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Geschichte der Gartenkunst. Erster Band

Marie Luise Gothein: Geschichte der Gartenkunst. Erster Band - Kapitel 8
Quellenangabe
authorMarie Luise Gothein
titleGeschichte der Gartenkunst. Erster Band
publisherEugen Diederichs
year1997
isbn34240136761
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201709
projectid0c0bf5be
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VI. Das mittelalterliche Abendland

6. Kap.

Noch liegen die ersten Anfänge christlich-mönchischer Ansiedlung für uns im Dunkeln. Wir wissen nur, daß man im Orient eine größere Neigung zum Eremitentum gehabt hat und daher, selbst als man dort anfing, sich zu klösterlichen Gemeinschaften zusammenzuschließen, doch die Sonderwohnung in einzel gebauten Zellen bevorzugte. Diese Mönche lebten in früher Zeit wie später als Einsiedler von milden Gaben, die ihnen von außen zuflossen, daher ist es nicht anzunehmen, daß sich bei ihnen eine geordnete Gartenpflege entwickelt hat. Denn nur die Notwendigkeit, sich durch eigene Arbeit den Unterhalt zu erwerben, hat auch die Mönche wieder dazu geführt, sich mit dem Gartenbau zu beschäftigen.

Im Abendlande scheint die Entwicklung von Anfang an eine andere gewesen zu sein. Früh schon findet sich ein Zusammenschluß gleichgesinnter Brüder zu gemeinsamer Wohnung, persönlicher Besitzlosigkeit und gemeinsamer geistlicher Übung. Aus solchem Geiste sammelte schon der heilige Augustinus gleiche Genossen um sich. »In einem Garten,« erzählt er selbst von seiner Gründung in Hippo, »den der Greis Valerius mir geschenkt hatte, versammelte ich Brüder, die mir an guten Vorsätzen gleich waren, die nichts besaßen, wie ich nichts besaß, und die mich nachahmten« Augustinus, opera omnia V, sermones ad popul. n. 355: de vita et moribus clericor, sacror. C. 2.. Ebenso also wie einst Plato, Epikur, Theophrast ihre Jünger in ihrem Garten versammelten, wie vordem die heiligen Buddha, von ihren indischen Gläubigen mit einer Gartenheimstätte beschenkt, sich dorthin zurückzogen, so vereinigte jetzt ein Garten – vielleicht mit nicht ganz unbewußter Anlehnung an die antiken Vorgänger – die christlichen geistlichen Brüder mit ihrem großen Lehrer. Augustin hat dann später die Kirche mit ihrer Klosteranlage hineingebaut Possidius c. 5: factus ergo presbyter monasterium intra ecclesiam mox instituit: J. Schlosser, Die abendländische Klosteranlage des früh. Mittelalters, Wien 1889, S. 18., entsprechend den Museen, Exedren und Portikus in den alten Philosophengärten. Aus diesem Bericht geht zweifellos hervor, daß in diesem Falle das Zusammenwohnen im Garten der Gründung von Kirche und Monasterium voranging. Die Ansiedlung der eigentlichen klösterlichen Wohngebäude hat sich wohl von Anfang an um ein Peristyl gruppiert, und zwar sowohl im Abendlande mit seiner festen Disziplin des Zusammenwohnens, wie bei den orientalischen Mönchen, die sich größere persönliche Freiheit wahrten; denn auch die Einzelzellen der orientalischen Klöster sind meist um einen zentralen Hof gruppiert Das monasterium clericorum in Thevesti in Aliger zeigt einen oder zwei zentrale Höfe nach den Ausgrab. von Grenier, publ. bei Lenoir, Architecture monatique II, 482: Collect. des Documents inédits sur l'histoire de France, N. 283.. Das antike Vorbild für diese Bauweise christlicher Klöster ist so vielgestaltig und trotz größtem Formenreichtum, vom kleinen Stadtwohnhause zur prächtigen villa urbana, doch so durchaus auf einen Urtypus zurückzuführen, daß es schwer zu sagen ist, woran sich die Mönche anschlossen. Eine solche Anlage entspricht dem Wohnbedürfnis südlicher Völker; sie gab auch den Mönchen zwei Dinge, die sie vor allem brauchten: ein gemeinsames Zentrum und möglichste Abgeschlossenheit nach außen. Zweifellos haben vielfach die Klöster verlassene antike Villen für ihre Zwecke benützt und umgebaut v. Wilmowsky: Römische Villen zwischen Trier und Nennig, 1878, S. 7 u. a.. Hören wir doch nicht selten, daß Landgüter und Herrenvillen den Heiligen von ihren Gläubigen geschenkt wurden Grenier, a. o. O., p. 187.. Ganz ohne Gebäude wird auch der hortus, den der Greis Valerius dem Augustin schenkte, nicht gewesen sein, da hortus ja, wie wir gesehen haben, meist einfach für villa gesetzt wird. Anderseits haben wir die Portikus als Gartenanlage in zahllosen Beispielen gefunden, und wenn zur Seite der alten kaiserlichen Basilisken sich gewöhnlich eine Portikus – immer als Garten bepflanzt – fand K. Lange, Haus und Halle, S. 215., so erinnert auch dieses daran, daß die Mönchsportikus, das Claustrum, immer neben der christlichen Basilika, der Kirche, lag J. Schlosser, Die abendländische Klosteranlage, 1889, S. 18 ff.; Victor Schulze, Archäologie der altchristlichen Kunst, München 1895, S. 111 ff.. Vor allem aber zeigt das antike Kloster auf dem Forum, Haus und Tempel der Vestalinnen, eine so große Ähnlichkeit der Gruppierung mit den christlichen Anlagen, daß wohl das Bedürfnis des von der Welt abgeschlossenen Zusammenwohnens einer Ordenskongregation weder im Altertum noch im Mittelalter eine bessere Lösung hat finden können, so sehr sich auch sonst die Lebensweise der vornehmen Vestapriesterinnen von der der armen Mönche früher Observanz unterscheiden mochte. Aus der Portikus der antiken Basilika ist auch die Vorhalle der frühchristlichen Basilika entstanden, die bald Paradies, bald Atrium genannt wird. Sie erscheint in sehr verschiedener Gestalt überliefert, bald als gedeckte, ja mit einem Obergeschoß versehene Halle, bald als offener Säulenhof. Wir können hier eine mit der Wandlung der Bedeutung des griechischen Xystus analoge Entwicklung dieser Bezeichnung sehen.

Abb. 122
Paradies an der Klosterkirche von Maria Laach

Phot.

Daß die römischen Portikusgärten in byzantinischer Zeit von den großen Jagdparks der Perser den Namen Paradies übernommen hatten, sahen wir mannigfach bestätigt. So benannte man auch in den christlichen Basiliken den offenen Säulenhof davor, in dem sich die Büßer aufhalten mußten, ehe sie »in ecclesiam« aufgenommen wurden, Paradies. Später wurde die gedeckte Vorhalle, die dem gleichen Zwecke diente und die auch Asylrecht bot, nach dem Garten ebenfalls Paradies genannt. An diese letzte Benennung scheint sich das sogenannte Adamsaustreiben in Halberstadt angeschlossen zu haben: es war eine volkstümliche Feier, die Vertreibung des ersten Menschen aus dem Garten Eden darstellend, die im Paradies, das der Westfront der Kirche vorgebaut war, stattfand. Daneben hielt sich für die offenen Höfe die römische Bezeichnung Atrium. Auf diese Gleichstellung bezieht sich dann wohl die Tradition der Bollandisten, die den Griechen zuschrieben, daß sie zuerst in den Atrien Bäume gepflanzt hätten Acta SS. V. Maji, p. 425.. Diese offenen Säulenhöfe waren entweder ganz gepflastert, wie das mit dem Pinienbrunnen geschmückte Atrium der alten Petersbasilika in Rom, oder auch – dies wohl das häufigere in früherer Zeit – bepflanzt. Eine Inschrift in der im Jahre 900 von Paulinus von Nola erbauten Kirche des heiligen Felix enthält über der Türe, die in das »pomarium« führt, die Worte »exitus in paradisum« Paulinus Nolensis, poem. XXIV v. 491 u. ep. XXXII, ad. Gev. 12.. Und auch bis heute haben sich bepflanzte Paradiese erhalten, z. B. vor der Westfront der Kirche in Maria Laach in der Eifel (Abb. 122). Wie das Paradies »nach Weise der Römer« ausgeschaut hat, das nach dem Umbau von Monte Cassino 1070 erbaut wurde, wissen wir leider nicht, nur daß seine ganze Südseite ein großes Brunnenhaus einnahm. Ein Brunnen durfte niemals fehlen, man bedurfte seiner schon zu sakralen Zwecken. Zu den ältesten gehört wohl der Pinienzapfenbrunnen, der das offene Atrium von St. Peter schmückte. Er war vielleicht schon im Altertum ähnlich verwendet und hat selbst wieder zahlreichen anderen, im Orient besonders, zum Vorbild gedient. Auch im Abendland fand er Verbreitung, wie der Pinienzapfen zeigt, der heute noch in der Vorhalle des Aachener Münsters steht Strygowski, Der Pinienzapfen als Wasserspeier: Röm. Mitteil. 1903, S. 185 ff.. Ebenso wie die Paradiese der früheren Zeit, werden auch die Kreuzgänge als zentrale Höfe der Klöster bepflanzt zu denken sein. S. Paolo fuori le mura bei Rom hatte einen bepflanzten Kreuzgang (Abb. 123).

Abb. 123
Kreuzgang von S. Paolo fuori le mura, Rom

Phot.

Der Papst Hadrian ließ ihn im VIII. Jahrhundert »aufs schönste wiederherstellen«; er war nämlich damals aufs äußerste verfallen. Ochsen und Pferde taten sich an den Kräutern, die dort wuchsen, gütlich Liber Pontificalis, ed. A. Duchesne, p. 499. Zu den allerschönsten erhaltenen Kreuzgängen gehört wohl der normannischer Zeit entstammende Kreuzgang in dem an den Dom von Monreale bei Palermo anstoßenden Kloster. Er ist in Größe und Anlage ähnlich dem römischen von S. Paolo fuori le mura, hat aber in einer Ecke als besonderen Schmuck einen Brunnen erhalten. Palermo ist reich an kleineren sehr reizvollen Kreuzgängen, so besonders der von S. Lorenzo.. Selten, und wohl nur, wo man keinen weiteren Garten zur Verfügung hatte, wird dieser Kreuzgang als Nutzgarten bepflanzt worden sein. Häufiger wurde er als Kirchhof benutzt, meistens war er mit Bäumen und Blumenbeeten bepflanzt, mit einem Brunnen geschmückt, ein Ort der Meditation für die Brüder. In späterer Zeit hören wir oft von der Schönheit dieser Claustren. Als der wilde König Wilhelm Rufus von England einst in das Kloster von Romsey Einlaß forderte, wo Mathilde, die spätere Gemahlin Heinrichs, als Kind weilte, fürchtete die Äbtissin Unheil für die Kleine und steckte sie in ein Nonnenkleid. Der König trat in das Claustrum, als wolle er »nur die Rosen und die anderen blühenden Pflanzen darin bewundern«, und ließ das Kind unbehelligt mit den anderen Nonnen vorüberziehen Migne; Patrol. lat. 159, p. 428. Eadmer.. Und noch früher, im X. Jahrhundert, besingt der fromme Sänger solch einen Kreuzgang im Kloster zu Reichenau:

»Vor St. Mariens Haus erstreckte sich jenseits der Schwelle
Wohlgepflegt und schön der reich bewässerte Garten,
Rings umgeben von Mauern mit allseits geschwungenen Bogen,
Liegt er strahlend im Lichte, ein irdisches Paradies Purchardi, Carmen de Gestis Witigowonis abb.: Mon. Germ. d. S. IV, p. 621.

Früh schon haben sich die Gartenanlagen der Klöster nicht allein auf die Kreuzgänge beschränkt. Gleich der Gründer des Benediktinerordens, durch den im VI. Jahrhundert das Klosterleben im Abendlande seinen bedeutsamen Aufschwung nahm, bestimmte, daß innerhalb der Mauern sich »alles Nötige« zum Unterhalt der Mönche finden solle, und dazu gehörten in erster Linie Wasser und Gartenanlagen Holstenius, Cod. Regul. I c. 66 monasterium autem fieri potest ita debes construi ut omnia necessaria id est aqua, molendium, hortus, pistrinum, vel artes diversae intra monasterium exerceantur.. Daß dieser »nötige« Garten in erster Linie ein Gemüse- und Kräutergarten war, ist anzunehmen. Wie weit schon die durch den heiligen Benedikt selbst gegründeten Klöster, besonders das Mutterkloster auf dem Monte Cassino, diesen Forderungen haben gerecht werden können, muß Vermutung bleiben. Die Erwähnung eines Turmes, in dem der heilige Benedikt mit seinen Jüngern wohnte, und einer Portikus erinnert an römische Villenbilder Schlosser, Klosteranlagen, S. 9.. Jedenfalls sind die Benediktiner, denen ihre Ordensregel ausdrücklich die Gartenarbeit vorschrieb, die Hauptträger der Gartenkultur das ganze Mittelalter hindurch gewesen. Doch auch die Klöster, die unbeeinflußt von der Benediktinerregel den Mönchen sogar verboten, sich mit Landwirtschaft zu beschäftigen, scheinen einen Garten als unerläßlich anzusehen. Der Spanier Isidorus Isodorus Hispalensis (Holsten I, 188 c, 1): Schlosser, Klosteranlagen S. 10. schreibt in seiner Regel ausdrücklich vor, daß innerhalb des Klosters sich der Garten, in den man durch eine Hintertüre tritt, der also an der Mauer gelegen sein muß, befinden soll, damit die Mönche darin arbeiten könnten und keine Gelegenheit herauszugehen hätten. Es ist schwer zu sagen, wie weit in den alten römischen Provinzen eine gewisse Tradition des Anbaues der edlen Obstsorten etwa die Stürme des Mittelalters überdauert hat, ob die Mönche dort haben anknüpfen können, oder ob sie die Kultur ganz neu wieder hingebracht haben, wie dies sicher in allen östlichen Gebieten germanischer Nationen der Fall ist. Höchst charakteristisch ist es, daß in Norwegen noch heute die schönsten und ausgedehntesten Obstbaumkulturen sich auf den Stellen alter Klostergebiete befinden C. A. Lange: De Norske Klosters, Historie i Middelalderes, Christiania 1854, p. 154; J. Hoops: Baum und Kulturpflanzen bei den alten Germanen, c. 13, S. 534 ff..

Eine ganz klare Vorstellung von einer großen Klosteranlage nach den Regeln des heiligen Benediktus gewinnen wir erst aus dem Klosterplan, den die Bibliothek von St. Gallen aufbewahrt (Abb. 124). Er wurde um das Jahr 900 dem Abte von St. Gallen als ein idealer Musterplan zugesandt Ferd. Keller: Der Bauplan von St. Gallen, Zürich 1844.. Der ganze Riß, der hier wirklich »alles Notwendige« mit seiner Mauer umschließt, zerfällt in drei Hauptteile: die Kirche mit den Regularen-Gebäuden im Zentrum, nordöstlich davon die Schulen, Spitäler und Gasthäuser, südwestlich die Ställe und Wirtschaftsgebäude. Nicht nur das eigentliche Haus der Mönche mit der Kirche, sondern fast sämtliche anderen Gebäude gruppieren sich um einen zentralen Raum, der ein von Portikus umgebener freier Hof ist. Der Kreuzgang der Mönche hat vier Tore, von denen aus Wege das regelmäßige Viereck durchschneiden. Im Zentrum ist in einem kleinen Kreis das Wort »savina« zu lesen, vielleicht ein Säben-Baum, von Gras und Blumen umgeben; auch die vier ausgesparten Felder werden mit Blumenanlagen verziert gewesen sein, was vielleicht durch das feine Ornament angedeutet wird. Da aber auffallenderweise in diesem so ausführlich disponierten Plan jede Bewässerungsangabe fehlt, könnte natürlich auch ein Mosaikpflaster gemeint sein. Natürlich muß für eine solche Anlage reichlich Wasser vorhanden sein; auch der Stifter hatte Wasser unter die notwendigen Dinge aufgenommen, darum können die Brunnen hier nur ausgelassen sein, vielleicht, um sie bei der Ausführung den individuellen Terrainverhältnissen anzupassen. Ähnliche Peristyle wie das Claustrum zeigen auch noch Schule und Spital, während andere Gebäude, wie das Fremdenhospiz, die äußere Schule u. a., ein gedecktes Atrium als Zentralraum anzudeuten scheinen. Wenn wir über die Bepflanzung der Peristyle wenig erfahren, so ist der Zeichner um so ausführlicher bei den eigentlichen Gärten, die er um Schule und Spital gruppiert hat. Südlich vom Spital liegt die Arztwohnung, so eingerichtet, daß man auch Schwerkranke dort unterbringen konnte. Nach Westen zu ist der Arzneigarten davor gelegt, ein kleines Viereck, das in 16 regelmäßige Beete eingeteilt ist. Die Anlage war vielleicht römische Tradition, doch entspricht die Regelmäßigkeit der viereckigen Beeterhöhungen dem immer gleichen Bedürfnis der Bewirtschaftung Heyne, Hausaltertümer II, S. 90, lateinisch pulvinus, bei Varro Erdhügel; die gewöhnliche Bezeichnung für Beet ist, wie früher erwähnt, areola.. Auch späteren mittelalterlichen Dichtern erschien ein solcher Garten wie ein Schachbrett »geschachzabelt und gefiert« Hätzerlin, Liederbuch, Von dem Mayen-Krantz 57, 34., ganz konsequent hat sich dann aus dieser Beeteinteilung das Parterre entwickelt. Die Arzneikräuter, die in unserm Klostergarten wachsen, sind genau durch Inschriften bestimmt: vornan Rosen und Lilien, weiterhin Salbei, Gladiolen, Rosmarin und andere Kräuter, lustig anzuschauen und süß duftend. So muß dieses Gärtlein nicht nur den Kranken heilsame Säfte geliefert haben, sondern auch den Genesenden ein lieblicher Anblick gewesen sein. In diesen Arzneigärten liegt deutlich der Keim aller späteren eigentlichen Blumengärten, was in dem Bewußtsein der Menschen so fest wurzelte, daß bis tief in die hoch entwickelte Gartenkunst der Renaissance hinein der Blumengarten immer noch Arzneikräutergarten heißt. Nördlich vom Spital liegt der Friedhof, der dem praktischen Sinn der Mönche zufolge zugleich ein regelmäßig gepflanzter Baum- und Obstgarten ist. Den Mittelpunkt bildet ein liegendes Kreuz, das wir uns in buntem Mosaik ausgelegt denken können. Zwischen den Baumpflanzungen sind, auch wieder ganz regelmäßig verteilt, die Grabstätten für die Mönche angegeben. Die Bäume selbst sind mit Plan und Überlegung verteilt, allerdings ist der Zeichner nicht auch zugleich ein großer Botaniker gewesen; er hat es sich hier leicht gemacht und die Baumarten einfach aus Karls des Großen Capitulare de villis abgeschrieben, ohne Rücksicht darauf, ob wohl alle die Obstsorten, die er eingezeichnet, auch in der Gegend von St. Gallen fortkommen könnten. Von der Feige ist das wohl zu bezweifeln, auch Lorbeer und Pinie werden den Friedhof jener Gegend nicht geziert haben.

Abb. 124
Idealplan eines Klosters. St. Gallen

Nach Keller

Für uns wichtig ist, daß der Architekt eine gewisse Zierlichkeit, ja Architektonik der Anlage beabsichtigt hat, die im Arzneigarten wie auch im Gemüsegarten, der nördlich vom Friedhof liegt, fehlt. Der Gemüsegarten ist ähnlich, nur weit größer als der Arzneigarten. Auf 18 regelmäßigen, zu einem Rechteck zusammengeschlossenen Beeten »grünen die schön wachsenden Gemüse«, wie die Umschrift lautet. Auch die hier angeführten Gemüse sind aus dem Capitulare abgeschrieben. Die Besorgung dieses Gemüsegartens war für die Mönche, deren Nahrung hauptsächlich vegetabilisch sein sollte, ein Gegenstand von großer Wichtigkeit, darum ist dem Gärtner und seinen Gehilfen ein geräumiges Haus bestimmt, das vor dem Garten steht. Wieder nördlich von dem Gemüsegarten ist das Geflügel untergebracht, in zwei kreisrunden Vogelhäusern, deren Anlage noch entfernt an die Vogelhäuser des Varro erinnert. In der Mitte beider liegt wieder ein Wohnhaus für den Geflügelzüchter.

Eine besondere Eigentümlichkeit zeigt die Gestaltung des Paradieses: zu beiden Seiten der Kirche ist ein halbkreisförmiger unbedachter Raum als Paradies bezeichnet. Ob als Garten gedacht, ist aus der Zeichnung nicht zu ersehen. Merkwürdigerweise ist auf dem Plan neben der schönen Abtwohnung, dem einzigen nicht zentral gruppierten Bau, vor dem zwei Veranden liegen, nur äußerst wenig Raum vorgesehen, um einen Garten, an den der Baumeister wohl nicht gedacht hat, anzulegen. Der Abt aber hatte, wie später gezeigt wird, schon damals meist einen besonderen Garten, und die gartenliebenden Äbte von St. Gallen werden darauf auch nicht verzichtet haben. Wir müssen aber im Auge behalten, daß wir hier nicht ein wirklich gebautes oder gar historisches, durch Um- und Erweiterungsbauten gewordenes Kloster vor uns haben, sondern einen schön erdachten und sauber ausgeführten Musterplan. In wirklichen Klöstern ist die recht stattliche Anzahl der Gärten unseres Planes häufig noch weit übertroffen, anderseits hat, besonders in Gegenden und Zeiten, wo die antike Tradition sich auch im Klosterleben noch stärker erhalten hat, die Blumenliebe gewiß größere Gärten für diese Zucht erfordert, als sie der St. Gallener Plan zubilligt. Wenn auch die Pflanze als Heilkraut lange den eigentlichen Blumengarten beherrscht hat, so hatte doch gerade die Kirche früher dafür gesorgt, daß bestimmte Blumen, zuerst Rosen und Lilien, später auch das Veilchen, eine symbolische Bedeutung erhielten. Rose und Lilie, von den ersten Christen als heidnische Blumen verabscheut, wurden bald das Symbol Marias und der Lohn der Märtyrer Joret, La rose dans l'antiquité et au moyen-âge 1892, p. 231 ff.. Früh schon knüpft sich dann an Farbe und Duft der Blumen eine ausgebildete Symbolik. Welch eine Rolle spielen die Blumen in den zarten Billets, die der Dichter Venantius Fortunatus seiner Freundin, der heiligen Radegunde, sendet. Die königliche Frau hatte bei Poitiers sich ein Kloster als Zufluchtsstätte vor dem wüsten Leben am Merowinger-Hofe, dem sie entflohen war, gegründet. In den poetischen Freundschaftsgrüßen spricht Fortunatus oft seinen Dank für allerlei kulinarische Sendungen aus dem Kloster, die fast immer mit Blumen begleitet sind, aus. Ja einmal hat Radegunde ihn zum Mahle empfangen, wo das Tafeltuch mit einem Bett von Rosenblättern beschüttet und die Schüsseln bekränzt waren Ebert, Geschichte der christlich-lateinischen Literatur I, S. 503.. Auch Girlanden wurden an den Wänden der Speisezimmer noch ganz in antiker Weise aufgehängt A. Amman et Ch. Garnier, Histoire de l'habitation humaine, 1892, p. 593.. Wir finden hier im VI. Jahrhundert noch den Hauch antiker Lebenskunst, selbst in dem Verkehr der innerlich frommen Klosterfrau mit ihrem dem geistlichen Stande angehörigen Dichterfreunde; zu solchem Blumenluxus gehörte sicherlich ein großer Garten und kunstvolle Gartenpflege. Gewiß verblaßte mit den rauheren Sitten vieles von diesen Lebensgewohnheiten.

Abb. 125
Klosterplan von Canterbury

Nach Lenoir

Doch wenn auch nicht die Tafelfreuden, so forderte doch zu allen Zeiten der Gottesdienst viele Blumen. Dazu waren häufig besondere Gärtlein dem Sakristan unterstellt, der zu den Festtagen die Kirche schmücken mußte. Schon im IX. Jahrhundert wird ein solches Sakristanblumengärtlein im Kloster von Winchester erwähnt Wharton, Anglia Sacra I, p. 209.. Man pflegte diese Sitte in englischen Klöstern wohl besonders, wo noch heute nach alter Tradition der reizend gepflegte Blumengarten zum Schmuck der Kathedralen selten fehlt. Hier und da wird frühe schon das Amt eines besonderen Klostergärtners erwähnt, der ja im St. Gallener Plan sogar ein besonderes Wohnhaus hatte. Häufig aber wird es wohl nicht gewesen sein, daß dieses Amt einer der gelehrten Mönche bekleidete, wie dies in dem Salzburger Kloster Ranshofen sich als Tradition bis zu seiner Aufhebung im Jahre 1811 erhalten hat Fr. Keinz, Helmbrecht und seine Heimat 2, 1887.. Hier mußte der Pater Klostergärtner alljährlich eine Wanderung durch das ganze Klostergebiet unternehmen, um die Bauern in Obstzucht und Küchengärtnerei zu unterrichten. Nicht unwahrscheinlich ist es, daß der Dichter des Meier Helmbrecht im XIII. Jahrhundert, der sich selbst »Wernher der gardenere« nennt, ein solcher Ranshofer Klostergärtner war. Ein hübsches Bild, wie die Mönche Lehrer und Kulturträger ihres ganzen Gebietes waren.

Solcher von den Mönchen mittelbar kultivierten Gebiete, die außerhalb ihrer Mauern lagen, waren nicht wenig; auch die eigenen Wein- und Obstgärten waren bald viel zu groß, als daß sie im eingehegten Teile liegen konnten. Welche Ausdehnung diese Obstgärten manchmal hatten, zeigt eine Schenkung König Johanns von England an Slanthorny Priory von 12 Acker Obstgarten. Ein Weingarten gehörte in allen Ländern, in denen Wein gebaut wurde – und im Mittelalter reichte der Weinbau bis hoch in den Norden von England und bis Ostpreußen – unbedingt zum Klostergut. In Köln liegt jetzt mitten im Gewühl der großen Stadt bei St. Mauritius ein stiller Weingarten, aus dessen grüner Abgeschlossenheit lebendig ein Hauch des Mittelalters weht. Auf dem Plan des Klosters von Canterbury (Abb. 125), der etwa aus dem Jahre 1165 stammt, liegen Obst- und Weingärten außerhalb der Mauern. Dieser Plan Lenoir, Architecture monastique 1852, p. 28 ist augenscheinlich gezeichnet, um die Lage der Bewässerung, vielleicht für Reparaturen, zu veranschaulichen, das bedeuten die dicken schwarzen Striche, die das halb aus der Vogelperspektive, halb als Grundriß entworfene Bild durchziehen. Innerhalb der Mauern ist die Bewässerung besonders reichlich unter den Kreuzgängen und Gärten hingeleitet, da man sie hier für die Pflanzen am stärksten brauchte. In einem an der östlichen Mauer gelegenen Hofe wird ein sehr großes Bassin Piscina genannt; es war also zur Fischzucht bestimmt, die überall in den englischen Klöstern besonders reichlich betrieben wurde. Auch der Laienkirchhof, der nördlich noch innerhalb der Mauern gelegen ist, hat seinen eigenen Brunnen. Das Krankenhaus sieht auf einen großen Kreuzgang, der das »Herbarium«, den medizinischen Garten, umschließt, in der Mitte von einem gewölbten Gang oder einer Pergola durchschnitten war und an der Seite das Brunnenhaus hatte. Auf der anderen Seite liegt der Mönchskirchhof. Der Plan ist fragmentarisch und, wie gesagt, zu bestimmten technischen Zwecken verfertigt. Das Kloster umschloß in einer Reihe von anderen Teilen sicher auch noch andere Gärten. Außerhalb der Mauern liegen, auf dem Plan nur schematisch angedeutet, der Obst- und Weingarten, weiter das Feld, in dem zwei Türme, wohl für die Wächter, errichtet sind.

Abb. 126
Hortus deliciarum von Herrad von Landsperg

Holzschnitt

Ein wenig früher schildert ein Zeitgenosse des heiligen Bernhard die Abtei von Clairvaux: »dort liegt hinter der Abtei, von der Klostermauer umfangen, eine breite Ebene. Innerhalb dieser Mauer bilden viele und verschiedene, an Früchten reiche Bäume einen Obstgarten, der einem Wäldchen gleicht. Er liegt beim Krankenhause, wo er die Brüder mit nicht kleinem Troste erheitert, während er einen weiten Spaziergang denen, die gehen wollen, und einen angenehmen Ruheplatz für die, die ruhen wollen, bietet ... Wo der Obstgarten aufhört, beginnt ein Garten, eingeteilt in mehrere Beete, oder besser, abgeteilt durch kleine Kanäle, die, obgleich es stehendes Wasser ist, doch langsam abfließen ... Das Wasser verfolgt den doppelten Zweck, die Fische zu nähren und die Gemüse zu bewässern« J. Triggs, The Formal Garden of England and Scotland, p. 2, leider ohne Quellenangabe.. Dieses Bild eines französischen Klostergartens im Beginn des XII. Jahrhunderts deutet mit den von Kanälen umgebenen Gärten schon auf die eigenartige Renaissanceentwicklung des Gartens in diesem Lande.

Ganz ähnlich ist das Bild, das William of Malmsbury von Thorney Abbey bei Peterborough in England entwirft, die innerhalb eines sumpfigen Terrains liegt. Er lobt besonders, daß der Baumgarten »eben wie die See« ist, die schönen, glatten Stämme der Fruchtbäume, deren Wuchs zu den Sternen strebt, und wie alles so reich und dicht bewachsen sei. »Ein Wettstreit ist hier zwischen Natur und Kunst, das, was die eine nicht hervorbringt, das schafft die andere« Wilhelm Malmsburg, de gestis Pontif. Angl. Lib. IV (Migne Patr. 179, p. 1612)..

Landbesitz außerhalb der Mauern haben schon zu Karls des Großen Zeit die Klöster gehabt. Auch zu dem St. Gallener Plan werden die Obst- und Weingärten außerhalb hinzugedacht werden müssen, gerade wie in Canterbury. Das ganze Zeitalter Karls des Großen, dem der St. Gallener Plan noch zugerechnet werden kann, ist eine Zeit bedeutenden Aufschwungs für den Gartenbau. Karl förderte persönlich alle Kultur seiner Lande. In den eigenen Gärten ließ er eine Fülle neuer Pflanzen, natürlich in erster Linie als Nutzpflanzen und zu offizinellen Zwecken, anbauen. Das Capitulare de villis, das unter anderen Vorschriften eine möglichst vollständige Aufzählung der anzubauenden Pflanzen enthält, hat auf Landbau und Gartenzucht einen unübersehbaren Einfluß geübt. Ganz besonders begünstigte der Herrscher die Ausdehnung der Klöster. Er förderte ihre Baulust wo er nur konnte. Unter dem Schutz und Frieden, den sie genossen, beschäftigten sich die Mönche immer intensiver mit der friedlichen Gartenpflege, die ihnen selbst so viel Freude und Nutzen brachte. Fromme Gemüter sahen freilich in dieser Freude an den Gärten auch gleich eine Gefahr für das Mönchsleben. Herrad von Landsperg läßt in ihrem Werke, das sie selber »Hortus deliciarum« nennt, einen Eremiten auf der Tugendleiter bis zur obersten Sprosse gelangen, da schaut er rückwärts, sieht sein blühendes Gärtlein unter sich, die Sehnsucht erfaßt ihn, und köpflings stürzt er hinab unter die Beete, weil er das irdische Paradies dem himmlischen vorgezogen Herrard v. Landsperg, Hortus deliciarum, Straßburg, pl. LVI. (Abb. 126). Glücklicherweise aber dachten Klostermänner und Frauen nicht alle so streng, sondern sahen in der Gartenpflege das Merkmal eines stillen, friedlichen Lebens. Sie hatten ja auch ein heiliges Vorbild in dem ersten Garten, dem Paradies, den Gott den Menschen geschaffen. Und diesen ersten Garten hat man sich zu allen Zeiten als ein ideales Vorbild des eigenen irdischen vorgestellt. Vor der Karolingerzeit spielten die Gärten in der dichterischen Vorstellung noch keine bedeutende Rolle. Angelsächsische und altsächsische Texte übersetzen das Wort Paradies mit Wiesenplan, Anger. »Wonnesames Feld« nennt es Otfried. Mit dem Anfang einer bewußten Gartenkunst wird auch das Paradies sofort zu einem Ziergarten. Notker übersetzt es mit ziergart oder zartkartin. Und die ausführlichen Schilderungen, wie sie die altdeutsche Genesis bringt, entsprechen ganz dem Garten der Zeit mit seinen Obstbäumen, Kraut- und Blumenbeeten Heyne, Hausaltertümer II, S. 97 f.. Das zeigt deutlich ein Vergleich mit den ersten Schilderungen wirklicher Gärten.

Die gelehrte mönchische Poesie wagte schon in der ersten Hälfte des IX. Jahrhunderts, sich mit dem Garten zu befassen. Der junge Abt Walafried Strabo, der in kurzer Zeit sein Kloster Reichenau auf der lieblichen Bodenseeinsel zu weitreichendem Rufe der Gelehrsamkeit brachte, verfaßte ein Gedicht, das er »Hortulus« nannte. Sein eigenes Abtgärtlein schildert er darin: es liegt, während der St. Gallener Plan den Westen für seine Gärten wählt, an der Ostseite seines Hauses, unmittelbar vor der Türe, so daß das Vordach einen Teil vor Wind und Regen schützen kann, während im Süden eine hohe Mauer die brennenden Strahlen der Sonne abhält. 23 verschiedene Blumenarten zieht er darin, denen Geruch und Geschmack das Recht verleihen, dort eine Stelle zu finden. Doch hat er sich nicht etwa so schematisch an das Capitulare gehalten, wie der St. Gallener Architekt. Hier und dort verraten ein paar schwungvolle Verse, daß ihm diese oder jene Blüte besonders lieb ist. Die Rose aber, als die Blume der Blumen, und ihre ebenbürtige Schwester, die Lilie, sind als jene höchsten Symbole der Kirche, als das Märtyrerblut und die Reinheit des Glaubens gepriesen. Und welch ein liebliches Gartenbild entfaltet die Widmung zum Schlusse! Dem Abte Grimaldus vom Nachbarkloster St. Gallen sendet er das Werkchen: »Wenn du«, redet er den verehrten Mönch an, »im Gehege des grünenden Garten niedersitzest unter dem schattigen Apfelbaum mit seinen schwellenden Früchten, wo der Pfirsichbaum mit ungleichem Schatten sein Laub (crines) teilt, während die spielenden Knaben aus deiner fröhlichen Schule die mit zartem, grauem Flaum bedeckten Früchte sammeln, ... dann liest du meine Gabe« Walafrid Strabo, Hortulus, ad Grimaldum Praefatio.. Das ist ein fröhliches Bild sommerlichen Gartenlebens, dem man die Liebe anmerkt, mit der es geschrieben ist. Natürlich ist der Garten des frühen Mittelalters ein reiner Nutzgarten. Wo sollten diese Menschen auch jene Lebenssicherheit und Freiheit hernehmen, die eine Kultur verlangt, in der man sich in öffentlichen und privaten Lustgärten versammeln durfte. Erst mußten sie langsam wieder lernen, im kleinen sich der Gärten und ihrer Pflege zu erfreuen.

Ein anderer solcher Lehrer war der gelehrte Polyhistor Rhabanus Maurus, der in seinem großen Lehrgedichte über das Weltall auch dem Garten ein Kapitel widmet. Freilich ist ihm die Bibel eine Art von Herbarium, und jede Pflanze möchte er erst durch eine Stelle aus den heiligen Schriften sanktionieren, doch ist vieles mit Liebe geschildert und selbst gesehen. »Der Garten«, beginnt das 9. Kapitel des XIX. Buches, »heißt so, weil immer etwas darin wächst.« Es ist nicht anzunehmen, daß im Klostergarten zu Fulda immer etwas gewachsen sei, aber es klingt hier noch die alte Forderung des Homer durch, die das Ideal der Gärten bleibt. Weiter wird der Garten der heiligen Kirche verglichen, die so viele geistige Früchte trägt, die umfriedet ist von dem Schutze Gottes, in der der heilige Brunnen des Heiles fließt. Der Garten bedeutet alle innersten Freuden des Paradieses Rhabanus Maurus, de universo, lib. XIX, cap. IX, hortus hergeleitet von oritur..

Als ein lebendiges Zeichen der Blumenliebe jener Zeit wird der uralte Rosenstock in Hildesheim angesehen. Ob die Tradition, daß er zuerst vor 1000 Jahren gepflanzt sei, richtig ist, läßt sich nicht erweisen, jedenfalls wird er bis heute öfter erneut worden sein G. Stockfleth, Der tausendjährige Rosenstock im Dome zu Hildesheim: Zeitschr. f. Gartenbau u. Gartenkunst 1895, S. 341 ff., S. 343..

Eine besondere Förderung der mönchischen Gartenpflege bedeutete die Gründung der Kartäuserklöster. Im Prinzip gingen diese auf den Gedanken der orientalischen Klöster zurück: man wollte in der Konzentration des Einsiedlerlebens die beste Erziehung und würdigste Vorbereitung der Seele für das Jenseits finden. Darum wurde das Zusammenleben der Mönche auch in ihren Wohnungen aufs äußerste beschränkt. Zwar ein zentraler Kreuzgang behielt seine Bedeutung als gemeinsamer Garten, aber um ihn gruppierten sich Einzelzellenwohnungen, deren jeder ein Gärtlein zu besonderer Pflege und Erholung ihrer Anwohner zugefügt war. Ein Musterstück einer Kartäuseranlage zeigt der Plan des Klosters von Clermont Viollet-le-Duc, Dictionnaire de l'Architecture I, p. 308.. Welche Fülle von Gartenmotiven finden wir auf diesem einfachen Plan. Gleich in dem großen Eingangshof, der rings von Gastwohnungen und Wirtschaftsräumen umgeben ist, ist in der Mitte ein Teil erhöht, es ist die Abtwohnung mit einem Gärtchen daneben, in dessen Mitte ein Brunnen fließt. Westlich davon ist ein Turm als Taubenschlag errichtet. Von dem großen Kreuzgang ist der westliche Teil als Kirchhof abgezweigt, der übrige als Garten angelegt, und ringsum liegen ganz regelmäßig die Einzelzellenwohnungen der Mönche, südöstlich umschließen sie die kleinen Privatgärtlein. Ganz hat sich auch die Certosa im Val di Ema bei Florenz ihr mittelalterliches Aussehen erhalten. Aus den kleinen Gärtchen neben den Zellen, die den großen Gartenhof gleich Zinnen umgeben, genossen die Mönche die wundervolle Aussicht. Und jedem Beschauer wird sich der Hof des heutigen Thermenmuseums in Rom mit den kleinen umherliegenden verschwiegenen Zellengärtchen tief eingeprägt haben (Abb. 127); wenn er auch die architektonische Verkleidung erst durch Michelangelo erhalten, ist die Gartenverteilung doch die gleiche geblieben. Es ist klar, daß gerade bei dieser persönlichen Anregung der Mönche zuerst die Blumenzucht und mit ihr auch die Gartenkunst auf das schönste gefördert wurde Heute (1925) ist durch die neuen großen Erweiterungsbauten des unübersehbar wachsenden Museums die Spur dieser kleinen Zellengärtchen fast ganz verwischt..

Abb. 127
Klosterhof des heutigen Thermenmuseums in Rom

Nach Letaroully

Wenn wir die Klosterpläne der ersten Hälfte des Mittelalters mit den Laienwohnungen, besonders denen des Adels in seinen festen Schlössern vergleichen, so empfinden wir den Unterschied der Großräumigkeit der architektonischen und gärtnerischen Anlagen innerhalb der oft recht weit gezogenen Klostermauern von den eng aneinander und übereinander geschmiegten Gebäuden, die die festen Häuser der Ritter bildeten. Wir haben die Entwicklung der antiken Villa zur festen Burg schon zu Sidonius' Zeiten verfolgt. Es war noch ein prächtiges Bild, dessen üppigen Reichtum die Notwendigkeit der Wehrhaftigkeit noch nicht zerstört hatte. Und noch 100 Jahre später weht durch Fortunatus' Gedichte manches von antiker Fest- und Gartenfreude. Nicht nur in den vornehmen Klöstern liebte man, wie schon erwähnt, Rosen- und Blumengärten, auch die gallischen Könige waren noch bedacht, sich schöne Gärten anzulegen. Ultrogote, König Childebert I. Gemahlin, wurde um der Rosengärten, die sie bei ihrem Palast anlegte, gerühmt, und der Garten bei dem alten Königsschloß in Saint-Germain genoß großen Ruf. Aber in den Stürmen der folgenden Jahrhunderte hat auch der üppige gallische Adel sich manche Verrohung der Sitten und Gewohnheiten gefallen lassen müssen. Überall zwang die Unruhe und Unsicherheit der Zeiten die Ritter, ihre Burgen immer enger und fester in sich zusammenzuziehen. Von der reichen, vielgestaltigen Anlage des burgus in der Zeit des Sidonius bleiben nunmehr nur die wehrhaften Teile der Mauern mit den Türmen des Bergfrieds, des festen Hauses mit seinen Dependancen der Wirtschaftsgebäude um die inneren Höfe. Auf schwer zugänglichen Bergkuppen, die wenig Raum boten, siedelten sich die Edelleute an oder umgaben ihre Wohnstätten in der Ebene mit breiten Wassergräben. In beiden Fällen war für Gärten kaum Platz gelassen.

Abb. 128
Gartentor, Miniatur aus Roman de la Rose

Vläm. Ms. Brit. Mus. Phot.

Es war auch bei diesen Burgbewohnern wenig Neigung für friedliche Bepflanzung und Kultur des Bodens, die Ritter brachten von ihren Jagdzügen schon das Nötige für die Küche mit. Trotzdem werden auch auf den alten Burgen die Gärtlein nicht ganz gefehlt haben. Die Pflegerinnen waren die Schloßfrauen, die von ihren Lehrmeistern, den Mönchen, erlernten, wie man heilsame Kräuter in den Würz- und Krautgärten pflanzte, um Kranke und Wunde in Schloß und Dorf zu heilen oder auch um etwas Zukost und Gemüse für die Küche zu erzielen. In der Zeit der Blüte erfreuten sie sich dann der bunten Pracht, und die Jungen und Frohen flochten wohl auch Kränzlein für sich und den Gespielen. Unter den Fenstern der Frauenwohnung legte man den Garten an, damit er der Schloßfrau im Auge bliebe. Von oben wollte er angeschaut werden, dann lag er wie ein bunter Teppich in seiner Kleinheit und bunten Fröhlichkeit vor den Blicken. Selten wohl hat man direkt aus der Frauenwohnung in den Garten, in den man schaute, auch hineingehen können, meist war er für sich umhegt, aus dem Hause ging man durch ein »viel enges« Türlein Gesammtabenteuer, hrsg. von F. H. von der Hagen, Stuttgart 1850, II, 25, Die Nachtigall. (Abb. 128) hinein; ebenso häufig liegt der Garten auch neben dem Pallas, woher dann eine Stiege hinabführt, wie der Garten, in den Iwein herabsteigt Hartmann von der Aue, Iwein v. 6430 f.. Auch auf dem schönen Bilde der Civitas Dei liegt das Gärtlein, das Lilie und Brunnen zeigt, umzäunt neben dem Bergfried (Abb. 130). Diese Lage können wir auch ganz deutlich noch an mittelalterlichen französischen Schlössern nachweisen Vincennes, Blois u. a., in Vincennes zeigt ein alter Stich die Lage dieses Gartens; Blois hatte bis zu der Zerstörung der Gärten diesen mittelalterlichen Donjongarten bewahrt. (Abb. 129), und Boccaccio wie nach ihm Chaucer lassen die schöne Emely vor den Augen der Gefangenen im Bergfried unten im Garten lustwandeln Chaucer, Canterbury Tales, The Knightes Tale v. 193 f..

Abb. 129
Schloß Vincennes bei Paris, Gärtlein am Bergfried

Nach Ducerceau

Abb. 130
Burggärtlein am Bergfried. Aus Breviarium Grimani

Cliché de la Bibl. d'Art et d'Archéologie

Allerdings fehlen uns für das frühe Mittelalter fast alle Nachrichten und Bilder über die Bepflanzung der Schloßgärten, aber schon um das Jahr 1000 spricht Notker von dem »bluomengarten, dar rosa und de ringelen und violae wahsent« Heyne, Hausaltertümer II, S. 92, Anm. 141.. Neben dem Blumengarten wird früh von dem Baumgarten gesprochen. Zuerst immer hören wir, daß der Garten von einer Mauer umgeben ist. »Wann um den Bomgarten ein viel hohiu mure gat« Konrad v. Würzburg, Engelhardt v. 2933. oder »vor dem huse ein bomgarten lag, darumb gieng ein hoher hag« Gesammtab. II, 25, Die Nachtigall 61.. Der Baumgarten, den Hartmann von der Aue im »Erec« schildert Hartmann v. d. Aue, Erec v. 8685 ff., hat zwar keinen Zaun noch Wasser, nicht Mauer noch Graben, der ihn umgibt, aber er ist ein Zaubergarten, ebenso wie der Rosengarten des Laurin, den statt der Mauer nur eine seidene Schnur schützte; dies Zauberwesen aber zeigt erst recht, wie gar notwendig die feste Mauer zum Schutze war. Der Baumgarten war die eigentliche mittelalterliche »plaisance«, der Lustgarten. In erster Linie enthielt er fruchttragende Bäume, aber wie aus Karls des Großen Capitulare hervorgeht und der Baumgarten-Friedhof in St. Gallen bestätigt, waren es durchaus nicht allein Fruchtbäume, die man pflanzte, sondern auch eine Menge reiner Schmuck- und Schattenbäume. Die im X. Jahrhundert entstandene lateinische Tierfabel, die »Ecbasis Captivi«, schildert einen königlichen Garten, in dem eine Eiche inmitten von Kräutern und Blumen wuchs, unter ihrem Schatten empfängt sie den kranken König, ein lauterer klarer Quell durchrieselt den Garten Ecbasis Captivi v. 590 ff.. Im »Parzival« liegt ein Garten um den Schloßberg, in dem außer edlen Blumen Feigenbäume, Granaten, Ölbäume und Weinreben sich befanden Wolfram v. Eschenbach, Parcival v. 508, 9 ff.. Und welche Rolle spielt in Deutschland besonders die Linde! Sie steht nicht allein im Baumgarten, nein, häufig schmückt sie den Burghof mit einem Rasenplatz und einem Brunnen. Sie ist der eigentliche Baum der Geselligkeit und steht auch auf dem freien Anger. Man zieht ihre Äste breit und stützt sie mit Säulen, darunter ist dann eine Bank angebracht, auch in den Zweigen oben baut man häufig noch Sitzbänke; oft wird auch der ganze Baum mit einer ummauerten Schranke umgeben, wie eine noch erhaltene Linde in Michelstadt Heyne, Hausaltert. II, S. 93 (Abb.) u. 95..

Abb. 131
Rasenbank an der Mauer, aus Roman de la Rose.

Vläm. Ms. Brit. Mus.
Phot.

Im Garten selbst saß man am allerliebsten auf Rasenbänken, die meist rings an der Mauer entlang liefen und dann aus Ziegeln aufgemauert waren oder auch für sich gesondert lagen (Abb. 131). Ebenso gerne setzte man sich aber auch zu geselligen Spielen oder Gesprächen oder zum Kranzflechten auf den blumigen Rasen (Abb. 132), dort waren die Blumen dann nicht in Beeten gezogen, sondern wuchsen überall im Rasen zerstreut.

Abb. 132/133
Obene: Kranzflechtende Frauen auf dem Rasen sitzend.

Aus Heures d'Anne de Bretagne
Cliché de la Bibl. d'Art et d'Archéologie
Phot.

Unten: Gartenbild, aus Roman de la Rose.

Vläm. Ms. Brit. Mus.

Schon in einem Psalter des X. Jahrhunderts begegnen die beiden Marien Christus im Garten auf einer solchen Blumenwiese Heyne, a. o. O. II, S. 94., und immer wieder trifft man auf diesen üppig sprießenden Blumenteppich.

In späterer Zeit begnügte man sich nicht mehr mit einem Garten. Durch zierliche Gitter und Tore wurden die einzelnen Gärten innerhalb der festen Mauer abgetrennt. Im »Roman de la Rose« haben wir den reizenden Anblick der verschiedenen Gärtlein (Abb. 133). Inmitten der Blumenwiese liegt der Brunnen, der diesen Rasen besonders feucht, weich und dicht erhält. Aus dem Bassin läuft ein schmaler Kanal ab, der den übrigen Garten bewässert und durch eine vergitterte Lücke in der Mauer abfließt. Hinter einer Allee von Bäumen zieht sich im Hintergrunde ein Gitter, mit Rosen bewachsen, hin. Ein anderes trennt diesen Garten von dem benachbarten Stück, in dem die Blumen auf Beeten gezogen werden. Diese Beete sind zum großen Teil mit Steinmäuerchen eingefaßt, so auch auf dem Brüsseler Bilde (Abb. 138), während auf dem Davidbilde (Abb. 149) augenscheinlich nur ein schmales Holzstaket die Erde festhält. Die Wege zwischen diesen Beeten waren von festem Sand und schön und eben gehalten. Ja, wenn es sich um besondere Schmuckgärtlein handelte, so waren die Beete auch ringsum mit zierlichem Pflaster umgeben, wie in dem reizenden kleinen Garten neben dem Gehäuse des heiligen Hieronymus auf dem Brüsseler Bilde (Abb. 138). Hier sehen wir auch einen kleinen verschnittenen Baum auf einem der eingefaßten Blumenbeetlein, während ein kleiner Brunnen ein anderes ziert. Sehr häufig werden diese künstlich zu dreifachen Kränzen gezogenen Bäume auf die Blumenbeete mitten hineingesetzt (Abb. 134). Wenn es dann galt zum Frühlingsfeste den Maibaum aufzurichten, so gab man auch ihm diese beliebte Gestalt und hing in die Krone künstliche Früchte, um die Tänzer recht anzulocken (Abb. 135).

Abb. 134
Gärtchen mit verschnittenen Bäumen und Blumentöpfen. Aus Breviarium Grimani

Cliché de la Bibl. d'Art et d'Archéologie

Ein Hauptstück der mittelalterlichen Gärten ist die Laube. Das Altertum kannte die Laube als Pergola oder als Holzlattenwerk, grün überrankt, wohl auch von aufgemauerten Säulen gestützt, in aller Zierlichkeit ausgeführt. Doch war sie in jenen Gärten nicht so notwendig Die Laube scheint ein urgermanisches Motiv zu sein, das sich nach allen Siedlungsstätten der Germanen verbreitet hat. Vgl. Patzack, Palast und Villa in Toskana I, p. 50 ff. Doch ist die Gartenlaube andererseits überall in den Gärten verbreitet; vgl. Gothein, Indische Gärten I, 1925, S. 31 f.. Dort gab die Portikus auch in großen Gärten den leicht erreichbaren Schutz gegen Sonne und Wetterunbill; die Hausgärten waren meist unmittelbar von Gebäuden umgeben. Der mittelalterliche Garten lag dagegen häufig abseits; er brauchte ein wirkliches Schutzhaus im Freien: Vor den heißen Sonnenstrahlen genügten die Rosen- und Geißblattlauben (Abb. 136), die in allerlei Gestalt den Garten schmückten; und um sich mit einem treuen Buhlen zu verbergen, genügte solch ein leichtgefügtes Sommerhaus. Auch den Laubengang als Wandelbahn kannte man (Abb. 149). Manchmal wurde ein »Rosenstock gezogen«:

So breit und dick,
daß er vor der Sonne Blick
zwölf Rittern Schatten hat gegeben;
er war um und um eben

in einem Reif gebogen,
doch höher als ein Mann gezogen.
Unter demselben Dorn
war Edelkraut und schönes Gras Gesammtabenteuer III, 53, Der wize Rosendorn..

Aus festerem Material waren andere Lauben gezimmert, richtige Sommerhäuser, wie sie auch das Altertum kannte, so daß man darin, wie in dem kleinen Sommerhaus im Hippodrom des Plinius, essen und schlafen konnte. So ähnlich dachte sich der Dichter auch die Laube, wo sich das Abenteuer in »Die Nachtigall« abspielte. Sie lag von Blumen und Rasen umgeben im Garten unter schattenreichen Bäumen. Dieser Garten, zu dem das oben erwähnte »enge Türlein« führt, lag vor dem Hause des Ritters, »wo die Luft besser und reiner war als anderswo«, dort

»hat der Wirt auch davor
gebaut ein Lauben hoch empor,
die war gemacht darum,
daß der Wirt immer saß,
in dem Sommer, wenn er aß,
ihm deucht ihm bekam die Speise baß« Gesammtabenteuer II, 25, Die Nachtigall..

Das Mahl im Freien war allgemein beliebt (Abb. 137). Das Mägdlein aber, des Ritters Töchterlein, empfing in der Laube zur Nacht den Geliebten, so daß auch ein Schlafgemach anzunehmen ist. Eine feste, wenn auch offene Laube, die als eine luftige Studierstube eingerichtet ist, zeigt das Brüsseler Bild. Der Gelehrte konnte zur Erholung von hier auf wenigen Stufen in den Vorgarten hinabsteigen und sich zu weiterer Meditation auf einem zierlichen Steinschemel niederlassen (Abb. 138).

Abb. 135
Maibaum. Aus Heures d'Anne de Bretagne

Cliché de la Bibl. d'Art et d' Archéologie

Neben der Laube scheint sehr früh eine andere dem Versteck und heimlicher Fröhlichkeit geweihte Anlage im mittelalterlichen Garten aufzutreten, das ist der Irrgarten, das sogenannte Labyrinth. Wann es zuerst im Garten Eingang gefunden, wissen wir nicht. Der Name knüpft an den Palast des Minos auf Kreta an, aus dessen vielen Zimmern man sich, der Sage nach, ohne Führer niemals herausfand; so brauchte ihn das Altertum sprichwörtlich. Die Vorstellung, die es sich davon machte, war eine Figur, die als Kreis oder Sechseck gebildet war, in dem vielfach verschlungene Linien nach einem Mittelpunkt und von diesem wieder zur Peripherie führten. In Pompeji z. B. findet sich auf einer Mauer eine solche Zeichnung, die die Unterschrift trägt »hic habitat Minotaurus« Hartmann von der Aue, Iwein v. 6430 f.. Im frühesten Mittelalter verwandte man die gleiche Figur in den christlichen Basiliken als ein symbolisches Zeichen. Auf den Fußböden der Kirchen wurde sie in Stein eingelegt und zu Bußgängen benutzt. Doch wann man, wie gesagt, angefangen hat, solche Figuren im Garten anzulegen, d. h. die Linien durch übermannshohe Hecken oder bewachsene Spaliere zu ersetzen, so daß die Gänge, den darin Wandernden verwirrend, keinen Überblick mehr gestatten und daher den Namen Irrgarten verdienen, hüllt sich in Dunkel Ernouf, L'Art des jardins 3, p. 31, Anm. 1, behauptet zwar, »les labyrinthes plantés déjà connus des Grecs«, doch bleibt er jeden Beweis dafür schuldig. Auf dem Palatin befindet sich eine merkwürdige, Labyrinth genannte Anlage im Peristyl des Domitian, achteckig, ist es durch niedrige Mäuerchen in labyrinthartige Wege geteilt, in der Mitte war vielleicht ein Brunnen; welchen letzten Zweck aber diese wohl in einem Garten gelegene Anlage hatte, ist mir nicht ganz klar.. Erst unter Heinrich II. von England hören wir, daß das Waldversteck von Woodstock, in dem der König seine schöne Geliebte Rosamund verbarg, Labyrinth genannt wurde, doch sprechen die frühesten, aus dem XIV. Jahrhundert stammenden Quellen nur von einem »Haus des Dädalus«, wo der König sie verborgen hielt Dictionary of National Biography, T. A. Archer Rosamund Clifford.. Indes kann um jene Zeit das Gartenlabyrinth nicht mehr unbekannt gewesen sein. Als sich im Frühling 1431 der englische Gesandte Bedford den Garten des Hôtel des Tournelles in Paris neu bepflanzen ließ, mußte er, um sich Platz für seine große Ulmenpflanzung zu schaffen, »die Hecken eines Labyrinthes, das Haus des Dädalos genannt, ausreißen lassen« Ernouf, L'Art des Jardins, p. 39.. Später durfte ein Labyrinth in keinem größeren Garten fehlen, in der Zeichnung des Grundplanes hielt man sehr lange an der antiken und frühchristlichen Vorlage fest.

Abb. 136
Rosenlaube, aus Roman de la Rose. Vläm. Ms. Brit. Mus.

Phot.

Abb. 137
Gartenlaube als Speisezimmer. Aus einem Teppich im South-Kensington Museum

Phot.

Bei fürstlichen Schlössern wurden die Baumgärten schon früh mächtig groß angelegt. In »Mai und Beaflore« läßt der Fürst ein Bankett für eine große Menschenmenge anrichten.

»Ein Boumgarten lît
vil nâch rosseloufes wît
unter der burc. Da wurden in
sedel macht ûf den sîn
daz arme und rîche
da azen alle glîche« Mai und Beaflore v. 8684 ff..

Oft war dieser Baumgarten vor der Burg zugleich Tiergarten: »Unter dem Hauptmarmorturm liegt ein prächtiger Baumgarten, ganz umschlossen von Mauern, wo hauptsächlich wilde Tiere sind«, berichtet Guillaume de Palerne Guillaume de Palerne ed. Michelant 1876 v. 64 f. Ein anonymes französisches Gedicht, um das Jahr 1200 geschrieben.. Frühe schon sichert der Adel sich seine Jagd dadurch, daß er große Gebiete als Jagdparks mit hohen Mauern umschloß. So erzählt Hartmann von der Aue im »Erec«:

»Es hat der König um den See
wohl zwei Morgen oder meh
des Waldes eingefangen
und mit Mauern umgangen« Hartmann v. der Aue, Erec v. 7131 ff..

Abb. 138
Gartenhaus eines Gelehrten, Miniatur

Bibl. Brüssel

Und daß dies nicht nur wilder Wald blieb, beweist die weitere Schilderung: er war in drei Teile geschieden für verschiedene Arten des Wildes, und ein wohlbestelltes Jagdhaus ließ der König erbauen, um von dort mit den Frauen der Jagd zuzuschauen. Und gleichzeitig schildert Ragewin das Königshaus, das Friedrich Barbarossa um 1161 bei Kaiserslautern errichtete, es war aus rotem Stein und mit nicht geringer Pracht ausgestattet: »Auf der einen Seite ist es mit starken Mauern umgangen, auf der andern umfließt es ein Fischteich, nach Art eines Sees, wo Fisch und Geflügel gezogen werden, köstlich zum Anschauen und für den Geschmack. Daran grenzt der Tierpark mit einer Menge Hirsche und Rehe« Ragewins Fortsetzung zu Otto von Freising, Gesta Friderici IV, 76..

Einen großen, bedeutsamen Schritt vorwärts hatte die Gartenkunst im XII. Jahrhundert gemacht, diesem Jahrhundert, das dem ganzen geistigen Leben des Okzidents einen so erstaunlichen Aufschwung brachte. Wir treten in das Zeitalter der Kreuzzüge ein; die frommen Scharen sehen im fernen Osten Gärten von einer Pracht, von der sie auch in Märchenträumen niemals eine Vorstellung haben konnten. Die Dichter horchten auf, und seit dem XII. Jahrhundert beginnt man von den Wundern des Morgenlandes zu singen, das nun ein Lieblingsschauplatz für die Aventüre des fahrenden Ritters wird. Gerne sucht man sich dabei eine Vorstellung von den fernen Gärten zu machen, und anmutig klingt die Schilderung im Herzog Ernst:


»beiseit gingen sie zu tal
in eynen garten bie dem sal,
der hatte völligen raum,
darynne stund manig tzederbaum
mit eßten laubes riche
.......
mer noch funden die jungen
zwey wesserlin entsprungen,
die durch die burg flossen
und nach willen sich ergossen,
als der eyn meister het erdacht,
der das mit kunst hett zubracht.
.......
ein bad funden sie allda
gar lutter und reyne,
von grunen mermelsteine,
wol ußgemurret und obirtzogen
mit fünfzig hohen swybogen;
die borne waren geleitet darin
mit silberinen roren.
.......
das wasser uß den butschen vil
in rynnen gut von silber gros,
das es in der burg alumb flos,
die recht und auch die krumme,
in all der burg alumme.
darinnen waren alle wege
von wissem mermel, alle stege
da man solde gen, bereitet« Herzog Ernst, gedr. Hoffmann, Fundgruben I, S. 228 ff..

Was man aber hier noch schüchtern genug, und deutlich aus dem heimischen Anschauungskreis heraus, schildert, nur zum Schmuck Zedernbäume und Edelmetall und Marmor hinzufügend, das gaben in weit reicheren Farben und Bildern tatsächlich die Berichte der Gesandten, die als Augenzeugen die innere Pracht der Kalifenwohnungen, die sonst den Augen der Fremden ängstlich verborgen blieben, schildern durften. Schon einmal, unter Karl dem Großen, hatte der orientalische, mindestens byzantinische Einfluß deutliche Spuren in seiner Aachener Bautätigkeit hinterlassen. Der Pinienzapfen, der ursprünglich den Platz vor der kaiserlichen Pfalz in Aachen schmückte und der aus seinen Blätterspitzen Wasser spritzte, war eine unmittelbare Nachbildung des gleichen Brunnens im Kaiserpalast in Byzanz. Seinen freundschaftlichen Beziehungen zum Kalifen Harun-al-Rashid verdankte Karl seltene Nutzpflanzen, die er in dem Garten, der neben dem Hofe seiner Pfalz lag, zuerst akklimatisierte und dann in seinem Capitulare zur Weiterverbreitung empfahl. Die Gesandtschaften nach dem byzantinischen Hof wurden von nun an sehr häufig. Im Jahre 968 sah der Bischof Luidprand von Cremona den Kaiserpalast von Konstantinopel und gibt jene schon erwähnte ausführliche Schilderung des Thrones mit dem goldenen Baum und den singenden Vögeln, die später im Abendland im XIII. Jahrhundert den tiefsten Eindruck auf die Dichtung machte Zingerle, Der goldene Baum in der mittelhochdeutschen Dichtung: Germania VII, S. 101 ff.. Im Jahre 1167 erhielt die erste deutsche Gesandtschaft eine Audienz beim Sultan in Bagdad. Die Gesandten waren nur traurig, daß man sie zu schnell durch all die Herrlichkeit hindurchführte. Aber doch sahen sie die säulenumstandenen offenen Höfe, deren Wände mit Schnitzwerk geziert waren, und die goldenen Girlanden, die dazwischen herabhingen, bewunderten sie das köstliche Mosaik der Fußböden, die plätschernden Springbrunnen, die in kristallklare Becken herabfielen, sahen sie die Tierkäfige mit den fremden, seltsamen Tieren, die wunderbaren Vögel mit herrlichem Gefieder Raumer, Geschichte der Hohenstaufen II, S. 345.. Mehr als alles mußte Friedrich II. Regierung von Süditalien aus auch nach Deutschland den morgenländischen Einfluß tragen. Wenn wir hören, daß er in Nürnberg auf den Zinnen seiner Hofburg sich hängende Gärten anlegte und auch einen Park erbaute, der 1494 zerstört wurde, so verrät sich deutlich orientalischer Einfluß. Friedrich war durchaus ein Förderer der Gartenkultur, die er sehr liebte, er hielt seine Prokuratoren und Amtsräte, die er über seine Krongüter setzte, dazu an, den Garten und die Schlösser zu beaufsichtigen und die Pflanzen, die er durch seine sarazenischen und spanischen Verbindungen erhielt, dort zu kultivieren Raumer, Geschichte der Hohenstaufen III, S. 553. Leider ist von den viel gerühmten Gärten bei seinen Lustschlössern und von seinen Jagdparks kein deutlich individuelles Bild zu erhalten. In Sizilien selbst ist alles zerstört und in Kalabrien ist wenn auch schöne alte Schlösser doch nichts von Gärten erhalten..

Abb. 139
Susanna im Bade.

Aus einem Teppich im South-Kensington Museum

Nichts scheint zu jener Zeit die Phantasie der Dichter so angeregt zu haben, wie der Bericht von dem goldenen Baume, dessen Spuren wir im asiatischen Garten schon so oft begegnet sind. Im »Wolfdietrich« ist eine ausführliche Schilderung dieses Baumes, der aber jetzt zu einer Linde geworden ist, die goldne Edelsteine schmückten: Vögel sitzen auf den Ästen, und genau wird berichtet, wie »wol durch den stam auff gingen zwelf roren rot guldin, die gaben süße stimmen vil manchen vogelin, daran zween plasbelg waren, gemacht mit ganzem flis« Zingerle, a. o. O., S. 101 (Hagens Heldenbuch I, 233).. Im Titurel ist die Gralsburg von solch einem goldenen Baum mit singenden Vögeln geschmückt, zur Seite standen vier goldene Engel, die eine Gebärde mit einer Hand machten, in der anderen eine Posaune hielten. Wer könnte hier die arabischen Vorbilder verkennen! Als man in der mittelalterlichen Dichtung einmal mit dieser künstlichen Musik begonnen hatte, ließ man alles erklingen, bald Reben Titurel v. 376 ff., bald Vögel, die sich, wie in Laurins Rosengarten, sogar in den Helmschmuck großer Zauberer verirrten Laurins Rosengarten vergl. Zingerle, S. 106.. Auch die Löwen vom byzantinischen Kaiserthron ließen ihr Gebrüll im deutschen Dichterwalde ertönen, so in Heinrichs von dem Türlin »Krone« Heinrich v. d. Türlin, Die Krone, 10544 ff. (Bibliothek d. Lit. Verein. 27).. Anderen Schmuck aus den arabischen Gärten bringt Laurin in seinem Rosengarten an, wenn er seine Rosen mit Edelsteinen kränzt, die aus dem grünen Laub hervorlugen. Das war alles nur Zauberschmuck, der sich wohl in wirkliche Gärten des Abendlandes kaum verirrt haben wird; dagegen wurden kostbare Badebassins in den Gärten, die wir jetzt auf den Bildern sehr häufig sehen (Abb. 139), durch orientalischen Einfluß begünstigt. Den Damen wurde es zu einem Bedürfnis, vor der Mahlzeit sich durch ein Fußbad zu erfrischen (Abb. 140).

Abb. 140
Bad im Schloßgärtlein. Aus Horae Mariae Virginis. Brit. Mus.

Phot.

In der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts erhielt in Frankreich die Gartenschilderung in der Dichtung einen neuen Impuls durch den Rosenroman des Guillaume de Lorris Guillaume de Lorris et Jean de Meung, Le Roman de la Rose, Hauptschilderung des Gartens v. 1321–1446.. Er gab damit dem späteren Mittelalter seine Form des Liebesromans. Der Schauplatz aller eigentlichen Liebesszenen ist der Garten, ebenso wie er es vordem im griechischen Roman gewesen. Und wenn wir bedenken, wie stark der Austausch der byzantinischen und abendländischen Literatur in jener Zeit war, wenn wir uns erinnern, wie der byzantinische Roman seine Stoffe den abendländischen Heldensagen entnahm und sie in sein Gewand kleidete, so ist es mehr als wahrscheinlich, daß umgekehrt das Abendland jetzt den Schauplatz für seine Liebesromane, den traditionellen Garten, sich aus dem Osten holte.

Abb. 141
Wasserbassin mit Kanal, aus Roman de la Rose. Vläm. Ms. Brit. Mus.

Phot.

Schon vor Lorris spielen einige lateinische und französische Liebesstreitgedichte im Garten, aber erst im Rosenroman wird die Tradition in der Schilderung wieder so fest und körperhaft, daß die vielen Nachfolger kaum eine Änderung in einzelnen Zügen versucht haben. Es macht für unseren Garten wenig aus, daß, der Tendenz der abendländischen Poesie dieser Zeit entsprechend, nicht nur die einzelnen Gestalten, die die Liebesabenteuer dieses Ich-Traum-Romanes bestehen, Allegorien sind und nur als personifizierte Seelenkräfte anzusehen sind, sondern daß auch die einzelnen Teile des Gartens eine allegorische Deutung verlangen. Die Schilderung selbst hält sich in rein traditionellen, aber realistischen Formen, und ob wir eine der späteren antiken Schilderungen lesen, ob diese früheste in einer Vulgärsprache, das typische Bild bleibt das gleiche: den Mittelpunkt bildet mit Notwendigkeit der Brunnen, der kristallhell ist und der die silbernen Kiesel durch ein immer frisches Wasser schimmern läßt. Bei Lorris soll ein bedeutungsvoller Zauberbrunnen geschildert werden (Abb. 141), darum leuchten hier auf seinem Grunde zwei Kristalle, die bei Sonnenuntergang in allen Regenbogenfarben glänzen. Bei Eustathius war es einst die Buntheit der Marmorarten der Säule, die sich im Wasser spiegelten. Lorris macht einen der Kristalle zu einem Wunderspiegel, so daß man in ihm die Hälfte des Gartens schaute, und wenn man aufblickte, sein Gegenbild ringsumher. Achilles Tatius schilderte einst, weit realistischer, den Wasserspiegel des viereckigen Bassins so hell, daß man in ihm den doppelten Garten zu sehen glaubte.

Abb. 142
Rosenhecke um das Wasserschloß, aus Roman de la Rose. Vläm. Ms. Brit. Mus.

Phot.

Unbeschadet solcher deutungsvoller Zauberzüge sieht Lorris sonst doch ganz realistisch. Mag die Mauer auch mit allegorischen Bildern bemalt sein, sie ist doch eine wirkliche Gartenmauer mit einem kleinen Eingangspförtchen, sie umschließt einen Garten, der genau viereckig ist, herrliche Bäume schauen über die Mauer, auf denen Vögel einen wundersüßen Gesang ertönen lassen. Die Bäume stehen in genau gleicher Entfernung voneinander, sie sind hoch gewachsen, und ihre Wipfel flechten sich oben ineinander, so daß kein Sonnenstrahl hindurch kann. Eichkätzchen klettern in den Bäumen und spielen auf dem dichten Rasen.

Abb. 143
Hausgärtchen mit Rasenbank

Gemälde von Dierk Bouts

Helle Bächlein und Brunnen, in denen keine Frösche sind, rinnen hindurch, die Ufer sind mit besonders lichtem Grase und schönen Blumen geziert. Die einzelnen Wendungen bleiben typisch, wie wir sie längst aus früheren Schilderungen kennen, es sei denn, daß einmal die Wehrgänge des gefährlichen Turmes mit Rosenhecken bepflanzt sind (Abb. 142). Wenn der Dichter nicht mehr weiter kann, so sucht er den Eindruck ins Ungemessene zu steigern, indem er eingesteht, daß ihm die Worte für die paradiesische Schönheit fehlen. Um dann die Schilderung nicht zu mager erscheinen zu lassen, borgt er sich wieder einen antiken Kunstgriff und zählt unendliche Reihen von Bäumen und Blumen auf. Schon Vergil Vergil, Aeneis VI, 179. und nach ihm Ovid Ovid, metam. X, 90. bringen solche große Reihen von Bäumen, das spätere Altertum aber hat eine wahre Leidenschaft dafür: Seneca, Lucan, Statius, Claudian Seneca, Oedip. 532; Statius, Thebais VI, 98; Lucan, Pharsal., III, 440; Claudian, de raptu Proserp. II, 107, alle nehmen mit wenigen Änderungen solche Pflanzenlisten auf und zeigen deutlich den Weg, wo Lorris den Faden wieder anspinnt und ihn weitergibt Auch die Renaissance liebt solche Listen noch, Boccaccio, Theseide XI, 22 ff.; Tasso, Gerusalemme liberata III, 73; Spencer, Faery Queen, I, 8, 9.. Wenn wir also einen Garten kennen, so finden wir uns in allen zurecht, seien es die französischen Nachahmungen oder die englischen, in denen der Rosenroman am tiefsten gewirkt hat, die von ihnen sprechen. Daß Chaucer im Rosenroman ebenso wie Lydgate im Liebesschachspiel, das einer Übersetzung gleichkommt, den Garten wörtlich übersetzt, versteht sich von selbst Lydgate, Reson and Sensuallyte, ed. Sieper: Early English Text Soc., Extra Ser. 85 u. 89, v. 5144 ff.. Doch wenn Chaucer im Vogelparlament »den herrlichen Garten« betritt, so beginnt er mit der üblichen Baumliste Chaucer, The Parlament of Foules v. 176 ff., unbekümmert darum, ob Englands Boden solche Bäume trägt, und in den typischen Wendungen entwickelt sich das Bild. Trotzdem kommen in diese traditionellen Schilderungen einzelne, selbständig beobachtete Züge hinein. So heißt es in »Troylus und Criseyde« Chaucer, Troilus and Criseyde II v. 820 ff.: »Groß war der Garten und umzäunt alle Wege, gut und umschattet mit blühenden Zweigen, neu waren die Rasenbänke, und alle Pfade mit Sand bestreut« (Abb. 143). Diese Sitzplätze mußten oft erneuert werden, da sie sich leicht abnutzten. Auch in dem entzückenden englischen Gedicht spät-Chaucerscher Zeit »Die Blume und das Blatt« wird eine Laube geschildert, die wie ein Zimmer war: Dach und Wände aus einer Hecke, dick wie eine Schloßmauer und ganz gleichmäßig »glatt wie ein Brett« geschnitten, und darinnen die Bänke neu mit Rasen belegt, der kurz und dick und frisch gestutzt war The Flower and The Leaf v. 49–77..

Abb. 144
Liebesgarten aus Trionfo della Morte

Wandgemälde im Campo Santo in Pisa

Die eigentliche Gartenkunst haben diese traditionellen Schilderungen unmittelbar wenig fördern können, doch haben sie mittelbar eine nicht unbedeutende Wirkung durch die Illustrationen ausgeübt. Die Maler konnten im ganzen nicht viel anfangen mit den allgemeinen unbestimmten Schilderungen der Werke, die sie mit ihren Miniaturen schmücken wollten, sie konnten sich auch hinter die Ausflucht der Poeten, daß die Schönheit ihres Gegenstandes über alle Worte herrlich sei, nicht verstecken, so nahmen sie denn wirkliche Gärten zu Vorbildern. Und diesen Miniaturen zum Rosenroman, seinen Nachbildungen, und zu den Gebetbüchern, die im Norden noch das ganze XV. Jahrhundert hindurch die Formen des Mittelalters festhielten, verdanken wir die beste Anschauung des Gartens dieser Zeit. Den Liebesvisionen der Dichtung entsprechen die Liebesgärten der Maler, die, ohne direkte Illustrationen jener zu sein, auch den Gartenhintergrund für Liebesszenen und heitere Geselligkeit darstellen. Auf Orcagnas Trionfo della Morte im Campo Santo zu Pisa sitzen die Herren und Damen, deren derber Lebensfreude der Tod so nahe ist, im Schatten lieblicher Bäume auf schön gemauerter Steinbank (Abb. 144). Fast ein Jahrhundert später, um die Mitte des XV. Jahrhunderts, stellt einer der ältesten niederrheinischen Kupferstiche einen Liebesgarten halb als freien Anger oder wohl einen blumigen Wiesenplan inmitten eines Baumgartens dar, durch den ein Bächlein fließt. Holzschranken dienen als Lehne den im Grase Sitzenden. Das Prunkstück ist ein sechseckiger Tisch, auf dem Erfrischungen stehn (Abb. 145). Ein ähnlicher Tisch schmückt auch das liebliche Gärtlein, in dem die Himmelskönigin auf einer Bank in ihr Buch vertieft sitzt (Abb. 146), neben ihr auf hohem, mit Holzschranken gehaltenem Beet blühen viel schöne Blumen, Lilien, Rosen und Iris; ihr Gesinde mit und ohne Engelsschwingen vergnügt sich im Garten, spielt mit dem auf blumiger Wiese sitzenden Jesuknäblein, bricht Früchte in geflochtene Körbe, schöpft aus marmornem Wassertrog oder pflegt weiser Gespräche. Eine hohe weiße Zinnenmauer schützt die himmlische Gesellschaft vor unbefugten Blicken.

Abb. 145
Der große Liebesgarten. Kupferstich, Meister der Liebesgärten

Nach Lützow

Abb. 146
Das Paradiesgärtlein

Historisches Museum Frankfurt a. M.

Eine weitere Frucht der regen Verbindung mit den östlichen Kulturvölkern war das Erwachen des wissenschaftlichen Triebes in der christlichen Welt. Das maurische Spanien wurde damals den nördlichen Ländern vertraut, da es für Gelehrte Sitte wurde, an den spanischen Universitäten Medizin und Mathematik zu studieren; zu der ersten gehörte aber vor allem eine gute Pflanzenkunde. Im XIII. Jahrhundert wagt es Albertus Magnus als erster in einem wissenschaftlichen Werke das Pflanzenreich zu behandeln, und diese Kenntnis, so sehr sie im einzelnen noch Irrtümer phantastischer Art birgt, bringt ihm das Studium orientalischer Quellen. Doch hat er auch vieles selbst gesehen und glücklich beobachtet und zu diesem Zwecke in seinen Gärten allerlei Versuche angestellt. Das wunderbarste, was wir über seine Gartenpflege erfahren, erzählt der Chronist de Beka in der Mitte des XIV. Jahrhunderts A. Humboldt, Kosmos II, S. 130.: Am 6. Januar 1249 reiste der römische König Wilhelm von Holland durch Köln. Albertus empfing ihn in seinem Kloster und gab ihm dort ein großes Fest, hierbei setzte er die Gäste in höchste Verwunderung, als er ihnen im Klostergarten mitten im Winter Fruchtbäume mit reifen Früchten und blühende Gewächse, die er bei gelinder Wärme zum Wachsen gebracht hatte, zeigen konnte. Wie weit diese Schilderung nach hundert Jahren auf Wahrheit beruht, ist heute nicht festzustellen; unmöglich ist es nicht, daß Albertus aus dem Altertum oder noch wahrscheinlicher aus orientalischen Schilderungen Kunde von solchen künstlichen Züchtungen erhalten hatte und sie mit Glück nachahmte A. Humboldt, Kosmos II, S. 131, berichtet an gleicher Stelle auch von einem grönländischen oder isländischen Kloster des heiligen Thomas, das die Brüder Zeno auf ihren nordischen Reisen 1388–1404 besuchten; sie fanden dort einen Garten, der das ganze Jahr hindurch schneefrei, und da er durch natürliche Quellen erwärmt wurde, wohl auch immer grünend war.. Köln genoß damals einen besonders hohen Ruf um seiner Gärten und Blumenzucht willen. Die Klöster sowohl wie die Erzbischöfe besaßen prächtige Gärten. Engelbert II. hatte in seinem Lustschlosse in Bonn einen sehr schönen Garten, der nicht nur einen Tierzwinger umschloß, in dem er Löwen hielt, sondern der auch voll seltener Pflanzen war. Wie groß aber das allgemeine Interesse auch in der Bürgerschaft für diese Pflanzen war, zeigt folgende Anekdote: Engelbert lag 1288 mit der Stadt in Fehde und mußte nach Bonn fliehen. Seine Domherren wußten nun ihre Feinde mit dem Berichte über die köstlichen Pflanzen des Bonner Gartens so zu betören, daß diese in die Falle einer friedlichen Besichtigung gingen und ihre Neugierde mit dem Verlust ihrer Freiheit büßen mußten Oskar Teichert, Geschichte der Ziergärten und Ziergärtnerei in Deutschland 1865, S. 18. Hildebert, Bischof von Tours, schildert in seinem Gedicht »De ornatu Mundi« im 11. Jahrhundert einen heimischen Garten: Eine mit Toren versehene Mauer umschließt das Paradies, es ist durch ein Flüßchen in zwei Hälften geteilt, eine Holzbrücke verbindet beide. In der oberen befindet sich der Baumhag; Zeder, Palmen und Zypressen erheben ihre stolzen Häupter. In der Mitte des Haines plätschert melodisch ein Brunnen; Narde und Rose hauchen berauschenden Duft. Mit Narzissen und anderen Blumen ist der Rasen übersät, auf dem der Pfau sein Rad schlägt, auf dem Flüßchen ziehen Schwäne ihre Zauberkreise. Vgl. Patzack, Palast und Villa in Toskana 1912/13, S. 52 ff..

Abb. 147
Hausgärtchen mit Lattenumzäunung. Aus Heures de Notre-Dame, dites de Hennessy

Cliché de la Bibl. d'Art et d'Archéologie

In den Städten waren es jetzt nicht nur die Herren, die ihren Stolz in schöne Gärten setzten, auch die Bürger begannen mehr und mehr, an dieser Kunst Gefallen zu finden. Hin und wieder dringt schon eine ganz frühe, darauf hinweisende Nachricht zu uns, wie jenes Lob, das Kaiser Julian auf seiner Reise nach dem Norden der Stadt Paris spendete. Er rühmt besonders, daß die Pariser um ihre Wohnungen Wein- und Feigengärten anlegten und sie im Winter mit Stroh zudeckten Kaiser Julian, misopogon, opera, ed. Spanheim, p. 341.. Das aber ist eine Ausnahme, denn erst spät hören wir von einer Gartenpflege in den nordischen Städten. Anfangs waren es hauptsächlich die Nutzgärten, die vor den Mauern der Städte lagen, und die Erträge dieser Gärten wurden auf den Märkten der Städte verkauft. Im Jahre 1345 hatten die Gärtner der großen Herren und Patrizier der Stadt London einen Streit mit dem Alderman, da das Gewühl auf ihrem Markte am St. Paulskirchhof die Passanten und Anwohner belästigte Alicia Amherst, History of English Gardening, p. 36 ff.. Natürlich gab es auch hier früh genug zünftige Handelsgärtner; eine römische Urkunde einer Gärtnergenossenschaft ist aus dem Jahre 1030 bekannt L. M. Hartmann, Eine römische Urkunde einer Gärtnergenossenschaft, 1892.. Und die nördlichen Städte standen damals Italien wenig nach. Obst- und Weingärten wurden sorgsam gebaut und behütet, und streng ahndete man jede Beschädigung. Nach dem Landfrieden von 1187 traf den Zerstörer von Obst- und Weingärten im Deutschen Reich dieselbe Strafe, wie den Brandstifter: Acht und Bann Raumer, Geschichte der Hohenstaufen 3, V, S. 299.. Im Innern der Städte konnten sich nur sehr langsam kleine Bürgergärtchen entfalten, nur bei den vornehmsten Häusern traf man etwas größere, vom Baugrund gesparte Gärten an (Abb. 147). Höchstens an den Straßen nach der Mauer zu legte man wohl kleine Gartenstücke an oder auch bei Häusern, die sich dem Flusse zukehrten, wie in den Adelshäusern in Paris. In den Vorstädten allerdings war man freier (Abb. 148).

Abb. 148
Stadtgärtchen und Wirtschaftshof mit Hecke

Gemälde von P. de Hoogh, Phot. Bruckmann

Voll Stolz schildert schon um die Mitte des XIII. Jahrhunderts der Biograph Thomas a Beckets die Umgegend von London: Von allen Seiten waren die Häuser der Bürger, die in den Vorstädten wohnten, mit Gärten umgeben, die mit Bäumen bepflanzt waren, sehr groß und den Augen ein lieblicher Anblick Fritz Stephan, siehe A. Amherst, A History of Gardening in England 2, 1846, p. 37, Thomas a Becket.. Und noch früher berichtet Landulf im XI. Jahrhundert von der Schönheit Mailands. Allerdings handelt es sich hier mehr um kaiserliche Bauten, ein Schloß, ein Spielhaus und Thermen; die Gärten rühmt er besonders: »wie ein Paradies Gottes, geziert mit lieblichen Bäumen mannigfacher Ordnung« Landulf, Chronik v. Mailand: Geschichtsschreiber der Vorzeit III, S. 83.. Naturgemäß hat sich auch der Garten am Hause auf dem Dorfe früher und reicher entwickelt als in der Stadt. Wir hören in den Liedern fahrender Sänger oft von Bauerngärten; vor dem Hause lag häufig ein Garten, der geselligen Zwecken diente, wo die Bauern sich etwa in einer Laube zu Trinkgelagen vereinigten, während der Hintergarten zu Nutzzwecken eingerichtet war Heyne, Hausaltertümer I, S. 185 ff.

Abb. 149
Garten mit Laubengang

Aus Horae Mariae Virginis (franz. Ms.)

Wichtiger ist es, daß man vom XII. und XIII. Jahrhundert an in den Städten begann, öffentliche Anlagen zu machen, wo sich die Müßigen und Fröhlichen zu Spiel und Lustbarkeit versammelten. Gegen das Ende des XIII. Jahrhunderts werden sie in Florenz schon vergrößert: Ein Statut von 1290 verfügt eine Erweiterung des »pratum commune«, was dann auch vier Jahre später durch Ankauf und Niederreißen von Häusern ausgeführt wurde, und in der via del Prato dauert noch heute der Name fort. Zu dieser Zeit war es in Toskana schon allgemein üblich, daß selbst kleinere Städte sich öffentliche Spaziergänge anlegten. Ein Statut, das im Jahre 1309 ein solches Prato für die Stadt Siena beschließt, zeigt deutlich, welchem Zwecke diese Spaziergänge dienten. In erster Linie, heißt es dort, seien sie bestimmt für die Schönheit der Stadt, als ein Ort des Vergnügens und der Freude für die Bürger und die Fremden. Siena müsse solche Anlagen wie die anderen Städte, wo die Kaufmannschaft sie eingerichtet und geschenkt, haben, damit die Fremden, die von auswärts auch zu ihnen kämen, dort Vergnügen und Fröhlichkeit finden könnten. So wurde denn dies Prato vor der Porta Camollia angelegt. Solch ein Pratum muß ziemlich umfangreich gewesen sein, da dort Jahrmärkte, Musterungen und Pferdemärkte abgehalten wurden R. Davidsohn: Forschungen zur Geschichte von Florenz, IV, S. 425 ff.. Wie der Name schon zeigt, waren es wohl meist große Wiesenflächen, die schattige Baumalleen durchzogen, doch auch an anderen Schmuckanlagen kann es nicht gefehlt haben; die Florentiner beschlossen 1297, in ihrem Pratum einen künstlichen See anzulegen. Das Prato della Valle in Padua ist wahrscheinlich in seiner ganzen heutigen Ausdehnung eine solche Bürgerwiese gewesen. Der Schmuckplatz im Zentrum erhielt jedoch erst im Jahre 1770 seine heutige Gestalt; in jener neoklassizistischen Zeit gab man ihm bewußt die vollkommene Gestalt eines Ovals nach dem Vorbilde des Kolosseums. Durch den umlaufenden Graben »Euripos«, der durch vier Brücken überspannt ist, erinnert das baumbestandene Innere, das wie die Brücken mit Statuen geschmückt ist, an die Schilderung der spartanischen Platanistas. Auch im Madrider Prado sowie dem Wiener Prater sind in Name und Anlage noch lebendige Beispiele solcher mittelalterlicher städtischer Volksbelustigungsplätze erhalten. Der älteste öffentliche Garten in Paris lag im Gebiete von Saint-Germain des Prés und führte den Namen Le Prés aux Clercs. Dort versammelte sich früh die reiche bürgerliche Gesellschaft Enlart, Manuel de l'Archéologie Française I 2, Architecture civile et militaire, p. 366..

Sehr viel zur Entwicklung der Volksgärten trugen damals die Gründungen der Bruderschaften zu geistlichen und weltlichen Zwecken bei. Diese Bruderschaften waren höchst beliebt bei Fürsten, Geistlichkeit und Laienschaft und wurden reichlich mit Schenkungen bedacht. Eine Florentiner Urkunde von 1208 erzählt von einer Schenkung von drei Landstücken, »nel corte di Ganglandi a poveri«, von da ab wiederholen sich solche Schenkungsurkunden sehr häufig R. Davidsohn, a. o. O., IV, S. 425.. Wenn es sich auch hier wohl meist um Nutzland handelt, dessen Erträgnisse den Armen gewidmet waren, so wird doch durch die Bruderschaften der Bogenschützen in Nordfrankreich und Belgien eine eigentümliche Entwicklung der Gartenkunst begünstigt. Diese Bruderschaften hatten halb militärischen, halb religiösen Charakter. Ihr Schutzpatron war der heilige Sebastian; begreiflicherweise wurden sie von der Obrigkeit, denen sie gute Schützen ausbildeten, sehr begünstigt und reichlich mit Privilegien versehen. Sie erbauten sich prächtige Vereinshäuser mit großen Gärten, in denen sie ihre Schießstände hatten, und wo sich bald auch die übrigen Bürger zu Erholung und Schaulust zusammenfanden. In Boulogne hieß eine solche Anlage mit Schießständen der Bruderschaften »Courtils aux pauvres« mit ganz ähnlichem Ausdruck wie die oben erwähnte Schenkungsurkunde in Florenz, und hier muß man darunter durchaus einen Volksgarten verstehen Enlart, a. o. O., p. 366 ff.. In diesen waren neben Schießplätzen auch andere Spielplätze, besonders für das Ballspiel, eingerichtet, das sich im XV. Jahrhundert hauptsächlich in England ausbildete; von dort verbreitete es sich als Lawntennis, Fußball und Croquet überall auf den Kontinent und wurde mit dem größeren Umfang der Gärten auch in den Privatgärten auf bestimmten, dafür eingerichteten Bahnen und Plätzen geübt.

Wenn im XIII. Jahrhundert noch nicht sehr von einem starken Überwiegen der Kultur einer Nation der westeuropäischen Länder über die andere die Rede sein darf, so übernimmt von dem nächsten an Italien immer deutlicher sichtbar die Führerschaft, und auch in der Gartenentfaltung werden wir von diesem Jahrhundert an die Quelle der neuen Anregung in Italien suchen müssen. Die Städte beginnen sich in ihrer politischen und geistigen Eigenart immer stärker auszubilden Im 12. Jahrhundert wird Lucca als die blühendste Stadt Toskanas genannt, die bei den Palästen der Großen im Inneren Gärten pflegte, im Äußeren Jagdparks anlegte.; unter diesen blüht insbesondere Florenz wunderbar schnell auf, und als der Chronist Villani, angefeuert von dem Glanze des Jubiläumsjahres 1300, das um den Papst die Völker der christlichen Erde in Rom versammelte, beschloß, die Geschichte seiner Stadt zu schreiben und sie bis zur Gegenwart durchzuführen, da tat er es in dem stolzen Bewußtsein, daß seine Vaterstadt Florenz eine aufstrebende und Rom eine sinkende sei. Und in dem prächtigen Bilde, das er von dem blühenden Wohlstande der Stadt entwirft, spielen die Landhäuser und Gärten keine geringe Rolle Villani, Istorie Fiorentine XI, cap. 93. Auch Dante spricht mit Bedauern von dem überhandnehmenden Luxus der Villen, die heute Florenz über Rom stellen, Paradiso 1509, während vordem Non era vinto ancora Montemalo Dal vostro Uccellatoio. (Monte Malo ist der mittelalterliche Name des Monte Mario und der Monte Uccellatoio ein Villenhügel nördlich von Florenz gelegen.) Und schon 1371 werden in Florenz Gesetze gegen das Wohnen außerhalb der Stadt in Villen gegeben.: Kaum einen Bewohner habe es in Florenz gegeben, er sei Bürger oder Adliger, der nicht in der Umgebung eine noch prächtigere Besitzung gehabt habe als in der Stadt selbst; allerdings, fügt er hinzu, habe man sie auch um der übermäßigen Ausgaben willen töricht schelten müssen. Hierdurch wäre die Umgebung von Florenz aber so herrlich anzuschauen gewesen, daß ein Fremder, der, daran nicht gewöhnt, von außen gekommen sei, die reichen Paläste, Türme, ummauerten Gärten schon für die Stadt habe halten können.

Abb. 150
Le Jardin d'Alençon

Nach Fouquier

Es war in diesen Villen der Reichen nun nicht mehr nur von schönen Nutzgärten mit reichen Erträgnissen die Rede, allmählich zog das Bewußtsein einer wirklich kunstgemäßen Anlage in die Gärten der Herren und Fürsten ein. Fast gleichzeitig mit Villani schrieb der Bologneser Ratsherr und gelehrte Forscher Petrus Crescenzius sein großes Buch über die Landwirtschaft. Hier unterscheidet er bei der Besprechung des Gartens genau zwischen den kleinen, zwei bis vier Joch großen Gärten und denen der Könige und anderer reichen Herren. Die ersteren sind nichts als Nutzgärten, deren Vorschriften nicht über die Geoponica und andere alte Schriften hinausgehen: Ein Zaun von Schlehen oder weißen und roten Rosen umgebe das Terrain als Schutz, davor mache man einen Graben und reihenweise pflanze man Äpfel und Birnen und an heißen Plätzen Palmen und Zitronen, auch Maulbeeren, Kirschen, Pflaumen und ähnliche edle Bäume, wie Feigen, Nüsse, Mandeln, jedes in besonderer Art für sich in genauen Reihen voneinander geschieden; dazwischen könne man edlen Wein pflanzen. Das übrige Erdreich möge man als Wiese anlegen, auf der sich nach den großen Regenfällen nicht gut gewachsenes, aber hohes Gras entwickle, das man zweimal im Jahre schneiden möge, damit es besser stehe. Auch Pergolen in der Art von Pavillons lege man an geeigneten Orten an Petrus Crescenzius, De Agricultura, cap. 2. Crescenzius als Theoretiker ist hier der Praxis wohl um einen Schritt vorausgeeilt, denn diesen Zusammenschluß von Haus und Garten zeigten die Villen jener Zeit wohl noch nicht. Der Erbauer der Certosa im val di Ema bei Florenz, Niccolò degli Acciaiuoli, einer der bedeutendsten Bauherrn seiner Zeit, legte neben dem Kloster um 1341 auch einen prächtigen Landsitz an, bestimmt künstlerischen Mönchen oder auch Laienkünstlern als schöner Aufenthalt zu dienen. Der Garten aber neben dem Hause soll durch ein verstecktes Pförtchen zugänglich sein. Auch Boccaccios Gesellschaft läßt sich ja den Garten immer aufschließen. Vgl. Patzack, a. o. O., S. 108.. Ein ganz anderes Aussehen verlangt er von den Herrengärten: hier möge man 20 Joch und mehr, je nach dem Verlangen der Herren, mit einer hohen Mauer umgeben. Nach Norden pflanze man ein Boskett von hohen Bäumen, in dem man wilde Tiere unterbringen könne. Nach Süden baue man einen sehr schönen Palast, in dem der König und die Königin verweilen können, wenn sie ernste Gedanken fliehen und in ihrer Seele Heiterkeit und Frohsinn erneuern wollen. Crescenzius gibt mit genauer Berechnung des italienischen Klimas dem Sommerpalast diese Lage, denn so habe man in seiner Nähe angenehmen Schatten, und der Blick in den Garten ist nicht von der blendenden Sonne belästigt. Weiter verlangt er einen Fischweiher und in der Nähe des Palastes ein Vogelhaus. Auch noch an anderen Stellen des Gartens könne man Bosketts anlegen und darin zahmere Tiere unterbringen. Überaus wichtig aber ist es, daß er verlangt, daß nicht Alleen von hohen Bäumen den Blick vom Palaste zu dem Boskett am Ende des Gartens beeinträchtigen sollen, damit man von den Fenstern aus die Tiere beobachten könne, die dort untergebracht seien. Des längeren verweilt er bei dem Bau von Sommerhäusern im Garten, die nur von Bäumen verfertigt werden, mit verschiedenen Gängen und Zimmern, in denen man sich in trockenem und feuchtem Wetter aufhalten könne. Er empfiehlt, die Wände aus Fruchtbäumen, Kirschen oder Äpfeln, oder auch aus Weiden und Ulmen zu pflanzen, die man über Pfähle, Stangen und Ruten zieht, bis Wände und Dach davon gebildet werden, doch könne man sie auch aus trockenem Holz verfertigen und dicht mit Wein beziehen. Sehr verschönt werde der Garten durch Anpflanzung von immergrünen Bäumen. Aber auch hier verlangt er strengste Ordnung und Sonderung der Arten, damit jede Pflanze sich ohne Makel zeige. An anderer Stelle Crescenzius, a. o. O., cap. 4. bespricht Crescenzius auch den Baumverschnitt und empfiehlt, Gärten und Gräben mit einer Einfassung von grünen Bäumen zu umgeben, die man in Mauern, Palisaden, Türmen und Schießscharten ziehen und verschneiden könne. Ohne daß hier schon sonderlich von Plan und Anordnung geredet wird, fühlt man doch das Streben nach einer kunstvolleren Gestaltung, die den Weg zur Entwicklung der Frührenaissance bahnte. Crescenzius will Lehrer sein und praktische Anleitung und Ratschläge geben; diesen Zweck hat er nicht nur in Italien, sondern auch jenseits der Alpen erreicht, wo sein Buch bald in Deutschland, Frankreich und England gelesen und verbreitet wurde. Mit dieser wissenschaftlichen Darstellung des Landbaues ging die Einführung fremder Pflanzen Hand in Hand. Bald begann man in Italien besondere Pflanzengärten zu medizinischen Zwecken anzulegen; diese Praxis muß bereits im XIV. Jahrhundert in Italien verbreitet gewesen sein, denn schon zu Petrarcas Zeit war der Ruf italienischer Pflanzenkunde so groß, daß man ihre Vertreter ins Ausland berief; so legte damals unter Karl IV. der Florentiner Angelo einen botanischen Garten in Prag an Schottky, Prag I, 388..

Italien nimmt nicht nur in der praktisch-ästhetischen Gartenkunst, sondern, wie zu erwarten steht, auch in der poetischen Schilderung vom XIV. Jahrhundert an eine besondere Stellung ein. Der Dichter, der vor allem den großen Schritt vom mittelalterlichen zum Renaissancedenken auf allen Gebieten verkörpert, Boccaccio, steht auch in seiner Gartenschilderung bedeutsam auf der Schwelle zweier Welten. Nächst dem Rosenroman gibt es kaum eine zweite Gartenschilderung, die man so unmittelbar der antik-byzantinischen Tradition der Liebesromane anreihen kann, wie jene in der Liebesvision Boccaccio, Amorosa Visione vom Jahre 1342. In der Fiammetta schildert außerdem Boccaccio das üppig luxuriöse Leben am Hofe der Anjous in Neapel. In Bajae, wo die Fiammetta spielt, werden sicher die Villen prächtige Gärten gehabt haben, die nahe Verbindung mit Sizilien läßt schon darauf schließen, doch ist auch hier kein individuelles Bild zu erhaschen.. Der Dichter nähert sich dem Garten, über dessen Mauer ihm blühende Zweige entgegennicken, den Eintretenden überwältigt die Schönheit des Rasens mit mannigfachen Blumen geschmückt, die klaren Brünnlein, die Tiere, die auf dem Rasen spielen, der herzerfreuende Gesang der Vögel; in der Mitte ist ein Brunnen, dessen ausführliche überschwengliche Schilderung – sie zieht sich durch zwei Kapitel hin – noch einen Eustathius weit übertrifft. Wir hören von dem schönen Bassin aus rotem Marmor, an dessen vier Seiten Gestalten in verschiedenen Stellungen in kostbarem Marmor ausgeführt sind. In der Mitte erhebt sich auf einer Schale, die nicht genug bewundert werden kann, eine Säule von diamantenem Aussehen mit einem goldenen Kapitell, auf dem drei Frauengestalten, die Schultern aneinander gelehnt, aus verschiedenfarbigem Marmor geformt waren, so daß die eine dunkelschwarze das Wasser als Tränen von sich strömte, die zweite, die wie Feuer rot war, es aus ihrer Brust fließen ließ, die dritte, fast weiße, es über sich warf; es sammelte sich in Schalen und floß durch je einen Löwen-, einen Stier- und einen Menschenkopf ab, um dann weitergeleitet den Garten zu bewässern. Die Freude an diesen phantastischen Brunnenschilderungen wirkt noch lange weiter. Rabelais stellt in den Hof seiner Thelemitenabtei einen fast gleichen Brunnen, den er nur humorvoller ausmalt, besonders in den drei Frauengestalten, denen das Wasser aus allen Leibesöffnungen in die Schalen fließt Rabelais, Gargantua I, cap. 55.. Auch die meisten übrigen Gartenerwähnungen Boccaccios bleiben traditionell; durch die Aufnahme der Baumliste in die Teseide hat er, wie schon erwähnt, auch diese antike Tradition weit in die Renaissance hinein lebendig erhalten. Aber Boccaccio weiß auch seine Augen der Wirklichkeit zu öffnen, wie keiner vor ihm: dort, wo er uns ein Stück Zeitgeschichte voll unnachahmlicher Anschaulichkeit gegeben hat, in der Rahmenerzählung seines Decamerone. Wenn Villani in seiner Chronik ein allgemeines Bild der Schönheit von Florenz' Umgebung entworfen hat, wenn Petrus Crescenzius lehrend das Muster eines Herrengartens zeigt, so gibt doch erst Boccaccios Schilderung der vornehmsten seiner Villen eine klare, greifbare Schilderung der Landsitze des Adels, die sich auf den Hängen von Fiesole über der Stadt erhoben. Gewiß waren in Wirklichkeit und sind in der Dichtung diese Villen, auf denen die Damen und Herren in Decamerone ihre Tage verleben, einander sehr ähnlich; der Kreis der Motive in der Gartenkunst ist noch klein und typisch wiederkehrend, aber was der Dichter sehen und erleben läßt, ist ein wirklich Gesehenes Boccaccio, Decamerone, Gior. III, Prol.; andere Stellen Gior. I Prol.; Gior I, Nov. 10; Gior II Nov. 9; Gior. III Nov. 10; Gior. VII Prol. Am meisten Recht auf den Anspruch die Hauptvilla des Decamerone zu sein hat wohl ihrer ganzen Lage nach die Villa Poggio Gherardo auf einem Hügel nach der Seite von Settignano gelegen. Die anderen Villen, die die Gesellschaft besucht, Palmieri und Schifanoja, sind in der Barockzeit ganz umgebaut.: das Haus liegt auf einem Hügel, von Wiesen umgeben, ein schöner sanfter, wenig betretener Pfad führt zu ihm. Ein edler, brunnengezierter Binnenhof wird von einer Loggia überragt, die, köstlich mit Blumen geschmückt, die Gäste aufnimmt. Der Garten, in den sie später treten, liegt zur Seite des Hauses, wohlummauert; ringsumher und die Mitte durchkreuzend führen gerade Wege, breit wie Straßen, mit Lauben von Weinranken überzogen, die in diesem Jahre die schönste Aussicht auf reiche Ernte gaben, während jetzt ihre Blüten herrlichen Duft verbreiten. Die Seiten der Wege sind durch Hecken von weißen und roten Rosen abgeschlossen, so daß man nicht nur am Morgen, nein zu jeder Tageszeit, im tiefen Schatten gehen konnte. Wie die übrigen Pflanzen im Garten geordnet waren, zu schildern, dazu fehlt dem Dichter leider auch hier die Zeit. In der Mitte des Gartens aber ist eine Wiese von dichtestem, kürzestem Rasen, und so dunkelgrün, daß sie fast schwarz erscheint, von tausend verschiedenen Arten von Blumen wie gemalt. Ringsumher ist sie abgeschlossen von grünen, lebendigen Orangen und Zitronen, auf denen man Blüten und Früchte zu gleicher Zeit sieht. In der Mitte dieses Rasens liegt der Brunnen von weißestem Marmor mit schönen Skulpturen am Rande. Eine Gestalt auf einer Säule mitten innen wirft einen Strahl – ob von einer künstlichen oder natürlichen Quelle, kann der Dichter selbst nicht sagen – von solcher Stärke in die Höhe, daß man Mühlen damit hätte treiben können. Unter der Wiese wird die Quelle fortgeführt, um dann in künstlichen Kanälen den Garten zu bewässern. Natürlich erfreut in diesen lieblichen Gärten der Gesang der Vögel die frohen Menschen, und gerne lassen sie sich auch von Tieren aller Art, von Rehen, Hirschen und Kaninchen, belästigen. Auf dem Rasen werden Tische und Stühle aufgestellt, an denen die von Gesang und Tanz Ermüdeten sich zu Erfrischungen niederlassen. Welch eine Lust und Freude an dem Leben in der Villa verrät sich in dieser Schilderung. Da spüren wir ein neues Leben in der Gartenentfaltung, das noch lebendiger wird durch biographische Nachrichten.

Petrarca scheint überall, wohin er kam, eines Gartens bedurft zu haben, den er selber pflegte. In Parma besaß er einen, wo sich Weinranken zwischen den Bäumen schlangen, hier fand die berühmte Begegnung zwischen ihm und Boccaccio statt. Von seinem Garten in Vaucluse sagt er, daß er ihn mit seinen eigenen Händen gepflanzt habe, und freudig vergleicht er seine Tätigkeit mit der göttlichen von Bacchus und Minerva. So habe er nicht nur für den Schatten der Enkel gesorgt, sondern wandle selbst schon darunter Petrarca Fam. XI, 12; II, 139: Pierre de Nolhac, Le jardin de Petrarca.. Und am Hang der euganeischen Berge, eine paradiesische Landschaft überschauend, liegt noch heute das kleine Häuschen, das der Dichter seinem Alter als Zufluchtsstätte in dem weinberühmten Dorfe Arqua erwählt hatte. Von der Dorfstraße tritt man in den Garten, den eine dicht verwachsene Lorbeerallee zum Hause leitend durchschneidet; rechts und links davon blühen, heute wie damals, die Blumen auf den einfachen Beeten. Auf der anderen Seite des Hauses, halb die liebliche Aussicht genießend, halb auf das ganz verschwiegene Hintergärtchen blickend, liegt die offene Loggia wie in Boccaccios Villen. Am Fuße des Hügels steht neben der Kirche der Sarkophag, der des Dichters Gebein umschließt, oben aber grünt und duftet der Lorbeer, den er wie keiner geliebt und besungen hat, ewig fort.

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