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Geschichte der Entdeckung und Eroberung Perus

Francisco de Xerez: Geschichte der Entdeckung und Eroberung Perus - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
authorFrancisco de Xerez
titleGeschichte der Entdeckung und Eroberung Perus
publisherVerlag Plata A.G. Chur
isbn385845012X
translatorH. Külb
year1974
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidcded6e28
created20070102
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14. Heerwesen. Flußübergänge. Brücken. Schifffahrt. Fischfang. Ackerbau. Viehzucht. Handwerke.

Das Heerwesen war nach den nämlichen Grundsätzen wie die Civileinrichtung organisirt; auch hier ging man von der Grundzahl zehn aus und stieg so von Stufe zu Stufe bis zu tausend Mann empor, jede Abtheilung hatte ihren Heerführer wie bei unsern Regimentern; über tausend Mann war ein General gesetzt. – Die Waffen, welche die Indianer führten, haben wir bereits genannt. – Die Vorgesetzten dienten beim Heere wie beim Bürgerstande als Schützer und als Ankläger zugleich. – Jede Stadt hatte eine gewisse Zahl von Leuten für das Heer zu stellen; wer ohne Erlaubniß oder Abschied sich von demselben entfernte, wurde zum Tode verurtheilt; überhaupt war die Kriegszucht äußerst strenge. – Man sollte übrigens glauben in einem von vielen und großen Flüssen durchschnittenen Lande, dessen Bewohner von der Schiffbaukunst nichts verstanden, sey die Fortbewegung großer Menschenmassen nicht leicht möglich gewesen. Die Indianer fanden aber dennoch Mittel auf ganz eigenthümlich eingerichteten Brücken über breite reißende Ströme zu setzen. Es wächst nämlich bei ihnen eine Art großer Binsen, Ycha genannt, die sie zu diesem Zwecke benutzten. – Sie flochten aus diesen große Seile von der Dicke einer Mannshüfte und spannten zwei derselben von einem Ufer bis zum andern auf der Oberfläche des Wassers; auf diese beiden Seile legten sie dicht nebeneinander Bündel aus Rohr und Binsen, von der Dicke eines Ochsen, und befestigten diese so gut als möglich an einander selbst und an den Seilen. – Ueber diese Bündel wurden dann zwei andere Seile gelegt und so straff angezogen, daß das Ganze fest geschlossen war. Damit die bindenden Seile durchs Hinübergehen nicht zerrissen wurden, legte man eine zweite Reihe kleiner Rohr- und Strohbündel darüber, die man ebenfalls an die Seile befestigte. Solche Brücken waren gewöhnlich 14 Fuß breit und 150 Schritte lang. Da jedoch das Schilf und Stroh schnell dem Verderben ausgesetzt sind, so war man gezwungen alle sechs Monate diese sonderbaren Brücken neu einzurichten. Die Seile, auf denen die ganze Brücke ruhte, wurden an beiden Ufern dadurch befestigt, daß man sie tief in die Erde eingrub ohne sie an hölzerne oder steinerne Pfeiler anzubinden. Wahrscheinlich rührte dieses Verfahren daher, weil eine solche Brücke bald weiter oben bald weiter unten geschlagen wurde und sie auf diese Weise damit in sehr kurzer Zeit fertig wurden. Diese Brücken legte man jedoch nur auf den Hauptstraßen an, weil ihre Erbauung und Unterhaltung zu kostspielig war. – An andern Stellen wurde der Uebergang auf großen Flößen bewerkstelligt; denn die Kunst Kähne oder Schiffe zu bauen kannten die Indianer nicht. Der Hauptgrund lag wohl in der Beschaffenheit ihrer Holzarten, denn wenn in jenen Ländern auch große Bäume, die man zu Canots und dergleichen hätte verwenden können, wachsen, so waren dieselben wegen ihrer Schwere und Eisenhärte dazu untauglich. Sie bedienten sich daher zu Flößen eines Baumes, der nur so dick wie die Hüfte eines Mannes wird und dabei sehr leicht ist. Fünf bis sechs solcher Baumstämme fügten sie zusammen, der längste kam in die Mitte und so waren die nach der äußern Seite stets verhältnißmaßig kürzer und liefen in eine Spitze aus, um auf diese Weise das Wasser besser durchschneiden zu können. Um sie von dem einen Ufer nach dem andern zu bringen, hatte man an beiden Seiten Seile befestigt. Außer diesen Flößen oder fliegenden Brücken bedienten sie sich statt der Barken eines sonderbaren Verbindungsmittels. Sie nahmen nämlich einen Bündel Schilf von der Größe eines Ochsen, banden ihn so fest als möglich und gaben ihm von der Mitte aus nach dem Vordertheile eine Spitze, einer Art Schiffsschnabel ähnliche Gestalt; von dieser Spitze aus wurde der Bändel nach der entgegengesetzten Richtung oder nach dem Hintertheil hin immer breiter; die Oberfläche auf welche die Ladung gelegt wurde war flach. Zur Führung dieses sonderbaren Fahrzeugs bedurfte es nur eines Mannes, der sich auf das Hintertheil setzte und seine Hände und Beine als Ruder gebraucht. War der Strom reißend, so kam das Fahrzeug 100 bis 200 Schritte unter dem Orte der Abfahrt an. Wenn der Schiffer jemanden übersetzte, so mußte der Ueberfahrende sich längs auf das Fahrzeug hinlegen und seinen Kopf gegen den Fährmann stemmen, der ihm noch ganz besonders anrieth sich fest an den Seilen des Bündels zu halten ohne den Kopf zu erheben oder die Augen zu öffnen. Weil nämlich das Fahrzeug reißend schnell den Strom hinabglitt, so konnte der, welcher daran nicht gewohnt war in Schrecken gerathen, die Besinnung verlieren und in die Fluth stürzen. Ein anderes Mittel über reißende Ströme zu setzen bestand darin, daß sie einen großen Korb aus Binsen verfertigten und denselben an langen Seilen von einem Ufer zum andern zogen. Uebrigens gehörte zu dieser Ueberfahrtsweise große Geschicklichkeit, weil der Korb leicht umschlug. Es mußten deßhab gewisse Provinzen die Fährleute abrichten und an die Ueberfahrtsstellen schicken, damit diese Unglücksfälle so viel als möglich vermieden wurden. Uebrigens fand diese Ueberfahrt nur an abgelegenen wenig besuchten Uebergangspunkten statt.

Mit diesen Flößen und den beiden andern Fahrzeugen wagten sich die Indianer sogar auf die offene See bis auf sechs Stunden Entfernung von der Küste; das Meer an der Küste von Peru ist nämlich sehr ruhig, so daß man es mit den kleinsten Schaluppen befahren kann. Mannsdicke, aber sehr leichte Schilfrohre dienten ihnen beim Fahren als Ruder, welche sie mit beiden Händen sehr geschickt zu führen wußten. Mit diesen Fahrzeugen gingen sie zugleich auf den Fischfang aus. Sie verstanden Fische von der Größe eines Mannes auf dieselbe Weise zu fangen wie man die Wallfische mit der Harpune wirft. Sie banden nämlich einen Haken an ein starkes Seil, das 20, 30 ja 40 Klafter lang war. Sobald der Fischer seine Beute mit dem Haken getroffen hatte, ließ er das Seil, welches er in der Hand hielt nach; der Fisch schwamm dann mit ungemeiner Schnelligkeit bis er seine Kraft allmählich verlor und der Fischer ihn auf sein Fahrzeug ziehen konnte. – Außerdem fischte man mit Netzen und Angeln doch ohne besondern Erfolg, weil die Netze zu klein waren und die Angeln nichts taugten, da man sie weder aus Eisen noch aus Stahl fertigen konnte. Segel wendete man bei den Fahrzeugen nicht an, weil diese nicht stark genug waren um sie tragen zu können.

Der Ackerbau der Indianer befand sich in sehr glänzendem Zustand, denn sie wendeten alle nur mögliche Sorgfalt zur Vermehrung der Productionsfähigkeit des Bodens an. Sie besaßen Wasserbaumeister, die besonders auf die Bewässerung der Felder ihre ganze Aufmerksamkeit richteten. Diese mußten überall, wo das Land zum Ackerbau tauglich war, Canäle anlegen, was besonders in den heißen Gegenden von außerordentlichem Nutzen war. Ebenso wurden auch die Weiden, die den großes Heerden ihre Nahrung gaben, trefflich bewässert; damit aber die Bewässerung gleichmäßig und an allen Stellen stattfand, wurden die Felder und Weiden geebnet. Um Hügel und steinigen Boden leichter urbar zu machen, legten sie Terrassen an, indem sie von Stufe zu Stufe eine Mauer errichteten und die Zwischenräume mit Grund ausfüllten; die Felsen wurden mit Erde bedeckt, so daß auch die kleinste Stelle nicht unbenutzt blieb. Die Canäle waren oft 15 bis 20 Stunden lang, so sehr war man darauf bedacht den Aeckern die nöthige Feuchtigkeit zu verschaffen. War die Ebnung und Bewässerung vollendet, so wurde das ganze Land der Provinz in drei Theile getheilt; der erste Theil gehörte der Sonne, der zweite dem König und der dritte den Bewohnern. Der den letztern zukommende Theil war übrigens stets der größte, damit hinreichend Ackerland zum Bebauen für sie vorhanden und ihre Existenz gesichert war. Mehrte sich in einer Provinz die Bevölkerung, so wurde ihr so viel von der Domaine der Sonne oder des Inca angewiesen, als zu ihrem Unterhalte nothwendig schien. – Außer Mais pflanzten sie Getreide und andere Feldfrüchte, welche bei ihnen die Namen Papa, Oca und Añus führen. Trugen die Felder aus Mangel an Bewässerung schlecht, so wurden sie nur ein und zwei Jahre nacheinander bestellt und blieben dann brach liegen, während man andere bearbeitete; auf diese Weise hatte man stets tragbare Felder. – Bei der Bebauung der Felder wurde folgende Ordnung beobachtet. Zuerst wurden die Aecker der Sonne, der Waisen, Wittwen und der Personen, welche Alter oder Krankheit zur Arbeit untauglich machte, bestellt. Alle diese Personen setzte man in die Classe der Armen; in jeder Stadt, ja selbst in jedem Viertel derselben, wenn sie groß war, waren Beamte angestellt, die auf die sorgfältige Bebauung der Felder der Armen sehen mußten. Man nannte sie Llactacamayu (Stadtschöffen); sie stiegen zu den Zeiten wo die Feldarbeiten, die Beackerung, die Aussaat, die Ernte gethan werden mußten, in dunkler Nacht auf eigens zu diesem Zweck erbaute Thürme und riefen, nachdem sie mit einer Trompete ein Zeichen gegeben hatten, mit lauter Stimme: »Morgen beginnen die Feldarbeiten für die schwachen alten Leute; die dabei betheiligt sind, werden hiermit darauf aufmerksam gemacht, auf daß sie sich an Ort und Stelle einfinden.« – Wer zu diesen Arbeiten verpflichtet war und nicht kam, wurde strenge bestraft. Obschon jeder dabei gezwungen war auf eigene Kosten und nicht auf Kosten der Armen zu leben, verrichtete er diesen Dienst doch gerne, denn sie sagten, die Greise, Schwachen und Armen seyen ohnehin übel genug daran und es könnte daher nicht von ihnen verlangt werden, daß sie arbeiteten. Hatten die Armen kein Aussaatkorn, so gab man ihnen solches aus den öffentlichen Magazinen. Auch die Aecker der im Felde stehenden Soldaten mußten von andern bebaut werden und ihre Frauen wurden auf die Rolle der Wittwen gesetzt. Kam einer im Kriege um, so nahm man sich seiner Kinder ganz besonders an, und wenn sie erwachsen waren, wurden sie auf Staatskosten verheurathet. – Waren auf diese Weise die Aecker der Armen bestellt, so bauten sie ihre eigenen und zuletzt die Besitzungen des Curaca. Es wurde streng auf diese Ordnung im Feldbau gehalten; zur Zeit des Inca Huayna Capac wurde ein Statthalter, der die Ländereien einer Wittwe zurückgesetzt hatte, gehängt und der Galgen selbst auf dem Acker, den er vorgezogen hatte, errichtet. Ferner hatten die Incas das Gesetz erlassen, daß die Aecker ihrer Unterthanen vor den ihrigen bebaut werden sollten, indem man den Grundsatz aufstellte, der König könne von seinen Unterthanen nur gut bedient werden, wenn sich dieselben in guten Verhältnissen befänden, wenn dagegen Armuth unter ihnen herrsche, so seyen sie im Krieg und Frieden nicht zu gebrauchen.

Die Domänen der Sonne und des Inca bebauten sie mit sehr großer Freude; sie zogen alsdann ihre Feiertagskleider, ihren Schmuck an und zierten ihren Kopf mit schönen Federn. Ebenso stimmten sie Freudengesänge an wenn sie in den Krieg zogen. Denn alles geschah für Gott (die Sonne) und den König.

In der Hauptstadt Cuzco in der Nahe des Hügels, auf welchem die Festung lag, befand sich ein großer freier Raum, Collcampata genannt, welchen man unter die hauptsächlichsten Reichthümer der Sonne zählte, weil er der erste Gegenstand war, welcher im ganzen Reiche der Sonne geweiht wurde. – Es war niemanden außer Personen aus königlichem Stamme erlaubt dieses Feld zu bebauen, so daß diese Arbeit nur die Incas und Pallas verrichten durften. Ueber dieses Vorrecht entzückt unterzogen sie sich mit hoher Freude dieser Mühe und stellten an dem Tage, an welchem sie das Feld umackerten, ein großes Fest an. Während der Arbeit vergaßen sie alle Sorgen und sangen sich einander zur Wette um zu zeigen, mit welcher Wonne sie diese Pflicht erfüllten. Die Gesänge welche sie zu Ehren der Sonne und des Königs anstimmten, waren alle auf die Bedeutung des Worts Haylli (Triumph) gedichtet, und es bildete bei diesen Gesängen, in denen die beliebtesten Kriegs- und Liebesweisen eingeflochten waren, das Wort Haylli in den Strophen stets den Endreim und sie wiederholten ihn so oft als sie es zur Erhaltung der Melodie für nöthig hielten. Ihre Melodien waren so anmuthig, daß die Spanier sie auffaßten und auf den Kirchengesang mit Orgelbegleitung anwendeten.

Statt des Pfluges, der ihnen unbekannt war, bedienten sie sich gewöhnlich eines Stückes Holz, das ein Arm lang, nach vorne platt und nach hinten rund war: seine Breite betrug vier Finger und es hatte am einen Ende eine gute Spitze um es in den Boden einsenken zu können; an der Mitte dieses Holzes waren zwei Stützen angebracht, auf welche man mit dem Fuße trat, so daß das Holz bis an sie in den Boden einging. Auf diese Weise zogen sie Furchen und warfen so große Schollen auf die Seite, daß, wenn man es nicht selbst sah, man es für unmöglich gehalten haben würde, mit einem so unvollkommenen Werkzeuge eine solche Wirkung hervorzubringen. Die Weiber unterstützten die Männer gewöhnlich in der Feldarbeit und rauften insbesondere das Unkraut aus.

Die schon erwähnte Vertheilung der Ländereien geschah auf folgende Weise an die Unterthanen: jeder Indianer erhielt ein Tapu (Stück), das so groß war daß es zur Ernährung eines verheuratheten Mannes, wenn er keine Kinder hatte, ausreichte. Für jeden Sohn, den er bekam, empfing er ein weiteres Tapu, für jedes Mädchen ein halbes; der Vater mußte dem Sohn, wenn er sich verheurathete, dieses Tapu dem Gesetze gemäß ausliefern. Wenn die Töchter sich verheuratheten, bekamen sie kein Land mit, denn ihre Männer besaßen dessen genug um sie ernähren zu können; auch trug man weiter keine Sorge für die Töchter, sobald sie einmal verheurathet waren. Konnte der Vater einen Theil der ihm verliehenen Aecker entbehren, so gab er sie der Gemeinde zurück, denn man konnte sie nicht verkaufen.

Wie den gewöhnlichen Unterthanen, so waren auch dem Adel, nämlich den Curacas, ihre Ländereien in größerer oder geringerer Ausdehnung je nach der Zahl ihrer Weiber, Kinder, Beischläferinnen, Diener und Mägde zugetheilt. Gleiches geschah in Betracht der Incas, nur mit dem Unterschiede daß ihr Antheil beträchtlicher war und daß man ihnen die besten Ländereien gab. – Die Aecker wurden, um sie fruchtbarer zu machen, mit den Excrementen der Menschen gedüngt; sie sammelten den Koth mit unglaublicher Sorgfalt, trockneten ihn und streuten ihn zu feinem Pulver verrieben auf die Aecker aus. – In gewissen Gegenden, besonders an der Meeresküste von Arequepa bis Tarapuca, wandte man zum Düngen nichts anders als den Mist gewisser Vögel, Meersperlinge genannt, an, die in ungeheuren Schaaren sich auf den nahen unbewohnten Inseln aufhalten. Sie überziehen den Boden dieser Inseln mit einer solchen Masse weißen Mistes, daß man aus der Ferne Schneeberge zu erblicken glaubt. Man suchte diese Vögel mit so großer Sorgfalt zu erhalten, daß es jedermann bei Todesstrafe verboten war einen zu tödten, oder die Insel zu der Zeit in welcher sie ihre Eier legten zu betreten, aus Furcht man möchte sie aus den Nestern aufscheuchen und von den Inseln verjagen. – Der Inca wies diese Inseln den Provinzen, die deren Dünger nöthig hatten zu diesem Zwecke an. Der Dünger wurde dann genau unter die Städte und Gemeinden der Provinz vertheilt; wenn ein Nachbar den andern um einen Theil desselben betrog, so wurde er mit dem Tode bestraft. Ebenso wurde der welcher die Marksteine der Aecker versetzte, als Dieb erklärt und aufgeknüpft. – In andern Seegegenden wie in den Provinzen Acica, Aliquipa, Villacori, Malla und Chillca düngte mau das Feld mit Sardellenköpfen, die man in großer Menge über die Aecker ausstreute; das Meer wirft nämlich an jener Küste lebende Sardellen in so bedeutender Anzahl aus, daß man damit eine Flotte beladen könnte.

Zur Bewässerung der Felder war ebenfalls eine bestimmte Ordnung eingeführt: jeder erhielt nach der Reihe so viel Wasser als er nöthig hatte, so daß selbst nicht in trockenen Jahren jemals Streit über das Wasser entstehen konnte. Man hatte nämlich berechnet, wie viel Wasser jeder zur Bewässerung seiner Ländereien brauchte und es wurde deßhalb jedem gestattet dieses in festbestimmten Stunden zu benutzen. Der Reiche hatte hierin vor dem Armen nicht den geringsten Vorzug. Versäumte einer die Bewässerung zur gehörigen Zeit, so wurde er derb gestraft; er erhielt nämlich öffentlich drei oder vier Steinschläge auf die Schultern oder man peitschte ihn mit einem Rohre durch und nannte ihn einen Metzquitullu (Weichknochen, Taugenichts), mit welcher Benennung ein großer Schimpf verbunden war. – Zur Aufbewahrung des Mais und sonstiger Feldfrüchte waren große Magazine oder Speicher angelegt, die man aus Thon mit Stroh gemischt oft in großartigem Style erbaute.

Ein Hauptreichthum der Indianer bestand in ihren Viehheerden; alles Vieh war so zu sagen Staatseigenthum, denn es wurde auf Kosten des Inca unterhalten. Um die Heerde besser zählen zu können, trennte man die einzelnen Stücke derselben nach der Verschiedenheit der Farben von einander; jede Art hatte ihre eigene Benennung und man nannte die gefleckten Thiere im allgemeinen Murumuru. – Wurde ein Lamm geboren das eine andere Farbe als das Mutterschaf hatte, so theilte man es sogleich der Heerde zu, die dessen Farbe trug. Auf diese Weise konnte man sie vermittelst der Knoten und Fäden, die dieselbe Farbe wie die Heerden hatten, leicht zählen. Als Lastthiere gebrauchte man eine Art Thiere (Lamas), welche die Spanier Hämmel nannten, die aber den Kamelen gleichen, nur hatten sie keine Höcker. – Von den Incas war übrigens befohlen, daß sie nur zu nothwendigen Arbeiten, wie beim Baue von Städten und Festungen verwendet werden sollten.

Was die Gewerbe der Peruaner betrifft, so waren diese wenigstens zum Theil ebenfalls sehr ausgebildet; denn wenn auch der gemeine Mann mit Beihülfe seiner Frau sich die nöthigsten Bedürfnisse, Kleider, Schuhe und so weiter selbst verfertigte, so gab es doch eine Anzahl von Zünften, die sich der höhern Gewerbthätigkeit widmeten; es gab unter andern Gold- und Silberschmiede, die sehr gewandt gewesen seyn müssen, wenn man nach den Verzierungen im Sonnentempel, in den Palästen und öffentlichen Gebäuden urtheilen darf; ferner gab es Musiker, Maler, Töpfer, Zimmerleute, Steinmetze, Maurer, Schiffer, Weber und so weiter. So verfertigten die Weber drei verschiedene Arten Tücher, von welchen die beste Qualität aus feinster Ziegenwolle dem Brabanter feinen Tuch gleich gekommen seyn soll. Jeder durfte nur ein einziges Gewerbe treiben und sich nicht mit dem Handwerk eines andern befassen; auch hatte jedes Gewerbe oder jede Zunft Vorsteher oder Geschworne, die das Recht und den Vortheil der Zunft in jeder Hinsicht wahren mußten. Ihren Gewerben besonders nachtheilig war der Mangel an Eisen; doch verdienen ihre Leistungen gerade deßhalb um so größere Bewunderung.

Man fand zwar in mehreren Bergwerken Eisen, von ihnen Quillay genannt, besaß aber nicht die Kenntniß es aus dem Erze zu gewinnen; auch fehlte es ihnen an den zur Betreibung der Eisenminen nöthigen Werkzeugen; die meisten verfertigten sie aus harten gelblichen und grünlichen Steinen, die sie durch Aneinanderreihen glätteten und sehr hoch schätzten. Ebenso verstanden sie nicht Hämmer zu fertigen und Stiele in dieselben zu machen. Statt ihrer hatten sie gewisse aus einer Mischung von Kupfer und Messing gefertigte Werkzeuge; sie waren viereckig, einige füllten die ganze Hand aus und dienten als stärkstes Mittel zum Daraufschlagen; andere waren von mittlerer Größe und wieder andere von noch kleinerem Umfang; andere endlich waren lang und diese gebrauchten sie besonders dann wenn sie etwas concav arbeiten wollten. Sie hielten diese Metallklötze wie Steine in der Hand und schlugen mit ihnen auf die Gegenstande los, welche sie in Arbeit hatten. Sie konnten auch weder Feilen noch Grabstichel, ja sogar nicht einmal Schmiedblasebälge verfertigen. Wollten sie Metall schmelzen, so verrichteten sie ihren Zweck nur mit Hülfe ihres eigenen Athems, den sie durch kupferne Röhren von verschiedener Lauge bliesen. Diese Röhren liefen an dem einen Ende spitz zu, damit der Wind sich desto heftiger herauspreßte. Wollten sie eine Schmelzung vornehmen, so blieben mehrere zehn bis zwölf Tage nacheinander beisammen um das Feuer herum, das sie mit den Blasrohren anfachten. Zangen oder Haltwerkzeuge kannten sie ebenfalls nicht, um Gegenstände leicht aus dem Feuer nehmen zu können. Sie wendeten zu dem Ende einen Stab von Kupfer an, mit dem sie das heiße Metall auf einen Haufen angefeuchteter Erde warfen und es auf derselben so lange liegen ließen bis man es mit der Hand angreifen konnte. Da sie übrigens die Schädlichkeit der Dämpfe beim Schmelzen der Metalle alsbald gewahr wurden, so nahmen sie diese Operation stets im Freien auf großen Plätzen der Stadt und niemals in ihren Häusern vor. – Die Zimmerleute waren mit noch unvollkommneren Werkzeugen als die Schmiede versehen; sie hatten nichts als Axt und Hobel, die von Kupfer waren. Von Säge, Meißel und den übrigen Zimmermannswerkzeugen wußten sie nichts und verstanden daher weder Kasten noch Thüren zu fertigen. Wenn sie das Holz gefällt hatten, machten sie es durch Schaben rein und verwendeten es so zu Gebäuden. Zur Befestigung des Zimmerholzes gebrauchten sie weder Nägel noch Klammern, sondern banden es mit aus Binsen gefertigten Stricken zusammen. Ebenso hatten die Maurer zum Behauen der Steine keine anderen Werkzeuge als gewisse schwarze Kiesel (Hibouana), mit welchen sie den Stein mehr brachen als bearbeiteten. Zum Heben oder Herablassen von Steinmassen hatten sie weder Krahnen noch sonstige Maschinen, sondern nur die Kraft ihrer Arme. Trotzdem errichteten sie so gewaltige Bauten, daß man daran nicht glauben würde, wenn es der Augenschein nicht bewiese. – Statt Scheere und Nadeln hatten sie lange Dornen und die Arbeit, die sie damit fertigten, war keine Schneiderarbeit, sondern nur Flickwerk zu nennen.

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