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Gesammelte Werke, Band 2

Victor Hugo: Gesammelte Werke, Band 2 - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorVictor Hugo
titleGesammelte Werke, Band 2
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke, übersetzt von Mehreren
volume2
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
year1858
translatorFriedrich Seybold
senderwww.gaga.net
created20050502
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VI.

Die Mutter.

Es gibt wohl auf der Welt nichts Lieblicheres, als die Gedanken, welche der Anblick eines kleinen Schuhes ihres Kindes im Herzen einer Mutter erweckt, dieser Kinderschuh, mit dem das kleine Geschöpf noch keinen Schritt gemacht hat. Die Mutter glaubt in diesem Schuh den Fuß ihres Kindes zu erblicken, sie küßt ihn, sie spricht zu ihm, und ist das Kind abwesend, so ruft ihr der Anblick des niedlichen Schuhes das sanfte und gebrechliche Geschöpf in's Andenken zurück. Hat aber die Mutter ihr Kind verloren, so wird der kleine Schuh, statt eines Bildes der Zärtlichkeit und Freude, ein Gegenstand der Pein für das Mutterherz. Nicht die Hand eines Engels hält ihr ihn vor, sondern die Kralle eines Teufels.

An einem schönen Maimorgen hörte die Klausnerin im Rolandsthurme auf dem Grèveplatz ein Geräusch von Pferden und Wagen. Sie kümmerte sich wenig darum und brachte ihrem geliebten kleinen Schuh die gewohnten Opfer dar. Dieser Schuh war für sie die Welt, der einzige Gedanke, in dem sie sich bewegte. Was sie an heißen Bitten und rührenden Klagen gen Himmel gesendet, das wußte nur die einsame Zelle im Rolandsthurm. Diesen Morgen schien ihr Schmerz noch heftiger als gewöhnlich, und man hörte von außen das Jammern ihrer eintönigen, herzzerreißenden Stimme: »Oh, meine Tochter! Meine Tochter! mein armes liebes, kleines Kind, so soll ich dich nie wieder sehen! Es ist aus für immer! Es scheint mir, daß ich dich erst gestern verloren habe! Warum hast Du mir sie geschenkt, o Gott, um sie wieder zu nehmen? Weißt Du denn nicht, daß ein Kind die Leibesfrucht seiner Mutter ist, und daß eine Mutter, die ihr Kind verliert, nicht mehr an Gott glaubt? Hast du mich denn nie mit meinem Kinde gesehen, wie ich es liebte, wie ich es pflegte, daß du mir es wieder genommen? Hättest du es gesehen, o Gott! so würdest du dich meiner erbarmt und mir die einzige Freude gelassen haben, die mir in diesem Leben noch übrig war. War ich denn so ein elendes Wesen, o Herr, daß du mich verdammt hast, ohne einen Blick der Gnade auf mich zu werfen? Wo ist der Fuß, der zu diesem Schuhe gehört? Wo ist mein Kind? Ich will es haben, du mußt mir es zurückgeben, wenn du der Herr mein Gott bist. Seit fünfzehn Jahren liege ich vor dir auf den Knieen, meine Kniee sind wund, gib mir mein Kind zurück, wenn ich an dich glauben soll! Nur einen Tag, nur eine Stunde, nur eine Minute, o Herr! mein Gott! Dann magst du mich auf ewig zur Hölle verdammen. Ich strecke meine Hände in die Wolken aus, den Zipfel deines Sternenkleides zu fassen, gib mir mein Kind zurück! Ist das nicht sein schöner kleiner Schuh? Habe Barmherzigkeit, o Herr! Fünfzehn Jahre lang liege ich vor dir auf den Knieen, wie lange soll ich noch liegen? Ach, heilige Jungfrau, heilige Jungfrau des Himmels! O Jesus, mein Heiland! Man hat mir mein Kind genommen, man hat mir mein Kind gestohlen; sie haben es fortgeschleppt nach Aegyptenland, sie haben sein Fleisch gegessen und sein Blut getrunken! Ich will es wieder haben, ich will mein Kind wieder haben! Jesu, erbarme dich meiner! Es ist im Paradies, sagst du? Ich will kein Paradies, ich will keinen Engel, mein Kind will ich haben. Ich bin ein reißendes Thier, das sein Junges sucht. Ich will mich auf der Erde winden, ich will mein Haupt an den kalten Stein schlagen, ich will verdammt sein, ich will Gott verfluchen, wenn du mir mein Kind nicht wieder gibst! Ich hebe meine Hände zu dir empor, ist denn kein Gott mehr im Himmel? Ich habe nur Brod und Wasser, nimm es hin und gib mir mein Kind zurück! Ich war eine Sünderin, mein Kind hat mich fromm gemacht. In seinem Lächeln sah ich Gottes Antlitz. Gib mir mein Kind zurück, heilige Jungfrau, oder laß mich sterben!«

In diesem Augenblicke drangen frische, freudige Kinderstimmen von dem Platze aus in die Ohren der Klausnerin. Ein kleiner Knabe sagte: »Heute hängt man die Zigeunerin.«

Wie eine Spinne aus ihrem Netze fährt, die Fliege zu erhaschen, so stürzte sich die Klausnerin der Oeffnung ihrer Zelle zu. Eine Leiter stand schon vor dem Galgen, und der Henker ordnete die Ketten, die durch den Regen verrostet waren. Einiges Volk stand um den Galgen her.

Die Kinder waren schon weit entfernt. Die Klausnerin suchte mit den Augen umher, ob sie Jemand finde, den sie fragen könne. Neben ihrer Zelle stand ein Priester, der mit finsteren Blicken den Galgen betrachtete. Sie erkannte in ihm den Archidiakonus der Liebfrauenkirche, einen heiligen Mann.

»Ehrwürdiger Vater,« fragte sie, »wer soll hier gehängt werden?«

Der Priester sah ihr in's Gesicht und antwortete nicht. Sie wiederholte ihre Frage.

»Ich weiß nicht,« erwiederte er kurz und trocken.

»Es waren Kinder da, die sagten, daß es eine Zigeunerin sei?« fuhr die Klausnerin zu fragen fort.

»Ich glaube ja,« antwortete der Priester.

Jetzt lachte die Klausnerin laut auf, und ihr Lachen glich dem Brüllen eines wilden Thieres, das hungrig seine Beute sucht.

»Schwester,« sagte der Archidiakonus, »Ihr haßt also die Zigeunerinnen von Herzen?«

»Ob ich sie hasse! Es sind Hexen und stehlen Kinder. Sie haben mir mein Kind gestohlen, meine kleine Tochter, mein einziges Kind. Sie haben mir das Herz aus dem Leibe gefressen.«

Die Klausnerin schäumte vor Wuth. Der Priester heftete einen Blick kalter Ruhe auf sie.

»Eine insbesondere hasse ich,« fuhr die Klausnerin fort; »ich habe sie zur untersten Hölle verflucht; ihre Mutter hat meine Tochter gefressen, und sie ist so alt als mein Kind jetzt wäre. So oft diese junge Otter an meiner Zelle vorübergeht, kocht mir das Blut in meinen Adern.«

»So freue Dich, Schwester,« sagte der Priester kalt wie Eis, »freue Dich, denn diese wirst Du hier sterben sehen.«

Sein Haupt fiel auf seine Brust herab, und er entfernte sich langsamen Schrittes.

»Habe Dank, Priester!« jauchzte ihm die Klausnerin nach. »Ich habe es ihr vorausgesagt, daß sie dieses Gerüste betreten werde.«

Die Klausnerin ging mit großen Schritten vor dem Eisengitter ihrer Zelle hin und her, mit flammenden Augen, weit offenen Nasenflügeln, den Kopf in der Luft, wie ein wildes Thier im Käfig, das hungrig des Wärters harrt, der ihm seine Nahrung reichen soll.

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