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Gutenberg > Isolde Kurz >

Gesammelte Werke, 1. Band (Gedichte)

Isolde Kurz: Gesammelte Werke, 1. Band (Gedichte) - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
booktitleGesammelte Werke, 1. Band
authorIsolde Kurz
year1925
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleGesammelte Werke, 1. Band (Gedichte)
pages385
created20151215
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Kinder der Lilith


                                      I

Die himmlische Glorie durchschüttert ein Wallen,
Es dröhnen die ewigen Porphyrhallen;
Hervor aus des Chaos kreißendem Schoß
Zucken Blitze und Wellenstoß.
Die Elohim stehn und flüstern zu Paaren:
Was ist in unseren Herrn gefahren,
Daß er in Schöpferwehen braust,
Wie ein Ungewitter das All durchsaust
Und reißt im Wirbel ein Geisterheer
Wie einen Kometenschweif hinter sich her?
Sechs Tage schon müht er sich ohne Rasten,
Hauchend wälzt er unendliche Lasten,
Läßt aus den Wolken ein Weltmeer stürmen,
Die Wasser zerrinnen, die Feste sich türmen,
Bekleidet die Erde mit jungem Grün,
Läßt drüber die Lichter des Himmels glühn,
Gebirge baut er, aus klaffenden Felsen
Müssen Wasserstürze sich wälzen,
Dann schafft er Pflanzen, die sich besamen,
Und auch die Tiere, die wilden und zahmen,
Gebilde, regsames, dem die Frist
Eines Tags nur gegeben ist.
Ihr hohen, wissenden Cherubim
Was ist sein Wille? Was wogt in ihm?

Seraphische Chöre, die liebenden, fragen,
Die Cherubim stehn wie aufs Haupt geschlagen,
Starrend in alle den Schöpfergraus,
Sie ergründen es nicht, sie denken's nicht aus.
Sie sehen nur: an den ewigen Gefügen
Empfindet er göttliches Ungenügen.
Müde ward er im gleichen Ringe
Der wechsellosen vollendeten Dinge,
Jetzt begehrt er den Wandel zu sehn,
Das Werden, das Wachsen, das Niedergehn.
Hat er die Chöre des Himmels geschaffen
Zu Genossen seiner Unendlichkeit,
Bildet er Vögel, Gewürm und Affen,
Rasch verwelkende Kinder der Zeit.
Das Unvollkommne ist jetzt sein Ziel.
Wer darf ihn fragen, ob Ernst, ob Spiel?
Sein das unerforschte Vollbringen,
Unser das Preisen und Lob ihm Singen.

Indes so kommt mit lachendem Mund
Vom neugeschaffenen Erdengrund
Herangeflogen ein Engelpaar,
Die jüngsten, kecksten der ganzen Schar.
Die saßen heimlich im höchsten Wipfel
Auf Edens junggrünendem Bergesgipfel,
Naschten Früchte in guter Ruh
Und sahen den Werken des Meisters zu.
Nicht um des Cherubs Weisheit tauschten
Sie ein die Dinge, die dort erlauschten,
Wie er den Lehm zum Bild gequält
Und den Menschen machte. – ›Erzählt! Erzählt!‹

›Wir sahn den Herrn vor einem plumpen
Allgewaltigen Lettenklumpen,
Den er in seiner Hand erweicht,
Und formt ein Bildnis, das ihm gleicht,
Versteht sich, ganz im Groben nur,
Eben noch kenntlich die Gottesspur.
Versunken war er ganz ins Kneten,
Wir hörten ihn laut mit sich selber reden,
Geht prüfend um den Kolossen her,
Ob noch was dran zu bessern wär'.
Am Ende feuchtet er den Ton,
Der quillt als wie lebendig schon,
Dann wird ihm zuletzt durch Mund und Nasen
Der Lebensodem eingeblasen.
Zufrieden tritt der Herr zurück,
Und: Adam! so ruft er sein Meisterstück.
Das war ein Anblick! Hin und wieder
Reckt sich's und streckt sich, probt die Glieder,
Öffnet die Augen, blinzt ins Licht,
Steht auf und geht, dann stammelt's, spricht!
Wie es den Schlaf nun abgestreift
Und von sich selbst Besitz ergreift,
Da faßt der Herr es bei der Hand
Und führt's durch das blühende Gartenland,
Allwo es jeglich Ding betastet,
Vom Tierlein hin zur Pflanze hastet
Und was ihm gefällt zum Munde bringt,
Die Rose mitsamt dem Dorn verschlingt,
Wenn's ihm der Herr nicht gütlich wehrte,
Ihn Beeren und Früchte kennen lehrte,
Denn Adam in seiner blinden Gier
Ist dümmer als jedes andere Tier.
Doch als er nun mit Lust und Schmatzen
Das Ränzel sich gefüllt zum Platzen,
Erwacht ihm plötzlich das Selbstgefühl:
Vom ganzen wimmelnden Gewühl,
Seine Brust berührend er sondert sich
Und findet das erste Wörtlein: Ich!

Der Herr mit leuchtendem Angesicht,
Als gäb's im Himmel Schöneres nicht,
Geleitet ihn sorglich auf allen Pfaden,
Ihn zu behüten vor Fall und Schaden.
Doch Adam singt ihm keinen Psalm,
Er streckt sich lang in den Schachtelhalm,
Beriecht die Blumen und das Kraut,
Blinzt in den Äther, der droben blaut,
Und horcht mit vorgestrecktem Hals
Auf die Murmellieder des Wasserfalls.
Der Herr entfernt sich auf ein Weilchen,
Und Adams Haupt sinkt in die Veilchen,
Die an des Baches Rande blühn;
Ihn schläfert nach ersten Lebensmühn.

Da kehrt ins irdische Gefild
Der Herr mit dem lieblichsten Wunderbild.
Wie er's erschuf, ist uns verborgen,
Es strahlt wie Paradiesesmorgen,
Vom Scheitel fließt ihm Sonnengold,
Zwei Flüglein hat's, noch aufgerollt,
Wie junge Blätter unentfaltet,
Sonst ist es Adam gleich gestaltet
Und anders doch und seiner viel,
Ein schlanker, beweglicher Blumenstiel.
Als Adam dies Gebild erschaut,
Springt er vom Boden mit Jubellaut,
Begreifend, daß dies Wonnewesen
Ihm zur Gefährtin auserlesen.
Und stracks hebt er zu tanzen an,
Just wie ein balzender Auerhahn,
Den Hals gereckt, auf Zehen schwebend,
Die Arme wie zwei Flügel hebend,
So turnt er vor ihr auf und nieder
Und zeigt die Pracht ihr seiner Glieder,
Kreist immer näher um die neue,
Die an den Herrn sich schmiegt mit Scheue.
Doch mählich wird auch sie beherzt,
Ein Schalk aus ihren Augen scherzt,
Sie schwebt ihm entgegen, flieht und kehrt
Um ihn, der wie ein Kreisel fährt,
Dann plötzlich hinter des Meisters Rücken
Entzieht sie sich listig Adams Blicken,
Der in ein Jammerbild erstarrt;
Bis sie zur Gnüge ihn genarrt
Und wiederkommt – da in Ekstasen
Wirbelt er auf, und unterm Rasen
Schlägt er zur Erde, umfaßt ihr Knie
Und: Lilith! Lilith! nennt er sie.
Ja, denkt euch, was der Mensch getan:
Er kniet vor ihr, er betet an!
Wir bangten, daß der Meister zürne
Und ihm zerspalte die Frevelstirne:
Wenn Elohim seiner Hand entsprungen,
Haben sie kniend ihm Lob gesungen.
Doch Adam sieht den Schöpfer nicht,
Er sieht nur Liliths Angesicht.
Des Tadels ledig bleibt der Tor,
Der Herr schiebt ein Gewölke vor
Und läßt die zwei allein beisammen
Mit jedem Blicke sich mehr entflammen.
Schon steht sie keck auf Adams Füßen,
Um näher ihn Mund an Mund zu grüßen,
Sie hängen und hängen sich an den Lippen
Und müssen nippen, nippen. nippen,
Als ob vom wonnigen Göttersafte
Dort ein vergossener Tropfen hafte.
Der Herr übers ganze Antlitz lacht,
Als dächt' er: Das hab' ich gut gemacht!

So haben die zwei den Tag vertollt,
Doch jetzt versprüht der Sonne Gold,
Und Lilith an den Blumenborden
Von Eden ist sie nun müd geworden.
›Sieh, Adam, wie sich der Himmel rötet,
Droben im Hain, wo die Nachtigall flötet,
In der Veilchengrotte, da will ich ruhn.
Dorthin, Sklave, trage mich nun.‹

Da liegt sie, wohlig hingebettet,
Und neben ihr wie angekettet
Adam – bei eines Glühwurms Span
Kniet er verzückt und starrt sie an.
Ein Weilchen scheint sie so zu schlafen,
Ergötzt sich an der Pein des Sklaven,
Ausstreckt sie plötzlich dann den Arm
Und zieht ans Herz ihn liebewarm.
Das war ein Schauern, ein Entzücken,
Ein Umhalsen und An-den-Busen-drücken
Und andere närrische Dinge mehr.
Die Nachtluft wird von Seufzern schwer.
Lilith! hallt's von der Bäume Zweigen,
Lilith! lächelt der Sternenreigen,
Lilith! duftet der Blütenbaum.
Adam! haucht's leiser, wie aus dem Traum.

Da sind wir stille fortgeflogen
Indessen noch am blauen Bogen
Des Schöpfers Auge liebend wacht.‹
So sinkt auf Eden die erste Nacht.

 
                              II

Sabbat! Es ruht des Schöpfers Stärke
Am siebten Tag von seinem Werke.
Er wandelt über Meeresbreiten,
Und an der Weltakkorde Gleiten
Stimmt er der Seele Saiten rein.
Nur Sammael darf um ihn sein,
Des Morgensterns erlauchter Herr,
Die Engel nennen ihn Luzifer,
Weil ihn ein Strahl des Geists umwittert,
Vor dem die himmlische Heerschar zittert.
In ihn allein ist unter allen
Ein Fünkchen Eigenlichts gefallen.
Doch wie ihm streben die Gedanken,
Er dringt nicht durch des Meisters Schranken,
Er kann den Schleier nicht zerreißen,
Wozu der Mensch geschaffen sei,
Und ob die Dinge, die ewig kreisen,
Mehr als ein ewiges Einerlei.
Da zeichnet still des Meisters Hand
Eine Spirale in den Sand.
Sammael sieht's vom Blitz gerührt:
›Gilt's einen Weg, der aufwärts führt?‹

›Ja aufwärts! Hoch bis über die Sterne,
Über euch alle in Weltenferne,
Auch über dich, so hell du scheinst,
An meine Seite steigt dereinst
Der Mensch – er aller Sonnen Sonne,
Mit der Gottheit teilend die Schöpferwonne,
Von allen Erschaffenen er allein
Gewürdigt, mein Genoß zu sein.
Ihn schloß ich nicht zu dauernder Haft
Wie euch in eine Eigenschaft,
Daß, wie ihr tönend um mich schwingt,
Jeder nur seine Stimme singt.
Ihm hab' ich zu dem Fünkchen Leben
Die Orgel mit allen Registern gegeben:
Der Tierheit und der Gottheit Triebe,
Die Himmels- und die Erdenliebe,
Das Fürchten, Sehnen, Hoffen, Hassen,
Ihm das Erröten und Erblassen,
Die Kühnheit und die Schüchternheit,
Die Trunkenheit, die Nüchternheit,
Das Süßeste, das Bitterwidrigste,
Das Höchste ward ihm und das Niedrigste.
Die Weisheit und die Narretei,
Der Ernst, das Spiel, die Raserei,
Des Nordpols Eis, des Kraters Flammen
Wohnen in seiner Brust beisammen,
Der ich den Schöpferhauch vertraut,
Mit dem er zu mir den Weg sich baut.
Nicht er: in Tagen, die ferne sind,
Seiner Kinder spätestes Kindeskind.
Auf Vaters Schultern tritt der Sproß,
Von Adam, dem armen Erdenkloß,
Bau' ich durch Lilith eine Leiter
Zum höchsten Sitz des Himmels weiter.
Drum hab' ich die Freundin ihm gepaart,
Halb von seiner und halb von eurer Art,
Daß sie mit Liebesdorne
Ihn wecke, stähle, sporne,
Er zu massig und sie zu fein,
Unvermögend jedes für sich allein.
Ihr gab ich keine irdischen Waffen,
Sie soll begeistern, er soll schaffen.
Von ihm die Kraft, die Felsen spaltet,
Den festen Sinn, der ordnend waltet,
Von ihr die Flamme stets bewegt,
Die Unruh, die das Uhrwerk regt.
Des Regenbogens bewegliche Habe
Schenkte ich Lilith zur Morgengabe,
Womit sie schwebend den Raum erfüllt,
Sich in farbenwechselnde Schleier hüllt.
Sie mag im Spiel sich mit ihm freuen,
Zu Seifenblasen ihn verstreuen,
Und aus den bunten Farbenspiegeln
Ahnend ein Künftiges entsiegeln,
Um ihre wechselnden Gestalten
Kann nichts verwelken, nichts veralten.
Ob sie über Blumen sich tändelnd wiegt,
Auf Wolkenrossen jauchzend fliegt,
Wo sie erscheint, muß alles blühn,
Was sie berührt, wird frisch und grün.
Und Liliths Mund kann nimmer lügen,
Wohin sie irrt auf Fabelflügen,
Der träge Riese muß ihr nach!
Wie oft das Werkzeug ihm zerbrach,
Er läßt nicht ab, er kämpft und ringt,
Bis er's mit schaffender Faust erzwingt.
Vor solchem Wollen, solchem Wagen
Muß sich das letzte Nein zerschlagen.
Schon seh' ich fern den Morgen scheinen,
Wo nimmer pflichtig dem Gemeinen
Der holde Sohn des Widerspruchs,
Aufreckend seinen Riesenwuchs
Vom Erdkreis, den er unterjocht,
An meines Himmels Pforten pocht.
Dann werd' ich in den Arm ihn schließen,
Der Sohn, dem Vater nahgesellt,
Soll schaffend sich mit mir ergießen
Durch alle Adern meiner Welt.
Den Weg des Windes, die Gezeiten,
Er lenke sie, wie er gesinnt,
Sein spähend Aug' soll mich begleiten
Durchs fernste Sternenlabyrinth.
In mich, wie ich in ihn ergossen,
Nehm' ich am End' zu höchstem Glück
In meine Brust, draus er geflossen,
Ihn, den Vollendeten, zurück.
Und wirkend, wissend, wachsend, webend,
Der Gottheit Leben mit erlebend,
Schafft er in mir verjüngte Lust.
Nicht länger werd' ich durch Äonen
In öder Größe einsam wohnen,
Das Unerforschte in der Brust:
Ihm sei vor Cherubim und Thronen
Das Letzte, Höchste mitbewußt.

Derweil sollt ihr in Edens Garten
Seiner unbehilflichen Kindheit warten.
Ihr, die ihr Gut' und Böses kennt,
Beschützt ihn vor dem Element,
Das seinem künftigen Meister wütet.
Bis er erstarkt sich selbst behütet,
Umfitticht schirmend früh und spät
Meines Sohnes kommende Majestät.‹

Er spricht's. Der Fürst des Morgens schweigt,
Die Stirn bis in den Staub geneigt.
Sein stolzes Herz erbebt und murrt.
Wie soll er weichen der Lehmgeburt,
Er, dem die Seele brennt vor Pein,
Nicht selber Gott der Herr zu sein?
Er senkt die dunkel schattenden Lider
Ob seines Auges Flammen nieder,
Die leuchten, was der Engel denkt,
Denn durch des Auges Wechsellichter
Mit seinem höchsten Lehnsherrn spricht er,
Der nur dem Boten Rede schenkt.

Und fortan meidet er den Herrn,
Verschließt sich in seinen Morgenstern,
Daß er den nagenden Wurm der Seele
Vor seines Meisters Aug' verhehle.

 
                            III

Wenn kaum die Gipfel sich entzünden
Und die ersten Vögel das Licht verkünden,
Tritt Lilith aus dem Felsgemach
Und jubelt den trägern Gefährten wach:

›Steh, Adam, auf! die Sonne winkt,
Die Nebelgeister zerfließen,
Die irrenden, auf den Wiesen,
Wo jedes Zitterhälmchen blinkt.
Mit Perlentau und Lerchenschlag
Begrüßt uns glänzend schon der Tag.
Adam, erwach', erwache!
Häslein trinken am Bache.
Willst du mich finden
In Höhen und Gründen,
Schick' dich zum Lauf!
Adam, steh auf!‹

Der Freund hat sie vernommen
Und ist noch taumelnd gekommen.
Doch weh, wo bleibt der Liebeslohn?
Lilith, die Arge, sie ist entflohn.
So Tag für Tag das gleiche Lied:
Er tritt hervor, und sie entflieht.
Im Rohrgebreite bei Sumpf und Bach
Verbirgt sie sich und hetzt ihn nach.
Im Bergwald unterm Dach der Buchen,
Durch Dorn und Dickicht muß er suchen.
Lilith! ruft er wohl hundertmal,
Ruft ihren Namen in jedes Tal,
Breitet die Arme in leeren Raum.
Kywitt! erwidert's aus dem Baum.
Dort sitzt ein Vogel und spottet sein.
Voll Zorn ergreift er einen Stein,
Und wie das Tierlein ihm entsaust,
Entwurzelt er mit grimmer Faust
Das Bäumlein, drin es sang und saß,
Dann wirft er weinend sich ins Gras.

Doch sieh, ein Schatten breit und schräg
Fällt ihm von oben übern Weg,
Und vor ihm steht im Morgenrote
Sankt Gabriel, der Himmelsbote:

›Mich schickt die höchste Majestät,
Wie's unsrem lieben Menschenpaare geht.‹

Da klagt ihm Adam seine Pein:
›Möcht' lieber nicht erschaffen sein.
Habe ein lebendes Fieber zur Seite,
Immer ist Lilith mit mir im Streite.
Das ist ein Hetzen, eine Qual,
Ein Durch-die-Wälder-Rennen,
Seit uns der Herr befahl,
Ein jeglich Ding zu kennen
Und mit Namen zu benennen:
Den Löwen, den Büffel, den Bär,
Der Blumen tausendfältiges Heer.
Und selbst die Sterne
In Himmelsferne,
Ja, lach' nur, sie sind uns auch vertraut,
Der Aldebaran und Fomalhaud,
So viel in den Weg uns kamen.
Zwar mir ist die Zunge schwer,
Ihr aber fliegen sie zu, die Namen,
Weiß Gott woher.‹

Spricht jener:
                        ›Nach des Herren Rat
Lebt unsereins im Zölibat,
Doch solch ein keck und witzig Weib
Wär' mir der liebste Zeitvertreib.‹

Und Adam:
                    ›Mich sollt' es ja nicht verdrießen,
Gäb's nach der Arbeit nur Ruh und Genießen.
Doch was ich auch schaffe, ihr scheint's gering,
Nie freut sie sich zweimal am gleichen Ding.
Siehst du den blauen Spiegel dort glänzen,
Sonst der Fische unendliches Reich –?
Wir brachen kühnlich in ihre Grenzen,
Er ist unser, wir sind den Fischen gleich!
Teilen mit starken Armen die Flut,
Sie hebt uns und wiegt uns und trägt uns gut.
Wir schwimmen und tauchen wie Schwäne stolz,
Höhlten uns Kähne aus Fichtenholz
Und kündeten's aller Schöpfung an,
Daß das Wasser dem Menschen untertan.
Doch Lilith sagt mir keinen Dank,
Glaub' ich mich fertig, gibt es Zank.
Kaum daß ich Fisch ward ihr zuliebe,
Tät's not, daß ich die Wolken schiebe,
Und morgen sollt' ich Vogel sein.
So launisch gibt's der Traum ihr ein.
Denn auch im Schlaf hat sie nicht Ruh,
Ich hör' ihr halbe Nächte zu.
Das ist ein endlos Fabelweben,
In Gespinsten ein Auf- und Niederschweben,
Bis mir die Wimpern fallen,
Hör' ich sie träumend lallen
Von niegesehnen Dingen.
Drum band ich ihr die Schwingen
Mit einem Goldhaar stark und lang,
Daß sie mir nicht entfliege,
Sich über Wolken wiege,
Wie's oft ihr Mund mir sang.
Und beim Erwachen beb' ich,
In ewiger Unruh' leb' ich,
Ob sie nicht doch entsprang.
Wenn ich in den Arm sie schließe,
Bangt mir, daß sie zerfließe.
In solcher bittersüßen Qual
Gewinn' und verlier' ich sie hundertmal.
Und wie sie mich entzündet,
Ist alles ihr verbündet.
Der Löwe wedelt ihr im Busch,
In Ried und Rusch,
In Sumpf und Röhrig
Ihr alles hörig!
Die Schlange, die sich giftig ringelt,
Hält kosend ihren Leib umzingelt,
Und ziehen wir die feuchte Bahn,
Kommen die Fische und glotzen sie an.
Ich möchte sie hassen,
Doch wie sie mich quält,
Ich kann sie nicht lassen.
Es ist, als ob die Blumen erblassen,
Wenn Lilith fehlt.
Ob ohne sie, ob ihr vereinigt,
Bin ich gepeinigt.‹

Wie er so klagt in Groll und Weh,
Kommt Lilith strahlend von der Höh',
Von Rosen einen vollen runden
Kranz um die leuchtende Stirn gewunden,
Und ihres Goldhaars Flammenmeer
Fliegt wie ein Mantel hinterher.
Lange schwankende Blumenbetten
Schlagen um ihre Glieder,
So über Hängen und Rasenbetten
Taucht sie singend hernieder.
Von Düften wogt's um ihren Schritt,
Ein Schwarm von Faltern flattert mit.
Wie sie den Boten des Herrn erblickt,
Mit gekreuzten Armen sie sich bückt
Und streut die Rosen ihm zu Füßen,
Den Gast mit Düften zu begrüßen,
Den irdische Speise nicht erquickt.
Doch Adam sieht schon feindlich kalt,
Weil ihm der erste Gruß nicht galt,
Die Blumenlast auf ihrem Arm,
Die er nicht pflückte, schafft ihm Harm.

Der Engel spricht:
                                ›Betörter du,
Dir gesellte der Herr die Freundin zu,
Daß sie dich gern Beharrenden,
Im eignen Ich Erstarrenden
Aufrüttle aus träger Selbstsucht Ruh,
Doch ihres Leibes Wonnebecher
Gab er zum Tröster und Sorgenbrecher.
Schuf er nicht eins zu des andern Heil?
Eitel sind deine Klagen.
Welches der beßre, der schlimmere Teil,
Sollst du nicht fragen.
Sie tut, wozu der Herr sie schuf,
Folg' du so willig seinem Ruf!‹

Er schwindet pfeilschnell, doch sein Wort
Verhallt vor taubem Ohre dort.
Kaum will sich Lilith schmeichelnd nahn,
Faucht sie der Finstre grimmig an,
Zerreißt der Blumenketten Tand
Und stampft ihn knirschend in den Sand.
Gleich brennt die Zwietracht lichterloh:
›Nur dir entweichend werd' ich froh.‹
›Ich weiß, drum flieh' ich weit von hier.‹
›So sei's, noch heute scheiden wir.‹

Und auseinander stieben beide,
Und beiden bricht das Herz vor Leide.
Sie flieht zum Bach, zum Felsen er,
Dort starrt ein jedes hoffnungsleer.
Ihr Tal, das Mandelblüten streut,
Scheint eine grausige Wüste heut.
Doch schon macht Adam den Nacken krumm,
Und Lilith sieht sich zögernd um,
Bis Aug' dem Aug' begegnet
Und ihre Füße, von selbst gehoben,
Sie willenlos zusammenschoben,
Bis sie mit Urgewalten
Sich klammernd fassen und halten
Und es Küsse wie Feuer vom Himmel regnet.

›Vergib mir‹, spricht er in sanftem Ton,
›Ich bin der Erde rauhster Sohn.
Du kannst's nicht fassen, lichter Geist,
Wenn mich das Tier im Busen reißt.
Gern sühn' ich, was ich Böses tat:
Für Rosen, die ich dir zertrat,
Brech' ich Rubinen aus dem Stein,
Sind Rosen von unvergänglichem Schein.
Spangen und Ketten von Golde rein
Schmied' ich in wallender Lohe
Zum Schmuck für dich, du Hohe.
Und mehr noch dacht' ich für dich aus:
Ich will dir bauen ein steinern Haus,
Säulen, die tragen und stützen,
Wände, die bergen und schützen,
Und aus den Säulen, den Gebälken
Blätter und Blumen, die nie verwelken.‹

Spricht Lilith:
                        ›Dein Arm, der mich umfaßt,
Ist süßer als Spangen und Goldeslast,
Dein Herz ist Herberg mir und Haus,
Da schlaf' ich allen Kummer aus:
Doch schmiede nur und blas die Glut
Und hau den Stein und baue gut.
Wenn dir der Geist nach Taten wallt,
Wird meine Liebe nimmer kalt.‹

So Brust an Brust und Knie an Knie
Fest angeschlossen atmen sie.
Aus Tränen, die ihr Aug' geweint,
Und Liebesglanz, der drüber scheint,
Baut farbig sich und reingezogen
Ob ihren Häuptern der Friedensbogen.

 
                              IV

Mittsommerstille auf glühender Flur,
Im Mittagsschlafe träumt Natur,
Kein Lufthauch regt der Erde falbes Kleid,
Da liegst du, Adam, im Getreid,
Ein Bein gestreckt, das andre hochgezogen,
Den linken Arm ums Haupt gebogen,
Ein Bild des Friedens ganz und gar,
In Wohlsein aufgelöst und schnarchst sogar.

's ist eine Schwäche, die ihm blieb:
Die Scholle, die ihn schuf, ist ihm zu lieb.
Er bettet gern sich längelang hinein,
Läßt alle Sorgen Gottes sein.
Doch so auch irrt sein Geist um Lilith her.
Lila Lilitno! lallt er zungenschwer.

Da läuft ein Wallen durchs entschlafne Gold,
Und aus den Ähren schlangenhaft gerollt
Taucht Sammael:
                              ›Ha, des willkommnen Falls!
Find' ich ihn so, den künftigen Herrn des Alls!
Jauchzt, Elohim, wie er in Schlafes Hut
Ganz Majestät, ganz Götterwürde ruht.
So recht! Er lallt, der Erbe des Befehls.
Ja, werde du Gebieter Sammaels!
Und doch, so tierisch sich das Tier gebärde,
Ihn hebt noch Lilith von der Erde,
Sie, die zu meiden schwor die Wolkenwelt,
Bis ihrem Flug der seine sich gesellt.
Ein Flügelpaar liegt auf dem Amboß schon,
Mißglückt zwar – Spatz und Sperber sieht's mit Hohn:
Schwungfedern lahm, das Ganze plump erdacht,
Doch er versucht's und sucht, bis er's vollbracht.
Und hat er erst erprobt des Vogels Glück,
Zieht ihn die Erde schwerer mehr zurück.
Jetzt gilt's, bevor er siegt, ihn zu beschleichen,
Sein hohes Ziel, er soll es nie erreichen!
Jetzt, Sammael, mach' du dein Meisterstück.

Gebricht mir auch die rechte Schöpferkraft,
Ich hab' gesehen, wie der Töpfer schafft.
Viel Püppchen formt' ich mir aus Wachs und Ton
Mit allen Reizen der Verführung schon.
Umsonst, der Atem fehlt, der sie beseele.
Ich weiß nicht, wie man Stoff und Hauch vermähle.
Erlaube denn, Freund Adam, einen Scherz,
Ich bin behend und mach' dir keinen Schmerz.
Die Rippe hier, wie sie sich mächtig strengt,
Vom aufgehobnen Arm hervorgedrängt,
Ich nehm' sie weg, das Fleisch ersetzt sie schnell,
Und bilde draus das zierlichste Gestell.
Sie grad zu biegen, fordert Müh und Kunst,
Das Krumme bleibt wohl stets in ihrer Gunst.
Noch mehr geknetet! – Prall und drall der Leib!
Da wär' sie denn. Ganz schön – das neue Weib.
Den Atem bringt sie mit aus Adams Haus,
Hier leg' ich's hin, die Sonne brütet's aus. –
Nur eines fehlt, ein Fehler und ein Glück:
Kein Hirn in diesem zarten Rippenstück!
Um desto leichter wird sie ihn bezwingen.
Wohlauf, sie atmet schon! Nun mög's gelingen.‹

Das Feld liegt stille wie zuvor
Und träumt, als wäre nichts geschehen,
Nur leis noch spricht das Flüsterrohr
Von dem, was es gesehen.

Still lauschend wie auf ferne Klänge
In ihres Schleiers Duftgepränge
Kommt Lilith über die Felsenhänge.
Jetzt eben traf ein Ton ihr Ohr,
Ein halb vernommner aus dem Sphärenchor.
Wie war es, wie? O töne wieder!
Da oben braust ein Lied der Lieder
Unfaßbar fern ob ihrem Haupt.
Verklang es? Ist ihr Ohr ihm schon ertaubt?
Oft lauscht sie so in Mitternächten,
Wenn die Gestirne ihren Halbkranz flechten,
Dem Mond, der tönend über die Hügel steigt.
Er tönt ihr, ja! Mit seinem Strahl
Stiehlt sich ein süßer Harfenklang zu Tal,
Der ihr die Seele schmeichelnd küßt und schweigt.
Dann fällt's wie Tropfen groß und leise
Aus der Planeten brüderlichem Kreise,
Der wie ein Strom nach West hinunterschwillt.
Und Lilith regungslos am Rand
Des Lagers sitzt sie festgebannt,
Bis sie der Freund erwachend Törin schilt.
Denn nie, so tief die Nächte schweigen,
Vernimmt sein Ohr den Sternenreigen,
Der auch zu ihr als seltnes Glück nur quillt.
Heut aber ist ihr Sinn erschlossen,
In Strömen kommt's herabgeflossen:
Aus Mittagsgluten im Zenit
Singt mächtig heut die Sonne selber mit.
Oh hoch und höher sich zu schwingen,
Den niedern Dunstkreis zu durchdringen,
Sie nah zu hören und mitzusingen!
Und wozu sind die Flügel ihr gegeben?
Was will das mächtige Aufwärtsziehn?
Hat ihr's der Schöpfer nicht verliehn,
Zum tönenden Weltenlicht zu schweben?
Doch nicht allein will sie sich heben,
Nicht ohne ihn, nicht ohne ihn!
Der, was er wollen kann, vermag,
Tut bald mit ihr den ersten Flügelschlag.

Ob droben sich das Wort enthüllt,
Das hinterm Vorhang ihr verborgen
Erscholl an jenem Weltenmorgen
Und unverstanden ihre Seele füllt?
Oft kehrt's im Traum ihr wie ein Blitz,
Ein übermenschlicher Besitz,
Doch eh sie's wach erhaschen konnte,
Zerfließt's zu Nebelungestalt
Und flieht zum fernsten Horizonte,
Wo's wolkengleich zurück zum Äther wallt.
Das Wort, drin Anfang sich und Ende spiegelt,
Wird, was es birgt, dem ahnenden Geist entsiegelt,
Wenn's jauchzend aus dem Chor der Sterne schallt?

Blick' um dich, Lilith, Träumerin!
Was sucht dein Aug' am Himmelsbogen?
Sieh nach der irdischen Wohnstatt hin,
Welch fremder Vogel zugeflogen.
Sitzt im Olivenschatten nicht
Ein nacktes Weib, das sich die Haare flicht?
Ihr Aug' ist dämmernd aufgeschlagen,
Noch von dem Schlaf des Nichts erfüllt.
Heran tritt Lilith, halb mit Zagen:
›Wer bist du, fremdes Frauenbild?‹
Doch jene starrt verwirrt ins Leere.
›Steh auf, ich reich' dir meine Hand.‹
Die schweigt, und bleiern dumpfe Schwere
Hält sie am Boden festgebannt.

Da läßt sich Lilith bei ihr nieder.
›Wie kalt und starr sind deine Glieder!
Ein Schauer läuft von dir auf mich.
Mein Herz erbebt, wenn ich dich sehe,
Als wär' ich in des Unglücks Nähe.
Wie dir die Lebensfarbe wich!
Du frierst, nimm meine Schleierhülle.
Erschrakst du vor des Leun Gebrülle,
Vorm Schakal, der vorüberstrich?
Sag', Arme, sag', was dich beschlich?‹

Verlorne Müh'! Der Fremden Mund
Tut weder Furcht noch Freude kund.
Noch immer aus des Nichtseins Schoß
Aufstiert ihr Auge fremd und wesenlos.
Nur in des Schleiers bunt Geschmiege
Wühlt ihre Hand sich tastend ein,
Und über die dämmerschweren Züge
Gleitet des ersten Lächelns Schein.
Doch wie sie das Geweb berührt,
Zerfließt es wie in Luft entführt.

Des Lichtes Tochter sieht's mit Schrecken
Und eilt, den schlafenden Mann zu wecken.
›Sieh, Liebster, was am Rain hier sitzt,
Ein Ding aus Fleisch und Bein geschnitzt.
Lebendig scheint's, es regt sich matt,
Doch graut mir, ob es eine Seele hat.‹

›Wie innig rührt mich dies Erscheinen,‹
Spricht Adam zu dem Weib gebeugt,
›Als wär' es Bein von meinen Beinen
Und Fleisch aus meinem Fleisch gezeugt.‹

Vor seinem Blick, vor seinem Gruß
Zittert das Bildnis von Kopf zu Fuß,
Ihr Auge fängt am seinen Licht,
Ihre Lippe bebt, doch redet nicht.
Mit Gliedern, Pulsen, die erwarmen,
Löst sie sich leis aus Liliths Armen,
Sinkt vor dem Manne auf die Knie,
Zu ihm die Hände breitend betet sie.

Er staunt, er dringt in sie mit Fragen:
›Wer bist du, Weib, woher verschlagen?‹
Gehorsam findet sie das Wort:
›Ich weiß von nichts als diesem Ort.‹
›Dein Wesen aber, laß mich's wissen.‹
›Kein Wesen, leb' mir selbst entrissen.
Ich bin ein Teil, der losgetrennt
Sich seinem Ganzen zu vereinen brennt.‹
›Doch was gebot der Herr dir, sprich!‹
›Ich kenne keinen Herrn als dich.
Du mein Gebieter, der du Erde
Und Himmel hältst mit Machtgebärde,
Vor dessen Blick die Blumen sprießen,
Dem alle Ströme sich ergießen,
Der Sonne weisest du die Bahn,
Dir zittert deine Magd und betet an.‹

Das rieselt Adam durchs Gebein:
›Das Weib muß holden Sinnes sein,
Von ihren Lippen Süße quillt,
Wie Honig aus duftender Wabe schwillt.‹

Doch Lilith zieht sie stracks empor:
›Du Arme, die ihr Licht verlor,
Es ist nicht Gott, zu dem du flehst,
Der Mensch ist's, der im Leibe west,
Mein Gatte, freundlich dir und gut.
Drum zittre nicht, sei wohlgemut.
Ich will mit Manna dich laben,
Sollst Trank und Obdach haben.
Bis du dir selber helfen kannst,
Erfahre, daß du Schutz und Schirm gewannst.‹

O Lilith, Lilith, vernimmst die Sphären,
Daß so die Weisheit dir gebricht!
Die Schlange magst am Busen nähren,
Das Ding aus Adams Rippe nicht.
Da geht sie hin, und hold umfaßt
Führt sie ins Haus den dumpfen Gast,
Der auf die Schwelle fortgedrängt
Mit rückgekehrtem Blick am Manne hängt.

 
                                  V

Im Wald, an des brausenden Wildbachs Rand
Weht Liliths schillerndes Luftgewand.
Sie fragt die Tiere: ›Wo ist mein Glück?‹
Die Blumen: ›Kehrt es mir nie zurück?‹
Da drunten, ach, in der Liebe Haus,
Da wohnt's nicht länger, es flog hinaus.
Die Bitternis, sie schlich herein.
Wo kam sie her? Wer ließ sie ein?
Sie weiß es nicht, sie weiß nur klar:
Der Mann ist nimmer, der er war.
Der sonst so rasch und willig,
Ward träge, wechselnd, grillig.
Er geizt mit jedem guten Wort,
Starrt versunken auf einen Ort,
Er, der vor ihrem Blick zusammenschmolz,
Erzeigt sich herrisch, hart und stolz,
Und alle Freudigkeit ist fort, ist fort.
Und wie verdrossen all sein Tun!
Das Flügelpaar, voll Kunst gegliedert,
Mit starken Kielen schon befiedert,
Liegt halb vergessen in der Werkstatt nun.
Das Werkzeug rostet in der Ecke,
Nichts rückt, das er begann, vom Flecke.
Dahin der Fleiß, die emsige Geduld.
Und wes die Schuld?
Eva, das Bild, das Lilith ewig fremd,
Sie ist's, die so die Kraft ihm hemmt.
In dieser Nähe dumpf und schwer
Erkennt sich Lilith selbst nicht mehr.
Der matte Ton, des Auges Blei,
Der Züge stehendes Einerlei,
Ein Steinbild, das sie kalt durchdringt,
Ein Saitenspiel, das nur dem Manne klingt.
Denn kaum tritt der zu ihr heran,
So fängt das Bild zu leben an.
Wie sie verlangend zu ihm drängt,
An seinen Mienen wartend hängt
Und wie ein Hündlein, wenn der Herr es trat,
Mit Wedeln immer neu sich naht.
Ihr feuchter Blick, der Liebe wirbt,
Ihre Stimme, die wie Heimchen zirpt!

Da drunten duldet's Lilith nimmer.
Sie läßt der Ebne Saatenschimmer
Und der Zikade Sonnenlied,
Das trunkene, hinter sich und flieht.
Zur Höhe flieht sie dorngetrieben,
Schnell ist der Wald zurückgeblieben,
Sie sieht nicht, wie sie steiler klimmt,
Daß das Gewild schon traurig Abschied nimmt.
Noch höher stets, wo auch die Kiefer
Ihr nicht mehr folgt, wo tief und tiefer
Die Wohnstatt ihres Leids versinkt,
Wo sich das Zackenhaupt, das wilde,
Aufreckt in Ätherduftgefilde
Und reinster Kälte Himmelsodem trinkt.
Der Sonne Glutpfeil strahlt, doch sengt nicht mehr.
Bergstille schreckhaft, übermenschlich hehr.
An Felsenzinken schroff und schauerlich
Fängt und zerfetzt ihr Schleier sich,
Er bleibt zurück, sie achtet's kann.,
Farbige Wölkchen aus Schaum und Traum.
Noch weiter aufwärts. Drunten klein, wie klein,
Das Haus und mit ihm ihre Seelenpein.
O ständst du, Adam, hier an ihrer Seite,
Wie flöge, was dich kränkt, ins Weite,
Dein schwüles, erdedumpfes Brüten,
Dein finstres Gegen-dich-selber-Wüten,
Sowie von ihr die Erdenschwere weicht.
Die Flüsse, Täler, Seen liegen
Gebreitet, wie um drüber hinzufliegen,
Das Weiterschreiten leicht, wie leicht.
Die Flügel, deren Band ein Stein durchschnitt,
An den sie streifte, helfen mit.
Zur Steilwand kommt sie jetzt, wo kaum
Für ihren luftigen Fußtritt Raum,
Wo gähnend sich die Schlucht hinunterwälzt,
Da schreit ein Vogel über ihr: Du fällst!
Ein Schrei, sie gleitet, stürzt, eh' sie's gedacht,
Und schließt die Augen vor der Todesnacht.
– Noch nicht zerschmettert? Ist der Weg so lang?
Hält sie die Leere fest? Und horch, ein Klang!
Sie fällt ja nicht, die Erde war's, die fiel,
Sie steigt, und Himmel, welch ein Orgelspiel!

                                    *

Der Flammenschein vom Herde wallt
Um Adams mächtige Gestalt,
Er schürt und hämmert, schweißt und lötet,
Das dunkle Antlitz von Glut gerötet.
Metalle brach er aus Felsenkammern
Und biegt zu Haften sie und Klammern,
Das Werk soll heut vollendet sein.
Die Flügel zucken schon vor Leben
Und möchten sich von selber heben,
Doch Unruh läuft ihm durchs Gebein.
Ein wirres bängliches Gewühle
Statt des Sieges freudigem Hochgefühle.
Er weiß nicht, was ihn von Lilith drängt,
An der doch all sein Leben hängt,
Daß er sich selber zum Verdruß
Sie jede Stunde kränken muß.
Sein Himmelskleinod immer neu
Und doch sich gleich, im Wechsel treu,
Sie ist's, die Fülle gießt in seine Adern,
Er weiß, er fühlt's und fährt doch fort zu hadern,
Weil hinter ihnen Eva lockt und lacht.
Wer gab der Stillen diese Macht,
Die hier am Boden hingekauert,
Mit Blicken, daß sein Fleisch erschauert,
Der mächtigen Glieder Tun bewacht?
Sie wiegt ein Lämmlein auf dem Arm
Und spricht zu ihm:
                                  ›Daß Gott erbarm!
Muß du für sie dich mühn und plagen,
Der's nie beliebt, dir Dank zu sagen,.
Hast nicht des kurzen Seins Genuß,
Wo jedes Tier ein Wonnelos erwirbt –
Es sucht sein Weibchen, baut ein Nest und stirbt –
Da solltest, Guter, du allein
Verdammt zu Ruß und Mühe sein?
So grausam ist der Schöpfer nicht,
Lilith, die Arge, nahm dich in Pflicht.
Ihr frönst du, wenn du schaffst und werkst,
Mit deiner Mühsal ihren Hochmut stärkst.
Ich wollt', sie flöge zu den Sternen,
Dann solltest du, was Glück ist, lernen,
Vergäßest alle dein Mühn und Streben,
Genössest das liebe Leibesleben,
Frei wie die Tierlein auf der Heide,
Ein Weib zu stündlich süßer Weide,
Bautest in Frieden deinen Kohl,
O wie wär' dir von Herzen wohl!‹

Da sinken ihm die Arme nieder.
Klang's nicht wie aus der eignen Brust,
Dies Lied von weidegrüner Lust?
Er seufzt, es löst ihm fast die Glieder,
Indes der Mund nur widerspricht:

›Das Glück ist Gottes Wille nicht.
Er heißt nach fernem Ziel mich jagen,
Der Stunde ihre Lust versagen,
Ihr Schweiß um Schweiß ohn' Ende weihn.
Er heißt mich gehn, den Blick erhoben,
Zu seinem Lichte, das von oben
Herabfällt nur als Zitterschein,
Ihm ewig folgen, ihm allein.
Drum schür' nicht, Weib, was in mir glüht,
Mich zu erheitern sing ein Lied
Zum Takt des Hammers, den ich schwinge.
›Hör zu, wie ich mich selbst dir singe!

Ich bin die Blume, du das Licht,
O wend' auf mich dein Angesicht!
Kehrst du von mir des Auges Schein,
Schließt sich mein Kelch und dämmert ein.
O komm!

Ich bin das Feld, das dürstend steht,
Sei Regen du, der drübergeht!
O komm mit Sturm und Hagelschlag,
Gescheh' mir, was geschehen mag!
Nur komm!

Ich bin ein Bild aus deiner Hand,
Das, Schöpfer, dir nur halb entstand.
So tu den letzten Meisterstrich,
Mach' mich zum Weib, vollende mich!
O komm!

Ach, falsch ist alles, was ich sprach,
Kein Ding auf Erden fühlt mir nach.
Ich bin nicht Blume, nicht Gefild,
Nicht halb noch ganzes Kunstgebild;
Nur eine Leere sehnsuchtsvoll,
Die sich mit dir erfüllen soll –
So komm!

Mit deiner Kraft umschlinge mich,
Als Feuerhauch durchdringe mich!
Ob ich zu vollem Sein ersteh',
Aus Wonneweh in nichts vergeh' –
Nur komm!‹

›Unselige, schweig! Was singst mir du
Den Krieg, vor dem ich fliehe, zu
Und weckst bedachtlos aus der Tiefe,
Was besser ewig dunkel schliefe?
Es zieht zu dir ein heimlich Neigen
Mich ruhlos hin, so schwül und eigen,
Ein dumpfer, erdenschwerer Drang,
Und macht mir weh und sterbensbang.
Nicht gleicht es dem, was ich empfand,
Als Lilith jenes Tages vor mir stand.
Als es im Jubel aller Sinne schrie:
Jetzt ward die Welt vollkommen, das ist sie!
Was in mir wühlt, muß sich in Grimm entladen,
Es treibt mich zu verletzen, treibt zu schaden –
In Trümmer schlagen möcht' ich, was mich quält,
Uns drei zu einem Untergang vermählt.

Da liegt sie schon mit Sturmsgewalt
Zu seinen Füßen hingeballt:
›Willst du mich schlagen,
Mit Wonne werd' ich's tragen,
Beglückt, wenn deine Hand mich nur berührt.
Hier liegt mein Leib, den ich dir zolle,
Du magst ihn treten wie die Scholle.
Nenn mir den Dienst, der dir gebührt.
Soll ich der Glut mich übergeben,
Für dich als Opferrauch verschweben?
Gern duld' ich, was du mir verhängst,
Nur nicht, daß du mich lebend von dir drängst.‹

Was bleibt ihm jetzt, als mit Erbarmen
Empor sie ziehn in seinen Armen?
Im Nu liegt sie um ihn geschlossen,
Ein jauchzendes verzücktes Weib,
So fest und fügsam angegossen,
Als wär's ein Glied von seinem Leib.
Und wie er kaum die Schlingen spürt,
Er selbst sie fest und fester schnürt.
Es packt ihn wie ein Wirbelwind,
Daß er mit Küssen wild und blind
Sie anfällt und von Wut erregt
Ins blühende Fleisch die Zähne schlägt.

Doch was verdunkelt jetzt die Luft,
Was füllt das Tal mit Blumenduft?
Auf breiten Schwingen hoch vom Blau
Herniedertaucht die hehre Frau,
Die aus den Reichen lichtgedehnt
Sich liebend nach der irdischen Wohnstatt sehnt.
Ihr Auge, trunken noch vom Licht,
Wo sie verweilte, achtet's nicht,
Daß jählings aufgestaucht die beiden
Erschrockenen ihren Blick vermeiden.
Sie senkt sich, faßt am Boden Fuß,
Und Jubel ist ihr erster Gruß:

›O Adam, Freude dir und Heil
Zum Siegesteil!
Ein Glückstag ist erglommen.
Mich trug so göttlich hohe Kraft,
Ich hab' das Lied, das Welten schafft,
Vernommen.
Mit dir hör' ich's zum andernmal,
O folge mir, der himmlische Saal
Heißt uns willkommen.‹

Der starrt verworren in die Glut.
Noch zuckt sein Puls, noch kocht sein Blut,
Sein Aug' erwidert ihrem nicht,
Kaum weiß er, was sie zu ihm spricht.

›Geliebter, zürnst du meinem Flug?
O wüßtest du, wie mich's von hinnen trug,
Vernähmest du die Weltensymphonie,
Du suchtest ewig nichts als sie.
Nichts, nichts sind alle Erdenwonnen
Vor des Weltchors ewigem Freudebronnen.
Wo die Töne sich suchen und fliehen und hassen,
Sich brausend, die äthergebornen, umfassen.
Das wilde Verlangen, die rasende Lust,
Der Schmerzensschrei der verzweifelten Brust,
Erobrer, die stürmen und unterjochen,
An die Pforte des Himmels gewaltig pochen,
Bis Liebe sie löst aus dem furchtbaren Drang
Und Sonnen zerschmelzen in zitterndem Klang.
Doch wieder hebt sich's, ein Fluten und Schwellen,
Von daher, von dorther wie wachsende Wellen,
In Jubelchöre, die rauschend sich einen
Zum Siege der Wahrheit, zum Preise des Einen.
Komm, folge mir, Liebster, uns rufen die Sonnen,
Die Wahrheit schenken aus ewigem Bronnen.‹

Doch Eva zischt:
                              ›Das frommt dir schlecht,
Wenn sie dich hält, so bleibst du Knecht.‹

Da wandeln des Beklommenen Nöte
Mit einmal sich in Zornesröte:
›Du tatest, was ich dir verbot,
Hinweg von mir!‹ Sein Auge droht.
›Wie, Adam, sprichst du so zu mir?
Nicht Herrn und Mägde gibt es hier,
Nur Einen, dem wir alle dienen,
Er rief mich, und ich bin erschienen.‹

›O hörst du, hörst du, wie sie pocht!‹
Ruft jene, der's im Busen kocht.
›Heut sollst du am Triumph dich letzen,
Ihr den Fuß auf den Nacken setzen.‹

›Der Herr bin ich. Zum Königssitz
Ward mir die Welt, ich schwinge den Blitz,
Der ich aus Stein den Funken schlug,
Mein ist die Macht, und mir gehorcht, wer klug.‹

›Mein Gatte, mir gesellt vom Herrn,
Mit dir zu rechten sei mir fern.
Ich hörte die Wahrheit in Sternenchören,
Kein irdischer Mißklang darf mich stören.
Tu mir nur eins: die Puppe dort,
Die seelenlose, schick' sie fort!
Von ihr nur kommt uns alles Weh,
Ich atme nicht, wenn ich sie um dich seh'.‹

›Von ihr mich trennen, nimmer, nein!
Ich lieb' sie, wie mein Fleisch und Bein,
Die selbst zum Atmen mein bedarf,
Ihr ganzes Sein zu meinen Füßen warf.‹

Laut jubelt Eva. Lilith bebt,
Sie sieht's: das Glück hat ausgelebt,
Und kann und kann es doch nicht fassen
Und will, was sie geliebt, nicht lassen.
Noch einmal ruft sie ihn zurück:

›O denk' an unser erstes Glück,
Denk', Adam, an die Veilchengrotte!‹
Doch die umschlingt ihn ihr zum Spotte,
Dazwischenrufend: ›Hör' sie nicht,
Du bist verloren, wenn sie spricht.‹

Und er im Wahn, mit blinden Hieben,
Haut in die Glut, daß Flammen stieben,
Zerschlägt, zertrümmert Liliths Freude,
Seiner Flügel leuchtendes Goldgeschmeide.
Da zeugt ihm Evas Jubelschrei,
Daß er ihr und der Erde verfallen sei.
Doch kaum, daß er die Tat getan,
Starrt er voll Schrecken Lilith an:
Sie ist's nicht mehr! Ein fremd und wild,
Ein übermenschliches Gebild,
Das hoch aufwächst, den Nacken strammt,
Ihr blaues Aug wird schwarz und flammt,
Ihr Goldhaar hebt sich, knistert, glüht,
Ein Wellenschlag, ein feuergelber,
Von Funken steht sie rot umsprüht,
Die Flügel spreizen sich von selber;
Verwandelt, furchtbar scheint sie ihm,
Schwester der flammenden Cherubim.

Vorbei das schreckliche Gesicht!
Sie ist es wieder, schön und licht
Wie in der Liebe Maientagen,
Nur blaß, von Weh und Angst geschlagen.
Dem Mund, der sonst ihm Wonnen schuf,
Entflieht ein jammernder Abschiedsruf:

›Adam, fahr wohl. Ein Sturmwind reißt
Mich weg. Weh, das ist Gottes Geist.
Was tatst du, ach! Es ist geschehn!
Auf Nimmer- Nimmer- Nimmersehn!‹

—   —   —   —   —   —   —   —   —   —

Lang' starrt er nach. Das rosige Flöckchen dort,
Das sich mit Purpur färbt und Violett
Im Sonnenuntergang, ist es noch Lilith?
Ist es ihr Schleier? Ist es eine Wolke?
Jetzt ist's zerflossen. Lilith ist dahin.
Und jetzt vernimmt er's deutlich erst im Ohr:

›Adam, fahr wohl, es ist geschehn –
Auf Nimmer- Nimmer- Nimmersehn!‹

Sein Jugendglück dahin! Und hier in Stücken,
Was er, dem Staub sich zu entrücken,
Voll Liebe schuf. Doch aus der Reu'
Und Scham erwächst der Zorn ihm neu.
Er reißt vom Herd die Feuerbrände,
Entzündet wütend Dach und Wände,
Zerstört, was sein.

                                ›Fort, fort den Tand!
Verflucht sei all das Mühn und Streben,
Ein Baum genügt, um drauf zu leben!‹
Und Eva hilft mit flinker Hand.
Das Saitenspiel, das kunstverschönte,
Das oft von Liliths Fingern tönte,
Zerkracht und wimmert lang noch fort
Wie Todesschrei, Gewalt und Mord.
Es weckt ein Echo aus der Stille:
Mit Zornesschnauben, Wehgeschrille
Erbraust ein plötzlicher Orkan
Und facht die Flamme tobend an.
Vom Giebel prasselt hell die Lohe
Und wirft sich seitwärts, wo der hohe
Olivenwald mit Öl sie tränkt
Und ihre Flaggen bergan schwenkt.
Die beiden fliehn in Schuld und Schmach,
Doch leckend rast das Feuer nach,
Wohin sein heißer Odem weht,
Verschrumpft und dorrt, was grünend steht.
Und, grausenvoll! aus jedem Stamme
Bricht züngelnd eine innre Flamme.
Die Waldung stürzt, und roter Schein
Hüllt Edens weite Fluren ein.
Die Wächter am Tor zusammen reden:
›Sinkt heute keine Nacht auf Eden?‹
Doch an der Wiese fernstem Saum
Steht einsam ein Wacholderbaum,
Wo Sammael, vom Schein umgleißt,
Das flüchtige Paar willkommen heißt,
Das dort von Brand und Brunst erregt
Sich hergetaumelt niederlegt.
Er lacht von oben ihrem Bunde:
›Gesegn' euch diese Schäferstunde!
Du Eva, meines Geistes Kind,
Vollziehst getreulich, was mein Haß ihm sinnt,
Daß, wo ihm Lilith durch ihr hold Gewähren
Den Frieden gab, draus Schaffenswonne fließt,
Du schwer und schwerer durch dein dumpf Begehren
Zum Staub, dem er sich kaum entrungen, ziehst.
Du wirst fruchtbar sein und dich mehren,
Aber keinen Halbgott gebären.
Und er aus leerem Sinnenglück
Fällt an die Erde, draus er stammt, zurück.
Genießet denn und nehmt mein Wort dazu:
Vor euren Erben hab' ich Ruh.

Jetzt wird es still. Der Brand verlodert fern,
Vom Himmel fällt der schönste Stern.
Nur der gefallene Engel wacht
Über der frevelnden Hochzeitsnacht.

                                 VI

Aus schwerem, sinnenschwülem Traum
Hebt Adam sich mit dürrem Gaum,
Er seufzt, er fühlt wie Blei die Glieder,
Nach Lilith sucht er, eh er sein bewußt,
Da fällt ein Alp ihm auf die Brust:
Jetzt weiß er wieder!
Und die Zerstörung! Schutt und Graus!
Dort, wo die Trümmer rauchen, stand sein Haus.
Das Viereck war die Feuerstätte,
Dort stand die Bank und hier das Bette,
Wo sich der Boden tiefer schwärzt,
Die Werkstatt – alles ausgemerzt.
Im Felde, wo die Feuergarben
Die Hoffnung dieses Herbsts verdarben,
Da floh zu Nacht – ein schaurig Bild! –
Das Weidvieh mit des Waldes Wild
Erschreckt auf einem Punkt zusammen
Und warf sich brüllend in die Flammen.
Das Feld, wo sie im Schutt verkohlen,
Verpestet die Luft und sengt die Sohlen
Und trägt ihm keine Früchte mehr.

Zu spät zur Reue. Öd' und leer
Ist auch sein Herz, das ausgebrannte,
Aus dem er Liliths Bild verbannte,
Die Jugend schied und kehrt ihm nie.

Und wo ist Eva? Ging auch sie?
Soll er allein bei Schutt und Grausen
Auf qualmender Trümmerstätte hausen?
Doch nein, dort aus des Tales Grund
Kommt sie mit heitrem Aug' und Mund.
Nach Nahrung ging sie früh hinaus,
Weil aller Mais des Feuers Schmaus,
Die Manna ist im Brand verdorrt,
Des Brotbaums Segen auch ist fort,
Doch fröhlich schwenkt sie zu ihm her
Eine reife Goldfrucht groß und schwer.
Wie voll das Weib zur Nacht erblühte!
Ihr Lächeln sänftigt sein Gemüte,
Wie Sonnenschein der trübern Zone,
Der matt erhellt und nicht verklärt,
Willkommen doch des Nebels Sohne,
Der Fülle reinsten Tags entbehrt.
›Nun lobe mich‹, ruft sie von ferne,
›Wie müh' ich mich für dich so gerne,
Daß keine Labe dir gebricht.‹
›Woher die Frucht? Die kenn' ich nicht.‹
›Mußt du, Gebieter, alles wissen?
Die Freundin gab den seltnen Bissen.‹
›Wer gab ihn dir?‹

                                ›Nun ja, die lange,
Die süßlich lispelnde – die Schlange,
Die oft mir Freundschaft schon erwies
Und mich geführt durchs Paradies,
Denn viel bin ich umhergestrichen,
Hab' alle Pfade abgeglichen
Und weiß Bescheid, mehr als du denkst.
Drum fand ich heut von selbst die Richtung.
Zwei Bäume stehn – ich weiß es längst –
Im tiefsten Hain auf einer Lichtung,
Geschützt vom dornigsten Geheg,
Die Schlange zeigte mir den Weg.
Der eine würzig, grau wie Staub,
Zypressengleich mit ernstem Laub,
Wer sein genießt, wird ewig leben;
Ein andrer aber grünt daneben –‹
›Ich weiß. Auf ewig ist verflucht,
Wer naschen geht von seiner Frucht,
Sie ist der Engel Speise nur,
Verboten sterblicher Kreatur.‹
›Um das Verbot sei dir nicht bange,
Die Frucht ist köstlich süßer Art.
Das Wissen sei's, so sagt die Schlange,
Ich hab's für dich am Mund gespart.
Da nimm und iß, es wird dich laben,
Wirst alles, was du suchtest, in dir haben,
Ich hab' nach Wissen kein Begehr,
Und jede Beere labt mich mehr.‹

Sein Gaumen lechzt, so greift er zu
Und ißt. Doch weh, ihn faßt's im Nu.
Sein Aug' ist plötzlich aufgetan,
Er sieht sich selbst und die Gefährtin an.
Wie ihn die Scham, der Schauder packt!
›Ich bin ja nackt! Ich bin ja nackt!
Und du wie ich! Die weiße Haut!
Ein Anblick schamlos, daß mir graut.
Komm, komm, daß wir in Busch und Hecken,
Im tiefsten Walde uns verstecken,
Daß uns der Tag nicht länger schaut.‹
›Weh mir, was ist es, das dir fehlt?
Du blickst, als wolltest du mich morden?
Sind unsre Glieder unrein worden?
Sind's unsre Wonnen, was dich quält?‹
›O schweige, schweig, ich will dich schonen,
Bleib du in deiner Dumpfheit wohnen,
Mir ward Erkenntnis furchtbar hell,
Wie unsre Nacktheit weiß und grell,
Das hat mich malmend überkommen,
Auf ewig alles Glück genommen.

He, du behaarter Waldgesell!
Daher! mich juckt nach deinem Fell.
Gib willig her, sonst muß ich's holen.‹

Der Affe macht sich auf die Sohlen,
Der Mensch in Sprüngen setzt ihm nach,
Den Ast hochschwingend, den er brach,
Voll Gier, daß er ihn streck' und häute,
Das blutige Kleid für sich erbeute.
Die Augen rollt er, Schaum vorm Munde,
Und gräßlich brüllt's aus seinem Schlunde,
Das Tier scheint minder Tier als er.
Eva verzweifelt ringt die Hände,
Daß ihren Herrn der Wahnsinn schände,
Dann rast sie schreiend hinterher.
Hin geht die Jagd, bis tief im Wald
Das dreifache Geschrei verhallt.

                        *

Aus den schwimmenden Wolkenfähren
Blickt ein trauerndes Verklären,
Aug' an Aug' manch treuer Hirte,
Weinend, daß der Mensch verirrte.
›Weh, er sitzt in bösem Traume,
Weil er vom verbotnen Baume
Hat Erkenntnisfrucht genossen,
Statt zu wirken unverdrossen.
Düster starrend, trüb versonnen,
Dicht in graues Netz versponnen,
Ohne Wünschen, ohne Hoffen
Sitzt er, keinem Lichtstrahl offen,
Keinem Tagewerk verpflichtet,
Einwärts nur den Blick gerichtet.
Weh, was kann Erkenntnis frommen
Dem, der nicht die Höh' erklommen!
– Mann des Unglücks, ihm zur Seite
Sitzet, die er frevelnd freite,
Die in dumpfem Sinn befangen
Nicht versteht, was sie begangen.
Eins nur denkend, eins nur fühlend,
Glimmende Begier durchwühlend,
Ob sie aus gestriger Freuden Asche
Heut ein Fünkchen Lust erhasche.
Die Zertrümmerer von Eden,
Hört ihr, hört ihr, was sie reden?
Spricht das Weib: Warum mit Grübeln
Über selbsterfundnen Übeln
Geht der Tag des Glücks zur Neige?
Doch er stöhnt nur: Schweige, schweige.
– Seht den Wetterschein im Klaren!
Jahve kommt herabgefahren,
Dessen Hauch erschafft, vernichtet.
Weh, nun wird der Mensch gerichtet,
Brüder, flieht, nun büßt er alles.
Seid nicht Zeugen seines Falles!‹

Noch sitzt umfriedet vom heiligen Hag
Der Friedelose beim sinkenden Tag,
Am Ort, den die rasende Flamme verschont,
Wo Jahves heiliger Schauer wohnt.
Hier aus den qualmenden Wüstenein
Mit der Schuldgenossin fand er sich ein,
Den der Wahnsinn durch Busch und Wälder gehetzt,
Unterm Baume des Wissens rastet er jetzt.
Und oben im Stamme wie blanker Stahl
Sonnt sich die Schlange im Abendstrahl.

Jetzt hebt sich ein Säuseln, ein Schwirren und Wittern,
Die Krone neigt sich, die Blätter erzittern,
Es bebt durch die Lüfte ein stummes Erwarten:
Abendlich wandelt der Herr durch den Garten.
›Adam, wo bist du?‹

                                    Der Mensch erschrickt,
Wo er stumm brütend eingenickt.
Sonst, wenn des Meisters Ruf erscholl,
Lief er hinzu, der Freude voll.
Heut birgt er sich im Strauch beklommen:
›Ich bin ja bloß, ich kann nicht kommen,
Das Tier hat mir sein Fell versagt.
Nur einen Schurz für meine Lenden
Wollte der Feigenbaum mir spenden.‹
›Wer sagte dir's, du seiest nackt?‹
›Herr, Lilith tat mir Schimpf und Schande.
Sie nahm die rosigen Duftgewande,
Die unser waren, mit und floh.
Nie ohne diese werd' ich froh.
Da richte du: die Hüllen Stück für Stück,
Die unersetzlichen, gebe sie zurück:
Der bunte Schein, der war das Glück.‹
›Er war's. Der Schein, der alles schön gemacht,
War ihr und ihren Kindern zugedacht.
Der Schleier, der sich hold um Lilith flicht,
Haftet auf Evas Blöße nicht.
Das Himmelsbild, das cherubimverwandte,
Das ich zum Staub, zu dir hinuntersandte,
Als einziges Gut ihr diesen Schleier gab
Und deine Treue ihr zum Stab –
Sie gabst du hin, die dieses Kleinod hielt,
Und hast der Menschheit Erbe mit verspielt.‹
›Bist du der Herr, was ließest du's geschehn?‹
›Soll dir, Geschöpf, der Schöpfer Rede stehn?
Ich schuf dich frei, das Böse hindr' ich nicht.
Doch wie's geschieht, ich ruf's vor mein Gericht.
Dir standen alle Wege offen,
Du hast die Wahl des schlechtesten getroffen.
Die Liebe wollt' ich dir zum Gefieder,
Dich aber zog sie zum Staube nieder.
Wer von der ersten Liebe ließ
Und Liliths Gaben von sich stieß,
Damit er Evas Gunst erwerbe,
Verdient, daß sein Geschlecht verderbe.
Doch Lilith hat für dich gebeten,
Drum will ich dich nicht ganz zertreten.
Dich rettend schafft dir mein Gebot
Eine neue Treiberin: die Not.
Verwüstet hast du Edens Garten
Und kannst nicht länger seiner warten.
Ich geb' dir Sitz auf rauhrer Stätte,
Nicht wandelst du fürder auf Rasenglätte,
Am Pfluge schaff den Deinen Brot.
Den Fluch leg' ich auf deine Plage,
Daß dein Acker dir Dornen und Disteln trage!
Benetze mit Schweiß den Hungerbissen,
Und Mühsal sei dein Schlummerkissen.
Um dich, als Erbe deiner Mühn,
Soll rauhe Kindersaat erblühn,
Denn Evas Schoß, mit Fluch geschlagen,
Wird einen Brudermörder tragen,
In dieser Frevelnacht gezeugt,
Den Blut der Mitgeschöpfe säugt.
Der wird der Menschheit Vater werden,
Aus ihm verbreitet sich auf Erden
In immer wachsendem Geflecht
Zahllos ein wölfisches Geschlecht
Aus Söhnen, Enkeln, Enkelweibern,
Das niemals Liliths Schleier sah,
Mit Fleisch genährt, der Scholle nah,
Sie düngend mit erschlagnen Leibern. –
Zuletzt nach all der Not und Pein
Wird noch dein Abschied bitter sein.
Hier wärst du schmerzlos wie im Traum
Am Ende geglitten vom Lebensbaum
Und hättst dich selber noch im Sterben
Verklärt gesehn in deinen Erben,
Die dicht sich drängend, Frucht an Frucht,
Um dich gewachsen in Edelzucht,
Dein Werk zu höherem Vollenden
Dir nähmen aus erstarrten Händen.
So sänftlich lösen sich die Bande
Des Lebens nicht im wildern Lande;
Wo Kampf um Kampf das ganze Sein durchflicht,
Naht auch der Tod mit strengem Angesicht!

Du aber, Nichtgewollte, die, mein Beet
Mit Giftkraut füllend, doch durch mich besteht,
Verderberin, unwissend Schuldige,
In Schmerz und Mühsal tief Geduldige,
Zieh du mit ihm und sei ihm untertan,
Und Mitgift bleibe dir des Mannes Wahn.
In deinem Nichts sein Alles, was ihn tröste,
Sei Rätsel stets, und weh ihm, wenn er's löste!

Und nun zu dir, der, meinem Herzen nah,
Zum Meuchelwerk geheimen Weg ersah.
Hörst du der Bruderchöre Wehgesang,
Die klagen, daß der schönste Stern zersprang?
Nicht ins Gehenna künftiger Fabeldichter
Verstoß' ich dich, du sei dir selbst der Richter,
Die Hölle schaff in deiner eignen Brust.
Im Glückzerstören fandst du deine Lust:
Das Böse sättigt nicht, drum sei verdammt,
So fortzuwüten ewig haßentflammt.
Du Stolzester, bleib du im Schlangenleib,
Im Staube kriechend bei dem Weibe bleib.
Lehr' deine Künste sie, die trügerischen,
Lehr' der gespaltenen Zunge Doppelzischen,
Lehr' sie, wie man verbundene Herzen trennt,
Das Schöne häßlich, wahr die Lüge nennt.
Wo Bruder wild den Bruder schlägt, wo Schwestern
Um Mannesliebe tödlich sich verlästern,
Wo Eide brechen, wo die Treue weint,
Da wohn' und schwelge du, dem Weib vereint.
Ihr dienend sei du Herr im Erdenkreis,
Ich geb' dir Adams ganzen Samen preis. –‹

Noch donnert's nach in ihrem Ohr,
Da stehn sie schon verwirrt am Tor,
Die Schuldigen beide, Mann und Weib,
In Felle rauh verhüllt den Leib,
Und folgen stumm der Feuerspur
Der Schlange, die zischend vorüberfuhr;
Zwei Pilger, ungleich an Gebärde,
Denn Eva brennt, in Liebe neu,
Doch Adams Stirn senkt sich zur Erde
Vor Scham ob der gebrochnen Treu'.

›Willkommen,‹ spricht er, ›jede Buße
Nach dieses Tages greuelvoller Muße,
Willkommen, harte Müh' im Tränental,
Wenn sie mich löst aus der Gedankenqual.
Komm, Schuldgenossin, die mir nah geblieben,
Zu meinem Fluch muß ich dich weiterlieben,
Denn du bist ich,
Der Teil von mir, der niederzieht zum Staube –
Die andre wich,
Die meiner Jugend Reinheit war und Glaube.
Auf ewig schließt sich hinter uns die Tür,
Du, die ich teuer zahlte, folge mir.‹

                               VII

Die Sonne, die durch Wolken scheint,
Gleicht dem Aug' der Witwe, das trübgeweint.
Sie blickt auf die Erde mit karger Glut,
Sieht der Menschen Mühsal, die nimmer ruht,
Lehmhütten sieht sie, im Feld verstreut,
Sieht den Acker, der kärgliche Früchte beut,
Und sieht in kraftvoller Jugend Schar
Einen stillen Mann mit erbleichtem Haar.
Es nährt sein Fleiß der Mäuler viele,
Denn um ihn sproßt es, Reis an Reis,
Ein rauh Geschlecht, das keine Ziele,
Nur seines Leibes Notdurft weiß.
Ein Weib daneben, grau, verschrumpft,
In Mühen und Wehen abgestumpft,
Die Glieder morsch, erschlafft die Brüste,
Vertrockneter Born der Taumellüste,
Auf der niedrigen Stirn das Sklavenmal,
Ahnfrau der Menschheit, welk und fahl.
Ihr Sinn, dem nächsten nur erschlossen,
Lebt fort in ihres Leibes Sprossen.
Er aber, den auf reinrer Flur
Gott schuf zum König der Kreatur,
Wahrt auch in niedern Daseins Joch
Das Siegel seines Ursprungs noch,
Und klaglos trägt er Jahr um Jahre
Sein Urteil, das unwandelbare.
Nie hat er mehr den Ort gesucht,
Von dem sein Gott ihn weggeflucht.
Zuweilen in des Wetters Lohen
Sieht er die Flammenschwerter drohen
Und kennt im Blitzschein Edens Tor,
Dann weiß er, daß mit dunklen Mächten
Die lichten Streiter heute fechten
Ums Paradies, das er verlor.
Tage des Glücks, wie glänzt ihr ferne!
Kaum kennt er noch die alten Sterne,
Die Lilith ihm gezeigt, genannt,
Sie scheinen trüb aufs trübe Land,
Und ihre Namen sind vergessen
Mit allem, was er dort besessen.
Sein Herz ist wie ein welkes Blatt
Und zum Erinnern selbst zu matt.
Nur wenn an seines Ackers Raine
Die blassen Anemonen blühn,
Denkt er, wie anders dort im Haine
Von Eden ihre Schwestern glühn;
Wenn er den Regenbogen sieht,
Senkt er beschämt sein Aug' und flieht.
Und doch geschieht's im Traum der Nacht,
Daß ihm sein totes Glück erwacht.
Dann sieht er sie, die längst entwich,
Die holde, wie sie morgendlich
Mit Zehen biegsam wie die Hand
Auf seinen Füßen wippend stand,
Hinangedrängt zu seinen Lippen
Wie schwanke Falter, die Honig nippen.
Ihr Antlitz klar und ohne Lüge,
Aus dem wie durch der Engel Züge
Der leuchtende Gedanke schien,
Mit seinem Glanz bestrahlt es ihn.
Und ihre Stimme tönt ihm nach,
Wie sie das Wörtlein ›Liebster‹ sprach,
In der ein Chor von Lerchen lebte,
Der frei durch Höhen und Tiefen schwebte.
Verjüngend rinnt durch seine Glieder
Die erste Kraft und Unschuld wieder,
Ihr Schleier schwebend füllt die Luft
Und wölbt sich hoch im blauen Duft,
Darunter sie, die Jugendschönen,
Zum Spiel sich streiten und versöhnen.
Vom bunten Bogen sehn in Ruh'
Seraphische Gestalten zu.
Er küßt der Füße silbern Paar,
Verhüllt sich in ihr Sonnenhaar,
Mit seinem Glück in eins verschnürt, –
Doch weh dem Morgen, der's entführt.
Vorm Traumbild seiner Jugendau
Scheint ihm der Alltag doppelt grau,
Die Erde haucht ihm Dunst und Brodem
Nach der Heimatlüfte Himmelsodem.
Und auch den Traum kann er nicht halten,
Denn jählings wird der Flor gespalten,
Daß er das Ende sehen muß:
Ihr schrecklich Bild in letzter Stunde,
Lodernde Flamme von Kopf zu Fuß!
Zerreißend tönt ihr Scheidegruß,
Das Nimmer-Nimmersehn aus ihrem Munde.

Ans Tagwerk geht er hoffnungsbar,
Ins Joch geschirrt der Stiere Paar,
Furcht er verdrossen seine Krume
Und tritt verächtlich jede Blume,
Die ihm das Brachfeld freundlich schenkt,
Weil sie kein Tau von Eden tränke
Ein trotziger Jüngling folgt dem Pfluge
Den Evas Schoß als ersten trug,
Ihr Stolz und ihr allein ergeben,
Die Brandnacht Edens gab ihm das Leben,
Drum bleibt des Vaters Herz ihm fern.
Auf seiner Stirne glüht ein Stern,
Blutrot ein Mal wie eine Flamme;
Mahnt es, daß er der Schuld entstamme?
Weist es auf künftige schwere Tat?
Er streut mit flinker Hand die Saat,
Doch in den dunklen Augen brennen
Wünsche, die wild ins Leben rennen.
Er, der an Kühnheit, Kraft und List
Der häuslichen Zucht entwachsen ist,
Verachtet im düsteren Gemüte
Des Vaters Fleiß, des Bruders Güte,
Der träg bei seiner Herde weilt.
Die Hütte, die er knirschend teilt,
Die karge Kost, die rein von Blut,
Die sind für Abel lange gut.
Er aber, Kain, will Genuß,
Die Jagd, das Mahl, des Weibes Kuß,
Gegornen Trunk, ein zier Gewand,
Weiche Gewebe von Frauenhand,
Und daß ihm die Geschwister dienen,
Geschreckt durch seine herrischen Mienen.
Des Schöpfers Namen ehrt er nicht,
Kaum achtet er die Kindespflicht.
Von Mutterleib der Tiere Quäler,
Durchstreift er mordend Wald und Täler,
Schlingen und Fallen stellt er aus
Und schleppt sich blutigen Fang nach Haus.
Die Schlange war um ihn beflissen,
Von ihr empfing er Kunst und Wissen,
Sie lehrt' ihn Axt und Pfeile schärfen,
Sich alles Lebendige unterwerfen;
Doch wenn er seinen Willen hat,
Wird er im Überfluß nicht satt.

Auf diesen Erben seines Blutes
Blickt Adam schweigend, bangen Mutes,
Weil er im Sohne, losgetrennt,
Das eigne schlechtre Ich erkennt.
Als Zwang lebt jenem im Geblüte,
Was er im wechselnden Gemüte
Frei wuchern ließ als giftige Blüte.
Die Furcht nur vor des Vaters Kraft
Hält seine Gelüste noch in Haft,
Doch nicht mehr lang. Die Hand, die heut
Gehorsam fromme Körner streut,
Was streut sie morgen? Welche Saat
Der Zukunft, wenn sein Winter naht?
Der andern Blut ist matt und träge,
Die suchen keine eigenen Wege,
Und auch in ihnen sieht er sich,
Zwar nicht verzerrt, doch kümmerlich.
Und möcht' er zu den höhern Stufen,
Die er verfehlt, die Kinder rufen,
Die folgen blind der Mutter Spur
Und sehn den nächsten Nutzen nur.
Er schöpft und schöpft ins ewig Leere,
Der graue Himmel mehrt die Schwere,
Und seiner Söhne keiner kennt's,
Was ihn zu höherm Sein erzogen,
Sein Blumental im ewigen Lenz,
Um das er sein Geschlecht betrogen,
Denn Vater nicht noch Mutter nennt's.
In allen doch, die aus ihm kamen,
Lebt ahnungsvoll und leiderfüllt
Ein Heimweh ohne Ziel und Namen,
Das einer schönern Heimat gilt,
Und auch dem ärmsten unter ihnen
Ist Edens Bild im Traum erschienen.

 

 

Erde, nun traure und grolle,
Gras und Blumen, verdorrt!
Über die blutige Scholle
Schreitet der erste Mord.

Hört den Jammer des Greisen,
Den Sack und Asche verhüllt:
Was mir Jahve verheißen,
Weh, nun wird es erfüllt.

Schrecklich muß sich's vollenden.
Weh, daß die Erde mich trug,
Wo mit meuchelnden Händen
Bruder den Bruder schlug!

Weh dem unsel'gen Geschlechte,
Söhnen und Töchtern all,
Die ihr nach furchtbarem Rechte
Büßet den ersten Fall!

Weiter spinnt sich's und weiter,
Von Schuld und Greueln ein Netz.
Es klimmen an blutiger Leiter
Die Erben des frevelnden Betts.

Ich hör' sie im Lauf der Äonen
In Sünden zum Himmel schrein,
Mit Flüchen werden sie's lohnen,
Adams Kinder zu sein.

 

 

Das ist der Tod! O kommt und schaut!
Vor seinem Blick erfriert des Mundes Laut.
Der Rätselvolle, der Längstgeahnte,
Den keiner noch gesehn; wer bahnte
Den Weg ihm nach des Bruders Herzen?
War Abel krank? Erlitt er Schmerzen?
Er schläft so still – doch hier klebt Blut.
Blut! Blut! Die Erde hat's getrunken.
Der Trunk war gut.
Und seltsam süß! Berauschend schwer!
Er schmeckt nach mehr!

Die Kinder Adams stehen bleich.
Ihr Bruder dies! Er ist es nicht,
Dies seelenlose Angesicht,
So still und immer nur sich selber gleich.
Ein Stein ist minder kalt und schwer,
Sein Bild nur ist's. Doch wo ist er?
Weh, in des Todes Falle.
Er ist hinweg, und kehrt er denn nicht mehr?
Ein jeder fragt, was keiner weiß.
Sie schließen schaudernd einen Kreis.
– Schwester, du weinst?
So liegen auch die Eltern einst
Und du und ich und alle, alle.

Der Greis liegt betend auf den Knien,
Leis wimmert die Mutter vor sich hin,
Doch um den Toten nicht. Und lägen
Sie alle so – um ihretwegen,
Nicht eine Träne würd' sie weinen,
Hätt' sie den ersten noch, den einen,
Der draußen irrt in Reu' und Einsamkeit,
Einzig die Schlange zum Geleit.
Er war ihr Liebling von der Wiege,
Lebendiges Zeugnis ihrem Siege,
Wie sie durch ihrer Reize Macht den Mann
Vom gottgewollten Bund für sich gewann.
Was einst des Vaters Jugendangesicht,
Ist jetzt der Sohn – ihr Abgott und ihr Licht.
Was war's, um das der Bruder ihn gebracht?
Beim Opfern, sagt er, ward der Streit entfacht?
O nein, das Weib! Es war ums Weib!
Um ihrer Tochter lilienweißen Leib,
Weil sie den sanften Hirten wählte,
Dem Adam allzu willig sie vermählte.
Sie haßt die Tochter, die sie gebar,
Die seiner Leiden Anfang war.

Und Adam tut den ersten Spatenstich.
Die Jugend folgt. Nun, Erde, öffne dich
Für dein Geschlecht. Dem jungfräulichen Reiche
Vertrauen sie die erste Leiche.

 

 

Gabriel
Gegrüßet sei in der Verbannung Buße,
Vater der Menschheit, mit des Friedens Gruße.
Kennst du den Boten noch? Kaum kenn' ich dich,
Du Bild der Sorgen!
So ganz verwandelt seit dem Schöpfungsmorgen,
Wo unser Glanz vor dir verblich!

Adam
Des Engels Züge sind leidverschont,
Der schicksallos im Äther wohnt,
Ihm fliehn Jahrtausende wie die Sekunde.
Du Sohn des Lichts, weißt du, was Altern heißt?

Gabriel
Ich seh's. – Nie sah ich's noch vor dieser Stunde.

Adam
Noch ich den Tod. Der kam uns heute
Und nahm den Sohn an Elternstatt zur Beute.
War das Sein Wille, lichter Geist?

Gabriel
So stand's geschrieben. Auch dein Stündlein kommt.

Adam
Er tue mir, was seiner Rache frommt.
Mein Haupt senkt sich zur Erde – bin müd und alt.
Daß ich zerwerde, ich hoff es bald.
Von seiner Schöpfung wüstem Traum
Hab' ich nur bittern Schmack im Gaum.

Gabriel
Verklagst du den Himmel wie ein Gerechter,
Da wo dein Werk dich selber schmäht?
Sämann der künftigen Geschlechter,
Auf welchen Boden hast du gesät?
Wasch nicht vom eignen Tun die Hände,
Dich zog der Erdenstoff zu schwer,
Und die Genossin zog noch mehr,
Das Stückchen Du aus deiner Lende.
Nun wirkt's in deinen Söhnen fort
Im engen Kreise Dumpfheit, Wollust, Mord.
Des Geistes Schwingen, die dir Gott verlieh,
Du Kind der Erde, wo sind die?
Der Bauch ist Herr. Im Bissen aller Heil,
Der Bruder schielend nach des Bruders Teil,
Das Raubtier Selbstsucht, das zum Sprung bereit
Den Zahn wetzt nach der schwachen Redlichkeit.
In der Begierden Joch dein ganzer Stamm gebeugt,
Ein Greuel, der sich immer neu erzeugt,
Ein Mühen ohne Ziel und Ruh,
Ein Hasten, welchem Ende zu?
Sag', welchem Ende?

Adam
Kommst du, den Jammer zu vermehren?
Zur heutigen Not die morgige zu lehren?

Gabriel
Und deine Töchter – arge Zucht!
Des Treuebruchs erles'ne Frucht!
Den Stunden deiner trübsten Gier entsprungen,
Mit Honigsüße auf den Natterzungen,
Ihr Kosen, Locken, Taubengirren,
Ihr lechzendes Um-den-Gebieter-Schwirren,
Davon sein niedres Teil entbrennt,
Ihr schlangenhaftes Ineinanderwirren,
Bis Wahr und Falsch kein Gott mehr trennt.
Mannsräuschlein, nur geschickt zum Fange,
Gelehrige Schülerin der Schlange,
Das Weib, das Eva Mutter nennt!

Adam
Du kamst, zu tilgen mein Geschlecht –
Vollzieh dein Amt, Gott ist gerecht.

Gabriel
Du irrst. Nicht sandt' er mich im Zorne,
Trost bring' ich dir aus seiner Gnaden Borne.
Siehst du den Friedensbogen hochgespannt,
Verklärend über all dein Land?
Warum fragst du nach Lilith nicht?
Adam, du schweigst und senkst dein Angesicht?
Doch les' ich wohl der stummen Frage Spur.
Wo Lilith hinkam, weiß der Meister nur.
Die Liebliche lebt in Eden bloß als Sage,
Ein hold Erinnern erster Frühlingstage,
Denn wenn der Regenbogen scheint,
Sagen die Kleinsten: ›Lilith weint.‹
Doch scheidend ließ sie noch ein Glück,
Ein unverdientes, dir zurück.
Vernimm: Gesegnet war ihr Schoß,
Draus rang sich ein holdes Knäblein los.
Adam, dein echtgeborenes Kind,
Dem die Engel des Herrn zu Willen sind.
Ich selber trug's zum Paradiese,
Lehrer sind ihm die Cherubim,
Wollige Schäflein mit goldnem Vließe
Spielen mit ihm.
Ein Seraph kämmt ihm die sonnigen Härlein,
Erzählt ihm seiner Mutter Märlein,
Des Kindes Aug' ist Sonne ganz,
Zuweilen nur ein Traum von Schmerzen,
Geschöpft aus trauerndem Mutterherzen,
Dämpft hold verschleiernd seinen Glanz.

Adam
Ihn sehn, in ihm die Mutter grüßen!
Und dann mein Aug' auf immer schließen!

Gabriel
Ihn sehen ist dir nicht vergönnt,
Genug des Glücks, daß nun dein Herz ihn kennt,
Mußt, eh' er niedersteigt, ins Dunkel fließen.
Ihm längert Gott den Tag der Kindheit
Und wird ihn, wenn die Zeit erfüllt,
Zu seiner Bastardbrüder Segen
In eine irdische Wiege legen,
Damit er, ganz in Licht gehüllt,
Ihr Führer werd' in ihrer Blindheit.
Er bringt, was deinem Stamm entglitt,
Den Schleier Liliths wieder mit,
Der jeglich Ding, das er umwebt,
Verklärt in lichte Fernen hebt.
Und wenn die Menschheit, spät erleuchtet,
Sich näher zur Vollendung ringt,
Vom Segen ist's, den er ihr bringt,
Mit Schweiß und oft mit Blut befeuchtet.
Denn Kampf umweht ihn heiß und loh,
Und seiner Taten wird er nicht froh.
Sein Fußtritt wird der Schlange Haupt zerbrechen,
Sie aber wird ihm die Ferse stechen.
Denn Evas Kinder, die ins Joch gebeugten,
Hassen von Mutterleib den Lichtgezeugten.
Sie werden ihn fesseln, den Weg ihm sperren,
Ihn auf den Pranger, die Schlachtbank zerren.
Vergeblich doch! Weil nach dem letzten Schluß
Der Lilith Blut auf Erden herrschen muß.
Frag' mich nicht, wie: der dreimal Große,
Der Unergründete, Uferlose,
Wird in geheimnisvollem Walten
Durch alle Fährnis ihren Stamm erhalten.
So oft er will, daß der Gang der Erde
Um einen Ruck gefördert werde,
Erweckt er unterm dumpfen Troß
Einen, der Liliths Blut entsproß.
Der trägt ein kenntlich Stammeszeichen:
Daß die Lehren der Schlange ihn nicht erreichen.
Vertrauend wie ein ewiges Kind
Wird er bei seinen Brüdern stehen,
Wird nicht der Arglist Schlingen sehen,
Die seinem Fuß geflochten sind.
Er sieht die Welt, wie sie am ersten Tag
Vorm Auge seiner reinen Eltern lag.
Und immer wird er wiederkehren,
Verfolgung, Marter schreckt ihn nicht.
Als Forscher sucht er in den Sphären
Der Wahrheit unerträglich Licht,
Er lenkt den Kiel durch ödste Fluten
Und ruft ins Herz der Zweifler: Land!
Er kommt als Held, wenn Völker bluten,
Als Seher, wenn ihr Glaube schwand.
Mit goldenen Bildern der Dichterträume
Füllt er der Erde düstere Räume,
Durchrauscht die arme darbende Welt
Mit strömendem Wohllaut vom Sternenzelt,
Und reißt aus der Sinnenknechtschaft Schmach
Seine Brüder in reinere Lüfte nach.
Stets weiter klimmt er, furchtlos weiter
Von Sprosse zu Sprosse der schwindelnden Leiter,
Das Ohr umklungen fort und fort
Von dem halbverstandenen Schöpfungswort.
Näher die Räume, die glanzerhellten,
Lauter der Jubelgesang der Welten,
Bis er erscheint vor des Ewigen Thron,
Der Menschheit Vollender, dein herrlicher Sohn!

                                      *

Der Engel schwingt sich auf; sein Flügelschlagen
Hat Adams letzten Hauch dahingetragen!
Doch um die Mutter, die abseits grollt,
Drängt sich die Schar, die ihr Ehrfurcht zollt:
›Hör' unsern Eid:
Wir stehen bereit,
Ihn zu verfolgen mit Dolch und Gift,
Mit Verrat, der schwärzer trifft,
Über seiner Asche ihn noch zu lästern.
Aber die Schwestern,
Hör', was sie schwören:
Sie wollen mit Reizen
Sein Herz betören,
Mit Schmeicheln und Kosen
Ins Übermäßige den Sinn ihm spreizen,
Ihn dann verlassen, hinab ihn stoßen,
Ihn versinken sehen im Bodenlosen.
Hör' uns alle zusammen:
Ob wir auch glühen in Haders Flammen,
So oft der Lilith Sohn erscheint,
Empfangen werd' er als dein und unser Feind.
Gegen ihn gerüstet
Stehen wir alle vereint,
Ihn wegzuziehen von seinem Ziele.
Tröste dich Mutter,
Er ist einer, und wir sind viele.‹

 


 

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