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Geschichte der Gartenkunst. Zweiter Band

Marie Luise Gothein: Geschichte der Gartenkunst. Zweiter Band - Kapitel 13
Quellenangabe
authorMarie Luise Gothein
titleGeschichte der Gartenkunst. Zweiter Band
publisherEugen Diederichs
year1997
isbn34240136761
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201710
projectid05b049cb
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Spanien

Karl Bourbons unmittelbares Vorbild für Caserta waren aber nicht die italienischen Villen, ja nicht einmal direkt Versailles, sondern der Garten, in dem er als Knabe aufgewachsen war: La Granja in San Ildefonso, im Nordwesten von Madrid. Buen Retiro war in Spanien, wie wir sahen, die letzte große Schöpfung der Renaissance gewesen. Nach Philipps IV. Tode war unter seinem völlig schlaffen, schwächlichen Sohne alles Leben in Spanien mehr und mehr eingeschlafen. Im Jahre 1665 brannte Aranjuez gänzlich aus. Der König ließ es seine ganze Regierungszeit über in Trümmern liegen; eine Tatsache, die für viele spricht. Nach der Beendigung des Erbfolgekrieges ist mit dem Hause Bourbon der französische Einfluß in Architektur und Gartenkunst auch hier völlig zum Siege gelangt. Es ist sehr bezeichnend, daß, obgleich der tief melancholische, gänzlich willens- und herrschunfähige Monarch Philipp V. von seiner Gemahlin, einer Italienerin, der farnesischen Prinzessin Elisabeth von Parma, vollkommen beherrscht wurde, und obgleich sie natürlich als ihre Ratgeber und möglichst auch als Künstler Italiener bevorzugte, es doch gar keine Frage war, daß den Park von Ildefonso französische Künstler, Carlier und Boutelet, anlegen mußten. Umgekehrt aber lehrt die ganze Entstehungsgeschichte dieser Sommerresidenz, wie sehr dieser französische Enkel Ludwigs XIV., nachgiebig und beeinflußbar wie er war, der eigentümlich geistig-geistlichen Tradition Spaniens unterlag. Der König hielt sich nach Beendigung des Erbfolgekrieges in einem alten, schön gelegenen Jagdschloß der kastilischen Könige am Westabhang der Sierra de Guadarama auf; von hier besuchte er die höher im Gebirge gelegene Eremità von San Ildefonso. Dort hatte schon Heinrich IV. im Jahre 1477 eine Meierei neben der Eremitage erbaut und diese den Mönchen von Porral als Sommeraufenthalt geschenkt. König Philipp, schon damals tief melancholisch und nur noch gewaltigen Natureindrücken und Musik wirklich zugänglich, war begeistert von der Schönheit des Ortes, der in alpiner Höhe von 1191 m von dem gewaltig aufsteigenden Gipfel der Pico de Peñalara überragt wird. Er beschloß sofort, sich hier ein Unterkunftshaus zu bauen, das den Keim bildete, um den herum sich das mächtige Schloß und der große bedeutsame Garten entwickeln sollten. Wir denken an den Wunsch Ludwigs XIV., der sich auch eine Einsiedelei in Trianon, in Marly erbauen wollte, aus denen Schloß und Park hervorwuchsen. Aber hier in Spanien ward sein Enkel doch in andere Bahnen gelenkt. Mit den unmittelbaren Erinnerungen an Versailles verband sich der ganzen Gemütsanlage des Fürsten entsprechend doch der Gedanke an den Escorial, und dieser hat zum mindesten die Gruppierung der Schloßbauten sehr stark beeinflußt.

Man hat mit Recht behauptet, daß der Kern, um den Ludwig XIV. sein ganzes ungeheueres Schloß zu Versailles gruppierte, sein Schlafzimmer gewesen sei. Zum mindesten waren es seine Privatzimmer in dem alten Schlößchen Ludwigs XIII., die immer der zwingende Mittelpunkt für alle Erweiterungsbauten blieben. In Ildefonso bildet diesen Mittelpunkt die alte Meierei mit ihrem Klosterhof, dem Patio de la Fuente, an den sich nordwestlich die große Collegiatakirche anschließt, die den Palasthof vollkommen beherrscht; sie wurde als erste erbaut und schon 1724 eingeweiht. La Granja A. F. Calvert, La Granja, p. 19 ff.: Royal Palaces of Spain., die Meierei, war auch der Name, den das ganze Königsschloß immer behielt. Daß der Park, an dem man 20 Jahre mit allem Fleiß und Anstrengung arbeitete, im Wetteifer mit dem Weltvorbilde Versailles gestaltet wurde, daran kann wohl kein Zweifel sein. Was den Kampf, die Überwältigung der Natur durch Kunst, anbetrifft, kann La Granja wieder mehr mit Marly verglichen werden. In ganz anderem Maße als in Versailles waren hier ungeheure Erdarbeiten notwendig, um in dem hohen Gebirgstale die ebenen Terrrassen und Flächen für Gartenanlagen zu schaffen. Eines war im Überflusse zu haben: Wasser, und dieses hat man auch in einem Reichtum verwendet, daß die Phantasie der Künstler nicht genug bewundert werden kann. Ein schützendes Schicksal hat diesen bergumgürteten Garten vor den Stürmen bewahrt, die über die französischen Schlösser verderblich hingebraust sind, so daß auch noch heute das meiste in seinem alten Zustand erhalten ist. Und die Natur, die sich hat meistern lassen, hat doch mit ihrem herrlichen Pflanzenwuchs, den wundervollen Bäumen und dem ewigen Rahmen ihrer Bergriesen der Kunst eine Schönheit verliehen, die Ludwigs allmächtiger Wille nicht einmal dem anmutigen Tale von Marly, geschweige denn der einförmigen Sumpfebene von Versailles, verleihen konnte. Den künstlerischen Gedanken aber, der mit seinem großen, gewaltigen Wurfe die Werke Le Nôtres durchdringt, haben die Künstler von lldefonso auch nicht entfernt erreicht.

Abb. 531
La Granja, Ildefonso, Hauptparterre

Phot.

Der Garten steigt südöstlich und südwestlich stark an, so daß das nordöstliche Terrain bedeutend niedriger liegt. Das Hauptparterre (Abb. 531) ist verhältnismäßig einfach behandelt und macht im Verhältnis zu den andern Wasserkünsten durchaus nicht den beherrschenden Eindruck, den in Frankreich der Blick aus den Mittelfenstern des Hauptschlosses verlangt. Ein halbrundes Bassin, das die beiden Parterrebeete abschließt, mit einem Amphitritebrunnen, liegt am Fuße einer Marmorkaskade, die auf ihrer Höhe einen schönen zweischaligen Grazienbrunnen trägt. Die Aussicht wird dahinter durch ein hübsches achteckiges Gartenhaus abgeschlossen. Dieser Garten wirkt für sich allein, zur Seite durch Statuen und heckengeschmückte Ecken begrenzt, über denen die hohen, einst stärker verschnittenen Bäume ragen, fast von den andern abgeschlossen. Der Hof Philipps V. hatte den Gedanken eines Repräsentationsgartens, der als alles beherrschende Mittelachse jeden Teil der unendlichen Fülle der übrigen Gartenmotive sich unterordnet, aufgegeben. Das XVIII. Jahrhundert mit seiner immer stärkeren Neigung, sich zu beschränken, zusammenzuziehen, ist doch auch hier deutlich bemerkbar, östlich vom Palaste führen Rampentreppen in ein tieferes, vom Kanal an einer Seite begrenztes Parterre, das, in der gleichen Richtung neben dem Hauptparterre verlaufend, in einer weit glänzenderen Wasseranlage endet (Abb. 532). Ein stufenweis aufsteigendes Bassin schmückt zuerst ein Neptunbrunnen (Abb. 533), dahinter Amoretten auf Seepferden reitend, Carreros de Caballos genannt, ein Motiv, das später weit gewaltiger Karl in Caserta anwandte; es diente als Perspektive von den Seitenfenstern des Schlosses. Ein weiteres Parterre, auch in gleicher Achsenrichtung, schließt sich östlich hieran und endet in dem Andromedabrunnen, einem Werk von unglaublicher Kühnheit in der Anordnung der Figuren, das die ganze übermütige Gelöstheit jener Plastik zeigt. Ein Labyrinth ohne große Bedeutung bildet hier noch eine Anziehung in den östlichen Bosketts.

Abb. 532
La Granja, lldefonso, Carreros de Caballos

Phot.

Abb. 533
La Granja, lldefonso, Neptungruppe

Phot.

Der ganze Westen des Parks wird von einer in ihrer Art bedeutsamen Anlage eingenommen, in der sich spanische Tradition mit einem freieren französischen Geiste verbindet. Den Mittelpunkt bildet ein achteckiger, großer Platz, von dem acht Alleen, »ocho calles«, ausgehen. Ihn ziert eine Gruppe, Apollo und Pandora. Je zwei der Alleen sind stets von einem Brunnen, den ein mächtiger Marmorbogen überwölbt, zusammengehalten. Am Ende, als Zielpunkt dieser Alleen, vier näher, vier weiter entfernt, ist ebenfalls je ein bedeutsamer Brunnen aufgestellt, der für sich wieder den Mittelpunkt eines runden Platzes bildet. Der breite Weg, der an der Gartenfassade des Schlosses entlang führt, endet in dem sogenannten Bade der Diana (Abb. 534), einer umfassenden Brunnenanlage in Form der französischen Wasserbüfetts, überreich mit Marmorarchitektur und Bronzestatuen geschmückt; von ihr fällt das Wasser in seitlichen Fällen, Springbrunnen und Wasserschleiern herab in ein großes halbrundes Bassin.

Abb. 534
La Granja, Ildefonso, Bad der Diana

Phot.

Die Südwestfassade des Palastes bildet den großen Ehrenhof, den Patio de la Herradura, hieran schließt sich ein seitliches Parterre (Abb. 535), das wieder in einer kolossalen Brunnenanlage, der Fuente de la Fama, seinen Abschluß findet: ein Fels, auf dem Gestalten in den unmöglichsten Stellungen kleben, wird von einer Fama, auf einem Flügelrosse sitzend, gekrönt. Es ist der Monte Parnaso, den ein spanischer Garten von der frühesten Renaissancezeit her nicht gerne entbehrte. Ganz auf der Höhe, vom Schlosse entfernt, liegt dann noch ein großes Wasserreservoir, el Mar genannt, das, obgleich in der Achse des Schlosses gelegen und durch Parkalleen zugänglich, für das gemeinsame Gartenbild nicht nutzbar gemacht ist.

Abb. 535
La Granja, Ildefonso, Seitenterrassen

Phot.

Für sich aber in der ernsten Umgebung des dunklen Bergwaldes bildet es einen glücklichen Kontrast mit dem reichen, heiteren Garten. Unleugbar sind die Künstler hier auf einzelne schöne Gartenblicke, die durchaus auf Brunnenumgebung (Abb. 536) in spanischer Renaissancetradition abgestimmt sind, bedacht gewesen. Aber sie liegen ohne Unterordnung und daher ohne rechten Rhythmus zum Gesamtbilde nebeneinander; also das, was dem französischen Garten seine letzte Größe verlieh, das Verhältnis der Teile zum Ganzen, ist hier vernachlässigt worden. Der eigentlich treibende Geist und Bauherr war auch hier die Königin Elisabeth. Als Philipp zuerst 1742 dem Thron entsagte, dessen Mühen er sich schlechterdings nicht mehr gewachsen fühlte, zog er sich hierher zurück und behielt sich zum Weiterbau von La Granja eine ungeheuere Summe vor, die das ausgesogene Land kaum zu tragen vermochte. Nach acht Monaten aber wurde seine Ruhe durch den Tod des Sohnes gestört, der müde König mußte die Regierung wieder übernehmen. Die Königin hoffte durch eifriges Betreiben der Arbeiten im Garten der Granja das Interesse des Gemahls immer wieder aufzustacheln – während einer längeren Abwesenheit 1727 wurde ein großer Teil, darunter die Bäder der Diana, vollendet. Der König aber hatte auch dafür nur ein müdes Lächeln, »drei Millionen hat es mich gekostet, um mir drei Minuten Unterhaltung zu gewähren«, soll er vor diesem Brunnenbau geäußert haben.

Abb. 536
La Granja, Ilfedonso, Brunnendetail und Vase

Phot.

Auch Aranjuez hatte Philipp gleich in der ersten Zeit, und zwar nach Möglichkeit im alten Stile, nur vergrößert, wieder aufzubauen befohlen. Nach Osten wurde nun vor dem neuen Flügel das große Parterre mit seinen doppelten Brunnen angelegt. Damals wurde auch dieses Parterre von einem Kanal umgeben und die zweite steinerne Brücke nach dem Jardin de la Isla gebaut. Noch später wurde der heutige Jardin del Principe neben der großen Allee der Calle de la Reina angelegt, ähnlich dem Inselgarten mit einer großen Reihe von Brunnenplätzen (Abb. 537 u. 538). Das kleine Lustschlößchen am Ende dieses Gartens, die Casa del Labrador, birgt unter seinem bescheidenen Namen eines jener luxuriösen Parkhäuschen, wie wir sie im Norden um diese Zeit vielfach kennen gelernt haben. Um die Mitte des Jahrhunderts wurde eine andere bedeutsame Änderung für das ganze Hofstädtchen vorgenommen. Ein neuer Bebauungsplan

Abb. 537
Aranjuez, Ceresbrunnen aus dem Jardin del Principe

Phot.

Abb. 538
Aranjuez, Brunnen aus dem Jardin del Principe

Phot.

machte aus dem kleinen elenden Dorf, das seine Hütten bisher an das Schloß gelehnt, ein regelmäßiges Städtchen, das sich so an das östliche Parterre angliederte, daß zwei der sternförmigen Parkalleen sich in den Hauptstraßen des Städtchens fortsetzten, die dritte war die alte Calle de la Reina; auf der andern Seite traten die Alleen bis dicht an das Schloß heran. Auch diese Zeitströmung der rationellen Bebauungspläne der Städte, auf den Mittelpunkt ihrer Residenzen orientiert, haben wir im Norden kennen gelernt. Und aus dem Norden kam auch dieser Gedanke nach Spanien. Der eigentliche Urheber war der Marquis Grimaldi; er war Gesandter im Haag gewesen; und aus Holland stammte diese letzte Ausgestaltung des alten Königssitzes.

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