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Gutenberg > Isolde Kurz >

Gesammelte Werke, 1. Band (Gedichte)

Isolde Kurz: Gesammelte Werke, 1. Band (Gedichte) - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
booktitleGesammelte Werke, 1. Band
authorIsolde Kurz
year1925
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleGesammelte Werke, 1. Band (Gedichte)
pages385
created20151215
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Leuke

Ein Geisterspiel

Bewaldete Felseninsel im Pontus. Sandige Bucht zwischen nackten, weißen Klippen. Zur Seite eine nach dem Meere geöffnete Grotte. Achilleus am Ufer stehend. Geisterchor, Jünglinge und Mädchen, beide unsichtbar. Nereiden im Wasser

Nereiden
Nimmer endet
Mutterliebe,
Noch zu den Schatten
Folgt sie dem Sohn.
Die lockige Thetis
Vernahm den Peliden,
Her von des Erebos nachtschwarzem Ufer,
Seinen herzzerschneidenden Klageton.
Wie er verschmähend elysischen Frieden,
Aber geschieden vom goldenen Tag,
Hingeworfen, ein sehnender Rufer,
An den traurigen Wassern lag,
Ungenossener Freuden
Innig begehrend,
In Harm sich verzehrend
Um jene Eine,
Die er im Sterben zuerst ersah,
Um die männerberauschende,
Städteverschlingende,
Die allbezwingende Helena.

Zu der Pforte
Der Abgeschiedenen,
Zu dem göttergemiedenen, schaurigen Orte
Fand sie den Pfad,
Dem Schattenbeherrscher,
Dem Unerweichlichen,
Mit holder Beschwörung
Schmeichelnd genaht.
Der Finstergelockte,
Mit den buschigen Brauen
Furchtbar zu schauende, nickte Erhörung,
Gab den Peliden der Sonne zurück.
Singt, Nereiden, des Schwestersohnes,
Des Unerreichlichen, nahes Glück.

Eine Nereide
Er hört nicht. Seine Seele lebt im Auge,
Das überm Meere sein Entzücken sucht.

Andere Nereide
Ein weißer Schaum hebt wallend sich empor,
Die zweite Aphrodite steigt ans Ufer.

Helena, den Strand betretend
Fern, fernher von der Seligen Gestade
Zog mich durch Räume, die kein Name nennt,
Der Ruf der Stimme, die ich einmal nur
Vernahm und nie vergaß. Was riefst du mir,
Pelide, Erster einst der Sterblichen,
Jetzt Erster bei den Schatten?

Achilleus
                                                  Helena!

Helena
So klang mir's dort. Und aus der ewigen Wonne,
Vom Nektarmahl an des Atriden Seite
Riß es mich auf und zog mit Urgewalt,
Wie unerfüllte Erdenlose ziehn,
Von goldener Insel, wo die Sonne selig
Zur Rüste geht, durch grauer Fluten Schoß,
Gen Aufgang an dies weiße Felsgestad,
Wo du nun weilst. Was riefst du mich?

Achilleus
                                                                Dich rief
Nicht meiner Stimme Laut, nur mein Verlangen
Rief drängend, unablässig dich umwerbend
In deine Freuden.

Helena
                              Schrecklicher, du nahmst
Die Ruh, die nach der kampfumtobten Irrfahrt
Nun endlich mein war. Auch im Geisterreich
Gönnt Eros nicht dem vielgejagten Wild
Zu rasten. Abermals emporgewirbelt,
Komm' ich durch Zwang, den neugefügten Bund
Aufs neu' zerreißend, über Steilgebirge,
Unwegsame, Oreaden führten mich
Den Felsenpfad hinan, hinab zum Strande,
Wo Thetis wartend mir entgegentrat.
An ihrer Hand durchglitt ich feuchter Reiche
Unendlichkeiten. – Träumende wandeln so,
Und jetzt auch träum' ich.

Achilleus
                                          Göttliche, vergib.
Und zürnst du, sei es dem unsterblichen
Erzeuger, daß er dir die Reize gab,
Die Männern tödlich sind. Der wäre keiner,
Der, dich erblickend, nicht an solchen Preis
Sein Leben setzte. Auch der Tod vermag
Gluten, die du entzündest, nicht zu kühlen.

Helena
O Sohn der Thetis, eine Erdensonne
Beschien uns beide und verband uns nicht.

Achilleus
Sieh, eine Sonne scheint auf Leuke auch.
Hörst du das Preislied, das sich schmetternd hebt
Aus unsichtbaren Kehlen, vogelgleichen,
Und unsern Bund begrüßt? Es ist der Chor
Der Unvollendeten, der uns umschwebt,
Von ruhmlos frühgeschiedenen Heldenseelen,
Von Frauen, die kein liebender Arm umschloß.
Sie drängen den Vollendeten sich nah
Aus Gier nach Fülle. Horch auf ihren Sang.

Geisterchor
    (Jüngling)
Herrlicher Peleussohn,
Als du gefallen,
Kamen aus dunkelumwölkter Höhe
Die Götter herab mit den Göttinnen allen,
Und die Musen erhoben den Trauergesang.
Siebzehn Tage und siebzehn Nächte
Währte dem Götter- und Menschengeschlechte
Die tränenlösende Klage.

Du nun lagest
Im Göttergewande,
Von Salben umduftet,
Von Flammen umlodert.
Doch aus dem Brande
Hob sich dein unverwelklicher Ruhm.
Allen Helden der Vorzeit
Entwandst du die Krone,
Von der Nachgebornen unendlicher Folge
Wird dich keiner erreichen.
Nur dem Peliden von ferne zu gleichen,
Wird höchstes Ziel den Kommenden sein.

Wir sind Jünglinge, namenlose,
Vom Tod entraffte,
Eh die Tat uns gereift, eh der Ruhm uns genannt.
Ewig gestaltlos schweifen wir drunten,
Keiner der Helden reicht uns die Hand.
Tatlos, ruhmlos, unvollendet,
Sind wir vergangen.
Unser ruhloses Sehnen drängt
Nach dem Vollendetsten, nach dem Gewaltigsten,
Der mit allmächtigem Liebesverlangen
Den unzerbrechlichen, adamantenen,
Uralten Riegel des Hades gesprengt.

    (Mädchen)
Tochter der Leda, dich zu schauen,
Schwanentsprossene, harrten wir hier.
Keine der erdegebornen Frauen,
Reizumgürtete, mißt sich mit dir.
Wer dich gewonnen, mochte sich rüsten,
Deine roten Lippen, die oft geküßten,
Weckten im Nachbar brennend Gelüsten,
Helden und Städte sanken um dich.

Wir sind Blumen, zu früh geknickte,
Einsam verblühte,
Vom Tau der Liebe nimmer erquickte
Mädchenblumen.
Trauernd müssen wir abseits stehn,
Wo die Gepaarten, innig Befriedeten
Lächelnd durch die Gefilde gehn.
Den Danaiden sind wir vereinigt,
Schöpfen ins immer leere Faß,
Zum Brunnen kommen wir durstgepeinigt,
Doch uns am Munde versiegt das Naß.

Auf dich, Beseligte,
Häufte der hohen
Launischen Wille
In Überfülle,
Was uns versagt war.
So laß dich beschauen,
Gierig beschauen,
Wangen und Brauen,
Augen und Haar!

Aber du auch, Göttergeliebteste,
Mußtest entsagen,
Mußtest dem lieblichsten Wunsch entsagen,
Den du in ahnender Frühzeit schon
Hegend im Herzen getragen,
Nach dem einzig deiner würdigen,
Götterbürtigen.
Ruhmumleuchteten Peleussohn.

Helena
Sie schmeicheln hold ins Erdenlos zurück,
Mit Gift der süßen Schwermut mir vergebend.
Zu Sparta seh ich mich im Königsschloß,
Kaum aus der Kindheit Knospe hochgesprungen,
Doch schon im Goldschmuck meines langen Haars
Verfolgt von Männerblicken, Männersehnen,
Das stolzbewußte Ziel des Männerwettkampfs.

Achilleus
So nannte dich der Ruf. Ich sah dich nie.

Helena
Und wenn ich meine Heldenbrüder fragte:
Wer ist in Hellas jetzt der Herrlichste
Nach euch? – Es gibt nur einen, sagten sie,
Und der ist herrlicher als wir. Die Göttin
Gebar ihn, Chiron lehrte seine Jugend,
Und seines Vaters Ahn ist Zeus. Doch so
Unbändig pulst dem zwiefach Göttlichen
Die Kraft, daß, wär' er Sohn des Zeus, der Vater
Vor ihm verbleichen müßte. Darum schuf
Der Götter Furcht den Sohn der Thetis sterblich.

Achilleus
Du dachtest mein!

Helena
                                Wer dachte deiner nicht
Von Hellas' Töchtern? Tratst du nicht im Traum
Als Bräutigam vor jedes Mädchenlager?
Doch welche der Gespielen sich vergaß
Errötend ihre Träume zu bekennen,
Verachtung fiel von hohngeschürzter Lippe
Auf die Vermess'ne, die sich würdig deuchte,
Als gäb' es keine Helena! – Dem Kühnsten,
So dacht' ich, sei die Schönste vorbestimmt.
Und jede Sonne, die ob Spartas Burg
Emporstieg, fragt' ich hoffend: Kommt er heute?
So viele sanken, keine brachte dich.

Achilleus
Nichts wußt' ich noch von Frauenherrlichkeit,
Im Kampf nur schwelgend und im Spiel der Saiten.

Helena
Doch, sagten sie, erstrittst du manches Weib.

Achilleus
Nur Beutelust zwang sie in meinen Arm.

Helena
Um die Briseïs, heißt es, weintest du.

Achilleus
So weint ein Kind, dem sie sein Spielzeug nahmen.

Helena
Von Mauern, die du brachst, hört' ich erzählen,
Von schönen, speergeworbenen Fraun. Es hieß,
Du liebest nur was du erkämpft. Und glühend
Und zitternd dacht' ich: Wenn der Wilde käme
Um Ledas Tochter wegzuführen, ob
Der Brüder starker Arm ihm wehren könnte?

Achilleus
Nicht Held noch Halbgott hätte mir gewehrt.
Fühl' es am Druck des Arms. der dich umklammert.
Wie fest er seinen Raub gehalten hätte.

Helena
Dann kam der Tag, wo in der Königsburg
Die ganze fürstliche Jugend Griechenlands
Zur Gattenwahl beisammen war. Pelide,
Warum im Kreis der Freier fehltest du?

Achilleus
Frag' das Verhängnis.

Helena
                                      Alle sah ich sie
Versammelt und auch einzeln, doch mein Herz
Blieb stumm, da wußt' ich, der Pelide ist
Nicht unter ihnen, und mein Blut erstarrte.
Mein Herz ward klein und kleiner, Kälte kroch
Durch alle Adern. Ich bin Helena!
So rief's in mir, die Schönste Griechenlands,
Und Hellas' erster Held wirbt nicht um mich.

Achilleus
Sag: Hellas' größter Tor.

Helena
                                          Ein Schwert durchfuhr mich,
Als dein Patroklos kam: Der also gleicht ihm?
Der Anmutvolle ist ein menschlich Abbild
Des Übermenschlichen? Nach ihm sich artend
Trägt er Gewand und Haare? Und ich zürnt' ihm,
Daß er nicht du war. – Aus des Vaters Hand
Gelassen dann empfing ich Menelaos,
Gleich wie ich Nestorn auch empfangen hätte!

Achilleus
Und stiegst als Sternbild über Hellas auf
In Frauenschöne.

Helena
                              Ja, der Unglücksstern
Von Hellas ward ich, der verderbliche,
Die Liebe, die ich nicht verschenken konnte,
Wandt' ich mir selbst und meinem Spiegel zu.

Achilleus
Die Götter steigen oft herab und paaren
Sich mit den Sterblichen zu höheren
Geburten, doch mit Neide blicken sie
Auf den Erzeugten, gönnen nimmermehr
Dem Halbgott eine Braut aus Götterstamme,
Und ohne Erben muß die Göttlichkeit
Verblühen auf der Erde. Drum verhüllten
Sie mir dein Bild. Und alles was geschah,
Dein Liebesirren, dieses liebeleere,
Und unsres Ringens zehenjährige Not,
War bitter giftige Frucht des Götterneides.

Helena
Doch mußtest du an Helena vergehn.
Um mich zu kämpfen und an mir zu sterben,
Um die zu werben du verschmäht, das war
Dein gottverhängtes Los.

Achilleus
                                            Es gönnte mir,
Doch einmal deiner Schönheit Glanz zu schauen.

Helena
In jenem Tempel war's beim Skäertor.
Polixena, das Kind, erbebend mehr
Vor Furcht als vor Verlangen, stand bei dir,
Den Frieden Trojas bräutlich zu besiegeln.
– Mit deinem Namen hatte man das Kind
Geschreckt, wenn es zu laut war: Schweig, so hieß es,
Sonst holt dich der Pelide. Dieser Schrecken
Lag ihr im zitternden Gebein. O Stolzer,
Das war die Braut, die du erkorst.

Achilleus
                                                        Vergib ihr,
Der Ärmsten! Ihr Erbeben trog sie nicht.
Der Scheiterhaufen ward ihr Hochzeitslager,
Auf dem sie fleckenlos verging.

Helena
                                                      Zuviel
Des Glücks, an deiner Seite dort zu stehen.
Sie zahlte, was sie ohne Recht besaß.
In meinem Busen wand und bäumte sich
Die Qual und schrie: Wer ist Polixena,
Daß sie dem Helden sich verbinden darf?
– Da wandtest du den Blick, wir sahn uns an!

Achilleus
Ja, Aug' in Auge tauchend standen wir,
Ein Silberschleier floß um deiner Glieder
Göttliches Maß. Am stolzgetragenen Nacken,
Du Schwanenweiße, kannt' ich Schwanenbrut.

Helena
Und jener Blick war's der dein Leben trank.

Achilleus
Es strömte hin zu dir, damit du's schlürfest.

Helena
Kurze Vergütung für verfehltes Los.

Achilleus
Der eine Blick war eine Lebensspanne.

Helena
Noch Einem schien es so. Da trat ein Gott
Mit falschem Rat ihn an. Es sank die Wage
Mit deinem Los, die Zeus in Händen hielt,
Zum Hades weisend. Aus des Feigsten Hand
Schwirrte der Pfeil und sog dein Götterblut.

Achilleus
Du warst das letzte was ich sah. Dein Bild
Nahm mein gebrochnes Aug' zum Hades mit.
Ich hielt es fest. Vom Lethetrank mich wendend,
Sog ich es brünstig ein. Bei bleichen Schatten,
Die lautlos zwischen Asphodelen schweben,
Die Stengel nicht mit ihren Füßen knickend,
War meines Bleibens nicht. Das Übermaß
Des Sehnens gab den erstarrten Adern Glut –
Die Todesgötter neigten sich gewährend.
Dies weiße Eiland sandte meine Mutter
Herauf, die Bergesnymphen schmückten dir's
Mit ernster Wälder Pracht und frischen Matten.
Des Nereus Töchter wölbten tiefe Buchten
Und Grotten aus und schwemmten lindesten Sand,
Bestreut mit Bernstein und Korallen an,
Dir zum Empfang.

Helena
                                Und ist nun dies dein Reich,
Städtebezwinger, unbezwinglicher?

Achilleus
Das Land der Länder, wenn es dich umfängt.
Für ewig ankert Wünschen hier und Wollen.
Ist es nicht schön? Sieh, wie die weißen Zinken
Entkörpert, traumhaft in den Äther schneiden.
Die Silberpappel flüstert leis im Seewind,
Das leichte Haar der Tamariske weht
Wie am Skamander. Alles lebt und atmet.
Dem Salzhauch mischt sich der durchsonnte Duft
Harztriefenden Pinienwalds. Und wir auch leben.
Und neu ist alles. Noch beschritt kein Fuß
Den jungfräulichsten Sand als dein und meiner.

Helena
Nur Flug der Vögel schattet drüber hin
Und vor uns läuft der huschenden Lazerten
Gewundene Spur.

Achilleus
                                Jetzt aber schau' zurück,
Wie unsrer Sohlen Tritt im Sande sich
Innig vermählt, als wär's von je gewesen.
Schritt paßt dem Schritt sich gleichgemessen an,
Wie sich dein schlanker Wuchs dem Druck des Armes
Geschmeidig fügt, zwei Leiber, die geschaffen,
Daß einer an dem andern sich vollende.

Helena
O Erdenjahre, nutzlos hingeweht!

Achilleus
Laß uns vergessen, was kein Gott mehr wendet.
Gab nicht der Tod uns zur Vergütung frei?
Komm, daß ich dir des Eilands Kleinod zeige.
Der Grotten schönste hat dir Thetis selber
Zum liebeseligen Ruhsitz ausgewählt.
Die Welle netzt sie mit lebendigem Gruß,
Und Blumenpracht aus stillen Wassergärten
Erglüht wie Pfauenaugen durch die Feuchte.
Dort sind dir Schätze königlich gehäuft.
In Muschelschalen liegt der Perlenschnüre
Mildwarmer Glanz, des Bernsteins Sonnenblick
Mit andern Wundern, die das Meer gebiert,
Der Thetis Hochzeitsgaben aus der Tiefe.
Gewänder sendet Galathea dir
Aus Meerschaum farbenwechselnde, und Schleier,
Vom Spiel des Mondscheins in der Flut gewebt.
Arions goldne Leier harrt mit Lust,
Daß deine Hand sie rührt. Zur Ruhe ladet
Das Muschelbett, das köstlich aufgeschmückte,
– Auf Madreporen und Korallen ruht's –
Das Aphrodites Mädchentraum belauschte.
Vor dem Gemach, dich würdig zu bedienen,
Steht Nereus' jüngste Töchterschar bereit.

Helena
Ein Streifen Wassers scheidet es vom Lande.

Achilleus
Das Wasser ist dir untertan, es ebbt,
Wenn es dem Fuß beschreitet.
    Sie schreiten hinüber

Nereiden
Plätschre nun sanfter, Wellenschlag!
Lege dich, säuselnder Wind!
Endlos scheine der Sonnentag,
An dem sie beisammen sind.
Spiegelt den Geistern ein Erdenglück,
Schmeichelt sie täuschend ins Leben zurück.
Die du den schaurigen Hades bezwungen,
Freue dich, Mutter, dein Werk ist gelungen.

Keine Mahnung ans nahe Scheiden!
Furchtbare Mächte, gönnt es den beiden,
Den Sturmzerführten, den Todberührten,
Daß sie ein Stündlein selig vermessen
Euer vergessen.

Wenn der Sommer zur Neige geht
Und bei der Wälder purpurnem Sterben
Alle Blätter sich fiebernd färben,
Flattern zuweilen so allein
Zwei Falter noch gaukelnd im Sonnenschein,
Ahnen nicht, wie nahe das Verderben,
Meinen, es sei die Maiensonne,
Sterben in Wonne.
Störet sie nicht, die Schicksalvergessenen,
Selig Vermessenen,
Die wie die Wälder bei Sommers Scheiden
Ihren Hingang in Purpur kleiden,
Die wie Falter ob welken Rosen
Über dem Grabe noch gaukelnd kosen,
Gönnt beim schmeichelnden Wellenschlag
Ihnen den einen, den ersten und letzten Tag.
    Pause

Achilleus
Mir ist, als lebt' ich nicht vor dieser Stunde.

Helena
Vergangnes siel wie Blendwerk ab von mir,
Die frühe Wahrheit hat mich einzig wieder.

Achilleus
Und bist du's wirklich, schmiegsames Gebild?
So neu, so hold wie kaum erschloßne Jugend?
Du, du bist Helena, die Zwietrachtfackel?
Das Schwert, das Hellas' beste Jugend schlug,
Der Städtebrand, das große Männersterben?

Helena
O sprich von jener nicht, sie sei vergessen,
Ein wirrer Traum war das vermeinte Leben.
Ich bin nicht sie, die gütigen Götter gaben
Der ersten Liebe Reinheit mir zurück.

Achilleus
O einen Sohn von dir! So stark und kühn
Wie Neoptolemos, doch zartgesinnter,
Zwiefach von Göttlichkeit umstrahlt. Mich dünkt,
Ich seh' durch Nebel sich sein Bild gestalten.
An deiner Seite steht er schon. – O sieh,
Sieh, wie dem Wunsche die Erfüllung folgt.
Aus unsrer Sehnsucht webt sich duftgeboren
Ein Wunderbild, wie keins die Erde sah,
Von allen Reizen seiner Mutter strahlend.
Holdseliger, genieße du das Licht,
Erfülle, was mir unvollendet blieb,
Damit du lebtest, stürb' ich gern aufs neue.

Helena
O lächle mir, du Götterkind. Es leuchtet
Von deiner Stirn des Vaters Mut und Kraft
Und künftiger Taten Ruhm. Komm näher, komm,
Daß ich dich fühle, komm in meinen Arm.
Du wendest dich?

Achilleus
                              Du fliehst?

Beide
                                                  O weile, weile.

Achilleus
Er flieht vor deiner Stimme Zauberton?

Helena
Schnellfüßiger, und du ereilst ihn nicht?

Achilleus
Bleib stehen, holder Knabe! Kehr' zurück!

Helena
Nur einen Blick noch gönn' uns, eh du scheidest.
Er kehrt sich um. O warum blickst du so
Mit Vorwurf? Hast du nicht ein Wort für uns,
Nicht einen Ton der Liebe, Vielgeliebter?

Achilleus
Er winkt. Er wendet sich und ist verweht!

Chor der Unsichtbaren
    (Jünglinge)
Er ist unser!
Aus den Schatten stieg er
Ungeboren.
Zu den Schatten sank er,
Euch und sich verloren,
Ewig unbewußt,
Keinen Tropfen trank er
Aus des Lebens Brust.
Ohne Mark ist sein Gebein.
Wird kein Krieger, wird kein Sieger –

Mädchen
Wird kein selig Liebender sein!

Vereinter Chor
Ihr Vorgezogenen, Götterverwöhnten,
Klaget um ihn!
Als die Betrogenen
Stehet ihr heute.
Wir Unversöhnten,
Mit unserer Beute
Eilen wir hin.

Helena
Weh, Schein und Schemen! Unser Glück zerrinnt.
Fasse mich fester, laß mich nicht entgleiten.

Achilleus
Ich halte dich, Geliebte, fest und fester.
Was weichst du? Bleibe mir, verlaß mich nicht.

Helena
Pelide, leicht und herrlich schreitest du
Wie unter Hellas' Sonne. Doch dein Arm
Ist schattenhaft, und Schatten sind wir beide.
Das holde Bild, das uns erschien und floh,
Für ewig ist's verscherzt und kann nicht leben.
Nur unsre Wünsche konnten sich umschlingen,
Und unser Herz blieb ungestillt. Ein Trug,
Ein süßes Spiel von dem was nie gewesen
Hat uns berückt und schwand ins Leere. Lust
Umarmt die Lust, der Traum den Traum – Lebwohl.

Beide verschwinden. Leuke versinkt.

 


 

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