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Geschichte der Entdeckung und Eroberung Perus

Francisco de Xerez: Geschichte der Entdeckung und Eroberung Perus - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
authorFrancisco de Xerez
titleGeschichte der Entdeckung und Eroberung Perus
publisherVerlag Plata A.G. Chur
isbn385845012X
translatorH. Külb
year1974
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidcded6e28
created20070102
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15. Kunst und Wissenschaft. Sprache. Ersatz der Schrift und der Ziffer. Geschichtliche Überlieferung. Astronomie. (Solstitien und Äquinoctien. Sonnen- und Mondsfinsternisse.)

Nachdem wir über die Verfassung, Gesetzgebung und die bürgerlichen und häuslichen Verhältnisse gesprochen haben, wollen wir jetzt auch das Wichtigste und Ansprechendste über den Zustand der Künste und Wissenschaften bei ihnen mittheilen. Wir beginnen mit der Sprache. Schon früher wurde angeführt, daß es eine zweifache Sprache gab, nämlich die allgemeine oder Hofsprache und eine geheime oder die Sprache der Incas, deren Erlernung jedem andern strenge verboten war. – Die Hofsprache die sich von den verschiedenen Provincialdialekten unterschied, mußte jeder Unterthan lernen. Es waren zu diesem Zweck aus der Zahl der Incas gewählte Lehrer angestellt, mit dem Auftrage die Unterthanen in der allgemeinen Sprache zu unterrichten, überhaupt zu deren Verbreitung thätig zu seyn. Durch zwei Gründe wurden die Könige hauptsächlich zu dieser Anordnung veranlaßt: erstens weil es unmöglich gewesen wäre eine so große Anzahl von Dolmetschern zu halten als man bedurft hätte, um den vielen verschiedenen Stämmen auf ihre Anfragen und Gesuche Antworten zu ertheilen; zweitens wollte man durch die Einheit der Sprache die Nationen einander näher bringen und durch deren Verbreitung im Auslande selbst fremden Völkern bessere Gesinnung gegen das Reich einpflanzen; weil nämlich die Gränzbewohner des Reiches von den fremden anliegenden Völkern nicht verstanden wurden, geriethen die letztern mit ihnen oft in grausame Kriege; es glückte aber den Bemühungen der Incas durch die Verbreitung der allgemeinen Sprache bei mehreren fremden Nationen in der That, sie aus Feinden zu Freunden und treuen Bundesgenossen umzuschaffen. Man nannte diese allgemeine Sprache auch die Sprache von Cuzco, weil sie von hier aus nach allen Provinzen allmählich verbreitet wurde. Bei Aemtern, Anstellungen wurde besonders darauf gesehen, daß man diese Sprache konnte. Als die Spanier das Reich der Incas erobert hatten, verschwand diese allgemeine Sprache fast ganz und die Provincialsprachen erhielten bei weitem wieder das Uebergewicht. Sie hatte nach dem Zeugnisse spanischer Sprachkenner viel Aehnlichkeit mit dem Lateinischen, Griechischen und Hebräischen, übrigens fehlten ihrem Alphabet die Buchstaben B, D, F, G, I und X.

Die Schreibkunst sowie das Rechnen mit Ziffern war den Indianern unbekannt, sie hatten aber ein Mittel ersonnen, durch welches sie beides bis zu einem gewissen Grade ersetzten. Sie rechneten und schrieben nämlich mir Quipus (Knoten), d. h. sie deuteten mittelst einer gewissen Anzahl von Knoten, die in Fäden geknüpft wurden, die mannichfaltigsten Dinge an. Diese Fäden waren von verschiedenen Farben, manche hatten nur eine Farbe, andere waren zweifarbig, wieder andere dreifarbig u. s. w. Jede Farbe, sowohl die einfache als die gemischte, hatte ihre besondere Bedeutung. Die Fäden waren drei- oder vierfach zusammengedreht, ungefähr so dick wie eine mittelmäßige Schnur, und nach der Ordnung an eine zweite Schnur längs in der Weise befestigt, daß sie eine Franze bildeten. – Gelb bedeutete z. B. Gold, weiß Silber, roth Kriegsleute u. s. w. – Wollten sie Begriffe, die durch die Sinne nicht wahrgenommen werden können, bezeichnen, so setzten sie jeden Gegenstand nach seinem Range, indem sie mit dem wichtigsten den Anfang machten. Gesetzt es hätte sich darum gehandelt den Werth des Getreides und der andern Feldfrüchte auszudrücken, so kam die den Weizen bezeichnende Schnur zuerst, dann jene des Roggens, der Erbsen, Bohnen, Hirse und so fort. – Ebenso setzten sie, wenn sie eine Uebersicht von Waffen aufzustellen hatten, die werthvollsten voran, wie die Lanzen, die Pfeile, Bogen, Wurfspieße, Streitkolben, Aexte, Schleuderer u. s. w. Wollten sie eine Zählung der Unterthanen veranstalten, so fingen sie mit den Einwohnern jeder Stadt an, dann kamen die jeder Provinz und so fort, und zwar auf folgende Weise: auf den ersten Faden setzten sie die Greise welche 60 Jahre oder darüber alt waren, auf den zweiten die von 50 Jahren an, auf den dritten die von 40 an und so die übrigen, indem sie stets von zehn zu zehn Jahren bis auf die Säuglinge herabstiegen. Ueber das weibliche Geschlecht führten sie dieselbe Rechnung. – In einigen Fäden befanden sich andere kleine sehr feine Fäden von der nämlichen Farbe, die Ausnahmen von den allgemeinen Regeln zu seyn scheinen; so z. B. bedeuteten kleine Fäden, die an der Schnur der verheuratheten Männer oder Weiber von einem bestimmten Alter hingen, daß sich so und so viele Wittwen oder Wittwer von diesem Alter vorfanden. Diese Franzen waren eine Art Annalen, von denen jedoch alle an einandergereihten immer nur ein Jahr umfaßten. – Bei den Zählungen beobachtete man auf den Schnüren stets das Decimalsystem, nämlich man zählte zehn, oder hundert, oder tausend, oder zehntausend an einer Schnur; selten ging die Rechnung über hunderttausend, weil jede Stadt ihre eigene Rechnung und jede Hauptstadt die ihrer Provinz hatte. Es ist übrigens damit nicht gesagt, daß sie nicht über hunderttausend hätten zählen müssen oder können, indem ihre Sprache für alle Ausdrücke der Arithmetik geeignet war. – Jede dieser Zahlen, die sie nach den Knoten an den Fäden zählten, war von der andern getrennt, und alle hingen an einer Querschnur herunter. Die größte Zahl, d. h. zehntausend, hing an der Querschnur am höchsten, tausend niedriger und so die andern abwärts. Die Knoten eines jeden Fadens und jeder Zahl waren vollkommen gleich. – Es gab eigene Leute, denen die Bewachung dieser Quipus oblag; man nannte sie Quipucamayu (Rechnungsführer); es wurden dazu nur die rechtschaffensten Männer genommen, die sich lange Jahre hindurch durch ihr gutes Benehmen ausgezeichnet hatten. Die Zahl dieser Rechnungsführer war nach dem Verhältniß der Einwohner einer Stadt oder Provinz bestimmt; war auch eine Stadt noch so klein, so hatte sie deren dennoch vier, und so stieg die Zahl bis auf zwanzig und dreißig. Obwohl jeder dieselbe Rechnung zu führen hatte, so war es doch der Wille des Inca, daß in jeder Stadt mehrere dieß Amt versahen, damit ja kein Unterschleif stattfinden möchte. – Sie zählten auf diese Weise alle Tribute die der Inca empfing; jedes Haus war in den Quipus nach der Gattung und Größe des zu entrichtenden Tributes angegeben. Auf dieselbe Weise wurden die Verzeichnisse der Kriegsleute, der Umgekommenen, der jährlich Gebornen und Gestorbenen geführt. Die Geburts- und Sterbelisten wurden nach Monaten aufgestellt. Man begriff in diesen Knoten überhaupt alle Dinge die eine Zählung zuließen, so daß man darin sogar die Anzahl der Schlachten und Gefechte, der Gesandtschaften der Incas sowie auch die der königlichen Erlasse anmerkte. Man konnte durch die Knoten aber, wie sich von selbst versteht, nicht den Inhalt der Gesandtschaft oder die ausdrücklichen Worte eines Erlasses oder andere historische Ereignisse bezeichnen, da die Knoten zur Darstellung von Worten oder Buchstaben nicht geeignet waren. Um diesem Mangel abzuhelfen, hatten sie gewisse Zeichen, an welchen sie merkwürdige Thaten, Gesandtschaften, Kriegs- und Friedenserklärungen erkannten. Die Quipucamayus lernten deren Sinn verstehen und theilten ihn einander vom Vater auf Sohn durch Tradition mit; doch dieß geschah besonders nur in der Stadt oder in der Provinz, in welcher sich diese Dinge zugetragen hatten; es erhielt sich natürlich die Tradition daselbst leichter, weil jeder stolz auf die Kenntniß der Geschichte seiner Stadt oder Provinz war. – Sie bedienten sich auch noch eines andern Mittels, um merkwürdige Thaten der Nachwelt zu bewahren. Ihre Amautas (Weisen) brachten sie in die Form von Erzählungen und Sagen, damit die Väter diese ihren Kindern leichter mittheilen konnten; so gelangten sie wirklich von einem Zeitalter zum andern, und es gab Niemand dem sie nicht bekannt gewesen wären. Sie hüllten übrigens ihre Geschichte stets in ein fabelhaftes und allegorisches Gewand oder behandelten sie dichterisch, was ihren Haravicus (Dichtern) oblag. Diese brachten die merkwürdigsten Ereignisse, Gesandtschaften, die Antworten des Königs und ähnliches in kurze leicht behaltbare Verse. Gewöhnlich sangen sie diese bei ihren Siegesfesten, bei ihren religiösen Feierlichkeiten, bei der Krönung des Inca und bei den Ceremonien der Wehrhaftmachung der männlichen Jugend. Daß übrigens trotzdem ihre Geschichte höchst unvollständig und unsicher seyn mußte, bedarf keiner Erklärung; ohne Schrift ist die Unsterblichkeit selbst der größten Thaten niemals gesichert. – Wenn die Curacas die Geschichte ihrer Vorfahren kennen lernen oder wissen wollten was sich in einer Provinz merkwürdiges zugetragen, so begaben sie sich zu den Quipucamayus, die mittelst der von ihnen bewahrten Knoten darüber Auskunft ertheilten. Diese Geschichtsmänner setzten eine Ehre darein dieß in vollstem Maaße zu können, und studirten deßhalb unablässig die Knoten und die ihnen überlieferten Sagen; sie waren von jedem Tribut und jedem andern Dienste frei, damit sie hinreichend Muße hätten sich in ihrer Wissenschaft stets größere Vollkommenheit zu erwerben. Auch brachten sie es darin so weit, daß sie an den Knoten außer den Zahlen und Ereignissen auch zugleich alle ihre Gesetze, Verordnungen und Gebräuche erkannten. So wußten sie z.B. durch die Farbe des Fadens und die Anzahl der Knoten was dieses, oder jenes Gesetz verbot, welche Strafe es denen die es verletzten auferlegte, welche Opfer der Sonne gebracht werden mußten, welche Verordnungen zu Gunsten der Wittwen, Fremden und Armen lauteten.

Die einzelnen Zweige der Wissenschaft, wie Geometrie, Arithmetik, Geographie, Astronomie, Medicin und selbst Philosophie waren den Indianern nicht ganz fremd, besonders war der Priesterstand und die Adelsclasse bis zu einem gewissen Grade unterrichtet. Zum Beweise wollen wir über die genannten Wissenschaften einiges Nähere anführen.

Von Naturgeschichte hatten sie nach dem Zeugnisse gleichzeitiger spanischer Schriftsteller keine Begriffe; sie hielten sich einzig und allein an die Naturerscheinungen, ohne im Stande zu seyn sich dieselben zu erklären. In der Astronomie hatten sie schon einige wenn auch unvollkommene Kenntnisse; die Sonne, der Mond, die Planeten mußten natürlich ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen und sie zum Nachdenken anspornen; denn es mußte ihnen nothwendig auffallen, daß die Sonne sich ihnen bald näherte und sich bald wieder von ihnen entfernte, daß die Tage bald länger, bald kürzer waren u. s. w. Ebenso mußten sie die verschiedenen Mondphasen bemerken, da der Mond bald voll, bald im Wachsen, bald im Abnehmen erschien oder in der Conjunction stand. Die zuletzt angeführte Phase oder die des Neumondes nannten sie den Tod des Mondes, weil sie ihn dreimal 24 Stunden nicht zu Gesicht bekamen. Ferner erregten die verschiedenen Bewegungen der Venus, die bald vor, bald hinter der Sonne erschien, ihre Aufmerksamkeit. All' diese Erscheinungen leiteten sie zu Beobachtungen, die jedoch über sinnliche Anschauungen nicht hinausgingen. – Sie erstaunten über jede Naturerscheinung, ohne sich die Mühe zu geben nach deren Ursachen zu forschen, und wußten also keinen Grund für den Wechsel des Mondes oder die schnellere und langsamere Bewegung der Planeten anzugeben. Sie kannten nur die drei genannten Himmelskörper, die Sonne, den Mond und die Venus; sie allein waren im Stande durch ihren Glanz und ihre Schönheit ihre Bewunderung zu erwecken; die übrigen Sterne oder Sternbilder beobachteten sie nicht. Die Sonne nannten sie Inti, den Mond Quilla, die Venus Chasca, d. h. die reichlockige, wegen ihrer Strahlen. Auch die Pleiaden bewunderten sie, und alle zusammen, die Sonne, den Mond, die Venus und die Pleiaden bezeichneten sie mit dem Worte Coyllur (Sterne).

Der Inca und die Gelehrten zählten die Jahre (Huata) nach den Sonnenläufen, das gemeine Volk nach den Ernten, alle jedoch kannten im allgemeinen die Frühlings- und Wintersonnenwende vermittelst einer merkwürdigen Einrichtung. Es befanden sich nämlich zu Cuzco 16 Thürme, acht im Osten und acht im Westen; je vier standen in einer Reihe; die beiden mittleren waren kleiner als die andern und hatten drei Stockwerke; zwischen den Thürmen waren Zwischenräume von acht, zehn und zwanzig Fuß. Die Seitenthürme waren bedeutend höher. Der Raum nun, der sich zwischen den beiden kleinen Thürmen befand, diente zur Erkennung der Zeit der Sonnenwenden; ging nämlich die Sonne bei ihrem Auf- und Niedergange durch diesen Raum, so war dieß das Zeichen daß jene Zeit eingetreten war. Um ja keinen Irrthum beim Feststellen der Sonnenwenden zu begehen, begab sich der Inca selbst auf einen geeigneten Standpunkt und beobachtete genau, ob die Sonne zwischen den beiden kleinen Thürmen auf- und unterging; gleiche Beobachtungen wurden von den gelehrtesten Indianern gemacht. Jedoch verstanden sie es nicht die Sonnenwende auf einen Tag im Jahre festzustellen, weil sie die Monate nach den Mondläufen zählten. Ihr Jahr bestand aus zwölf Mondmonaten, und sie wußten es nicht mit dem Sonnenjahre in Einklang zu bringen, das eilf Tage länger war; bemerkten übrigens diesen Unterschied und richteten sich bei der Bestellung des Feldes nach dem Sonnenjahr. Auch die Tag- und Nachtgleichen waren ihnen bekannt und sie stellten an diesen Tagen große Feste an. Zur Zeit der Frühlingstag- und Nachtgleiche ernteten sie den Mais unter großen Festlichkeiten; bei der Herbsttag- und Nachtgleiche feierten sie eines ihrer vier höchsten Sonnenfeste, Citua Raynu genannt. Zur Bestimmung der Aequinoctien hatte man reich verzierte, künstlich gearbeitete Säulen in der Mitte des Platzes vor dem Sonnentempel aufgestellt. Die Priester versammelten sich beim Herannahen des Aequinoctiums jeden Tag und beobachteten genau den Schatten dieser Säulen. Die Stelle an welcher sie aufgerichtet waren, bildete einen Kreis, und man zog von dem Mittelpunkte desselben aus eine Linie von Osten nach Westen. Lange Erfahrung hatte ihnen den Punkt für die Richtung dieser Linie angegeben, und sie beurtheilten nach dem Schatten welchen die Säule warf, die Entfernung oder Annäherung des Äequinoctiums. Wenn man nach dem Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergange rings um die Säule Schatten, zur Mittagszeit aber keinen auf allen Seiten sah, so nahm man diesen Tag für die Tag- und Nachtgleiche. Man verzierte sodann die Säulen mit Blumen und wohlriechenden Kräutern und setzte einen Stuhl oder Thron auf deren Spitze, weil man behauptete die Sonne lasse sich an diesem Tage mit all ihrem Glanze auf der Säule nieder und stehe senkrecht über ihr stille. Zu gleicher Zeit betete man die Sonne an, brachte Opfer und Geschenke dar und überall herrschte Frohsinn und Vergnügen. Es verdient noch bemerkt zu werden, daß in dem Maaße als die Incas neue Provinzen eroberten, die Amautas oder Gelehrten die Erfahrung machten, daß je mehr sie sich der Aequinoctiallinie oder dem Aequator näherten, die Säulen stets kürzere Schatten werfen. Daher kam es auch daß die Säulen in der Stadt Quito und die welche sich in deren Nähe an der Meeresküste befanden am meisten geehrt wurden, weil hier die Sonne senkrecht am Mittag über ihnen stand und ganz und gar kein Schatten sichtbar war; auch glaubten sie die Sonne ziehe diese Sitze allen übrigen vor, weil sie wie sie sagten sich senkrecht auf sie setzen könne, während sie bei den andern sich auf die Seite lehnen müsse.

Sie zählten, wie schon angeführt, die Monate des Jahres nach den Mondläufen von einem Neumond zum andern und nannten sie Quilla; die Monate hatten keine eigenen Namen, ebenso wenig die Mondphasen; vom zunehmenden Lichte an wurde der halbe Monat gezählt, und die Mondsviertel gaben die Wochen an; doch hatte man keine Namen, um die Wochentage zu unterscheiden. Die Monds- und Sonnenfinsternisse staunten sie mit Verwunderung an, vermochten sich aber deren Entstehung nicht zu erklären. Wenn die Sonne sich verfinsterte, glaubten sie, sie sey über einen von ihnen begangenen Fehler erzürnt, weil ihr Angesicht gleich dem Gesichte eines Zornigen entstellt erschiene und schlossen daraus, daß ihnen irgendwo ein großes Unglück bevorstehe. Gleiches vermutheten sie beim Eintritt einer Mondsfinsterniß. Wenn er sich verdunkelte, waren sie der Meinung, er sey krank und würde, wenn dieser sein Zustand nicht bald aufhöre, unfehlbar sterben und vom Himmel fallen; alles würde alsdann zu Grunde gehen und das Ende der Welt da seyn. Sie hatten deßhalb eine solche Furcht, daß sie, sobald er sich zu verfinstern anfing, einen schrecklichen Lärm mit Trompeten, Hörnern, Cymbeln und Trommeln erhoben und ihre Hunde anbanden und sie fürchterlich durchprügelten in der Ueberzeugung, daß der Mond, dem sie eine große Liebe zu diesen Thieren zuschrieben, aus Mitleid über ihr Geheul aus der durch die Krankheit verursachten Betäubung erwachen würde. So närrisch auch dieser Glaube war, so wurde er doch noch von den Einbildungen, die sie sich von den Flecken des Mondes machten, übertroffen. So erzählten sie zum Beispiel: der Fuchs habe sich einstmals in den Mond wegen seiner großen Schönheit verliebt und sey an den Himmel gestiegen um sich mit ihm zu verbinden; er habe den Mond so heftig an sich gedrückt und so feurig geküßt, daß er hiervon die verschiedenen Flecken bekommen habe. Wenn der Mond krank war, so mußten die Kinder und jungen Knaben ihn mit Thränen in den Augen anrufen, ein großes Geschrei erheben, ihn Mama Quilla (Mutter Mond) nennen und ihn bitten, er möge doch ja nicht sterben, damit nicht ein allgemeines Verderben hereinbreche. Die Männer und Weiber begleiteten dieses Geschrei der Jugend mit verwirrten Tönen und erhoben alle zusammen einen solchen Lärm, daß man sich unmöglich einen Begriff davon machen kann. – Je nachdem die Finsterniß groß oder klein war, beurtheilten sie die Krankheit; wenn er allmählich sein Licht wieder bekam, sagten sie, er fange an sich besser zu befinden; Pachacamac, der die Welt beseele, habe ihn geheilt und gebiete ihm ausdrücklich nicht zu sterben. Hatte er seinen gewöhnlichen Glanz wieder erlangt, so jubelten sie über seine Genesung und dankten ihm demuthsvoll daß er nicht herabgefallen sey. Den Tag nannten sie Punchav, die Nacht Tuta und den Morgen Pacari; außerdem hatten sie verschiedene Namen, um die verschiedenen Tages- und Nachtzeiten anzuzeigen, wie die Morgenröthe, Mitternacht, Mittag und so weiter. Große Verehrung erwiesen sie dem Regenbogen wegen der Schönheit seiner von der Sonne herkommenden Farben, und der Inca wählte ihn auch deßwegen zu seiner Devise. Eine andere närrische Einbildung der Indianer war, daß die schwarzen Flecken, die man in der Milchstraße erblickt, die Gestalt eines Schafes, das sein Junges säugte, darstellten. So sehr sie sich auch beeiferten es den Spaniern zu zeigen, so war es doch unmöglich etwas derartiges zu unterscheiden, obgleich sie ernst behaupteten, hier sehe man das Schaf, dort das Lamm ganz genau. Auch die Kometen beobachteten sie und glaubten daß durch diese der Tod ihrer Könige oder die Vernichtung des Reiches und der Provinzen voraus angezeigt würde. Ihre meisten Voraussagungen gründeten sich auf Träume und Opfer; die Traumdeutungen waren so schrecklich, daß spanische Schriftsteller sagten, sie fürchteten sich dieselben mitzutheilen, weil schwache Seelen nothwendig darüber außer sich kommen würden. – Wenn die Sonne unterging und sich an der Westküste von Peru ins Meer zu stürzen schien, sagten sie, sie steige in dasselbe um ihre Hitze in dem Wasser zu kühlen und schlüpfe dann wie ein guter Taucher unter der Erde durch, um am nächsten Morgen im Osten wieder zum Vorschein zu kommen. Von dem Monde und den Sternen behaupteten sie dieses nicht. So weit von der Astronomie.

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