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Gesammelte Werke, Band 2

Victor Hugo: Gesammelte Werke, Band 2 - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorVictor Hugo
titleGesammelte Werke, Band 2
seriesVictor Hugo's sämmtliche Werke, übersetzt von Mehreren
volume2
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
year1858
translatorFriedrich Seybold
senderwww.gaga.net
created20050502
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IV.

Der verwandelte Thaler.

Peter Gringoire und der ganze Hof der Wunder waren in tödtlicher Unruhe. Seit einem ganzen langen Monat wußte man nicht, was aus Esmeralda geworden war. Darüber waren der Herzog von Aegypten und das ganze Königreich Kauderwelsch sehr betrübt. Der arme Peter Gringoire vermißte nicht nur seine Frau, sondern auch ihre Ziege; er hatte also doppelten Verlust zu leiden und wußte nicht, welcher Verlust ihm weher that. Das Zigeunermädchen war eines Abends verschwunden und hatte bis jetzt kein Lebenszeichen von sich gegeben. Alle Nachforschungen waren fruchtlos geblieben. Es gab grämliche Zwischenträger, welche behaupteten, sie bei der St. Michelsbrücke mit einem Offizier gesehen zu haben, aber unser Peter war ein Ehemann nach der Mode, ein ungläubiger Philosoph, und im Uebrigen wußte er besser als irgend Jemand, wie sehr jungfräulich seine Frau war. Was diesen Punkt, anbelangte, war er demnach ruhig.

Gleichwohl fühlte er tiefen Kummer über dies unerklärliche Verschwinden, Er würde abgemagert sein, wenn es ihm möglich gewesen wäre, noch magerer zu werden. Er hatte Alles vergessen, selbst seine literarischen Liebhabereien, sogar sein großes Werk: De figuris regularibus et irregularibus, das er im Druck herausgeben wollte, sobald er das Geld dazu zusammengebracht hätte.

Als er eines Tages traurig am Kriminalgefängniß vorüberging, nahm er an einer der Thüren des Justizpalastes eine große Menschenmenge wahr.

»Was gibt es da?« fragte er einen jungen Menschen, der herauskam.

»Ich weiß es nicht,« antwortete dieser. »Man sagt, es werde eine Frau gerichtet, die einen Gendarm umgebracht hat. Da hiebei Hexerei im Spiele zu sein scheint, so haben sich der Bischof und der Official in die Sache gemischt, und mein Bruder, der Archidiakonus ist, nimmt sich der Sache sehr an. Ich wollte mit ihm sprechen, konnte aber wegen der Menge nicht zu ihm gelangen. Darüber ärgere ich mich nun und wünsche den Hexenprozeß zu allen Teufeln, denn ich brauche Geld.«

»Ich wünschte Euch Geld leihen zu können,« sagte unser guter Peter, »aber wenn meine Taschen zerrissen sind, so sind die harten Thaler nicht Schuld daran.«

Er wagte dem jungen Menschen nicht zu gestehen, daß er dessen Bruder, den Archidiakonus, kenne, weil er seit dem Auftritt in der Kirche nicht mehr zu ihm gekommen war und sich dieser Nachlässigkeit schämte.

Der Student ging seines Wegs, und Peter Gringoire schloß sich an die Menge an, welche die Treppe des Justizpalastes hinaufstieg. Er war der Meinung, daß es zur Verscheuchung der Melancholie kein besseres Mittel gebe, als einem Kriminalprozeß anzuwohnen, weil die Dummheit der Richter so ergötzlich zu sein pflegt. Er folgte daher dem Zug der Menge durch eine lange düstere Vorhalle und gelangte in einen Saal, den er, Dank seiner hohen Gestalt, über die Köpfe seiner Nachbarn mit einem Blicke übersehen konnte.

Dieser Saal war groß und finster, wodurch er noch größer erschien. Der Tag neigte sich eben, und durch die langen Bogenfenster drang nur noch ein halber Lichtstrahl ein, der fast erlosch, ehe er die hohe Decke erreichte.

Man hatte schon da und dort auf den Tischen mehrere Lichter angezündet. Der vordere Theil des Saales war von den Zuschauern besetzt; links und rechts saßen an Tafeln Rechtsgelehrte und Advokaten; im Hintergrunde, auf einer Estrade, eine Menge Richter, deren letzte Reihen sich im Schatten verloren, unbewegliche, düstere Figuren. Die Wände waren mit Lilien ohne Zahl bedeckt. Oberhalb den Richtern erblickte man in dunkeln Umrissen ein Christusbild. Rings umher die Lanzenspitzen der Wache, im Scheine der Lichter wiederglänzend.

»Herr,« fragte Gringoire einen seiner Nachbarn, »wer sind denn diese Personen, die dort unten in Reihen sitzen, wie Prälaten im Concilium?«

»Herr,« erwiederte dieser, »rechts sitzen die Räthe der großen Kammer, und links die Untersuchungsrichter.«

»Wer ist denn jener Dicke dort im rothen Kleide, der so schwitzt?«

»Das ist der Herr Präsident.«

»Und jene Schöpfe dort hinter ihm?« fuhr Peter Gringoire fort, der den Richterstand nicht liebte.

»Das sind die Requetenmeister des königlichen Hofes.«

»Und vor ihm, dieser Keuler?«

»Das ist der Gerichtsschreiber des Parlaments.«

»Und rechts, dieses Krokodil.«

»Meister Philipp Cheulier, außerordentlicher Advokat des Königs.«

»Und links, diese dicke schwarze Katze?«

»Meister Jakob Charmolue, Prokurator des Königs in Kirchensachen, mit den Herren vom heiligen Officium.«

»Was machen denn alle diese wackern Leute da?«

»Sie richten.«

»Wen denn? Ich sehe ja keinen Angeklagten.«

»Es ist eine Weibsperson; Ihr könnt sie nicht sehen, sie bietet uns den Rücken, und ihr Anblick wird uns durch die Menge entzogen. Dort ist sie, wo Ihr die vielen Lanzenspitzen seht.«

»Was ist es mit diesem Weib? Wißt Ihr ihren Namen?«

»Nein, ich komme eben erst. Ich vermuthe bloß, daß Zauberei im Spiele ist, weil der Official dem Prozesse anwohnt.«

»Wohlan,« sagte unser Philosoph, »wir wollen diese Richter da Menschenfleisch essen sehen. Das ist ein Schauspiel wie ein anderes.«

Eben begann der Prozeß. Er wurde mit dem Zeugenverhör begonnen. Ein altes in Lumpen gekleidetes Weib machte folgende Aussage: »Meine gnädigen Herren! Die Sache ist so wahr, als ich die alte Falourdel bin, seit vierzig Jahren auf der St. Michelsbrücke wohnhaft und Steuern und Abgaben pünktlich bezahlend. Vormals ein schönes Mädchen, jetzt ein armes altes Weib, meine gnädigen Herren! Man sagte mir seit einigen Tagen: Hört, Falourdel, dreht Abends Euer Rad nicht so rasch, denn der Teufel kämmt gerne mit seinen Hörnern die Kunkeln der alten Weiber. Der Knecht Ruprecht, der im vorigen Jahre in der Gegend des Tempels war, läßt sich jetzt in der alten Stadt sehen. Nehmt Euch in Acht, Falourdel, daß er nicht an Eure Thüre pocht. –- Was geschieht? Eines Abends drehe ich mein Rädchen, man klopft an meine Thüre. Wer ist da? rufe ich. Es flucht. Ich öffne. Zwei Männer treten ein. Ein Schwarzer mit einem schönen Offizier. Man sah vom Schwarzen nichts als die Augen, die glühten wie brennende Kohlen. Den ganzen übrigen Körper bedeckten Mantel und Hut. Sie sagen zu mir: Das Zimmer zur Sct. Martha. Das ist meine obere Stube, meine gnädigen Herren, ein schönes Zimmer. Sie geben mir einen Thaler. Ich lege ihn in meine Schublade und denke: damit willst du dir morgen Kuttelflecke kaufen. Wir steigen hinauf. Der Schwarze war verschwunden, wie ich den Rücken wandte. Da wurde es mir ein wenig unheimlich. Der Offizier, ein schöner Mensch, das muß wahr sein, ging mit mir wieder herab. Er geht fort. Ich setze mich an mein Rad, und nach einer Viertelstunde kommt er mit einem schönen jungen Mädchen, einer recht niedlichen Puppe, der nur die Kleider fehlten, um eine Dame aus ihr zu machen. Sie hatte einen Bock bei sich, einen mächtig großen Bock, ich weiß nicht mehr, ob er schwarz oder weiß war. Darüber wurde ich nachdenklich. Das Mädchen geht mich nichts an, aber der Bock. Diese Thiere sind mir zuwider, und zudem war es ein Samstag. Inzwischen, was kann eine arme Frau machen! Ich sagte nichts. Den Thaler hatte ich. So weit war Alles in Ordnung, Nicht wahr, meine gnädigen Herren? Ich führe den Offizier und das Mädchen in das obere Zimmer, und lasse sie allein, d. h. mit dem Bock. Ich gehe wieder herab und setze mich an mein Spinnrad. Ihr müßt wissen, meine gnädigen Herren, daß mein Haus einen obern Stock hat. Von hinten stößt es, wie alle andern Häuser der Brücke, an den Fluß, und zwei Fenster, eines oben, eines unten, öffnen sich über dem Wasser. Ich saß also, wie gesagt, an meinem Spinnrad. Plötzlich höre ich oben einen Schrei; es fällt Etwas hart auf den Boden, und das Fenster öffnet sich. Ich springe schnell an mein unteres Fenster, da fällt vor meinen leiblichen Augen eine schwarze Masse in das Wasser herab. Es war ein Gespenst, als Geistlicher verkleidet. Es war Mondschein, und ich sah es recht gut. Es schwamm auf die Seite der alten Stadt. Ich zittere am ganzen Leibe und rufe der Nachtwache. Die Herren Gendarmen kommen und prügeln mich, weil sie etwas lustig waren und meinten, ich habe unnöthigen Lärm gemacht. Nachdem sie mich geprügelt haben, sage ich ihnen, wie es steht. Jetzt steigen wir hinauf, und was finden wir? Den Offizier in seinem Blute schwimmend, das Mädchen sich todt stellend und den Bock ganz wild. Gut, sage ich, da habe ich vierzehn Tage am Boden auszuwaschen. Man trug den Offizier und das Mädchen fort. Jetzt kommt aber das Schlimmste, meine gnädigen Herren! Als ich am anderen Morgen den Thaler nehmen wollte, um Kuttelflecke zu kaufen, hatte er sich in ein dürres Laub verwandelt.«

Die Alte schwieg. Ein Murmeln des Entsetzens lief durch die ganze Versammlung.

»Dieses Gespenst, dieser Bock, das geht nicht mit rechten Dingen zu, da ist Hexerei im Spiele!« sagte ein Nachbar zu Peter Gringoire.

»Und dieses dürre Laub!« fügte ein Anderer hinzu.

»Es ist kein Zweifel,« fuhr ein Dritter fort, »sie ist eine Zauberin, die mit dem Knecht Ruprecht im Bunde steht, um die Offiziere auszuplündern und zu ermorden!«

Peter Gringoire selbst war nicht ungeneigt, die ganze Geschichte in ihrem Zusammenhang wahrscheinlich und schauerlich zu finden.

»Wittwe Falourdel,« sagte der Präsident mit Majestät, »habt Ihr dem Gericht nichts weiter vorzutragen?«

»Nein, gnädigster Herr, außer daß man in dem Berichte mein Haus ein altes stinkendes Loch genannt hat, was schimpflich für mich ist. Die Häuser auf der Brücke haben zwar kein so großes Aussehen, weil viel Volk da wohnt; aber es wohnen doch auch Schlächter da, die reiche Leute und mit recht hübschen Weibern verheirathet sind.«

Der Advokat des Königs erhob sich: »Schweigt!« sagte er, »ich bitte die Herren Richter, nicht aus der Acht zu lassen, daß man bei der Angeklagten einen Dolch gefunden hat. Wittwe Falourdel, habt Ihr das dürre Laub mitgebracht, in welches sich der Thaler verwandelte, den Euch das Gespenst gegeben hat?«

»Ja, gnädiger Herr, ich habe es wieder gefunden,« antwortete sie. »Hier ist es.«

Ein Gerichtsdiener übergab das Blatt dem Advokaten des Königs, der es mit tiefem Sinnen betrachtete und dann dem Präsidenten zuschickte. Von diesem ging es unter den Richtern von Hand zu Hand, bis es an den Prokurator des Königs in Kirchensachen kam.

»Das ist ein Blatt von Birkenholz, aus welchem Holze man Besen macht, was ein neuer Beweis für die Anschuldigung der Hexerei ist,« sagte Meister Charmolue mit tiefer Gelehrsamkeit.

Ein Richter nahm das Wort: »Zeugin, zwei Männer sind zu gleicher Zeit in Euer Haus gekommen: der Schwarze, den Ihr zuerst verschwinden und dann durch die Seine schwimmen saht, und der Offizier. Welcher der beiden hat Euch den Thaler gegeben ?«

Die Alte besann sich ein wenig und sagte: »Der Offizier.«

Ein Murmeln durchlief die Menge.

Ah! dachte Peter Gringoire, dieser Umstand macht mich doch wankend in meiner Ueberzeugung.

Der außerordentliche Advokat des Königs erhob sich. »Ich bringe den Herren Richtern in Erinnerung, was in dem Prototoll steht, das an dem Krankenbette des verwundeten Offiziers aufgenommen worden ist. Derselbe erklärt: daß er, als besagter schwarzer Mann zu ihm trat, den Gedanken gehabt, daß solcher gar wohl der Knecht Ruprecht sein könne, daß derselbe schwarze Mann ihn lebhaft angetrieben, sich mit der Angeklagten einzulassen, und als er, der Hauptmann, hierauf bemerkt, daß er kein Geld habe, ihm denselben Thaler gegeben, womit der besagte Offizier die Falourdel bezahlt hat. Es folgt hieraus klar, daß der gedachte Thaler ein Geldstück aus der Hölle ist.«

Diese schlagende Bemerkung machte allen Zweifeln unseres Peters und der übrigen Skeptiker in der Versammlung ein Ende.

»Sämmtliche Akten liegen vor,« fügte der Advokat des Königs, sich wieder setzend, hinzu; »die Herren Richter können selbst die Aussagen des Phöbus de Chateaupers nachsehen.«

Als dieser Name ausgesprochen wurde, erhob sich die Angeklagte; ihr Kopf wurde sichtbar. Peter Gringoire erkannte mit Schrecken Esmeralda.

Sie war bleich, ihre Haare, sonst so niedlich geordnet, fielen verwirrt über die Schultern herab; ihre Lippen waren blau, ihre Augen hohl.

»Phöbus!« sagte sie in einer Art Geistesverwirrung. »Oh, gnädige Herren! ehe Ihr mich tödten laßt, sagt mir um Gotteswillen, ob er noch lebt!«

»Schweigt, Weib!« antwortete der Präsident, »das ist nicht unsere Sache.«

»Oh, um Gottes Barmherzigkeit willen, sagt mir, ob er noch lebt!« fuhr sie fort und faltete ihre abgemagerten Hände. Ihre Ketten klirrten, als sie die beiden Arme erhob.

»Nun,« sagte trocken der Advokat des Königs, »er stirbt. Seid Ihr jetzt zufrieden?«

Die Unglückliche fiel auf ihren Schemel zurück, lautlos, ohne Thränen, weiß wie ein Wachsbild.

Der Präsident beugte sich zu einem Manne hinab, der unterhalb seines Sitzes stand, ein schwarzes Kleid und eine goldene Mütze trug, und einen Stab in der Hand führte: »Gerichtsbote, führt die zweite Angeklagte herein!«

Aller Augen wandten sich einer, kleinen Thüre zu, durch die man eine weiße Ziege mit vergoldeten Hörnern hereinführte. Peter Gringoire's Herz pochte. Das niedliche Thier blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen und streckte seinen schlanken Hals aus, als ob es, von der Spitze eines Felsen herab, einen unermeßlichen Horizont zu überschauen hätte. Jetzt erblickte es die Zigeunerin, sprang über die Tafel und den Kopf eines Gerichtschreibers weg und war in wenigen Sätzen bei ihr. Die Ziege legte sich zu den Füßen ihrer Herrin nieder, als ob sie um ein Wort oder eine Liebkosung bitten wollte; aber die Unglückliche blieb unbeweglich, und selbst die arme Djali konnte keinen Blick von ihr erlangen.

»Richtig,« sagte die alte Falourdel, »das ist der weiße Bock, ich erkenne beide ganz genau wieder.«

»Wenn es den Herren gefällig ist,« sprach Jakob Charmolue, »so wollen wir zum Verhör der Ziege schreiten.«

Dieses Thier war in der That die zweite Angeklagte. Es war zu jenen Zeiten nichts Seltenes, daß man einem Thier wegen Hexerei den Prozeß machte.

Der Prokurator des Königs in Kirchensachen rief nun mit lauter Stimme: »Wenn der Teufel, von dem diese Ziege besessen ist, und der bisher allen Beschwörungen widerstanden hat, in seiner Bosheit verharren sollte, so thun wir ihm hiemit kund und zu wissen, daß wir genöthigt sein werden, die Strafe des Strangs oder des Scheiterhaufens gegen ihn verhängen zu lassen.«

Peter Gringoire bekam den kalten Schweiß. Jakob Charmolue nahm den Tambourin von der Tafel, hielt ihn der Ziege auf eine gewisse Weise vor und fragte: »Wie viel Uhr ist es?«

Die Ziege sah ihn mit einem klugen Blicke an, hob ihren vergoldeten Fuß und gab damit sieben Schläge. Es war wirklich sieben Uhr. Die Zuschauer entsetzten sich. Peter Gringoire war in Todesängsten.

»Sie ist verloren. Sie richtet sich selbst zu Grunde!« rief er mit lauter Stimme, »ihr seht ja, daß sie nicht weiß, was sie thut!«

Jakob Charmolue ließ die Ziege noch mehrere Kunststücke ähnlicher Art machen, und durch eine optische Täuschung, die den gerichtlichen Verhandlungen eigen ist, geriethen jetzt die nämlichen Zuschauer, welche sonst den unschuldigen Künsten der Ziege auf der Straße Beifall geklatscht hatten, in den Hallen des Justizpalastes über dieselben Kunststücke in Staunen und Entsetzen. Die Ziege war in ihren Augen Niemand Anderes, als der Teufel.

Noch schlimmer war es, als der Prokurator des Königs den ledernen Sack mit beweglichen Buchstaben, welchen die Ziege am Halse trug, auf den Boden ausschüttete, und nun das kunstreiche Thier mit seinen Pfoten die Buchstaben aussuchte und den unseligen Namen Phöbus schrieb. Die Zaubereien, deren Opfer Phöbus geworden war, erschienen nun unwidersprechlich bewiesen, und in aller Augen war die Zigeunerin, diese niedliche Tänzerin, an deren Grazie sie sich oft ergötzt hatten, nichts weiter mehr als eine scheußliche Hexe.

Die Angeklagte gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Weder die Liebkosungen der Ziege, noch die Drohungen der Richter, noch die dumpfen Verwünschungen der Zuschauer, nichts vermochte sie aus ihrem Seelenschlummer zu wecken.

Man mußte sie durch einen Gerichtsboten unbarmherzig aufschütteln lassen, und dann erhob der Präsident laut und feierlich die Stimme: »Mädchen, Du gehörst dem Geschlecht der Zigeuner an, das der Zauberei obliegt. Du hast, in Vereinigung mit der verzauberten Ziege, welche gleichfalls in diesen Prozeß verwickelt ist, in der Nacht vom letztverflossenen 29. März, in Gemeinschaft mit den Mächten der Finsterniß, mittelst Zaubereien und höllischer Künste, einen Hauptmann der Bogenschützen des Königs, Phöbus de Chateaupers genannt, ermordet und mit einem Dolche erstochen. Beharrst Du darauf, diese That noch ferner zu läugnen?«

»Entsetzlich!« rief das Mädchen jammervoll aus und verbarg ihr Gesicht in beide Hände. »Mein Phöbus! Oh, das ist mehr als Höllenpein!«

»Beharrst Du darauf, diese That noch ferner zu läugnen?« wiederholte kaltblütig der Präsident.

»Ob ich sie läugne!« fagte sie in furchtbarem Tone, und erhob sich mit blitzenden Augen.

Der Präsident erwiederte trocken: »Wie willst Du denn die Thatsachen, welche Dir zur Last fallen, erklären?«

Das Mädchen erwiederte schluchzend: »Ich habe es schon gesagt. Ich weiß es nicht. Ein Priester, den ich nicht kenne, ein höllischer Priester verfolgt mich.«

»So ist es,« fuhr der Richter fort: »Der Knecht Ruprecht in Gestalt eines Priesters.«

»Oh, gnädige Herren, habt Barmherzigkeit mit mir! Ich bin nur ein armes Mädchen...«

»Aus Aegyptenland,« ergänzte der Richter.

Meister Jakob Charmolue nahm das Wort und sprach in süßlichem Tone: »In Betracht der bedauernswerthen Hartnäckigkeit der Angeklagten trage ich auf die peinliche Frage an.«

»Bewilligt,« sprach der Präsident.

Die Unglückliche zitterte am ganzen Körper.

Gleichwohl erhob sie sich und ging mit ziemlich festem Schritte, zwischen zwei Reihen von Lanzen, einer kleinen Thüre zu, welche sich plötzlich öffnete und eben so schnell wieder hinter ihr schloß. Jakob Charmolue, der Prokurator des Königs in Kirchensachen, und einige Priester des heiligen Officiums be- gleiteten die Angeklagte in die Marterkammer.

Als die Angeklagte durch die Thüre verschwunden war, hörte man die Ziege traurig blöcken.

Die Sitzung wurde suspendirt. Auf die Bemerkung eines der Richter, daß man sehr lange werde warten müssen, bis die Tortur beendigt sei, erwiederte der Präsident, daß ein Richter sich seinen Pflichten opfern müsse, und sollte er darüber das Nachtessen versäumen.

»Die verfluchte Hexe,« brummte ein alter Richter in den Bart, »läßt sich die Folter geben, wenn man noch nicht zu Nacht gegessen hat!«

Nachdem Esmeralda in einem finstern Gange, worin am hellen Tage Lampen brannten, einige Stufen hinauf und wieder andere herabgestiegen war, trat sie in ein düsteres, thurmähnliches Zimmer ohne Fenster oder irgend eine andere Oeffnung, als die ungeheure eiserne Thüre, zu der man hereinkam. Es fehlte gleichwohl nicht an Helle, denn in einer Art Backofen, der in der Mauer angebracht war, brannte ein großes Feuer, das seinen röthlichen Schein durch diese Marterhöhle warf, und der Unglücklichen an den Wänden umher alle die furchtbaren Werkzeuge der Pein zeigte, welche sie an diesem Orte erleiden sollte.

Auf einer ledernen Matratze, die vom Gewölbe herabhing und fast den Boden berührte, saß Meister Pierrat Torterue, der geschworne Stockmeister. Seine Knechte, zwei Gnomen mit breiten Gesichtern, schürten das Feuer im Ofen, und machten die Zangen glühend. Die Gerichtsboten traten auf die eine, die Priester des heiligen Officiums auf die andere Seite. Ein Gerichtsschreiber saß an einem Tische in der Ecke. Meister Jakob Charmolue näherte sich der Angeklagten und sagte äußerst freundlich und verbindlich: »Mein liebes Kind, Du beharrst also auf Deinem Läugnen?«

»Ja,« antwortete sie mit halberstickter Stimme.

»In diesem Falle,« fuhr Meister Jakob freundlich fort, »müssen wir, so schmerzlich es uns ist, zur peinlichen Frage schreiten. Wenn es Dir gefällig ist, mein Kind, auf jener Matratze Platz zu nehmen! Meister Pierrat, macht dem Frauenzimmer Platz und schließt die Thüre.«

Meister Pierrat erhob sich grinsend. »Wenn ich die Thüre schließe,« murrte er, »so wird mein Feuer ausgehen.«

»Je nun, lieber Freund,« erwiederte der sanftmüthige Meister Jakob, »so laßt sie offen.«

Esmeralda war stehen geblieben. Dieses lederne Bett, auf dem sich schon so viele Unglückliche schmerzvoll gewunden hatten, erfüllte sie mit Entsetzen. Das Mark fror ihr in den Beinen, sie stand da wie vernichtet. Auf ein Zeichen, das Meister Jakob gab, faßten sie die beiden Knechte und setzten sie auf das Bett nieder. Sie thaten ihr kein Leid an, aber als ihre Hände sie berührten, als das Leder der Matratze sie berührte, fühlte sie all ihr Blut dem Herzen zuströmen. Sie warf einen verwirrten Blick rings um sich her, alle die mißgestalteten Werkzeuge der Tortur, die an den Wänden hingen, schienen plötzlich in Bewegung zu kommen, sich ihr von allen Seiten zu nähern, ihren ganzen Körper zu zwicken und zu klemmen.

»Wo ist der Arzt?« fragte Meister Jakob.

»Hier,« erwiederte ein Schwarzrock, den die Angeklagte bisher noch nicht bemerkt hatte. Sie schauderte zusammen.

»Mein liebes Kind,« fuhr Meister Jakob mit seiner schmeichelnden Stimme fort, »ich frage Dich zum dritten Mal, ob Du darauf beharrst, die Thatsachen zu läugnen, deren Du beschuldigt bist?«

Die Angeklagte vermochte nur ein Zeichen mit dem Kopfe zu geben, die Stimme versagte ihr.

»Du beharrst also,« sagte Meister Jakob, »das ist mir sehr leid; allein ich muß die Pflichten meines Amtes erfüllen.«

»Herr Prokurator,« fragte Meister Pierrat, »womit machen wir den Anfang?«

Meister Jakob besann sich eine Weile mit dem nachdenklichen Gesicht eines Dichters, der auf einen Reim sinnt; dann sagte er freundlich: »Mit dem Halbstiefel.«

Die Unglückliche fühlte sich so verlassen von Gott und den Menschen, daß ihr Haupt auf die Brust sank, wie etwas, das keine Kraft mehr hat, sich selbst zu tragen.

Der Stockmeister und der Arzt näherten sich ihr zumal. Die beiden Knechte suchten unter ihrem Vorrath die Werkzeuge der Marter aus. Bei dem Klirren dieser scheußlichen Instrumente zitterte das arme Mädchen am ganzen Körper und seufzte so leise, daß Niemand es hörte: »Oh, mein Phöbus!« Dann fiel sie wieder in ihre starre Unbeweglichkeit und ihr todähnliches Schweigen zurück. Dieses rührende Schauspiel hätte jedes andere Herz zerrissen, als das unerbittlicher Richter.

Inzwischen hatten die Knechte des Stockmeisters mit ihren räudigen Händen der Unglücklichen den Strumpf ausgezogen und ihren niedlichen Fuß entblößt. »Schade darum!« murmelte selbst der fühllose Stockmeister, als er ihn betrachtete.

Ein Flor, wie ein dichter Nebel, hing vor den Augen der Unglücklichen, und sie sah durch ihn nur undeutlich, wie man die Marterwerkzeuge brachte und ihren Fuß zwischen den Eisen einkeilte. Der Schrecken gab ihr ihre Kraft zurück. »Nehmt mir das weg!« schrie sie laut auf. »Gnade! Gnade!«

»Zum letzten Mal, gestehst Du die Thatsachen ein, welche sich im Laufe des Prozesses ergeben haben?« fragte Meister Jakob mit feiner unzerstörbaren Freundlichkeit.

»Ich bin unschuldig.«

»Wie willst Du alsdann die Thatsachen erklären, die Dir zur Last fallen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du läugnest also fortwährend?«

»Alles.«

»Macht vorwärts!« sprach Meister Jakob zu Meister Pierrat.

Meister Pierrat drehte die Schraube, und der Halbstiefel, in welchen der Fuß gespannt war, preßte sich zusammen. Die Unglückliche stieß einen jener furchtbaren Schreie aus, die in keiner menschlichen Sprache einen Namen haben.

»Halt,« sagte Meister Jakob. »Willst Du gestehen?«

»Alles!« rief das elende Wesen. »Ich gestehe! Ich gestehe! Gnade!«

Das arme Kind hatte seine Kräfte nicht berechnet, als es der Folter trotzte. Der erste Schmerz hatte ihren Widerstand besiegt.

»Die Menschlichkeit verpflichtet mich, Dir zu sagen,« fuhr Meister Jakob mit immer gleicher Freundlichkeit fort, »daß Dein Geständniß den Tod nach sich zieht.«

»Das hoffe ich zu Gott,« erwiederte sie und fiel erschöpft auf ihr Schmerzenslager zurück.

Meister Jakob erhpb seine Stimme: »Gerichtschreiber schreibt! Junges Zigeunermädchen, Du gestehst also Deine Theilnahme an den höllischen Festen, welche die Larven, die Masken und die Hexen halten? Antworte!«

»Ja,« sagte sie so leise, daß ihre Stimme sich in ihrem Hauche verlor.

»Du gestehst ferner, den Geisbock gesehen zu haben, den Beelzebub in den Wolken erscheinen läßt, um zum Hexentanze zu rufen, und den nur Diejenigen erblicken, welche Zauberkünste treiben?«

»Ja!«

»Du gestehst, Behemot's Haupt, dieses scheußliche Götzenbild der Tempelritter, angebetet zu haben?«

»Ja!«

»Mit dem Teufel, der Dir in Gestalt einer Ziege folgte, Umgang gepflogen zu haben?«

»Ja!«

»Du gestehst und bekennst endlich, mit Hülfe des Teufels und des Gespenstes, das vulgo Knecht Ruprecht heißt, in der Nacht vom letztverflossenen 29. März einen Hauptmann der Bogenschützen, Phöbus de Chateaupers genannt, ermordet zu haben?«

Sie heftete ihre großen Augen auf den Richter und antwortete mechanisch: »Ja!« Sie war augenscheinlich ihrer Sinne nicht mehr mächtig.

»Schreibt Gerichtsschreiber!« sprach Meister Jakob. »Man binde die Gefangene los und führe sie in den Gerichtssaal zurück!«

Der Prokurator des Königs in Kirchensachen nahm sofort den angeschwollenen Fuß der Patientin in Augenschein und sagte: »Kleinigkeit! Du hast noch zu rechter Zeit geschrieen! Das würde Dich nicht am Tanzen hindern, wenn es sonst nichts wäre!«

Dann wendete sich Meister Jakob zu den Herren vom heiligen Officium und sprach mit Salbung: »So ist endlich die Justiz aufgeklärt! Das ist ein Trost für das Herz eines Richters, und das liebe Kind wird uns das Zeugniß geben, daß wir mit aller möglichen Schonung verfahren sind.«

Als die Unglückliche, bleich und hinkend, in den Gerichtssaal zurückkam, wurde sie mit allgemeinem beifälligem Murmeln empfangen. Von Seiten der Zuschauer bezeichnete dasselbe jenes Gefühl befriedigter Ungeduld, das man im Theater bei der endlichen Entwicklung eines Stücks empfindet, von Seiten der Richter die Hoffnung, jetzt bald zu Nacht speisen zu können. Auch die kleine Ziege blöckte ihr freudig entgegen: sie konnte sich ihr nicht nähern, weil sie an die Bank gebunden war.

Die Angeklagte schleppte sich mühsam zu ihrem Sitze. Meister Jakob ging gravitätisch dem seinigen zu, setzte sich, erhob sich wieder und sprach mit Selbstgefühl: »Die Angeklagte hat Alles gestanden.«

»Zigeunermädchen,« nahm der Präsident das Wort, »Du bist also geständig aller Dir zur Last gelegten Thatsachen, Zauberei, Prostitution und Meuchelmord betreffend, verübt an der Person eines Hauptmanns der königlichen Bogenschützen, Phöbus de Chateaupers genannt?«

Das Herz der Angeklagten war zum Sprengen voll und sie antwortete schluchzend: »Alles, was Ihr wollt, aber laßt mich schnell tödten!«

»Herr Prokurator des Königs in Kirchensachen,« sprach der Präsident feierlich, »der Gerichtshof ist bereit, Euer Requisitorium anzuhören.«

Meister Jakob zog einen ungeheuern Aktenstoß hervor und begann mit vieler Salbung seinen Vortrag in lateinischer Sprache. Er hatte noch nicht den Eingang vollendet, als schon dicke Schweißtropfen über seine Stirne rannen. Plötzlich, mitten in einer Periode, unterbrach er seinen Vortrag und rief in französischer Sprache: »Meine Herren, der Teufel ist bei dieser Sache so sehr im Spiele, daß er in eigener Person unseren Debatten anwohnt und die Majestät des Gerichts verhöhnt. Seht dorthin!«

Mit diesen Worten deutete er auf die weiße Ziege, die, als sie den Meister Jakob Charmolue gestikuliren und mit den Händen fechten sah, sich auf den Hintern gesetzt und ihn mit ihren Vorderfüßen nachgeäfft hatte. Dieser Zwischenfall wurde als letzter Beweispunkt angesehen und that große Wirkung. Man band der Ziege die Füße zusammen und der Prokurator des Königs nahm den Faden seines Vortrags wieder auf. Der Schluß seines Requisitoriums war der Antrag: »Die hier gegenwärtige Angeklagte, als der Zauberei und des Mords überwiesen, zur Kirchenbuße auf dem Platz der Liebfrauenkirche zu verurtheilen und sofort dieselbe auf dem Grèveplatz durch den Strang vom Leben zum Tod bringen zu lassen.«

Ein anderer Schwarzrock in der Nähe der Angeklagten erhob sich; es war ihr Advokat. Die hungrigen Richter fingen an zu murren.

»Advokat, faßt Euch kurz,« sprach der Präsident.

»Herr Präsident,« antwortete der Advokat, »dieweil die Angeklagte des Verbrechens geständig ist, so habe ich den Herren Richtern nur noch einen Text des salischen Gesetzes in Erinnerung zu bringen. Wenn eine Hexe einen Menschen gefressen hat, und dessen überwiesen ist, so hat sie eine Strafe von achttausend Silberlingen zu bezahlen. –- Möge es nun dem Gerichtshof gefällig sein, meine Clientin zu dieser Strafe zu verurtheilen.«

»Abgeschaffter Text,« erwiederte der Advokat des Königs.

»Nego,« versetzte der Vertheidiger der Angeklagten.

»Zur Abstimmung! Zur Abstimmung!« riefen mehrere Richter zumal, »das Verbrechen ist offenbar, und es ist schon spät.«

Der Präsident ließ alsbald zur Abstimmung schreiten. Der Gerichtsschreiber schrieb das Urtheil nieder und eröffnete es der Angeklagten in folgenden Worten:

»Zigeunermädchen, an dem Tage, da es dem Herrn unserem König gefallen wird, um die Mittagsstunde, werdet Ihr in einem Karren, in bloßem Hemd und nackten Füßen, den Strick um den Hals, vor den großen Eingang der Liebfrauenkirche gebracht werden, daselbst Buße zu thun, mit einer zweipfündigen Wachskerze in der Hand, und werdet von dort auf den Grèveplatz geführt werden, wo man Euch an gemeinem Stadtgalgen hängen wird, bis der Tod erfolgt, und ein Gleiches wird dieser Eurer Ziege geschehen; und habt dem Official drei goldene Löwen zu bezahlen, um der von Euch begangenen und gestandenen Verbrechen der Zauberei und des Meuchelmords willen, so Ihr an der Person des Phöbus de Chateaupers, Hauptmanns der königlichen Bogenschützen, verübt habt. Gott sei Eurer armen Seele gnädig!«

»Oh! es ist ein Traum!« sagte die Unglückliche halb besinnungslos für sich. In demselben Augenblicke wurde sie von plumpen Fäusten ergriffen und weggetragen.

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