Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Francisco de Xerez >

Geschichte der Entdeckung und Eroberung Perus

Francisco de Xerez: Geschichte der Entdeckung und Eroberung Perus - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
authorFrancisco de Xerez
titleGeschichte der Entdeckung und Eroberung Perus
publisherVerlag Plata A.G. Chur
isbn385845012X
translatorH. Külb
year1974
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidcded6e28
created20070102
Schließen

Navigation:

7. Wehrhaftmachung der jungen Incas; Hofsprache.

Eine sehr merkwürdige Feierlichkeit bei den Indianern ist die sogenannte Wehrhaftmachung (Huaracu), oder wie wir sie mit einem mittelalterlichen Ausdruck benennen möchten, der Ritterschlag der jungen Incas. Die Absicht dabei war den jungen Prinzen von königl. Geblüte ein Zeichen zu verleihen, wodurch man sie zu dem Militär- und Civildienst für fähig erklärte. Der Tag an welchem der Ritterschlag statt fand, war für das niedere Volk ein hohes Fest. Auch war dieser Tag nicht weniger ehrenvoll für die welche man zur Prüfung, die alle welche den Ritterschlag verlangten zu bestehen hatten, bestimmte, als für die jungen und alten Incas selbst, denn jenachdem die edeln Jünglinge gut oder schlecht bestanden, gereichte das Resultat ihren Verwandten zur Ehre oder zur Schande. Am meisten richtete man sein Augenmerk auf die jungen Leute aus der Familie des Königs, besonders auf die rechtmäßigen Prinzen aus königlichem Geblüte. Alle zwei Jahre fand eine solche militärische Prüfung der jungen Incas allein statt, denn die anderen, so große Herren auch ihre Väter waren, wurden zu dieser Zeit nicht zugelassen. Der zu Prüfende mußte 15 Jahre alt seyn. Alle welche sich zur Prüfung meldeten, wurden in ein eigenes zu diesem Zweck in dem Stadtviertel, welches Collcampato hieß, errichtetes Gebäude geführt, um darin ihre Uebungen zu machen. In diesem Gebäude befanden sich mehrere alte Incas, ehrwürdige Greise, die wegen ihrer Erfahrung in Kriegs- und Friedensangelegenheiten als Lehrer dieser Neulinge und um sie in verschiedenen Dingen zu prüfen, gewählt wurden. Die Jünglinge mußten sechs Tage mit großer Strenge fasten; jeder erhielt des Tages nur eine Handvoll rohes Cara (Korn) und ein Glas Wasser ohne Salz oder Ucha, wie man den indianischen Pfeffer nennt. Es geschah dieß um zu erfahren, ob sie im Stande wären Hunger, Durst und die Mühseligkeiten des Kriegs zu ertragen. Dabei fasteten, wenn auch nicht so strenge, ihre Eltern und flehten zusammen die Sonne, von welcher sie alle abstammten, an, sie möge ihren Kindern Muth und Kraft verleihen, auf daß sie diese Prüfungen mit Ehren bestehen möchten. Befanden sich unter den Prüflingen solche die keinen starken Körperbau hatten oder den Hunger nicht ertragen konnten und Speise verlangten, so wurden sie auf der Stelle von den alten Lehrern als des Ranges, nach dem sie strebten, unwürdig ausgewiesen. Hatten sie die Fastenzeit muthig überstanden, so erhielten sie etwas mehr Speise als gewöhnlich, damit sie nicht zu schwach würden. Dann wurde die Gewandtheit und die Kraft ihres Körpers geprüft; sie mußten von dem heiligen Hügel Huanacauri bis zur Festung der Stadt, das heißt anderthalb Meilen weit laufen; am Ende dieser Laufbahn war eine kleine Fahne aufgesteckt, und wer zuerst daselbst ankam, wurde zum Anführer aller übrigen erwählt. Wer außer Athem kam und die Bahn nicht durchlaufen konnte, wurde abgewiesen und als untauglich erklärt. Die Väter und Verwandten standen längs der Rennbahn und sprachen ihren Söhnen Muth zu, indem sie ihnen die Schande und die Ehre vorstellten, die ihrer in dem einen oder andern Falle harre; sie ermahnten sie lieber todt niederzustürzen als den Lauf unvollendet zu lassen. Nach dieser Uebung trennte man sie am folgenden Tage in zwei gleich große Gruppen; die eine Hälfte mußte ein Fort vertheidigen, die andere es angreifen; am nächsten Tage wurden die Rollen gewechselt, die Angreifenden vom vorigen Tage wurden in die Festung gestellt, die Vertheidiger dagegen mußten die Veste nun ihrerseits angreifen. Sie hatten ferner eine Menge anderer körperlichen Uebungen zu bestehen, bis man beurtheilen konnte, ob sie in Zukunft so viel Muth und Kraft besitzen würden, als zur Eroberung oder Vertheidigung einer Veste erforderlich sey. Obgleich sie zu diesem Kampfe nur stumpfe Waffen erhielten, so handhabten sie dieselben doch so ernstlich, daß stets mehrere verwundet, bisweilen sogar getödtet wurden. Nach dieser Uebung folgte der Einzelkampf, in welcher die welche dem Alter nach sich am meisten gleich waren, gegeneinander stritten; außerdem mußten sie Proben im Springen, im Steinschleudern, Speerwerfen und Bogenschießen ablegen; kurz sie mußten ihre Geschicklichkeit in Handhabung jeder Waffe die man im Kriege trug, darthun. Ferner wurden sie zehn bis zwölf Nächte nacheinander auf Wache gestellt, und man rief sie zu ungewissen Stunden an, um zu sehen ob sie wachten und der Gewalt des Schlafs zu widerstehen vermochten. Wurde einer schlafend angetroffen, so machten ihm die Lehrer die strengsten Vorwürfe mit den Worten, er sey kein Mann, sondern ein Kind und mithin unwürdig mit einer Stelle im Heer bekleidet zu werden. Sie bestraften den der einen Fehler beging, nicht allein mit Worten, sondern auch mit Schlägen. Denn um die Standhaftigkeit der Jünglinge zu erproben, gaben sie ihnen häufig mit einer Gerte Hiebe auf die Schenkel und Arme, welche die Indianer nackt trugen. Wenn sie in den Mienen oder durch Zucken der Arme oder Beine Schmerz verriethen, wurden sie auf der Stelle fortgeschickt, mit dem Bedeuten daß der, welcher diese schwachen Gertenhiebe nicht zu ertragen vermöge, gewiß härtere Schläge wie die der Waffen nicht aushalten würde. Schon wer die Schläge nicht mit der ruhigsten Gleichgültigkeit ertrug, wurde für weibisch gehalten. – Bisweilen wurden sie auf einen öffentlichen Platz geführt, wo ein Fechtmeister bald mit einer Streitaxt (Macana) in der Hand, bald mit einer Lanze (Chuqui) auf sie losging und ihnen die Spitze der Lanze vor die Augen hielt, gleichsam als wollte er sie ihnen ausstechen, oder er that als wolle er ihnen einen Arm oder ein Bein abhauen. Waren sie so unglücklich das geringste Zeichen von Furcht zu verrathen, indem sie mit den Augen zuckten oder den Arm oder das Bein zurückzogen, so hatten sie nicht bestanden, und man sagte ihnen, es sey nicht möglich daß jemand der durch die Waffen seiner Freunde erschreckt würde, obgleich er sicher sey daß er von ihnen nicht berührt würde, nicht vor den Waffen der Feinde in Angst geriethe. – Ferner war es nothwendig daß sie alle Angriffswaffen, deren man sich im Kriege bediente, oder wenigstens die gewöhnlichsten zu fertigen verstanden, wie Bogen, Pfeile, Streitäxte, Speere, Lanzen und Schleudern. Der Schild (Huallcanca) war ihre einzige Vertheidigungswaffe. Außerdem mußten sie sich ihre Fußbekleidung oder ihre Schuhe aus Leder, Binsen oder Hanf verfertigen können. Diese Schuhe hießen Usata und glichen Sandalen. Während der Prüfungen, welche die jungen Incas vor ihrer Aufnahme unter die Wehrhaften zu bestehen hatten, verging kein Tag an welchem die Prüfungsbeamten sie nicht in einer Rede zur Tugend und zur Verrichtung guter Handlungen ermahnten. Sie erinnerten sie an die Würde ihres Geschlechtes, das von der Sonne seinen Ursprung habe, und an die herrlichen Thaten der Könige, ihrer Vorfahren, und anderer großen Männer die von ihnen abstammten. Sie stellten ihnen dann die hochherzigen Anstrengungen vor, die sie im Kampfe zur Vergrößerung des Reiches zu bestehen haben würden; die Geduld die sie bei den Mühseligkeiten beweisen müßten, um Proben ihres Muthes abzulegen; die Frömmigkeit, Sanftmuth und die Mildthätigkeit gegen Arme; die Unbestechlichkeit die nöthig sey, damit die Unschuld nicht unterdrückt würde; die Freigebigkeit die sie gegen alle Söhne der Sonne auszuüben hätten; kurz sie predigten ihnen die meisten Lehren der Moral und alles was Männer die sich der Abstammung von der Sonne rühmten, zu thun sich verpflichtet fühlen sollten. Dabei mußten sie auf dem nackten Boden schlafen und barfuß umhergehen. – Diese Prüfung mußte auch der erstgeborne rechtmäßige Thronfolger, wenn er das gehörige Alter erreicht hatte, bestehen und zwar mit gleicher Strenge wie die andern Jünglinge; der einzige Vorzug den er vor den übrigen genoß, war daß der welcher auf der Rennbahn die Fahne errungen hatte, sie zuerst dem Königssohne überreichte zum Zeichen daß sie ihm als dem Erben des Reiches gehöre; doch in allen übrigen Proben war er den geringsten Prüflingen nicht nur völlig gleichgestellt, sondern wurde von den Prüfern noch strenger als diese behandelt, weil es natürlich sey daß er als der einstige König die andern an Tugend und Würde übertreffen müsse; er dürfe keinem an Standhaftigkeit im Unglück und an Mäßigung im Glück nachstehen; er müsse der wachsamste und thätigste im ganzen Königreiche, besonders im Kriege seyn u. s. w. Alle diese Eigenschaften, sagten sie, gäben ihm mehr Recht auf die Krone, als seine Legitimität und seine Erstgeburt. Während der ganzen Prüfungszeit, die von einem Neumonde bis zum andern dauerte, war der Prinz in elende Lumpen gehüllt, in denen er zugleich so oft es nöthig war, öffentlich erschien. Man kleidete ihn auf solche Weise, damit er sich in seiner Stellung nie vergesse und niemals die Armen verachte, sich erinnernd daß er auch einmal so schlechte Kleidung wie sie getragen habe, und damit er sich ihrer väterlich annehme und sie liebe. – Nach der Prüfung wurden die Ehrenzeichen und der Name eines wahren Inca und Sohnes der Sonne allen verliehen, die sich derselben würdig gezeigt hatten; zu gleicher Zeit eilten die Schwestern und Mütter zu den Wehrhaftgemachten und zogen ihnen Schuhe aus Binsen an, zum Zeichen daß sie die strenge Prüfung für alle militärischen Würden bestanden hatten. Sobald diese Feierlichkeit beendet war, gaben sie dem König davon Nachricht, der sogleich von den ältesten seines Stammes begleitet sich an Ort und Stelle verfügte. Die jungen Krieger warfen sich vor ihm zur Erde und er hielt eine kurze Rede an sie, worin er ihnen auseinandersetzte, daß es nicht genüge die Ehrenzeichen und den Schmuck der Ritter vom königlichen Geblüt zu besitzen, sondern daß man von ihnen auch eine nützliche Anwendung machen und die Tugenden ausüben müsse, welche ihre Vorgänger ausgeübt hatten; insbesondere müßten sie gegen die Armen Gerechtigkeit üben, den Unglücklichen beistehen und durch ihre Handlungen beweisen daß sie Söhne der Sonne seyen. Nachdem der König seine Rede geendet hatte, näherten sich ihm die Geprüften einer nach dem andern, warfen sich vor ihm auf die Knie und empfingen von seiner Hand das erste und hauptsächlichste Zeichen der Ehre und der königlichen Würde. Der Inca durchbohrte ihnen nämlich die Ohren an der Stelle an welcher man die Ringe trägt mit großen Nadeln die er darin stecken ließ, damit sie allmählich das Loch bis zu einer fast unglaublichen Größe erweitern konnten. Der neue Ritter küßte als Zeichen der Dankbarkeit für die empfangene Gnade dem Inca die Hand. Dann ging er an ihm vorüber und warf sich vor einem andern Inca, welcher der Oheim oder der Bruder des Königs war und der den zweiten Rang nach diesem einnahm, nieder. Dieser zog dem Ritter zum Beweis, daß er die Prüfung bestanden habe, die Schuhe von Binsen aus, und gab ihm dafür schönere, aus Wolle verfertigte, wie der König und die übrigen Incas sie trugen. Sobald der Inca ihm diese Schuhe angezogen hatte, küßte er ihn auf die rechte Schulter und sprach zu ihm, um ihn zu tugendhaften Handlungen anzufeuern, die Worte: »der Sohn der Sonne, der so schöne Proben seiner Tugend abgelegt hat, ist der Anbetung (des Kusses) würdig.« Nun trat der neue Ritter in ein reich verziertes Gemach, in welchem die andern ältesten Incas ihm eine Schärpe übergaben, die sie nicht eher tragen durften, als wenn sie das männliche Alter erreicht hatten. Die Schärpe war aus einer Art Baumwollenzeug verfertigt und glich einer Decke mit drei Zipfeln; an zweien dieser Zipfel war eine fingerbreite Schnur angenäht, die als Gürtel diente, so daß ein Theil des Tuches die Schamglieder verhüllte, während der dritte Zipfel zwischen den Schenkeln durchgezogen und hinten an dem Gürtel befestigt wurde und also eine Art Hosen bildete, um wenn sie ihre Kleider ablegten anständig zu erscheinen. Es war diese Schärpe gleichfalls eines der großen Ehrenzeichen. Sie hieß Huara und von ihr führte die ganze Feierlichkeit den Namen Huaraca. Die Schuhe aber gab man mehr der Bequemlichkeit wegen, weil die Jünglinge ermüdet waren, und sie galten nicht als ein besonderes Zeichen der Würde. – Außer den genannten Ehrenzeichen bekränzten sie den neuen Ritter mit zwei Arten von Blumen: die eine Art hieß Cantut; sie waren sehr schön und es gab deren gelbe, rothe und schwarze; die andere Blume führte den Namen Chihuaghua, sie war roth und den Nelken ähnlich. Gewöhnliche Leute, ja selbst nicht einmal die Curacas (Statthalter), so vornehme Herren sie auch waren, durften diese Blumen tragen, indem dieses nur den Incas vom königlichen Stamme gestattet war. Außerdem schmückten sie das Haupt des Ritters mit einer gewissen Pflanze, dem Epheu ähnlich, die man Viñay Huayna, das heißt immer jung, nannte, weil sie lange Zeit grün bleibt, und diese Farbe selbst wenn sie auch vertrocknet ist, nicht verliert. Mit denselben Blumen und derselben Pflanze wurde das Haupt des Prinzen geschmückt, der keine weitere Auszeichnung erhielt, mit Ausnahme der Binde, die von einer Schläfe zur andern reichte und ungefähr vier Finger lang war. Das letzte Merkmal der Ehre das man dem Prinzen gab, war ein ellenlanger Speer und eine Streitaxt (Champi), deren Obertheil auf der einen Seite einem breiten Messer, auf der andern ungefähr einer Hellebarde glich. Wenn man ihm diese Waffen in die Hand gab, sprach man das Wort Aucacyuapac aus, das ungefähr bedeutete: »man gibt dir diese Waffen, damit du dich deren bedienest um die Tyrannen, die Verräther, die Grausamen, die Müßiggänger und die andern die Gesellschaft beunruhigenden Bösewichter zu züchtigen.« Der Strauß wohlriechender Blumen galt als Sinnbild der Milde, Sanftmuth und Frömmigkeit; so wie nämlich die Sonne, ihr Vater, die Blumen auf dem Felde den Menschen zum Vergnügen wachsen ließe, eben so solle der Prinz glänzende und tugendhafte Handlungen ausüben, damit jeder ihn in Wahrheit den Freund der Armen nennen könne und sein Ruhm in der Welt unsterblich sey. Wenn die Greise auf diese Art die neuen Ritter unterrichtet und dem jungen Prinzen in Gegenwart seines Vaters alle Lehren ertheilt hatten, warfen sich die Oheime, die Brüder und alle übrigen Personen aus königlichem Geblüte vor ihm auf die Knie und beteten ihn an, gleichsam als hätten sie ihn durch die stattgefundene Feierlichkeit zum rechtmäßigen Erben und Nachfolger des Reichs erklärt; sie überreichten ihm dann die rothe Binde (das Diadem) und die Ceremonien des Ritterschlages waren damit beendet.

Die Incas sprachen außer der indianischen Landessprache eine ganz eigene, die sie allein unter sich redeten und die von den übrigen Indianern nicht verstanden wurde; den letztern war es sogar verboten diese Sprache zu erlernen, weil man sie für göttlich hielt. Als eigentliche Landes- und Hofsprache galt aber der Dialekt von Cuzco, welchen alle die am Hofe sich aufzuhalten gezwungen waren, verstehen mußten. Zur weitern Verbreitung dieser allgemeinen Landessprache hatten die Incas eine große Zahl von Lehrern angestellt, weil anfänglich jede der das Reich bildenden Provinzen ihre eigenthümliche Sprache oder ihren eigenen Dialekt hatte. Die Incas sahen den Nutzen einer solchen allgemeinen Sprache sehr wohl ein.

Sie hatten auch Befehl erlassen daß die Erben oder Söhne der Häuptlinge am Hofe erzogen werden und so lange daselbst bleiben wußten, bis sie durch den Tod ihrer Väter zum Besitz, ihrer Länder gelangten. Der Grund dieses Gesetzes war daß sie sich daselbst ausbilden und die Lebensweise der Incas kennen lernen sollten. Sie wurden von diesen mit vieler Milde behandelt, damit sie ihnen in Liebe und Anhänglichkeit desto treuer in Zukunft dienten und sie die Erinnerung an die empfangenen Wohlthaten in ihrer Pflichterfüllung erhielten. Sie führten den Ehrennamen Mitmac (Gäste, Fremde), weil ihre Heimath in andern Provinzen war. Eine andere Absicht der Incas dabei war, ihrem Hof allen nur möglichen Glanz durch die Anwesenheit der jungen Häuptlinge aus so vielen Staaten und Provinzen ihres großen Reiches zu verleihen. Der Aufenthalt am Hof gab auch vielen Gelegenheit die allgemeine Landessprache zu erlernen; denn so oft die Leute dieser Junker an den Hof kamen, um ihre Herren zu bedienen, erlernten sie diese Sprache; die Diener wechselten wie oben angeführt wurde häufig, und wenn sie nun nach Hause in den Kreis ihrer Verwandten zurückkehrten, rühmten sie sich dieser Sprache und erweckten bei andern die Lust zu deren Erlernung. In der That war die Kenntniß dieser Sprache schon von großem Nutzen, weil sie mit den Statthaltern und Justizbeamten vermittelst derselben sich besser verständigen konnten. Doch die Incas hatten nicht allein die Absicht, ihrem Hof durch die Anwesenheit so vieler Prinzen Glanz zu verleihen, sondern sie glaubten auch durch dieses Mittel am besten ihre Herrschaft befestigen und Aufständen vorbeugen zu können; denn da das Reich so ausgedehnt war, daß manche sehr kriegerische Provinzen 600 Stunden von dem Hofe entfernt lagen, so befürchteten sie daß diese weite Entfernung und der wilde Sinn dieser Völkerschaften sie zur Abschüttelung ihres Joches verleiten möchte. Man beugte dieser Gefahr dadurch vor daß man die jungen Häuptlinge, selbst wenn der Inca seine Residenz verließ, am Hofe behielt, gleichsam als Bürgen der Ruhe Ihrer Provinzen. Diese verfehlten ihrerseits nicht ihren Vätern von allen Gnaden, die sie von dem Inca empfingen, Nachricht zu geben, besonders sendeten sie die Geschenke die ihnen der Inca mit seinen eigenen Kleidern machte, nach Haus, indem man ein solches Geschenk als die höchste Gunstbezeugung ansah. Durch alle diese Wohlthaten wurden die hohen Vasallen bewogen dem Inca treu zu bleiben.

Vermöge dieser und ähnlicher Vorsichtsmaaßregeln, verbunden mit der genauesten Beobachtung der Gerechtigkeit, wußten die Incas in ihrem Reiche so große Ruhe zu erhalten, daß fast nie eine Bewegung oder gar ein Aufruhr ausbrach, solange sie das Scepter führten.

 << Kapitel 51  Kapitel 53 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.