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Geschichte der Entdeckung und Eroberung Perus

Francisco de Xerez: Geschichte der Entdeckung und Eroberung Perus - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
authorFrancisco de Xerez
titleGeschichte der Entdeckung und Eroberung Perus
publisherVerlag Plata A.G. Chur
isbn385845012X
translatorH. Külb
year1974
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidcded6e28
created20070102
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12. Staatshaushaltung. Abgabenwesen. Sorge für die Armen und Reisenden. Behandlung eroberter Länder.

Die Staatshaushaltung der Peruaner war fast ebenso einfach als die Haushaltung des Privatmannes. Von Steuern im jetzigen Sinne des Wortes wußten sie nichts; der Haupttribut den sie zu entrichten hatten, bestand darin, daß sie die Ländereien der Sonne und des Inca bearbeiteten, die Ernte auf ihnen besorgten und in die königlichen Speicher oder Magazine brachten. Außerdem waren sie verpflichtet die Kleider, Waffen und Schuhe für das Heer und die Armen zu fertigen, welche Alter oder Krankheit zur Arbeit untauglich machte. Diese verschiedenen Tribute waren nach Provinzen vertheilt, so daß jede Provinz lieferte was sie besonders hervorbrachte; dabei bestand das Gesetz, daß kein Indianer aus seiner Provinz gehen durfte, um das anderswo zu kaufen was er zu liefern hatte. Die Incas hatten dieß Gesetz gegeben, um das Vagabundenleben zu verhindern. Die Armen und Schwachen hatten, damit ja Niemand als dem Inca nichttributpflichtig erscheinen möchte, einen höchst sonderbaren, die Reichthümer des Inca keineswegs vermehrenden Tribut zu entrichten, sie mußten nämlich zu gewissen Zeiten Hörner mit Läusen gefüllt liefern. Außer dem angeführten Grunde geschah dieß besonders deßhalb, damit die Armen sich von diesem Ungeziefer reinigten. Die Zehnmänner mußten besonders auf die richtige Zahlung dieses Tributes achten. Die Beamten dagegen sowie die Personen aus königlichem Stamme, die Priester, Minister und die Curacas, Feldherren waren ganz und gar tributfrei, solange sie ihre Stellen bekleideten. Auch alle im Felde stehenden Soldaten hatten nichts zu zahlen, ebensowenig alle jungen Leute, die noch nicht 25 Jahre alt waren, weil sie ihrem Vater bis zu diesem Alter dienten und nicht eher heurathen durften; selbst während des ersten Jahres nach ihrer Verheurathung genossen sie diese Vergünstigung. – Die alten Leute vom fünfzigsten Jahr an waren ebenfalls abgabenfrei, ebenso die Mädchen, verheuratheten Frauen und Wittwen; auch den Blinden, Krüppeln, Verwundeten und Kranken wurden keine Abgaben aufgelegt, die Stummen und Tauben jedoch waren nicht befreit, weil sie arbeiten konnten. Gold, Silber und Edelsteine, wovon die Incas eine ungeheure Masse besaßen, waren keine Gegenstände die man als Tribut entrichtete. Die Indianer waren nicht verpflichtet solche Geschenke zu machen, und die Incas hatten nicht die Gewohnheit sie von ihnen zu verlangen. Gold und Silber konnten sie weder im Kriege noch im Frieden gebrauchen, denn nichts wurde mit diesen Metallen gekauft, ebensowenig wurden die Soldaten damit bezahlt. Sie betrachteten diese Schätze als überflüssig, weil sie weder zum Essen noch zur Herbeischaffung von Lebensmitteln taugten. Wenn sie dem Gold und Silber und Edelsteinen Werth beilegten, so geschah dieß nur wegen ihres schönen Glanzes und weil man sich dieser Dinge zur Verschönerung der Tempel und Paläste bediente. Auch Quecksilberminen hatten die Incas entdeckt, doch gestatteten sie dessen Gebrauch nicht, weil sie es für schädlich hielten, und verboten deßhalb es aus der Erde zu ziehen. – Wenn die Indianer mithin ihrem Könige Gold oder Silber oder andere Kostbarkeiten brachten, so waren dieß nur Geschenke, denn es war allgemein Sitte, daß man seine Obern nicht ohne irgend ein Geschenk, und wäre es auch nur ein Körbchen mit getrocknetem Obst gewesen, besuchte. Außer Gold brachten die Curacas dem König mehrere sehr geschätzte Holzarten zur Erbauung von Palästen und andere Landesproducte als Geschenk dar; auch boten sie die besten Arbeiter an, die sie nur immer in einem Handwerke auffinden konnten, wie Goldschmiede, Maler, Maurer und Zimmerleute. Ferner machte man dem König wilde und zahme Thiere zum Geschenk, wie Tiger, Löwen, Bären, Affen, Papagayen, Strauße, Condore, die größten aller Vögel, Schlangen aller Art, ungeheure Krebse und schreckliche Eidechsen, die dreißig Schuh lang waren; kurz sie gaben dem König alles was das Land Merkwürdiges, Wildes und Schönes hervorbrachte.

Nachdem wir im allgemeinen über die Steuern oder Tribute gesprochen, wollen wir die Hauptgesetze bezüglich der Vertheilung und Erhebung der Steuern anführen und dabei bemerken, daß diese sehr gering waren, so daß die Unterthanen fast nicht von ihnen belästigt wurden. – Das erste und Hauptgesetz verordnete, daß man die tributfreien Leute in keiner Weise mit Steuereintreibung behellige; daß keiner außer den eben angeführten Personen von Steuern frei sey. Kein Unterthan entrichtete etwas von seinem Eigenthum, sondern der Tribut bestand allein in Handarbeiten für den König oder den Staat. Der Reiche war hier dem Armen gleich gestellt, einer mußte so gut wie der andere Frohnden thun. Jeder mußte in seinem Geschäfte arbeiten und keiner durfte in das Handwerk des andern übergreifen, den Feldbau und den Kriegsdienst, den alle leisten mußten, ausgenommen. Ferner verordnete das Gesetz, daß alle Arbeiter, welche man zum Dienste des Inca verwendete, mit allen nöthigen Materialien versehen wurden; so gab man z. B. den Goldschmieden Gold, Silber, Kupfer, um sie zu verarbeiten. Außerdem mußten diese Arbeiter mit allem was sie bedurften, mit Lebensmitteln, Kleidern und selbst mit Arzneien versehen werden, wenn sie allenfalls im Dienste erkrankten; ebenso mußte für ihre Weiber und Kinder Sorge getragen werden. Dabei brauchten sich die Arbeiter bei der Arbeit nicht sehr anzustrengen, denn es wurde nicht darauf gesehen in welchem Zeitraum irgend eine Arbeit vollendet wurde. – Ein anderes Gesetz betraf die Erhebung des Tributs, welche auf folgende Weise geschah: zu einer gewissen Zeit des Jahrs versammelten sich in der Hauptstadt die Richter, die Einnehmer und die Oberrechnungsmeister jeder Provinz und stellten die Vertheilung der Tribute unter alle Landeseinwohner fest. Dann wurde diesen Finanzbeamten ein genaues Verzeichniß der Vorräthe vorgelegt, welche sich in dem öffentlichen Magazine befanden, nämlich an Lebensmitteln, Kleidern, Schuhen, Waffen, an Gold und Silber, an Edelsteinen und andern Schätzen. Eine gleiche Aufnahme wurde in jeder andern Stadt vorgenommen, und das Gesetz verordnete daß jeder Statthalter einer Provinz dieses Verzeichnis besitzen mußte, damit kein Unterschleif stattfinden konnte. Ferner stellte es fest, daß alles was der König von dem Tribut nicht brauchte, zum allgemeinen Besten verwendet werden mußte; der Inca vertheilte ohnehin schon das meiste unter die vornehmsten Beamten des Reichs, so daß er nur einen sehr geringen Theil für sich behielt. Außer den Magazinen, die sich in den Städten befanden und die besonders errichtet wurden um etwaiger Hungersnoth vorzubeugen, legte man andere längs der Heerstraße an, besonders für das Kriegsheer. Mit diesen Magazinen waren große Gebäude verbunden, die den Soldaten als Casernen dienten, indem man von dem Grundsatze ausging, die Bürger in den Städten, die ihre Abgaben entrichteten, dürften durchaus nicht mit Einquartierung belästigt werden. Ja es bestand sogar ein Gesetz, das den Soldaten bei Todesstrafe verbot etwas den Bürgern zu nehmen. Diese Gebäude, in welchen der Inca mit seinem ganzen Heere auf dem Marsche sein Quartier aufschlug, hießen Tambos, lagen immer eine Tagreise von einander und waren zugleich mit allem reichlich versehen, was das Heer bedurfte, so daß man eine Armee von 30.000 Mann vollständig ausrüsten und unterhalten konnte. Wenn die Einkünfte des Königs zur Führung des Kriegs nicht ausreichten, so nahm man zu den Revenuen der Sonne seine Zuflucht.

Von Bettlern wußte man im Reiche der Incas nichts, denn es war für alle Unterthanen gesorgt; jeder hatte so viel als er zum Leben bedurfte. Die erste Bettlerin sah man im Jahre 1560.

In diesem Jahre, erzählt man, sey eine alte Indianerin in Cuzco von Thüre zu Thüre gegangen und habe um Almosen gebeten. Und diese that es nicht sowohl aus Noth, sondern um, wie die Zigeunerinnen, die Wahrsagerin spielen zu können; die Landeseingebornen sollen vor diesem Weibe einen solchen Abscheu gehabt haben, daß sie dieselbe überall ausschimpften und vor ihr ausspieen, um zu zeigen, daß sie als ein Auswurf der Menschheit betrachtet werden müsse; und doch sprach sie nicht einmal ihre Landsleute, sondern nur Spanier um Almosen an. – Ebenso sorgten die Incas für die Bedürfnisse der Reisenden; sie ließen auf allen Heerstraßen Hospitäler anlegen, die mit allem Nothwendigen versehen waren. Hier reichte man den Vorüberkommenden Speise und versah sie mit allem was sie brauchten. Wurden sie auf der Reise zufällig krank, so pflegte man sie mit der größten Sorgfalt. Auch fand Jedermann die Unterstützung der Reisenden für billig, indem sie nicht zum Vergnügen oder ihrer eigenen Angelegenheiten wegen, sondern in öffentlichen Geschäften für den König oder die Curacas oder den Staat reisten. Wer unnöthigerweise eine Reise unternahm, wurde als Vagabund bestraft.

Ein besonderes Gewicht legte man auf die gute Ordnung in den Haushaltungen. Es gab einige Richter zu diesem Zweck, die in die Häuser gingen und untersuchten ob Mann und Frau die gehörige Sorgfalt auf ihr Hauswesen und auf den Unterricht ihrer Kinder verwendeten; sie fällten ihr Urtheil je nach der größern oder geringern Reinlichkeit, die sie in dem Hause, an den Kleidern und Geräthen antrafen. Die reinlichsten und besten Haushalter wurden laut gelobt, die nachlässigen von ihnen mit Peitschenhieben auf die Schenkel oder Arme gezüchtigt, oder zu noch schwereren, vom Gesetz vorgeschriebenen Strafen verurtheilt.

Hatte der Inca eine neue Provinz erobert und deren Bewohner tributpflichtig gemacht, hatte er ihnen Statthalter und Religionslehrer gegeben, so war er darauf bedacht alle Angelegenheiten dieses Landes zu ordnen. Zu diesem Ende befahl er, vermittelst der Knoten die man in einen Faden machte, die Weiden, Hügel, Berge, das ackerbare Land, die Metallminen, Salinen, Quellen, Flüsse, die Baumwolle tragenden Felder, die Obstbäume und das Vieh zu zählen. Alle diese Gegenstände wurden einzeln in Rechnung gebracht, d. h. man zählte zuerst die einer Provinz, dann die einer jeden Stadt und zuletzt die eines jeden Privatmannes; hatte man sich hierüber Licht verschafft, so wurde dem Inca ein genauer Bericht erstattet. Dann wurde die Aufnahme des Landes nach Quadraten gemacht und dabei die fruchtbaren Strecken von den unfruchtbaren unterschieden, um darnach den Ertrag derselben bemessen zu können; rings um die neue Provinz wurden Gränzen abgesteckt und den Bergen, Flüssen und Bezirken theils neue Namen gegeben, theils die alten vom Inca bestätigt. Dann wurde alles Land unter die Städte der Provinz vertheilt. Die Benützung der Gold- und Silberminen wurde den Curacas überlassen; doch nicht zur Anhäufung von Reichthümern, sondern bloß zum Schmuck der Kleider, zu Verschönerungen u. drgl.; ebenso durften sie Kupfer graben, das höher als Gold und Silber geschätzt wurde, weil es ihnen statt des Eisens diente und sie verschiedene Werkzeuge wie Messer, Streitäxte und Pfeilspitzen daraus verfertigten.

Die Incas unternahmen nie einen Krieg ohne ihn vorher den Feinden zwei- oder dreimal erklärt zu haben; war eine Provinz unterworfen, so sendete der Inca den Hauptgötzen derselben nach Cuzco, um ihn im Tempel der Sonne aufzustellen, bis der Cazike und die übrigen Anhänger desselben sich von dem falschen Glauben an ihre Götter überzeugt und sich zur Anbetung der Sonne gewendet hatten. Sie stürzten die Götzen der eroberten Provinz nicht sogleich um, aus Furcht die Bewohner möchten durch die Beschimpfung ihrer Gottheiten aufgereizt und zum Aufstande hingerissen werden; dieser Götzendienst wurde erst dann aufgehoben, wenn dessen Anhänger in dem Dienst der Sonne gehörig unterrichtet waren und eine bessere Ueberzeugung gewonnen hatten. Man führte auch den ersten Caziken mit all seinen Kindern nach Cuzco, damit sie durch Unterredungen mit den tugendhaftesten und weisesten Männern die Gesetze, Sitten, Sprache, Religion und Ceremonien lernen möchten.

Um überall die Einigkeit und den Frieden nach dem Kriege in dem eroberten Lande herzustellen, um Freundschaft zwischen den siegreichen und besiegten Kriegern zu stiften, gab man ihnen glänzende Feste, an welchen die ganze Bevölkerung Theil nahm. Auch machte man den Besiegten Geschenke mit Gold, Silber, Kleidern, schönen Federn und andern von ihnen hochgeschätzten Gegenständen. Die Jünglinge tanzten mit den Mädchen und die Aelteren stellten Waffenspiele und militärische Uebungen an. Solche politische, meistens auf Milde sich stützende Mittel wendeten die Incas zur Civilisirung der Unterthanen an; es gelang ihnen dadurch selbst die wildesten und rohesten Stämme allmählich unter das neue Joch zu beugen und dahin zu bringen, daß sie dem Inca mit solchem Eifer und mit solcher Anhänglichkeit gehorchten, daß fast niemals eine Provinz sich empörte. Um jeder Beschwerde und jedem Aufstande zuvorzukommen, ließ der Inca die alten Landesgesetze aufs neue publiciren und bestätigen, die jedoch ausgenommen welche mit dem Cultus des Reichs oder seinen Einrichtungen in directem Widerspruch standen. Wenn er es für gut hielt, verpflanzte er die Bewohner der unterworfenen Provinzen in neue Gebietstheile und gab ihnen Ländereien, Häuser, Knechte und Vieh, daß sie anständig leben konnten. An ihren frühern Wohnplatz schickte er Bürger aus Cuzco oder aus andern Städten, von deren Treue er überzeugt war; diese bildeten auf solche Weise eine Gränzsperre zum Schutz des Reiches und verbreiteten in ihren neuen Wohnsitzen ihre Gesetze, Gewohnheiten und Sprache. Wenn die Einwohner eines Landes sich freiwillig dem Inca unterwarfen, so erhob man die fähigsten Männer aus ihrer Mitte zu Militär- und Civilämtern, nicht anders als wenn sie alte Krieger und treue Unterthanen des Inca gewesen wären.

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