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Geschichte der Entdeckung und Eroberung Perus

Francisco de Xerez: Geschichte der Entdeckung und Eroberung Perus - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
authorFrancisco de Xerez
titleGeschichte der Entdeckung und Eroberung Perus
publisherVerlag Plata A.G. Chur
isbn385845012X
translatorH. Külb
year1974
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidcded6e28
created20070102
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11. Häusliche Verhältnisse. Heurathen. Beschäftigung der Weiber. Öffentliche Mädchen. Erbrecht. Kindererziehung.

Nicht nur die religiösen Angelegenheiten aber ordneten die Incas, sondern auch die häuslichen Verhältnisse. Die Heurathen wurden in ihrem Reiche feierlich auf sonderbare Art geschlossen. Der König ließ nämlich jedes Jahr oder von zwei zu zwei Jahren zu derselben Zeit alle Mädchen und Jünglinge seines Stammes die heurathsfähig waren in der Stadt Cuzco zusammenkommen. Die Mädchen mußten achtzehn bis zwanzig Jahre alt seyn. Der Juca trat alsdann mitten unter sie, rief je einen Jüngling und ein Mädchen zu sich, nahm sie an der Hand, ließ beide sich gegenseitig das Versprechen der Treue geben und überlieferte sie dann den Händen ihrer Eltern. Die Neuvermählten gingen darauf in die Wohnung des Vaters des Bräutigams und es wurde drei bis vier Tage, ja noch länger die Hochzeit gefeiert. Die auf diese Weise verheuratheten Mädchen nannten sich rechtmäßige oder auch durch die Hand des Inca überlieferte Frauen. Wenn der Inca die Personen seines Stammes verheurathet hatte, verrichteten eigens dazu bestimmte Beamte dieselbe Ceremonie für die übrigen jungen Leute der Stadt, welche nach den Vierteln miteinander verheurathet wurden. Die Häuser, welche zu Wohnungen für die neuvermählten Incas bestimmt waren, mußten von den Indianern aus den Provinzen statt eines Tributes erbaut werden. Die Verwandten lieferten die Hausgeräthe und jeder brachte eine Aussteuer. – In den Provinzen waren die Curacas verpflichtet ganz in derselben Weise die Heurathen abzuschließen. Die Gemeinden mußten das Haus der Neuvermählten erbauen lassen und die nächsten Verwandten die Bedürfnisse für den Haushalt liefern. Die Leute aus einer Provinz oder einer Stadt konnten sich nicht in einer andern verheurathen, sondern es konnte dieß nur in ihrem Geburtsorte und in ihrer nächsten Verwandtschaft geschehen, damit ja keine Vermischung der Geschlechter und Stämme stattfände. Auch mußte jeder in seiner Provinz, Stadt, ja sogar in seinem Viertel wohnen. Der Kronprinz mußte stets seine älteste Schwester aus rechtmäßiger Ehe heurathen. Man hielt dieß Gesetz für unverletzbar und es gründete sich auf das Beispiel der Sonne und des ersten Inca, denn man erklärte, weil die Sonne ihre Schwester den Mond geheurathet habe und weil von beiden ihre ersten Kinder miteinander verehelicht worden waren, so sey es nothwendig dieselbe Ordnung bei der Person des Königs zu beobachten; auch erklärte man, das Blut der Sonne dürfe mit dem der Menschen nicht vermischt werden, das Reich gehöre dem Thronerben sowohl von Seiten seines Vaters als seiner Mutter, im andern Falle würde er das Reich verlieren müssen, denn man hielt strenge am Gesetz der Thronfolge. – Der älteste von den Söhnen des Königs war Thronerbe. Hatte er keine rechtmäßige Schwester, so heurathete er seine nächste Verwandte aus königlichem Stamme; waren keine männlichen Erben da, so konnte diese nächste Verwandte, wenn der König keine rechtmäßigen Töchter besaß, das Reich erben. Bekam der Prinz mit seiner ältesten Schwester keine Kinder, so heurathete er die zweite oder auch die dritte bis er Vater wurde. Seine Gemahlin hieß Coya (Königin, Kaiserin). Außer seiner rechtmäßigen Gattin hatte der König gewöhnlich mehrere Beischläferinnen, die zum Theil Fremde, zum Theil seine Verwandten im vierten Grade oder darüber waren. Die Kinder welche er mit den letzteren erzeugte, wurden als ehelich, alle übrigen als unehelich betrachtet, so daß er mithin drei verschiedene Arten von Kindern hatte, solche welche den Thron erbten, dann rechtmäßige und endlich Bastarde. Sobald eine Frau verheurathet war, kam sie die meiste Zeit nicht mehr aus dem Hause, indem sie sich mit Spinnen und Weben der Wolle und Baumwolle beschäftigte. Das Tuch diente zu ihrem und ihres Mannes Gebrauch; mit Nähen gab sie sich nur wenig ab, indem sowohl an den Manns- als Frauenkleidern fast keine Nath war; auch wurden die Kleider nicht geschnitten, sondern man machte sie aus Einem Stück. – Es gab bei ihnen weder Schneider noch Schuster noch Strumpfmacher, indem die Frauen die Kleider der Familie und der Mann die Fußbekleidung verfertigte; die Feldarbeiten wurden von den Männern und Weibern gemeinschaftlich verrichtet. Besonders große Freundinnen waren die Indianerinnen vom Spinnen, und so wenig müßig daß sie selbst auf Spaziergängen oder wenn sie einen Gang in der Stadt oder nach benachbarten Dörfern zu machen hatten, bei Visiten, kurz überall ihr Spinnzeug mitnahmen. Auf der Straße spannen jedoch nur Indianerinnen von niederer Herkunft; die Pallas, die von königlichem Geblüte waren, ließen sich wenn sie Besuche machten, das Spinnzeug durch ihre Dienerinnen nachtragen. Wenn die Damen zusammenkamen, spannen sowohl die besuchenden als jene welche man besuchte in Gesellschaft. Ihre Rocken wurden aus einer Art von Rohr oder Schilf gemacht und sie hefteten den Stoff, den sie zu Faden so breit als möglich spannen, an ihnen mit einer Spange fest. – Wenn eine Frau, die nicht zum Range der Pallas gehörte oder nicht an einen Curaca verheurathet war, einer Palla, das heißt einer Dame vom königlichen Geblüte, einen Besuch abstattete, so nahm sie keine Arbeit mit, sondern die Besuchende bat nach den vorgeschriebenen an Anbetung glänzenden Complimenten die Palla, sie möge ihr etwas zu arbeiten geben; sie mußte dieß thun um zu erkennen zu geben, daß sie die Palla nicht als ihresgleichen, sondern als unterthänige Dienerin besuche. Dann gab ihr die Palla als Zeichen hoher Herablassung etwas von ihrer eigenen Arbeit oder von der Arbeit ihrer Töchter.

Noch verdient bemerkt zu werden auf welche Weise die Frauen niedern Standes ihre Kleider ausbesserten. Wenn sie sich ein Loch in ein Kleid rissen oder brannten, so bedienten sie sich einer aus einem Dorne gefertigten Nadel, denn eiserne waren ihnen unbekannt. In diese Nadel faßten sie einen Faden und stopften das Loch von einem Ende zum andern so fein und sauber, daß niemals ein Loch darin gewesen zu seyn schien, selbst wenn es handbreit war.

Oeffentliche Mädchen wurden von den Incas geduldet um größere Uebel abzuwenden. Sie wohnten auf dem Felde, jede allein für sich in einer schlechten Hütte und durften die Stadt nicht betreten, weil man fürchtete die übrigen Frauen würden durch den Verkehr mit ihnen verdorben werden. Man nannte sie gemeinhin Pampayruna (Feldmädchen) und bezeichnete durch dieses Wort sowohl ihre Wohnung als auch ihre Lebensweise. Sie wurden von den Männern mit großer Verachtung behandelt, und es war ehrlichen Frauen verboten mit ihnen zu sprechen bei Strafe den nämlichen Namen als Zeichen der Schande tragen zu müssen; zugleich wurden sie öffentlich geschoren und wenn sie verheurathet waren von ihren Männern verstoßen.

Das Erbrecht hatte bei den Indianern eine eigenthümliche Form. Wir haben bereits angeführt, daß dem Inca sein ältester Sohn den ihm seine rechtmäßige Gemahlin geboren, folgte; hatte er keinen solchen Sohn, so erbte der älteste von denen, welche rechtmäßig aus königlichem Blute entsprungen waren, den Thron; war der älteste gestorben, so kamen die andern Kinder an die Reihe, die keine Bastarde waren; im Fall sich aber keine rechtmäßige Nachkommenschaft vorfand, fiel das Reich an den nächsten rechtmäßig gebornen Verwandten. Dieß Gesetz war die Veranlassung, weßhalb Atabaliba alle aus königlichem Stamme Entprossenen, sowohl männlichen als weiblichen Geschlechts, umbringen ließ, denn er war ein Bastard und fürchtete man möchte ihm die usurpirte Herrschaft entreißen und sie einem rechtmäßigen Erben verleihen. – Damit aber eine große Anzahl rechtmäßiger Nachkommen vorhanden sey, heuratheten die aus dem königlichen Geblüte Stammenden stets ihre nächsten weiblichen Verwandten bis ins vierte Glied, mit Ausnahme der Schwester, welche der König heurathete. Zwölf Incas hatten bis zur Ankunft der Spanier geherrscht, und niemals war die Folge vom Vater auf den ältesten Sohn unterbrochen worden. Bei den Curacas, die über eine gewisse Anzahl von Unterthanen gesetzt waren, fand die Erbfolge in verschiedener Weise statt; denn in einigen Provinzen hatte bloß der älteste Sohn das Erbrecht, in andern wählten die Unterthanen den von den Kindern des verstorbenen Curaca zu ihrem Herrn, welchen sie wegen seiner Tugend und seines guten Charakters am meisten liebten; in andern Provinzen folgte zwar der älteste Sohn, wenn er jedoch starb, der zweite Bruder, dann der dritte und so fort. Starben alle Brüder, so fiel das Reich an den Sohn des ältesten Bruders, oder des zweiten, oder des dritten u.s.w.

Die Incas stellten große Feste an, wenn sie ihr ältestes Kind entwöhnten, denn das Recht der Erstgeburt wurde außerordentlich hoch gehalten. Viel weniger Freude herrschte bei Entwöhnung der Töchter oder der jüngern Söhne. Diese Entwöhnung fand statt wenn die Kinder zwei Jahre alt waren, man schnitt ihnen zu gleicher Zeit die ersten Haare ab, mit denen sie zur Welt gekommen waren, denn vor dieser Zeit berührten sie ihr Haar nicht und legten den Kindern keinen Namen bei. Wenn diese Ceremonie statt fand, versammelten sich alle Anverwandten, und der welchen man zum Pathen gewählt hatte, schnitt dem Kinde die erste Haarlocke mit einer Art Messer von Feuerstein ab. Nach dem Pathen thaten alle übrigen Anwesenden der Reihe nach dasselbe. Sobald das Kind geschoren war, legten sie ihm einstimmig einen Namen bei und reichten ihm die herkömmlichen Geschenke, die theils in Kleidern, theils in Vieh, theils in Waffen verschiedener Art bestanden; einige gaben goldene und silberne Trinkgeschirre, die man jedoch nur königlichen Prinzen verehrte, denn niedere Volksclassen durften sich derselben ohne ausdrückliche Erlaubniß nicht bedienen. – Nach Ueberreichung der Geschenke begann das Fest; sie tranken über alles Maaß und tanzten und sangen bis in die Nacht; wenn nicht recht viel getrunken wurde, war das Fest nicht schön; es dauerte drei bis vier Tage, je nachdem das Kind eine große oder kleine Verwandtschaft hatte. Bei dem Kronprinzen fand dieselbe Ceremonie statt; man schnitt ihm gleichfalls die Haare ab, nur war das Fest natürlich großartiger und glänzender; die Curacas, die Gesandten, die Feldherren und andere Würdenträger wohnten diesem Feste, bei welchem der Oberpriester der Sonne die Pathenstelle vertrat und das zwanzig Tage dauerte, bei; man machte dem Prinzen große Geschenke in Gold, Silber, Edelsteinen, kurz mit dem was die Provinzen nur immer Kostbares besaßen. Zugleich wurde das Fest durch das ganze Reich gefeiert.

Die Kindererziehung war im ganzen rauh und strenge und eine und dieselbe bei den Incas wie bei den niedrigsten Unterthanen. Sobald das Kind geboren war, wuschen sie es in kaltem Wasser und wickelten es in Windeln; dieß geschah jeden Morgen, nachdem man das Wasser die meiste Zeit im Freien hatte stehen lassen. Wenn die Mutter das Kind mit einem sehr großen Beweis ihrer Zärtlichkeit beglücken wollte, so nahm sie Wasser in den Mund und goß es über den ganzen Körper desselben aus, mit Ausnahme des Scheitels, den sie niemals berührte. Man ließ die Kinder so über drei Monate gewähren, ohne ihnen die Arme einzuwickeln, indem man behauptete das Einwickeln verweichliche sie. Die Mütter hielten die Kinder gewöhnlich in der Wiege, einer Art Bank mit vier Füßen, von denen einer kürzer als die übrigen war, um sie in eine schaukelnde Bewegung bringen zu können. – Das Bett, in welches man das Kind legte, war ein ziemlich grobes Stück Tuch, das man zu beiden Seiten der Wiege anband, damit es nicht herunterfallen konnte. – Die Mütter nahmen das Kind zu keiner Zeit, selbst nicht wenn sie es säugten, in die Arme, indem sie sagten es wolle dann, wenn es einmal daran gewöhnt sey, immer getragen seyn und nicht mehr in der Wiege bleiben. Wenn sie es aus der Wiege nahmen, machten sie ein Loch in die Erde, setzten es bis an die Brust hinein, legten, damit es weich lag, Lappen um es herum und gaben ihm mancherlei Dinge zum Spielen. Wollte die Mutter ihr Kind säugen, so legte sie sich über dasselbe, jedoch gab sie ihm nur dreimal des Tags, am Morgen, Mittag und Abend, die Brust; sie ließ es lieber schreien, als daß sie es daran gewöhnte den ganzen Tag über an der Brust zu hängen. Alle Weiber beobachteten dieß strenge und führten als Grund dafür an, daß die Kinder sonst schmutzig, zum Brechen geneigt und wenn sie groß wären zu Vielfraßen würden; auch zeige das Beispiel der Thiere das nämliche, indem sie ihre Jungen nur zu gewissen Zeiten des Tags säugten. – So vornehm eine Frau auch war, so stillte sie ihr Kind doch selbst; sie gab es niemals einer Amme, wenn sie nicht durch körperliche Umstände dazu gezwungen wurde; so lange sie das Kind säugte, wich sie ihrem Manne aus, weil wie sie sagten dessen Gesellschaft die Muttermilch verderbe und das Kind auszehren mache. – Hatte eine Mutter zur Ernährung des Kindes Milch genug, so gab sie ihm niemals vor der Entwöhnung zu essen, weil sie behauptete, jede andere Speise verderbe die Milch und schade der Gesundheit des Kindes. Wenn das Kind fortzurutschen anfing, so mußte es so gut es konnte die Brust kniend nehmen, ohne daß die Mutter es jemals auf ihrem Schooße litt; wollte es die andere Brust haben, so hielt sie ihm die Mutter hin, ohne es in ihre Arme zu nehmen. Wenn eine Frau niederkam, machte sie keine weiteren Umstände, als daß sie selbst das Kind mit kaltem Wasser wusch; dann ging sie wieder ihren Geschäften nach als wenn nichts vorgefallen wäre. Dabei leistete der Mutter bei der Niederkunft Niemand Hülfe, weß Standes sie auch war; ja wenn ihr irgend eine Frau beistehen wollte, so betrachtete man sie als eine Zauberin.

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