der Oranier schon als halb politische Demonstration von dem Königspaar sehr hoch gehalten wurde. Unterdes wurden auch die Südgärten umgestaltet. Die kleineren Gärtchen, von denen sich der sogenannte pond garden (Teichgarten) (Abb. 345) noch heute als ein Stückchen reizvoller Renaissance erhalten hat, wurden damals als besondere Blumengärten angelegt. Nur in dem größeren, dem sogenannten Privatgarten, sperrte hinten nach der Themse zu der einstige Aussichtshügel, mit einem Lusthause darauf, jetzt die Aussicht aus dem neuen Flügel Christopher Wrens. Er wurde nun zuerst abgetragen, dann wurden Parterrebeete angelegt, und das hintere Halbrund, auf dem der »mount« gestanden hatte, erhielt als Abschluß Eisengitter mit 12 Toren, die zu dem Schönsten gehören, was diese Kunst hervorgebracht hat. Sie sind ein Werk des französischen Meisters Jean Tijon, der auch sonst eine Reihe bedeutender Eisenarbeiten für England geschaffen hat (Abb. 345). Sie wurden im Jahre 1865, in der Zeit des größten Tiefstandes aller Gartenkunst, entfernt und in das eben neu gegründete South Kensington Museum überführt, da es dieser Anstalt an Kunstwerken fehlte und man das Publikum langsam in solchen Erziehungsstätten an das Sehen von Kunstwerken gewöhnen mußte. Glücklicherweise hat man vor wenigen Jahren eingesehen, daß solche Werke nur an ihrem bestimmten Platze wirken können, und die Gitter wieder an die alte Stelle gebracht. Einer der intimsten Züge dieses Gartens, die wundervoll überdeckte Allee, »Queen Mary's bower« genannt, gehört schon einer früheren Zeit an, schon Evelyn schildert und bewundert sie.

Die letzte Anlage Wilhelms war die Umwandlung der alten Obstgärten auf der Nordseite in ein Boskett, eine sogenannte »wilderness«. Dies ist sehr bezeichnend für die konservative Gesinnung, mit der der englische Garten sich auch in dieser Zeit gestaltet. Der Hauptgedanke des französischen Gartens, die Ausgestaltung der Bosketts, »das Relief«, das zu gleicher Zeit Gelegenheit zu pompöser Gestaltung und Abwechslung gibt, hat in England nur ganz selten Nachfolge gefunden. Man begnügte sich selbst in einem königlichen Garten mit der schon im Anfange des Jahrhunderts aufgenommenen »wilderness«, den verschlungenen, in das Massiv gehauenen Wegen, bei denen das Grün meist durch Lattenwerk an den Seiten zurückgehalten wird. Die geringe Bedeutung der Bosketts lag allerdings in der Erkenntnis, daß sie für das feuchte Klima Englands nicht passen. Man suchte den Schatten lieber in den luftigen langen Alleen.

Abb. 445
Hampton Court, Eisengitter von Tijon

Nach Latham

Die Gärten von Hampton Court gehören heute in England zu den ganz wenigen, die noch in den Hauptzügen ihre alte Anlage erhalten haben. Zwar sind die Springbrunnen im großen Parterre bis auf einen verschwunden; aus den Buchsbeeten sind große trapezförmige Rasenflächen geworden, die Avenuen des Parkes sind später als Taxusalleen durch den Garten weitergeführt worden; doch ist jetzt das Einförmige dieser Anlage durch bewunderungswürdige Blumenpflege neu belebt. Der Umfang und die Hauptlinien des Gartens sind aber im alten Zustande. Und das will in England fast wie ein Wunder scheinen, denn die Geschmacksrevolution des XVIII. Jahrhunderts hat hier mit ihrem Fieber weit schlimmer gerast als die wilden Horden der Revolution in Frankreich. Hülfe nicht manch guter alter Stich, es wäre schwer, sich eine einigermaßen ausreichende Vorstellung von Englands Gärten um 1700 zu machen. Die Flut der Kupferstecherkunst aber brandete damals auch nach England herüber. Es waren allerdings nur zum sehr geringen Teil englische Künstler, meistens Niederländer, wie die Kupferstecher und Zeichner Knyff und Kip, die auch England auf und ab durchzogen, um alle schönen Ansichten, besonders die bedeutenden Schlösser und Gärten, zu zeichnen und zu stechen. In einer ganzen Reihe von Werken sind diese Stiche aufbewahrt, meist finden wir die gleichen Bilder in allen Werken wieder. Das bedeutendste, was Größe und Schönheit der Stiche anbetrifft, ist »Le Nouveau Théâtre de la Grande Bretagne« betitelt und 1714 Nouveau Théâtre de la Grande Bretagne ou description exacte des maisons les plus considérables des Seigneurs et des Gentilhommes de la Grande Bretagne, 1714, erster Teil, mit 80 Tafeln, ein zweiter 1716 mit 64 Tafeln. Zwei weitere Bände enthalten wenig Gärten. Andere Werke sind: Britannia Illustrata 1709; View of Kent by Badeslade 1719; Les Délices de la Grande Bretagne 1705, in 9 Oktavbändchen. Die meisten Stiche kehren in allen Werken wieder. erschienen. Diese Bilder beweisen vor allem, daß auch in England der großzügige französische Gartenstil gezündet hatte. Zuerst war die Ausdehnung der Gärten gegen früher beträchtlicher geworden. Freilich treten die Bosketts, wie schon erwähnt, sehr zurück und damit auch die mannigfaltige Gestaltung der Wasserkünste. Auch der große Kanal ist nicht so allgemein eingedrungen, und wo er erscheint, hat er nicht immer die glücklich abgewogene Lage wie in Hampton Court, sondern liegt meist seitlich neben dem Park, ohne diesen mit dem Garten dadurch zusammenzuschließen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß in dieser eigentümlichen Lage des Kanals sich holländischer Einfluß geltend gemacht, denn gerade in Holland, wie später gezeigt werden wird, läßt sich für diese Lage eine organische Entwicklung aufweisen. St. James' Park, der auch unter Wilhelm III. ausgebaut wurde, ist ein typisches Beispiel (Abb. 446): Der Kanal durchzieht in langen Streifen seitlich den Park, gerade Alleen laufen um große Wiesenflächen. Vor dem Hause liegen zwei große Rasenstücke, auch von Bäumen umgeben. Die seitliche Palastfront schaut auf einen Ziergarten mit reich ausgelegten Parterres, die Bosketts treten ganz zurück. Doch trotz der ganz unfranzösischen Gestaltung des Parkes behauptet sich die Legende, daß auch zu diesem Garten Le Nôtre den Plan entworfen habe. Von der Art der englischen Parterres, die den Rasen selbst bis zur Einförmigkeit bevorzugen, ist schon gesprochen worden. Mehr noch als in Frankreich wird die vollkommen ebene Lage des Gartens als erstes Erfordernis seiner Schönheit angesehen, und darum hat sich auch in späten Gärten häufig noch der Aussichtshügel erhalten. Am Hause aber liebte man auch hier eine erhöhte, häufig mit Balustrade versehene Terrasse. Wo bergiges Terrain Terrassenanlagen gebot, wie häufig in Schottland, aber auch in bedeutenderen Gärten Englands, benutzte man sie auch, aber erstaunlich selten, zu Kaskaden.

Abb. 446
St. James' Park

Stich von Kip

Eine Eigenart der englischen Renaissancelandhäuser bedingte häufig eine Anlage von Frontgärten. Man näherte sich dem alten Tudorlandhause immer durch einen Vorhof; bis an diesen fuhren die Wagen, und die Besucher des Hauses mußten dann zu Fuß einen zweiten Hof auf gepflasterter Steige durchschreiten. Zu beiden Seiten waren hier Rasenplätze mit Brunnen oder wohl auch Parterres angelegt. Erst um das Jahr 1700 begann man an einigen diese unbequemen Zugänge zu ändern R. Blomfield, The Formal Garden in England, 1901, p. 96 f.. Damals verlegte man in Hatfield House und Montacute den Eingang nach der anderen Seite unmittelbar an das Haus.

Abb. 447
Badminton, Gloucestershire, Gesamtansicht

Stich von Kip

Eine der interessantesten und großartigsten Anlagen jener Zeit war die von Badminton in Gloucestershire (Abb. 447). Herzog Heinrich von Beaufort erbaute sich im Jahre 1682 dieses Haus. Er hatte eine wahre Leidenschaft für die Anlage von Avenuen. Sein ganzes großes Parkgebiet durchzog er mit einer geschlossenen Menge von Alleen, von denen allein 20 von einem großen Sternmittelpunkte ausliefen. Man erzählte, daß er auch seine Nachbarn so dafür begeisterte, daß sie ihm erlaubten, diese Alleen weiter durch ihr Gebiet zu ziehen, wodurch er für sich eine Reihe weiter herrlicher Aussichtspunkte gewann. Aber auch die Gärten zeigen einen großen Zug. Sie liegen um das Haus inmitten eines großen Parkes, durch den die Hauptavenue 2½ englische Meilen bis zum Eingangstore des Schlosses führt. Links davon liegen die Parterres und das bowling green; hinter den Parterres, genau axial angeordnet, die Bosketts mit Springbrunnen und reichen Wegmustern; zuletzt schließt sich ein halbrundes Kabinett aus hohen Hecken mit je zwei Bassins an.

Abb. 448
Bramham Park, Yorkshire

Aus dem »Studio«

Die Schöpfung Beauforts in Badminton ist untergegangen, wie fast alle die andern, die die Stiche aufbewahren. Hier und dort hat sich einer von den nicht so berühmten Gärten bei einem weniger ehrgeizigen Besitzer erhalten. Die Schönheit der großen Avenuen mit den geraden Bassinrändern und ihren points de vue bewahrt ein Garten im Norden von Yorkshire, Bramham Park; die Abbildungen zeigen ein schönes stimmungsvolles Bild Studio Spring Number 1911: The Gardens of England in the North Counties, pl. XII u. XIII. (Abb. 448). Eine feine kleine Anlage jener Tage zeigt auch der Garten in Melbourne Hall in Derbyshire, der in den Jahren 1704/11 von dem königlichen Gärtner Henry Wise für Thomas Coke, den späteren Vizekämmerer Georgs I., angelegt wurde (Abb. 449). Die Parterres enden in ein breites Bassin, über dem ein zierliches Gartenhaus aufragt und darüber hinaus eine ansteigende Parkwiese, auf die man über eine Brücke steigt. Eingeschlossen auf beiden Seiten ist dieses Parterre durch schattige Alleen von Taxusbäumen, Wellingtonien und Zedern; die letzteren sind natürlich erst im XIX. Jahrhundert, wo sie eingeführt wurden, angepflanzt. Im rechten Winkel schließt sich an den Garten ein Park, von breiten, teils sternförmigen Wegen durchzogen, mit Fontänen und schönen Bleivasen französischer Arbeit geschmückt.

Abb. 449
Melbourne Hall, Plan der Gärten

Gezeichnet nach Triggs

Ein wechselvolles Schicksal hat den Melbourne nahen Sitz des Herzogs von Devonshire, Chatsworth (Abb. 450), betroffen, d. h. jedes Jahrhundert hat ihm eine vollkommene Umgestaltung gebracht. Von den Renaissancegärten wissen wir nichts. Im Jahre 1685 aber ließ der Herzog Haus und Garten stilgemäß umbauen, und diese Periode zeigt schematisch der Kipsche Stich. In mehreren Terrassen ziehen sich die Gärten den Berg empor. Die obersten sind zu Bosketts benutzt, die aber, da sich der Garten seitlich vom Hause entfaltet, nicht in ihrer ganzen Bedeutung zur Geltung kommen, weil jede Terrasse ihre besondere Achsenanlage hat. Das Haus liegt auf der zweiten Terrasse und schaut auf ein großes Parterre de broderie. Eine der Seitenachsen steigt den Berg empor und endet in einer Kaskade, die in 30 Stufen emporstieg. Die größte Schönheit, die der Stich nur sehr unvollkommen zeigt, lag in der Fülle des Wassers. Vom Derventfluß, der am Garten vorüberführt, wurde seitlich ein langer Kanal abgezweigt. Den Garten selbst belebte das Wasser in großen spiegelnden Bassins, durch Springbrunnen mit Delphinen und Seegöttern und zahlreiche kleine Brunnen und Wasserscherze geschmückt Diary of Celia Finnes, Through England on a Side-saddle in the time of William and Mary, with an introduction of Mrs. Griffith, 1888, p. 78 ff.. Im Vergleich aber mit der großen französischen Kunst vermißt man bei aller Großräumigkeit und Vielseitigkeit die Gesammeltheit der Richtlinien und Prospekte; selbst die Kaskade, so schön das Bild von den Teichen der tieferen Terrasse zu den aus den Bosketts schimmernden Wassern sich zusammengeschlossen haben muß, konnte man erst genießen, wenn man aus dem Hause trat. Le Nôtre soll natürlich auch diesen Garten angelegt haben; in Wirklichkeit ist es auch ein Franzose, Grelly, der wenigstens die Wasserkünste geschaffen hat. Eines der Bosketts schmückte er mit einem Brunnen, den er unmittelbar dem damals so bewunderten Marais in Versailles entlehnte. Es ist eine aus Zinn hergestellte, mit natürlichen Farben bemalte Weide, die weinend aus den Blätterspitzen ihr Wasser über große Steine gießt; so wird dies uralte Motiv auch hier in den Norden verpflanzt. Dieser Brunnen und manche andere Einzelheit hat sich über die Periode des englischen Stils erhalten oder ist von der einsichtigen Hand, die den Garten im XIX. Jahrhundert dort pflegte, wiederhergestellt worden.

Abb. 450
Chatsworth, Gesamtansicht

Stich von Kip

Durch die Betonung des Wandergartens, der im allgemeinen eine leichtere, lockere Anlage verlangt, als sie der französische Garten zuließ, hat England vielleicht schon damals den Boden für die Revolution des Geschmackes geschaffen, die es nun bald ergreifen sollte.

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