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Gutenberg > Isolde Kurz >

Gesammelte Werke, 1. Band (Gedichte)

Isolde Kurz: Gesammelte Werke, 1. Band (Gedichte) - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
booktitleGesammelte Werke, 1. Band
authorIsolde Kurz
year1925
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleGesammelte Werke, 1. Band (Gedichte)
pages385
created20151215
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Gedichte

Dritte Folge

 

Balladen, Bilder, Gesichte

Peregrinas Schlaflied

Abend wird's und meine Schmerzen          wollen Rast.
Reich' den Becher, der des Schlummers     Labe faßt.
Und nun spiel' mir auf der Geige Traumeszauberweise,
Den gequälten Geist entführend auf die Friedensreise. –

Horch, schon quillt's und schwillt's von Tönen.     Wie ein Quell
Aus verborgnen Gründen dringt es,                       wächst es schnell.
Jetzo brausend kommt's geschossen, und es fliehn die Wände,
Mächtig wallt ein Strom durch grünes lachendes Gelände.

Tanz und Spiel auf grüner Aue.          Freudeblick!
Lieblich klingt ins Wellenmurmeln     Tanzmusik.
O im weißen Kleid noch einmal bei der Bänder Fliegen
Jung und froh mit den Gespielen mich im Tanze wiegen!

Doch die Welle lockt und ladet:     Komm zu mir.
Laß die Feste, laß die Tänze          hinter dir,
Gib den Leib der kühlen Woge wie in Jugendtagen,
Will zu einem schönren Frühling deine Sehnsucht tragen.

O wie kühl um ihre Brust die       Welle schlüpft,
Wie sie die verjüngten Glieder     kosend lüpft.
Selig so dahin zu gleiten zwischen Blumenborden
Treibend auf des Singestromes silbernen Akkorden.

Durch des Hochwalds Dickicht windet     sich der Fluß,
Wo ihr grünes Haar die Weide                  netzt im Guß,
Wo das scheue Einhorn grasend tritt aus Waldes Dunkel,
Wo des Märchens Glühwurmkrone leuchtet wie Karfunkel.

Jetzt in dunkelklarem Becken             wogt ein See,
Drin versinkt der letzte Traum von     Erdenweh.
In der Höhe, in der Tiefe goldner Sterne Blinken!
Zwei gestirnte tiefe Himmel, die zur Ruhe winken.

Eine Wasserlilie pflückt im           Traum die Hand,
Tastend auf den Linnen an des     Lagers Rand.
Einmal jubeln noch die Saiten, und sie lächelt leise.
Peregrina! hört sie's rufen überm Sternenkreise.

Aus verträumtem Schilfe steigt ein     Genius,
Küßt die Bleiche mit des Freundes     letztem Kuß.
Doch ihr Mund hat kein Erwidern, ledig schon der Bande
Ist der Geist hinweggeflogen in des Friedens Lande.

 

Erwachen

Wie Schläfer, die ein banger Traum geschreckt,
Wenn sie die frohe Morgensonne weckt,
So kehren, von der Zeitlichkeit getrennt,
Des Lichtes Bürger in ihr Element,
Und leicht wie Flocken von des Wandrers Kleid
Zerstiebt der Traum von Erdenlust und Leid.

Nur einer, dem der Schlaf zu jäh entwich,
Fährt wild empor, und nicht erkennt er sich,
Zur Tat ist jede Nerve noch gespannt,
Doch führt kein Weg zurück ins Erdenland.
Noch hallt ein Ruf, wie liebe Hände winkt's,
Auf Wellen hilflos treibt es und versinkt's.

So fremd ist alles noch, er sucht umher,
Kein Laut, kein Strahl vom Diesseits trifft ihn mehr.
Wo bist du, Lore? Grenzenloser Raum
Gibt Antwort nur: Es war ein Traum, ein Traum.
Und Selige lächeln, schlingen ihren Reihn:
Vergönnt ihm Zeit, bald wird er unser sein.

›Laßt mich zu ihr, die mein in Not bedarf,
Sie sah's, wie mich die Kugel niederwarf.‹
›Komm, hier wird nicht gekämpft und nicht gefreit,
Vergiß den Wahn, um dich ist Ewigkeit.‹
Und weiter flutend strömt es ohne Rast
Zum Lichtquell mit dem widerwilligen Gast.

›Sie schrie um Hilfe, war noch eben nah.‹
Blick auf zum Lichte, sieh, kein Feind ist da.
›Zur Erde will ich, nicht ins ewige Licht.‹
Zur Erde? Eine Erde gibt es nicht.
Tauch' unter, tauche, bring' den Wahn zur Ruh'.
›O Ewigkeit, wie leer, wie leer bist du.‹

 

Vorspuk

Ich dien' am Hofe voll Glanz und Pracht,
Wo die Schönheit herrscht und die Jugend lacht,
Ich folge meinem Herrn zu Jagd und Spiel und Mahl
Und reiche der schönsten Königin den Goldpokal.

Doch lieber äß' ich das trockene Brot
Und schlief' auf Streu und kennte die Not,
Als daß ich jemals hielte eine zweite Nacht
Vor meines Herren Türe im Schloß die Wacht.

Um Mitternacht – ich vergeß es nie –
Da glitt's durch die Pforte der Galerie
Wie Tritt von hundert Füßen, das huschte und schlich,
Körperlos wie Nachtwind fuhr es über mich.

Dann klang es innen im Gemach
Wie Todesstreich und Sterbeach!
Es war, als ob Schwerthieb auf Schwerthieb traf.
Der König und die Königin schrien auf im Schlaf.

Und den Flur, die Hallen und Treppen entlang
Scholl Ächzen und Wimmern und Waffenklang.
Unsichtbar, nicht unhörbar, flog durch das Schloß der Tod,
Über Dielen und Schwellen quoll es purpurrot.

Gemeldet hab' ich's dem Offizier,
Sein Mund ward blaß und sein Auge stier:
Schweig, du junger Page, und fliehe weit,
Am Boden klebt Blut aus der Väter Zeit.

Verflucht auf immer ist nun der Ort,
Königsmord ist wie Vatermord.
Die Geister kehren wieder. Wer den Spuk gesehn,
Soll eilig ohne Abschied von hinnen gehn. –

Kaum hat er verlassen das Königshaus,
Da fliegt die Kunde schreiend in die Welt hinaus,
Sie fliegt, wo Menschen wohnen, nach Süd und Nord:
Getroffen hat den König Verrat und Mord.

Er hatte sich müde getanzt, gespielt,
Da würgten ihn, die er die Treusten hielt,
Erschlagen in Flur und Halle liegt Mann und Weib und Kind,
Beim toten Königspaare tot das Hofgesind!

Die Mörder brachte der Adjutant,
Die Wache hat selber die Tür berannt,
Der Hauptmann war's, der führte den ersten Schlag,
Seinen eignen Waffen der König erlag.

Mann mit dem stieren Aug' und dem Mund so blaß,
Das Blut, das klebt am Boden, ist frisch und naß.
Klag' nicht der grausen Schuld deine Väter an:
Die Tat, die gottverfluchte, hast du heute selbst getan.

 

Der schwarze Reiter

Nacht ist's, in des Schlosses weiten Gängen
Flüstern Diener, summt's von Bittgesängen,
          Ganz voll dürrer Blätter steht der Wald.

Fieber zehrt wie Wachs der Schloßfrau Leben,
Starr vor Leide steht der Herr daneben.

›Horch! Von Pferdehuf erdröhnt die Halde.‹
's der Wind, der drunten tobt im Walde.

›Still! Ich hör' es an die Pforte klopfen.‹
Auf die Rinne fallen Regentropfen.

›Hebt ein Kindlein nicht sein Klaggewimmer?‹
Käuzchen sind's, gelockt vom Kerzenschimmer.

›Nein, kein Käuzchen ist's, gelockt vom Scheine,
Ist ein Kindlein, glaubt mir, ist das meine.

Auch den Reiter könnt' ich wohl Euch nennen,
Sollt' ich seines Rößleins Gang nicht kennen?

So erscholl mir's, wenn ich seiner harrte,
Eh der Vater ihn im Wald verscharrte.

Drauf mit schwarzem Trank vom Zauberweibe
Tötet' ich das Kind in meinem Leibe.

Denn mich freite fürstlich der Bojare,
Führt' als Jungfrau mich zum Traualtare.

Doch ein Zeuge noch der Tat, ein stummer,
Lebt – und leise ist der Toten Schlummer.

Nächtlich sattelt er das schwarze Fohlen,
Will zu seinem Kind die Mutter holen.

Weinend hör' ich's meine Brust begehren,
Niemals werd' ich andre Kinder nähren.

Schließt den Söller auf, daß ich es lange,
Ich das Kind von seinem Arm empfange.‹

Fieberwut, die ihr Gebein durchrüttelt,
Todesgrauen, das die Seele schüttelt!

Jede Nacht hört sie's vorübertraben,
Jede Nacht den Reiter mit dem Knaben.

Immer klopft und wimmert es im Winde,
Still bekreuzen Herr sich und Gesinde.

Keiner ist, der ihm entgegenträte,
Nichts vermögen Messen noch Gebete.

Einmal ist sie vom Gemach entkommen,
Hat im Fluge den Altan erklommen.

Drunten fand man die zerschellten Glieder,
Und der Reiter kam von da nicht wieder.
          Ganz voll dürrer Blätter steht der Wald.

 

Die Hexe

Steh, Afra, auf von dem feuchten Stroh,
Dein Richter ist gnädig, er spricht dir so:

Du weißt, daß dich das Gericht verdammt,
Du weißt, daß morgen dein Holzstoß flammt.

Doch willst du uns nennen das Werk der Nacht,
Mit dem du den Sohn mir zuschanden gemacht,

Und willst du lösen die Zauberei,
Ich lös' dir die Ketten, ich mache dich frei.

›Die Gnade, Herr Richter, die will ich nicht,
Ich lach' euch beiden ins Angesicht.

Laßt nur dem grimmen Gericht den Lauf,
Mein Zauber hält fest, da sterb' ich drauf.

Und du, der die falschen Schwüre mir schwor,
Verräter, um den ich mein Heil verlor,

Denk, was ich beim Kirchgang ins Ohr dir schrie:
Deine junge Braut umarmst du nie.

Der Böse gab mir ein Schlößlein wert
Und hat einen Spruch mich dazu gelehrt.

Und als des Priesters Segen erging,
Da klappte das Schloß, und die Haft verfing.

Verschlossen, wie dieses Schlößlein, bleib'
Auf ewig die Tür zwischen Mann und Weib.

Vor eurem Fenster hab' ich gelacht
Und gejauchzt in der frostigen Hochzeitsnacht.

Der Spruch war kräftig, das Schloß ist gut,
Das büß' ich hier und dort in der Glut.

Wohin ich es warf, das sei dir vertraut:
Es liegt, wo nimmer ein Aug' es schaut.

Laß du fischen im Fluß, laß du graben im Moor,
Du ziehst das kleine Schlößlein nicht wieder hervor.

Der Morgen graut, und die Henker nahn.
Was ich tat, das mach' ich nicht ungetan.

Ich steige lachend ins heiße Grab,
Weil ich die Rache, die Rache hab'.

Ich weiß ja, dein Bette bleibt ewig kalt,
Drin denke der Afra, die dir vergalt.‹

 

Das fahrende Fräulein

Scharf weht der Wind mir von Ost entgegen,
Der bleiche Himmel ist ohne Schein.
Bald senkt sich der Abend auf öden Wegen.
O weh mir Armen! Wo kehr' ich ein?

Von jeder Tür ja werd' ich geschoben,
Und schweigen muß ich, wenn man mich schilt.
Das klag' ich dem Vater im Himmel droben,
Daß Glücklichmachen für Schande gilt.

Ich hatt' einen Liebsten, schön wie die Sonne,
Der lag wie ein Kind an den Brüsten hier.
Ich tränkt' ihn mit Liebe, tränkt' ihn mit Wonne,
Da ward er stark, und er ging von mir.

Nicht ihn zu suchen, zieh' ich die Straßen,
Ich weiß schon, daß ich ihn nimmer find',
Nur weil ich auf Erden so gar verlassen,
Ich hab' ja nicht Eltern, nicht Mann noch Kind.

Jetzt trifft die Nacht mich am Waldessaume,
Die Flocken fallen, daß Gott erbarm!
Ich mach' ein Nest mir im weißen Flaume,
Vielleicht erwach' ich im Vaterarm.

 

Die beiden Bräute

Frau Gertrud, leg' den Goldschmuck an,
Du sollst die stolze Braut empfahn,
In Züchten tritt vor sie und sprich:
Herrn Rainers Schwester grüßet dich.
Warum fallen ihr die Tränen auf die Wange?

Und als die Braut zum Hofe ritt,
Frau Gertrud ihr entgegentritt,
Sie beut ihr Gruß und Labewein.
›Was ist so bleich die Schwester dein?‹
Warum fallen ihr die Tränen auf die Wange?

Die Schwester mein ist bleich und trüb,
Sie trauert um verlorne Lieb'.
Mein Freudentag macht ihr Beschwer,
Der ihre scheint wohl nimmermehr.
Warum fallen ihr die Tränen auf die Wange?

Als nun das Paar zur Kammer ging,
Frau Gertrud dienend sie empfing,
Sie löst der Braut das Goldgeschmeid':
Schlaft süß, und niemals treff' euch Leid!
Warum fallen ihr die Tränen auf die Wange?

›Herr Rainer, macht die Wahrheit kund.
So traurig spricht kein Schwestermund.
Ich sorg', Ihr selber seid der Mann,
Um den sie Herzensnot gewann.‹
Warum fallen ihr die Tränen auf die Wange?

Ja, edle Frau, ich hehl' es nicht,
Weil jeder Trug vor Euch zerbricht,
Bevor Ihr einzogt hier als Braut,
War sie mir manches Jahr vertraut.
Warum fallen ihr die Tränen auf die Wange?

›Habt Ihr zur Trauten sie begehrt
Und haltet sie des Rings nicht wert?
Dem Manne sei mein Herz versagt,
Der von sich stieß so edle Magd.‹
Warum fallen ihr die Tränen auf die Wange?

Frau Gertrud, laß das Trauern sein,
Mein rotes Gold ist alles dein.
Ich steig' zu Pferde sonder Harm,
Du ruhe froh in Rainers Arm.
Warum fallen ihr die Tränen auf die Wange?

 

Das bessere Land

(Nach einer alten dänischen Ballade)

Herr Ribolt steht vor Gullweigs Tür:
Steig auf mein Roß und flieh mit mir.

Ich führ' dich in ein besseres Land,
Wo Sorge dir nimmer wird bekannt,

Nach einer Insel seligem Port,
Nicht Tod noch Alter naht dir dort.

Dort schafft kein Winter den Blumen Weh,
Dort fällt kein Schnee als der Blütenschnee,

Dort quillt aus den Brunnen der klare Wein,
Dort wollen wir selig beisammen sein. –

Die Heide dehnt sich braun und breit,
Herr Ribolts Roß greift aus so weit.

›Herr Ribolt, setze die Sporen an.
Ich seh' die Verfolger im Sturme nahn.

Voran mein Vater auf hohem Pferd,
Ihm nach mein Bräutigam kampfbewehrt,

Als dritter mein Bruder im goldenen Haar.
Sie sind schon nahe, ich seh' sie klar.‹

Schön Gullweig, führe das Pferd zur Seit',
Ich muß in einen harten Streit.

Und wenn du mich siehst fallen,
Meinen Namen laß nicht erschallen,

Und wenn du mich siehst bluten rot,
So rufe mich nicht in den Tod. –

Beim ersten Schlage, den er schlug,
Da sank der Vater von Rosses Bug.

Und als sein Schwert zum zweiten traf,
Legt es den Bräutigam in Schlaf.

Doch als er's über den Bruder schwang,
Halt, Ribolt, halt! so rief sie bang,

Meinen Bruder, den lasse du leben,
Muß der Mutter die Kunde geben. –

Indem sie Ribolts Namen rief,
Klafft ihm die Todeswunde tief.

Er steckt sein Schwert an die Seiten:
Nun, Gullweig, wollen wir reiten.

Sie ritten über die Heide fort,
Es ging aus beider Mund kein Wort.

Sie ritten vor Herr Ribolts Schloß,
Da sank er todesmatt vom Roß.

›Ach Bruder, lieber Bruder mein,
Dir soll meine Traute empfohlen sein.

Gib du zur Erde meinen Leib,
Dann werde Gullweig dein ehlich Weib.

Hab' du in Treuen ihrer acht,
Die ein Tag zur Waise und Witwe macht.‹

Des trüg' ich ewige Reue.
Gäb' ich zwei Brüdern die Treue.

Mich sollte führen Herr Ribolts Hand
Nach einem leidlosen Wonneland,

Ich find' alleine den Pfad so gut,
Er ist beträufelt von seinem Blut. –

Und als der frühe Morgen taut,
Zwei Leichen senkt man ins Heidekraut.

Es blühen zwei Blumen aus ihrer Gruft,
So fremd von Farbe, so süß von Duft.

Die dörrt keine Sonne, die bricht kein Wind,
Man glaubt, daß es Blumen aus Wunschland sind.

 

Der Marmenill

Sie senkten das Netz gar flink und still,
Sie wollten fischen den Marmenill.

Zum ersten, zum zweiten das Netz war leer,
Sie zogen zum dritten, das wog so schwer.

Was schnellt in den Maschen, was glotzt so wild?
Aus silbernen Schuppen ein menschlich Bild.

Ein Haupt, von weißen Zotteln umwallt,
Ein Greisenhaupt auf der Fischgestalt.

›Fischkönig, sag' uns, wie's geschieht,
Daß der Sieg von Seelands Fahnen flieht.‹

Der glotzt durch die Maschen starr und still.
Kein Wörtlein redet der Marmenill.

›Fischkönig, nun frag' ich zum andernmal:
Verbirgt sich ein Frevel vorm Sonnenstrahl?‹

›Des Krieges Glück wankt hin und her.
Fahrt heim und laßt den Fisch ins Meer.‹

›Du Fischgreis, tu uns die Wahrheit kund,
Willst du nicht brodeln auf Kessels Grund.‹

›Ich will nicht reden, ihr dankt mir's nicht.
Den Kindern der Erde taugt kein Licht.‹

›Sie sagen, dein Fleisch sei alt und schlecht,
Zur Fischsupp' ist es den Mannen noch recht.‹

›Wohl birgt sich ein Frevel, der Sühne will,
Ich habe geredet, nun schweig ich still.‹

›Sprich weiter, sag' uns, was du weißt,
Sonst lass' ich dich spüren, was Feuer heißt.‹

›Eh mir das Feuer nahe kommt,
Eh will ich reden, was dir nicht frommt:

Der König, der sitzt auf Seelands Thron,
Der ist nicht eines Königs Sohn.

Die Königin lenkte zum Strand den Schritt
Und bracht' einen Bastard im Schoße mit.

Eh sie dem Bastard das Leben gab,
Legte den König ihr Gift ins Grab.

So lange bleibt Seeland das Glück ergrimmt,
Bis des falschen Königs Leiche im Wasser schwimmt.

Und stoßt ihr ihn von Schiffes Bord,
So ist's fürwahr nicht Königsmord.

Dann kehrt der Sieg euch, der heute flieht,
Wenn der echte König vorm Heere zieht.‹

Es glitt eine Wolke vorm Mond vorbei,
Da rauschte das Wasser, da scholl ein Schrei.

Als das Mondlicht wieder aufs Wasser schien,
Trieb eine Leiche im Meer dahin.

›Hättst du zu schweigen mir erlaubt,
Noch säß' die Krone auf deinem Haupt.‹

Sie senkten das Netz gar flink und still,
Zurück ins Meer sprang der Marmenill.

 

Die Fähre

Eine Bucht liegt am bretonischen Strande,
Ziehen stumm, stumm die Toten drüber hin,
Luftgebilde, die im bleichen Sande
Leise schwirrend ihres Weges ziehn.

Pocht es nachts den Fährmann aus dem Schlummer.
Christ, wer ruft mir? – Alles stumm und tot.
Doch er eilt, und vor ihm eilt ein stummer
Geistertritt, ans angepflockte Boot.

O wie schwer die unbemannte Fähre!
Stehet hoch, hoch das Wasser bis zum Rand.
Sei's mit Gott! – Unhörbar aus der Leere
Haucht ein Amen, und er stößt vom Land.

Westwärts hinter unbekannten Wogen
Liegt ein Eiland, Seelen schaun es nur –
Westwärts wie von Geisterhand gezogen,
Schießt das Boot mit langer Feuerspur!

Wer, wer ist an Bord? In Christi Namen
Fahr' ich, wär' die Hölle selbst zu Gast.
Herr, erbarm' dich unser! – Amen, Amen,
Raunt es, und er rudert ohne Rast.

Ganz die Nacht durchfurcht er flüssige Pfade,
Totenstille, nur das Ruder knarrt,
Bis im bleichen Frühlicht ein Gestade
Dämmert, wo ins Meer die Klippe starrt.

Kommt ein Hornstoß hochher durch die Wellen:
Welch ein Heldenhäuflein nahet sich?
›Roland bin ich mit den Schwertgesellen,
Der im Feld von Roncesval verblich!

Weh der Welt, muß sie so früh euch missen!‹
Sankt ihr Helden alle zwölf zumal?
›Leichenhügel unsre Sterbekissen,
Die wir türmten dort im Todestal.‹

›Roland, Roland, wo ist Durindarte?
Fiel das beste Schwert in Heidenfaust?‹
›Droben ziert es herrlich ohne Scharte
Jenen Arm, vor dem der Hölle graust.‹

›Seid willkommen bei des Grals Getreuen!‹
Avalon erblüht im Rosenglanz,
Apfelbäume lenzestrunkene streuen
Ihre Blüten in der Wellen Tanz.

›Wackrer Fährmann, kehr' den Kiel nach Hause,
Nur ein Traum noch sei dir diese Nacht.‹
Hei, wie schießt das Boot im Flutenbrause.
Eine Blüte seine ganze Fracht!

Wie sich künftig auch das Ruder mühte,
Nahte nie, nie ein Ferge mehr dem Port,
Unverwelklich nur die Apfelblüte
Erbt in des Bretonen Hütte fort.

 

Brunhild

Laut klagt das Leid in der Königshalle:
Die Gattin Gunthers begehrt den Tod.
Zehn Tage schon liegt sie, vom Licht gewendet,
Der Speise wehrend. Wer weiß ihre Not?

Es kommt der König und bittet vergebens,
Die Schwäher fragen umsonst: Warum?
Ihr schlaflos Auge nur spricht die Qualen,
Die Glieder starren, der Mund ist stumm.

Fern bleibt nur Einer, wo alle trauern,
Zuletzt tritt Siegfried vors Lager hin:
Erwache, Brunhild, sag's dem Gefreunden:
Was ist die Klage der Königin?

›Daß du noch atmest, das ist mein Jammer.
Drum in der Kammer muß ich vergehn.
Ein Schwert gebadet in deinem Blute,
Das gäb' mir Tröstung, dich tot zu sehn.‹

Das Schwert, o Brunhild, ist schon geschliffen
Und offen der Weg ihm, mir ahnt's das Herz.
Schärfer nicht treffen kann mich die Schneide,
Als die Brust mir zerschneidet Brunhilds Schmerz.

›Durch die rasende Lohe kamst du geritten,
Du brachst die Brünne, du löstest den Bann.‹
Die herrliche Schildmaid im Arme hielt ich.
Ja, da war Siegfried ein seliger Mann.

›Doch girrend saß Gudrun in Gibichs Halle,
Eide zerbrachen wie berstendes Glas.‹
Sie raunten Runen, sie reichten Tränke,
Daß Siegfried Gattin und Schwur vergaß.

›In des Feigen Arm zu verhaßtem Bunde
Zwangst du, Verworfner, die eigene Braut.‹
O wirf den Schleier auf jene Stunde,
Vor der den Geistern der Hölle graut.

›Durch Sturm und Hagel in grimmem Harme
Irr' ich hin, wenn zur Liebe das Lager euch eint.‹
Den Bund der Gleichen, den Götter wollten,
Die neidische Norne hat ihn verneint.

›Hagen von Tronje, mein Lehnsmann, hör' mich:
In Leid sei Gudrun, sonst leb' ich nicht.‹
Gebiete, Fürstin, ich schaff' dir Frieden,
Schon halb getan ist, wenn Hagen verspricht.

›Schrie da nicht Gudrun? Ich tanz' und singe!
Und wieder schreit sie. Es fiel der Streich! . . .
Versüßt den Harm ihr mit Sühnegaben,
Nur Eine folg' ihm ins untere Reich.

Nun schichtet die Scheite, nun schürt die Lohe,
Dem Helden zur Seite bettet ihr Mich!
Jetzt kehrt zum Gatten die erste Gattin.
Was früh sich geliebt, vermählen die Flammen.
Wir bleiben zusammen. Siegfried und Ich!‹

 

Der Markgraf Hugo

Weint, ihr Großen von Florenz,
Traure, Volk am Arnostrande:
Hugo starb, der Tuskerlande
Großer Markgraf.

Um des Aufruhrs Brand zu stillen,
Zog er in Pistojas Mauern,
Hingestreckt von Fieberschauern
Sank der Markgraf.

Wie durch der Empörung Wogen
Sollen sie den Leichnam retten,
In der Herrschergruft dich betten,
Toter Markgraf?

– Feinde, habt zu früh gejubelt.
Ist dem Tode nicht erlegen,
Zieht noch einmal euch entgegen!
Heil dir, Markgraf! –

Mit verschlossenem Visiere
Hoch inmitten seiner Mannen
Reitet Hugo stumm von dannen.
Wankt der Markgraf?

Aus der Stadt mit dem Gefolge
Schlachtbewehrt auf seinem Rappen,
Hinter sich den treuen Knappen,
Zieht der Markgraf.

Durch der Meutrer helle Haufen
– Schrecken hat den Feind befallen –
Weit voran den Seinen allen
Jagt der Markgraf. –

Jubelnd grüßt ihn sein Florenz,
Wie er kehrt aus Kriegsgefährde.
Starr und steif auf seinem Pferde
Sitzt der Markgraf.

Zur Abtei, die er gestiftet,
Schrittweis reitet er die Gassen.
Die ihn sehen, all erblassen:
Weh uns, Markgraf!

Vor den Stufen der Abtei
Faßt der Abt des Rosses Zügel.
Wie ein Steinbild aus dem Bügel
Sinkt der Markgraf.

Dort im Porphyrsarkophage
Ist ihm schon das Grab bereitet.
Gleich vom Pferd zur Gruft geleitet
Wird der Markgraf.

Der als Leichnam festgebunden
Auf sein Roß die Feinde scheuchte,
Noch ein Hort den Seinen deuchte,
Schlummre, Markgraf!

Tausend Jahr' nach diesem Tage
Hat dein Volk dich nicht vergessen,
Tönen noch dir Totenmessen,
Großer Markgraf.

 

Renaissance

Steige, du schöne Göttin,
Hinab in der Erde Schoß.
Ich kann dich nicht mehr schützen,
Die Not ward allzugroß.

Du wohntest durch manches Jahrhundert
Als Schirmfrau in unserem Haus,
Über des Hauses Glieder alle
Gossest du Segen aus.

Du gabst von Geschlecht zu Geschlechte
Die Schönheit als erbliches Lehn,
Du hast mit nicht welkender Liebe
Gesegnet des Hauses Eh'n.

Drum wallte dir Opfergedüfte
Um dein göttliches Angesicht,
Zu deinen Füßen welkten
Die Kränze der Andacht nicht.

Da kam mit durchstochener Seite
Der traurige Schmerzensmann,
Es trägt seine Kreuzesfahne
Ein wütiger Heeresbann.

Das Land durchziehn sie verheerend
In Scharen Mann und Weib,
Zerschmettern die Götterbilder,
Zerschlagen den eigenen Leib.

Sie brechen mit Beten und Singen
Zerstörend in jegliches Haus,
Sie raufen wie giftiges Unkraut
Freude und Schönheit aus.

Dich rettet' ich, herrliche Götterfrau,
Aus den Händen der rasenden Schar.
Drunten im steinernen Bette
Schlafe du tausend Jahr'.

Schlafe und laß das Tosen
Der Meute vorübergehn,
Ob deinem Haupte die Rosen
Werden ewig in Blüte stehn.

Einst wird eine Stadt sich erheben,
Wo der Flor der Blumen dich deckt.
Die wird den Frühling gebären,
Der dich vom Schlummer weckt.

                          *

Die Gärten der Mediceer
Hallen von Spatenschlag,
Ein Lusthaus will man bauen
Im dichten Rosenhag.

Da prallen Hack' und Spaten
Von einer Steinwand ab,
Da stoßen tastende Hände
An ein altes Römergrab.

Da steigt die Göttin der Freude
Aus ihrem Marmorsarg,
In dem vor tausend Jahren
Die Treue sie verbarg! –

Zu den Gärten der Mediceer
Strömt Schar auf Schar herbei,
Der Händler verläßt die Halle,
Der Priester die Sakristei.

Wie ist dem lichten Jahrhundert
Der sehnende Traum erfüllt,
Da sich der Schönheit letztes
Geheimnis ihm enthüllt.

Und wieder thront die Göttin
Auf ragendem Altar,
Sie bringen ihr wie in Väterzeit
Rosen und Myrten dar.

Sie kommen mit Flöten und Zinken,
Mit Rauchwerk und Essenz:
Nun herrsche du, schöne Göttin,
In deiner Stadt Florenz. –

Und in die schwärmende Menge
Tritt ungesehn ein Mann,
Aus dessen Strahlenauge
Der Quell des Lichtes rann.

Geschlossen hat sich die Wunde,
Die Römerspeer ihm stach,
Seines Hauptes Dorngeflechte
Trieb rote Rosen nach.

Und es neigt sich der König der Liebe
Zu der Freude Königin:
Könnt' ich die Schönheit hassen,
Der ich das Leben bin?

 

Der letzte Mediceer

Als der Herzog Gian Gastone
Fühlt' des Todes Fittich wehen,
Wollt' er seine Florentiner
Einmal noch in Freude sehen.

Denn der letzte Mediceer,
Müd' vom Prassen und Verschwenden,
Muß gelähmt an Leib und Geist
Ruhmlos auf dem Siechbett enden.

Die in San Lorenzo schlafen,
Ließen nichts ihm als die Krone,
Keine Tat und kein Gedanke
Blieb dem armen Gian Gastone.

Nur an Liebe zu der Heimat
Gleicht er noch den großen Ahnen,
Drum nach des Palastes Hofe
Ruft er seine Untertanen.

Nichts mehr darf der Herr verschenken,
Doch ein Rennen gibt's und Laufen:
Was sein Volk ihm heute bringt,
Alles wird der Herzog kaufen.

Und mit einer Hand am Fenster
Nimmt er Stück für Stück entgegen,
Mit der andern schwach und zitternd
Streut er aus des Goldes Regen.

Bücher, Bilder, Töpf' und Scherben,
Alles kauft er gleicherweise,
Eines alten Weibleins Lumpen
Zahlt er mit dem höchsten Preise.

So entschlummert er im Geben,
Dankesjubel in den Ohren,
Läßt den Seinen lange Klage
Um den Herrn, den sie verloren.

Und von Kind auf Kindeskinder
Muß die Märe sich vererben,
Wie der letzte Mediceer
Kaufte seines Volkes Scherben.

 

Die Kavalkade

Jetzt ist verdämmert der letzte Tag,
Jetzt schleicht der Tod in die Kammer,
Mit verhaltenen Tränen an Theklas Bett
Schweigen Liebe und Jammer.

Draußen der klagende Winterwind
Rüttelt kalt an der Scheibe,
Als streckten sich frostige Arme aus
Nach dem jung hinwelkenden Leibe.

Die Blume, die fremd und wunderbar
Entsproß auf kärglichem Boden,
Das Kleinod, das fiel in der Armut Haus,
Bald ziert es die Truhe der Toten.

Das kurze Leben! Nicht Glück noch Glanz
Zu des dürstenden Herzens Labe.
Ein Fuhrmannskarren, ein Klepper im Stall
Des Hauses einzige Habe.

Die Schwestern trugen den Kittel grob,
Um Thekla in Seide zu kleiden,
Der Vater gäbe sein Blut zum Pfand
Sie glücklich zu sehen im Scheiden.

Doch eins nur lebt in der kranken Brust,
Ein gläubiges, letztes Verlangen;
Dämmernde Sinne, die noch am Schritt
Des Arztes, des Retters hangen.

›Was soll der Priester? Ich sterbe ja nicht,
Wozu das Raunen und Singen?
Der zu tausend Malen den Tod bezwang,
Wird an mir ein Wunder vollbringen.

Da kommt er. Schon hallt im Flur sein Schritt.‹
›Erlaßt die Ölung der Kranken!
Ich bringe das Tränklein des Lebens mit
Und das Heil und die Freudegedanken.‹

Er steht am Bett wie ein Bote des Lichts,
Da verkriechen sich Tod und Verwesung.
›Heut stecken wir festliche Lichter an
Und feiern Theklas Genesung.

Nimm dieses Glas mit dem bittern Saft
Und leer' es herzhaft, das ganze.
Dir wird, als trügen dich Flügel hin,
Und ich führ' dich zum Feste, zum Tanze.‹

›Zum Tanze mit Euch! O selige Lust,
Doch Ihr schämt Euch mein in der Halle.
Meine Schwestern gehen im Kittel grob,
Meines Vaters Platz ist im Stalle.‹

›Dein Vater ist ein vertriebener Fürst,
Heut kehrt er in seine Rechte.
Deine Schwestern tragen im blonden Haar
Juwelen und Perlengeflechte.

Du aber in deiner Locken Nacht
Schlinge den Kranz von Rosen,
Laß schleppen des seidnen Gewandes Saum,
Des weißen, fleckenlosen.

Hörst du die Geigen?‹ – ›Ich höre sie
Lang schon locken und rufen.
Selig von Eurem Arm geführt,
Betret' ich die Marmorstufen.

Bin ich's, die an Eurer Seite so stolz
Den glänzenden Saal durchschreitet?‹
›Dir, Thekla, ist der Ehrensitz
Zu meiner Rechten bereitet.‹

›Bin ich's, vor der sich Damen und Herrn
Wie einer Königin neigen?‹
›Sie flüstern sich zu, wie schön du seist,
Und blicken lächelnd und schweigen.‹

Wie strahlen die Gläser im Farbenspiel,
Fülle des Silbers blendet.
Wie sind auf damastenem Tafeltuch
Rosen um Rosen verschwendet.

›Nie kostet' ich Früchte so wunderbar,
Nie so goldenen Saft der Rebe.‹
›Erhebe dein Glas und tu mir Bescheid:
Des Festes Königin lebe!‹

›Euer schäumender Wein ist süß und stark,
Die Kerzen werden zur Sonne.
Mir schwindelt der Kopf, es braust das Hirn,
Das Herz zerspringt mir vor Wonne.‹

›So tritt auf den hohen Altan hinaus
Und höre die Nachtigall flöten.‹
›Sie singt von Liebe im Jasminhag,
Das Glück es wird mich töten.‹

Da horch, durch der Geigen gedämpften Ton
Eines Rößleins Stampfen und Scharren?
›Zwei Pferde stehen gesattelt im Hof,
Die der schönsten Reiterin harren.

Arabisch Vollblut, des Marstalls Zier,
Ein Page hält sie am Zügel,
Die Schabracken sind mit Golde gestickt,
Von Silber Gebiß und Bügel.

Setz' auf den wallenden Federhut,
Laß die Gäste tanzen und schmausen.
Wir aber wollen im Sturmesritt
Das schlafende Land durchbrausen.‹

›Wer ist der Dritte auf falbem Roß,
Der plötzlich neben mir reitet?‹
›Gesendet ist er vom Wolkenschloß,
Wo dir festlicher Willkomm bereitet.

Wie ist dir, Thekla?‹ – ›Es trägt mich hin,
Mir ist, ich stieg' in den Himmel.
Ferne tönt aus der ewigen Stadt
Silberner Glöcklein Gebimmel.‹

›Wie ist dir, Thekla?‹ – ›Der Ritt geht scharf,
Die Brust wird enger und enger,
Der Wind verdrängt mir den Odem fast,
Ich halte das Roß nicht länger.‹

›Wie ist dir, Thekla?‹ – ›Ich seh' im Flor
Eines Schlosses ragende Zinne.
Glockenläuten betäubt mein Ohr,
Ich glaub' – mir schwinden die Sinne.‹

›Jetzt stille, und setzt die Lichter zur Seit',
Laßt sinken des Vorhangs Flöte,
Daß ihren seligen Sterbetraum
Kein irdisches Bild mehr störe.‹

Noch lächelt der Mund, noch steigt die Brust
Von des Blutes ebbenden Wogen,
Schon ist hinaus in unendlichen Raum
Die entzückte Seele geflogen.

Die Ihren stehen wie traumgebannt,
Ist keinem ein Wort entfallen,
Sie hören fernab Rossegestampf
Mit Theklas Stimme verhallen.

Es bringen die Priester das Sakrament.
Jetzt, spricht er, mögt Ihr sie haben.
Ich gab der Seele das seligste End',
Ihr mögt den Leichnam begraben. –

In der Christnacht hört er's noch einmal ziehn
Durch die Lüfte mit brausenden Hufen,
Die Kavalkade der Cherubim,
Draus hat ihm Thekla gerufen.

 

Der Tod und der Jüngling

Ich sah das Kind so schön und blaß
An mir vorübergehn
Und sprach zum Tod: Verderber, laß
Die weiße Rose stehn.

Er sprach: Die Blume sei für mich,
Damit kein Tor sie pflückt. –
Doch eh sie ihm im Arm verblich,
Hat sie den Freund beglückt.

Noch halt' ich meinen Teil an ihr,
Den ich vorausgewann.
Von tausend Küssen raubst du mir
Nicht einen Kuß, Tyrann!

 

Bahnwärters Töchterlein

Zum Schlagbaum tritt ein schläfrigs Kind,
Die Handlaterne zuckt im Wind.
Das Fähnlein hoch und scharfe Wacht!
Sie steht und hat der Schienen acht
Beim kleinen Wärterhäuschen.

Das ist der Schnellzug Wien-Paris,
Er braust schon durch die Finsternis.
Er glotzt mit Augen rot und still
Ins finstre Land, das schlafen will
Und nicht sein Kommen achtet.

Die hellen Fenster, Licht an Licht,
Drin schläft das Glück und regt sich nicht.
Auf Sammetpolstern lehnt's in Ruh,
Am Tage wirft ihr's Küsse zu,
Und lacht und blitzt vorüber.

O dürft' ich mit zur Riesenstadt,
Wo ihren Sitz die Freude hat,
Juwelen blinken, Seide strotzt,
Die Nacht dem Tag mit Lichtern trotzt,
Das Glück an meiner Seite.

Er rollt vorbei, verhallt im Raum,
Ins Dunkel rinnt des Mädchens Traum.
Wie wird die Weite klein und nah!
Und von der Welt ist nichts mehr da.
Nichts als das Wärterhäuschen.

 

Philister

Ein braves bürgerliches Pärchen
Hält hier am Fenster Mittagsruh,
Nicht jung, doch in den besten Jährchen,
Sie stehn und sehn dem Wetter zu.

Ihm hängt der Himmel voller Geigen,
Weil heut ein guter Kauf gelang,
Und wenn die Kaffeepreise steigen,
So ist ihm um die Welt nicht bang.

Sein Pfeiflein schmeckt dem Guten prächtig,
's ist eine Freude, wie es zieht.
Der Hund daneben blickt bedächtig.
Ob er dem Herrn nicht ähnlich sieht?

Die Gattin auch kennt keine Sorgen,
Als daß die Suppe nicht verbrennt
Und daß der Wäschekorb geborgen,
Bevor sich trübt das Firmament.

Unsterblich nenn' ich diese beiden,
Sie leben immer, Mann und Weib,
Denn wenn sie von der Erde scheiden,
Die Braven wechseln nur den Leib.

Sie werden gleich verjüngt erstehen,
Sich finden zum erneuten Bund,
Und völlig so vom Fenster sehen
Mit Pfeife, Strickstrumpf, Korb und Hund.

 

Im Vorübergehen

Vor der Türe welch ein ernst Gepränge!
Und vom Turm die feierlichen Klänge!

Wen in diesen blütenreichen Tagen
Bringen sie erstarrt herausgetragen?

Ist's des Vaters Haupt, das sie beweinen?
Starb der Jüngling, Stolz und Lust der Seinen?

Freunde, Nachbarn stehn und sehn mit Zagen
Nach der Schwelle, drein der Blitz geschlagen.

Ach, es traf! Und alle Herzen beben,
Ob noch nah die dunklen Flügel schweben?

Dumpf erwidern Klagen ohne Worte:
Nach euch allen gähnt die schwarze Pforte.

Ruft die Glocke drein mit ehrnem Munde:
Mensch, dein Glück steht auf durchmorschtem Grunde!

 

Am Schachbrett

Sie sitzt am Schachbrett schön und engelgleich,
Lang an ihr nieder wallt die Sammetschaube,
Sie hat den Ton der Flöte süß und weich,
Den frommen wechsellosen Blick der Taube.

Ihr Partner spielt verwirrt, ihm schwankt das Hirn,
Der nahe Reiz will einen fernen töten.
Es fällt wie Staub auf eine teure Stirn,
Wenn diese Lippen ihren Namen flöten.

Mit weißen, ringgeschmückten Fingern stellt
Die Schöne stetig Stein um Stein. Erwache,
Zerstreuter Spieler! Turm und Springer fällt,
Es gilt der Königin – sei bei der Sache!

Kein raschrer Atem hebt den Busenflor
Der Sanften, nur die Nüster bebt ein wenig.
Doch tödlich sicher tritt ein Läufer vor:
Die Königin muß fallen. – Schach dem König!

Ganz still und stetig geht im Fraungemach
Ein andres Spiel, ein heimliches, daneben,
Mit stummen Blicken, halben Worten: Schach
Und Matt! – Das ging um Menschenglück und Leben.

 

Ulrike

Er ging aus Lenzgefild in Lenzgefild,
Im Werdestrom der eigenen Brust sich badend,
Da tritt noch spät ein holdes Jugendbild
In seinen Weg, zu süßer Torheit ladend.

Doch fiel der Schnee schon auf die Götterstirn,
Der läßt das Eintagskind in Ehrfurcht schaudern.
Zu fern, zu hoch der sonngeküßte Firn,
Im Tal bei Frühlingsblumen will sie zaudern.

»Die Leidenschaft bringt Leiden.« – Doch beschwichtigt
Die Muse lächelnd sein beklommenes Herz
Und letzte Liebe folgt, zu Geist verflüchtigt,
Wie Duft von Märzenveilchen sternenwärts.

Sie blieb im Tal, wo bald der Frühling starb.
Geweiht, gesondert trat sie aus dem Reigen.
Wie fiele, wo der Gott vergeblich warb,
Das Kleinod einem Sterblichen zu eigen!

Es fließt von hehrem Sternenlicht umblaut
Ihr langes Leben keusch und still zum Ende.
Dann holt der Dichter die verhüllte Braut
Mit mystischem Kuß in seine ewigen Wände.

 

Tote Liebe

Die Liebe lag in langer Not,
Ich sah, daß ihr kein Heil mehr werde,
Da gab ich selber ihr den Tod
Und barg sie trauernd in der Erde.

Was zerrt ihr den entstellten Leib,
So lieblich einst, der Augen Wonne,
Zu greuelvollem Zeitvertreib
Noch einmal an das Licht der Sonne?

Aus toten Augen schreckhaft nun
Stiert sie und macht mein Blut gefrieren.
Nur eins noch kann ich für sie tun –
Mein Auge wendend von den ihren,

Will ich zum Strand der schwarzen Flut
Sie schaudernd tragen und versenken
Und will vergessen, wo sie ruht,
Und nimmer der Entstellten denken.

Den stillsten Engel ruf' ich an,
In dessen Hut ich sie befehle,
Daß er, wenn Menschentritte nahn,
Den Ort in heiligem Dunkel hehle.

 

Götterdämmerung

Festlich prangt das Schiff. Die Wimpel wehen.
Löst den Anker! Alles ist geschehen.

Aufgebahrt in Purpur liegt die bleiche
Tote Liebe, eine Königsleiche.

Um sie häuft' ich alles, was ich habe,
Blumen auch, des Sommers letzte Gabe.

Warf die roten, sonnetrunkenen Rosen
In den bleichen Schmuck der Herbstzeitlosen.

Öle goß ich aus und Nardendüfte,
Die der Rauch hinaufträgt in die Lüfte.

Jetzt die Fackel drein! Schon regt sich heiße
Gier, und rote Schlangen züngeln leise.

Feuer knistert und die Wasser raunen,
Zieh nun, Fähre, mit des Windes Launen.

Ferne treibt sie hin beim Segelschwellen,
Rotdurchglüht und färbt mit Glut die Wellen.

Wachse, Flamme, zu des Weltbrands Wüten!
O daß Erd' und Himmel heut verglühten!

Daß die Götter unterm heißen Dampfe
Heut sich rüsteten zum letzten Kampfe!

Ja, sie wächst, sie wächst, die wilde Lohe.
Mond und Sterne frißt sie, wie der hohe

Qualm sich als Gewölk am Himmel breitet,
Schwarzes Bahrtuch über die Schöpfung spreitet.

Nacht und Tod ist alles. Durch die Schwärze
Glimmt der Mond wie eine Leichenkerze.

Und ich starre, bis der letzte Funken
Losch und Urnacht alles Sein getrunken.

 

Wie die Jugend liebt

Kleinstadtidylle aus der guten alten Zeit

Vor des Kanzleirats Haus ist Sand gestreut,
Kein Karren rasselt und kein Fuhrmann flucht,
Und wer vorbeigeht, dämpft die Stimme dort:
Wißt ihr's? Mit Weilens Jenny geht's zu End'.
– Ja, ja, das arme Ding, so jung und sterben!
Den langen Winter hat sie sich gefristet,
Der Frühling gibt ihr jetzt den Gnadenstoß.

Und drin im Hause beim gedämpften Schein
Der kleinen Scheiben sitzt die Basenschaft,
Die Kaffeelöffel klappern so diskret,
Sie sprechen leis und führen ehrbarlich
Bei jedem Wort das Schnupftuch an die Nase.
Die Tante geht geräuschlos ab und zu
Und nötigt zum Kaffee die Dankenden.
Und junge Mädchen klopfen zaghaft an,
Die nur durch ihre scheuen Blicke fragen,
Ob's wahr ist, daß die Jenny sterben muß.
Sie wußten's lang, doch sie begreifen's nicht,
Wie man den Mai verlassen kann, die Veilchen,
Die lauen Nächte mit den Sternen allen,
Das Flüßchen, das am Haus vorüberzieht,
In dem man bald schon wieder baden kann,
Und eine Welt, in der man tanzt und liebt.
Dann gingen sie, die blonden Köpfchen senkend,
Doch als sie heimgekommen, sangen sie.

Im Zimmer, wo ein Fenster offen steht
Nach Blütenbäumen, Lenz und Amselschlag
Und einem Streifen goldgefärbten Himmels,
In weißen Kissen liegt die Sterbende.
Die bleichen Finger in der Hand der Mutter,
Die sich's in achtzehn Jahren nicht vergönnt,
So zärtlich ihres Lieblings Hand zu halten,
Belastet, wie sie war, mit Wirtschaftsform
Und der Verwandtschaft, die geehrt sein will.
Zuweilen irrt ein häuslicher Gedanke
Um ihre Stirn und hält die Tränen auf,
Dann tauscht sie mit der Magd ein flüsternd Wort.
Gottlob, daß noch der Haushalt weitergeht
Und diese Tische, diese Stühle bleiben,
Denn wenn die Jugend stirbt, dann wankt die Welt.

Nur Jenny lächelt. Heiter wie ein Freund,
Der zarte Jugend nicht verletzen mag,
Naht ihr der Tod; die Veilchen hier im Glase,
Sie weiß es, welken später noch als sie.
Und dennoch kann sie lächeln, holde Bilder
Begleiten sie bis vor das Tor der Nacht.

An einem Sonntag war's, in Bucheneck,
Vom Kurhaus scholl Musik, es ward getanzt,
Studenten kamen und darunter Er.
Sie sah ihn an und liebte. Ja, warum?
Befragt die Jugend nur. Er trug sein Haar
Ein wenig anders als die Kameraden,
Und seitwärts hielt er leicht den Kopf geneigt,
Wie's die Geschichte weiß von Alexander,
Auch lag ein Zug von Trotz um seinen Mund,
Und seine Sprache klang vom schönen Rhein.
Sie tanzten lange, lange. Wie ein Cherub
Trug er sie hin, der Erdenschwere bar,
Dann führt er sie zurück zu ihrem Sitz
Mit flücht'gem Dank und leichtem Händedruck,
Sah eine Weile lächelnd ihr ins Auge,
Und einen Kranz von Moos und Enzian,
Noch frisch vom Wald, streift er an ihren Arm.

Von jenem Tag war er ihr Held, und wo
Sie ging und stand, in Straßen, Wald und Wiesen,
Sah jeglich Ding sie an mit seinem Lächeln,
Im Moose jeder Enzianenkelch,
Bis auf den Grund erglühend, schwieg von ihm.
Aus den sechs Worten, die er selbst gesprochen,
Und was der Zufall ihr an Lob und Tadel
Zutrug von ihm, aus Wahrem und Erträumtem
Fügt' sie sich Zug um Zug sein Bild zusammen
Und machte heimlich ihren Gott daraus.

Nun ward das Leben reich, unschätzbar reich,
Denn neue Zeichen brachte jeder Tag:
Bald war's ein Freund, der von ihm sprach, ein Hund,
Der ihm gehörte, bald ein Kamerad,
Der seine Farben trug, ein andermal
Sah sie ihn selbst zu Roß vorüberfliegen
Und ward beglückt durch einen Gruß. Und einst,
Als sich ihr Held auf blanke Waffen schlug,
War's Vetter Karl, der ihm die Wunde nähte.
– Nur zweimal noch in all den Jahren sprach er
Mit ihr, und flücht'ge Worte stets, doch die
Stehn unauslöschlich in ihr Herz geprägt.
Er ahnte nie, was er ihr war, nur öfter,
Wenn sie vorüberging, sah er ihr nach
Und dachte, wie sie schlank und zierlich sei,
Ein holdes Kind. ein wandelndes Erröten!
Doch mehr nicht, denn sein Herz trug andre Bande.

Sie aber, wie von Wolkenflaum gehoben
Ging sie durchs Leben, dessen Stern er war;
Dann, als sie siechte, blaß und blässer wurde,
Schien auch das Leiden nur ein sanft Verglühen
Und ohne Schreck der frühe Tod. Sie wußte,
Daß ihrem Lenz kein Sommer mehr beschieden,
Und fand sich drein. Ans Haus ward sie gebannt,
Nicht Tänze gab es mehr, kein lustiges Wandern
Durch Wald und Feld mit lachenden Gespielen,
Nie kam sie mehr, den frischen Kranz im Haar,
Beim Flimmer der Johanniswürmchen heim.
Im Herbst, als noch die Sonne golden schien,
Saß sie am Flüßchen auf der Gartenbank,
Das Buch im Schoß und träumte, dachte sein,
Und wie das Leben doch so schön gewesen.
Dann kamen Winterstürme, Schneegeriesel,
Und kleiner stets ward ihre Welt. Sie saß
Im Zimmer bei der Lampe frühem Schein
Und malte Blumen, – blauen Enzian.
In den drei Farben, die ihm teuer waren,
Zog sie am Fenster Hyazinthen auf,
Die sollten, hoffte sie, das Grab ihr schmücken,
Daß ihm einmal der Anblick lieblich sei.
Sie wußte nicht, daß er die Stadt verlassen,
Und als sie schied, war noch die Welt so reich,
Verklärt von seines Lächelns Widerschein.
Und endlich ward es Lenz, die Blüten flockten,
Die Amsel sang, da kam der letzte Tag.

Im Sterbezimmer schlichen leis die Stunden.
Die Mutter schluchzte, Vater kam und ging,
Und durch die Spalte sahn die kleinen Brüder.
Der Abend sank, und fern und ferner wich
Vorm Blick der Sterbenden das irdisch Nahe.
Ihr Schmuck war schon verteilt, Erinnrungszeichen
Für alle Lieben ausgesucht, und still
Nahm sie mit Blicken Abschied von der Erde,
Von Blütenbäumen und vom Himmelslicht
Und den Geräten ihres Kämmerleins,
Den schweigsamen Vertrauten ihrer Träume.
Doch überm Spiegel blieb ihr Auge haften,
Dort hing bei Tand und andern Balltrophäen
Ein Mooskranz mit verwelkten Enzianen.
Der Kranz, o wenn ihr der zur Erde folgte,
Dann wär's auch drunten warm und hell! Doch nie
Käm' das Geheimnis über ihre Lippen,
Nur ihre Hand erbebte leis. Da frug
Die Mutter: ›Hast du einen Wunsch?‹ und Jenny:
›Grüß mir die Käthe und den Vetter Karl –
Grüß Bucheneck‹ – das war ihr letztes Wort.
Doch wen sie grüßte, sie errieten's nichts

Man gab den jungen Leib der alten Erde.
Ein Blumengärtlein ist ihr Grab, drin ruht
Auch ihr Geheimnis, ewig unentweiht;
Die Lilien, die aus ihrem Herzen sprossen,
Die wissen's wohl und hüten's jungfräulich.
Doch wenn der Eine je den Platz beträte
Und spräche: Armes, schönes Kind, schlaf wohl!
Erröten würden sie im tiefsten Kelche
Und trügen flüsternd ihr den Gruß hinunter,
Den Gruß, um den die Sel'gen sie beneiden,
Der ihr das frühe Sterben reich vergütet,
Den Gruß des Einen: Armes Kind, schlaf wohl.

 

Die Passionsblume

Ein junges Weib in brauner Schönheit leuchtend
Tritt nackten Fußes aus der offnen Hütte,
Das volle Haar umhüllt vom Scharlachtuche,
Vor dem das Grün der Saaten hellauf jauchzt.
Der Rocken, müßig, liegt in ihrem Arm,
Und in der Rechten schläft die muntre Spindel.
So lehnt sie lässig an der Tür und schaut –
Das ganze Weib ein seliges Mutterlächeln –
Dem Knaben zu, der an der Hecke spielt.
's ist Feierabend und die Sonne schüttet
Ihr letztes Gold aus soviel Erdenglück.

Sieh, Mutter, sieh, welch wundersame Blume
Ist über Tag an dieser Heck' erblüht.
Kannst du mir sagen, wie die Blume heißt?

Die Blume, spricht die Mutter, sah ich nie.
So traurig und so ernst sind ihre Farben,
Das trübe Gelb, das düstre Violett,
Und seltsam ist die Zeichnung aus dem Grund:
Ein Ding fast wie ein Kreuz – und Nägel, Hämmer –
's muß eine Giftblum' sein, komm, wirf sie weg.

Der Knabe hält die Blume fest und sinnt,
Als ob sein Geist vergess'ne Dinge suche,
Und aus dem Kinderantlitz blicken Augen
So reif und tief, wie aus dem Grund des Seins.
Da plötzlich wird die blühende Erde fahl,
Ein Schatten, weh, der Schatten eines Kreuzes,
Fällt weithin über die erbleichte Welt.
Und nun erkennt der Göttliche sich selbst,
Den Unverstandenen, den kein Sinn erfaßt.

Wie er in grauenvoller Einsamkeit
– Weit unten wie in Weltenferne schon
Stehn die Genossen seines Erdenlaufes
Und blicken stumpf zu seiner Marter auf –
Wie er sich jetzt in seines Fleisches Not
Zum Schacher als zu seinem Nächsten wendet,
Und wie in tiefster Schmach das Herz ihm bricht.
Da bricht das Herz der Menschheit mit, zerrissen
Sind wie des Tempels Vorhang ihre Freuden,
Das Lachen flieht von der entsetzten Erde,
Und keine Liebe lebt als die am Kreuz,
Die große trauervolle Gottesliebe.
Der Vögel Werbelied verstummt, der Frühling
Ist welk, es stirbt die Welt mit ihrem Gott.

Die Mutter wie zum Schutz umschlingt den Knaben,
Als ob das Ende nah sei aller Dinge,
Der aber plötzlich jauchzt nach Kinderart
Und schnell zerpflückt und streut er in den Wind
Die Blume der Passion.

                                        Da wird es licht,
Die Erde lebt, die Blumen atmen auf,
Es lockt und fleht der Vogelsang um Liebe,
Die Farben scheinen wieder, gierig brennt
Das Rot, und reif im Safte schwillt das Grün.
Der Himmel blaut mit sanftem Sehnsuchtszug,
Der Knabe spielt wie vordem an der Hecke,
Und hell in Glorie steht sein sonnig Haar.
Das Herz der Mutter nur, von Ahnung schwer,
Will nicht genesen, wie ein Schatten bleibt's
Auf ihrer Seele, eines Kreuzes Schatten,
Den keine Glut der Sonne lichten kann.

 

Sinngedichte

Das bist du

Aus geheimstem Lebensgrunde
Raunt es mahnend immerzu:
Schlag dem andern keine Wunde,
Denn der andre – das bist du!

Wie du kränkst, so mußt du kranken,
Unser Ich ist Wahn und Pein.
Schließ' in deiner Selbstsucht Schranken
Alles, was da atmet, ein.

 

Vox Populi

Ich habe sie einzeln verachtet,
Ihr Reden war mir Wind.
Soll ich vor ihnen ducken,
Weil sie beisammen sind?

Das Urteil der Gesellschaft –
Damit bleib mir zu Haus!
Addiere den Narren zum Narren,
Wird nie ein Weiser draus.

 

Wahrheit

Verpönt sei jeder festgeprägte Satz,
Die Wahrheit hat in einem Spruch nicht Platz.
Unendlich ist ihr Wesen, vielgesichtig,
Wer sie in Ketten legt, der macht sie nichtig.
Sie geht im Wort als Gast nur ein und aus,
Und offen bleibe, wo sie wohnt, das Haus!

 

Umgangssprache

                                                  I

Mit vier Hengsten fährt der Romane zum Korso, den Briten
Trägt das gemietete Cab eilig und schmucklos ans Ziel,
Diesem gilt die Geschwindigkeit nur, der andre muß glänzen,
Aber im Omnibus gern macht sich's der Deutsche bequem.
Nicht auf dem kürzesten Weg, noch minder um Pracht zu entfalten,
Bloß weil billig die Fahrt; kommt er nur an, so genügt's.

 
                                                  I

Ja, ich frage mich oft: Ist das die Sprache, die willig
Jedem Gedanken sich schmiegt, flüssig das Fremde verdeutscht?
Ist es die Sprache, die Lessing und Goethe uns schenkten, warum denn
Über den Truhen von Gold sitzt der Germane und darbt?

 

Schriftsprache

Adjektivisch braucht das Adverb, mißhandelt das Zeitwort,
Renkt der Sprache ein Glied folternd ums andere aus.
Stümmelt und schändet und würgt in der deutschen Grammatik; Puristen
Seid ihr des Unsinns, es steckt hinter dem Fex der Pedant.

 

Der Garten der Träume

Überall dringt der Beharrliche durch, allein zu der Träume
Hängenden Gärten hinan ringt sich der Wollende nicht.
Hoch im Azur aufbaut sich das lichte Gefilde der Wunder,
Liebende finden von selbst, Kinder und Dichter den Weg.
Unerreichbar dem eisernen Fleiß und dem wachenden Willen
Bleibt's, und der delphische Gott gibt es den Seinen im Schlaf.

 

Antikritik

Den Herrn Professor
Halt' ich in Ehren,
Weiß er es besser,
Mag er mich's lehren.
Philosopheme,
Dunkle Systeme,
Kann er erklären,
Kann er vermehren.
Logik, Methodik
Sind seine Sachen,
Nur seine Prosodik,
Die macht mich lachen.

Eh er mich meistern will,
Seh' er sich vor:
Zwar er hat den Gottsched,
Doch ich – das Ohr.

 

Survival of the fittest

Es sprach die hohe Wissenschaft:
Wer fiel, verdient zu fallen.
Was taugt, das hat zum Leben Kraft,
Und Recht geschieht uns allen.

Ist denn das Glück des Bessern Freund?
Die Griechen wußten's anders,
Als sie den Tapfersten beweint
Am Strande des Skamanders.

Frag' die Geschichte: Wann gedieh
Das Hohe vor dem Niedern?
Die Sage frag', die Poesie,
Und hör', was sie erwidern.

Wer gab Achill die kurze Frist?
Stieß Balder zu den Toten?
Was blieb von Hellas uns? Wo ist
Das edle Volk der Goten?

Natur ist blind, das Glück gemein,
Dem Zufall frönt das Leben.
Das Bess're wählen ist allein
Der Menschenbrust gegeben.

Des Lebens öden Narrenbrauch
Kann nur der Geist vergüten.
Dem Edlen ward ein zarter Hauch,
So helft ihn, helft ihn hüten.

 


 

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