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Geschichte der Entdeckung und Eroberung Perus

Francisco de Xerez: Geschichte der Entdeckung und Eroberung Perus - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorFrancisco de Xerez
titleGeschichte der Entdeckung und Eroberung Perus
publisherVerlag Plata A.G. Chur
isbn385845012X
translatorH. Külb
year1974
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidcded6e28
created20070102
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4. Die Incas; ihr Ursprung. Der erste Inca Manco Capac und seine Einrichtungen. Abzeichen der Incas.

Erst durch die Incas (wie der alte peruanische Königstamm heißt) trat ein besserer Zustand ein und ihnen gebührt der Ruhm ihre Unterthanen auf eine höhere Culturstufe emporgehoben zu haben. Der Ursprung der Incas ist in Fabeln gehüllt und die Sage macht den ersten derselben zu einem Sohne der Sonne. Als nämlich die Sonne die Rohheit der Bewohner Peru's sah, fühlte sie Mitleiden und beschloß zwei ihrer Kinder auf die Erde zu senden, um das unglückliche Volk zu belehren und in den zu einem gesitteten Leben unentbehrlichen Künsten zu unterrichten. Sie setzte also einen Sohn und eine Tochter an den Sumpf Titicaca, welcher 80 Meilen von Cuzco liegt, und gab ihnen eine zwei Finger dicke und eine halbe Elle lange goldne Ruthe mit der Weisung, nach welcher Richtung sie wollten weiter zu gehen, überall wo sie sich zum Essen oder Schlafen niederließen die Ruthe in den Boden zu stecken und sich da, wo diese nach dem ersten Stoße ihren Augen entschwinde, sich anzusiedeln. Die Kinder thaten wie ihnen befohlen war, und nachdem sie einen weiten Weg nach Norden hin zurückgelegt und stets ihre Ruthe versucht hatten, kamen sie in dem Thale von Cuzco an einen Hügel, der Huanacauti heißt und südlich von der Stadt Cuzco liegt. Hier versank ihre Ruthe bei dem ersten Stoße in den Boden. Beide trennten sich nun, der Sohn ging nach Norden, die Schwester welche zugleich die Gemahlin des Sohnes war, nach Süden; allenthalben versammelten sie die in den Einöden und Schluchten zerstreuten Männer und Frauen um sich, verkündeten ihnen daß die Sonne sie vom Himmel gesendet habe um die Lehrer und Wohlthäter der Bewohner des ganzen Landes zu werden, sie ihrem thierischen Zustande zu entreißen und zu lehren, wie Menschen zu leben, sie in Gemeinden und Städte zu vereinigen und ihnen statt ihres seitherigen nur für das Vieh geeigneten Fraßes bessere, dem Menschen gebührende Nahrungsmittel zu zeigen. Die Wilden, überrascht durch die von der ihrigen völlig verschiedene Kleidung und den Schmuck womit die Sonne ihre Kinder versehen hatte, sowie auch erstaunt über die durchbohrten Ohren, welche jetzt noch eine Auszeichnung der Nachkommen der Incas sind, ließen sich durch das hehre Antlitz, die süßen Worte und die großen Versprechungen ihrer Wohlthäter leicht bewegen ihnen Glauben zu schenken, ihnen zu folgen und sie als ihre Gebieter anzuerkennen. Die Wilden verbreiteten die Nachricht von der Ankunft der Sonnenkinder und der von ihnen verheißenen Wohlthaten so schnell, daß sich bald eine hinreichende Menge von Männern und Frauen einfand, um die Stadt Cuzco zu gründen und zu bevölkern.

Der erste Inca hieß Manco Capac, seine Schwester und Gemahlin Mama Oello Huaco. Manco Capac lehrte die Männer das Feld bearbeiten und bestellen, Getreide pflanzen, die Lebensmittel auf mancherlei Weise zubereiten, die nöthigen Werkzeuge verfertigen, Wagen bauen und die durch das Thal fließenden Bäche zur Bewässerung der Felder benutzen; die Coya (Gemahlin des Inca) unterrichtete die Frauen in den weiblichen Arbeiten, sie lehrte sie die Wolle spinnen und weben, Kleider für sich, ihre Männer und ihre Kinder verfertigen und überhaupt alles was zum Hauswesen gehört, besorgen. – Die Zeit in welche die Cultivirung der Peruaner fällt, läßt sich nicht mit Gewißheit bestimmen, doch waren die Incas als die Spanier das Land eroberten, sicher bereits über 400 Jahre im Besitze der Herrschaft. So versichert wenigstens der Inca Garcilaso de la Vega, welchen wir bis jetzt selbst sprechen ließen. Dieser Schriftsteller, welcher noch vieles durch die mündliche Ueberlieferung seiner Ahnen wußte, gibt auch ausführliche Nachrichten über die Incas bis zur Ankunft der Spanier in Peru; wir können sie aber nicht mittheilen, da wir keine Geschichte der Incas zu schreiben, sondern nur eine kurze Darstellung der Sitten und Gebräuche der Bewohner Peru's zu geben beabsichtigen. Was übrigens die Incas für die Cultur und das Wohl ihres Volkes thaten, soll an den geeigneten Stellen seine Würdigung finden. Eine Geschichte der häufigen Kriege dieses mächtigen Königsstamms gegen seine Nachbarn und seiner Eroberungen nach allen Richtungen hin kann ohnehin den Leser, welcher nur ein klares Bild des Landes und seiner Bewohner überhaupt verlangt, unmöglich ansprechen.

Manco Capac, welchen man als den eigentlichen Begründer des peruanischen Reichs betrachten kann, ließ überall Städte und Dörfer anlegen und brachte die unterworfenen Wilden auf eine gewisse Stufe von Cultur, indem er ihnen den schändlichen Götzendienst untersagte, sie die Anbetung der Sonne lehrte, im Ackerbau und in vielen Gewerben unterrichtete und ihnen Gesetze und bessere Sitten gab. Um sie von ihrem Hauptlaster, der Unzucht, abzubringen, verbot er ihnen ferner in irgend einer Weise die den Frauen schuldige Achtung zu verletzen; befahl es sollte jeder nur eine Frau haben, die er, um die Vermischung der Familien zu verhüten, aus seiner Anverwandtschaft zu wählen habe; Niemand sollte sich vor dem zwanzigsten Jahre verheurathen, damit die häuslichen Angelegenheiten gut besorgt würden. – Er theilte das Gebiet der unterworfenen Stamme in Provinzen und setzte über jede einen Curaca (Statthalter); verordnete daß in jeder Gemeinde die jährliche Ernte in ein großes Vorrathshaus gebracht werden solle, um den Einzelnen ihren Bedarf auszutheilen, bis er im Stande seyn würde einem jeden Ländereien als Privatgut zu verleihen. – Dann führte er eine bessere Religion ein, gab die Stelle an, welche ihm zur Erbauung eines Tempels für die Sonne und zur Darbringung der Opfer am geeignetsten schien. Sie sollten die Sonne als ihren Gott betrachten, sie anbeten und ihr danken für das Gute, das sie ihnen durch ihr Licht gewähre, wobei er ihnen begreiflich machte, daß sie besonders die Gefilde befruchte und ihre Heerden vermehre. Dann belehrte er sie, daß sie der Sonne und dem Monde deßhalb eine besondere Anbetung schuldig seyen, weil beide ihnen zwei ihrer Kinder geschickt hätten, um sie aus ihrem wilden Zustande zu einem geordneten Leben zu führen. Er verordnete ferner, daß man, wenn eine hinlängliche Anzahl Frauen von königlichem Geblüte vorhanden sey, ein Haus bauen solle, um darin diese Frauen zum Dienste der Sonne einzuschließen.

Mit diesen Einrichtungen brachte der Inca Manco Capac mehrere Jahre hin; endlich gewährte er seinen Unterthanen zum Lohne ihrer Treue und Liebe gegen ihn, und um sie noch mehr zur Erfüllung ihrer Pflichten und zur Ausübung des Guten anzufeuern, gewisse Vorrechte. Der Inca trug nämlich sein Haar nur fingerlang und in Abstufungen geschnitten, welche Sitte auch seine Nachfolger beibehielten. Die Messer, womit sie das Haar abschnitten, bestanden aus Feuerstein, denn von Scheren wußten sie nichts. Die Abkömmlinge der Incas, besonders die Frauen, durchbohrten sich die Ohren und richteten sie auf eine eigene Weise zu, indem sie das Untertheil derselben so weit ausdehnten, daß sie in die Oeffnung einen Ring von drei Zoll im Durchmesser stecken konnten. Die Incas trugen ferner auf dem Kopfe statt einer Mütze eine Art von Tresse oder Schnur, Llautu genannt. Sie war bunt, hatte die Dicke eines Fingers, reichte vier- bis fünfmal um den Kopf und glich einem Blumengewinde. Von den übrigen der königlichen Würde allein angehörenden Abzeichen werden wir später sprechen. – Das erste Vorrecht, welches der Inca seinen Unterthanen gab war, daß er allen die Tresse um den Kopf zu tragen erlaubte, nur durfte sie nicht mehrfarbig, sondern nur schwarz seyn; dann gestattete er ihnen eine noch größere Gunst, nämlich daß sie die Haare gleich ihm stufenweise, jedoch je nach ihrem Range kürzer oder länger schneiden durften. Der Zweck des Inca war dabei, jeden Stamm und jede Provinz zur Verhütung einer Verwirrung der von ihm gemachten Reichseintheilung unterscheiden zu können. Außerdem setzte er noch ein anderes Unterscheidungszeichen zwischen sich und seinen Unterthanen fest. Er befahl nämlich, daß die einen ihre Haare nach Art einer die Stirne und Schläfe freilassenden Kappe schneiden sollten, so daß diese auf beiden Seiten bis zu den Spitzen der Ohrläppchen herabhingen, während das Kopfhaar der andern nur bis zur Mitte der Ohren reichte und bei andern das Haar noch kürzer seyn durfte, jedoch nie so kurz als das des Inca. Einige Zeit später erlaubte er seinen Unterthanen auch sich die Ohren zu durchlöchern, mit der Bedingung jedoch, daß das Loch nicht halb so groß sey als das des Inca, und damit ein solcher Fall nicht einträte, gab er ihnen das Maaß des Loches. Ferner durften sie als Ohrgehänge nur bestimmte Gegenstände tragen, je nach der Verschiedenheit der Stämme und Provinzen; die einen, wie die Stämme Mayu und Cancu, ein Stück Holz, so groß wie ein Finger, die andern, wie die Poques, einen Büschel weißer Wolle, der aus beiden Ohrlappen einen Zoll dick hervortrat, und wieder andere ein Stück Binse. – Je mehr diese Merkmale der Auszeichnung denen des Königs glichen, als eine desto größere Gnade wurden sie betrachtet. Auch vertheilte der Inca diese Auszeichnungen nur nach dem Verdienste, und dabei gab er ihnen stets dadurch eine höhere Weihe, daß er bemerklich machte, er thue dieß alles auf besonderes Geheiß der Sonne, deren Sohn er war. Als der erste Inca hochbetagt sein Ende nahe fühlte, ließ er die vornehmsten Unterthanen aus seinem ganzen Reiche in der Hauptstadt Cuzco zusammenkommen und erklärte ihnen in voller Versammlung, die Stunde sey gekommen, wo er in den Himmel zu der Sonne zurückkehren müsse, um von seinen Beschwerden, auszuruhen; doch bevor er sie verlasse, wolle er seinen Gnaden und Gunstbezeugungen die Krone aufsetzen, indem er sie mit dem königlichen Titel beehre, damit sie selbst so wie ihre Nachkommen von aller Welt hochgeschätzt würden; sie sollten gleich ihm den Namen Inca führen sowie die königlichen Insignien tragen. Er hätte die feste Ueberzeugung, daß sie auf diese Weise dem König gewiß treu und freundschaftlich anhängen würden. Zuletzt schloß er seine Rede mit dem Verbote ihre Frauen und Töchter mit dem Titel Palla, der nur den Frauen von königlichem Geblüte zustehe, zu benennen, denn die Frauen seyen nicht im Stande wie die Männer die Waffen zu tragen und im Kriege zu dienen, und deßhalb dieses königlichen Titels nicht würdig. Von diesen Incas, die durch ein besonderes Vorrecht diese Würde erhalten haben, stammen nach ihrer Aussage diejenigen Incas ab welche diesen Namen noch zur Zeit der Eroberung Peru's durch die Spanier führten.

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