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Geschichte der Entdeckung und Eroberung Perus

Francisco de Xerez: Geschichte der Entdeckung und Eroberung Perus - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorFrancisco de Xerez
titleGeschichte der Entdeckung und Eroberung Perus
publisherVerlag Plata A.G. Chur
isbn385845012X
translatorH. Külb
year1974
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidcded6e28
created20070102
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3. Wohnungen, Nahrung und Kleidung der Indianer. Eheliche Verhältnisse. Giftmischerei und Zauberei.

Bei der Errichtung ihrer Wohnorte und Häuser zeigten diese Menschen eine eben so große Rohheit als bei der Verehrung ihrer Götter und bei ihren Opfern. Selbst die Dörfer der Gebildetsten und Klügsten hatten weder freie Plätze, noch nach irgend einem Plane geregelte Straßen und Häuser, sondern glichen einem Viehparke. Andere legten der vielen Kriege wegen die sie mit einander führten, ihre Wohnorte gleich Festungen auf hohen Bergen und Felsen an, weil sie daselbst gegen ihre Feinde mehr gesichert waren; andere wohnten zerstreut in Höhlen auf den Ebenen, in den Thälern und in den Schluchten, je nachdem jeder irgend eine Stelle zur Erlangung seiner Nahrung und zu seinem Aufenthalte bequem fand; manche hielten sich auch in Löchern unter der Erde, in Felsspalten und in hohlen Bäumen auf, wie und wo sie gerade eine fertige Wohnung fanden, denn sie verstanden nicht eine solche selbst zu machen. Noch jetzt leben manche Stämme, wie die Bewohner des Vorgebirgs Pasau und die Chirihuaner, in dieser von ihren Vätern ererbten Rohheit. – An solchen Orten und Wohnplätzen herrschte immer der Keckste, welcher den Muth hatte den übrigen zu gebieten, und hatte er einmal die Obergewalt an sich gerissen, so behandelte er seine Unterthanen tyrannisch und grausam, benützte sie als Sklaven und mißbrauchte ihre Weiber und Töchter ganz nach seinem Behagen. Die einzelnen Stämme selbst bekriegten einander fortwährend, in manchen Provinzen schlachteten sie die Gefangenen und überzogen mit den Häuten derselben ihre Trommeln um ihren Feinden Furcht einzujagen, denn sie behaupten, diese ergriffen sobald sie die Häute ihrer Anverwandten ertönen hörten, die Flucht. Das ganze Leben dieser Häuptlinge oder kleinen Könige besteht nur in Raub, Plünderung, Mord und Brandstiftung. Findet sich unter ihnen einmal ein rechtschaffener, der seine Unterthanen gut behandelt, Frieden hält und die Gerechtigkeit handhabt, so verehren ihn die Indianer in ihrer Einfalt und weil sie sehen, daß er sich durch Güte und Edelmuth von dem Haufen der andern Tyrannen unterscheidet, als einen Gott. Die Bewohner mancher Gegenden hatten kein Oberhaupt das sie beherrschte, sie verstanden aber ebensowenig sich selbst zu regieren und ihre Angelegenheiten zu regeln, sondern lebten in aller Einfalt wie die Schafe ohne sich einander Gutes oder Böses zuzufügen, und dieß zwar mehr aus Dummheit und Mangel an Bosheit als in Folge bewußter Tugend.

Die Weise mancher Indianerstämme sich zu kleiden und ihre Blöße zu bedecken war so dumm und schändlich, daß ihr Anzug zum Lachen zwang; bei andern war die Art zu essen so abscheulich und barbarisch, daß sie Staunen erregte; in vielen großen Bezirken fand man beide Rohheiten mit einander verbunden. – In diesen so fruchtbaren warmen Ländern pflanzte man wenig ober gar nichts, sondern nährte sich von Kräutern, Wurzeln, wildem Obste und andern Früchten, welche der Boden von selbst oder mit nur sehr geringer Beihilfe der Bewohner hervorbrachte; da jedoch alle durchaus nichts weiter als die Fristung ihres Lebens verlangten, so waren sie mit wenigem zufrieden. In manchen Gegenden liebten sie so sehr das Menschenfleisch und waren darnach so gierig, daß sie nicht warten konnten bis das Opfer, welches sie schlachteten, völlig todt war, sondern das Blut aus der ihm beigebrachten Wunde tranken; eben so saugten sie, wenn es in Stücke zerschnitten war, aus diesen das Blut aus und wuschen sich darin die Hände, damit nur kein Tropfen verloren ging. Man fand bei ihnen öffentliche Menschenfleisch-Schlächtereien und aus den Eingeweiden machten sie Würste, damit nur kein Stückchen Fleisch unbenutzt blieb. Diese Leidenschaft ging so weit, daß sie nicht einmal ihre eigenen Kinder, die sie mit fremden im Kriege erbeuteten Frauen erzeugt hatten, verschonten. Sie machten aus diesen Frauen ihre Beischläferinnen und mästeten die Kinder welche sie ihnen gebaren, bis zu ihrem zwölften oder dreizehnten Jahre, um sie alsdann zu speisen. Dasselbe Loos traf die Mütter sobald sie nicht mehr zum Kinderzeugen tauglich waren. Auf dieselbe Weise verfuhren sie mit den im Kriege gefangenen Männern. Sie schenkten ihnen das Leben, gaben ihnen Weiber aus dem Stamme der Sieger, mästeten die in diesen Ehen erzeugten Kinder wie ihre eigenen und verzehrten sie, wenn sie das erwähnte Alter erreicht hatten. Auch die Väter wurden wenn sie nicht mehr zeugungsfähig waren, geschlachtet. Gegen dieses Loos schützte weder Verwandtschaft, noch Zusammenleben und Umgang, was doch bei den wildesten Thieren verschiedener Gattung der Fall ist. Und was noch größeren Abscheu erregt, diese Wilden gingen sogar so weit, daß sie ihre Todten verzehrten und in ihren Magen begruben. Hatte jemand kaum die Seele ausgehaucht, so versammelte sich sogleich die ganze Verwandtschaft und aß den Verstorbenen gesotten oder gebraten, gesotten wenn er mager, gebraten wenn er dick war. Darauf setzten sie das ganze Geripp wieder zusammen und begruben es mit großem Wehklagen in eine Felsenspalte oder in einen hohlen Baum. Die Sitte Menschenfleisch zu essen war übrigens bei den Indianern der heißen Länder mehr gewöhnlich als bei denen, welche die kalten Gegenden bewohnten. In diesen kalten und unfruchtbaren Gegenden, wo der Boden nicht von selbst Früchte, Wurzeln und Kräuter hervorbrachte, pflanzten sie durch die Noth gezwungen auch Mais und andere Feldfrüchte, beobachteten aber dabei keine bestimmte Zeit. Mit der Jagd und dem Fischfang beschäftigten sie sich ebenfalls, waren aber darin gerade so roh und unwissend wie in den übrigen Dingen.

Von dem Anzuge der Indianer der alten Zeit ist wenig oder nichts zu sagen, denn sie hatten wie die Thiere kein anderes Kleid als die Haut womit die Natur sie beschenkt hatte. Manche umgürteten aus Stolz oder Eitelkeit den Leib mit einem Streife groben Zeugs und glaubten sich so hinlänglich bekleidet. Als ich im Jahre 1560 nach Spanien kam, begegneten mir in einer Straße Cartagena's fünf Indianer, welche, obschon sie doch bereits viele Jahre mit den Spaniern in Verbindung standen, völlig nackt waren und nicht neben einander gingen, sondern einer hinter dem andern wie Kraniche. – Die Frauen gingen ebenfalls fast völlig nackt; die verheuratheten umgürteten jedoch den Leib mit einem schmalen Zeugstreifen, an welchem vorn ein ellenbreiter und eben so langer wollener Lappen herabhing; in den Ländern wo sie weder zu spinnen noch zu weben verstanden, verfertigten sie diese Schambedeckung aus Rinden oder Blättern von Bäumen. Die Mädchen trugen ebenfalls solche Lappen, aber mit einem besonderen Abzeichen, welches andeutete daß sie noch Jungfrauen seyen. Obschon ich noch manches über diesen Gegenstand mittheilen könnte, so will ich doch schweigen um nicht die Ohren ehrbarer Leute zu beleidigen. – In den kälteren Gegenden kleideten sie sich etwas anständiger, keineswegs aber der Schicklichkeit wegen, sondern um sich gegen die Kälte zu schützen. Sie hüllten sich in Thierhäute und in eine Art Mantel, welche sie aus wildem Hanfe und aus einer zarten, breiten und wohlriechenden Binse, die auf dem Felde wild wuchs, verfertigten. Andere Stämme waren noch etwas gesitteter und trugen schlecht gearbeitete Mäntel aus schlecht gesponnener und noch schlechter gewobener Wolle oder aus wildem Hanf, welchen sie Chahuar nannten. Sie waren am Halse befestigt und über den Hüften gegürtet. – So war der Anzug der Indianer vor der Herrschaft der Incas und in den Ländern, welche diese nicht erobert hatten, beschaffen. Noch jetzt sieht man in vielen von den Spaniern eroberten Gegenden, daß die Indianer, obschon sie mit den Spaniern in näherer Verbindung stehen und in den Häusern derselben leben, völlig nackt gehen; und wenn sie Kleider anziehen, so geschieht dieß mehr weil man sie darum plagt, als aus Geschmack und Ehrbarkeit. Auch die Frauen zeigen sich darin nicht besser und sittsamer und sind schlechte Spinnerinnen; die Spanier stellen ihnen deßhalb oft die Frage, ob sie sich darum nicht bekleiden um nicht spinnen zu müssen, oder ob sie nicht spinnen um sich nicht bekleiden zu müssen.

Die ehelichen Verhältnisse dieser Völker waren nicht minder abscheulich. Bei vielen Stämmen begatteten sich beide Geschlechter wie die Thiere, gerade wo sie sich zufällig begegneten, ohne sich weiter um einander zu bekümmern; bei andern nahmen sich die Männer zwar Weiber, aber ganz nach ihrem Gutdünken und ohne alle Rücksicht auf Blutsverwandtschaft; sie heuratheten ohne Unterschied ihre Schwestern, Töchter und Mütter, und nur bei manchen galt für die letzteren eine Ausnahme. In manchen Gegenden war den Mädchen Unsittlichkeit und Unkeuschheit nicht nur gestattet, sondern gereichte ihnen sogar zum Ruhme, und die zügellosesten fanden sicher zuerst ihr Unterkommen, weil man sie als rüstig und bereitwillig zum Liebeswerk betrachtete; von den sittsamen sagte man sie seyen kalt und träge, und wurden deßhalb von keinem Manne gesucht. An andern Orten dagegen bewachten die Mütter ihre Töchter mit der größten Strenge; gaben sie endlich ihre Einwilligung zu der Heurath einer Tochter, so brachten sie diese aus ihrem Verschluß und führten sie der ganzen Verwandtschaft vor, um sie in Gegenwart derselben mit eigener Hand zu entjungfern und dadurch alle von ihrer sorgfältigen Bewachung zu überzeugen. Bei andern Stämmen schliefen die nächsten Anverwandten und Freunde des Bräutigams zuerst bei der Braut und übergaben sie erst nach dieser eigentlichen Vollziehung der Ehe ihrem Manne. Bei einigen Stämmen war auch die Sodomie nicht unbekannt, doch wurde sie nicht im allgemeinen sondern nur von einzelnen im geheimen getrieben. An manchen Orten jedoch verübte man dieses Laster in den Tempeln, weil man glaubte daß die Götter ein großes Wohlgefallen daran fänden, wodurch dann in der Gesinnung dieser Leute alles Schamgefühl so gänzlich vertilgt wurde, daß sie sich nicht scheuten diese Schändlichkeit öffentlich zu begehen.

Bei diesem Volke gab es auch Männer und Weiber, welche das Giftmischen verstanden und das ausersehene Opfer, je nachdem es verlangt wurde, eines schnellen oder langsamen Todes sterben ließen. Auch wußten sie die Leute ihres Verstandes zu berauben, Gesicht und Körper durch weiße und schwarze Geschwüre zu entstellen und die Glieder zu lähmen. Zauberer und Zauberinnen waren ebenfalls nicht selten, doch gaben sich die Frauen mehr mit diesem Geschäfte ab als die Männer. Die meisten trieben es um durch Verbindung mit dem Teufel künftige Dinge vorauszusagen und sich dadurch bei dem Volke als Priester und Priesterinnen großes Ansehen zu erwerben. Andere Frauen übten ihre Kunst, um hauptsächlich Männer zu bezaubern, entweder aus Haß oder aus einer andern Leidenschaft, und ihre Zaubereien brachten dieselbe Wirkung hervor wie das Gift. – Ein freundschaftlicher Verkehr fand überhaupt nur selten oder gar nicht bei diesen Völkern statt; jeder Landestheil, jeder Stamm, ja häufig jeder Ort hatte seine eigene von den Nachbarsprachen verschiedene Sprache. Alle welche sich verstanden, betrachteten sich als Stammgenossen und Freunde, alle übrigen aber deren Sprache ihnen unverständlich war, behandelten sie als Fremde und Feinde. Auf diese Weise führten die einzelnen Stämme fortwährend mit einander den grimmigsten Krieg und fraßen einander auf wie die wilden Thiere verschiedener Gattung.

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