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Gutenberg > Isolde Kurz >

Gesammelte Werke, 1. Band (Gedichte)

Isolde Kurz: Gesammelte Werke, 1. Band (Gedichte) - Kapitel 3
Quellenangabe
typepoem
booktitleGesammelte Werke, 1. Band
authorIsolde Kurz
year1925
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleGesammelte Werke, 1. Band (Gedichte)
pages385
created20151215
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Gedichte

Zweite Folge

 

Geister der Windstille

    Du bist entronnen,
    Hast dich gerettet,
    In sichrer Freistatt
    Dich weich gebettet,

Wie die Welle vom Ufer wallt,
Das sie abweist still und gelassen,
Dürfen Dämonen dich hier nicht fassen,
Hat Geschehnes nicht weiter Gewalt.

    Schmerzen versausen,
    Sorgen entschlafen,
    Wütet's auch draußen,
    Hier ist der Hafen,

Hier sind des Schicksals Donner verhallt.
Still im friedlichen Gleichmaß der Tage,
Denkst du, stehe des Daseins Wage.

    Aber mitten
    Im Schoße der Ruh
    Huscht's wie von Schritten,
Stimmen erwachen und raunen zu.

Leise zuerst, nur halb vernommen
Dringt ihr Laut ans geschärfte Ohr,
Doch in der Öde bang und beklommen
Wächst und wächst der gefährliche Chor:

    Blick' auf das weite Meer,
    Schiffe von Frachten schwer
    Ziehn in die Ferne;
    Welches zum Port sich ringt,
    Welches der Sturm verschlingt,
    Wissen die Sterne.

Aber freudig die Flagge gehißt!
Leben ist da, wo das Wagnis ist.
Besser mit teuerstem Gute gestrandet,
Als am Ufer gemach versandet.

    Der kühne Schiffer
    Auf Lebenswogen,
    Von Nereiden
    Hinabgezogen,
    Den Preis im Sterben
    Trägt er davon,
    Sein fröhliches Werben
    War selbst der Lohn.

    Siehst du am Meeresgrund
    Gärten von Muscheln bunt,
    Lachende Stätten,
    Wo die Verschlagenen,
    Stürmeenttragenen
    Selig sich betten?

Dorthin wandeln verklärte Gestalten,
Die sich enge umschlungen halten,
Antlitz innig zu Antlitz gewendet;
Heil den Erwählten, die so geendet!

Hörst du Gewieher fernher vom Walde?
Zwischen den Bäumen ein Jagdsignal?
Heißes Rennen auf sonniger Halde,
Kühles Rasten im Schattental.
Dahin, dorthin wälzt sich das Jagen,
Auf schnellen Rossen Männer und Fraun –

    Gibt's nichts zu wagen,
    Nichts zu gewinnen?
    Magst du ins Totenhemd
    Lebend dich spinnen?
Trägst du's, als Leichnam die Sonne zu schaun?

Feiges Herz, das jahrelang
Sich mit Pochen
Bang verkrochen
Vor der Lose Wechselgang!
Flatterst wie die zahme Taube,
Die im Käfig scheu sich duckt,
Wenn in Lüften nach dem Raube
Hoch der Falk herunterzuckt.

    Besser in Ängsten
    Irr und verschlagen,
    Von wilden Hengsten
    Zu Tode getragen!
    Besser verlodern
    Als lebend vermodern!

Donner wird dir der Glockenschlag,
Der nur spricht vom verlorenen Tag,
Von den Stunden, die wertlos gleiten und fallen
Wie an der Schnur die Glaskorallen.

    In der ewigen Stille
    Glühender Zonen,
    Wo die Ungebornen
    Gestaltlos wohnen,
Drunten im trägen träumenden Wasser
Liegen und lauern dir grimmige Hasser.

    Schemen sind wir,
    Die unbekannten,
    Ewig verbannten
Geister von Dingen, die nie geschehn.
Wonnen, die nie die Brust dir erweichten,
Schrecken, die nie dein Antlitz bleichten,
Eine Welt, die kein Auge gesehn.
Doch flieh und umgib dich mit Engelschören,
Die Stunde kommt, da mußt du uns hören.

Wie ein gespenstisches Trauerspiel
Weht's dich an und umhüllt dich mit Schauern,
Alle Kraft verzehrt sich in Trauern
Um ein Opfer, das nirgends fiel.
Kennst du das Stück?
Nein, und kennst der Spieler nicht einen,
Aber weinen mußt du und weinen
Um ein verlorenes
Und doch nie besessenes Glück.
Eine Schuld, die du nicht begangen,
Bleicht dir die Wangen,
Ein Vergangnes, das nie gewesen,
Hält dich und läßt dich nimmer genesen.

    Unser bist du!
    Wir, die Sirenen,
Wecken und nähren unstillbares Sehnen,
Zehren dein Mark und saugen dein Blut.

    Denn wir vergiften
    Auch der Gedanken
    Blumige Triften,
Daß sie tief innen welken und kranken.

    Was dir geboten ist,
    Mußt du verachten,
    Nach dem Unmöglichen
    Glühend verschmachten,
    Ließest verschäumen
    Freuden und Not,
    Trinke aus Träumen
    Schleichenden Tod.

                        *

Weg, hinweg, Gesellen der Nacht,
Will euch bannen mit Wortesmacht,
Will mit Gesängen euch übertäuben
Wie mit Wassern, die stürzen und stäuben.

    Harmonien, entfaltet die Schwingen,
    Helft mir sie zwingen,
    Kinder des Lichts!
Helft mir die Winde, die Wellen erwecken,
Brecht durch des Himmels lastende Decken,
Rauscht und spült sie hinab ins Nichts!

 

Das Maienfest

Sie zogen ein weißes Kleid mir an
Und ringelten mir die Löckchen.
Zum Maienfest auf grünem Plan
Führt die Mutter ihr Maienglöckchen.

Da schimmert ein Zelttuch im Sonnenlicht,
Die grünste Wiese auf Erden.
Ein Karussell auch fehlte nicht
Mit hölzernen Wagen und Pferden.

Und paarweis zogen sie Hand in Hand,
Des Lenzes erkorene Schar,
Stillleuchtenden Augs im weißen Gewand,
Maienblumen im Haar.

O Mutter, wo ist mein Platz im Zug?
Schon ruft der Spielmann mit Schalle.
Komm Kind, du hast am Schaun genug,
Das Fest ist nicht für alle!

So blickt ein verstoßenes Engelskind
Auf Edens selige Gäste.
Es sagt kein Wort, kein Tränlein rinnt:
Sie wollen es nicht beim Feste.

Und jenen Mai vergaß ich nie,
Denn was ich auch Schönes errungen,
War keine Wiese so grün wie die,
Wo ich nicht gespielt und gesprungen.

Noch ist mir, ich steh' am Wegesrand
Und seh' die erkorene Schar
Einig vorbeiziehn Hand in Hand,
Maienblumen im Haar.

Ja, stünd' ich heute im Paradies
Vor des Ewigen Angesichte
Und spräch' er: Seit ich dich entließ,
Wie ging dir's im Sonnenlichte?

– Des Guten gabst du mir mancherlei,
Um das Böse will ich nicht klagen,
Jedoch das Schönste, das Fest im Mai
Hast du mir unterschlagen.

Und früg' er lächelnd: Mein lieber Gast,
Was soll ich dir dafür schenken?
– Die grünste Wiese, die du hast,
Mit Zelten, Tischen und Bänken.

Ein Leierkasten sei zur Stell',
Und eins noch möcht' ich bitten:
Gib auch dasselbe Karussell,
Worin sie damals geritten.

Dann will ich spielen im weißen Gewand
Mit des Lenzes erkorener Schar,
Singen und wandern Hand in Hand,
Maienblumen im Haar.

 

Ich saß so lange vom Glück entfernt

Ich saß so lange vom Glück entfernt.
Die Lenze gingen, ich saß und sann.
Da ruft mich's bei Namen und pocht und fleht.
Ich öffne die Pforte: Wer ruft so spät?
    Hinter den Bäumen entflattert ein weißes Gewand.

Die Liebe war's, ich erkannte sie schnell
An den bittenden Augen, dem scheuen Mund.
– So wart' nur, warte, gleich bin ich da.
Ich ruf' meiner Jugend, noch ist sie nah.
    Hinter den Bäumen entflattert ein weißes Gewand.

Komm, Jugend, sonnige, heim zu mir.
Das Glück ist gekommen, nun komm auch du.
Kommt, silbernes Lachen und leichter Schritt,
Und bringt auch mein hoffendes Herz mir mit.
    Hinter den Bäumen entflattert ein weißes Gewand.

Da kehr' ich wieder zu meinem Glück,
Das harrend sitzt auf der Gartenbank.
Ich küsse die Augen ihm lang und still,
Und es sieht nicht, was ich verbergen will.
    Hinter den Bäumen entflattert ein weißes Gewand.

 

Die Brüder

Zwei Brüder herrschen im ewigen Reiche,
Gleich an allbezwingender Macht,
Unentrinnbar in ehernem Ringe
Halten sie alle Erdegebornen,
Eros der eine, der andre der Tod.
Ihrem mächtigen Zepter gehorsam
Ziehen die Scharen der Menschengeschlechter
Des Lebens Bühne hinauf, hinab.
Nimmer ist Friede zwischen den beiden,
Was der eine erschuf, zerstört der andre,
Was dieser verbunden, jener trennt es,
Doch was er verbrochen, der Bruder sühnt's.
Keinem der Herrscher mangle der Weihrauch.
Seid ihr Gewaltigen beide mir hold.
Selig preis' ich das Kind des Standes,
Das noch vom Arm des einen gehalten
Sanft an den Busen des anderen sinkt.

 

Südliche Nacht

Dort schläft die Sonne; tief ist sie zur Ruh,
Und rings verstreut sind ihre Prachtgewande,
Die Venus steht an ihres Lagers Rande
Und zieht gemach den Purpurvorhang zu.

Ein Rabe saß im tiefsten Wald verbannt,
Jetzt fährt er auf und breitet sein Gefieder,
Er schüttelt sich und stäubt den Tau hernieder
Und wächst im Flug und hält die Welt umspannt.

Helläugige Freunde, ewig sichrer Chor,
Sie ziehen auf und wandeln mit den Horen,
Und hell, als würde dort ein Gott geboren,
Steigt überm Berg noch ein Planet empor.

Wie im Gebüsch das junge Mondlicht webt,
Und alles wird so fremd und heimlich eigen.
Hoch überm Lande steht ein Gott, das Schweigen,
Indes die Flur geheimer Sang durchschwebt.

Das ist die Nacht, die mit sich selber spricht!
Sie tönt von leisen, unbekannten Zungen.
Ihr fremdes Lied, für wen ist es gesungen,
Da sie der Seele nie ihr Schweigen bricht?

Ein fremdes Wunder geht die Schönheit um,
Es schwillt die Brust, sie tönend zu begleiten.
O griffe sie vertraut in meine Saiten!
Sie wandelt hin und bleibt mir fern und stumm.

 

Geschwister

Zog ein Kind hinaus in alle Fernen,
Seinen Bruder wollt' es kennen lernen.

Lange hat's gesucht in Süd und Norden,
Sucht nicht weiter, ist so müd geworden.

Schlafen will's bei Blumen an der Quelle:
Wenn mein Bruder kommt, so weck mich schnelle.

– Wenn er kommt, wie kann ich ihn erkennen?
– Drei geheime Zeichen laß ihn nennen:

Frag' ihn, ob er sich in jungen Tagen
Gern und gut mit andrem Volk vertragen.

Frag', ob er mit Brüdern reich gesegnet,
Ob ihm oft ein Schwesterherz begegnet.

Frag' auch, ob ihm wohl ist unterm Haufen,
Ob er gerne läuft, wo andre laufen.

Sagt er: Kampflos wuchs ich auf und heiter,
Wünsch' ihm frohe Fahrt und schick' ihn weiter.

Spricht er: Bin an Brüdern reich und Schwestern,
Sag' ihm: Zieh und freu' dich heut wie gestern.

Mag er gehn, wo alle Welt gegangen,
Hilf ihm schnell zum Heerweg hingelangen.

Aber sagt er: Scheel war ich betrachtet,
Meine Jugend ward verfolgt, geschlachtet.

Ausgestorben, scheint's, ist meine Sippe,
Kann nicht fügsam kauen an der Krippe.

Drum im Waldgrund, wo die Quellen eilen,
Dumpf wie Tier und Pflanze will ich weilen,

Will den Wassern Red' und Antwort tauschen,
Harfe sein, in der die Winde rauschen.

Spricht er so, dann heiß' ihn schnell willkommen.
Zeig' den Weg ihm, den auch ich genommen,

Führ' ihn her zu seiner Mutter Kinde,
Sag' ihm, daß er mich bei Blumen finde.

 

Traumland

Vertrau' dich, Seele, dem Schaukelkahn,
Von Nachtgevögel umflogen,
Nach einer Insel smaragdenem Plan,
Zu deren Port nur die Geister nahn,
Durchschifft er dämmernde Wogen.

Es geht in Finsternis sterndurchglüht
Zur Traumesinsel, der alten,
Wo die Flammen noch leuchten, die hier versprüht,
Und Lenze, die nie auf Erden erblüht,
Ihre wonnigen Knospen entfalten.

Die Wasser von Traumland sind wunderbar,
Wie keine Gewässer der Erde.
Drin spiegelt sich alles, was ist und war,
Sie wallen und waschen die Seele klar
Von des Tages Staub und Beschwerde.

Dort pressen die Winzer den Purpurwein,
Und es blüht die Rebe daneben,
Dort spielst du als Kind mit den Kindern dein,
Dort paaren gefällig sich Sein und Schein,
Zu zeitlos göttlichem Leben.

Es wohnt beisammen im Wunderland,
Was nie sich am Tage gefunden,
Die suchenden Seelen, die lichtverwandt,
Die Freunde, die keiner den andern gekannt,
In Traumland sind sie verbunden.

Die Großen, die Göttlichen weilen dort,
Von denen die Dichter gesungen,
Sie tauschen gesellig dir Gruß und Wort,
Und du wandelst mit ihnen am blühenden Ort
Wie von gleichem Stamme entsprungen.

O Glück, das weit aus der Welt entwich,
O Jugend, die stieg zu den Schatten,
Gestirn der Liebe, das hier verblich,
Ihr zogt mir voraus, ihr erwartet mich
Auf Traumlands seligen Matten.

 

Brautlied

Glieder bei Gliedern gelöst,
Schlaf in die Lider geflößt,
Herzen, die ruhiger pochen,
Und kein Wort mehr gesprochen,
Nur in befriedigter Brust
Eins noch des andern bewußt.

Lippen, die küßten sich wund,
Küßten die Herzen gesund,
Weg das Siechen und Sehnen,
Seufzer und Küsse und Tränen.
Liebe ward wieder ein Kind,
Schuldlos, wie Selige sind.

Horch, und die Glocke erscholl,
Mahnt, daß die Stunde nun voll.
Leicht wie Flaum ist das Leben,
Das sich der Liebe gegeben.
Sterne, o neiget den Blick
Auf ein vollkommnes Geschick!

Droben rudert ein Schwan
Milchweiß schimmernde Bahn,
Hell das Gefieder von Sternen,
Zieht er durch himmlische Fernen,
Rudert nach Traumland voraus,
Sucht der Glückseligen Hans.

Weile, du goldener Schwan.
Stunde, den Flügel halt an.
Über dem bräutlichen Dache
Leis beziehet die Wache.
Bleibt in der Sel'gen Revier –
Traumland und Glücksland sind hier.

 

Die Bleibenden

Alles geht der Vernichtung Bahn,
Selbst der Dichtung hehre Gestalten,
Dauernder als des Lebens Gewalten,
Sind der Vergänglichkeit untertan,
Welken hin und veralten.

Nur enthoben dem Wechselspiel
Stehen die ewig jungen Hellenen,
Allem Schauen, Staunen und Sehnen
Bleibendes Ziel.

    Wie die Zeiten brausend
    Vorüberwandern,
    Ein Jahrtausend
    Zeigt sie dem andern,
Das Schöne wird häßlich, zum Laster die Tugend,
Sie aber blühen in Götterjugend.

Heut noch am blumigen Wiesenhang
Weidet Daphnis die Stier' und Kälber,
Zu der lieblichen Flöte Klang
Tanzen Pan und die Nymphen selber.

Fort und fort bis ans Ende der Welt
Brausen die Kämpfe um Ilions Mauern,
Irrt Odysseus in Sturmesschauern,
Ewig grollt der Pelide im Zelt.

Ewig schwebt um das Schreckensbad
Klytämnestras blutiger Schatten,
Klagechöre, die nie ermatten,
Folgen Antigones Todespfad.

Dorthin nach ihrem goldenen Morgen,
Nach der Unschuld verlorenem Glück,
Blickt die Menschheit aus Not und Sorgen
Ewig zurück.

Heil, o Heil dem selig verweilenden,
Immerwährenden
Griechengeschlechte!
Uns, den Enteilenden,
Nimmerkehrenden,
Gönnt es freundlich des Gastes Rechte.

    Ihre tauigen Gärten
    Laden uns ein,
    Auf ein Weilchen Gefährten
    Der Götter zu sein.

Dort reifen Äpfel am Baum der Bäume,
Wer die genossen, der altert nie.
Dort schenkt uns Armen den Traum der Träume
Die Welterlöserin Poesie.

 

Sonnendienst

Durch Nacht und Graus und starres Bergrevier
Das steilste Gipfelhaupt erklommen wir,
Und auf der Höhe, wo der Frühwind weht,
Erwarten wir der Sonne Majestät.

Noch schläft die Schöpfung. Übermenschlich Bild,
Wie Täler aus und ein der Nebel quillt.
Im grauen Dampf, der steigt und wogt und wallt,
Steht inselhaft der Berge Hochgestalt.

Doch weicht die Nacht, und Stern um Stern verglimmt,
Und nur der Mond als kalte Leiche schwimmt
Im Wolkenmeer, das grau und aufgestört
Sich gegen die Geburt des Lichts empört.

Schau, wie der Osten sich mit Rosen schmückt.
Die Städte, Dörfer sind dem Flor entrückt.
Die Erde hält, das Meer sein festes Teil,
Der Dunst zerfließt, und leuchtend naht das Heil.

Die Sonne kommt. O sprecht kein eitles Wort.
Das Tor ist offen, seht den Schimmer dort.
Wie vor dem König, der vom Lager steigt,
Die Edlen harrend stehn, so harrt und schweigt.

Sie naht, und vor ihr flammt die Purpurbahn,
Sie zeigt sich, Feuerspieße ziehn voran,
Sie tritt hervor, es loht ihr Angesicht,
Nun schließt euch, Augen, ihr ertragt sie nicht.

O Sonnenmutter, halb hinweggewandt,
Doch tief von deiner heil'gen Glut entbrannt,
Mit Augen, die gesenkt dein Auge sehn,
Verehren wir dein glorreich Auferstehn.

Sei du mit uns, mach unsre Sinne hell,
Die Herzen weit, die Glieder leicht und schnell,
In unsren Werken sei du Starke stark,
Gib ihnen Mark von deinem Feuermark.

O Mutter, all den Schläfern dort im Tal,
Dem Vogel, der sich wiegt in deinem Strahl,
Der Blume, die ihr Antlitz zu dir hebt,
Sei allem, allem gnädig, was da lebt.

Allmutter Sonne, die du leidlos bist,
Vergib, wenn einer dein im Leid vergißt,
Und die im Staube kriechend dich nicht sehn,
Laß über sie dein Aug' erwärmend gehn.

Wir aber, die dein Blick am ersten traf,
Die bei dir sind, weil noch die Welt im Schlaf,
Uns laß die nächsten deiner Liebe sein,
Wie du uns segnest, sind wir stark und dein.

Und nun hinab, bevor das Tal erwacht,
Auf reines Mahl und lautres Tun bedacht,
Die Sinne frei und fest des Herzens Schlag,
Von dir geküßt, beginnen wir den Tag.

 

Bedrängnis

Sagt mir, wer ich bin und wo mein Haus?
Sagt, von welcher Küste fuhr ich aus?
Wie mit eins in meinem schwachen Kahn
Fand ich mich auf diesem Ozean?

Tausend Segler kreuzen meinen Kiel,
Jeden kümmert nur das eigne Ziel,
Wild auf Beute steuert der Korsar,
Um mich droht und unter mir Gefahr.

Schimmern stolz die Segel auf der Flut,
Denk' ich wohl: Die Fläche trägt mich gut.
Doch im Dunkel, das den Blick verhängt,
Was beginnen, wenn mich Furcht bedrängt?

Große See, die du zum Spiel mich hast,
Kleiner Nachen, der nur eines faßt,
Weiter Bogen, der sich drüber spannt,
Ewige Lichter, wo, wo find' ich Land?

 

Das Lämpchen

Ein Lämpchen wandert
In unsrem Stamme
Mit heller Flamme
Von Hand zu Hand.
Dem Vater reicht' es
An langer Leiter
Der Ahn herunter.
Wie brannt' es munter,
Als ich's empfing,
Und möchte weiter
Im ewigen Wandern
Zu all den andern,
Die unten stehn.
Es strahlt und funkelt
Noch unverdunkelt,
Und dennoch weiß ich:
In meinen Händen
Mußt du verenden,
Du schönes Licht.

 

Verfrüht

Schirokkonacht im lauen Februar,
Die schwüle Wolke birgt der Sterne Schar,
Da ist ein Schein im feuchten Gras entglommen,
Ein armer Glühwurm, der zu früh gekommen.

Lebendiges Lichtlein, grausam fiel dein Los,
Noch rang die Welt sich nicht aus Winters Schoß
Du kamst allein, und nie im Abenddunkeln
Siehst du der Deinen Freudenfeuer funkeln,
Durchschwärmst nicht im geschwisterlichen Reihn
Die kurze Nacht, du leuchtest, stirbst allein.

Der Lenz ist nah mit deinen Brüdern allen,
Mit Blütenschnee und Duft und Nachtigallen,
Sie werden leuchten, lieben, schwärmend ziehn –
Doch wo bist du? Dein Tag ist lang dahin.

 

Nachtgesicht

Sie tritt zu mir in Nächten still,
Das Haupt umkränzt mit Passifloren,
Wie eine, die noch reden will.
Wer hat dich, holder Geist, beschworen?

Ein blasses Blumenangesicht
Im Flechtengold, im morgendlichen,
Der Wangen Schmelz, des Auges Licht, –
Mich dünkt, einst hab' ich ihr geglichen.

Du Jugend, die so reich erblüht,
Ach, daß du blühtest ungenossen!
Du Flamme, die in sich verglüht,
In die so viele Tränen flossen!

Ach, als du lebtest, war dir weh,
Da lag der Winter auf den Landen,
Du blühtest einsam unterm Schnee
Und sahst die Welt in Eisesbanden.

Du starbest langsam bittern Tod,
Zertreten halb und halb verschmachtet.
Es werden in der Zeit der Not
So edle Opfer hingeschlachtet.

Warum, aus deinem Schlaf gestört,
Erscheinst du jetzt mit Klaggebärde?
Hast du den Amselschlag gehört,
Vernahmst du, daß es Frühling werde?

So brich den Sarg und tritt hervor,
Komm wie du warst im ersten Prangen
Mit Augenglanz und Wangenflor,
Dein Goldhaar laß im Winde hangen.

So fordre deinen Teil an Glück
Von diesem neuen Lenzesreiche,
Und kannst du's nicht, so kehr' zurück,
Kehr' heim ins Grab, geliebte Leiche.

 

Sturm

Über dem Meere der Wolkenzug,
Wolken vom Bergessaume:
Feindliche Riesen auf leisem Flug
Treffen sich hoch im Raume.

    Keuchen und Stoß auf Stoß,
    Feucht und schwer ihr Gefieder,
    Tropfen ringen sich los,
    Einer muß nieder!

Qualvoll Busen an Busen gepreßt,
Liegen die zwei und ringen:
Ostwärts jener und der nach West
Will die Fahrt sich erzwingen.

    Heißer Odem wie Dampf
    Sengt die schweigenden Felder,
    Bang in den Riesenkampf
    Blicken die Wälder.

Raum! Gib Raum! Und ins Wutgestöhn
Schmettern die Siegsfanfaren.
Hoch in Wipfel und Waldeshöhn
Kommt der Westwind gefahren.

    Dem Meere brüllt er: Steh auf!
    Schnell gehorcht es dem Rufer,
    Ganze Geschwader zuhauf
    Wirft es ans Ufer.

Weh, was klirren die Scheiben so wild?
Balken und Ziegel schmettern.
Alles ruft er, was Menschengebild,
Auf zum Tanz mit den Wettern.

    Hoch aus geborstenem Schlund
    Fahren feurige Drachen,
    Tief entblößen den Grund
    Gähnende Rachen.

Wilde Gesichter aus Schaum und Flut
Tauchen empor und grinsen,
Lauter fordert des Meeres Wut
Seine verlornen Provinzen:

    Alter, sei stark, sei stark!
    Was das Land dir gestohlen,
    Samt dem menschlichen Quark
    Wollen wir's holen!

Tief im Lande der Schwall und Schaum
Stürzender Wasserkolosse,
Springend weiden am Wiesensaum
Neptuns weißmähnige Rosse.

    Wind- und Wellentriumph!
    Morgen wollen wir sehen.
    Erde die spielt den Trumpf:
    Schweigen und stehen.

 

Der mir begegnet

Der mir begegnet
Im Ungefähr
Und so mich segnet,
Wer bist du, wer?

Aus welchen Reichen
Bist du gesandt?
Hab' deinesgleichen
Noch nicht gekannt.

Bringt diese Fülle,
Den Feuerguß
In Menschenhülle
Mein Genius?

Rief ihn mein Glaube
Vom Licht herbei,
Daß ich im Staube
Nicht einsam sei?

O wie so leuchtend
Er vor mir kniet,
Sein Aug' sich feuchtend
In meines sieht!

Mit mir auf Flügeln
Ins Blaue steigt,
Von allen Hügeln
Die Welt mir zeigt

Und seine Liebe
Als Kranz von Licht
Hoch überm Getriebe
Ums Haupt mir flicht!

 

Märchen

Es lag ein Pärlein noch ungeboren
In seiner Höhle und schlief.
Doch das Mägdlein hatte zu feine Ohren,
Es hörte den Hahn, der rief,
Und dacht', ihm müsse der Weckruf gelten,
Stand auf und trat in den Sonnenschein,
In die beste der Welten
Mutterseelenallein.
Oben im Wald und auf wilder Heide
Lief es allein im wehenden Kleide,
Lief es allein und sang,
Bis der Wind ihm den Atem verdrang,
Stieg auf Felsen und schwamm durch Flüsse,
Lacht' in den Sturm und die Regengüsse,
Weint' in des Frühlings unendlichen Drang.
Viele närrische kleine Verstecke
Blickten sie an aus Busch und Hecke.
Als ob das Leben ein Spielplatz wär'.
Doch wer spielt mit dem Liebchen, wer?
Zwar manch willigen Kameraden
Traf sie an auf den grünen Pfaden,
Aber die Spiele, die ihr gefielen,
Keiner konnte die Spiele spielen.
Brüderlein drunten, das faule Bübchen,
Lag und schlief noch im engen Stübchen.
Da hat sie am Wege sich hingesetzt,
Ihre Füße sind wund gelaufen,
Will die Sonne noch sehen zu guter Letzt
Und ein wenig verschnaufen.
Ihr ist so weit und still ums Herz,
Und Tränen tropfen, doch nicht vor Schmerz.
Da schau, wer kommt des Weges gerannt,
Mit Singen gehüpft und gesprungen?
Sie lächelt und hat ihn gleich erkannt,
Sobald die Stimme erklungen.
Es ist der Knabe im braunen Haar,
Der ihr da drunten Gefährte war.
Er sieht in der Welt sich so hilflos um,
Lacht und weint und ist halb von Sinnen,
Ihm ist noch ganz schläfrig und dumm,
Weiß nicht, was mit sich beginnen.
Doch ohne Säumen begrüßt er sie
Und legt den Kopf auf ihre Knie.
Sie sagt: Was kommst du denn so spät?
Sieh nur, wie hoch die Sonne steht.
Alles hab' ich ja schon gesehen,
Können nicht mehr zusammen gehen,
Doch allenthalb in Wald und Flur
Noch frisch ist meiner Füße Spur.
So zieh mit Gott, kein Harm dich kränk',
Und unterwegs sei mein gedenk.

 

Panik

Tief war das Schweigen
Im Eichenhain,
Der Mond um die Blätter spann,
Und ich fühlte so eigen,
Als müßt' es sein,
Den Zauber der da begann.
Deutlicher war mir die Welt geworden,
Als trät' ich in einen höheren Orden.
In mir fühlt' ich von Haupt zu Sohlen
Der Dinge heimliches Atemholen,
Fühlte des Baumes leibliches Leben
Oder fühlte mich selbst als Baum,
All sein mächtiges Aufwärtsstreben
Und das selige Blätterweben
Und das wohlige Dehnen im Raum.
Seiner Säfte geheimes Rinnen
Spürt' ich tief innen,
Wie sie in Zweigen
Quellen und steigen,
Tief von der Wurzel zur Krone ziehn
Bis zum feinsten Geäder des Laubes hin.
Und ich dachte: Was will das werden,
Gleicht mir denn jegliches Ding auf Erden?
Der Baum und der Strauch
Hat ein Antlitz wie meines,
Die tauigen Gräser der Wiese auch,
Alle seh' ich als eines.
Näher wuchs es und näher heran,
Und die tausend Blättergesichter
Blickten mich an,
Nah mich an wie leiblich verwandte,
Vor Zeiten gekannte
Züge und winkende Augenlichter.
Und so lag ich mir selbst entrückt,
Wohlig und halb beklommen,
Bis mir ein Schreck durch die Glieder zückt,
Als hätt' ich die Stimme Pans vernommen.
Fort, nur fort!
Daß Gott sich erbarme!
Daß er die langen, laubigen Arme
Nicht nach mir strecke,
Der Baumesrecke.
Der stand ruhig am alten Ort,
Unverwandt
Sah er ins Land,
Tat als hätt' er mich nie gekannt.

 

Kürzer schon werden die Tage

Kürzer schon werden die Tage,
Tage des sinkenden Jahrs,
Köstlicher schon die rasch hineilende Stunde.
Und noch immer erschienen sie nicht,
Sie, auf die ich gewartet habe
Ein langes Leben verlangend und stumm.
Meine geflügelten singenden Boten
Sandt' ich hinaus:
Eure Schwester verlangt nach euch,
Sie verschmachtet, kommt, sie zu laben.
Traurig kehrten die Boten zurück.
Sangt ihr nicht schön genug?
Gehet noch einmal,
Lauter, lockender töne der Ruf!
Doch er tönte vergeblich,
Antwort tönte mir nicht zurück.
Schlaft ihr noch Glückliche drunten
Traumlos goldenen Schlaf?
Aber ihr werdet kommen und du wirst kommen,
Du vor allen, mein Lieblingsbruder,
Du mit den Augen lachenden Scheins,
Du mit dem Herzen so stolz wie meins,
Auf den Gipfeln heimisch wo Adler horsten
Und im blumigen, stillverschwiegenen Tale beim Wasserfall,
Du, für den ich gelebt und gedacht und gedichtet,
Denn all mein Sinnen war nur ein leises Reden mit dir.
Den ich gesucht in hundert Gestalten
Und nicht gefunden,
Kommen wirst du, wenn ich dahin.
Und was wird man von mir dir zeigen?
Wenig Worte, für dich gesprochen –
Wirst du den Schlüssel finden der heimlichen Worte? –
Und ein Bildnis, das mir von ferne nicht gleicht.
Liebster, wirst du mich draus erkennen,
Mich übers Grab die Deine nennen?
Hoffen ist Wahnsinn – ich hoff' es doch.

 

Unerreichbar

    Nicht ereilen
Kann ich dich, und jagt' ich hundert Meilen.
Vor mir her wie blauer Dunst der Ferne
Schwebt das Glück und schwindet in die Sterne.

    Deiner harrend
Trug ich Gluten, saß von Kälte starrend.
Winter ging und Sommer, wie mein heißes
Herz sich still verzehrte, keiner weiß es.

    – Höher klimme!
Rief's von Gipfeln her mit deiner Stimme.
Auf zu Gipfeln trug mich mein Gefieder,
Hinter Gipfeln ging die Sonne nieder.

    Tief und tiefer
Sinkt mein Tag, auf schnellen Sohlen lief er,
Schneller noch und weiter lief mein Sehnen,
Um den Erdball lief's und kehrt' in Tränen.

    Sachte weilen
Jetzt die Schritte, die dich nicht ereilen.
Blaue Fluten glänzen. Sein Getöse
Stillt der Stromgott vor des Meeres Größe.

 

Namenlos

                      I

Du edles Bild, jetzt schläfst du namenlos
                                        Im Erdenschoß;
Wer sagt's der Welt, die marktet wie zuvor,
Daß sie ein königliches Haupt verlor?
Des Ruhmes Mund ist stumm, es schweigt das Lied.
Wer sagt's, daß ein Erwählter von uns schied?

Der Regen sagt es nicht, der sickernd jetzt
                                    Das Haar dir netzt,
Die Erde sagt es nicht, die solchen Raub
Im Schoße birgt wie ihren Alltagsstaub,
Die Halme sagen's nicht, die hoch und breit
Den Hügel decken mit Vergessenheit.

Natur ist stumm, und wenig gilt der Welt,
                                    Wer klanglos fällt.
Sie ehrt den Sieger nur im lauten Zug,
Und fragt nicht, wer er ist, noch wen er schlug,
Wer klagt, wenn in der Höh' ein Stern erblich?
Wo Tod und Leben schweigen, schweig' auch ich. –

Die Sage weiß von eines Helden Mal
                                    Im stillsten Tal,
Wo Ehrfurcht stumm den Wandrer eilen hieß
Und jeden Laut aus seinem Hag verwies.
So geh' ich leis, den Finger auf dem Mund,
Vorbei an deinem namenlosen Grund.

 
                      II

Das war ein Tag, wo die Dämonen lachten:
Das Schöne darf auf Erden nicht gedeihn.
Die wußten's wohl, wen sie zu Grabe brachten,
Sie wußten's auch, wir sollten Freunde sein.

Dich rief der Geist zu leuchtendem Vollbringen,
Doch deine Zeit schloß dir die Pforten zu.
Du solltest Taten tun und ich sie singen.
Wir beide sind betrogen, habe Ruh'.

 
                      III

Daß Blumen welken, leicht verschmerzte, sei's!
Doch daß die Eiche fällt, an deren Kraft
Jahrhunderte geschaffen und gerüttelt!
Auch solch ein Stamm, er fällt und fault und wird
Bis auf die Stelle, wo er stand, vergessen.
Vergebens müht sich dann Erinnerung,
Den mächtigen Dom mit seinem Vogelschmettern,
Dem Sonnenflimmer in smaragdnen Zweigen,
Dem Schatten, drin so wohlig sich's geruht,
Und all sein Weben leibhaft zu bewahren.

                                      *

Ach, daß ich sagen muß: du warst! Der Käfer,
Der sich im Garten sonnt, ist mehr als du,
Ihn hält die sichre Schranke der Gestalt,
Und dein Gedanke, der die Welt umfaßte,
Ist weggeschüttet in das Meer des Seins.

                                      *

Mir aber ist so festlich doch zu Sinn,
Als müßten lauter jetzt die Quellen rauschen,
Als müßten alle Bäume satter grünen,
Als müßten alle Pulse voller schlagen,
Als müßten Sterne hellern Glanz versenden,
Seit so viel Kraft Natur zurückgenommen.
Ja, und ein Schauer faßt mich, wenn ich's denke:
Ich selbst vielleicht ward reich durch dieses Erbe,
Vielleicht das Blut in meinen Adern kreist
Schon feuriger, und höher wallt mein Geist,
Weil solcher Kraft ein Teil in mich gezogen.

 

Stimme des Meeres

Wo immer ich weile, bei Nacht und Tag
Vernehm' ich des Meeres Wellenschlag,
Ich seh's, wie es phosphorn im Mondlicht ruht,
Sich in Buchten schmiegt oder brüllt vor Wut,
Und mit lautem Guß, wenn der Sturm vergrollt,
Kies und Muscheln zum Strande rollte
Seine Rhythmen, furchtbar und feierlich,
Seine Weltgesänge durchbrausen mich,
Und das Sehnen des Busens, der ewig wallt
Nach der blassen wandelnden Lichtgestalt.

O wär' ich der schimmernde Albatros,
Der König der Meere, des Sturms Genoß!
Am Kap der Winde wär' ich zu Haus,
Dort jagt' ich und ruht' auf den Wogen aus,
Und ich hörte des Eisbergs Donnergekrach,
Dem Golfstrom zög' ich, den Winden nach.

Im Tal, auf Bergen und wo ich sei,
Nach dem Meere schwebt meine Seele frei,
Sie haust auf Klippen, der Welt entfernt,
Sie atmet im Sturm und hat 's Fürchten verlernt
Und singt mit der Welle, die steigt und flieht,
Ihr uralt ewiges Sehnsuchtslied.

 

Wo?

Ich frage Sonn' und Sterne,
Den Quell, den Wind,
Wo meines Herzens ferne
Gespielen sind?

Ihr lebt in meiner Seele,
Geschwister traut,
Ob euch denn niemals fehle
Der Schwesterlaut?

Tragt ihr nicht auch die Fülle
Allein und stumm
Und nehmt im Schwarm die Hülle
Des Schweigens um?

Die Hand möcht' ich euch reichen
Auf meinem Gang,
Ich leg' Erkennungszeichen
Den Weg entlang.

Ihr wißt: auf dieser Schwelle
Hat sie geruht,
Sie trank aus jener Quelle
Die reine Flut.

In allen meinen Liedern
Sprech' ich zu euch.
O könntet ihr erwidern,
Wie wär' ich reich!

Mein Rufen all und Winken
Im Wind verweht,
Bald wird die Sonne sinken,
Dann ist's zu spät.

Geliebte, laßt euch segnen
In meinem Leid,
Ich kann euch nicht begegnen
Und weiß, ihr seid.

 

Laß mich, denn mein Herz ist ohne Pochen

Laß mich, denn mein Herz ist ohne Pochen,
Weil das Glück zu lang für mich gezaudert,
Blumen hast du für mein Haar gebrochen,
Während Frost mir durch die Seele schaudert.

Denn der Lenz ist schnell hinweggeflogen,
Und der heiße Sommer flog geschwinder,
Mädchen, die mit mir zum Tanze zogen,
Wiegen schon die Kinder ihrer Kinder.

Meine Schwelle hat das Glück vergessen.
Sieh, es wuchs das Gras mir auf den Steinen.
Bin zu lange trauernd schon gesessen,
Unter deinen Küssen muß ich weinen.

Wenn der Tag erschien im Lichtgewande,
Schmückt' ich mich, die Freude zu empfangen,
Wenn der Abend sank auf Dämmerlande,
Sprach ich leis: Sie ist vorbeigegangen.

Veilchen bringst du mir und Maienblüte,
Während Herbst mir durch die Seele schaudert.
Ach, wo warst du, da mein Herz noch glühte?
Laß mich, weil das Glück zu lang gezaudert.

 

Geheimnis

Sie sahn sich gern, doch suchten sie sich nie,
Mit keinem Wort noch Blick umwarb er sie,
Sie fragt nicht, wem sein unstet Herz gehört,
Sein Gehen hat ihr nicht den Schlaf gestört.

Und doch, so oft die zwei sich wieder nahn,
Läuft eine Welle zitternd ihm voran,
Sein Bild erscheint ihr, eh er selber da,
Die Luft erbebt und flüstert: Er ist nah.

Wenn sie sich treffen, ist's von ungefähr,
Doch beiden klopft das Herz, als wär' es mehr,
Ein Band wird fühlbar, das sie leis umflicht,
Dann fallen Worte, und der Zauber bricht.

Nur einmal hat er sie im Traum geküßt,
Fürwahr, nie kam ihm wachend solch Gelüst.
Sie fährt empor, von heißem Schreck berührt,
Sie hat von ferne seinen Kuß gespürt.

Nun sitzt er schlaflos auf dem Bett und sinnt:
Ist sie's, die wissend diesen Zauber spinnt?
Und sie zur gleichen Stunde staunt und frägt:
Fühlt er und teilt er, was in mir sich regt?

Das Leben eilt, und sie vereint es nicht.
Längst hat ein andrer ihre Treu und Pflicht,
Daß ihr Geschick nicht volle Blüten trieb,
Sie weiß es kaum – noch daß er einsam blieb.

Doch heut von Weh ist ihre Brust umschnürt,
Sein Geist hat scheidend ihren Geist berührt.
Er kam und raunt' ihr in der nächtigen Ruh
Ein Fahrewohl für dieses Leben zu.

Und immer sinnt sie nun dem Rätsel nach:
War es ein erster Ring, der hier zerbrach?
War's einer frühren Kette letztes Glied,
Von der verjüngter Erdenleib sie schied?

 

Die Liebenden

Meinem Freund, dem wunderlichen,
Wechseln seltsam die Gelüste,
Als wir jüngst den Wald durchstrichen,
Denkt ihr wohl, daß er mich küßte?

Meine Hand hielt er gefangen,
Zog ein kleines scharfes Scherchen –,
Wär' ein Mensch des Wegs gegangen,
Ihn erstaunte solches Pärchen.

Auf dem Stamm, da wir gesessen,
Gegen alle Liebesregel,
Hat er Scherz und Kuß vergessen,
Schnitt behutsam mir die Nägel.

Sprach: So große gelbe Katzen
Schuf Natur nicht treu und ehrlich,
Haben Schwerter an den Tatzen,
Und ihr Krallen ist gefährlich.

Feilt und glättet drauf bedächtig,
Und ich hielt und mußte lachen,
Denn das Werk gelang ihm prächtig,
Könnt' es selbst nicht besser machen.

Und ich dachte still das meine:
Solche große gelbe Katzen,
Wie ich meinem Freund erscheine,
Können ohne Krallen kratzen.

 

Alpenglühen

Sieh, wie die Alpe glüht!
Von den gefallenen Funken,
Die sie durstig getrunken,
Rosig ihr Antlitz blüht.

Löst sich die starre Brust?
Ward ihr Leben verheißen?
Röter, wie glühendes Eisen
Brennt sie und flammt in Lust.

Ach, nur den Traum von Glück
Gönnen die Liebesmächte,
Seine ewigen Rechte
Fordert der Tod zurück.

Schau', die Alpe verglüht!
Schon erloschen der Schimmer,
Nur ein rötlicher Glimmer
Zaudert noch sterbensmüd.

Blässe bis auf zur Stirn!
Um die erstarrende Leiche
Schlingt das eisige, bleiche
Bahrtuch der alte Firn.

 

Schau', die tiefen Täler dunkeln

Schau', die tiefen Täler dunkeln,
Doch hier oben säumt der Tag,
Der von den geliebten Höhen,
Während schon die Sterne funkeln,
Ungern scheiden mag.

An der Alpe schroffen Matten
Glühn die Hirtenfeuer auf,
Flammend hebt das Wetterleuchten
Bergeshäupter aus dem Schatten
Und der Rhone Lauf.

Lichtlein seh' ich drunten zucken,
Spähend von der Bergeswacht,
Sind die kleinen Menschenseelen,
Die im Tal zusammenducken
Unterm Tritt der Nacht.

 

Die Nachtigall

Es hat der Tag sein Werk vollbracht,
Die Amsel pfiff ihr Nest zur Ruh,
Aus Eichenwipfeln durch die Nacht
Leis klagt das Kiuh.

Nun duften stärker Baum und Strauch,
Vom Jasminhag, vom Lilienbeet
Verhaltner Sehnsucht schwüler Hauch
Betäubend weht.

Da horch, ein Ton! Und flötengleich
In goldnen Tropfen niederquillt's,
Drauf wie ein Band in Lüften weich
Hinflatternd schwillt's.

Ein Klagelaut, ein sehnend Moll,
Das halb die Sprossen niedersteigt,
Dann zückt es aufwärts jubelvoll
Und fällt und schweigt.

Den Odem hält die weite Flur,
Es schweigt das Summen, Raunen all:
Sie ist es! So kann's eine nur,
Die Nachtigall!

Sie singt von keinem Erdenglück,
Ist Botin einer andern Welt,
Sie bringt ein Teil von dem zurück,
Was nie zerfällt.

Sie ist ein Geist, der kommt und lehrt
Der Dinge Maß und ewigen Reim,
Dann schmettert er Triumph und kehrt
Zu Sphären heim.

 

Finkenlied

Was hör' ich da für Jubelschall?
Es sitzt ein Fink im Hag,
Der stahl den Triller der Nachtigall
Und schmettert den ganzen Tag:
Tirili, tirili, tirili!
Jetzt kann ich's so schön wie sie.

Ja Pfeif' und Waldhorn spielst du flink,
Die Flöte lernst du nicht.
Ich hör' dich gerne, Meister Fink,
Doch die Seele fehlt dem Gedicht.
Tirili! tirili! tirili!
Ich singe – was will denn die?

Brav, Sänger, der sein Recht verficht,
Nur zu, ich freu' mich drob,
Du singst und fürchtst den Tadel nicht
Und bettelst nicht um Lob.
Tirili! tirili! tirili!
Ich singe, wie's Gott verlieh.

 

O bleib bei mir

O bleib bei mir, mein junges Glück,
Noch eine kleine Weile,
Daß ich vom Weg das letzte Stück
Leicht wie im Tanz durcheile.

Wie eines Grabes Platte lag
Auf mir das dumpfe Leben,
Du hobst den Stein, du hast dem Tag
Dem hellen mich gegeben.

Du hast dich zwischen mich gestellt
Und alle meine Dränger.
Du sprachst zum rauhen Frost der Welt:
Berühre sie nicht länger.

Du gabst die Jugend mir zurück,
Die freudlos hingesunken,
Und einen vollen Becher Glück
Hast du mir zugetrunken.

Das ist ein Trank, der mehr berauscht,
Als Taumelsaft der Trauben,
Die Welt ist oder ich vertauscht,
Und Wunder lern' ich glauben.

Ich stellt' ein Haus in blaue Luft
Und glaub' es fest gegründet,
Ich nenne rosigen Morgenduft,
Was dort den West entzündet.

Mein Glück sogar, ich fühl' es kaum,
So leicht ist Glauben, Lieben,
Das Leben ward ein Traum, ein Flaum,
Und soll wie der zerstieben.

 

Ich träume, daß das Glück den Mund mir küßte

Ich träume, daß das Glück den Mund mir küßte,
Und weh mir, wenn ich je erwachen müßte!
Recht wie ein Kindlein ruht am Mutterherzen,
Verträum' ich lächelnd meines Lebens Schmerzen.

O Glück, nach dem ich allzulang getrauert,
Nun halte mich, solang mein Tag noch dauert,
Aus deinen Armen laß mich in den Hafen
Des träumelosen Schlafs hinüberschlafen.

 

Kinderland

Bleib im Kinderland,
Bleib im Engelsstand,
Seliger, verklärter Leib,
Schöner viel als Mann und Weib.
Tierlein kommt und spricht dich an,
Denn dein Sinn ist aufgetan.
Lang und glücklich ist dein Tag,
Sonne nicht zur Ruhe mag
Überm Kinderland.

Kommt die Nacht herauf,
Sternlein mit zuhauf,
Freundlich grad herunterzielen,
Wollen mit dem Kinde spielen,
In die Ecke Strumpf und Schuh.
Sandmann schließt die Läden zu,
Nur am Baum die Edelsteine
Leuchten fort mit sanftem Scheine
Überm Kinderland.

Wenn der Rauchfrost fällt,
Zucker wird die Welt:
Kriecht das Zwerglein aus dem Fels,
Bär mit braunem Zottelpelz,
Hängen all voll weißer Zäpfchen,
Schlange kommt und leert dein Näpfchen.
Alle dir verwandt,
All im Kinderland.

Schleichst du je hinaus,
Findst nicht mehr nach Haus.
Draußen weht der Wind so stark,
Weht dem Kind durch Bein und Mark,
Tierlein kommt noch zu dir her,
Aber du verstehst's nicht mehr.
Irrst im Wald nach frischem Trank,
Rote Beeren machen krank,
Immer mußt du draußen stehen,
Immer suchen, fragen, flehen,
Bist und bleibst verbannt,
Fern vom Kinderland.

 

Des Kindes Tagewerk

Was hat das Kind zu tun?
Von früh, wenn kaum der Hahn gekräht,
Den langen Tag bis abends spät –
Ihr denkt, es treibe Spaß und Spiel?
Das Kind hat Mühn und Pflichten viel,
Darf rasten nicht noch ruhn.

Beim ersten Sonnenstrahl
Sein Jubel tönt durchs Schlafgemach,
Es huscht und küßt die Eltern wach.
Dann schleppt es Milch und Mehl herbei,
Kocht seinem Volk den Morgenbrei
Und teilt das Puppenmahl.

Zum Garten jetzt im Lauf!
Der Schneck bekroch des Elfen Haus,
Drum wäscht das Kind die Blätter aus.
Dort liegt ein Vöglein tot am Rain,
Man gräbt es voll Erbarmen ein
Und pflanzt ein Kreuz darauf.

Laßt mir das Kind in Ruh!
Das Abc ist viel zu schwer.
Wo nähm' das Kind die Zeit auch her?
Die Puppenwäsche muß herein,
Und bei dem letzten Tagesschein
Die Äuglein fallen zu.

 

Das Bettelkind

Das Kind der Not, das zum Erwerb
Um eine Gabe weint,
Wie in dem jungen Antlitz herb
Der Armut Fluch erscheint.
Ein Mund, zur Lüge schon gereift,
Ein Auge, das die Welt begreift.

Das Maienfest, der Weihnachtsbaum,
Des Märchens Sonnenflur,
Das Wiegenlied, der goldne Traum
Gehört dem Reichen nur.
Der Unschuld heiliger Überfluß,
Den Armut ewig neiden muß.

Nicht daß es hungert, darbt und friert,
Sein herbstes Los ist dies:
Daß es sein Heimatrecht verliert
Im Kinderparadies,
Denn vornehm sind die Cherubim,
Sie spielen, tanzen nicht mit ihm.

Ihr füllt mit Geld, ihr füllt mit Brot
Die ausgestreckte Hand.
Wer zeigt, was ihm am meisten not,
Den Weg ins Kinderland?
Daß es des Lebens Kampf und List
Auf goldner Märchenau vergißt.

 

Meutrer in der Königshalle

Nächtens bei der Sterne Licht
Hör ich, wie zum Leib die Seele spricht:
Meutrer in der Königshalle!
Diese Mär ist neu.
Meine besten Diener alle
Künden mir die Treu?
Füße, habt um Ruh gebeten,
Mögt den Schlamm nicht länger treten,
Augen, wollt euch schließen,
Tiefe Rast genießen.
Herz, des bangen Pochens müde,
Sagt nur: Friede!

Noch ein Weilchen haltet stand
Hier auf Sonnenauen,
Denn des Alters trübes Land
Wollen wir nicht schauen.
Füße, sollt auf Rasen gehen,
Augen, sollt den Himmel sehen,
Herz, in deinen Tagen
Sollst gelassner schlagen.
Bleibt, ihr Braven, fest und gleich,
Munter, bald entlass' ich euch.
Weg mach' euch nicht bange,
Ruh' die kommt ist lange.

 

Nein, nicht vor mir im Staube knien

Nein, nicht vor mir im Staube knien!
Nicht mir im Arm wie Rohr zerbrechen!
Ist erst der Stunde Rausch dahin,
Ich weiß, du wirst es an mir rächen.

Jetzt ist dein Aug' von Tränen naß,
Doch manchmal blinkt's wie Mördereisen.
In deiner Liebe grollt ein Haß
Und droht mich künftig zu zerreißen.

Wo ist der Held, der frei vereint
Mit mir auf Lebenshöhen stiege?
Der tröstet, wenn das Herz mir weint,
Und mit mir lächelt, wenn ich siege?

Der nicht Gebieter ist noch Knecht,
Der fühlt wie stille Wunden brennen,
Der schonend auch dem zärtern Recht
Sich neigt in willigem Erkennen?

Wo ist der Held? Es tönt von fern
Wie Gruß von ihm an meine Ohren.
Der Held, der meines Lebens Stern,
Wird erst nach meinem Tod geboren.

 

Wer hat und das getan?

Wer hat uns das getan?
Woher mit einem Male
Fiel dieser Frost uns an,
Aus welchem Todestale?

Sind wir's, die Haupt an Haupt
Getrotzt der Stürme Wüten,
Die einen Lenz geglaubt,
Deß Knospen nie verblühten?

Die oft nach heißem Streit
Sich in die Arme flogen,
Die aus der Bitterkeit
Erneute Süße sogen?

Noch schmiegt sich meinem Druck
Der Leib, der lebenswarme,
Doch wie ein nächtiger Spuk
Zerrinnt er mir im Arme.

Wenn mich dein Arm umflicht,
Wenn ich mich an dich drücke,
Der Mund wie träumend spricht
Mit dem gestorbnen Glücke,

In Worten halb und leis,
Die nur wir zwei verstehen,
Die bald nun keiner weiß,
Wenn wir uns nicht mehr sehen.

Nun geh es, wie es will,
Wir neigen uns zusammen,
Und Tränen netzen still
Die Asche solcher Flammen

 

Jetzt heißt es still und heimlich sich entfernen

Jetzt heißt es still und heimlich sich entfernen.
Wer wagt's der Liebe Lebewohl zu sagen?
Entschloßnes Lebewohl den Sonnentagen,
Die hingeblüht, und allen Jugendsternen?
Wer wagt's, sein Glück noch einmal zu umfassen,
Ins Aug' ihm schaun und es auf ewig lassen?

Es war doch Glück, und endigt's gleich mit Schmerzen,
Es war doch treu, bevor's die Stunden raubten.
Wer darf uns schelten, daß wir's ewig glaubten,
Als wir so fest uns hielten Herz am Herzen,
Mit Schweigen uns den tiefsten Sinn vertrauten,
Und eins im andern uns die Heimat bauten?

Was wird nun sein? Die Tage werden kommen
Und gehn und jeder wird dem andern gleichen.
Das Schöne aber bleibt hinweggenommen,
Und endlich wird Erinnrung auch verbleichen,
Bis taub und tot, dem Schattenreich verhandelt,
Das Herz vergißt, wie sich's im Licht gewandelt.

 

Das ist das Schlimmste

Das ist das Schlimmste: wenn zwei Herzen scheiden,
Wird alsobald ein Abgrund aufgerissen,
Der keins mehr läßt die Not des andern wissen.
Der Strom der Hölle flutet zwischen beiden.

Das Auge sieht der Liebe holde Mienen
Entstellt im fremdgewordnen Angesichte,
Und jede süße Heimlichkeit zunichte,
Den Spiegel trüb, in dem die Welt erschienen.

Der Worte Spiel, das tiefstes Leben tauschte,
Verlor den Sinn im einst geliebten Munde,
Weil jetzt der Schlüssel fehlt zu jenem Grunde,
Wo sich das ungesprochne sonst erlauschte.

Frau Zunge kommt – o mög sie Gott verderben!
Sie lispelt leis und träufelt in die Wunden
Ihr Gift, das alles Glück vergangner Stunden
In Pein verkehrt und hundertfaches Sterben.

Das ist der Schluß: dem Lassen folgt das Hassen.
Und nirgend, nirgend, nirgend eine Brücke,
Kein Wiedersehn, kein Fahrewohl dem Glücke,
Kein Gruß vorm letzten, ewigen Verblassen.

Vielleicht am Ende steigt aus Grabesschollen,
Noch einmal rein vom Schutt gestürzter Tempel,
Das echte Bildnis mit der Wahrheit Stempel,
Darauf zu spät verlorene Tränen rollen.

 

Zu Arnold Böcklins Totenfeier

Der Meister schied. Er hat sein Werk vollbracht,
Der unermüdlich in des Lebens Dürre
Die goldnen Hesperidenäpfel streute,
Der über allem Kampf und Lärm der Welt
Des Spieles heiligen Ernst für uns gerettet.
Denn Länder schuf er, Meere, Königreiche
Der Poesie und gab sie uns und ließ
Uns drin wie mit den ersten Göttern wohnen.
So rastlos schaffend, spendend, nie bekümmert,
Auf welchen Boden seine Früchte fielen,
Sah er die letzte Sonne niedergehn,
Dann stieg er lächelnd in den Kahn und glitt
Hinweg, die unbekannten Wogen furchend.
Zur stillen Insel ging er, wo am Strand
Das Wasser schläft, wo unter hohen Bäumen
Die frommen Schatten zu Altären wallen,
Bei Flammen, Blumen ernsten Dienst begehend,
Wo nur zuweilen leis ein Nachen landet,
Aus dem verhüllt ein neuer Gast entsteigt,
Wo alles Erdenlebens Drang und Fülle
Nur als Musik noch in den Wipfeln schwebt.
Dort weilen sie, die unvergänglich sind,
Und dorthin ging auch Er.

                                            Kein Trauerwort
Folge dem herrlich nun Vollendeten!
Mit Blumen, Flammen wollen wir ihn ehren,
Mit solcher Weihe, die er selbst gelehrt.
Was er uns oft in Bildern festlich zeigte,
Heut sei's für ihn vollbracht. So lodert, Flammen,
Preist ihn, ihr Blumen, Elemente alle,
Ehrt euren Dichter! Schweb' empor, Musik,
Trag dem Entrückten, aber Unverlornen
Ins Land des Schweigens unsre Grüße nach!

 

Morgengruß

Flatternde weiße Tauben
Streifen das Fensterglas,
Fittich an Fittich, ein endloser Zug.
Aber siehe, auffliegt das Fenster,
Und herein mit Gewirbel
Fährt und legt sich zu meinen Füßen
Eine glänzende Flocke Schnees.

Schnee, mein trauter Jugendgespiele,
Wahrlich, ich hatte dich nicht erkannt,
Glaubte dich fern auf ragender Hochburg,
In den reinen balsamischen Lüften
Deiner durchleuchteten Sommerpaläste.
Doch du, kaum hörst du, ich sei gekommen,
Gestern gekommen aus fremdem Lande,
Klopfst du heute schon an mein Fenster,
Wie ein Freund, der sich schickt,
Frühmorgens als erster die Freundin zu grüßen.
Dank dir, daß du an mich gedacht.
Breite nun wieder zu meinen Füßen
Deinen fürstlichen Hermelin.
Bring mir noch einmal,
Der von der Südlandssonne Versengten,
Kühle, lachende Jugendwonnen,
Schlittengeklingel durch gläserne Wälder,
Wo auf kristallener Äste
Traumhaft glitzernden Wundergeschmeiden
Tausendfarbig die Sonne strahlt,
Unsre kalte blendende Wintersonne.
Deine Märchen erzähle mir wieder:
Wie der Frostriese kam, der grimmige Freier,
Und wie du sie bargst, die zitternde Braut
Vor des Unholds schaurigen Armen.
Sag', was träumt sie, die holde Erde,
Wo du sie hütest, gefesselt vom Schlafdorn?
Spricht sie im Schlummer vom kommenden Lenze,
Oder denkt sie der ungeborenen
Ernten, die sie im Schoße trägt?
Gieb der Liebenden weichen Schlummer.

 

Die Tage meines Glückes

Die Tage meines Glückes, gezählt hab' ich sie nicht,
Mein Herz wie eine Lerche stieg auf zum Licht.
Rings leuchtete die Erde, ein Freudensaal,
Ich wehrte nachts dem Schlummer, der dein Bild mir stahl,
Entzückt, wenn deine Liebe jeden neuen Tag
Wie ein Götterkleinod auf meinem Kissen lag.
Wo ich ging und weilte, in Haus und Flur und Steg,
Glanz aus deinem Auge fiel auf meinen Weg.

Der Glanz ist nun erloschen, ich such' ihn nicht mehr,
Die Pfade, die ich gehe, sind steil und schwer.
Wo mich dein Arm gehalten, den Weg erkenn' ich nicht,
Verwandelt hat die Gegend ihr Angesicht.

Gebe Gott das eine: wenn die Frist,
An die mein Lauf gebunden, vorüber ist,
Daß mir die letzte Straße ein Glanz erhellt,
Der aus des Glückes Augen in meine fällt.

 

Im Frühling

            I
Der Bursche

Wie war der Winter lang und schwer,
Die Bäume kahle Besen,
Es klang wie eine Ammenmär,
Daß es einst Lenz gewesen.

Da kam der Jungherr heim zur Nacht,
Brach Kerker auf und Särge,
Und schlug mit seiner vollen Macht
Den Alten in die Berge.

Der mag nun dort beim Alpenfirn
Von seiner Weltmacht träumen.
Der Sieger kränzt mit Laub die Stirn
Und lehnt an Blütenbäumen.

Wenn's erst im Hain von Blüten schneit,
Vergißt man Winterflocken,
Und wenn die Bächlein sich befreit,
Wie darf der Mensch noch stocken?

Laßt uns hinaus ins freie Land
Auf leichten Wandersohlen!
Es sitzt das Glück am Wegesrand
Und wartet, daß wir's holen.

            II
Das Mädchen

Sieh, der Lenz ist halb schon hingeblüht,
Lastet schwerer nur auf dem Gemüt.
Schon auf Wiesen steckt der Löwenzahn
Weiße leichtverwehte Lichter an.

Stündlich in die Ferne muß ich sehn,
Bis am Himmel hoch die Sterne gehn.
Aus den Lüften weht es schwül und bang.
Glück, wo bist du? Säume nicht zu lang.

Von Johannisfunken schwärmt die Nacht,
Tausend Liebesfeuer sind entfacht.
Baut sein Nest schon jedes Tier im Wald,
Willst du kommen, Glück, so komme bald.

 

Entrückung

Zur Zeit wenn lautlos selbst die Welle ruht
Und nichts lebendig ist als Licht und Glut,
Am blauen Meergestade tief allein
Im Mittagsweben ist mein wahres Sein.

Kein Windhauch. Die Libelle träumt im Schilf,
Auf loser Ranke schläft der müde Sylph.
Nur der Zikade endlos schriller Sang
Erfüllt die Weite wie mit Geisterklang.

Da webt der Mittag zaubrisches Gesicht,
Die Dinge stehen körperlos im Licht,
Ich selbst ein Schemen luftig, weiß und stumm,
Mit andern Mittagsgeistern geh' ich um.

Die trunkne Seele kennt sich selbst nicht mehr,
Das Ich versank, und was ist jetzt noch schwer?
Ich bin ein Rauch, der sich vom Boden hebt,
Ein Sommerfalter, der ins Blau verschwebt.

Es fällt die Schranke, die vom All mich trennt,
Die Seele strömt erlöst ins Element,
Und leicht wie Wölkchen an der Alpe Saum
Lös' ich mich auf, ein kurzer Mittagstraum.

 

Schlummerflocken

Niedersank der Tag. Aus dunklen Toren
Sternenäugig wird die Nacht geboren.

Ohne Steuer jetzt vom Land gestoßen,
Schwebt die Seele überm Bodenlosen.

Selig wie erlöste Geister schwanken
In dem Kahn der Nacht die Traumgedanken.

Und ein Albatros im Schiff zu Gaste
Breitet weiße Schwingen überm Maste.

Seh' ich Wolkenzüge windgetragen?
Sind's Gebirge die aus Traumland ragen?

Ferne durch zerrißne Nebel blinken
Seines Wunderports Korallenzinken.

Alle Segel ein, die Winde stocken. –
Leise, leise fallen Schlummerflocken.

 

Einsam geh' ich auf den Wegen

Einsam geh' ich auf den Wegen,
Wo die grünen Raine prangen,
Kommt mir nie das Paar entgegen,
Das vorzeiten hier gegangen?

Ja, ich seh' sie. Holde Toren,
Wie ihr Arm in Arm verstricktet,
Ahnt ihr nicht der Zukunft Wolken?
Wehe, wenn ihr mich erblicktet!

Jetzt wie Schmetterlinge jagend
Kommen sie herangeflogen,
Dann den kühlen Hauch zu schlürfen,
Rasten sie am Brückenbogen.

An dem Zweig, den sie sich knickte,
Trennt er sorgsam Dorn und Blüten.
Wirst du vor des Lebens Dornen
Auch so sorgend sie behüten?

Tändelt fort, ihr Ahnungslosen,
Gleich in Luft sollt ihr zerrinnen.
Auf die Häupter streu' ich Asche,
Und ich gehe schnell von hinnen.

 

Trostlos

Grau umspinnt
Mich das Wehe,
Gräber sind
Wo ich stehe.

Vorwärts nicht
Mag ich schauen:
Wegseits dicht
Steht das Grauen.

Nicht zurück
Geht mein Denken:
Sah das Glück
Seitab schwenken.

Wo des Geists
Friedenslände?
Warten heißt's
Auf das Ende.

 

Winternacht

O wie süß, die lange Winternacht
Still zu ruhen, wenn die Seele wacht.
Tief im Blattwerk der Tapete ruht
Machtlos noch der Träume dunkle Brut.

Im Kamine zuckt ein roter Schein,
Scheu zum Fenster schlüpft der Mond herein.
Aller Dinge Freundesangesicht
Fühl' ich lächeln, doch ich seh' sie nicht.

Wie der Schneewind um die Scheiben tobt,
Scheint mein Bett die Arche fluterprobt.
Ein verlorner Ton der Glocke gellt.
Flüchtling, kommst aus einer andern Welt?

Und am Bett die große Mutter Nacht
Sitzt im schwarzen Samtgewand und wacht.
Ihr vom Schleier schwankt ein Zitterschein,
Immer summt sie: Schlafe Kind, schlaf ein.

 

Die Wege die wir tausendmal gegangen

Die Wege die wir tausendmal gegangen,
Die unsrer Tritte Spur vielleicht noch wahren,
Auf allen Wegen ringeln sich die Schlangen.

O lieber fremd auf irrer Straße fahren,
Das Haupt im Sturm, den Himmel schneeverdüstert,
Als hier in Herbstgefilden, sonnenklaren,
Wo jede Pappel vom Gewesnen flüstert.

 

Und bist du so von mir gerissen

Und bist du so von mir gerissen,
Mit jeder Fiber abgetrennt,
Daß keine Seufzer dich vermissen,
Und auch mein Traum dich nicht mehr kennt!

Das Herz an seines Glückes Grabe
Steht es in Blüten wie zuvor?
Es blickt nach der entschwundnen Habe
So hell, als ob es nichts verlor?

Und das ist Liebe? hingeschwunden
Wie Schnee am Weg, wie Rauch und Schaum!
So ganz, so ewig mir verbunden,
Und schwandest selbst aus meinem Traum!

 

Asche

Asche fall in meine Gluten,
Asche fall auf meinen Scheitel.
Meiner Schmerzen Brand zu stillen,
Meine Trauer zu verbergen,
Decke sie die Asche zu.
Denn die Freuden sind gestorben,
Sommerliche Flatterrosen,
Und das Glück flog auf zum Himmel
Achtlos wie's des Glückes Art.

Mit der toten dumpfen Ruhe
Spricht die Asche: Alles eitel!
Leise rinnend fällt die Asche
Auf den Scheitel.

Doch da schwirrt's vor meinen Augen:
Sieh, ich bin zurückgekommen,
Sieh, ich bin dasselbe Glück.
Und ich bring' die Freuden wieder:
Lachen, Küsse, goldne Lieder.
Sieh, ich bin dasselbe Glück.
Laß die Lebensflagge wehen,
Alles Leid ist ungeschehen,
Sieh, ich bin dasselbe Glück.

– Nein, du bist dasselbe nicht,
Und auch ich bin nicht dieselbe,
Denn ich sah die Freude sterben,
Sah das Glück sich achtlos wenden,
Mußte lernen zu verzichten,
Jetzt bin ich der Asche Kind.
Sie in ihren grauen Mantel
Hat mich bergend eingesponnen,

Daß kein Glück mich mehr betöre,
Daß kein Leid mich überrasche.
Leise rinnend auf den Scheitel
Fällt die Asche.

 

Der neue Gott

Ein Brief (Mit dem »Onkel Benjamin« von Claude Tillier)

Heut am steinernen Tisch, im Garten, du kennst ja das Plätzchen
Unter dem Ritter von Ton, kam mir erlauchter Besuch.
Lesend saß ich, es war die Zeit des vollkommenen Mittags, –
Meine Gespenster, du weißt's, pflegen am Mittag zu gehn, –
Da wie Geistergeläut ging leise die Klingel; gefügig
Schloß das gewaltige Tor lautlos, von selber sich auf.
Sieh, wer steht von den Pfosten umrahmt, wer wandelt, am Gange
Einer Unsterblichen gleich, herrlich den Rasen entlang?
Goldhell fließt das Gewand, das schillernd gewebte, hernieder,
Lieblich umflattert's den Schritt in der entschlafenen Luft.
Wie das Antlitz ihr leuchtet! Im Spiel der beweglichen Mienen
Welten erstehn und vergehn, kaum ist erträglich der Glanz.
Dies ist kein irdisches Weib! Und wer ist der lockige Knabe,
Der von der Göttin geführt, leicht und geschmeidig sich naht?
Ehrbar senkt er den Blick und trägt ein Büchlein, doch heimlich
Zuckt's um den schelmischen Mund. Bringt sie den Eros daher?
Hier ist gefriedeter Grund, ich scheuch' ihn – da lächelt die Hohe,
Leis mir berührend die Hand: Gruß dir und fürchte dich nicht.
Phantasie ist mein Name, du kennst mich, unter den hohen
Führern des Menschengeschlechts hast du mich frühe erwählt.
Magst auch diesem vertraun, nicht Eros ist's, der Verderber,
Meinen geliebtesten Sohn bring' ich, den jüngsten, mit mir.
Nie hat Krieg er entfacht und keine Städte verwüstet,
Bringt er Tränen, o die träufeln wie Honig so süß.
Unter Göttern heißt er der Lachende nur, er verbreitet
Reinster Freuden Gewinn, wo er willkommen erscheint.
Doch die Trauernden liebt er, der Spätling, welchen die Mutter
Selbst als Trauernde trug, den sie als Witwe gebar. –
Laß den Sessel nur stehn – auf flüchtigen Sohlen erschein' ich,
Und ich sag' dir sogleich, was in dein Haus mich geführt.
Doch zuerst von dem Knaben erzähl' ich, es finden die Mütter
Schwer des Lobens ein End', dieser, mein Jüngster verdient's.
Wisse: die goldene Zeit, da Zeus Kronion regierte,
Kannte das Lachen noch nicht und den Befreier Humor.
Nichts Mißlungnes verdroß ja den Blick, nie schwankte das Gleichmaß,
Selige lächelten nur, satt vom ambrosischen Mahl.
Ewige Muster schuf die Natur im Guten und Bösen,
Voll, ein gerütteltes Maß, teilte sie Schmerzen und Glück.
Einmal nur von Gelächter erdröhnten die Hallen des Vaters,
Als Hephästos zuerst humpelnd am Stocke erschien.
Doch die Mutter erhob sich, die Herrscherin, jeden bedräuend,
Der ihr mit spöttischem Mund necke den hinkenden Sohn.
Schnell verstummten die Götter, zum Rhythmus der Welten sich kehrend
Und zu der Musen Gesang, tief im Genusse gestillt.
Doch das Verderben erschien, so lange gewußt und geweissagt,
Stets noch ferne geglaubt, da der Olympos versank,
Da der Donnerer selbst mit den Göttern und Göttinnen allen
Fiel, und das Feuer Vulkans floß und verzischte ins Meer.
Häuptlings stürzte mein Phöbos vom Sitz, es irrten die Musen
Jammernd zum Tartaros nach, ließen das Sonnengespann.
Ach, und die glänzenden Augen, so oft in Verzückung gebrochen,
Schloß Dionysos im Tod, ganz war die Erde verwaist.
Mehr als Niobe hab' ich geweint, mir sanken die Kinder
Mit dem Gatten zumal, nirgend erschien mir ein Licht.
Und: Die Götter sind tot! Es starben die Götter! erscholl es
Wild aus Klüften herauf, drin die Titanen gehaust.
Die nun stiegen empor, der Schönheit Formen zertrümmernd
Und das geheiligte Maß, führten das Chaos zurück.
Furchtbar wuchs es um mich, mit Ungeheuern und Fratzen
Irrt' ich schaudernd und bleich über den Trümmern der Welt.
Plötzlich da hüpfte mein Leib, und unter dem trauernden Herzen,
Wirst du glauben, daß ich golden ein Lachen vernahm?
Ja, er lachte, der Schelm, bevor er die Augen geöffnet,
Da er's erblickte, fürwahr, grüßt' er mit Lachen das Licht.
Oh, wie ward mir! Es lösten in Wehmut sanft sich die Qualen,
Durch den nebligen Flor zitterte wonnig ein Stern.
Mir war das Lachen geboren! Und was von den Unsern gerettet
Saß auf den Höhn des Gebirgs oder in Schlünden der See,
Alles eilte, gelockt von dem neuen, dem goldenen Klange,
Meinem Posthumus zu. Iris, die biegsame, kam,
Schnell zu Windeln zerriß sie ihr streifig Gezeug, und sie hüllte
Sorglich den Strampelnden ein, der sich ihr lachend entwand.
Auch die Chariten schlichen herzu, neugierige Mädchen,
Drückten den Knaben ans Herz, klatschten und hüpften vor Lust,
Fanden, es kleide sie gut, die weißen Zähne zu zeigen,
Lernten das Lachen von ihm, das sie zu Geistern verschönt.
Soll ich erzählen, wie er sogleich die göttliche Abkunft
Noch auf der Wärterin Arm tätig durch Wunder bewährt?
Wie er die Kielkröpf' zwang und mißgeschaffener Larven
Aufgedunsnes Gewürm, das uns die Füße bekroch?
Streichelnd berührt' er ihr Fell, da barst es, die giftige Hülle
Sank, und Verwandelte sahn menschlich gestaltet uns an.
Scherben zerschlagner Idole, aus Schutt und Moder gesammelt,
Fügt' er zu neuem Gebild, sieh, und es regt sich behend,
Nicht nach der Schönheit Maß, dem hehren, verlorenen, nicht von
Phöbos' Lächeln bestrahlt, aber gefällig erscheint's,
Tief im Innern beseelt und außen mit magischem Reize
Wechselnder Farben geschmückt, den ihm die Iris verlieh.
Daß der Vater ihn nimmer gesehn! und nie ihn der Musen
Hohe Lieder gelullt, segnende Arme gewiegt!
Doch auch so ein Tröster der armen verfinsterten Erde
Kam er, in Künsten gewandt, ewig erfreulicher Gott.
Sprache hatt' er sogleich, und noch an den Brüsten der Amme
Spann er bestrickend um uns goldenes Fabelgespinst.
Gleich vom Manchanischen Ritter erzählt er und von des getreuen
Sancho geprügeltem Fell, immer in Kämpfe verstrickt.
O wie lauschten die Chariten da, und wonnige Tränen
Flossen dem zarten Gemüt, das Dulzineen geliebt.
Solch ein Ritter war nimmer gesehn! Es hätten die Mädchen
Gern ihm die Wunden gesalbt, ihn der Geliebten vereint.
Dann den Falstaff zeigt er, den tollen Kumpan, der im Korbe
Unter die Wäsche geduckt, bebt für den mächtigen Wanst.
Auch vom Simplizius redet' er viel, wie schwer ihm die Welt ward,
Vom Gargantua drauf – nimmer versiegt ihm der Born,
Und was irgend zu kurz und zu lang für die Erde geraten,
Das ergreift er mit Lust, nennt es sein eigenstes Gut.
Zwar die Schönheit weckt er nicht mehr und nicht der Heroen
Eisernen Schlaf; es schweigt ewig die Leier Homers.
Aber die Chariten blieben ihm treu und die Genien der Laune,
Auch die Gesundheit verweilt gern, wo der Lachende herrscht.
Dir zwar preis' ich ihn nicht – du kennst und ehrst ihn, im Hause
Flammt sein bekränzter Altar, aber vernimm mein Geheiß:
Fern, im Ligurischen weilt dir ein Freund, ich nenn' ihn auch meinen,
Weil ich ihn reichlich beschenkt, und er verehrt mich mit Recht.
Der nun sitzt am Gestad des rauschenden Meers, wie Achilleus,
Dem die Brisëis geraubt, grollt er dem Menschengeschlecht.
Doch kein rosiges Mägdlein beweint er, er klagt um die hohen
Ideale der Kunst, denen sein Leben geweiht.
Rastlos ruft er zurück, was unwiederbringlich verloren,
Von der Barbaren Gehirn fordernd hellenischen Geist,
Und was irgend des Guten sich zeigt mit dem Stempel des Tages,
Weil es ein Neuer erschuf, hat er's verkannt und verschmäht.
Traun, er schüttet das Kind mit dem Bad aus. Solches ist menschlich,
Eins nur werf' ich ihm vor, daß er dem Knaben mißtraut,
Ihm, dem jüngsten der Götter, dem nachgeborenen, echten
Sprößling Vater Apolls, meinem geliebten Humor.
Der vermöcht' es allein, ihm göttlich die Welt zu verklären,
Denn des Lebens Gehalt zeigt sich dem Lachenden nur.
Darum kamen wir her, dies Büchlein bringt dir der Knabe,
Schick' es dem Freunde sogleich, drin ist das Lachen verwahrt;
Auf dreihundert und mehr der Seiten, wo er auch aufschlägt,
Quillt es, aus jeglichem Blatt sprudelt das Lachen hervor.
Grüß' mir den Fernen und heiß' ihn der fröhlichen Weisheit vertrauen,
Fester dann tritt er den Grund, heimischer wird ihm die Welt.
Lehr' ihn das Lachen verstehn in den Tiefen der Dinge, das innig
Sich den Tränen gesellt, die es als Schwestern erkennt.
Sieh, dann löst sich vom Aug' des Eingeweihten die Binde,
An den Busen der Kunst kehrt er gereifter zurück. –
Also die Göttin, und wohl ein Mehres hätt' sie gesprochen,
Doch ein widrig Geschrei riß ihr die Worte vom Mund,
Denn in des Papageis Käfig, des grimmigen, übelgelaunten,
Hatte neckend das Kind rosigen Finger gesteckt.
Wütend hackte das Tier und hob, sein Opfer verfehlend,
Ohrenzerreißenden Lärm, der mir die Schönen vertrieb.
Eilends flohn sie hinweg, das Buch mir lassend vom »Onkel
Benjamin«, das du noch warm, wie sie mir's gaben, empfängst.

 

Der Bergsteiger

Will noch lachend eine Trift sich zeigen?
Letztes Grün auf starren Felsensteigen.

Letztes Grün, ich muß auch dich verlassen,
Aufwärts rufen mich des Eises Massen.

Und warum so steil zur Höhe streben?
– Weil die Füße sich von selber heben.

Heißen dich die Blumen nicht verweilen?
– Mehr noch heißt der sinkende Tag mich eilen

Aber droben wird dich Nacht umfließen!
– Droben kann ich meine Augen schließen.

Welcher Kranz ist deiner Müh' gewunden?
– Keiner, als daß ich mich selbst gefunden.

 

Schönes Mägdlein, dieses Lockengold

Schönes Mägdlein, dieses Lockengold,
Das dir halb gelöst vom Nacken rollt,
Deinen Hauptschmuck kenn' ich, will mir scheinen:
Sind die Seidensträhne nicht die meinen?

So von Sonnenfäden überwallt
Schritt ich selbst als lichte Lenzgestalt
Weiß gekleidet durch die Maienwiese
Unter Blumen, die so schön wie diese.

Mägdlein, sag', wie fandest du beim Spiel
Meinen Goldschmuck, der vom Haupt mir fiel?
Sprich, o Lenz, wie kamst du zu den Farben
Jener Blumen all, die vordem starben?

 

Nun bin ich stark

Nun bin ich stark, nun will ich denken,
Den irren Geist von mir zu tun.
Ins Meer will ich die Liebe senken,
Bei Perlen und Korallenbänken,
Bei Meereswundern soll sie ruhn.

Dann hör' ich nachts in meinen Träumen,
Wie sie erwacht und rege wird,
Ich hör' sie mit der Brandung schäumen,
Hör', wie auf ungemeßnen Räumen
Ihr ruheloser Schatten irrt.

Fahr hin im Sturm! Laß Wellen jagen!
Ich liege still und horch' in Ruh',
Magst schmetternd an das Ufer schlagen,
Ich hör' dem Brausen, Zürnen, Klagen
Wie einer fremden Stimme zu.

 

Glückliche Nymphe

Glückliche Nymphe,
Aus welchem Bergwald,
Mit welchen schnellen,
Hüpfenden Quellen,
Die talab stürzten,
Kamst Du im hellen,
Hochgeschürzten
Flattergewande
In unsere Mitte,
In die leidverdüsterten Menschenlande?

Glückliche Nymphe,
Bei jedem Schritte
Fallen Blumen dir aus dem Kleid,
Wo Du erscheinst, da klingen von selber
Alle Saiten der Fröhlichkeit.

Dein lichtes Geburtsland
Lacht Dir im braunen
Schelmischen Auge,
Dein Frühlingshimmel ist ohne Launen.

In deinem Herzen,
Das leichter ist
Als Herzen der Menschen,
Flammen ohn' Ende festliche Kerzen.

Streue du Blumen,
Zünde du Kerzen,
Rühre die Saiten und trage die Freude
In leidverdüsterte Menschenherzen.

In jeder Schickung,
Du Leichtgeschürzte,
Sei Trost und Erquickung.
Ein stetes Geben,
Glückliche Nymphe,
Sei all dein Leben.

 

Landregen

Hilf Gott, wie ist die Welt so naß!
Regen, Regen, Regen!
Schon drei Tag' ohn' Unterlaß
Schwimmt's auf allen Wegen.
Um die Hügel spinnt's,
Von den Dächern rinnt's,
Und die Leute blau gefroren,
Wie mit dem Regenschirm geboren.
Nebel liegt auf See und Land,
Wie ein graues Packtuch ausgespannt.
Deutsche Natur, dran erkenn' ich dich,
Wie die Hausfrau sparsam und bürgerlich:
Diese Wälder und laubigen Höhn
Wären für alle Tage zu schön,
Deckst sie mit grauem Segeltuche,
Sparst sie für seltene Sonntagsbesuche,
Und die Berge, so fern und fahl,
Steckst du ins Wolkenfutteral.

Drunten im lieben, im goldenen Süd
Wird die Sonne zu scheinen nicht müd,
Scheint sich selber zu Lust und Ehr',
Tut nicht, als ob's was Besonderes wär'.
Dort, ja dort!
Hier aber plätschert es fort.
Nach dem Wahlspruch biederer Bürgersleute:
Wie wir's gestern getrieben, so treiben wir's heute,
Plätschert's aus purer Gewohnheit fort.
Güsse folgen auf Güsse,
Nordische Sommergenüsse.
Und das Licht der Laternen, das qualmerstickt
Mit hundert Augen aus Pfützen blickt,
Die Wiesen Moräste, die Straßen Leim,
Die ganze Welt wird ein Niflheim.

 

Anima vagula

Wenn schwül der Mittag lagert im Revier,
Wo Schilf und Wasserlilien sich verschlingen,
Dann geht's im Grase lautlos neben mir
Und spricht von ungeschehnen Dingen.

Da bist du wieder, holder Mittagsspuk!
Wie eine Schattenhand ergreift's die meine.
Ich kenn' ihn wohl, den ungefühlten Druck,
Kaum halt' ich mich, daß ich nicht weine.

Du liebe Hand, ach, daß mit festem Gruß
Du warm dich könntest in die meine legen.
Daß ich mit Schmerzen dich entbehren muß,
Dir, Liebling, dacht' ich, sei's zum Segen.

Was ist es nun, daß du nicht Ruhe hast?
Denkst du der Wonnen, die die Welt dir hätte?
Schlaf' bei den Ungebornen, holder Gast,
Dem Edlen wird hier keine Stätte.

Da flüstert's leis: Zuviel an mich gedacht
Hast, Arme, du, das zog mich aus der Tiefe.
Ich lag so lang und horchte durch die Nacht
Und harrte, daß dein Mund mich riefe.

Sieh diesen Arm, er wäre kühn und stark,
Nun ruht er müßig in des Nichtseins Banden.
Erfüllt mit deines Stammes edlem Mark
Hätt' er in jedem Kampf bestanden.

Oh, dieses Sehnen nach dem Sonnenlicht
Läßt ewig horchend mich im Dunkel schweben.
Die andern schlafen still, mich duldet's nicht.
Ich muß nun fort – grüß mir das Leben.

 

Es blickt der Morgen

Es blickt der Morgen
Mich an und lacht.
Ich kann nicht lachen,
Trüb war die Nacht.

Um mich flocken
Zerrissene Flöre,
Und fern verhallt es
Wie Trauerchöre,

Und weiß doch nimmer,
Was ich geträumt.
Leer stehn die Kammern,
Wie ausgeräumt.

Soll ich's nicht wissen,
Aus welchen Reichen
Die Schatten sind,
Die dem Licht nicht weichen?

Kann so ein Name
Wie Dornen brennen,
Daß ihn der Morgen
Nicht wagt zu nennen?

Kann so ein Antlitz
Ins Dunkel fliehn?
Jetzt weiß ich, wer mir
Im Traum erschien.

 

»Le temps que je regrette . . .«

    Aus meiner Kindheit Ferne
    Tönt ein verwehter Klang
    Des Lieds, mit dem uns gerne
    In Schlaf die Mutter sang.

Zersprungen ist des Liedchens Kette,
Sein goldner Kehrreim blieb mir nur:
Le temps que je regrette
C'est le temps des amours.

    Es ist wie leis Gedenken
    An blauer Bänder Wehn,
    Lavendelduft aus Schränken,
    Die lang verschlossen stehn,

So sucht auf öder Freudenstätte
Ein Herz verklungner Feste Spur:
Le temps que je regrette
C'est le temps des amours.

    Wenn bei des Herbstes Säuseln
    Das Laub im Parke fliegt,
    Sich auf des Weihers Kräuseln
    Ein Schwan noch einsam wiegt.

Dann schwebt es leis durch die Boskette
Mit Reifrock, Puder, Pompadour:
Le temps que je regrette
C'est le temps des amours.

    Wie zu der Geisterklage
    Der Wind die Harfe rührt,
    Das Bild der sonnigen Tage
    Im Blätterfall entführt.

Da denkt auf feuchtem Sterbebette
Des Sommers einmal noch Natur:
Le temps que je regrette
C'est le temps des amours.

 

Edgar

                            I

Was ist mir von dir noch geschenkt?
Nur ein Rest von schneeweißer Asche,
In den Kelch einer Lilie versenkt.

Ein Liebender holte sie fromm
Aus sinkendem Feuerbade,
Wo die edle Hülle verglomm.

Die Lilie duftet so schwül,
Umfängt mit Taumel die Stirne
Und verwehter Bilder Gewühl.

Ich schau' durch der Jahre Flor,
Da seh ich als Kinder uns beide
Vor des Lebens schimmerndem Tor.

Eintraten wir Hand in Hand,
Durchschwärmten in gleichem Verlangen
Der Jugend Verheißungsland.

In der Dichtung Wunderpalast,
Wo smaragden die Wände funkeln
Waren wir beide zu Gast.

Doch Pfade, schattig und hell,
Entfernten uns fürder im Leben.
Wie kam das Ende so schnell?

Vorbei das bewegende Stück;
Getrennte, gemeinsame Pfade –
Was blieb von allem zurück?

Die Lilie von deinem Sarg,
In der die weinende Treue
Ein heiliges Kleinod barg.

 
                            II

Bruder, du gingst ja so gern voran,
Suchtest die fremden Küsten,
Hast auch heut auf der dunklen Bahn
Furchtlos den ersten Schritt getan –
Sollen auch wir uns rüsten?

Freudig warst du und rasch und kühn,
Liebtest die strahlende Sonne,
Dein die Gefahren und dein die Mühn
Und der Kampf und der Preis und das stolze Erglühn
In des Sieges berauschter Wonne.

Aber leis in geheimer Nacht
Klang's wie versunkene Glocken
Von den Jugendtälern in Maienpracht,
Vom Sehnen, das tief im Herzen wacht,
Und des Elfenreigens Locken.

Einst in der Kindheit goldenem Licht
Standen wir innig verbunden,
Anders erschien uns des Lebens Gesicht,
Seine Feste teilten wir nicht,
Wir teilten den Schmerz und die Wunden.

Oftmals machte ein Wort uns heiß,
Schürte des Unmuts Flammen,
Doch in allem, was tief und leis,
Was sich nicht spricht, was sich nur weiß,
Klangen wir rein zusammen.

Bruder, dein Tag war kurz und schön,
Kurz der Kampf und das Leiden.
Bess'res könnt' ich mir nicht erflehn,
Als auf des Lebens gewonnenen Höhn
Siegend wie du zu scheiden.

 
                          III

Fahr wohl, du kühner Pilot!
Wie schnell du Abschied genommen.
Rasch wie dein Gehen und Kommen,
Rasch umfingst du den Tod.

Noch mein' ich dein Segel zu sehn,
Das schimmernde, weiß besonnte.
Wie es schwindet am Horizonte
Mit des Wimpels festlichem Wehn.

Ein Ruf noch folge dir lang
Durch die unendlichen Weiten,
Wenn hinter des Kieles Gleiten
Der Lärm des Ufers verklang.

 

Die Kuckucksuhr

Unversehns war sie gekommen,
Hing, von Bruderhand gestiftet,
Im Gemach, und halbe Nächte
Unterhielt sie mich mit Ticken.
Sie erzählte mir Geschichten,
Während leis der Arno rauschte,
Alte närrische Geschichten,
Kinderzwist und Jugendstreiche,
Die nur ihm und mir bekannt.

Und ich lachte zu den alten
Längst vergessenen Geschichten,
Kinderzwist und Jugendstreichen
Aus verklungnen Schwarzwaldtagen,
Und der Kuckuck sang dazwischen,
Sang dazwischen, nickte ernsthaft,
Sah heraus und schloß die Tür.

Manchmal war der lose Vogel
Lässig, seines Amts zu walten,
Schnarrte, ließ die Tür halb offen,
Sang zur Unzeit, rief die Stunden
Falsch und gab sich als ein Kranker.
Schleunig dann zum Vielgewandten
Flog die Botschaft: Helfer, hilf!

Einstmals aber ging ein Wimmern
Durch die Räder, schaurig ächzend
Sang der Kuckuck Klagelieder.
Niemand kam, ihm beizustehen,
Denn die Hand, die aller Hilfe
Kundig, kämpfte mit dem Tod
Und erstarrte. Jenes Tages
Blieb das Uhrwerk rasselnd stehen,
Und auf Jahre schwieg der Sang.

Heute singt der Kuckuck wieder,
Und die Uhr mit ihrem Ticken
Weiß jetzt noch viel mehr der lieben
Alten närrischen Geschichten,
Und ich lache wohl darüber
Wie vordem, doch durch mein Lachen
Schleicht sich ein zerreißend Wehe,
Daß wir über diese lieben
Alten närrischen Geschichten
Nimmermehr zu zweien lachen,
Daß auf keines Wiedersehens
Stunde je der Zeiger weist.

 

Im Verglimmen

Die Lenze schwinden,
Die Sommer verglühen,
Durchs Fenster nur seh' ich
Die Blumen blühen
Und hör' das Leben, das lockt und lärmt.

Mich rufen klagend
Des Lebens Stimmen,
Ich hüt' ein Lämpchen,
Das im Verglimmen,
Wenn draußen die Freude vorüberschwärmt.

Ich folg' ihr nimmer,
Ich horch' in Zagen
Auf eines Herzens
Schwächeres Schlagen,
Das mit dem meinen sich freut und härmt.

Und möchte die Stunde
Umklammern und halten,
Die noch mit süßen
Liebesgewalten
Das sterbende Lämpchen durchhellt und wärmt.

 

Meiner Mutter

                  I

Heldin, als wir dich hatten,
Waren die Tage reich,
Wir gingen durch Glut und Schatten
Und lächelten beidem gleich.

Dir bleichte das Leid die Wangen,
Doch dein Aug' hat nimmer geweint,
Winter, die hingegangen,
Hast du lächelnd verneint.

Wer hat tapfrer gestritten?
Wer hat treuer gesät?
Deinen geflügelten Schritten
Kam die Jugend zu spät.

Heldin, auf deinen Auen
Blühten der Blumen viel,
Selber des Todes Grauen
Wurde zu Scherz und Spiel.

Von deinen eilenden Füßen
Verlor sich ins Dunkel die Spur.
Deine Blumengefilde, die süßen,
Erstarrten zur Winterflur.

                  II

Die Jahre gingen. Allzu lang schon
Bist du mir ferne, seliger Geist.
Und nimmer weiß ich, was das Lachen
Der Götter heißt.

Nicht auf die Erde sei gerufen,
Bleib du ihr fern, sie riecht nach Blut.
Im Traum nur sollst du mich besuchen,
Da weilt sich's gut.

Da streck' ich selber Schattenarme
Nach dir, geliebter Schatten, aus,
Und deine Seele führt die meine
Ins Mutterhaus.

 

Es singt der Schwan

Purpurne Abendröte

    Purpurne Abendröte
Streut ihr Gold verschwendrisch umher,
Wünsche, Sorgen und Nöte
Sanken ins blaue Meer.

    Hinter mir schwand in Frieden,
Was als Drache lauernd am Weg mir lag,
Alle Jahre, die schieden,
Scheinen mir nur Ein Tag.

    Auf den Pfaden, den schattenlosen,
Über Steine kam ich und glühenden Sand,
Meines Lebens Rosen
Trage ich frisch in der Hand.

    Weile noch, sinkende Sonne,
Die du Wunder auf Wunder vollbracht,
Deine süßeste Wonne
Gibst du vorm Tore der Nacht.

 
Letzte Fahrt

Nach den Stürmen und des Mittags Pein
Still und selig muß der Abend sein.
Treibt mein Nachen in die stillste Bucht,
Wo ihr Nest die müde Möwe sucht.
Träges Wasser schläft am Felsenport,
Schweigende Zypressen stehen dort.
Keine Sonne, die den Scheitel sengt,
Letzte Einsamkeit, die mich empfängt.
Nur von meinem Kahn die Phosphorspur
Sagt's den Wassern, wo ich überfuhr.

 
Heut noch sonnegeküßt

Heut noch, sonnegeküßt, steh' ich ein Baum, prangend im goldnen Laub,
Morgen sinkt meine Pracht, schlägt mich der Frost, werd' ich des Winters Raub.

Blüten brachte der Lenz, reich wie ein Gott, kam er mit offner Hand,
Sommer atmete schwer, wirbelte Sturm und Sand.

Du nur goldener Herbst, früchtebeschwert, wurdest mein Teil am Glück,
Lied und Liebe verjüngt kamen mit dir zurück.

Einst im Frühlingsgewand grollt' ich dem Licht, nannte den Tag zu lang,
Jetzt beim sinkenden Jahr, Sonne, dich preist mein Sang.

Was ich glühend gesucht, was mir entglitt, was ich entbehrt mit Schmerz,
Sieh, nun lächelt es nah, legt sich mir selbst ans Herz.

Hohes Tagesgestirn, flamme mich an, segne mir Seel' und Leib!
Wenn der Abend sich neigt, fleh' ich kein banges Bleib.

Leben, rinne nur hin, rinne getrost, rinne dem Abgrund zu.
Deines Glückes ein Schein lächelt mir nach, folgt mir ins Reich der Ruh.

 
Herbst ist da

Herbst ist da, nun heißt es Abschied nehmen,
Liebe scheidet ohne Furcht und Grämen.

Reicht an Bord mir noch die Hände, munter
Tanzt das Blumenboot den Strom hinunter.

Ohne Fährmann, ohne Ruderschläge
Sucht's von selbst ins Meer die feuchten Wege.

Bald um mich nur Wasser noch und Himmel,
Hinter mir das schwindende Gewimmel.

Neuer Ufer fremde Herrlichkeiten
Werden sich vor meinem Blicke breiten.

Neu befiedern sich des Geistes Schwingen,
Ja und neue Lieder werd' ich singen.

Festen Muts den Blick ins Unbekannte
Und nicht sorgen, wo der Nachen lande.

 
Bald

Bald, bald
Spurlos werd' ich hingehn wie das Laub im Wald.
Nicht den schimmernden Morgen, nicht der Nächte Graun,
Blüten nicht noch Ernte werde ich fürder schaun.
Meine Tritte werden im Gras verwehn,
Nicht zum zweiten werd' ich dieses Weges gehn.

Und weil wir des Weges nicht wieder kommen,
Sei ihre letzte goldene Frucht
Der eilenden Stunde noch abgenommen
Und das Leben geliebt um des Lebens Flucht.
Vögel des Himmels und Blumen am Rain,
Ich grüß' euch, Geschwister im Heutesein!
Und du Sonne, die morgen für andere lacht,
Heut ist sie mein, deine goldene Pracht.
Gib, du reiches Leben, deinen Überfluß,
Holde Liebe, gib mir deinen letzten Kuß.
All eurer Freuden leuchtendes Erbe
Ich geb' es weiter, bevor ich sterbe.

Bald, bald
Werd' ich hingehn wie das Laub im Wald.
Auf den Weg verstreuen will ich der Schätze Gold,
Daß zu des Wandrers Füßen der Segen rollt.
Wo ich vorüberging, lasse ich Stück um Stück
Denen, die nach mir kommen, blinkende Spur zurück,
Daß, wenn sich meinem Tritte kein Halm mehr biegt,
Noch von mir ein Leuchten am Wege liegt.

 

Wanderung

Ich sollte ruhen, schlummern, wenn der Tod
Das irdische Gewand mir herunterzog?
Mein Herz nur ruhe, schlafe den langen Schlaf.
Ihr aber, Augen, Augen, bereitet euch
Zu stärkrem Schauen, und ein leichteres Gewand,
Ein ätherblaues, flügelhaftes werde mein.

Raum, Raum! Ich dürste. Öffne dich, daß ich
Dich schlürfen kann, Unendlichkeit! Mich enge
Gebirg nicht, noch der Bogen des Horizonts.
Von Gipfel hin zu Gipfeln! Im Alpenschnee
Laßt mich dabei sein, wenn von der Mutterbrust
Der Strom sich losringt, wenn er wachsend sich
Von Tal zu Tal Tribut empfangend wälzt,
Zur Ebene brausend. Seinen schiffereichen Lauf
Laßt mich begleiten, bis er sich der Salzflut mischt.
So mit dem Rhein zu gehen, doch lieber noch
Mit deinen dunklen Wassern, o Donaustrom!
Zur Welle würd' ich selber, und ich folgte dir
Durchs felsenreiche überblümte Tal
Von Beuron, in die Erde sänk' ich, stiege dann
Aufs neu hervor. Die Städte alle säh' ich noch einmal,
Ulms Münster grüßt' ich und den hohen Stephansdom,
An Belgrads Feste schläng' ich mich umarmend hin,
Zum Pontus dringend in geteiltem Lauf bis zu
Achills vergess'ner Insel der Seligen.

O Geiser Islands und der Pole schimmernd Eis,
Nächte des Urwalds, ihr auch würdet mein, und Wüste du,
Heißatmende, der meine Sehnsucht immer nah.
Auf Wolkenbetten schifft' ich hin, ein schnell
Zerfließendes Gebild noch äffend mit
Dem Umriß, der im Leben der meine war.
In Meerestiefen taucht' ich, und andachtsvoll
Durchglitt' ich Nereus' flutendes Wunderland,
Der heimlichen Korallengärten Pracht,
Die blühn in ewiger Öde, wer weiß für wen,
Wo Fische leuchtend schießen in Farbenglut
Und regsames Gebilde wurzelt blumenhaft.

Geheimste Kammern sucht' ich aus im Erdenschoß,
Stockwerk um Stockwerk, Domen, Palästen gleich,
Gegluck der Wasser, Seen und Stromgefäll
In tiefre Tiefen, bis es sich zum Tag ergießt,
Wo andre Sprache klingt und neuer Himmel blaut.
Das Größt' und Kleinste würde mir vertraut und mein.
Zur Ameis' schlüpft' ich in den sandigen Bau,
Lief' mit dem Eichhorn lustig auf langem Steg
Der Tannenäste, der leicht erbebenden,
Von Baum zu Baum, und in den Wassertropfen dräng' ich ein
Zu neuen Formen, die des Menschen Aug' nicht faßt.

O Erde, Erde, Toren sehnen sich
Nach schönrem Stern. Mir bist du schön genug,
Und nicht verlassen will ich dich, bevor ich
Das letzte deiner Wunder in mich trank.
Von dir gesättigt erst verschlinge mich
Milchstraßenferne. Doch vielleicht geschieht's:
Nach Jahrmillionen komm' ich dem Sonnenstaat
Noch einmal nah und sehe den schönsten Stern
Grüngolden wie ein Wohnsitz der Seligen.
Da faßt, da zieht mich Heimweh allmächtig an,
Ich schieße brennend nieder, ein Meteor,
Und von zwei Mutterarmen find' ich mich
Umschlossen als ein neugebornes Erdenkind
Im Heimatnest, und auch mein Herz ist wieder mein,
Bereit aufs neu zu lieben, leiden, Mensch zu sein.

 

Das Unaussprechliche

Dein Werk mag dauern in des Ruhmes Scheine,
In Erz und Marmor mag dein Antlitz bleiben,
Dein Letztes wird in keine Spur sich schreiben.
Wer nennt das preislos unersetzlich Eine?

Das, was im Lauf der irdischen Geschicke
Nur einmal war und nimmer kehrt zur Sonnen,
Was tausend Fäden mit Bedacht gesponnen,
Vom Weltbeginn zu diesem Augenblicke.

Sich selber fremd, in Tiefen unergründlich
Hat es den Sitz und kann sich nie enthüllen,
Das gleiche stets, wie sich die Stunden füllen,
Verborgen stirbt es und gebiert sich stündlich.

O Ich, du Klausner tiefster Einsamkeiten,
Kein Forscheraug' hat je zu dir gefunden,
Und kaum, daß in der Liebe höchsten Stunden
Dein Schleier sank – um schnell sich neu zu breiten.

Geheimnis, nur dein Schöpfer kann dich lesen,
Dann haucht er lächelnd über deine Züge,
Verwischt im Nu sein künstliches Gefüge,
Es lischt – und niemand sagt's, wie du gewesen.

 

Am Rande der Liebe

Ein Zwiegespräch

                          I

Hast du, Träumerin, vergessen,
Daß wir einst uns besser kannten,
Als ich Davids Reich besessen,
Und sie mich den Weisen nannten?

Kamst du nicht vom Fabelsitze
Her mit Sklaven und Eunuchen,
Um an Salomonis Witze
Dich mit Rätseln zu versuchen?

Meine Diener emsig rückten
Dir den goldenen Stuhl zum meinen,
Daß die Völker tief sich bückten
Eines Doppelsternes Scheinen.

Balkis, sprach ich, laß das Dringen
Mit manch scharf gespitzter Frage,
Daß von tausend Wunderdingen
Salomo dir Kunde sage.

Ob zuvor das Ei gewesen
Oder allererst die Henne,
Ob wir recht im Talmud lesen,
Daß der Höllenschwefel brenne.

Solch vergrabenen Wust erläutern
Laß Ägypter und Chaldäer,
An des Lebens vollen Eutern
Trank sich Salomo zum Seher.

Denn kein Schlüssel, der verrostet,
Macht dich der Gestirne Meister.
Weil die Welt ich durchgekostet,
Darum dienen mir die Geister.

Wenn dich Wissensdrang entzündet,
Neig' dich, Balkis, Mund zum Munde,
Und von Lippen, die's ergründet,
Schlürfe frisch des Lebens Kunde.

Dreimaltausend Jahre schwanden,
Doch es wissen's noch die Lieder.
Als wir Aug' in Auge standen,
Kannt' ich Sabas Fürstin wieder.

O wie vieles wär' zu sagen,
Wenn die Schule sich erneute.
Wolltest du mich wieder fragen,
Tiefres Wissen böt' ich heute.

 
                          II

Kein Verstecken. Ja, ich bin es,
Bin die Königin der Märe,
Die ob köstlichen Gewinnes
Kam zu Salomonis Lehre.

Nicht verließ mich das Erinnern,
Hundert Tode, die dazwischen,
Konnten nicht aus meinem Innern,
Salomo, dein Bild verwischen.

Ja, aus meines Traumlands Dunkel
Kam ich, forschte tiefsten Strebens.
An dem brennenden Gefunkel
Kenn' ich dich, du Fürst des Lebens.

 
                          III

Und als ich Salomos Mund geküßt,
Glänzte die Welt mir in Klarheit.
Ich stillte mein unersättlich Gelüst
Und trank an den Quellen der Wahrheit.

Was all er an Weisheit von dannen trug,
Als er tausend Weiber umfangen,
Ich trank es in Einem durstigen Zug,
Als ich am Mund ihm gehangen.

Und stolzer trug mich mein Reitkamel
Zurück auf sandigen Pfaden,
Zufrieden, daß ich das Kronjuwel
Aus Salomos Kammern geladen.

 
                          IV

War das Leben groß und prächtig,
Als du, Strahlender, vordem
Liebeskundig, zaubermächtig
Herrschtest in Jerusalem.

Aus des Stirnbands goldenem Runde
Hob sich hehr dein dunkler Scheitel,
Doch ein Seufzer sprach im Grunde
Deiner Weisheit: Alles eitel.

Salomo verstand zu küssen,
Doch verstand er auch zu lieben?
War er auf des Lebens Flüssen
Nicht zu weit umhergetrieben?

Als er hinritt mir zur Seiten,
Sonne war er hellsten Scheines.
Festlich strahlten alle Weiten,
Doch es schwieg mein Herz wie seines.

›Schwiegen beide? Laß mich's hören,
Ob's ein andrer denn vermochte,
Dieses stille Herz zu stören.
Das doch laut an meinem pochte.‹

Ja. Von all der Wissenshabe,
Die der Meister ausgegossen,
Hat ein schlanker brauner Knabe
Mir den tiefren Sinn erschlossen.

Selige Blindheit und Verzückung,
Demutvoll – und wildes Werben,
Wonneschauer, Weltentrückung
Gab er und Um-Liebe-Sterben.

Drum, so oft ich wandernd kehre,
Immer such' ich nach dem Einen,
Der in göttlich dumpfer Schwere
Zittern mich gelehrt und Weinen.

›Törin, laß den Freund dich warnen,
Eh die Stunde dir entgleitet,
Daß Phantome dich umgarnen,
Daß dein Arm in Luft sich breitet.

Von unmöglichem Gewinste
Träumst du, suchst das Glück vergebens.
Aus dem trüglichen Gespinste
Birg dich an der Brust des Lebens.‹

Wie ich bin, so laß mich bleiben.
Doch so oft wir aus dem flinken
Boot uns noch vorübertreiben,
Wollen wir uns grüßend winken.

 

Der grüne Bruder

Auf deiner sanftgeneigten Wiesenflur,
Wo du in einsamer Vollendung stehst,
Mein grüner Bruder, sag' ich dir Gutnacht.
Du gibst mir Kühlung, wenn der Mittag glüht,
Und unter deinem sängereichen Dach
Vertändl' ich träumend meine Zeit am liebsten.

Sehr glücklich bist du, licht- und luftumströmt,
Kein Nachbar hemmte deines Wuchses Stolz.
Du standest zauberhaft, so sagen sie,
Im Blütenschnee des frühen Lenzgewandes,
Nun trägst du Früchte, labend, allbegehrt,
Tiefrote Früchte in dem dunklen Laube.

Wirst du jetzt schlafen, Bruder? Deine Krone
Steht unbewegt, und aufrecht bleibt dein Stamm,
Dein stolzer Stamm, den kein Ermüden beugt.
Durch deine Blätter geht kein Säuseln mehr.
Mit leisem Odem saugst du aus der Luft
Die Stoffe, die dein Wachstum fördern, ein
Und atmest die verbrauchten aus – wie ich.

Wir sind Geschwister, und du weißt es nicht.
Dein Leben ist ein Gehn von Traum zu Traum:
Dein Wachen ist ein Traum von Sonnenlicht,
Dein Schlaf ein Traum von Mond und Sternenglanz,
Und ich auch, wie ich deinen Stamm umschlinge,
Mich an dich pressend, bin dir nur ein Traum.
Was du geschaut im Lauf der Zeit, es ließ
Dir keine Spur, ob Liebende sich küßten,
Ob unter deinem Dach ein Mord geschah,
Es schwand und kehrt in deinem Traum nicht wieder.
Du spürst nur deiner Krone Sonnenbad,
Die Äste, die sich säftestrotzend breiten,
Der Rinde Trotz, der Blätter Säfteschwellen
Und deiner Wurzeln tiefe Saugelust.

O Haupt, mir nah verschwistertes, um dich
Ist ein Geheimnis, das mich fragend anschaut
Und immer anschaut aus des Werdens Tiefe:
Wo majestätisch du dem Grund entsteigst
Und grüner Rasen deinen Ursprung deckt,
Da webt es wie ein mahnendes Erinnern.
An was? Ich weiß es nicht. Doch eine Stimme
Flüstert mit Inderweisheit: das bist du.
Das Wort entgleist und der Gedanke taumelt,
Wenn ich es fassen will, das Unfaßbare.
War ich in tiefgeheimer Kammer so
Mit saugender Wurzeln Flechtwerk einst verhaftet,
Wo Erdenkräfte mütterlich mich nährten,
Wo es so still, so seltsam eigen ist,
Vertraut wie in der Wärterin Gemach
Und reicher als im Schatzhaus des Kalifen?

 

Elegie in Griechenland

                            (1912)

                                I

Heiliger Boden von Hellas und ihr gepriesne vor allen,
Die ich mit Andacht ging, Pfade des attischen Lands!
Als ihr gastlich mich trugt, da lebt' ich Erfüllung des Lebens:
Aus den Trümmern erstand leibhaft die blühendste Welt.
Wie sie atmeten voll des Lebens, die ewigen Gestalten,
Wie den Landen umher glich das Gebilde der Kunst.
Wie die Berge, die Inseln aus strahlender Bläue mir sprachen:
Wir sind des Bildners Gesetz, lehrten den Sänger Gesang.
Geist und Erde vermählt, sich wechselweise vollendend,
Daß ihr unsterblichstes Kind würde, das ionische Volk.

Über den Gräbern Athens am Stadttor, wo sich dem Staube
Mischte der edelste Staub, sah ich die Sonne verglühn.
Heil euch Glücklichen, sprach ich, der Lose höchstes war euer,
Bis ihr vom Tagwerk müd schlieft und gesättigt vom Ruhm.
Kampf und Fieber durchtobten das Leben euch, aber ein Schauplatz
War, ein herrlicher, hier Helden und Dichtern gewährt.
Richter des Kampfes waren euch euresgleichen, da lohnte
Sich das Ringen der Wut um den beneideten Kranz.
Alle band euch die Mutter, die eine, und haben den Weisen
Griechen zum Tode verdammt, Griechen beweinten ihn auch,
Griechen umstanden sein Lager und fingen in goldener Schale
Seinen entfliehenden Geist für die Jahrtausende auf.
Wie ihr littet, ihr wart ein Ganzes, nimmer verloren
Ging dem gemeinsamen Gut, was ihr vollbracht und gewollt.

Aber wir, wir Späten, Entwurzelten, die wir im Zeitstrom
Hilflos treiben, was gibt unseren Tagen den Wert?
Ohne Echo verhallt uns das Wort, und unseren Taten
Fehlt die Bühne, wir sind Leiber, des Schattens beraubt.
Alle Tempel verehrt' ich und allen heiligen Bezirken
Naht' ich fragend, wo mir Stätte bereitet und Ziel.
Doch sie schwiegen. So gebt ihr hohen Gestalten die Antwort.
Bin ich die eure nicht auch? – Sagt mir, warum ich versprengt
Über die Erde schweife und nirgend ein Stuhl mir gesetzt ist,
Daß ich Verwandtem gesellt Leben empfinge wie ihr?

Um den Erdkreis wandle dein Geist, so rief's aus den Gräbern,
Aber den Deinen gib liebend und zürnend dein Herz.
Opfre den Göttern des Vätergefilds und werde der Heimat
Besseres Kind, bei ihr suche du Stätte und Ziel.
Fühle der Freiheit Stolz in willig getragenen Banden
Und erhalte dein Herz stark für den künftigen Tag.
Einheit wächst aus der Not – sie kommt euch, geh sie zu teilen
Und im eigenen Grund lernst du zu wurzeln wie wir.

 
                                II

Drauf nach Marathon wandt' ich den Blick, des Tages gedenkend,
Wo die Entscheidung fiel, und es ergriff mich mit Macht:
Als die Sparter Hilfe versagt und traurig der Herold
Heimwärts wandernd zu Fuß kam zum parthenischen Paß,
Trat ein Fremder ihn an und sprach: Entbiete den Bürgern,
Daß ich selber mit euch schirme die heimische Flur.
Ich bin Pan und göttliche Hilfe will ich gewähren.
So des Retters gewiß, zählten sie nimmer den Feind.
Und sie rangen mit Macht, denn inmitten des Kampfes ersahn sie
Einen bäurischen Mann, der mit des Dreschers Gewalt
Medische Reihen schlug und Knechtschaft wehrte den Seinen,
Und sie gaben dem Gott freudig die Ehren des Siegs.

Inniger Rührung voll, am Pallashügel erstieg ich
Jene Grotte, die ihm fromm die Athener geweiht,
Daß er wohn' in der Burg und ewigen Dankes genieße.
Und aus ergriffener Brust rang sich ein stummes Gebet:
Send', allmächtiges Walten, o send' uns Prüfung, damit wir
Als Verschwisterte treu eines beim anderen steh'n.
Lehr' uns Opfer zu bringen, daß heiliger werde, wofür wir
Litten, und höhere Glut steig' aus geadelter Brust.
Aber den Hüter der Flur, den gib zum Genossen des Kampfes,
Der im Rausche des Siegs lehre bescheiden zu sein.
Endlich gib uns Fülle des Geists, damit wir den Völkern
Segenbringend voran durch die Jahrhunderte gehn.

 

Hymne an Phöbos

Ha, wie mit einmal
Zuckt es herauf
Durch die Nacht des Vergessens!
Aus Vorzeitdunkel
Fallen deutende Blicke
In meine friede-
losen Geschicke:
Kassandra war ich!
Ich war Kassandra,
Die Priamide.

In den glücklichen Tagen,
Eh noch um die Mauern
Der heiligen Troja
Der Kriegsgott tobte mit Mann und Wagen,
Auf den Zinnen von Pergamon
Stand ich am Morgen,
Als auf rötlich dämmerndem Ostweg
Phöbos emporstieg.
Aus blassem Äther unsichtbare Hände
Bewarfen mich neckend mit Rosen.
Und ein Tönen fiel aus dem Raum:
Kassandra, Schönste, soweit ich schaue,
Nenne, was dich zu höchst beglückt,
Der liebende Gott gewährt es.

Da schwoll das Herz der Priamstochter,
Und wie ein Kind gierig, bedachtlos,
Nach dem, was gleißt, die Hände streckt,
Stieg der Wunsch aus betörtem Busen:
Gib einen Strahl, du Sehergott,
Aus des Lichtes Reiche,
Daß ich Weitentrücktes und Kommendes schaue
Und Phöbos gleiche.

Weh mir Unseligen!
Kaum war es gesprochen,
Das Unglückswort,
Da durchzuckte ein Strahl
Mit gräßlichem Schmerz
Scharf und heiß
Wie ein glühend gespitzter Pfeil
Sengend das Hirn mir. Von Qual zermartert,
Aufgehoben, fortgetragen.
Von wem? Wohin? ich wußte es nicht –
Schwang ich im Raum – und fiel – und fiel.
Weitab von Ilion
Ein Berghain am quelligen Ida,
Schräg beschienen von Strahlen der Sonne,
Nahm die Verwirrte auf.

Da schoben die Zweige
Sich auseinander, und majestätisch
Trat Er mir entgegen,
Schlank und hoch,
Auf steilem Nacken das fürstliche Haupt
Mit dem strahlenden Antlitz,
Den wissenden Augen,
Das goldne Band im dunklen Gelock,
Der schönste der Zeusentsprossenen,
Der ernstlächelnde Jünglingsgott.
Er umfaßte mich sanft
Und legt' auf die qualbetäubte Stirn
Seine heilende Rechte.
Und o die Stimme,
Urquell der Tonkunst!
Hat mein Pfeil dich geschmerzt?
Sprach er tröstlich schmeichelnd.
Kühn war die Bitte,
Doch ich liebe Kühnheit im zarten Busen.
Siehe, nun wirkt in dir
Die Kraft des Gottes,
Nun gleichst du Phöbos.

Ich heile den Schmerz dir,
Den ich ungern schuf.
Aber du auch, Geliebte,
Heile die Schmerzen,
Deß', den süßes Verlangen peinigt.
Hoch wie der Himmel über der Erde
Sind die Leiden unsterblicher Götter
Über den Leiden der Erdenkinder.
Gib als herrliches Gegengeschenk,
Gib dem liebenden Gott – dich selber.

Arme umengten mich,
Lippen versengten mich,
Nah bedrängte der Gott:

Sieh meine Diener, wie flink sie huschen,
Blinkenden Scheines,
Sie lecken emsig den Tau der Gräser,
Daß keine Feuchte dein Brautkleid netze.
In der duftenden Kühle
Auf des Rasens schwellendem Polster
Bette dich mir ans Herz.
Erste Veilchen entlock' ich dem Grase
Zum Pfühl deines Hauptes,
Und der Vögel frühester Chor
Schmettre dein Brautlied.

– Schrecklicher, weiche!
Trage dein Werben, dein sinnbetörendes,
Zu deinesgleichen.
Was soll dir Kassandra, das Kind des Standes,
Ein Wurm vor dir!
Spiel einer Stunde!
Dann hingeworfen, zertreten
Von achtloser Sohle
Und, weh mir, vergessen!

– Liebliche Törin, sei nicht so bange.
Eine Stunde in Götterarmen
Ist für die Sterbliche ewiges Leben.

Kaum noch wehrte die Jungfrau
Des Gottes verlangenden Händen.
Komm nicht so nahe, flehte sie angstvoll,
Ehrfurcht und Opfer schuld' ich dem Gotte,
– Meine Liebe
Dem sterblichen Mann!

Lautauf schrie der Gott
Wie der Opferstier mit vergoldeten Hörnern,
Wenn am Altar das Beil ihn trifft.
Emporgewirbelt, rauh gestoßen,
Durch die Lüfte geschleudert,
Das Hirn zerstückt,
Zerschlagen die Glieder,
Auf den Zinnen von Pergamon fand ich mich wieder
Ringsumher
Hallte des Gottes Schmerzenswutschrei.

Seit jenem Tag mit schattenden Flügeln
Umfing mich Verhängnis.
Wehe der Lüge!
Immerdar, ohne Entrinnen
Fühlt' ich das Antlitz des Götterjünglings
Verlangend, sehrend über mir.
Des Nachts vom Lager
Unheilkündend
Trieben mich Träume,
Halbverstandene,
Durch die weiten Hallen der Königsburg.
Die Brüder schalten,
Es höhnten die Schwägerinnen:
Mondsüchtig wurde Kassandra.

Die Knie umfing ich dem greisen Priamos:
Laß mich bleiben im Vaterhause,
Dein jungfräulich Kind,
Die der Gott berührt, aber nicht besessen,
Wirf sie nicht weg an den Sohn des Staubes.
Schmach ja wär' mir's.
Apollons bin ich!
Ob ich Erschrockene ihn auch hinwegstieß,
Listig belügend,
Ihm doch bin ich verlobt,
Sein doch bleib' ich auf immer.

Zu späte Reue. Unversöhnlich
Zürnte der Gott.
Ein Pfeil im Hirn,
Dem angstgehemmten,
Ein Pfeil im Herzen,
Dem liebebeklemmten,
Ohne Spangen und Schleier, speiseverschmähend,
Bleich und hager
Irrt' ich umher.

Aber ganz erst erkannt' ich
Sein Qualgeschenk
An des Paris Unglückshochzeit.
Als sie der strahlenden Helena
Den Brautreigen tanzten mit stampfenden Füßen,
Da erhob sich aus Ilions Gassen
Blutrote Lohe, Kampfgetümmel,
Jammergeheul.
In die Hallen von Pergamon brach es herein,
Durch die Reihen der Tänzer,
Von keinem gesehen, von keinem gehört,
Ergossen sich Schatten feindlicher Kriegerscharen.
Laut auf schrie ich: Wehe, wehe!
Blut und Gemetzel!
Priamos fällt!
Brand schlägt empor!

Schweige, hieß es,
Kind des Wahnsinns!
Geh zu Eulen und Unken der Waldschlucht,
Heulende, wutverzerrte Mänade,
Störe das Fest nicht.
Geschlagen ward ich, gefesselt ward ich,
Harte Hände hielten den Mund mir zu.

Und immer aufs neue,
Wenn sich Troja Unheil bereitete,
Todverkündend
Kam das Gesicht.
Alles zu schauen, nichts zu wenden
Blieb mein Schicksal.

Tief sank Kassandra,
Beute des Siegers
An Trojas Gerichtstag.
Kein Erbarmen war bei Apollon.
Nicht die Schmach erzwungener Buhlschaft,
Nicht das Beil von Mykene
Erreichte den unerweichlichen Gott.

Jahrtausende gingen,
Die Kassandra geheißen,
Trug andere Namen
Und andre Geschicke,
Doch immer folgt' ihr durch alle Gestalten
Der liebende Haß des Gottes.
Immer gab er die tiefen Blicke,
Immer versagt' er Gehör der Umwelt,
Wandte das Aug von der ihn nur Suchenden
Grollend hinweg.

Grausamer,
Jetzt auch mich,
Die Wiedergeborene, Schuldlosgewordene,
Schlägst du mit Ängsten.
Machtest mich wissend und nichts vermögend,
Hast den Mund mir entsiegelt zu Trauerliedern,
Triebst mich ruhlos von Land zu Lande,
Nicht Herd und Heimstatt gönntest du mir.

Laß es genug sein!
Nimm der Entsühnten den Fluch vom Scheitel,
Heb an die Brust mich,
Segne mich, Hoher!
Löse die Lippen zu Lobgesängen,
Zu Jubelklängen,
Daß ich den armen Kindern der Erde
Lichtentzünderin, Hoffnungskünderin,
Trösterin werde.

 

Jenseits des Blutstroms

                          (1915)

Wir Feinde? Nimmermehr! Was auch geschehe,
Nie, nie verlernt's die Seele, dich zu lieben.‹
O seid gesegnet, die ihr mein geblieben,
Und segnet mich! Solang die Tage rollen,
Soll keiner doch Getrenntes mehr vereinen.
Ein Strom ergießt sich, bis zum Rand geschwollen
Von Blut und Schlamm: die Hand reicht nicht hinüber
Was könnten wir uns je noch sagen wollen?
Wo gäb's ein Wort, in dem nicht Dolche lauern?
Muß nicht die stumme Träne selbst verklagen?
Das schwarze Kleid: Sieh meine Wunde! sagen,
Sie heilt nicht mehr. Das taten mir die Deinen.
Ihr Freunde, die ihr jenseits wohnt vom Strome
Ich trüg's nicht, säh' ich das verhaltne Grollen.
Ich segn' und lass' euch alle. Bis auf Einen.

Denn eine Treue gibt es, der auf Erden
Kein Wandel droht. Sie wohnt in solchem Glanze,
Der Haß der Völker kann sie nicht gefährden.
Dort auf hesperischem Grunde, wo mein Leben
In Blüte stand, wo meine Gräber schweigen,
Im Land des Treubruchs wächst die Wunderblume.
Mein Freund, der von des Lebens Stunden keine
Mir je getrübt und tausende vergoldet,
Von andrer, leichtrer Art als deutsche Treue,
Doch immer neu und blühend ist die deine.
In Grazienhände war die Kunst gegeben,
Aus Sonnenstaub und dunklen Schicksalsfäden
Ein Band, ein unzerreißliches, zu weben.
Du halfst in Jahren schwer von Leid und Süße
Ein Flämmchen mir, ein sterbendes, bewahren,
Den heiligen Schlag des Mutterherzens hüten.
Mir zu vergüten, was ich Leids erfahren,
Wie streutest du mit Blumen mir die Wege.
Wo immer sich die Kluft vor mir gespalten,
Da stand der Freund, mich bei der Hand zu halten.

Doch unentrinnbar ist des Dämons Wille.
Krieg heischt er, Krieg! Wohin das Aug' sich wende,
Da stiert das Ende, giert der Höllenschlund.
Wir müssen's schauen, wie im irren Mute
Dein Volk sich stürzt zum grausen Würfelspiele,
Und jede Kugel, die da fliegt zum Ziele,
Sie lechzt nach meinem oder deinem Blute.
Die blaue Meerflut, die wir oft durchschnitten,
In unsrer Ruder gleichen Takt versunken,
Wenn du, mein Bruder, in der Abendstille
Dein voga voga! sangst, von Schönheit trunken,
Dort lauern Todesfallen ohn' Erbarmung.
Es tobt um unsre alten Dolomiten,
Aus Gletschern, die von unsrem Jubel schollen,
Der Mordkampf, wo in gräßlicher Umarmung
Die Meinen und die Deinen talwärts rollen.
Kein Fußbreit, wo sich Welsch und Deutsch nicht würge.

Doch unsre Treue dauert als ein Bürge
Für bess're Zeit. Wir wissen nichts vom Hassen.
Dein Ohr ist fern vom Lärm des Zeitenwahns,
Gewohnt, dem immergleichen Sang zu lauschen
Vom Werden und Vergehn, der Stimme Pans.
Sohn der Natur, mir ist, ich hör' dich sprechen:
Die alte Erde, sprichst du, liegt in Krämpfen.
Messina fiel, das war das erste Zeichen.
Die Kräfte, die sich fassen, grimmig kämpfen,
Das sind nicht Menschen, es sind Feuermassen.
Die unterirdische Wut riß sie nach oben.
Wenn wir auf den erkalteten Lavadecken
Einst stehen und wie sonst die Hand uns reichen,
Dann wird kein Wort uns und kein Schweigen schrecken,
Das Herz wird sprechen: Sieh, wir sind die gleichen.
Indessen laß den Urweltgraus vertoben,
Wie du den Deinen treu bist, bleib' ich's dir
Und will dein Haus und deine Gräber schirmen.

Mein Haus! Mein Haus am Meer! Auch heute türmen
Die Marmoralpen schimmernde Kastelle
In deinem Rücken auf und draußen breitet
Sich tiefblau, endlos die Tyrrhenerwelle.
Du träumst den Segeln nach, die ferne streichen,
Und an den Zauberinseln hängt dein Blick,
Die mein Erinnern Tag und Nacht umflügelt.
Es kann der Wunsch, wie glühend er sie male,
Die Schönheit, die lebendige, nicht erreichen.
Dort über Serravezza flammt im Stein
Durch all das Weiß die offne rote Wunde,
Und Wälder legen kühlend sich hinein,
Doch in der Berge weißen Flanken schläft
Die ungeborne Welt der Kunst, und oftmals
Am Abend rötet wie von innrer Glut
Sich das Gestein, als rief' es ungeduldig:
Es sinkt der Tag und wir sind unerlöst!
Glückseliger Strand, Gestade der Entrückten,
Schön wie der Ort, wo frei von irdischer Schwere
Die Helden und die Liebenden sich finden,
Wo fern der Zeit Achill und Helena
Im Schein versäumten Erdenglücks sich sonnen.
Ihr Sommer, deren Stunden leicht wie Träume
Der Himmlischen um unsre Stirn zerronnen!
In immer gleicher Fülle lebten wir
Unalternd, unsre Leiber waren Dinge
Aus Licht und Luft, die Sonne schien hindurch.
O Sonnenglühtrank, den ich heiß geschlürft
In jenen Sommern, die kein Ende hatten,
Du glühst noch jetzt in meinen Adern nach
Wie göttlich unverlöschbares Jugendfeuer.
Der Himmel gab es uns wie er zu lächeln,
Die Winde brachten Hauch der blauen Ferne,
Die Welle gab uns ihre Leichtigkeit.
Ach, welch ein Frevel riß dich Wunderküste,
Die Traum und Schönheit nur gebären sollte,
Dich kummerlose in den Kampf der Zeit!

– Mein Haus, mein Garten, heut auch schaut ihr sinnend
Mir nach. Und die Zypressen die ich pflanzte
Verstehn es nicht, daß wir jetzt Feinde sind.
Ihr Wachstum segnet meine Hand, ihr stolzes.
Aus ihres Holzes Wunde träuft gerinnend
Das würzige Harz. Dort geht in Balsamdüften
Der Freund und hütet mein verlornes Glück.
Er denkt den Salzhauch jener Morgenfrühen,
Wo wir als Erste in verjüngter Schöpfung
Uns trafen, wenn der Sturm der Nacht vergrollte –
Die weißen Flocken seines Geifers fliegen
Am Strand, und von der Flut, die schon entrollte,
Blieb feucht ein tangverbrämter Saum zurück –
Wir wandern zu den Mündungen der Flüsse
Den stillen hin, dem Spielplatz der Najaden.
Der Meergott drang im Mondschein wo sie baden
Gewaltsam ein und weit versandet liegen
Sie nach dem Kampf, mit Muschelwerk bedeckt,
Den Morgengaben ihres wilden Freiers.
Und, o die Nächte, jene Sternennächte
Am Strand! Gestalten, die sich nah begegnen,
Erschaudern wie vor plötzlichen Gespenstern,
So ganz in Schwärze sank die Welt, unhörbar
Ist unser Schritt im Sand, und alle Stimmen
Verschlang des Meers vieltöniger Nachtgesang.
Der Tino wirft aus regem Wächteraug'
Uns Feuerblicke zu, und manchmal huscht
Ein Strahlenbündel über Meer und Küste,
Nach Feinden suchend? – Feinde gibt es nicht!
Wer sah' den Weltbrand in der Tiefe glimmen?
Ein Boot nur mit verstohlner Liebesfracht
Steht jäh im Schein und flieht erschreckt ins Dunkel.
Nimm, gütige Nacht, die Liebenden zurück
In deinen Schutz. Auch wir verstehn zu schweigen.

Dies alles denkt er nun, den goldnen Reigen
Der götterleichten Tage neu beschwörend.
Verstanden wir es ganz, des Friedens Glück?
Doch jetzt vor einem Blumenhügel stockt
Sein Fuß: hier war's, wo wir die Scheiter häuften
Und sie beträuften zum geweihten Brande
Mit Öl und seltener Harze Köstlichkeiten.
Die starre Pania, Hochsitz der Gewitter,
Stand geisterhaft in ihres Marmors Glasten,
Es wetterleuchtete in der blauen Nacht
Um ihre Stirn, doch ihre Flanke trug
Zwei stille Feuer, große wache Augen,
Die niedersahen, Allerseelenfeuer.
Das Fest der Toten war's. Auch wir entfachten
Die Lohe hell. Und was das Haus verbarg
An Heiligtümern, Hüllen der Verblaßten,
Noch wie belebt von ihres Lebens Spur,
Das gaben wir der heiligen Natur
Zum Opfer, daß die Zeit es nicht versehre.
Zu würziger Zähre schmolzen die Zypressen,
Der Lorbeer flammte prasselnd, hochauf stieg
Der Rauch und wallte breit als schwarze Fahne
Hinaus aufs Meer. Er trug die Düfte hin
Wie Grüße der Geschiednen. Doch die Flamme
Umwandelnd dämmte sie mit seinem Stabe
Der Freund, und wo sie allzu gierig leckte,
Ward sie gelöscht mit Güssen edlen Weins.
Und sieh, ein Anblick; nimmer zu vergessen,
Wie plötzlich tief in des Gerüstes Mitte
Ein seltsam feuriges Gebild entstand,
Gleich einem Vogel mit gebreiteter Schwinge.
Es sprach der Freund: Wird jetzt ihr Herz zum Aar
Des Himmels, daß es auf zum Äther dringe?
Zum Phönix, sprach ich leis. Nun sank die Glut
Zusammen. Wie ein Korb voll roter Rosen
Lag sie am Grund und glomm die Nacht hindurch.
In erster Früh, wer kam auf leisen Sohlen
Und warf, daß er die Freundin überrasche,
Den Hügel auf und grub mit kundigen Händen
In warmer Asche holde Blumen ein?
Er sprach: das Mutterherz kann nicht erkalten,
Es glüht und wärmt die Erde tief hinunter,
Es wird der zarten Blumengeister warten
Und fest dich halten bei dem Liebeshügel,
Damit er deinem ruhelosen Leben
Ein Pol und friedeselige Freistatt sei. –
Wo ist die Freistatt nun? Der Dämon tat
Sein Werk, mein Bruder steht allein im Garten.
Doch wird sein Herz nicht traurig sein, der Graus
Berührt ihn nicht, er lebt im eigenen Lichte,
Denn leicht nur tritt dein Fuß, beschwingter Geist,
Den Grund, damit du frei von Schmerzen seist,
Ein Helfer und ein Hort in fremdem Harme.

Jetzt seh ich dich, das rote Kreuz am Arme,
Durchs Haus der Schmerzen wie ein Herrscher schalten,
Die himmlischen Schwestern mit dem Götterlächeln
Sind um dich her, und festlich wird der Ort.
Sie folgten über die Schwelle, die sie scheuen,
Dir nach, denn schwerer wär's, von dir sich trennen.
Sie helfen die Verbände dir erneuen,
Hier ziehen sie den Pfühl, das Linnen dort
Zurecht. In Augen, die vom Fieber brennen,
Erglänzt ein Hoffnungsstrahl und Sang erblüht
Auf Lippen, die noch erst in Qual sich preßten.
O Bruder, wie so sonnig ist um dich
Die Welt, der Tod sogar verliert den Schrecken,
Du birgst sein Antlitz hinter Rosendunst.
Wie du vordem in dumpfen Fieberstunden
Mir Minze, Salbei unters Kissen schobest,
Mit Duft und Schein von Wiesen mich umwobest
Und ließest mich durch holden Traum gesunden,
So übst du hier auch der Berückung Kunst.
Und wenn du dann im Mund des Sterbenden
Die Sprache hörst, die dir aus unsrem teuer,
Wird doppelt helles Licht, o Freudebringer,
Auf jenen fallen, und mit leichtem Finger
Wirst du ums Haupt ihm Fichtennadeln streuen,
Durch seligen Wahn von heimatlichen Wäldern
Und Bilder der Geliebten ihn erfreuen.
Der Wald! O welch ein Duft? Bin ich zu Hause?
Ist auch die Mutter da? – Die Männerrechte,
Die seinen Puls umschließt, verwandelt sich
In zarte Frauenhand, die ihn liebkost.
– Die Mutter, ja, hier ist sie. Sei zufrieden,
Bald wird dir wohler sein. – Dem ward schon wohl.
Er lächelt, schließt das Aug' und ist verschieden.

Zur Abendzeit, wenn hoch vom Hügelsaume
Der Blumenstadt die Feenkrone funkelt
Und San Miniato dunkelt überm Flusse,
Da wandelt Einer, dem des Tages Brodem
Verklärt wird zum gelebten Dichtertraume.
Des Stromes Hauch mit feuchtem Nymphenkusse
Kühlt ihm die Stirn und scheucht aus seinem Innern
Das Qualerinnern, den Verwesungsodem.
Dort überm Arno, wo von der Terrasse
Die Ranken wehn und drob als dunkle Masse
Die Feste ragt, ist eines Lämpchens Schimmer
Noch nicht verlöscht. – Ob sie wohl sitzt und wacht?
Ob ich ihr spät noch meinen Tag erzähle? –
Er steht und späht. Da zuckt durch seine Seele
Das Schwert: wie alles anders nun geworden,
Wie man des Gastrechts Heiligkeit verlacht
Und wie am Karst sich unsre Völker morden.

O Freund und Bruder, die du suchst ist ferne,
In Haus und Straßen findest du sie nimmer.
Doch sprich ihr nur, sie hält ihr Licht entfacht,
Sie hört und dankt dir wie von andrem Sterne.

 


 

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