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Gutenberg > Isolde Kurz >

Gesammelte Werke, 1. Band (Gedichte)

Isolde Kurz: Gesammelte Werke, 1. Band (Gedichte) - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
booktitleGesammelte Werke, 1. Band
authorIsolde Kurz
year1925
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleGesammelte Werke, 1. Band (Gedichte)
pages385
created20151215
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Gedichte

Erste Folge

 

An meine Mutter

Widmung der zweiten Auflage

Wo du auch gehst, da regt sich ein Gewimmel,
Wie weiland unter Noahs Wetterdach,
Dein Flügelvolk glaubt sich bei dir im Himmel,
Schildkröte wird behend und kriecht dir nach,
Kaninchen, Hunde, Vögel, und nicht minder
Sind dein bedürftig groß' und kleine Kinder.

Das flattert, piepst! Der eine flieht vorm Messer,
Der will gekraut sein, jener schnappt nach Brot,
Bei dir ist Schutz, du fütterst all die Fresser,
Weißt was den Jungen wie den Alten not;
Auch Fremde möchten im Vorübergehen
Gern auf ein Weilchen bei dir unterstehen.

Und deine Kinder! – kaum dem Nest entwachsen,
War jeder dir besorgt für junge Brut,
Dickköpfchen kamen goldblond, braun und flachsen,
Die wissen schon, wo sich's am besten ruht.
Nur ich hab' nichts in deinen Arm zu legen?
Ja, sieh nur her, ein hundertfacher Segen!

Da nimm sie hin, ich weiß nicht was sie taugen,
Doch ist's gewiß, sie gleichen mir aufs Haar;
Das macht sie schön genug in Mutteraugen.
So nimm sie denn ans Herz, die junge Schar,
Halb stehn sie fremd und scheu noch im Getriebe
Und wollen doch ihr Teil von deiner Liebe.

 

Meiner Mutter zum 80. Geburtstag

Widmung der vierten und fünften Auflage

Es wächst auf allen Wegen
Um dich der Ernte Segen,
Der deiner Saat entquoll.
Was bring' ich dir zum Feste
Im Schwarm der Jubelgäste,
Da heut die Achtzig voll?

Der eignen Seele Bildnis
Aus grüner Jugendwildnis
Leg' ich in diesen Liedern
Noch einmal dir ans Herz.
Mit rauschenden Gefiedern
Durch Sturm und Sonnenregen
Dem liebsten Port entgegen
Sie fliegen heimatwärts.

August 1906.

 


 

Nachtgebet

Die Sternennacht so still und hehr,
Die laue Luft von Düften schwer,
Ein Tönen zieht durch Wald und Flur
Wie Traumeslallen der Natur,
Die Brust wird wechselnd eng und weit
Und bebt im Schauer dieser Einsamkeit.

Die Himmelsaugen glühn mich an,
Wie wag' ich's, Urmacht, dir zu nahn?
Mir ist bei deines Odems Wehn,
Als müßt' ich still in Nichts vergehn.
Du bist so groß, ich bin so klein,
So lehre mich, dein frommes Kind zu sein.

Lehr' mich dich fassen, tief und voll,
Dir angehören wie ich soll.
Nimm mich zu dir in Freud' und Pein,
Laß mich vertrauend bei dir sein,
Daß ich vor deiner Größe, deiner Näh',
Nicht schaudernd steh'!

 

Überfluß

Wer nimmt sie von mir die schwere Gabe
Der unendlichen Fülle, die mich bedrängt,
Des Glückes, das all ich zu schenken habe,
Der Glut, die ihr eignes Gehäuse versengt?

Ein Garten träumt am versteckten Orte,
In Fülle wuchernd, des Südens Kind,
Er glüht, verblüht bei geschloßner Pforte.
Ein Meer von Düften verhaucht im Wind.

Der Rebstock seufzt um des Winzers Hände.
Wann kommt, der die reife Süße pflückt?
Ein Springquell schüttet die feuchte Spende,
Zu der kein Wandrer sich lechzend bückt.

O Jugend, Jugend, wie schwer zu tragen
Das schwüle Lasten, die süße Pein!
Leicht atmet die Scholle nach Erntetagen,
Der Herbst des Lebens muß Labe sein.

 

Jägers Omen

Heut im frühen Morgenschein
Stand ich vor der Liebsten Tür.
Blickt sie wohl vom Fensterlein,
Oder kommt sie selbst herfür?
Siehe, mein verschlafen Liebchen
Liegt noch im geschloßnen Stübchen,
Höchstens träumt sie jetzt von mir.

Wie ich so das Aug' erhoben,
Zieht ein Nest im Baum mich an,
Drein verwickelt und verwoben
Goldnen Haars ein voller Strahn.
Goldhaar ist mir wohlbekannt,
So hat's eine nur im Land.

Warte Vogel, kleiner Dieb,
Will dir gleich das Handwerk legen.
Doch was seh ich, welch' ein Segen!
Viere, fünfe, gar zu lieb!
Schmiegen sich zum Elternpaare
Nackt und blutt in Liebchens Haare,
Piepsen: Gib und immer: Gib.

Will euch Gute nicht beläst'gen,
Will ein Zeichen drin erblicken,
Daß dereinst im trauten Nestchen
Liebchens Haare mich umstricken,
Daß einst meine junge Brut
So in ihrem Schoße ruht.

 

Die gute Wäscherin

So weiß kann keine Wäscherin
Als wie die Liebe waschen,
Da bringt Verschwärzen nicht Gewinn,
Sie haucht nur auf die Flecken hin,
Und weg sind Staub und Aschen.

Die Trän' aus ihrem Aug' so treu
Ist wundertätige Lauge,
Nicht Jordans Wasser schafft so neu,
So rein macht Buße nicht und Reu'
Wie Trän' aus Liebesauge.

Und wär' die Schuld so riesengroß,
Und könnt' sie Engel fällen,
Und reicht' bis in der Hölle Schoß,
Die Liebe wäscht sie fleckenlos
Mit ihres Herzbluts Wellen.

O schilt mir nicht um ihren Fleiß
Die Wäscherin, die gute!
Und wäscht sie auch die Mohren weiß,
Sie tut's mit Tränen rein und heiß,
Sie tut's mit ihrem Blute.

 

Aschenbrödel

Und ob ich dienen muß als Magd,
Bin doch von edlem Blut;
Was man mir Böses auch tut und sagt,
Ich bleibe hochgemut.

Die Schwestern gehen im Goldgeschmeid
Und lassen im Ruße mich hier,
Doch ich schüttle vom Bäumchen ein Sternenkleid,
Dann neigt sich der König vor mir.

Ich kenne den Zwang und die bittere Not,
Weiß wie Verachtung brennt,
Oft hab' ich geweint auf mein trockenes Brot,
Doch immer sang ich am End.

Nächt war ich beim Tanz in des Königs Saal,
Mit goldenen Schuhen beim Tanz,
Jetzt sitz' ich am Herd in der Asche fahl
Und denk' an den gestrigen Glanz.

Und ob sie führen die falsche Braut
Den Weg mit Rosen bestreut,
Doch immer singt mir's im Herzen laut:
Es kommt noch der Tag, der mich freut.

 

Frühlingslied

Lieblich im Lenzeshauch
Baden die Glieder,
Seele, der Schmetterling,
Löst sein Gefieder.
Hoch bis zur Sonne
Schwillt mir das Herz,
Ach, und die Wonne
Mischt sich mit Schmerz.
Möchte zum Himmelsblau
Jubelnd mich heben,
Möcht' in der grünen Au
Wurzeln und kleben,
Möcht' in den Gluten
Schmelzend vergehn,
Still mich verbluten
An Sehnsuchtswehn.

Kannst nicht zum Himmelsblau
Jubelnd dich heben.
Sollst nicht in grüner Au
Wurzeln und kleben,
Aber dies Dehnen,
Weltenumfangen,
Liebendes Sehnen
Am nächsten zu hangen,
Schwanken und Beben,
Jubel und Schmerz,
Das ist dein Leben,
O Menschenherz.

 

Pietà

Noch schwankte bänglich zwischen Tod und Leben
Die Wage dir, schon sank der dritte Tag,
Daß schmerzdurchwühlt, mit Fieberfrost und Beben
Das schwere Haupt an meiner Schulter lag.

O schrecklich war's, wie du ins Kissen fallend
Von Tod und Grauen der Verdammnis sprachst,
Und plötzlich leise meinen Namen lallend
Mit Zauberwort des Wahnes Bann durchbrachst.

Und draußen der Septemberstürme Toben!
Ans Fenster schlug der wilde Geisterhauf,
Da hast du jählings dich im Bett erhoben
Und sprachst verstört: Er ist es, tu ihm auf!

Wo war dein Geist? Auf welchen Nachtgesichten
Verweilt' dein Aug, das irre Blitze schoß?
Indes die Liebe tröstend mit dem lichten
Gewand dich fester in die Arme schloß.

Es wird so still – ein Engel ist gekommen,
O Schlummer, lang ersehnte Arzenei!
Doch regt die Furcht sich schon und fragt beklommen,
Ob's wirklich Schlaf und nicht sein Bruder sei.

O tief ist diese Ruh'! Bringt sie Gesunden?
Mein eigner Herzschlag bricht die Stille nur.
Kein Hauch! Es tropfen glühend die Sekunden,
Die Hölle mißt ihr Leid nach dieser Uhr.

Hell ward's – ich suchte zwischen Furcht und Hoffen
In deinen Zügen unsern Schicksalsschluß:
Ich sah dein Aug' und deine Arme offen,
Und unser Fühlen sprach ein heil'ger Kuß.

 

Spaziergang

Er
In des Feldes gelben Haaren
Wühlt der Abendwind,
Komm, aus Staub und Qualm der Gassen
Eilen wir geschwind.

Licht des Abends, rosenhelle
Wie der Zukunft Licht,
Taucht in eine goldne Welle
Haar und Angesicht.

Arm in Arm, ein selig Wandern!
Vor uns Rosenschein!
Wandern in den offnen Himmel
Gradeswegs hinein.

 
Sie
Liebster, weißt du, was mich eben
Wundersam beschlich,
Wie Erinn'rung grau und dämmernd?
Doppelt sah ich mich.

Denn mir war's, als sei ich einmal
So von Glut umhaucht,
In dieselben Ährenfelder
Schon mit dir getaucht.

Bist du mir im Traum erschienen,
Eh' mein Aug' dich sah.
Oder war auf andern Sternen
Dieser Tag schon da?

 

Panacee

Wenn du kommst, so ist mir Heil beschieden,
Bin ich unstet, bringst du mir den Frieden,
Bin ich krank, so spendest du mir Leben,
Jedem Weh kannst du die Heilung geben.

Deine Hand, gelegt auf meine Stirne,
Scheucht des Fiebers Glut mir aus dem Hirne,
Deine liebe Hand auf meinem Herzen
Ist ein Heilkraut gegen alle Schmerzen.

Deinen Namen nenn' ich nur mit Bangen,
Denn ein Zauber liegt darin gefangen,
Wenn mich wer bei diesem Namen riefe,
Müßt' ich aufstehn aus des Grabes Tiefe.

Kennten sie die Kraft in deinen Händen,
Kranke suchten dich aus allen Enden,
Küßten dich wie Heiligengebeine
Und verehrten dich in goldnem Schreine.

Möchten dich am Ende sehr beläst'gen,
Sperrten dich in ein Reliquienkästchen.
Kennten sie die Kraft in deinem Namen,
Selbst der Priester spräche . . . statt Amen.

 

Ein Wunder

Ein Wunder ist, was hier geschah,
Und staunend faßt es mich.
Denn ich bin du geworden
Und du, du wurdest ich.

Sonst hatt' ich Wangen rosenfarb,
Und Goldhaar weich und licht,
Nun schaut aus diesem Spiegel
Ein neues Angesicht!

Wie ward mir diese Felsenstirn,
Dies strenge Brauenpaar,
Dies braune Falkenauge,
Dies krause Rabenhaar?

Mir selber bin ich neu und lieb,
Und staunend faßt es mich,
Halt' ich in meinen Armen
Mich selbst, mein schwarzes Ich.

 

Amors Schmiede

Sie
Ist's denn wahr und ward dies alte,
Trübe Herz an meinem jung?
Ach, in deiner Brauen Falte
Wacht und webt Erinnerung.

Als du mir, der Späterkornen,
Sankst ans Herz zum erstenmal,
Neuer lacht dem Blindgebornen
Nicht des Lichtes erster Strahl.

Doch ich weiß, an deinem Munde
Haben andre sich berauscht,
Haben in verschwiegner Stunde
Seel' um Seele dir getauscht.

All die goldnen Liebesscherze
Sind ein Spiel, das dir vertraut.
Liebster, sag', auf solches Herze
Ist mein Glück denn fest gebaut?

 
Er
Weiß ja, was in Herzensgrunde
Dir geheime Sorgen schafft.
Höre drum aus meinem Munde
Lehre tiefster Wissenschaft:

Amor ist ein Schmied geheißen,
Steht am Feuer Nacht und Tag,
Auf sein alt' und neues Eisen
Führt er singend manchen Schlag.

Herzen schartig, rostzerfressen
Nimmt er gern und schmilzt sie ein,
Aus dem Feuer seiner Essen
Gehn sie ganz und spiegelrein.

Sieh, das meine sonst so trübe,
Hell entstrahlt ihm jetzt dein Bild.
Nimm's und glaub', daß jede Liebe
Gleich der ersten Liebe gilt.

 

Beichte

Schlimmer Mann! Ich seh' mit Schmerze
Dinge sonderbar,
Hier auf deines Kleides Schwärze
Glänzt ein blondes Haar.

Nicht von deinem Scheitel fiel es,
Der ist schwarz und kraus.
Mit der Beichte bösen Spieles
Rücke gleich heraus.

Offen bin ich, meine Sünde
Beicht' ich dir getrost.
Ja, mit einem blonden Kinde
Hab' ich heut gekost.

Wohl ein Stündchen mir im Arme
Hat sie's gern erlaubt,
Ihrem Mündchen hab' ich warme
Küsse viel geraubt.

Mea culpa! Deiner Predigt
Harr' ich nun in Ruh',
Milde sei der Fehl erledigt,
Denn das Kind bist du.

 

Nachgedunkelt

Dich zeigte mir ein Morgentraum,
Ich stand betroffen und geblendet.
Du gossest Helle durch den Raum
Wie Finsternis, die Licht versendet.

Wohl kannt' ich deinen düstern Glanz,
Doch nimmer strahltest du mir Frieden.
Wird einem doch nicht jeder Kranz!
Und stille hatt' ich mich beschieden.

Verwandelt nun mit einemmal!
So kindlich heiter die Gebärde
Auf deiner Stirne lag ein Strahl
Von jedem reinsten Glück der Erde.

Und jetzt am hellen Morgenlicht
Sinn' ich, was dieser Traum mir gelte,
Und staune selber, daß ich nicht
Ernüchtert das Erwachen schelte.

Du warst so neu und doch vertraut,
Und mich durchdringt's mit Sonnenklarheit,
Daß ich dein echtes Bild geschaut:
Dein Bild im Spiegel ew'ger Wahrheit.

Wie es der Schöpfer einst gedacht,
Als droben er die Farben mischte,
Eh' noch die trübe Weltennacht
Des Pinsels Zauber halb verwischte.

So wie es steht auf reinrer Flur,
Der Ew'gen Auge zu erquicken,
Und ein Verlangen bleibt mir nur:
Möchtst du dich selber so erblicken!

 

Du fuhrst gleich einem Sturm aus Norden

Du fuhrst gleich einem Sturm aus Norden
In meine Welt!
Sieh, wie es kahl um mich geworden,
Wohin Dein Auge fällt!

Ich litt es, daß vom Baum geschüttelt
Die Blüte flog,
Und jeder Zweig mit Macht gerüttelt
Sich ächzend vor dir bog.

Du wilder Geist, was soll dein Wüten?
Warum versehrt
Dein rauher Hauch die schönsten Blüten,
Die dir dein Glück beschert?

Da fährst du hin in toller Laune
Auf fremde Saat –
Ich seh' dir fröstelnd nach und staune,
Ob schon der Winter naht.

 

O daß die Liebe sterben kann

O daß die Liebe sterben kann,
Wenn noch die Seele wohnt im Licht!
O daß im Herzen bricht ihr Bann,
Noch eh' das Herze bricht!

Heut Nacht im Traum warst du bei mir,
Dein Haupt an meine Brust gelehnt,
Und Lipp' auf Lippen drückten wir,
Von Reueschmerz betränt.

Ich bin erwacht – es brach der Bann,
Wir blicken fremd uns ins Gesicht,
O daß, noch eh' das Herze bricht,
Die Liebe sterben kann!

 

Nein, Liebe kann nicht sterben

Nein, Liebe kann nicht sterben,
Wie heiß ihr Weh auch flammt,
Eh' ging' die Welt in Scherben,
Eh' Liebe könnt' verderben,
Denn ewig ist ihr Amt.

Kann ich den Schwur bestreiten,
Den ich im Himmel gab?
Durchs Leben dir zur Seiten
In Glück und Not zu schreiten,
Dein Schutzgeist bis zum Grab!

Leg' an mein Haupt das deine,
Was kümmert mich die Welt?
Die Welt voll Neid und Scheine,
Ich weiß ja nur das eine,
Daß ich für dich bestellt.

 

So fahret hin denn, Gram und Groll

So fahret hin denn, Gram und Groll!
Da wir uns neu gefunden.
Denn alles, was uns trennen soll,
Hat fester uns verbunden.

Sie meinten's gut und warnten sehr,
Und haben fehlgetroffen.
Der kleine Gott erstarkt noch mehr,
Hat er die Augen offen.

 

Ob du gut seist oder böse

Ob du gut seist oder böse? –
Ach, es war der Sterne Lauf!
Rätsel, die ich niemals löse,
Gibst du meinem Herzen auf.

Zwischen Lieben, Fürchten, Hassen
Schwankt die Seele friedelos.
Sicher weiß ich eines bloß:
Nimmer kann ich von dir lassen.

 

Die Ernte der Engel

Ein Beet ist meiner Liebsten Mund,
Ein Beet wildwuchernder Rosen.
Wir pflücken und pflücken zu jeder Stund',
Doch im Nu zerflattern die losen.

Glaub' nicht, daß ihr leichtes Gewimmel in Luft
Wie die irdischen Schwestern zerstiebe.
Sie wallen empor als Opferduft
Zum Thron der urewigen Liebe.

Dort blühen sie auf zu der Seligen Lust,
Eine reife, duftende Ernte;
Nicht schöner glänzt an des Cherubs Brust
Sein Ordensband, das besternte.

Denn es sprach zu den Kleinsten des Vaters Huld:
Die süßeste Spende sei euer!
Und williger zahle sich keine Schuld
Als im Lenze die Rosensteuer!

 

Sprache der Seligen

Ward doch keinem Paar auf Erden
Sprache süß wie die geschenkt!
Kann des Plauderns müde werden,
Wer in Reim und Bildern denkt?
All die kleinen Liebeslieder
Spannen aus ihr leicht Gefieder,
Künden dir mit treuem Sinn,
Daß ich ganz dein eigen bin.

Und an tausend Blumenranken,
Die dein Stift geschäftig zieht,
Kleine Amoretten schwanken,
Singen ein gemaltes Lied.
Immer neue Liebesweisen,
Die von Nord nach Süden reisen,
Künden mir von Frist zu Frist,
Daß dein Herz mein eigen ist.

Solch Geplauder, will mir scheinen,
Von der Erde stammt es nicht,
Ist die Sprache des All-Einen,
Die der Chor der Sel'gen spricht,
Drin in ew'gen Liebesfreuden
Sie den Schöpferhauch vergeuden,
Drin sie tändelnd immer neu
Künden ihre Lieb' und Treu'.

 

Ruhelos

Lieb' ist schlimmste aller Plagen,
Tausend Dornen schaffen Pein,
Immer muß ich zweifeln, zagen,
    Immer fragen:
Lebt er und gedenkt er mein?

Bringt ein Brief ersehnte Kunde,
Ruh' ich wohl vom Dornenstich,
Jauchze wohl aus Herzensgrunde
    Eine Stunde:
Ja, er lebt, er denkt an mich!

Doch ein schleichend Mißbehagen
Mahnt, daß dieser Gruß nicht neu;
Leiser sprech' ich, schon mit Zagen:
    Vor drei Tagen
War er lebend, war er treu.

War ich kaum des Alps entbunden,
Kehrt er schon mit neuer Pein,
Kann von Qualen, Zweifelswunden
    Nicht gesunden –
Lebt er noch und denkt er mein?

 

Um dich

Was hat des Schlummers Band zerrissen,
    Die Ruh' verscheucht?
Wie kommt's, daß heute früh mein Kissen
    Von Tränen feucht?

Nicht weiß ich, was vom Traum umschlossen,
    Mich jäh beschlich,
Doch fühl' ich, diese Tränen flossen
    Um dich, um dich!

 

Seelenwanderung

Deiner trockenen Episteln
Lapidarstil schmerzt mich tief,
Schreib mir endlich einen schönen,
Wohlgesetzten Liebesbrief.‹

Schmollend hat's mein Lieb befohlen,
Und sie läßt sich nicht bescheiden,
Daß des Herzens beste Triebe
Nimmer sich in Worte kleiden.

Sieh am Draht die beiden Pole,
Müssen die sich's noch beschwören,
Wenn der Funke sie verbindet,
Daß sie fest sich zugehören?

Doch es sei, ich will beweisen,
Wie ich dir gehorsam bin,
Und ein Märchen, tief an Deutung,
Geht mir heute durch den Sinn:

Waren zwei verbundne Seelen,
Gottgeliebte Zwillingsflammen,
Durch des Himmels weite Räume
Glühten, sprühten sie zusammen.

Einstmals ob geringer Fehle
Mußten sie den Herrn erbosen,
Der verbannte sie zur Erde,
Gab sie preis des Standes Losen.

Doch die zwei als frohe Gatten
Mißten kaum des Himmels Wonne,
Bis die eine heimgerufen
Trauernd schied von dieser Sonne.

Heißer Tränen Flut zu stillen,
Ward sie neu zur Welt geboren,
Aber mit verjüngten Sinnen
Lachte sie des greisen Toren.

Und er zehrt sich auf im Harme,
Legte bald sich in die Bahre,
Sie in eines andern Arme
Lebte freudlos lange Jahre.

Rückgekehrt zum andern Male
Fand sie, ach, das Blatt gewendet,
Hatte doch der Vielgetreue
Zweimal schon die Bahn vollendet.

Nun im ersten Flaum der Jugend
Weckt er ihr die späten Gluten,
Still drückt sie die Hand zum Herzen,
Barg der Wunde heimlich Bluten.

So durch viele tausend Jahre
Kehrend stets aus Grabesschoße,
Trugen sie getrennt das Sehnen
Unerfüllter Liebeslose.

Ach umsonst durch alle Fernen
Suchten sie sich liebentglommen,
Bald das eine, bald das andre
War zu früh zur Welt gekommen.

Oft vor einem Frauenbildnis
Stand der Jüngling traumverloren:
Meinen Ahn muß ich beneiden,
Der sich ihrem Dienst geschworen.

Und begierig las die Jungfrau
Was von ihm die Lieder melden:
Liebe könnt' auch mich beglücken,
Säh' die Mitwelt solchen Helden.

Jedes sah des andern Züge
Lockend, unerreichbar winken,
Bald im fernen Ost erglühen,
Bald im Westen leuchtend sinken.

Endlich schienen günstige Sterne,
Und sie hatten sich gefunden,
Nur daß schon die Späterkannte
Durch geweihtes Band gebunden.

Mächtig zog sie 's Herz zum Herzen,
Doch dem Zwang des Urgebotes
Trat der Erde Pflicht entgegen,
Und sie starben blut'gen Todes.

Anders richten höh're Richter:
Die in Schuld sich treu geblieben,
Endlich ohne Furcht und Reue
Dürfen sie sich wieder lieben.

Meine Mär' ist hier zu Ende.
Meld' ich noch, wie freudetrunken
Sich die beiden Auferstandnen
Neuverjüngt ans Herz gesunken?

Oft noch wie ein leiser Schauer
Zittert's in der Seele Tiefen,
Gleich als ob vergangne Schmerzen
Aus dem Traum noch Klage riefen.

Möchtest du das Pärlein kennen?
Er ein Mann mit ernsten Brauen,
Sie – ich brauch' sie nicht zu nennen,
Kannst sie gleich im Spiegel schauen.

Laß uns fest zusammenstehen,
Und vereint von hinnen scheiden,
Nicht noch einmal durch Äonen
Qual der langen Trennung leiden!

Daß uns, wenn die Bahn vollendet,
Keine Wandrung mehr beschieden,
Daß wir, Selige, Befreite,
Ruhn im Paradiesesfrieden.

 

Absage

Wardst du auf einmal denn so reich?
Du blickst ja nicht zurück,
Und läßt zerschlagnen Scherben gleich
Im Staub dein bestes Glück!
Du hast so oft verziehen,
So viel hatt'st du Geduld,
Was treibt dich heut zu fliehen?
Heut bin ich ohne Schuld.‹

Weiß nicht, warum das Herz so müd,
So matt die Arme sind,
Weiß nicht, warum die Lust verblüht,
Bin nur ein großes Kind.
Ein Kind, das müd von Glücke
Sein Spielzeug selbst zerschlägt
Und weinend dann die Stücke
Zu seiner Mutter trägt.

 

Hasenfuß

Zum Korso trug mich
Die Menschenwoge,
Mein Herz lag stille
Wie Meeresruh.
Da zupft ein Händchen
Mich leis am Ärmel,
Ein Stimmchen wispert
Und raunt mir zu.

Der braune Junge,
Zerzaust und barfuß,
Bot mir ein Sträußchen
Zum Kaufe dar.
Doch auf dem Rücken
Sah durchs zerrißne
Ciociarenjäckchen
Ein Flügelpaar.

Ha, Schelmenaugen,
Ihr macht mich zittern!
Die Stimme kenn' ich,
Du bist's, Tyrann!
Hast du auch Pfeile,
Mit Gift getränkte?
Hier gibt's nur eines,
Was retten kann.

Zu Boden rannt' ich
Den Korb mit Veilchen,
Gab statt der Münze
Nur Fersengeld.
Doch nachgesendet
Kam durch die Menge –
Noch hör' ich's schwirren
Ein Pfeil geschnellt.

Hast fehlgeschossen
Für diesmal, Schütze!
Bis hoch im Halse
Schlägt mir das Herz.
Noch um die Ecke
Folgt mir sein Lachen:
So bleib doch, Hase,
's war ja nur Scherz.

Die Scherze sind mir
Nicht neu, die blut'gen,
Verlachen magst du
Den Hasenfuß.
Gebrannte Kinder
Fürchten das Feuer,
Und weit gelaufen
Ist gut vorm Schuß.

 

Mädchenliebe

              I

Dein war ich lange, eh' ich dich sah,
In jedem Traume warst du mir nah,
Dich sucht' ich über der Erde Revier,
Mein Leben war nur ein Träumen von dir.

Und als wir uns fanden am sonnigsten Tag,
Schnell kündet's der Herzen stockender Schlag,
Und vor uns rang aus der Zukunft Schoß
Eine neue, schönere Welt sich los.

Da hob sich ein Leuchten wie nie zuvor,
Und anders klang mir der Vögel Chor,
Und bunter die Blumen und grüner das Land,
Und Glückliche standen Hand in Hand.

So stand in Eden das erste Paar,
Als der Tod noch fremd und das Schicksal war,
Die neue Welt lag in seliger Ruh',
Ihr Schöpfer, ihr Meister, ihr Gott warst du.

 

              II

Und wieder stand ich und sah mich um,
Die Sonne war bleich, und die Welt blieb stumm.
Ihr Hauch erstarrt, die Natur entseelt,
Die Erde tot, der dein Odem fehlt.

So wechseln die Lenze bei deiner Gruft
Ohne Vogelsang, ohne Blumenduft,
Statt Lebensfülle und Lebensziel
Nur ein bleiches, verworrenes Schattenspiel.

Ja, die Sonne verblich, und die Welt ist tot,
Doch du lebst und atmest im Morgenrot,
Die Jugend, die Liebe, der Lenz, das Glück,
Sie alle kehrten zu dir zurück.

Sie schmiegen sich an dich, sie flüstern traut,
Sie füllen dem Dunkel mit Licht und Laut,
Wohl blieb ich allein in der Dämmerung hier,
Doch ich schließe die Augen und träume von dir.

 

              III

Nie vergeß ich jenes Armen,
Jenes hagern, hungerbleichen,
Den ich einst am Wege fand.
Sah ihn lauernd mich umschleichen,
Doch nicht rief er mein Erbarmen,
Nur mit scheuen, raubtiergleichen
Blicken, drin der Hunger glühte,
Streift' er meiner Wangen Blüte
Und mein seidenes Gewand.
Magisch zog mich's ihm entgegen,
Wie durch seinen Blick gebannt
Mußt' ich in die offne Hand
Alles, was ich hatte, legen.

Jenes Armen denk' ich nun,
Wenn die abgrundtiefen Augen
Dieses Fremdlings auf mir ruhn.
Wie sie mir am Blute saugen,
Hat sein Mund doch keine Bitte,
Mit des Raubtiers scheuem Tritte
Folgt er trotzig meiner Spur.
Ach, wenn seine düstern Schmerzen
Rings wie Hölle mich umlodern,
Ruft's in meinem tiefsten Herzen:
Dieser hat ein Recht zu fodern,
Meine Seele fordr' er nur.
Und mich zwingt's, daß ich am Wege
Nicht vorbei kann ohne Gabe,
Daß ich in die Hand ihm lege
Mich und alles, was ich habe.

 

              IV

Nächtlich war's am stillen Weiher,
Wo ich ihm zur Seite stand,
Als im Wind mein langer Schleier
Sich um seinen Nacken wand.

Ach, was ließ ich's nur geschehen,
Daß er fest den Knoten schlang,
Mich an seiner Hand zu gehen,
Ein gefangnes Füllen, zwang!

Denn seitdem auf allen Wegen
Fühlt' ich unzerreißlich stets
Über mich und ihn sich legen
Magisch jenes Schleiers Netz.

Seit mich gar sein Arm umwindet,
Schwand der Freiheit letzter Rest.
Fessel, die uns beide bindet,
Liebe Fessel, halte fest!

 

              V

Rosenstöcklein, schwach und klein
Pflanzt' ich es im Garten,
Einer Blume roten Schein
Konnt' ich kaum erwarten.

Knösplein stand so schön im Hag,
Freut mich schon seit Wochen,
Heut in Tränen früh am Tag
Hab' ich es gebrochen.

Harrt' ich drum so freudevoll
Erster Rosengabe,
Daß sie glühn und welken soll
Aus des Liebsten Grabe?

 

Gnadenwahl

Ach, ein Leben ohne Liebe
Rinnt in des Vergessens Fluten,
Ist ein Frühling ohne Triebe,
Ist ein Sommer ohne Gluten,
Ohne Erntetag ein Herbst.
Wer die Liebe nie gewonnen,
Steht verbannt vom Lebensbronnen.

Ob sie heilig ihn entflammten,
Keiner Künste wird er Meister,
Nicht die Stätte der Verdammten,
Nicht der Chor der sel'gen Geister,
Ihn umfängt das Zwischenreich.
Wem die Liebe sich verschlossen,
Schemen hat er zu Genossen.

Wen ihr Atem nur berührte,
Wer des fliehenden Gewandes
Saum nur an die Lippen führte,
Ist ein Bürger ihres Landes,
Den Erkornen zugesellt,
Wen sie hielt in ihren Armen,
Nimmer kann er ganz verarmen.

Schwand sie hin in Erdenferne,
Weilt nicht länger wärmespendend,
Wandelt sie zum schönsten Sterne
Ihre Flamme strahlensendend,
Zieht das Aug' zum Äther aus,
Für die Freuden, die zerstoben,
Leiht sie Bürgerrecht dort oben.

O wie sanft der Lieb' im Arme
Sinkt das Haupt zum langen Schlummer!
Und sie wacht in ihrem Harme
Eine Weile noch als stummer
Hüter an dem heil'gen Grab.
Bis auch ihr die Wimpern fallen
Und die Schleier niederwallen.

Ach, ein Leben ohne Liebe
Rinnt in des Vergessens Fluten,
Ist ein Frühling ohne Triebe,
Ist ein Sommer ohne Gluten,
Ohne Erntetag ein Herbst.
Wer zur Liebe nicht geboren,
Dort und hier ist er verloren.

 

Oft hört' ich sagen

Oft hört' ich sagen, wer ein Glied verlor,
Dem zuck' ein Schmerz noch lange geisterhaft
Im toten Stumpf und lüge Leben vor,
Als sei's noch Fleisch und Bein, was Unruh schafft.

Du meine Hälfte – nicht die beßre zwar –
Bist abgetrennt von mir, doch immer zuckt
Der Nerv, der uns verband; wo Leben war,
Irrt ein Phantom, das dumpf im Herzen spukt.

Oft fühl' ich deines Hauptes traute Last,
Von deinen Armen meinen Hals umstrickt,
Die Stimme, die betört, wen sie erfaßt,
Tönt wieder, daß mein tiefstes Herz erschrickt.

Teil meiner selbst, du liebster, schlimmster Teil,
Mit Schmerz besessen und mit Schmerz entbehrt,
Dich opfernd rett' ich meiner Seele Heil,
Doch der zerstückte Rest, was ist er wert?

 

Tote Götter

Zu einem Bild

Dein Tempel ist verwaist und dein Gott ein Traum,
Kein Glaube wärmt, o Seele, dein ödes Haus,
    Doch bleibt der Ort geweiht, und fernab
        Rauscht des geschäftigen Tags Gemeinheit.

So liegt im Hain zertrümmert ein Götterbild,
Sein Dienst vergessen, ach, seine Priester tot!
    Das edle Haupt zerschellt, doch Hoheit
        Strahlt von dem herrlichen Rumpf noch immer.

Der Vorzeit Geister hüten die Stätte treu,
Den Leib umgießt verklärendes Abendrot,
    Die Lüfte reden leis, und lieblich
        Duften die Blumen, wo Götter schlafen.

Ja, tote Götter, euer ist noch der Ort,
Und dein des Herzens Stille, Erinnerung;
    Doch euer Tag ist um, und ewig
        Trauert die Seele, daß Götter sterben.

 

Zerrissenes Band

O singt in meiner Nähe kein Liebeslied!
Kein Hauch der Sehnsucht schwelle den Busen mehr,
    Daß weinend nicht die nackte Seele
        Mir sich in weibische Wehmut löse.

Das Buch auch tragt hinweg, das von Lieb' erzählt!
Nicht hören will ich heut, wie die Treue kämpft
    Und stirbt, sich opfernd: allzuleicht ist
        Sterben um Liebe, ein selig Sterben.

Von Römerinnen sprecht und von Frauenmut,
Von Taten überweiblich und liebeleer,
    Daß ich auch meines stärkern Herzens
        Schlag und das eigene Selbst empfinde.

An meinem Herde lauert der Feind auf mich,
Ach, mit den düstern Brauen am alten Platz,
    An den gemeinsamen Altären
        Sitzt er und brütet und sinnt auf Unheil.

Er leidet, raunt mir leise das Mitleid zu,
Nicht richten sollst du, tönt's aus dem innersten,
    Die Großmut sagt: Vergib! – und fester
        Schnüren ums Herz sich die alten Bande.

Die Heiligtümer gab ich in seine Hut,
Zu jeder Zufluchtsstätte den Schlüssel ihm,
    Und selbst mein Saitenspiel, mein Letztes,
        Eigenstes hab ich an ihn vertändelt!

Von ihm nur tönt's, wenn nächtlich die Hand es rührt,
Drum lehn' es dort im Winkel bestaubt und stumm!
    Doch oft von leisem Tritt erschüttert
        Tönt es von selbst die gewohnte Weise.

So laßt mich fort, wo Namen stolzeren Klangs
Der Wind verwehte, fort zur Ruinenstadt!
    Daß ich mir Mut und des Vergessens
        Kraft aus dem Euter der Wölfin trinke.

 

Zu spät

Ja, der Sieg ist dein und die gute Sache,
Frei von Fehl nun stehst du, zu hoch der Klage.
Meinem Zürnen fandst du die stolze Antwort:
                                Schweigen und Sterben.

Grollen möcht' ich, aber umsonst! Es lastet
Schwer wie Schuld und zieht mich dir nach zur Erde
Deiner Schmerzen, ach, der zu spät erkannten
                                Dunkles Vermächtnis.

Denn der Tod, er ist ein gerechter Richter,
Seit du schweigst, erstehen dir tausend Zeugen,
Sprache fand die stumme Natur, um deine
                                Sache zu führen.

Scheu im Dunkel schleich' ich die alten Pfade,
Wo dein Hauch noch weht und dein Schatten nah ist,
Aus den Linden flüstert's wie Liebesworte,
                                Worte, die du sprachst.

Diese Mauern, unseres Glückes Hüter,
Und der See, der gerne dein düsterschönes
Bild gemalt, die atmende Nacht, sie alle
                                Fragen: Wo ist er?

Ja, wo ist er hin, den an meiner Seite
Oft die Lenznacht sah und der stille Spiegel?
Wo die Zukunft, die wie ein sichrer Stern uns
                                Hell überm Haupt stand?

Wie zum Hohn dann schießen an blauer Höhe
Sterne hin und blitzen und sind verschwunden.
Keine Wünsche rufen wir heut gemeinsam
                                Ihnen entgegen.

Hastig stürz' ich fort, doch die Stimmen folgen
Immer nach, und fragen: Wann kehrt er wieder?
Wie Verbrechen gräbt es mit tausend Dolchen,
                                Daß ich allein bin.

 

Genesung

Wie Götternähe rührte des Todes Hauch
Mich an, des Allversöhners, und Friede ward.
    Im Spiegel, den er treu mir vorhielt,
        Sah ich Vergangnes und Gegenwärt'ges.

Was ich besessen, dankbar erkannt' ich's hier,
Und menschlich schien das Leid, das dem Ende nah.
    Und in des Abschieds heil'ger Klarheit
        Glänzte die Welt wie in Abendröte.

Ich komme, sprach ich, freundlicher Genius,
Durch goldne Pforten führ mich ins Nimmersein!
    Da faßt' er lächelnd mich noch einmal
        Fester ins Auge – und flog vorüber.

Nun kehrt in meine Wangen das Rot zurück,
Und kluge Männer sagen, Genesung sei's.
    Ach, mir im Marke wühlt des Lebens
        Schleichendes Fieber, das langsam tötet.

 

Am jüngsten Tag

Früh, sobald der Morgen wacht,
Huscht's durch Flur und Halle,
Mütterlein den Kaffee macht,
Klopft an jede Türe sacht,
Weckt die Schläfer alle.

Nur die Tochter seufzt und spricht:
Laß mich ruhn und träumen!
Meine Augen schmerzt das Licht.
Mutter, stör' den Schlaf mir nicht,
Hab' nichts zu versäumen. –

Wenn zum jüngsten Tage hell
Die Posaunen blasen,
Mütterlein ist gleich zur Stell',
Läuft und weckt die Ihren schnell
Drunten unterm Rasen.

Vater, der am längsten schlief,
Muß zuerst sich schütteln,
Auch der Jüngste schläft nicht tief,
Aufsteht jeder, den sie rief –
Eine muß man rütteln.

Eine wendet sich zur Seit',
Will nicht sehn noch hören:
Zu verschlafen Erdenleid
War zu kurz die Ewigkeit;
Laß dein Kind nicht stören.

 

Auf San Miniato

Wenn ich satt am Sonnentrank
Mich im Süd getrunken habe,
Eine Lilie weiß und schlank
Sprosset dann aus meinem Grabe.

Rot wie Blut ein Feuermal
Tief im Kelche wird sie tragen,
Zu der schönern Schwestern Zahl
Und zur Erde wird sie sagen:

Dieser Zweig von fremdem Stamme,
Bleiche Pilgerin vom Norden,
Ist genährt von eurer Amme
Nun ein Teil von euch geworden.

Schönheit, die sie lebend zwang
Also mächtig euch zu lieben,
Liebe, die das Grab verschlang,
Sprossen auf in Blütentrieben.

Alle Farben, Glanz und Duft,
Die ihr droben ihr gespendet,
Hat sie aus der dunklen Gruft
Wieder an das Licht gesendet.

Meer und Berge goldumsäumt,
Und den Himmel, ihren süßen
Freund, von dem sie schlummernd träumt,
Alle, alle soll ich grüßen.

Lebend hing sie liebetrunken
Festgesaugt an eurem Boden,
Wohlig nun dahingesunken
Schlummert sie bei euren Toten.

Freut sich schlummernd noch, daß jetzt
Eure Luft den Rasen fächelt,
Euer Regen ihn benetzt,
Eure Sonne drüber lächelt.

 

Italien

Hingestreckt zwischen beiden Meeren
Liegst du und träumst in Mittagsruh',
Götterliebling!
Und die Wellen singen ihr altes Lied,
Das weltenalte,
Von deiner Schöne, von deinem Ruhm.
Die fernsten Ufer hallen's zurück,
Doch von der seligen Stirne,
Die kein Leid gefurcht, die kein Gram gebeugt,
Ist der schwere Lorbeer gefallen.
Und die Hand, die herrliche Bildnerin,
Die die Kette gebrochen der langen Schmach,
Heut' liegt sie müde und feiert.
Will nicht mehr schaffen, will nicht mehr siegen,
Schelte sie keiner um ihre Ruh'!
Denn fernher kommen bezwungne Barbaren,
Zahlen willig der Ehrfurcht Zoll,
Und die Götter, die launisch grollten,
Haben der Freundin, der lange Verstoßnen,
Endlich heiteren Abend geschenkt.

 

Nächtliche Meerfahrt

Dämmerung birgt das Gestad,
Kaum auf flüssigem Pfad
Folgt noch ein Lichtlein zum Gruße,
Schon mit blinkendem Fuße
Netzt sich Arkturus im Bad.

Stille des Himmels Raum,
Fische schnappen im Traum,
Hin durch feurige Gleise
Klatschen die Ruder leise,
Golden träufelt der Schaum.

Hell in des Mondlichts Bahn
Steure, beflügelter Kahn!
Magisch flimmert die Brücke,
Trägt sie den Schläfer zum Glücke
Seliger Inseln hinan?

Schifflein auf lebender Flut
Faltet die Flügel und ruht.
Alle Gestirn' um die Wette
Segnen das schwimmende Bette
In des Unendlichen Hut.

 

Serenade auf dem Meer

Stille, stille Nacht!
Nur die Welle murmelt sacht.
Träge wäscht sie um der Klippen
Starre Rippen,
Und verdrossen unterm Haus
Schüttet sie den vollen Eimer aus.

Horch, von ferne her
Kommt es tönend übers Meer.
Klänge, die in Wasserbreiten
Mondhell gleiten,
Körperlos wie Sphärenklang,
Wie ein Geisternachen voll Gesang.

Klimmt ein Engelhauf
Goldne Leiter ab und auf?
Fühl' ich ew'ger Freude Wellen
Mich umschwellen?
Wolkenbette mich umflockt!
Jeder Ton ein Cherub goldgelockt!

Übers Meer hinan
Schweb' ich helle Mondenbahn.
Mit den Wolken aufwärts wallend,
Sanft verhallend,
Trägt mich der beschwingte Chor
Schlafend zu den Seligen empor.

 

Nekropolis

Es steht eine Stadt im Flutenbraus,
Aus feuchter Tiefe gerufen,
Da spülen die Wasser um jedes Haus
Und küssen die marmornen Stufen,
Da stehen Paläste in Herrlichkeit,
Vergoldete Säulen und Mauern,
Doch über die Zinnen lagert sich breit
Zerstörung mit tödlichen Schauern.

Da rollt kein Wagen, kein Huf erdröhnt
Und weckt den entschlummerten Löwen,
Nur leise vom Lido der Nachtwind stöhnt,
Und seewärts kreischen die Möwen,
Der Mond versilbert die tote Flut,
Drauf stille die Gondeln streichen,
Und Tang vom Meere, der treibt und ruht
Wie sturmverschlagene Leichen.

O Perle, wie keine das Meer gebar,
Du schaumentstiegene Schöne,
Wo sind deine Töchter mit goldenem Haar?
Wo sind deine fürstlichen Söhne?
Wo ist deines Goldes verschwendrische Pracht,
Mit dem du der Erde geboten?
Wo ist deiner Künste gesellige Macht?
Wo ist dein Reich? Bei den Toten.

Nur nächtlich den Großen Kanal entlang,
Den irrende Lichter streifen,
Da klingt's wie Flüstern und Liebesgesang
Von Schatten, die einsam schweifen.
Und auf der nahen Piazza schwirrt
Ein fröhliches Maskengewimmel,
Die waffenstarrende Riva klirrt,
Und Masten verdunkeln den Himmel.

Mir ist es, als sei aus Flut und Nacht
Das alte Venedig gestiegen.
Der Seewind regt sich, die Welle erwacht,
Den schönen Leichnam zu wiegen.
Es steigt das Meer, und vom Bett des Kanals
Andrängt sich's mit gierigen Armen,
Als sollt' an den Küssen des Jugendgemahls
Die tote Schöne erwarmen.

 

Mohn

Der Tag will still verrauschen,
Er glättet seine Wogen,
Die Sternengeister lauschen
Auf hohem Siegesbogen,
Der tausend Funken sprüht,
Die Nacht ist eingezogen,
Die Welt verglüht.

Die dunklen Schleier schmiegen
Sich um der Herrin Glieder,
Aus ihrer Fackel fliegen
Am Himmel Funken nieder,
Sie führt den stillen Sohn,
Der streut auf alle Lider
Den süßen Mohn.

Gedanken, müd' vom Streite,
Sind still, wie still geworden,
So schlummern Seit' an Seite
Kampfmüde Kriegerhorden,
Und über ihnen spannt
Der Traum die goldnen Pforten
Ins schönre Land.

 

Schnee im Süden

Es rieseln die Flocken,
Vom Nordwind gesandt,
Da schauert erschrocken
Das südliche Land.

Ihr Kinder der Scholle,
Euch dünkt es ein Traum,
Wenn droben Frau Holle
Schüttelt den Flaum.

Mein Stammverwandter
Besuchst mich auch hier,
Und schwingst als Gesandter
Dein weißes Panier.

Hier droht dir Verderben
Die Feindin in Wehr;
Schon seh' ich sie werben
Ihr strahlendes Heer.

Weit hinter den Alpen
Da steht unser Haus,
Ich flog mit den Schwalben
Nach Süden hinaus.

Und seh' dich erscheinen
Am fremden Ort,
Als Bote der Meinen,
Als Gruß vom Nord.

 

Deutsche Gespenster

Mich trug ein Traum zurück zum Neckartale,
Im Nebel lag die altersgraue Stadt,
Wo jeder Stein mir zum Gedächtnismale,
Zur Rune ward auf meinem Lebensblatt.

Der Feste dunkle Zinnen sah ich ragen,
Das Storchennest auf hohem Rathausdach.
Das Rößlein wiehert, das mich oft getragen,
Und ruft die Geister meiner Jugend wach.

Fern grüßt ein Berg, ein Kirchlein krönt den Gipfel,
Und überm Strombett bebt der schwanke Steg,
Die Linden heben die beschneiten Wipfel,
Und scheinlos zieht der Mond den Wolkenweg.

Musik ertönt, welch hastig buntes Regen!
Die glatte Fläche schimmert kalt und weiß,
Bekannte Augen winken mir entgegen,
Und unterm blanken Stahlschuh knirscht das Eis.

Vorbei! Vorbei! Ich kann die Hand nicht fassen,
Ein Nebelschleier schiebt sich wallend vor,
Ein dunkler Steg, ein Kreuzweg öd, verlassen,
Und einsam steh' ich vor dem Friedhoftor.

Ich muß die Stirn ans Eisengitter lehnen,
Die Kniee sinken auf den kalten Stein,
Und übermächtig quellen meine Tränen –
Da weckte mich italischer Sonnenschein.

 

Vada

Von grauer Vorzeit her
Am Strande ging die Mär',
Daß Vadas Stadt und Hafen
Schon tausend Jahre schlafen
Im blauen Mittelmeer.

Da sah in heller Stund'
Ein Fischer jüngst den Fund,
Von seines Nachens Rande
Tief auf gewelltem Sande
Die Mauern bis zum Grund.

Die Straßen Haus an Haus
Uralten Römerbaus,
Die Plätze, stille Hallen,
Durch Vadas Tore wallen
Die Fluten ein und aus.

Der Klippen starre Reihn
Soll Vadas Feste sein.
Ihr Kitt ist lang verloren,
Korallen, Madreporen
Verbinden Stein mit Stein.

Ein Garten wundersam
Entsprießt aus Schutt und Schlamm
Im tiefsmaragdnen Schweigen,
Ein Wald von roten Zweigen
Verästelt Stamm und Stamm.

Delphine hausen hier
Und kühles Seegetier,
Die Meerstern' und Korallen,
Seepferdchen, bunte Quallen
Sind Herrn im Lustrevier.

O fällt mir je mein Los
Im Meere frei und groß,
Und will Neptun mich ehren,
Muß er mir Sitz gewähren
In Vadas Wunderschoß.

 

Frühlingsweihe

Hier steht, o Mutter, dein Hochaltar,
Der Falk umkreist ihn im Fluge,
Die Raute wächst und das Frauenhaar
Aus triefender Felsenfuge,
    Die Winde schwingen dir früh und spät
    Ein Rauchfaß düftedurchtränkt,
    Und ich, ich hab dir zum Weihgerät
    Mein flammendes Herz geschenkt.

Dem Himmel gehör' ich, dem Wolkenzug,
Deinen ewigen Orgelchören,
Von Liebestreue, von Liebestrug
Kein Wörtlein will ich mehr hören.
    Seit die Seele sich hingab der Übermacht
    Und im blühenden Lenz sich verlor,
    Ich bin nur ein Auge, das späht und wacht,
    Ich bin nur ein lauschendes Ohr.

Hier tränken sich selig im Sonnenschein
Die Pinien und stolzen Zypressen,
Gefühllos, wunschlos wie Edens Hain,
Des Menschendaseins vergessen.
    Wo als Purpurteppich das Kleefeld glüht,
    Das silberne Bänder durchziehe
    Wo an Rainen das nickende Perlgras blüht,
    Da streck' ich im Schatten mich hin.

Die Blumen alle von Wald und Rain
Verstreu' und ordn' ich im Schoße,
Der Scharlachmohn soll der König sein,
Ihm paar' ich die Heckenrose.
    Dem Thymian eint sich der Fingerhut,
    Jasmin haucht die Seele fast aus.
    Adonisröslein so rot wie Blut,
    Und ein Bandgras umwinde den Strauß.

Mir dünkt, ich liege von Grün umlaubt,
Mit grünen Netzen umwunden,
Als Blumenglocke fühl' ich mein Haupt,
Den Leib in Ranken geschwunden.
    Das Ich entrang sich dem alten Joch
    Und schwindet erlöst ins All;
    Die Stimme nur schluchzt von den Zweigen noch
    Und jubelt als Nachtigall.

 

Musik der Dinge

Du ewige Angel, dran der Erdball hängt,
Du Welle, die vom Unerschaffnen drängt,
Das All durchströmt, den Tanz des Lebens führt,
Leis flutend auch das Seelenlose rührt.

Du tönst vom Wald, du rauschst am Klippenhang,
Auf Meeresweiten schwillt dein Hochgesang,
Tief tiefes Schweigen, Stille schwarz verlarvt.
Ist deine Harfe, die am lautsten harft.

Im Maße deines Reigens schwing' auch ich,
An deinem goldnen Bande hältst du mich,
Und was als Sang von meinen Lippen hallt,
Ist deiner Weise stammelnd nachgelallt.

 

Erscheinung

Warum, o warum hast du das getan,
Daß du sie brachst die eisernen Bande,
Wieder dich drängtest in meine Bahn
Aus dem schweigenden Lande?

Nein, nicht du, deine Hülle nur,
Liehst sie dem fremden wandernden Manne,
Der sie achtlos vor mir des Weges trug.
Haltung, Gestalt und Gang
Und das Haupt im Nacken,
Bei jedem Schritte sein selbst bewußt.

Und wie er den Kopf nun seitwärts wandte,
Mein Auge starrte, mein Herz verging –
Ich sah durchs Zwielicht klar wie am Tage,
Sah das Antlitz, das wohlbekannte,
Blaß aus der Schwärze des Haares scheinen!

Und die Augen spähend auf mich geheftet,
Als suchten sie in meinen Zügen
Nach der Jahre Veränderung.
Ja, die Toten sie bleiben jung.

Wärst du gekommen, als ich dich rief,
Dich vor mich rief, mir Rede zu stehen.
Mir einmal noch, einmal ins Aug' zu sehen,
Aber du schlummertest kalt und tief.

Und jetzt kommst du nach Jahren
Unerwartet und unwillkommen!
Und was verlangst du?
Wußtest du, daß ich mich wieder freute,
An den Strahlen der Sonne mich wieder wärmte,
Daß ich die Erde liebte und dein vergaß?
Und es ließ dich im Grabe nicht ruhn,
Trieb dich herauf, mich zu mahnen
Durch einen Pulsschlag aus jener Zeit,
Was die Erde war, als sie dich getragen!

Geh, Toter, die blühende Welt ist mein,
Mein das Heute voll Jugend und Sonnenschein.
Du bist nichtig, ein Spuk, ein Traum –
Toter, geh, hier ist für dich kein Raum.

 

Abschied

Ihr scheltet, Lieben, meine Hast!
Ein Schwälblein war euch Sommergast,
Das fegt der Nord von hinnen.
O goldne Sonne von Florenz,
O Herbst des Südens, zweiter Lenz,
Nach euch steht all mein Sinnen!

Schön war zur Sommerzeit der See,
Doch auf den Bergen liegt der Schnee,
Der Tag ist grau und trübe,
Der Herbstwind peitscht den Wald mit Wut,
Von seinem Hauch erstarrt das Blut,
Im Herzen starrt die Liebe.

Doch hinter jener Alpenwand,
Vor Frost geborgen liegt ein Land,
Das lacht im Sonnenscheine.
Willkommen, mein beschneiter Steg!
Durch Reis und Regen führt der Weg
Ins goldne Land, ins meine.

 

Tantenlieder

            I

Tante, mach' die Türe zu
Und den Zeiger stelle,
Denn ich will noch nicht zur Ruh
Und die Uhr läuft schnelle.

Bis zum neunten Glockenschlag
Spielen wir aufs beste,
Wenn die Zeit nicht warten mag,
Halten wir sie feste.

Kind, die Zeit hat Riesenkraft,
Keiner sagt ihr: Weile!
Über Riegel, Schloß und Haft
Geht sie weg in Eile.

Einer nur vermaß es sich,
Hat mit ihr gerungen,
Doch die böse Alte schlich
Seitwärts unbezwungen.

Wärst du auch der Asathor,
Schwängst den großen Hammer.
Zeit, sie käm' dir doch zuvor,
Wischte aus der Kammer.

Wenn Mama zu Bett dich trägt,
Mußt dich nicht erbosen:
Eine letzte Stunde schlägt
Auch dem Spiel der Großen.

 

            II

Warum?

Warum die Wolken ziehen,
Warum der Sturmwind weht,
Wohin die Stunden fliehen,
Warum der Tag vergeht –?

So fragt das Kind begierig,
Das alles wissen will,
Doch weil die Antwort schwierig,
Drum schweigt der Vater still.

Mein Junge, laß dir sagen:
Er steht als dummer Hans
Mit ganz denselben Fragen
Vor höherer Instanz.

Doch die in stummer Größe
Verhüllt das Angesicht.
Ich glaub', sie meint's nicht böse –
Sie weiß es selber nicht.

 

Wegwarte

Mit nackten Füßchen am Wegesrand,
Die Augen still ins Weite gewandt,
Saht ihr bei Ginster und Heide
Das Mädchen im blauen Kleide?

– Das Glück kommt nicht in mein armes Haus,
Drum stell' ich mich hier an den Weg heraus;
Und kommt es zu Pferde, zu Fuße,
Ich tret' ihm entgegen mit Gruße.

Es ziehen der Wanderer mancherlei
Zu Pferd, zu Fuß, zu Wagen vorbei.
– Habt ihr das Glück nicht gesehen?
Die lassen sie lachend stehen.

Der Weg wird stille, der Weg wird leer.
– So kommt denn heute das Glück nicht mehr?
Die Sonne geht rötlich nieder,
Ihr starren im Wind die Glieder.

Der Regen klatscht ihr ins Angesicht,
Sie steht noch immer, sie merkt es nicht:
– Vielleicht es ist schon gekommen,
Hat die andere Straße genommen.

Die Füßchen wurzeln am Boden ein,
Zu Blumen wurde der Augen Schein,
Sie fühlt's und fühlt's wie im Traume,
Sie wartet am Wegessaume.

 

Die Schwestern

Mein Liebster hat die Hafenwacht,
Darf nicht vom Posten fort.
Käm' nur der Fährmann mit der Jacht,
So wär' ich schnell am Ort.

– Des Vaters Nachen liegt am Strand,
Geh, Schwester, mach ihn flott!
Steig ein, die Ruder nimm zur Hand,
Und dich geleite Gott!

Die See ist hoch, die Ruder schwer,
Der Wind ist laut zur Stund',
Viel Schiffe segeln kreuz und quer,
Die bohren mich in Grund.

– So weißt du nicht, wie Sehnen tut!
Wär' nur der Knabe mein.
Ich wollte bald trotz Sturm und Flut
In seinen Armen sein.

 

Des Reiters Braut

Sie sprach zum Sturm: Erbarm' dich mein!
Ein Haupt nur laß dir heilig sein,
Wenn alle Wetter rasen.
Zum Blitze sprach sie: Laß mir ihn!
Es fiel der Strahl, der Sturm fuhr hin
Auf frischgegrabnen Rasen.

Sie sprach zur Sonne: Brich hervor,
Wenn Roß und Reiter sich verlor
Auf flußgewordnen Straßen,
O trockn' ihm Haar und Angesicht!
– Die Sonne kam, sie fand ihn nicht,
Sie schien auf seinen Rasen.

 

Treue

Rößlein, Rößlein, windgeboren,
Edlem Herrn warst du Genosse,
Hast doch Ehr' und Scham verloren,
Dienest nun dem fremden Herrn.
Scheidend hatt' ich dir's gerufen:
Trag ihn heil durch Kampfs Geschosse!
Trugst ihn hin auf raschen Hufen,
Ließest ihn im Sande fern.

– Nicht Verhängtem konnt' ich wehren,
Aber bittre Kunde sag' ich:
Trocknen wird der Witwe Zähren
Der sich Reich und Roß erwarb.
Läuten hör' ich Hochzeitsglocken,
Dich im Schmuck zur Kirche trag' ich,
Eh' von Blut der Boden trocken,
Wo der beßre Mann verdarb.

 

Die Hochzeit in der Mühle

Der Mühlbach stürzt mit Brausen,
Er gibt nicht Rast noch Ruh,
Und alle Räder sausen
Im raschen Takt dazu.
    Mahle, wer da mahlen mag
    Diesem filzigen Geschlechte!
    Heut ist Meisters Hochzeitstag,
    Stellt das Rad, ihr Müllerknechte!

Aus blauer Höhe zittert
Der Hochzeitsglocken Klang,
Und in der Tiefe schüttert
Das Werk mit Donnergang.
    Seht, am Rad, daß Gott erbarm'!
    Fängt sich langes Haargeflechte,
    Aus dem Wasser taucht ein Arm –
    Stellt das Rad, ihr Müllerknechte!

O Röslein schön vom Bühle,
Wie hängt dein Haupt verblaßt!
Du kamst wohl nach der Mühle
Als ungeladner Gast.
    Nun zur Hochzeitskammer dort
    Tragt die bleiche Braut, die rechte.
    Seht, so hält der Meister Wort!
    Stellt das Rad, ihr Müllerknechte!

Wohl mag das Blut gerinnen
Der reichen Müllersbraut,
Wenn sie auf Flaum und Linnen
Den stummen Gast erschaut.
    Wer wird unterm Schwarme sein,
    Der der Toten Ehr' verfechte?
    Einer war in Treuen dein –
    Stellt das Rad, ihr Müllerknechte!

Das Werk ist still für immer,
Den Müller traf der Stahl,
Die Mühle fällt in Trümmer,
Verrufen ist das Tal.
    Nur so oft das Jahr sich füllt.
    Stöhnt und wimmert's durch die Nächte
    Und das Mühlwerk saust und schrillt –
    Stellt das Rad, ihr Müllerknechte!

 

Das weiße Kleid

Zu Hause bleibt Elisabeth,
Es tanzen heut die Schwestern.
Wer denkt beim vollen Blumenbeet
Der Rose, die im Glas noch steht
          Von gestern?

Von weißen Kleidern blinkt's im Hain,
Sie suchen Maienglöckchen.
Mein weißes Kleid vergilbt im Schrein,
Das gibt dem jüngsten Schwesterlein
          Ein Röckchen.

Als ich es trug zum erstenmal,
's war auch ein Fest im Maien,
Und einer sah nur mich im Saal,
Nach Hause ging's im Blütental
          Zu zweien.

Scharf trennt die Schere Stich auf Stich,
Der Staub fährt aus den Nähten,
Es kommt die Zeit, die lang verblich,
Wie aus dem Grabe heut vor mich
          Getreten.

Die Tannennadel hier im Saum
Die hat es nicht vergessen, –
Mir liegt es ferne wie ein Traum, –
Daß ich mit ihm beim Fichtenbaum
          Gesessen.

Das freut die wackern Leute sehr,
Was eins ist, zu entzweien.
O Tag' und Nächte lang und leer!
Geh nie im weißen Kleide mehr
          Zum Maien.

 

Südliche Weisen

                  I

Müßt' ich, Geliebte, je auf dich verzichten,
Ließ' ich dein Bild auf meine Segel malen,
In alle Ferne meine Fahrt zu richten.

Dann zögst du mit mir zwischen Well' und Wolke.
Dein Antlitz leuchtend über meinem Haupte,
Ein Gnadenbild dem gläubigen Schiffervolke.

So ging' die Fahrt am hellen Tage munter,
Und stürb' ich, wär' mir noch ein Trost geblieben:
Von dir umwunden senkten sie mich unter.

 

                  II

Du sprichst von Sünde gleich und ewigen Flammen,
Will ich ein Stündlein nur mit dir verkosen.
Weil noch kein Priesterwort uns gab zusammen.

Doch neulich sprach der Pfaff beim Messelesen –
Er sprach Latein, drum blieb der Sinn dir dunkel,
Ich aber bin einst Ministrant gewesen.

Er sagte: Fromme Christen, laßt euch raten!
Ihr müßt für jeden ungeküßten Kuß
Einhundert Jährlein in der Hölle braten.

 

                  III

Warum die Lieb' in Bitterkeit verkehren?
Wie man ein Kind entwöhnt vom Mutterbusen,
Lehr' du mich deine Küsse zu entbehren.

Denn langsam nur entwöhnen sich die Lippen
Der süßen Kost, und immer dürsten sie,
Wo sie sich nährten, noch einmal zu nippen.

Du aber gleichst der Amm', an deren Brüsten
Des Säuglings Mündchen sucht und Wermut findet,
Er weint, doch wird ihn nie zurückgelüsten.

 

                  IV

Vergessen wollt' ich dich, ich hab's geschworen,
Nur daß die Müh', die das Vergessen fordert,
Mich immer mahnen muß, was ich verloren.

Ach, die Gedanken ziehn wie treue Hunde
Den alten Spuren nach in deiner Fährte,
Und auch der Traum ist wider mich im Bunde.

Und wenn ich kaum mich halb bezwungen habe,
Wie lohn' ich mir den Sieg, den ich erstritten?
– Daß ich aufs neu' an deinem Bild mich labe.

 

                  V

Der böse Name

Dein Mütterlein muß ich zumeist verklagen,
Die hat den bösen Zauber dir gesponnen,
Mit dem du ganz in Bande mich geschlagen.

Sie gab den Namen dir, bei dessen Klange
Das Herz mir klopft, als sollt's in Stücke gehen,
Und höllisch Wesen wirkt in diesem Zwange.

Du wirfst ihn aus mit Fäden ohne Zahl,
Aus jedem Buch springt er mir gleich entgegen,
Und auf den Gassen tönt er mir zur Qual.

 

Geistersprache

Woher, wenn farblos Tag auf Tag verrinnt,
Beschleicht mich oft ein jähes Glückserstaunen?
Was ist's, das sich von ferne zu mir spinnt,
Sich an mich drängt, mir Liebes zuzuraunen?

Wer sagt mir schmeichelnd: Du bist nicht allein?
So weht kein Geistergruß aus toten Reichen.
Ein Luftstrom ist's, noch warm von Sonnenschein,
Als grüßte mich vertraulich meinesgleichen.

Und heilig fühl' ich's, daß ein Geist noch lebt,
Der meinem Geist verknüpft durch ewigen Knoten,
Der den Gespielen sucht und sehnt und strebt
Und durch den Raum mir sendet stumme Boten.

Sie treffen mich, wenn er mich gleich nicht kennt,
Sie rühren mich, doch können sie nicht reden;
Ich hör', was auf verschwiegner Lippe brennt:
Noch gibt's, wenn ihr es finden könnt, ein Eden.

Es finden! Hand in Hand uns halten, ja!
Ich weiß, da fielen keine großen Worte,
Denn unsre Götter sind uns immer nah,
Und einfach ist das Glück an jedem Orte.

O fern der Welt und ihrem Krämermaß
Uns schwindelfrei ergehn auf Alpenpfaden,
Vielleicht im wilden West Amerikas
Ein Hüttendorf uns bau'n mit Palisaden.

Von Blumen sprächen wir, vom Schrei des Wilds,
Vom lauten Meere, das wir beide lieben,
Doch um uns her im Elemente quillt's
Von Poesie wortlos und ungeschrieben.

Gesänge, wie sie rauscht des Urwalds Laub,
Wie sie das Hochgras in Savannen flüstert,
Und wir, begnügt, für Menschenrede taub,
Belauschten die Natur, die uns verschwistert.

Wo bist du, Zwilling meiner Seele? Schaust
Du andern Himmel? Glühn dir andre Sterne?
Trägt dich der Zug, der dort vorüberbraust,
Jetzt eben unerkannt in alle Ferne?

Vielleicht ist meine Sprache selbst dir fremd,
Doch diese Welle, die mein Herzschlag sendet.
Muß Raum um Raum durchflutend, ungehemmt
Das Herz erreichen, dem sie zugewendet.

 

Mittag am Meere

Mit schlaffer Zunge heiß und schwer,
Wie eine Bracke glutverschmachtend
Keucht der Schirokko übers Meer,
Zum feuchten Grün des Ufers trachtend,
    In endlos blaue Stille
    Ist Luft und See gebannt,
    Zikadenwettgeschrille
    Betäubt den stumpfen Sand.

So aufgelöst ins Element
Mahnt eine Sage mich beklommen,
Daß, wenn die Sonn' im Scheitel brennt,
Ein Stündchen ihr die Macht genommen.
    Nicht gut ist's, sich zu betten
    Auf heißer Mittagsflur,
    Gelöst sind dann die Ketten
    Den Geistern der Natur.

Was brodelt dort für weißer Schaum
Und schwillt wie eine Wasserhose?
Im langen Kleid mit nassem Saum
Steigt Thetis aus dem Flutenschoße.
    Sie ruft mit Händeklatschen
    Die kecken Schwestern auf,
    Da wogt heran mit Platschen
    Der Nereidenhauf.

Der bärtige Gesell da vorn,
So gleich bemooster Felsenplatte,
Stößt lustig in sein Muschelhorn
Und weist auf mich, auf meine Matte.
    An breiter Wasserschwelle
    Ratscht das Gesindel an.
    Verzaubert ist die Stelle:
    Hier schläft der große Pan.

Die Böschung, die mich arglos trug,
Ward zu des Gottes mächt'ger Hüfte,
Und steigt von seinem Atemzug,
Als ob der Boden sich zerklüfte.
    Sein Schnarchen, leise rollend,
    Traf lange schon mein Ohr,
    Als bräch' ein Donner grollend
    Aus blauer Luft hervor.

Frau Thetis schwingt sich aus dem Bad,
Setzt sich dem Alten nah und lächelt,
Von Leibern wimmelt's am Gestad
Und alles plätschert, spritzt und fächelt.
    Sie holen Sand und schwemmen
    Sein zottig Füßepaar,
    Dann zausen sie und kämmen
    Das struppig gelbe Haar.

Das Mädchenvolk wird gar zu dreist,
Mir bangt, ob nicht der Gott sich recke
Mit jenem Schrei, von dem es heißt,
Daß er das Volk in Wahnsinn schrecke.
    Doch spottend meiner Nöte
    Trifft mich ein Wasserschwall,
    Und mit des Alten Flöte
    Spielt das Gelichter Ball.

Und horch, vom Meere welch ein Laut!
Wie Vollklang ewiger Urgefühle!
Es zieht hinab, es ruft vertraut,
Daß dort sich alles Sehnen kühle.
    Arion mit der Leier
    Lenkt seinen Delphin nah,
    Und sieh, mit ihrem Schleier
    Winkt mir Leukothea.

Da qualmt es schwarz, ein Riesenschiff
Beut stolz die Eisenbrust den Wogen,
Durch alle Fibern reißt sein Pfiff,
Und jäh ist das Gesicht verflogen.
    Nur noch am leeren Platze
    Steht sprachlos der Triton,
    Er schneidet eine Fratze
    Und glotzt und platscht davon.

Mit Algen ist die Bucht gestopft,
Sonst liegt sie, als ob nichts geschehen,
Das Wasser, das vom Kleid mir tropft,
Bezeugt allein, was ich gesehen.
    Und fragt man mich am Hafen,
    Ist jede Fabel gut:
    Ich hab' am Strand geschlafen,
    Da tückte mich die Flut.

 

Winternachtstraum

Ich trat aus einem lampenhellen Haus
Von allem Erdenstoff befreit heraus,
Im Haupte Melodien und Feenspuk,
Ein Reich, wo Oberon regiert und Puck,
Wo Elfenreigen durch die Lüfte schwirrt,
Wo Treue nur zum Spiel betrogen wird,
Wo Liebestau auf störrische Wimpern regnet,
Und Feenhand die Treuverbundnen segnet,
Wenn von dem niedrigen Gelüst entwöhnt
Titania dem Gatten sich versöhnt.
Mittsommer träumend trat ich in die Pracht
Der langentbehrten nordischen Winternacht,
Der harte Schnee erknirschte meinem Tritt,
In Festbeleuchtung strahlte der Zenith,
Und wagerecht durchschwamm der Mondenkahn
Den kaltdurchglühten Sternenozean.
Grad überm Monde, seltsames Gesicht!
Stand Jupiter gleich einem Schifferlicht,
Ein Himmelszeichen von besondrem Scheine.
Und drunter glänzt der Teich in Silberreine,
Die Fläche dünn mit Spiegelglas gedeckt,
Die Schwanenhüttchen halb im Schnee versteckt.
Fort ist das Schwanenvolk, das hier gerudert,
Die Eibe hat ihr schwarzes Haar gepudert.
In weißen Mänteln steht der Buchen Schar,
Mein Liebling Weymouth mit dem langen Haar
Trägt einen Schneebehang, aus dessen Fransen
Zum Spiel die kleinen Mondenlichter tanzen.
Und alle stehn am Rand und lugen still,
Was für ein Zauber sich begeben will.
Denn übern Spiegel wallt es leicht wie Schaum:
Die schönste Frau in weißem Schwanenflaum,
Ihr Gang ist Schweben nicht, nicht Tanz noch Schreiten.
Ich seh' sie wiegend bis zur Mitte gleiten,
In scharfem Bogen hemmt sie da den Lauf,
Und stählern blinkt's an ihren Füßen auf.
Wer ist die Schöne mondenlichtbeträuft,
Die einsam auf dem Teich hier Schlittschuh läuft?
Stieg sie vom goldnen Kahn, der unbewegt
Sich über ihrem Haupt vor Anker legt?
Ich kenn' dich, Skade, wohl; als Friedensbraut
Dem schönen Njord vom Feindesstamm getraut,
Doch nicht zum Glück: nach kurzen Flitterwochen
Habt ihr den Ring schon, der euch band, zerbrochen,
Weil keins der Heimatsitte gern entbehrt
Und liebend sich zu fremdem Brauch bekehrt.
Ihn zieht's zum Kap, das leichte Boot zu steuern,
Zu Robben, Möwen, Meeresungeheuern,
Sie haßt am Klippenstrand der Welle Bruch
Und seekrank wird sie schon vom Teergeruch.
So zog sie weg, und oft im Mondenschein
Auf glattem Spiegel wiegt sie sich allein,
Doch seufzend hemmt sie dann und wann den Flug
Und ziert das Eis mit einem Namenszug,
Dann fliegt sie weiter, ihrer Freiheit froh.
– Wie oft in goldner Jugend flog ich so
Auf weißer Bahnen ungemeßnem Bette
Dem Vogel gleich mit Winden um die Wette,
Und spielend schnitt ich Bögen, glatt und rein,
Dem blanken Eis und manche Lettern ein.
O könnt' ich jetzt an ihrer Seite fliegen,
Eisrunen schneiden, mich im Winde wiegen,
So manches Jahr von Schnee und Eis entfernt,
Hab' ich des Nordens holde Kunst verlernt.
Jetzt zagt der Fuß, wenn er die Glätte spürt.
Doch wär' er fest auch und auf Stahl geschnürt,
Ich glaub', es wäre doch vergeblich Wagen,
So dünne Decke mag nur Geister tragen.
Nun rastet sie, die kalte Luft zu trinken.
Sie lächelt, daß die weißen Zähne blinken.
Und lüftet ihren Schwanenflaum – mir deucht,
Die blauen Augen sind von Tränen feucht.
Und husch! ist sie dahin! Ihr Geistertritt
Nahm keinen Schnee von dem Gezweige mit,
Darüber sie mit leichtem Wehen fuhr
Nach ihrem Goldkahn droben im Azur,
Der, wie er gleitet, einem Schlitten gleicht
Und rasch in weißem Schneegewölk verbleicht.
Wo fährt die Schöne hin? Ich ahn' es wohl:
Sie sucht am Nordkap ihren andern Pol,
Will spähen, was er treibt, und ob die Mütze
Von Seehundfell ihm warm die Ohren schütze,
Denn einsam lebt er dort und hagestolz,
Schweift über Tag im Tann und fällt sich Holz.
Am Stande schwelt er Teer, und zwischen Klippen
Verpicht er trotzig seines Bootes Rippen,
Weiß nicht, daß ihn sein blondes Lieb belauscht,
Wie er der Windsbraut unwirsch Rede tauscht.
Ein wenig, freilich, ist er schon verbauert,
Er spuckt und pfeift, indeß das Herz ihm trauert,
Die Hände schwarz, die Kleidung auch beteert,
Ein Wildling, der der Frauenhand entbehrt.
Das beste wär', sie stiege zu ihm nieder
Und spräch' an seinem Hals: Da bin ich wieder!
Doch ziemte wohl der erste Schritt dem Mann,
Denn recht besehn, fing er das Streiten an.
Ja der! – Er brummt: Ich bin kein Weiberknecht,
Und trifft mich Unheil, ihr geschieht es recht!
– Und in die Klippenbrandung grad hinein!
Nun weint sie. Müßt ihr so geschieden sein,
Da nur der Mittler fehlt! Ihr Armen, Schönen.
Wär' doch ein Shakespeare hier, euch zu versöhnen.

 

Des Apostels Heimkehr

Die Fahnen wehend, wenn auch führerlos,
Gen Osten wandert eine schwarze Schar,
Durch Feindesland, aus dürrer Wildnis Schoß
Schlägt sie sich durch zum Strand von Sansibar.

Und welche Last umschließt die Hülle dort?
Ist's Elfenbein, um das ein Blutstrom rann?
Zur Küste ziehen sie mit welchem Hort?
Sie tragen einen toten, weißen Mann.

Der Hunger quält, der Feind versperrt den Paß,
Er lichtet ihre Reihn durch Hieb und Stich.
Sie wandern kämpfend fort ohn' Unterlaß,
Und scharen enger um den Toten sich.

Und nachts am Feuer, das Gewehr im Arm,
Bei ihren Reisighütten lagern sie.
Zum Takt der dumpfen Trommel tanzt ein Schwarm
Und singt ein Lied in rauher Melodie:

Singt, Brüder, singt! Der weiße Mann ist tot!
Er war uns Führer und er führt uns noch.
Schlicht war sein Haar und mild war sein Gebot,
Und Liebe bracht' er uns als Sklavenjoch.

Ja, gut war unser Meister, seine Spur
Bezeichnet nicht der Raub, noch roter Mord.
Nach Wassern sucht' er und nach Bergen nur,
Und schlug in Fesseln mit der Gnade Wort.

Wir sahn ihn knieend lehnen im Gebet
Am Rande seines Lagers starr und tot,
Gewiß, er hat zum weißen Gott gefleht,
Zu enden seiner schwarzen Kinder Not.

Nicht in den Dschungeln modre sein Gebein!
Bei seinen weißen Brüdern find' er Rast!
Wir tragen ihn, und müßten's Jahre sein,
Zum Meere tragen wir des Meisters Last.

So enden sie und lagern sich am Grund.
Da springt ein andrer Chor vom Feuer auf,
Zum Klang der Trommel tanzt er in der Rund',
Gesang erhebt er und erwidert drauf:

Tot ist der Meister, und wir tragen ihn,
Die Wege suchend, die er uns gelehrt,
Wir führten die entseelte Hülle hin
Zum Strom, nach dem er sterbend noch begehrt.

Ein Häuptling trat in unsres Lagers Raum:
– Kein toter Mann durchziehe mein Revier!
Da höhlten still wir einen Palmenbaum,
Die heil'gen Reste drin entführten wir.

Die Hülle, die zuvor den Toten barg,
Mit Durrah füllten wir und Heidekorn,
Versenkten feierlich den leeren Sarg,
Und mieden scheidend Kasekeras Zorn.

Nicht in den Dschungeln modre sein Gebein!
Bei seinen weißen Brüdern find' er Rast!
Wir tragen ihn, und müßten's Jahre sein,
Zum Meere tragen wir des Meisters Last.

So enden sie und nieder sinkt die Nacht,
Doch über ihnen wie ein Wölkchen steht
Ein Engel, der mit goldnen Schwingen wacht,
Ihr Engel, des Apostels letzt Gebet.

Sie wandern, und das Jahr vollbringt den Lauf,
Da grüßen jubelnd sie den Ozean,
Ein britisch Fahrzeug nimmt den Heil'gen auf,
Doch sein Gebet zieht leuchtend ihm voran.

In der Abtei, wo Englands Helden ruhn,
Auf des Apostels Grabe kniet es still,
Die Hände faltend, wie die Engel tun,
Und ruft in jedes Ohr, das hören will:

Blickt auf den Schwarzen, der uns Bruder ist,
Seht seiner Leiden Maß, das überläuft.
Gesegnet jeder, Heide oder Christ,
Der in die grause Wunde Balsam träuft.Die letzten Zeilen sind der Grabschrift David Livingstones in der Westminsterabtei entnommen.

 

Der Einzug in Bagamoyo

                        (1889)

Sie kommen! – Und ins Herz der Menschheit schlug
Der Funke, der die Botschaft hergetragen.
Vom Reich der Fabel kommt ein Heereszug
Und trägt im Schoß der Zukunft Heldensagen.
Vielköpfig flog die Märe schon voran,
Die Gauklerin, die nimmer müd' geworden,
Bis hinter ihr des Feinds zersprengte Horden
Von Stamm zu Stamm verkünden, daß sie nahn.

Voran der Eine, dem das Haar ergraut
Von Rätseln, die die Sphinx ihm angesonnen.
Wer kennt ihn nicht? Gefahr ist seine Braut,
Ihr fliegt er nach, die ihm im Arm zerronnen.
In seinem Auge wohnt die Einsamkeit
Des Urwalds und der Welt, die er gefunden,
Und Todesschrecken siegreich überwunden,
Die gegen Mitleid auch sein Herz gefeit.

Drei Jahre sind's – der Erdball sah ihn ziehn,
Der Nacht ihr letztes Bollwerk abzuzwingen.
Am Wege stand der Ruhm und sprach: Wohin?
Mein liebster Sohn, was hoffst du zu erringen?
Was ich vermochte, gab ich lang dir schon:
Der Strom, der dir getrotzt mit tausend Tücken,
Trägt deine Dampfer auf geschmeidigem Rücken
Und beugt sich dir gehorsam wie ein Sohn.

Du darfst aus deiner Schöpfung Kindesmund
Das Lallen künftiger Größe schon belauschen,
Der Stanleyfälle lauter Todesschlund
Wird fernster Zukunft deine Taten rauschen.
Im Weltenbuche war ein weißes Blatt,
Mit deinem Namen durftest du's beschreiben.
Nun sei's genug! Die Schrift muß ewig bleiben,
Die Berge, Flüsse, Seen zu Lettern hat.

Doch jener ging, und wer von Bleiben sprach,
Ist schnell verstummt, denn schweigend stand die Liebe.
Die Mutterinsel sah mit Stolz ihm nach,
Sie hieß ihn gehn und wünschte, daß er bliebe.
Dann an geschloss'ner Pforte lauschten sie,
Und schreckhaft ging Gerücht von Mund zu Munde,
Die Poesie nur lächelt jeder Kunde:
Sieg' oder falle, dich verlier' ich nie.

Ein andrer an des Zuges Spitze geht,
Lebendig in ein Sagennetz versponnen,
Das ist der Held, der selbst den Ruhm verschmäht,
Doch ungesucht ihn tausendfach gewonnen.
Durch Jahre bangten wir, er sei gesinnt,
Das Trauerspiel von Chartum zu erneuen,
Und alle Völker sahn auf den »Getreuen«,
Auf unsern Emin, Deutschlands Schmerzenskind.

Der den verlornen Posten unverzagt,
Den letzten des zerstörten Reichs gehalten,
Wie eine Insel, dran die Welle nagt,
Umtost vom Drang barbarischer Gewalten.
Ein Volk von Kindern, schwach und undankbar
Im Glück, das seine feste Hand gespendet,
Hat gegen seine Weisheit sich verblendet
Und den verraten, der ihm Vater war.

Jetzt liegt sein Werk in Schutt, doch wer erkennt,
Ob seines Wohltuns goldne Spur zerstoben,
Ob nicht die Fäden, die ein Gott zertrennt,
Im Weltgespinste neuen Lichtstreif woben?
Vielleicht auf ewig lebt die Märe dort
Von eines weißen Mannes Macht und Güte,
Von einem goldnen Alter, das verblühte,
Ein Zukunftshoffen, ein Erlösungswort.

Kennt er die Schar, die ihm entgegen zieht?
Wie wird ihm nun, da sich der Langentfernte
Auf deutschem Boden unter Palmen sieht,
Begrüßt von Lauten, die sein Ohr verlernte?
Das Vaterland, das liebend sein begehrt,
Mit hundert Armen eilt's, ihn zu umfassen.
Vergeblich, denn ihn will die Sphinx nicht lassen,
Die an der Schwelle noch ihm Heimkehr wehrt.

Am Amboß das Jahrhundert steht und staunt,
Der rußigste Zyklop der Weltgeschichte.
Was ihm die Sage lang schon zugeraunt,
Bewundernd sieht er's heut im Tageslichte:
Auf Wegen die kein weißer Fuß betrat,
Durch Lande zogen sie, die ewig dürsten,
Vom Mondgebirg mit schneebedeckten Firsten
Erzählen sie und einem Zwergenstaat.

Sie sahn zuerst, von Gletschermilch gesäugt,
Das Kindlein Nil am Mutterbusen liegen,
Den Wolkenkönig, der den Strom gezeugt,
Sich ernst in seine dunklen Mäntel schmiegen.
Erbrochen ist des alten Schweigens Tor,
An das Jahrtausende vergeblich pochten,
Und im Triumph wie einen unterjochten
Monarchen führten sie den Strom hervor!

O Heil den Tapfern, die auf kühner Bahn
Mit ihrem Blut die junge Scholle düngen!
Wie Morgenlüfte weht's die Menschheit an,
Der alternde Titan will sich verjüngen.
Da seines Auges Jugendglanz erlischt
Und schon der Weg sich neigt zum Niedergange,
Reicht ihm Natur die kühle Kinderwange
Zum Kusse, der die alte Welt erfrischt.

 

Aus der Kindheit

Nie hab' ich mehr den Ort gefunden,
Den mein Erinnern festlich schmückt,
Als hätt' ein Zauber ihn entrückt,
Mir unterm Fuß war er entschwunden.

Wie war der Schimmer abgestumpft
In Haus und Garten, Dorf und Wiesen!
Der Wald zum Buschwerk eingeschrumpft,
Zum Hügelland die Bergesriesen!
Und doch dereinst auf diesen Rasenhängen
Sah ich die Fülle des Olymp sich drängen,
Sind meine Sinne, ist die Welt verdumpft?
Nur wie ich fern das Bild im Geist bewahre,
Wühlt es von selbst sich aus dem Schutt der Jahre.

Zwei Maulbeerbäume stehn am Tor,
Die Mauer birgt sich im Kastanienschatten,
Hochwüchsige Malven, Astern noch im Flor,
Und buntbestickte grüne Sammetmatten
Bis zu der Wand des feuchten Rebenhags,
Naßgehaucht vom ersten Kuß des Tags.

Ein ernster Mann durchwandelt eben
Den Grund auf schmalgetretnem Pfad,
Das unbedeckte Haupt dem Bad
Der kühlen Morgenluft gegeben.
Ein mildes, aber starkes Licht
Geht aus der Augen Ätherbläue,
Ein Lächeln schwebt, als ob er still sich freue
In Geisterzwiesprach, übers Angesicht.
So wandelt er gemach am Wiesensaum
Und ordnet sinnend – er bemerkt es kaum –
An der Stakete, wo sie niederschwanken,
Des wilden Weines fessellose Ranken.

Die Feier dieser Dichterstunde
Zerreißt ein lärmend Kinderheer,
Das plötzlich überm Rasengrunde
In Waffen anstürmt, Speer an Speer;
Voran ein Mädchen mit gelöstem Haar
Die wildste von der ganzen Schar.
Wer bist du, kleine Amazone?
Du seltsam Kind! Der kühne Helmbusch nickt,
Und von des Schilds gewölbtem Runde blickt
Das Schlangenantlitz der Gorgone.
Was hat sie vor? Der goldne Schaft entsaust
Mit Kraft geführt der Kinderfaust,
Nachstürmt die Schar, von Tatendrang entzündet,
Und wo der Speer am Boden haftend bebt,
Wird schnell ein Rasenwall emporgeründet,
In dessen Mitte sich die Feste hebt,
Man fügt das Tor, und Troja ist gegründet.
Skamander, der die Wogen strudelnd reißt,
Muß hier, vom nahen Brunnenrohr gespeist,
Im engsten Bette sich behagen.
Des Hellespontus Becken wird gefüllt,
Ein Scherbenhügel, der in Grün sich hüllt,
Darf des belaubten Ida Namen tragen.

Kaum steht das Werk, so ist der Streit entbrannt,
Die Mauer Trojas wird berannt;
Sie schirmen Götter: Ares tobt, der grimme,
Im Vorderkampf, Gebrüll ist seine Stimme,
Und Phöbos schwingt das treffende Geschoß,
Doch dem Peliden steigt als Kampfgenoß
Aus ihrer Wolkenhöh' Athene nieder
Und löst dem starken Kriegsgott selbst die Glieder.

Sieh, Frevel schändlichen ersinnt der Held:
Der edle Hektor, ganz von Schmach entstellt,
An des Peliden Wagenrad gebunden,
Die Stirn im Staub, zerkratzt und halbgeschunden,
Wird hingeschleift zum Myrmidonenzelt.
Geheul erschallt und Siegesruf zum Himmel,
Geteilten Muts stehn Götter im Getümmel,
Erschrocken flieht allein der Musen Chor:
Aus dem Gehölze tritt der Vater vor,
Ein Blick nur auf das frevelnde Beginnen,
Er hält die Ohren zu und eilt von hinnen.

Jetzt lagert die erhitzte Schar am Grund
Und rüstet sich zu ernstern Waffentaten,
Ein Zug in Nachbarlande wird beraten,
Trojaner sind mit Griechen gleich im Bund.
Ein struppig Volk umwohnender Barbaren,
An Wuchs gewaltig, wild und kriegserfahren,
Hat längst das edle Griechenheer ergrimmt,
Durch seiner Sprache rauhen Laut verstimmt.
Wenn sie am Gartentor vorüberzogen,
Ward beiderseits die Faust geballt,
Hier kam ein Scheltwort, dort ein Stein geflogen,
Doch hoher Sinn verschmäht den Hinterhalt
Und glüht, an menschenfressenden Zyklopen
Auf offnem Feld die Kräfte zu erproben.
Schau, truppweis kommt der Feind den Pfad entlang
Mit rohem Lärm, den Ranzen auf dem Rücken,
Drin birgt er Reste wohl vom grausen Fang!
Er drängt sich, unbekannt mit Griechentücken,
Der Mauer nah – könnt' ich ihn heute sehn,
Dorfjungen, dächt' ich, die zur Schule gehn.
Gleich wie den trägen Stier der Eisendorn
Des flinken Gegners erst zum Kampf erbittert,
Daß er wutbrüllend mit gesenktem Horn
Zum Angriff rennt, und die Arena schüttert,
So jene, da mit eins in ihren Zug
Ein Steinwurf von der Mauer schlug.
Sie rennen heulend nach dem Orte
Und rütteln an der Gartenpforte.
Da unversehens tut das Tor sich auf,
Und Schild an Schild, an Helm Helm, Speer an Speere,
– So glänzten Agamemnons Heere –
Erscheint der kleine Griechenhauf.
Die Feinde stehn bestürzt und gaffen,
Wie von der Wunderschau gebannt,
Dann doppelt grimmig, mit des Zufalls Waffen,
Mit Stecken, Steinen, die sie eilig raffen,
Wird unser Heldenhäuflein überrannt.
O, Vater Zeus, kannst du der Deinen Not
Mit ungerührtem Auge schauen?
Doch nein, schon winkt er mit den Brauen,
Und an den Sohn ergeht sein Aufgebot.
Der schwingt sich mächt'gen Flugs zur Erde
Und wandelt schnell Gestalt und Angesicht,
An Zügen ähnlich und Gebärde
Der Schaffnerin, getreu und schlicht.
Doch birgt ihn nicht die arme Hülle ganz,
Sein Gang verrät ihn und der Augen Glanz,
Er scheucht mit ausgestreckter Hand die Rotte,
Die weicht und duckt sich scheu dem Gotte.
Dann schilt er so die Tapfern Griechenlands:
Was überschreitet ihr verbotne Grenzen?
Wohin verirrt sich euer Heldengeist?
Kehrt heim, wo eures Pontus Wasser glänzen,
Dort ist das Schlachtfeld, das euch Ruhm verheißt.
Vom Vater komm' ich, euch zu künden,
Daß er mit Unmut solche Taten sieht.
Er spricht's und schwindet hin, doch seine Worte zünden
Gehorsam im ergriffenen Gemüt.

Der Lärm verstummt, es wandelt sich die Szene,
Der Garten liegt im falben Abendschein,
Hier ist das Mädchen wieder, doch allein
Und unbehelmt, vom Haupt die dichte Mähne
Wallt wie ein gelber Mantel übers Knie,
Sie naht, und deutlich nun erkenn' ich sie.
Die Züge, dünkt mir, diese leuchtend blassen,
Sind meinen gleich, es drängt mich die Begier,
Das zarte Kind in meinen Arm zu fassen.
Sie weicht und träumt – von wem? Vielleicht von mir!
Wie wenn zwei Freunde nah dem Spiegel stehn,
Die Blicke nur durchs Glas sich kreuzend wandern,
Ein jeder sieht ein Bild, doch nicht den andern,
So können wir uns nicht ins Auge sehn.

Behaune Steine in der Ecke,
Die einst der Werkmann hier vergaß,
Die dienen jetzt zu höh'rem Zwecke,
Ein Heiligtum erstand im Gras.
Hier dunkelt mancher Opferbrände
Verstohl'ne rauchgeschwärzte Spur,
Heut bringt die Priesterin zur Spende
Unblutig Blumenopfer nur.
Umwandelnd weiht sie den Altären
Zyanen, wilden Mohn und eine Handvoll Ähren.

Wer lehrte sie so frommen Brauch zu halten?
Ach, droben an des Vaters Bücherwand,
Da standen himmlisch heitere Gestalten,
Die ganze Götterwelt von Griechenland.
Da saß der Herrscher auf olympischem Throne,
Ihm nah die Tochter, der er nichts verwehrt,
Demeter mit der vollen Ährenkrone,
Cythere zu dem starken Freund gekehrt,
Die waltenden Geschwister mit dem Bogen,
Auf den Trident gestützt, der Herr der Wogen.
Aus weißen Augen blicklos blickten sie,
Und unser Herz ergriff ihr stumm Begehren,
Es fand uns willig, mit gebognem Knie
So schöne Wesen nach Gebühr zu ehren.
Wir bauten – frömmer war kein Griechenkind –
Altäre für die sel'ge Schar dort oben,
Und Zeus gab Zeichen, daß er holdgesinnt,
Zufrieden, wie ihn seine Kinder loben.

O schöne Zeit! Das Ich, die kleine Welt,
Nicht grausam abgelöst, auf sich gestellt,
Natur, die mit dem reinsten Mark uns speiste,
Mit mütterlichem Blut uns noch durchkreiste,
Wir noch mit festem Band ans All geschlossen
Und Götter uns zu Spielgenossen.
Mein Hellas, Jugendland! Kein holder Wahn,
Wie dich im Sehnsuchtstraume Dichter sahn,
Nein, nur verwachsen mit lebendigen Banden,
Auf unsres Gartens Rasen neu erstanden,
So reich auch unterm kargen Himmelsstrich!
In deinem Boden wurzelt all mein Wesen,
An deinen starken Brüsten zogst du mich
Und lehrtest am Homer mich lesen.
Wer denkt noch dein? Der Wirklichkeit versöhnt,
Hat jeder mit dem Glück sich abgefunden.
Ach, mir nur will kein andrer Trank mehr munden,
Die nie von deiner Milch sich ganz entwöhnt.
Ja, aus den göttlichen Gesängen quoll
Ein starker Strom und füllte mir das Leben,
Ich teilte des Peliden Gram und Groll
Und sah, als wär' er mir zum Freund gegeben,
Wie schnell das Leben ihn. verblühen soll.
Ich stand mit ihm an seines Trauten Bahre,
Als er vom Haupt sich schor der Locken Pracht,
Dem heimischen Strom gehörten diese Haare,
Jetzt weiht er trauernd sie und sich der Nacht.
Und dann aus rascher Bahn zum Ruhme
Tritt er in Staub des Lebens Blume.

Und sie, die ihn so hoch geehrt,
Die Göttin mit dem mächtigen Schilde,
Wie kommt's, daß sie dem Heldenbilde,
Dem Freund des Schicksals Tag nicht wehrt?
Er stürmt ins tödliche Gefilde,
Sie schweigt und hält den Blick in Nacht gekehrt.

Der Schleicher sieht, wie auch die Stürme drohten,
Den Tag des Heils und nennt die Heimat sein,
Von ihm erzählt dem staunenden Piloten
Am Hellespont sein hohes Mal allein.
Ihm schlug auch nicht die frohe Siegesstunde,
Nicht er hat Priams Burg in Brand gesteckt,
Vorm Tor nur lag er, früh der Wagenkunde
Vergessend, groß auf großen Plan gestreckt.
Die Hände nie besiegt im Streit,
Sie schlagen fortan keine Wunde,
Nur was der Sänger ihm am Leben leiht,
Was ihm das Heer der Griechen trauernd weiht,
Ist sein, er ward ein Hauch in Dichtermunde.

Oh, da erkannt' ich jene Mächte,
Vor denen Götter hilflos stehn,
Wenn sie für ihre alten Rechte
Das wilde Opferfest begehn.

Nicht blinde Wahl trifft eins von allen,
Das Haupt nur, das am hellsten strahlt,
Das höchste muß, das schönste fallen,
Dann hat es für den Schwarm gezahlt,
Dann winkt der Sieg, und seine Spende
Fällt frei in des Geringren Hände.

Nun aber treten sie heran,
Die seitwärts kummervoll gestanden,
Als sie den Liebling fallen sahn,
Und in ambrosischen Gewanden
Soll ihn von Götterhand die Glut empfahn.
Dort bei den Schiffen, siebzehn Nächt' und Tage,
Bevor die Flamme sein Gebein gebleicht,
Schafft ihm der Menschen und der Götter Klage
Den Ruhm, dem keiner in der Zukunft gleicht.

Da ward mein Auge sehend: dieser Tote
Hat weite Lebensstrecken mir erhellt,
Ein Brand versengte meine Jugendwelt,
Der aus den Scheitern des Peliden lohte.

 

Immer zu zweien

Mein Liebling, lichtgesäugt,
Blutsfreund, doch körperlos und ungezeugt,
Mein Zwillingsbruder, den durchs öde Leben
Als Weggesell ein guter Gott gegeben,
Der gleichen Schritts mit mir die Welt durchmißt,
Gleichaltrig stets wie ich, doch ewig ist,
Du willst mich ganz und duldest mir zum Wehe
Wie ein Verliebter keines Dritten Nähe.
Denkst du der Zeit? Du warst ein Kind wie ich,
Als ich mit dir durch Frühlingsauen strich,
Als du am Bach mir die Libellen fingst,
Mit mir in Uferweiden schaukelnd hingst,
Laubhüttchen bautest, dich verkrochst im Heu,
Im feuchten Moosgrund, glatt von Fichtenstreu,
Beim Wandern oft um mich die Arme schlugst,
Und sicher mich durch blaue Lüfte trugst.
Drum, denk' ich jener Zeit des Sonnenscheins,
Deucht mir kein Antlitz so vertraut wie deins.
Zwar eifersüchtig warst du stets, und gern
Von den Geschwistern hieltest du mich fern,
Noch liegt dein Kinderstimmchen mir im Ohr,
Wie du mir nächtlich sangst am Bette vor
Dein Wiegenlied: Noch bin ich schwach und klein,
So klein wie du, mein irdisches Schwesterlein,
Doch warte nur, bis meine Schwingen tragen,
Dann lehr' ich dich den Flug im Äther wagen,
Geb' dir ein Zepter in die kleine Hand,
Mach' dich zur Herrin über all mein Land,
Wenn du mein eigen bleibst, mir ganz vertraust,
Und nicht nach menschlichen Gespielen schaust.

Die Zeit verrann, ins Leben trat das Kind,
Voll Drang nach Glück, wie junge Herzen sind,
Doch wie ein Fremdling ward es da empfangen,
Als hab's in Windeln eine Schuld begangen,
Mit kalten Blicken feindlich angesehen,
Gescholten und verkannt. Für welch Vergehen?
Ich weiß nur das: die Scholle, die mich trug,
Liebt' ein bedächtig Ziehn am alten Pflug,
Was nur das Leben adelt und verschönt,
War engem Sinn als Übermut verpönt,
Und dringend riet's die Dumpfheit allen Ihren,
Sich farblos in der Menge zu verlieren.
Und wenn ein Herz sich schüchtern mir ergab,
Bald fiel's verwelkt von meinem Herzen ab,
Wie aus des Wandrers Hand ein Blümlein fällt.
Das dunkle Wogen meiner eignen Welt,
Mein Wandern in verschlungnen Wundergärten
Ließ keinen Raum den schlichteren Gefährten,
Und statt vom offnen Lebensquell zu schlürfen,
War ich verdammt mir eignen Schacht zu schürfen,
Nutzlosen Überfluß auf allen Speichern,
Und keine Seele, dran sich zu bereichern,
Ein volles Herz, das nur der Stunde harrt
Und still verglühn muß ohne Gegenwart,
So stand das Findelkind, in eine Wolke
Von Stolz sich hüllend, fremd im eignen Volke.

O Einsamkeit, der wunden Brust ein Heil,
Wie grausam fällst du auf der Jugend Teil,
Die starrt zum krankhaft blauen Himmel still
Und lechzt, ob noch kein Regen kommen will.
Die steckte gern das eigne Haus in Brand,
Wünscht jede Prüfung und Gefahr ins Land,
Die säh' mit Freuden eine Wassersnot,
Sie litte Schmerzen, litte selbst den Tod,
Nur daß in die Unendlichkeit der Tage
Ein Etwas Leben und Bewegung trage.
Bei solcher Einzelhaft in enger Zelle
Verrauscht ist meiner Jugend erste Welle.

Wer aber küßte mir, wenn alles wich,
Die Tränen ab, wer hob mich auf zu sich?
Freund in der Trübsal, ob ich lang ihn mied,
Doch wieder kam er stets, mit seinem Lied
Mich fort und fort umtönend: Bleibe mein!
Kannst nie an meiner Brust verlassen sein.
Doch ich voll Unmut stieß den Freund zurück:
Ich will nicht dich, ich will ein menschlich Glück.
Und ward ihm gram, als sei es seine Schuld,
Daß so das Leben meiner Ungeduld
Wie Sand verrinnend durch die Finger fiel.
Und wohl war sein die Schuld: im Schattenspiel
Ließ er mich wundersame Bilder sehen
Von Dingen, die vor langer Zeit geschehen,
Vielleicht auch nie, doch dunkler Schönheit voll,
Daß stärker nur mein Herz in Sehnsucht schwoll.
Dann sang er eine Weise wohlbekannt,
Das alte Zauberlied: Kennst du das Land?
Mit andern Worten zwar, doch klang mir's gut
Und sänftigend wie Öl auf Meeresflut:

O komm hinweg, dies ist die Heimat nicht,
Du kannst nicht leben, wo der Raum gebricht,
Wo alles nutzbar ist und Früchte treibt,
Kein Fußbreit Erde für die Schönheit bleibt.

O komm, ich weiß den schönsten Himmelsstrich!
O komm, ins Land der Länder führ' ich dich,
Wo noch die Schönheit ihre Tempel hat,
Die ewig stehen wie die ewige Stadt.

Siehst du die Schöne im Olivenkranz?
Die nachgeborne Schwester Griechenlands,
Der Sonne liebstes Kind im Festkleid rein,
O komm zu ihr, sie will dir Mutter sein.

O komm hinweg, zu ihren Blumen komm!
Wenn du sie anschaust, wirst du still und fromm.
Dort trinkst du Licht und Liebestau, und sacht
Beschwichtigt dich die blaue Wundernacht.

So sang er fort und wollte nie ermüden,
Und Wunder glaubend, folgt' ich ihm nach Süden.

Schön ist der Ort, an den mein Stern mich wies,
Ein Splitter vom zerstückten Paradies,
Mit seines Meers und Himmels Saphirreine,
Dem warmen Duft durchsonnter Pinienhaine,
Der Rebe, die von Baum zu Baum sich schwingt,
Wie wenn sich Hand in Hand zum Tanz verschlingt.
Toskanas Bächlein mit Zypressenauen,
Das Spiel der Wolkenschatten überm blauen
Gebirge, das in keuscher Nacktheit ruht
Und abends bei der Purpurwolken Glut
In einen lichten Riesenamethyst,
Durchscheinend wie Kristall, verwandelt ist.
Und wer vergäße je der Sprache Klang,
Die auf den Lippen hinschmilzt wie Gesang?
Natur ist hold, doch herrlich ist vor allen
Der stumme Wohllaut dieser Säulenhallen,
Wo eine Welt von Marmor geistdurchweht
Mit unbewegten Augen göttlich steht
Und auf die Menschensaat, die ringsum sprießt,
Noch einen Abglanz ihrer Schönheit gießt,
Der Zeit gemahnend, da in diesen Reichen
Ein Menschenfrühling aufging ohnegleichen.

Und doch, das Aug' sieht sich an Schönheit satt,
Es krankt das Herz, das keine Wurzeln hat
Im Boden, den der Staub von Helden düngt,
Der dennoch nimmer keimend sich verjüngt,
Der Wesen hegt voll Anmut, gottgestaltet,
Doch glaubenslos und bis ins Mark erkaltet,
Weil jede Brust, erstickt und eingeengt,
Des ungeheuren Erbes Last bedrängt.
Hier bleibt mir nichts, will ich Gesellschaft hören,
Als mitternachts die Geister aufzustören.
Sie hören scharf und folgen gern dem Ruf,
Erzählen jeder, was er war und schuf,
Und so vertraulich ward die luftige Schar,
Daß ich bei ihnen wie bei Freunden war,
Sie an mich band und keine Stunde mied,
Ja, fast den Klang der Stimmen unterschied.
Ich kenn' sie alle, die im Ruhmeshafen
Von Santa Croce, San Lorenzo schlafen,
Die Kaufherrn weiten Sinnes, fürstengleich,
An Gold und mehr an Geistesschätzen reich,
Die Herrscher stark im Nehmen und Verschwenden,
Mit hohem Geist und blutbefleckten Händen.
Versteinert stehen ihre Machtgedanken,
Daß unsre dran sich ängstlich staunend ranken.
Und Einer furchtbar groß, den Stab zur Hand,
Der Moses, der dem Schöpfer näher stand,
Als er mit Labsal, das dem Stein entquillt,
Das heiße Dürsten seiner Zeit gestillt.
Der Staatsmann auch, bewundert und geschmäht,
Dem kluges Lächeln auf den Lippen steht,
Als spräch' er noch, von Zweifeln unberührt:
Erlaubt ist alles, was zur Größe führt.
Ich liebte sie, doch kann mich ewig laben
Ein Geistesfrühling, der so lang begraben?
Soll ich auf ewig hören: Ihr seid klein,
Und das, was war, kann niemals wieder sein!

O eine Welt, die nicht auf Trümmer baut!
O Jugend, die nach Sonnenaufgang schaut!
Wo nicht Vergangenheit wie Bankos Schemen
Zum Festmahl kommt, den Ehrenplatz zu nehmen,
Wo noch die Tat, ein Flaumbart, rasch erhitzt,
Im Rat weißbärtiger Gedanken sitzt,
Wo Schönheit noch dem Tapfersten sich paart,
Der mit dem Schwert erobert und bewahrt,
Wo statt des Fleißes, der Geschichte sammelt,
Die Sage schweift und kindlich Lieder stammelt!

So wär' ich denn aufs neu allein, die Welt
Ein blumenüberwachs'nes Trümmerfeld,
Wo das Gestein die weißen Zähne bleckt,
Von seichter Lebenswelle kaum beleckt.
Und im erschöpften Herzen ebbt der Mut.
Ein Zauber, langsam wirkend, saugt das Blut
Vom Flaum der Wange, die sich nimmer rötet,
Der frühe Sommer hat den Lenz getötet.
Endlose Tage, wie erhitztes Blei
Drückt überm Haupt des Himmels Einerlei,
Schirokko auf dem Meer, der glutbeschwingt
Von Afrika die heißen Grüße bringt,
Dann schweigt auch der; die Segel all erschlafft,
Windstille, atemlos und geisterhaft.

Doch sieh, am Horizonte wie ein Schwan
Erscheint ein Boot, es wächst, es kommt heran,
Ein Prachtschiff, bunt von Wimpeln das Verdeck,
Doch Meer und Küste sehen's wie mit Schreck,
Denn wo verzaubert jedes Lüftchen ruht,
Schießt es mit prallen Segeln durch die Flut.
Ein Fährmann steht geflügelt, keck an Bord,
Sein Anhauch treibt das Schiff, und stark wie Nord,
Der südwärts rast, ist seiner Flügel Wehen,
Vor dem sich Wellen kräuseln, Segel blähen.
Gradaus zur Küste nimmt er seinen Lauf,
Dort legt er an und winkt und blickt herauf.
Mir galt sein Wink, und ich, als müßt' es sein,
Sprang auf das Brett, nahm seine Hand, stieg ein.
Glückauf zur Fahrt! Das starre Ufer lächelt,
Als wacht' es auf, vom Landwind leicht gefächelt
Hebt sich das Schiff und tänzelt auf der Flut.
Der Fährmann jauchzt und schwingt den Schifferhut,
Sein dunkles Kraushaar ist der Lüfte Spiel,
Die Welle rauscht Musik um unsern Kiel,
Denn schönern, keckern Segler sah sie keinen.
So sechzehnjährig schätzt' ich wohl den Kleinen,
Aus seinem Antlitz lacht der Übermut,
Doch mich begrüßend blickt er sanft und gut.
Er schiebt mir Purpurpolster hin, und Ranken
Von Rosen bricht er, die im Tauwerk schwanken,
Weist mir die Schätze drunten aufgestaut,
Wie Morgengabe einer Sultansbraut,
Juwelen, Düfte, köstlich Elfenbein.
Das Schiff, die Fracht, der Fährmann, alles dein!
Wir schossen reißend hin, an Buges Wand
Der Schaum wie am Gebiß des Renners stand,
Zwei Wellen rückwärts wallend, hoch und weit
Hielt sich im eignen Ring die Ewigkeit,
In tiefer Bläue schwamm ihr Baldachin,
Und Wölkchen goldgerändert flockten drin.
Kein Land, kein Segel mehr! Verschwunden ist
Die Zeit, die nur am Festen Stunden mißt.
Ich fragte nichts, ich fühlte mit Entzücken
Des Untiers Mähne, seinen breiten Rücken,
Der mit mir stieg und sank, ein schwellend Kissen
Im Ungeheuren, ewig Ungewissen.
Der Jüngling wie ein Seemann flink und leicht
Regiert das Schiff, das vor dem Winde streicht,
Und wie ein Springquell perlend steigt und fällt,
Erfüllt er mit Gesang die Wasserwelt:

    Fern hinter jener Abendwolke
    Liegt mir ein Eiland flutgeküßt,
    Es wird gesucht von jedem Volke,
    Doch keines dort die Flagge hißt.

    Von Stürmen ohne Rast umbrandet,
    Und niemand kennt als ich den Port,
    Schon manches Fahrzeug ist gestrandet
    Und sperrt als Wrack die Landung dort.

    Smaragden grünt der Inselgarten,
    Die Lüfte sind von Vögeln bunt,
    Und Blumen, die des Finders warten,
    Noch ohne Namen, blühn am Grund.

    Dort grasen freigeborne Pferde,
    Das schlanke Zebra ohne Scheu,
    Und fromm in die Giraffenherde
    Mit seiner Löwin tritt der Leu.

    O sieh die seligen Gestalten,
    Die schön gepaarten froh und still.
    Darf er im Arm die Schönheit halten,
    Verschmerzt sein frühes Los Achill.

    Dort löschen braune Weiberhände
    Den Blitzstrahl, den ihr Römer hielt,
    Ihr Weltbezwinger, der am Ende
    Um einen Kuß die Welt verspielt.

    Siegfried, der Held, hat sich besonnen,
    Daß Gott ihn für Brunhilden schuf,
    Und Tristan dort am Rieselbronnen
    Erwartet seiner Herrin Ruf.

    Dort schwärmt's von tausend Schmetterlingen,
    Sie flattern, setzen sich und fliehn,
    Lebendige Küsse, die in Ringen
    Um der Verliebten Häupter ziehn.

    Die brechen goldnen Ball vom Baume
    Und schlürfen kühlen Tau der Flur,
    Sie sitzen, wandeln wie im Traume,
    Und jedes weiß vom andern nur.

    Dort wohnen wirst du und die Stunden
    Gebannt sehn in ein ewiges Heut,
    Nichts wissen, als du bist verbunden,
    Gehörst dem Gott, der dir gebeut.

So sang er, und das Schiff vergaß den Lauf,
Das Meer reckt horchend tausend Häupter auf,
Der Westwind kommt und wehrt die Fahrt, es tauchen
Aus Schlünden Geister auf, die rückwärts hauchen,
Die schwärzen rings die Flut, die tückisch glitzt,
Wie wenn der Tintenfisch die Galle spritzt.
Mein junger Fährmann grüßt den Sturm begeistert,
Er zeigt mir stolz, wie man die Winde meistert.
Das arme Schifflein legt sich schief und ächzt,
Der Himmel dunkelt, Sturmgevögel krächzt
Um unser Haupt, zerriss'ne Segel flattern,
Drein pfeift der Wind, daß sie wie Feuer knattern.
Soweit das Auge reicht, ein einziger Gischt!
Ich selbst am Bord mich haltend, kalt umzischt
Von Schaum und Wind sah auf den Fährmann nur,
Den kühnsten, der das hohe Meer befuhr.
Die Locken schüttelnd, die ihn naß umfliegen,
Ruft er und lacht mir zu: Nur Mut, wir siegen.
Nein, kecker Segler, nicht gewinnst du heute,
Da drunten heult's und fordert seine Beute,
Wie Halme sind die Masten umgelegt,
Mit Einem Schwall ist alles weggefegt.
O scheitern und ein seliger Strand in Sicht!
Bist du ein Gott und zwingst das Schicksal nicht?
Aus weißen Kämmen reiten schon die Toten,
Da wandeln sich die Züge des Piloten,
Ein schreckliches Gesicht! – in höchster Not
Tönt's wie ein Schrei: Dein Schifflein führt der Tod!

Doch horch, emporgewirbelt aus der Tiefe,
Ist's nicht, als ob bekannter Ton mich riefe?
Bist du's, mein Bruder, erster, letzter Freund?
Mein Albatros, der in der Not erscheint!
Mein nasses Aug', geblendet, kennt dich kaum,
Dein Schneegefieder ist bespritzt vom Schaum
Der Wogengruft, aus der du mich gerettet,
Auf deinem Rücken lieg' ich weich gebettet,
Und hochweg über brüllende Wasserklüfte
Trägst du mich aufwärts in die stilleren Lüfte.

Ich hab' dich wieder, und es scheint ein Traum.
Die Hand, noch matt, befühlt den Rosenflaum
Des schlanken Halses und die weißen Schwingen,
Die kräftig dich und mich dem Sturm entringen.
Trag' mich wohin du willst, jetzt bleib' ich dein
Auf ewig, und dein Wille gilt allein!
Er steigt und schwebt in Ruh'
Mit mir auf einen sonnigen Gipfel zu,
Vor seiner Göttin Thron in ewigem Glast,
Zu ihren Füßen legt er seine Last,
Daß ich mit still genesendem Gemüte
Ihr Feuer schür' und ihren Tempel hüte.

Hier wohnt sich's lieblich, denn der Blick ist weit,
Und Wunden heilen rasch zur Sommerzeit.
Mich hält der Freund in königlicher Haft
Und Einsamkeit, die keine Schrecken schafft,
Er baut ein Haus mir in kristallnen Räumen,
Von Stimmen tönend und besucht von Träumen,
Malt bunte Scheiben drein mit Künstlerfleiß,
Umtürmt mich rings mit blauem Gletschereis
Und hat mich über all sein Gut gesetzt,
Denn Königin von Traumland bin ich jetzt,
Schmück' mich für ihn mit diamantnen Zinken
Und Perlenschnüren, die wie Tränen blinken.
So lieg' ich fest im Liebesnetz versponnen.
Ich merk' es kaum, wenn neu ein Jahr verronnen,
Ich seh' nicht mehr der Bäche trägen Lauf,
Doch jede stärkre Welle schlägt herauf,
Denn unten flutet groß und ernst die See.
Da steig' ich oft zum Strand hinab und seh'
Der Tiefe Mosaik, den klaren Grund,
Von Schiffbruch und von Seegeburten bunt,
Das wimmelt, kriecht um die Korallenbank,
Wo manche Argo mit dem Vlies versank.
Der Segler weiß Gebein verwuchs den Klippen,
Seetang ihr Haar, Korallen statt der Rippen,
Denn was im Licht einst schlecht und recht gehandelt,
Das hat die Tiefe wundersam verwandelt.

Dann sprechen wir von den Versunknen viel
Und von des Meeres immer gleichem Spiel,
So sitzend, bis verbleicht des Tages Schein,
Am Abend laden wir Gesellschaft ein,
Die Besten all von Lebenden und Toten,
Der Freundliche hat sie für mich entboten,
Er führt die Gäste festlich angetan
Ins Haus und zündet alle Lampen an.

Doch endlich sinkt die Nacht, still wird's im Haus,
Und langsam gehen unsre Lichter aus,
Dann wacht er noch bei mir und scheucht das Grauen
Von meiner Lagerstatt in Stein gehauen.
Ich hör' ihm zu, wie er Geschichten spinnt,
Bis seine Mär' in meinen Traum verrinnt.
Zuweilen schwirrt ein Nachtgeist mir vorbei,
Dann fahr' ich auf, ob Er noch bei mir sei,
Der sitzt und hält mich treulich bei der Hand,
Zeigt mir sein blankes Schwert, das Geister bannt,
Und deckt mich ganz mit seinem Fittich zu.

Ach, kommen muß ein Morgen tiefer Ruh',
Wo Amor seine Psyche nicht mehr weckt,
Und bei der Hülle, kalt dahingestreckt,
Mit den gefalteten Flügeln wird er stehen
Und weinen um dies Scheiden und Vergehen.
Ich schliefe gern, dächt' ich an mich allein,
Doch wo wirst du, verwaister Liebling, sein?
Wo zwischen Erd' und Himmel hingehaucht,
Wenn dieses Lämpchen einst sein Öl verbraucht?
Was wird aus dir? Nie denk' ich ohne Schauer,
Daß unser Bund von sterblich kurzer Dauer!
Und lieber als dies Scheiden, herb an Qual,
Trüg' ich die Schmerzen alle noch einmal.

Doch nichts von Scheiden jetzt! Die Sonn' ist hoch,
Und Sommer liegt auf allen Gipfeln noch,
Recht zwischen Sehnen noch und süßem Grauen
Glüh' ich, dich endlich ganz enthüllt zu schauen.
Und diese Liebe, neu mit jedem Tag,
Bleibt immer gleich, wie Irdisches nicht vermag,
Sie brennt, wie rein des Glühlichts Flamme brennt,
Nicht Rauch noch Asche, nichts als Element.

 

Besuch

Von fernher komm' ich, such, o Schläfer, deinen Stein,
Das einzige, was noch mein ist in der Jugendstadt,
Die ich noch kenne, die mich Kehrende nicht mehr kennt.
Kein Freundesantlitz grüßte mich am Bahnhofsteig,
Wie eines Abgeschiedenen stiller Gang, so geht
Der meine hier durch all die Straßen grad und krumm
Unaufgehalten zu des Städtchens Ende, wo
Im Weinberggrün des Todes stiller Garten liegt,
Die Stätte, die seit lang der Deinen keins betrat.

Bei dir ist nichts verwandelt. Ernst wie vordem steht
Die Muse, die auf deinem Hügel trauernde,
Der Regen nur hat allgemach die Wangen ihr,
Die steinernen, leis wie eine Tränenspur gefurcht.
Die Tannen, die wir jung verließen, wölben heut
Ein gastlich Schirmdach über deiner Tochter Haupt.
Des Lorbeers edlen Baum, den freilich hat, ich seh's
Mit Kummer, karg die karge Scholle nur genährt.
Doch seine Krone will ich noch ihn breiten seh'n,
Wie ich dich strahlend wandeln sehen will durchs Land.
Das du zu tief geliebt, dein lang vergeßliches.

Wie still die Stätte, wo du schläfst, wie blumenduft-
Umschmeichelt, wie der Kiesweg in der Sonne blinkt,
Die Kreuze schimmern, jeden Baum der Vogelsang
Durchtönt! Ja, ihren Fittich faltet hier die Zeit.
Und auch nicht einsam bist du! Drüben unterm Mal
Von Porphyr schläft dein Uhland, und der Mauer nah
Dort in der Tiefe, dicht vom Weidenhaar verhängt,
In grüner Dämmrung steht ein halb gesunkener Stein,
Der deckt den Staub des erdenfremdesten Göttersohns.
Zu heilig ist sein Name für den lauten Tag,
Drum nenn' ich ihn nur flüsternd: Friedrich Hölderlin.
Drei edle Schlafgesellen! Und sie tauschen wohl
Wenn niemand horcht, die Sänger, ein vertrautes Wort,
Ein seltnes zwar, denn gerne schweigen alle drei.

Hier ist gut sein. Doch draußen in der Welt, aus der
Ich komme, herrschen Kampf und Schmerz, es jagt die Zeit
Uns friedlos hin, und unsre Blumen bricht der Tod.
Nicht alle sind wir mehr beisammen, die voreinst
Um deinen Hügel abschiednehmend sich gereiht:
Dem Jüngsten ward, dem Schönsten, deiner Sorgen Kind,
Ein traulich Ruheplätzchen schon im fremden Land.
Er war der Allgeliebte. Wie das heiligste
Palladium des Hauses, das der Feind bedroht,
Umstanden schirmend Mutter und Geschwister ihn,
Auf den die Parze mit gezückter Schere sah.
Kindlicher Weisheit war er voll, der Blumen und
Der Vögel Freund, zu keinem irdischen Tun bestimmt.
Und doch ein Sonnenstreiter. Wie er kämpfte, litt,
Aus Leidensnächten hell und sieghaft auferstand,
Wie keine Trauer jemals um sein frühes Los,
Kein Neid ihn je beschlich auf der Geschwister Lenz,
Ein Weiser halb und halb ein Kind, und ganz ein Held.

Fünf Jahre gab die Südlandsonne liebend noch
Zum Kampf ihm Kraft, zuletzt in banger Winternacht
Trat Jener ein, vor dem die Liebe machtlos wird.
So leis er kam, wir spürten fröstelnd gleich: Er war's!
Auch er erkannt' ihn, doch mit Trauer nicht noch Furcht.
Und wie sein Atem rang, die Brust im Kampfe flog,
Auf seinem Mund verblühte doch das Lächeln nicht.
Träg schlich die Nacht. Das Feuer schürt' ich im Kamin
Als letzten Dienst und sah's am Morgen funkenweis
Verglimmen. So verglomm das junge Leben auch.
Doch als der Tag durch's Fenster sah, da standen wir
Bewundernd vor des Todes heitrer Majestät.
Wie schön er dalag! Im Triumph des Jugendtods.
Ein Lächeln still auf noch beseeltem Angesicht,
Wie nach der Schlacht die Fahne, die gerettete,
Den toten Sieger deckt!
Und unter Lilien senkten wir ihn droben ein,
Wo von dem Wall, den Michelangelo gebaut,
Ein stiller Garten niederblickt aufs Arnotal.
Ein weltvergessenes Plätzchen, recht für den gemacht,
Der wie ein flüchtiger Gast aus fremden Welten kam.

Von ihm zu dir nun bring' ich stillen Liebesgruß.
Doch von den Lebenden, was sag' ich dir? – Nur eins:
Mit Ehren tragen sie den Namen, den du gabst,
Durch Gunst und Ungunst dieser Zeit und sorgen mehr
Um deinen stillen Beifall denn ums Lob der Welt.
Doch laufen viel der dunklen Fäden durchs Gespinst
Des Lebens jedem und die dunkelsten durch meins.
Denn keinem von den Deinen ward der ebene Weg,
Den sich's gemächlich wandelt bis ans Ziel, du weißt's.

Doch sieh, zur trüben bring' ich frohe Botschaft auch:
Im Land des Lorbeers wächst ein neu Geschlecht heran,
Im fremden Boden wurzelnd, doch von deinem Geist
Genährt auch sie, die jüngsten Sprossen deines Stamms.
Die wissen nichts von Kampf und Schmerz, nein heiter wie
Der Himmel, der sie dort mit seligem Blau umfängt,
Glänzt auch ihr Leben, und mit ihnen hoffe du!
Die werden deines Sternes sichren Aufgang sehn,
Der uns noch zaudert, denn das Echte wartet wohl
Ein Stündchen länger seines Tags – er scheint ihm doch.

 

Die Büßer

Indische Sage

    Lastend überm Angalande
    Brüten schwere Sommergluten,
    Und im schonungslosen Brande
    Stirbt verdürstend Hain und Flur.
    Keine Opfer können bluten,
    Und kein Tau erquickt die Saaten,
    Seit vom König, schlecht beraten,
    Schmach den Brahmen widerfuhr.
Dem Land, aus dem die Priester zogen,
Verschließt ihr Fluch des Himmels Born,
Und schrecklich glüht vom blauen Bogen
Das Antlitz Indras, rot von Zorn.

    Jedem, Herr, geziemt zu dienen:
    Wie vorm Fürsten seine Heere,
    Steht der Fürst vor dem Brahminen,
    Der Brahmine steht vor Gott.
    Gib den Heil'gen drum die Ehre,
    Wenn Brahminenhände segnen,
    Wird vom Himmel Freude regnen,
    Ihrem Fluch folgt Leid und Spott.
Des Königs Boten ziehn in Eile,
Doch nichts versöhnt der Priester Groll,
Sie schwören, daß vom Flammenpfeile
Das Land in Asche sinken soll.

    Eine Hoffnung ist geblieben:
    Fern beim Strom im Waldesgrabe
    Wohnt der Greis, den Götter lieben
    Bußereich Wifandaka;
    Und mit ihm sein frommer Knabe,
    Der in menschenleerer Wildnis
    Nur des Vaters strenges Bildnis,
    Nie ein Mädchenantlitz sah.
Schick' du ein Weib ihn zu betören,
Voll Einfalt ist er, leicht entführt.
Die Götter werden uns erhören,
Sobald sein Fuß das Land berührt.

    Anga hat der Mädchen viele,
    Keine lüstet nach dem Lohne?
    Keine wär' geschickt zum Spiele?
    Den Gehorsam weigern sie?
    Gnade, Herr, verschon' uns, schone!
    Schick' uns in den Schlund des Leuen,
    Nicht zum Greis, den Götter scheuen,
    Der zu Brahm emporgedieh!
Ein Leu, der sich im Blute rötet,
Ist der Gebieter, wenn er grollt,
Doch der mit seinem Fluche tötet.
Dem Priester nur sei Scheu gezollt!

    Grimmig mehrt sich die Beschwerde,
    Tiere fallen, Menschen sterben,
    Und die harte Muttererde
    Saugt verlechzt ihr eignes Blut.
    Indra jauchzt ob dem Verderben,
    Ungerührt auf Angas Triften
    Schießt er Pfeile, die vergiften,
    Und entfacht der Seuche Wut.
Das Volk liegt brünstig auf den Knieen,
Zum Gotte hebend Herz und Hand,
Doch Wolken, die vorüberziehen,
Entladen sich im Nachbarland.

    Wie der Sonnenstrahl am Morgen
    Auf des Gartens jüngste Blüte
    Blickt der Fürst aus trüben Sorgen
    Lächelnd auf sein liebstes Kind.
    Hoffnung sproßt ihm im Gemüte,
    Wo die andern bang verzagen,
    Will die Königstochter wagen,
    Ob sie Heil und Preis gewinnt.
Unwissend bin ich, arm an Gaben,
Weiß nicht, wie man mit Männern spricht,
Doch jenen frommen Büßerknaben,
Den Knaben, Vater, fürcht' ich nicht.

    Freudig hören's alle Guten!
    Und der Fürst, des Grams entlastet,
    Furcht mit ihr die heil'gen Fluten,
    Jenen Hain erreicht er bald.
    Seltsam ist sein Schiff bemastet,
    Denn von Halmen, Sträuchern, Bäumen
    Grünt's in den gewölbten Räumen
    Wie im schönsten Büßerwald.
Das Mägdlein schleicht auf leisen Sohlen
Vom Flußgestad zur Siedelei,
Späht an der Schwelle noch verstohlen,
Ob wohl der Greis im Walde sei.

    Zagen Schrittes geht sie weiter,
    Sieht den Knaben bei der Flamme
    Reisig brechen und die Scheiter
    Spalten mit der blanken Wehr.
    Heil dir, Sohn von edlem Stamme!
    Will die Buße hier gedeihen?
    Von den nahen Siedeleien
    Dich zu grüßen kam ich her.
Habt ihr auch Wurzeln, habt ihr Beeren?
Ist euer Wasser rein und klar?
Laß mich die Früchte dir bescheren,
Die unser schönrer Hain gebar.

    Welch ein Gast ist mir erschienen!
    Mehr als vor des Löwen Grimme
    Zittr' ich vor den süßen Mienen
    Wie vor göttlicher Gewalt!
    Amselschlag ist seine Stimme!
    Sprich, wie muß ich dich begrüßen?
    Laß mich stumm zu deinen Füßen
    Knieen, strahlende Gestalt!
Steh auf, du Heil'ger, reich an Buße!
Weit frömmer sei du mir gegrüßt!
Steh auf und lern' an meinem Gruße,
Wie man in unsern Wäldern büßt.

    Herbe Lippen, keiner Ahnung
    Solcher Künste noch erschlossen,
    Folgten sie des Vaters Mahnung?
    War das eigne Herz im Bund?
    An des Knaben Hals gegossen,
    Eine selige Sekunde
    Bebt ihr Mund an seinem Munde,
    Bebt um sie der Erde Rund.
Der Blöde staunt; sein Geist wird helle,
Sie steht erschrocken, glutumweht,
Und flieht zum Strom wie die Gazelle,
Wenn Wald und Feld in Flammen steht.

    Sieh, da kehrt der hochbejahrte
    Büßer nach der Waldeshütte.
    Er, der bis zur Zeh' behaarte
    Schreckliche Wifandaka.
    Hat die Kuh auch duft'ge Schütte?
    Ist der Löffel wohl gescheuert?
    Auf dem Herd ist schlecht gefeuert!
    Und er staunt, was hier geschah.
Kam eine Schlange, dich zu schrecken?
Dein Haar ist wirr, dein Blick verstört.
Nach Ambra duftet's um die Hecken,
Bist von Asuren du betört?

    Herr, ein Schüler kam zur Schwelle,
    Leuchtend, mit geflochtnen Haaren,
    Glich sein schlanker Leib der Welle,
    Nicht wie du noch ich zu sehn.
    Und von ihm hab' ich erfahren
    Weihebrauch der frömmsten Büßer,
    Der viel heil'ger ist und süßer
    Als der Dienst, den wir begehn:
Er zog mein Haupt zu sich hernieder,
Sein holder Mund hing meinem an,
Das rann mir schaurig durch die Glieder,
Und hat doch wonnevoll getan.

    Seit der Knabe fortgegangen,
    Ist im Herzen mir so wehe,
    Meine Seele festgehangen
    Ging, ich fühl's, mit ihm dahin.
    Mich beschwert, was ich nur sehe,
    Eine Last sind alle Pflichten,
    Kann dir keinen Dienst verrichten,
    Sterben muß ich ohne ihn.
Dort, wo er wohnt, zum Flußgesträuche
Führ' hin, o Vater, mich geschwind,
Damit ich lern' die heil'gen Bräuche,
Die so genehm den Göttern sind.

    Solchem Schüler sei's geraten,
    Daß er nimmer dich versuche,
    Sonst erfahr' er meine Taten!
    Ruft der Heil'ge wutentbrannt.
    Und bereit zum grimmen Fluche
    Stürmt er nach des Ufers Halmen,
    Aber nahe zwischen Palmen
    Glänzt ihr seidenes Gewand.
Schnell, fleht der Knabe, laß uns eilen!
Mein Vater droht, sein Zorn ist schwer.
Bei dir im Hain will ich verweilen,
Nach deiner Buße drängt's mich sehr.

    Spielend zieht des Königs Fähre
    Heim, mit heil'gem Raub befrachtet,
    Aber eine wetterschwere
    Wolke steigt am Himmel auf.
    Indra, der die Büßer achtet,
    Sieht's und flieht mit raschen Rossen,
    Überm Haupt der Schiffsgenossen
    Nimmt das Wetter seinen Lauf.
Kaum naht die Barke den Gestaden,
Zerbirst mit eins des Himmels Schoß,
Und flutend bricht, vom Greis entladen
Ein Meer, ein umgestürztes, los.

    Schon den Hain hat er verlassen;
    Mit der Buße heil'ger Stärke
    Eilt er – wie des Dorfes Gassen
    Hungerheiß das Waldtier naht –
    Zu des Zornes grausem Werke.
    Wo er ruht von Wandermühen,
    Sieht er Felder, Dörfer blühen,
    Fette Herden, goldne Saat.
Wer lieh euch diese reichen Gaben?
Wer solchen Glückes Übermaß?
Das danken wir dem Büßerknaben,
Dem frommen Sohn Wifandakas.

    Nicht mißfallen solche Worte,
    Halb ist schon der Zorn verflogen.
    Wo er geht, von Ort zu Orte,
    Sieht er froher Menschen Fleiß.
    Klare Ströme, schiffdurchzogen,
    Tragen Fülle durch die Länder,
    Immer fragt er nach dem Spender,
    Immer schallt des Sohnes Preis.
So tritt er in die Königshallen,
Ihm neigt sich scheu des Hofes Schar,
Sein Vateraug' mit Wohlgefallen
Ruht auf dem sel'gen jungen Paar.

    Eines Landes froh Gewimmel,
    Spricht er, preist was ihr vollendet.
    Mögt ihr, Kinder, denn dem Himmel
    Dienen wie das Herz gebeut.
    Zürnend hab' ich nachgesendet
    Meines Fluches schwarze Wolke,
    Doch sie ward ein Heil dem Volke,
    Mehr noch sei's mein Segen heut.
Wenn mir zum Strafen, zum Zerstören
Der Himmel seine Waffen lieh,
Wird er mit Lust mich jetzt erhören,
Denn zum Beglücken brauch' ich sie.

 

Zukunftsgedanken

Menschengeist, mit deiner Stärke,
Ich bekenn's, du machst mir bang,
Deine Riesenrasselwerke,
Ungeheurer Kollergang!

Jung noch bin ich; kaum sechstausend
Jahre trag' ich auf dem Rücken,
Dennoch oft empfind' ich's grausend,
Wie sie mich zu Boden drücken.

Doch Entsetzen sträubt die Haare
Vor dem Wandel der Kultur,
Folg' ich durch den Dunst der Jahre
In die Zukunft ihrer Spur.

Welch ein Walken, Malmen, Stampfen!
Wie die Riemen schütternd surren!
Wie mit Blitzen, Sprühn und Dampfen
Räder um den Erdball schnurren!

Aus noch unentdeckten Reichen
Strömt's von ungeahnter Kraft,
Und die Nebel, die entweichen,
Ballen sich zur Wissenschaft.

Zukunftsmenschheit sei bewundert,
Und vor allem Zukunftskindheit!
Wie Jahrhundert um Jahrhundert
Schält sich euch vom Aug' die Blindheit.

Was uns nur als Traumesgabe
In der Hirnwand spukt, der engen,
Müßt ihr als gediegene Habe
Schon in euren Ranzen zwängen.

Was uns jetzt aus Süd und Norden,
Was die Enkel noch erhitzt,
Ist für euch Geschichte worden,
Drob ihr auf der Schulbank schwitzt.

Lernen, lernen, immer lernen!
Habt zum Leben keinen Raum,
Mit den Häuptern in den Sternen
Wird die Welt ein böser Traum.

Die Jahrtausende sie rollen,
Müssen als granitne Felsen
Hochgetürmt euch Martervollen
Auf die müde Brust sich wälzen.

Doch in unerreichter Wolke
Ahn' ich Einen, der da spricht:
Sei getrost, mit meinem Volke
So gefährlich steht es nicht.

Was verfault, das frißt der Schimmel,
Und was müde wird, das steht,
Bäume wachsen nicht zum Himmel,
Auch ein Weltentag vergeht.

Müßt die Last nicht ewig tragen,
Denn im Kreise führt die Bahn:
Hat die Zeituhr ausgeschlagen,
Fang' die Urzeit wieder an.

 

Weltgericht

Als Gott der Herr im Schöpfungsdrang
Sich aufschwang zur Gestaltung,
Und Werk um Werk sich ihm entrang
In mächtiger Entfaltung,
Schon neigte sich der sechste Tag,
Da holt' er aus zum großen Schlag,
Es lag die Schöpfung fertig,
Des letzten Strichs gewärtig.
Die Engel standen da zu Hauf
Und sperrten Mund und Augen auf.
Zuletzt kam auch der Satan
Und sah die große Tat an.
Er sah sie scheelen Angesichts,
Denn selber schaffen konnt' er nichts,
Doch wußt' er alles besser
Und sprach wie ein Professor.
Den sah der Herr und rief ihn gleich:
Du hellster Kopf in meinem Reich,
Schau, was ich unternommen;
Dein Urteil soll mir frommen.
Der Satan spricht und neigt sich tief:
Ich hielt Euch stets für produktiv;
Doch habt Ihr nun mein Hoffen
Noch weitaus übertroffen.
Die Erde saust in Kugelform
So hin durch Raum und Zeiten:
Herr, dieser Einfall war enorm,
Wer wollt' Euch das bestreiten!
Dann nahmt Ihr selbst Euch zum Modell
Und formtet aus dem Tone schnell
Die staubgenährten Leiblein,
Als Männlein und als Weiblein.
Doch wenn die Frage Euch genehm:
Was ist der Sinn von alledem?
Der Herr sprach voll Geschäftigkeit:
Zum Denken fehlt mir jetzt die Zeit;
Jetzt laß mich nur gewähren,
Hernach magst du's erklären.
Und jener drauf: Den Weltenplan,
So wie Ihr ihn skizzieret,
Schaut erst von vorn und hinten an,
Eh' Ihr ihn weiterführet.
Ich will Euch gleich mein Augenglas
Zur nähern Prüfung holen,
Auch mein ästhetisch Ellenmaß
Sei wärmstens Euch empfohlen.
Und nun betrachtet's kritisch,
Synthetisch, analytisch.
Ihr habt den klassisch großen Stil,
Doch miss' ich schwer die Einheit;
Euch fehlt das streng're Kunstgefühl
Für Maß und Formenreinheit,
Ihr stürzt vom Ideale
Kopfüber ins Triviale.
Dies Übermaß von Phantasie,
Wer möcht' es Euch verübeln?
Ein jugendliches Kraftgenie
Befaßt sich schwer mit Grübeln.
Drum lass' ich die Ästhetik
Und spreche nur von Ethik.
Das eine, Herr, verletzt mich tief:
Um die Moral, da steht es schief.
Hier bin ich unerbittlich:
Der Autor wirke sittlich!

Als Gott der Herr das Wort vernahm,
Ward ihm das Ding zuwider,
Es sanken ihm vor Zorn und Gram
Die Schöpferarme nieder,
Und unterm besten Schaffen
Tat' ihm der Geist erschlaffen.
Da kocht ihm mächtig der Verdruß,
Er nahm den armen Kritikus
Und schleudert ihn kopfüber
In leeren Raum hinüber.
Doch an der jungen Schöpfungswelt
War ihm die Freude arg vergällt,
Dreht mit verdross'nen Blicken
Dem ganzen Ding den Rücken,
Schloß sich in seine Himmel ein
Und ließ fortan das Schaffen sein.

Die Welt indes, sie weiß nicht wie,
Kreist hin durch die Äonen;
Ein mächtiges Fragment ist sie
Voll großer Intentionen.
Daß sie nicht fertig worden,
Das drückt sie allerorten.
Ein Wörtlein raunt ihr stets ins Ohr,
Es schwebt ihr wie im Traume vor,
Daß sie zu höhern Stufen
Der Schöpfer einst berufen.
Doch wie sie sich auch quält und müht,
Ihr Urbild sondergleichen,
Wie es des Schöpfers Brust durchglüht,
Sie kann es nie erreichen.
Und heimlich immer sehnt sie sich
Nach jenem letzten Pinselstrich.

                            *

Zu seinem Vater spricht der Sohn:
Ich kann's nicht länger tragen,
Seh' ich herab vom Weltenthron
Der Menschheit Not und Plagen.
Wie hilflos ganz, wie arm und blind
Die Kinder deiner Liebe sind!
Was hast du ihnen Leben
Und weiter nichts gegeben?
Ach wie sie schrein nach deinem Licht
Mit Beten und mit Fluchen,
Du wendest ab dein Angesicht,
Läßt sie im Finstern suchen.
Gabst ihnen Triebe zügellos
Und zürnst, wenn sie sie stillen,
Du lenkst von Urbeginn ihr Los
Und nennst es »freien Willen«.
Du stößt ins Leben sie hinein,
Umringst sie mit Beschwerden,
Dann übergibst du sie der Pein
Und läßt sie schuldig werden.
Der Vater lächelt, sinnt und spricht:
Dein Sprüchlein klang so fremd mir nicht,
Auch kenn' ich wohl den Frommen,
Dem du's vorweggenommen.
Ich bin nicht fühllos, wie du denkst,
Und könnt' ich helfen, tat ich's längst.
In meinen Schöpferwehen,
Da hatt' ich's wohl gesehen,
Der Menschheit gottgeträumtes Bild.
Es lag in Strichen roh und wild
Erst formlos angegeben,
Doch schon genährt von Leben.
Ja, vor dem Urbild groß und reich
Erschien der Engel Antlitz bleich.
Da eben kam der Teufel
Und regte mir die Zweifel.
Er löschte meines Busens Brand
Mit Eimern Wassers, der Pedant.
Wie ward die Seele mir verzagt,
Ich wurde klein und kleiner;
Sein Sturz, von dem er immer klagt,
War schwerer nicht als meiner.
Ich stand ernüchtert und erschreckt,
Wie aus dem Wandeltraum geweckt,
Zum Teufel war das Feuer,
Und was so groß und teuer,
Das schien mir klein und jämmerlich.
Das goldne Luftgesicht entwich!
Wo ist es hin? Vergebens
Regst du den Quell des Lebens.
Ach, in der Elemente Heer
Ein Salzkorn minder oder mehr,
Ein Hauch, ein Nichts, ein Ungefähr,
So war die Welt vollkommen!
Doch nun, was soll ihr frommen?
Ich kann, wie mich ihr Weh durchzückt,
Den Schuh nicht weiten, der sie drückt.
Wie heißt die Kraft, o nenne sie,
Durch die sich löst in Harmonie
Das wirre Weltgetriebe?
Da spricht der Sohn: Die Liebe!
Der Vater lächelt milde
Nach seinem Ebenbilde:
Daß klüger doch zu jeder Frist
Das Küchlein als die Henne ist!
Glaubst du, ihr Los zu wenden,
So magst es du vollenden.
Und daß du gleich dein Werk beginnst,
Sei Urlaub dir bewilligt,
Und alles, was du sinnst und spinnst,
Im voraus ist's gebilligt.
Nun geh hinab und wirke du,
Sonst läßt der Drang dir keine Ruh'!
Wie da die rührungsfeuchten
Gott-Sohnes-Augen leuchten!
Ich will ertragen jede Last,
Will in den Windeln weinen,
Und sehn, wie du gebettet hast
Die Brüder, meine kleinen.
Will dulden Leid und Ungemach,
Will sühnen, was die Welt verbrach,
Und will für sie mit Freuden
Den bittern Tod erleiden.
An meinem Beispiel allerwärts
Erwarmen soll ihr starres Herz.
Und aus Nachahmungstriebe
Erlernen sie die Liebe.
Dann beut das Lamm sich ohne Scheu
Dem Löwen selbst zum Fraße;
Das blut'ge Mahl verschmäht der Leu,
Nährt sich von Heu und Grase.
Dann wird der Böse länger nicht
Mit seinem Siege prahlen,
Dann wird der Menschheit Angesicht
Die Engel überstrahlen.
Dann wird der Platz für groß und klein
Und Gottes Reich auf Erden sein!
Der Vater brummt in seinen Bart:
Ich fürchte, Art läßt nicht von Art.
Fahr hin, du junger Schwärmer!
Du kehrst an Hoffnung ärmer!

                            *

Und als er nun am Kreuze hing
Wohl um die neunte Stunde,
Sein göttlich Auge überging,
Es quoll die Todeswunde.
O Erde, meine süße Braut,
Um die ich sterbend werbe,
Daß noch mein irdisch Auge schaut
Dein reiches Friedenserbe!
Es sei mein Blut, das ich vergoß,
Das letzte, das hienieden floß!
Ihr meine Brüder insgesamt
Und Schwestern, mir so teuer,
Der Staub, der eurem Staub entstammt,
Der Geist, der auf zum Vater flammt,
Sind euer, euer, euer!

                            *

Und wieder saß im Sphärentanz
Die Allmacht auf dem Throne,
Die Liebe mit dem Dornenkranz,
Der Geist in stiller Weisheit Glanz,
Der Vater mit dem Sohne
In einer Strahlenkrone.
Der Alte hielt den guten warm,
Den heimgekehrten Sohn im Arm,
Dem, noch umwölkt von Erdengram,
Das Himmelslicht den Blick benahm:
Genieß den Ruhm, den du erwarbst,
Und freu' dich deiner Sendung;
Hier sieh die Welt, für die du starbst,
Im Glanze der Vollendung!
Wie ward des Sohnes Wange bleich!
Es reut ihn fast die Mühe.
Da schwamm der alte Sauerteig
In seiner alten Brühe.
Der Löwe würgte noch das Lamm,
Kein Friede war zu spüren,
Da war das Holz vom Kreuzesstamm
Nur gut, den Brand zu schüren.
Noch war der Erde bestes Teil
Um dreißig Silberlinge feil.

Da quoll aufs neu des Heilands Blut,
Aufsprangen seine Wunden,
So übel war ihm nicht zumut,
Als er ans Kreuz gebunden,
Und an des Vaters Busen dicht
Barg er sein weinend Angesicht.
Der Herr, der seinen Kummer fühlt,
Spricht: Bös hat man dir mitgespielt,
Doch mit dem Öl der Gnade
Macht man das Krumm nicht grade.
Mein Sohn, nicht länger sei's vertuscht:
Das Werk ist hoffnungslos verpfuscht.
Willst du die Welt vom Bösen,
Mußt sie von sich erlösen.
Und willst du wissen, was ihr not?
Die Arzenei, sie heißt – der Tod.
Und nun, mit meiner Macht betraut,
Fahr hin auf Sturmes Schwingen
Und künde mit des Donners Laut
Erlösung, die wir bringen.
Entfess'le aller Ströme Lauf
Und zieh des Meeres Schleusen auf,
Dann binde in der Erde Schoß
Des Feuers dunklen Urstrom los
Und laß die Elemente walten;
Den Menschen gib in ihre Macht,
Wenn er als Knechte sie gehalten,
Sie haben's längst ihm zugedacht.
Laß sie mit Sprühn und Zischen
Des Lebens Spur verwischen,
Dann laß sie wütend sich im Kampf
Eins gegen 's andre kehren,
Bis sie in Asche, Qualm und Dampf
Sich fressend selbst verzehren.
Der letzte Funke sei versprüht,
Das All verstummt und ausgeglüht,
Von aller Not des Seins entkettet!
Auf weichen Flaum des Nichts gebettet! –
Posaunenengel, schwebt heran,
Nehmt eure Kraft zusammen,
Stimmt mir das Dies irae an
Und steckt die Welt in Flammen!
Gesagt, getan! Es bebt der Thron,
Wo sie dreieinig saßen,
Der Geist, der Vater und der Sohn,
So schrecklich war das Blasen.
Da hebt der Geist den Kopf empor,
Der unterm Flügel steckte,
Erstaunt, daß ihn der Weltrumor
Aus der Betrachtung schreckte.
Denn weil die Zeituhr leise tickt,
War er ein wenig eingenickt.
Was habt ihr mich im Schlaf gestört?
Was soll der Lärmen, Kinder?
Ich wette, wenn ihr mich erst hört,
So urteilt ihr gelinder.
Ich zeig' es euch durch Logik fein:
Was ist, das muß vernünftig sein.
Zwar mir verdarb es nie die Ruh',
Das jähe Schöpfungsfieber,
Auch sah ich mit Bedenken zu,
Wie du dich mühtest, Lieber.
Dies Uhrwerk, das nie richtig geht,
Nicht konnt' ich's ganz verstehen.
Doch weil, was nun so lang sich dreht,
Beweist, daß es zu Recht besteht,
So mag sich's weiterdrehen.
Was heut sich auf die Köpfe stellt,
Fällt morgen auf die Füße,
Es decken sich im Lauf der Welt
Das Saure und das Süße.
Was schön und häßlich, gut und schlecht!
Es fließt aus einem Bronnen:
Kaum unterscheidet ihr es recht,
So ist's in eins geronnen.
Die Schlange beißt sich in den Schwanz
Und der zerrissne Reif wird ganz.
Das Nichts, es klingt so hübsch ins Ohr;
Könnt' ich den Sinn nur lösen!
Drum halt' ich's lieber nach wie vor
Mit den bekannten Größen.
Habt ihr das All zerschlagen,
Müßt mit dem Nichts euch plagen.
Hört meinen Rat geduldig an:
Ihr könnt's nicht korrigieren,
So tut, was ihr bisher getan;
Wozu sich echauffieren?
Das ungereimte Weltgedicht –
Nehmt's wie es ist und krittelt nicht!

 


 

Asphodill

Farbenglut im Abendschein,
Wogemeer von gelbem Grase,
Und dazwischen Stein an Stein
Dehnt sich ernst die Todesstraße.

Dort in Glut gebrütet still
Wachsen diese blassen Blüten,
Todesblumen, Asphodill,
Die versunkne Gräber hüten.

Blumen der Persephone
Aus der Schatten Lustgehege,
Hüten all mein Glück und Weh
Mir in diesem Gräberwege.

 

Im starren Guß blieb mir die Form erhalten.
So kann ich das entschlafne Haupt umfangen,
Und tastend an den eingesunknen Wangen
Das süße Bild des Lebens nachgestalten.

Hier ist die Stirn, wo sich Gewölke ballten,
Wie Wetterhimmel war sie schwarz verhangen,
Das tiefe Aug', aus dem die Blitze sprangen!
Doch welche Hand verwischte dir die Falten?

Noch kann ich sehn, wie du den Mund verzogen,
Als dir der Tod den bittern Trank gereicht,
Doch hast du schnell Genesung draus gesogen,

Und kündest lächelnd, daß dein Ende leicht.
– Ja, wie dir jedes Frauenherz gewogen,
Ich seh's, hast du die Parze selbst erweicht.

 

Mein lieber Schläfer, wie des Todes Binde
Dich leise deckt, als sei dein Schlaf nicht tief!
Als könnt' ich, wenn ich dich beim Namen rief,
Noch hoffen, daß ich einst die Antwort finde!

Und welches Bild hat meinem großen Kinde
Den Sinn umgaukelt, bis es fest entschlief?
Das Leben legte seinen Adelsbrief
Aufs Antlitz ihm und schwang sich in die Winde.

O wohl, gelächelt hast du, Lieb, im Scheiden!
Das, meinst du, soll auch mir zum Trost gedeihn?
Muß ich zum erstenmal ein Gut dir neiden?

War doch dein Kämpfen und dein Wagen mein,
Und willig trug ich alle deine Leiden,
Soll nur dein Friede nicht der meine sein?

 

Nun bist du eins mit der Natur, es ruht
Der Streit, und schnell geheilt sind deine Wunden,
Die Mutter hat den Sohn aufs neu gefunden
Und hält den Wildling fest in ihrer Hut.

Ich fühl' es mit, wie sanft der Friede tut,
Vom wirren, wüsten Traumgespinst entbunden,
Ein Hauch von deinem Ruhen und Gesunden
Weht rein und kühl in meiner Schmerzen Glut.

Ich kann nicht kämpfen, ringen, widerstreben,
Mich bäumen, wo auch du gehorchen mußt,
Auch du dich hilflos schmiegst in Mutterpflege.

Verzweiflungsmüd, ans Schicksal hingegeben,
Sink' ich der Großen, Starken an die Brust
Und warte, daß sie dir ans Herz mich lege.

 

Zwei Feen traten neben deine Wiege,
Die eine brachte reichste Segensspenden,
Die andre muß zum Fluch die Gabe wenden:
Verzehr' dich selbst und eignem Trotz erliege!

So schrittst du durch die Welt im steten Kriege,
Indes die Fülle quoll von deinen Händen,
Doch wie dir Beifall ward an allen Enden,
Die strenge Stirn entwölkten keine Siege.

Da fandst du mich und mahntest mich der Märe
Von jener dritten Fee, die Macht besaß,
Daß sie noch einmal Fluch in Segen kehre:

Die Liebe sei's, die allen Zwiespalt schlichtet –
Doch eh' in ihrer Hut dein Herz genas,
Hat eine höhre Hand den Streit beschwichtet.

 

Drei Jahre lang hab' ich um dich gezittert.
Das Glück mit albernem Despotenwitze
Hing überm Haupt mir auf des Schwertes Spitze,
Als mich der Glanz des Freudenmahls umflittert.

Und jede Süße hat mir Furcht verbittert,
Nur den Verlust empfand ich im Besitze.
Am blauen Himmel ahnt' ich schon die Blitze,
Die jähen Schlags den stolzen Baum zersplittert.

Nun bin ich ruhig: mag der Himmel toben
Und unter seinem Grimm die Welt vergehn!
Was tut's? Dich weiß ich sicher aufgehoben.

Mag nun die Seuche ganze Völker mähn!
Ich bin gefeit für alle Schreckensproben,
Nachdem ich festen Blicks dein Grab gesehn.

 

O wie ein Ton noch zittert in der Luft,
Wenn schon die Saite sprang, die ihn geboren,
So leb' ich weiter, seit ich dich verloren:
Ich atme, wandle noch auf deiner Gruft.

Noch kann ich gehn, wohin dein Mahnen ruft,
Dem Wege treu, den du und ich erkoren;
Doch summt's wie Grabgeläut mir um die Ohren,
Und wo ich bin, umweht mich Moderduft.

Der Balsam, der aus allem Leben quillt,
Mir frommt er nicht, mich lüstet nur nach Erde,
Nach kühler Erde, die auch dich gestillt.

Vergebens lockt des Ruhmes goldner Schein,
In dem ich nie mit dir mich sonnen werde:
Mein ganzer Ehrgeiz ist, dir gleich zu sein.

 

O wandern, wandern, ruheloser Geist!
Noch treibst du mich mit deinem Gram beladen,
Wie da du lebtest, folgst du meinen Pfaden,
Bald froh, bald traurig, doch voll Trotz zumeist!

Wo kann ich sein, daß du nicht bei mir seist,
Vom Gletschereis zu blauen Meergestaden!
In welchem Bergsee meine Stirne baden,
Des Spiegel nicht dein bleiches Antlitz weist?

Vergessen und vergessen sein! – das wäre
Der beste Trost, im Sand mich niederstrecken,
Daß über mich des Lebens Strudel rauschen.

Doch ruh' ich kaum, so scheucht die bange Leere
Mich jäh empor und treibt mich voller Schrecken
Aufs neue deinem irren Geist zu lauschen.

 

Sollt' ich wie einem Freund beim Gläserblinken,
Du schreckensvolles Jahr, Valet dir geben?
Wie da du einzogst noch den Kelch dir heben? –
Du kamst, mein eignes Herzblut wegzutrinken.

Doch wachen will ich und dir Grüße winken,
Und ehren deiner letzten Stunde Weben,
Will Aug' in Aug' dich sehn vorüberschweben,
Im Arm des Freundes Leichnam und versinken.

O weile noch und schmeichle meinem Grame
Und sprich von ihm, in Vollkraft schlugst du ihn,
Und auf der Stirn brennt dir des Opfers Name.

Einzieht das neue Jahr mit Festgeläute,
Es faßt und führt mich wider Willen hin,
Und wie die Kinder weiß es nur von heute.

 

Als ob ein Geist zwei Leibern sich verbände,
Daß einer mit dem andern nur zerbricht,
So innig ist das Wir, das Liebe spricht,
Da kommt der Tod und löst verschlungne Hände.

Wie tobt das Herz bei seines Glückes Wende!
Nur in Vernichtung sieht es Trost und Pflicht,
Doch wächst das Gras, der Tag erneut sein Licht,
Das Herz wird still, ja, und vergißt am Ende.

So war dies Doppelwesen denn ein Schein?
Die Liebe bloß ein Hirngespinst für Toren?
Ein Ich nur gibt es, bis ans Grab allein?

Fortan ist jede Hoffnung totgeboren,
Denn was dem Herzen naht, ein Heil zu sein,
Gibt es entsetzt im voraus schon verloren.

 


 

Die erste Nacht

Jetzt kommt die Nacht, die erste Nacht im Grab.
O wo ist aller Glanz, der dich umgab?
In kalter Erde ist dein Bett gemacht.
Wie wirst du schlummern diese Nacht?

Vom letzten Regen ist dein Kissen feucht,
Nachtvögel schrein, vom Wind emporgescheucht,
Kein Lämpchen brennt dir mehr, nur kalt und fahl
Spielt auf der Schlummerstatt der Mondenstrahl.

Die Stunden schleichen – schläfst du bis zum Tag?
Horchst du wie ich auf jeden Glockenschlag?
Wie kann ich ruhn und schlummern kurze Frist,
Wenn du, mein Lieb, so schlecht gebettet bist?

 

Mein Lebensweg war eine Gräberstraße,
Wo rechts und links die Leichensteine stehen,
Doch sah ich Liebes mir zur Seite gehen,
Jetzt wölbt ein frischer Hügel sich im Grase.

Er deckt den Letzten mir, den Liebsten, Einen,
Und weiter dehnt der Weg sich, der bestaubte,
Hier möcht' ich ruhn und mit verhülltem Haupte
Ein Denkmal meinem toten Lieb versteinen.

 

Arme, ihr geliebten Ketten,
Die so enge mich umstrickten,
Lippen, rote Rosenbetten,
Wo wir Purpurblumen pflückten,
Stimme tief wie Abendglocken,
Herz, das warm an meinem lag,
Süß gewohntes Wechsellieben,
Ach, wo seid ihr teuren Bande?
Ist mir nichts von euch geblieben,
Als ein Stein im fernen Lande,
Drauf mein Auge starr und trocken
Eines Tages weilen mag?

 

Lethe

Müd und ausgeweint,
Stilles Herz, des Sonne nicht mehr scheint!
Ringsum senken sich die Schatten,
Leiser atmend will der Gram ermatten,
Wie ein Kind, das sich in Schlaf geweint.

Mag die Welt nicht sehn,
Sonne auf- und niedergehn.
Träume spielen und verwehen,
Weiß nicht mehr was mir geschehen,
Halb im Schlummer
Sagt mir noch ein dumpfer Kummer,
Daß mir schweres Leid geschehn.

Ja, du fandst die Ruh!
Du trankst mir einen Becher Lethe zu.
Dir ward schon dein Wille,
Harre, Lieb, die kleine Stille,
Bis ich schlummern darf wie du.

Horch, was mag das sein?
Groß zur Türe tritt's herein.
Stiller Mohn, der alle Schmerzen stillt,
Kränzt das bleiche, liebe Bild,
An gesenkter Fackel stirbt der Schein,
Führ' zur tiefen Ruh' mich ein.

 

O wenn du kannst

O wenn du kannst, so komm zu mir!
Mir wird die Zeit so lang.
Wenn Schlummer jedes Aug' beschlich,
Dann lieg' ich wach und rufe dich
Und lausch' auf deinen Gang.

In der Gestalt, die ich geliebt,
Tritt du zu mir herein!
Dies Antlitz tausendmal geküßt,
Drin jeder Zug mein eigen ist,
Kann mir nicht schrecklich sein.

Die Stimme tief und wunderbar
Wie Orgel im Choral,
Der irdischen Sprache schon entwöhnt,
Zum Laut, den hier die Liebe tönt,
Zwing du sie noch einmal.

Doch wenn ich erst dich wiedersäh',
Wie gäb' ich mehr dich hin?
Du weißt's, von Banden noch nicht bloß,
Rang' meine Seele schnell sich los,
Mit deiner zu entfliehn.

 

Man sagt, wenn sich die Seele ringt
Aus Staubesbanden sternenwärts,
Sei's ihr verstattet, lichtbeschwingt
Zu rühren an ein liebend Herz.

O wär' vom Schicksal mir erteilt
Das Glück, vor dir hinwegzugehn,
Den fernsten Raum hätt' ich durcheilt
Zum Gruß auf Nimmerwiedersehn.

Hinflög' ich über Berg und Land,
Verwirkt' ich auch des Himmels Tor!
Und ruhte nicht, bis ich dich fand,
Und hauchte dir Gutnacht! ins Ohr.

Nicht mahnen wollt' ich, meinem Los
Den Zoll des langen Grams zu weihn,
Mit heißem Segen sprach' ich bloß:
Des Herzens letzter Schlag war dein.

Und du, du tauchtest in die Nacht,
Stumm, wie ein Stern ins All zerstiebt,
Hast keine Grüße der gebracht,
Die mehr dich als sich selbst geliebt.

O geht dir nicht am stillen Ort
Ein ungesprochnes Wörtlein nach?
Und findet vollen Frieden dort,
Wer scheidend nicht von Frieden sprach?

 

Nun sind die Tränen all' gestillt,
Die Trauerzeit ist um,
Von dem geliebten Namen
Sind alle Lippen stumm.

Und die vorm Jahr in lautem Weh
Von seinem Grab gekehrt,
Die haben's schon vergessen,
Daß heut der Tag sich jährt.

Verlass'ner ist der Tote nicht,
Den sie hinabgesenkt,
Als ich im Kreis der Freunde,
Wo niemand seiner denkt.

 

Ein Schatten du – im Licht mein Aufenthalt!
Mein Herz schlägt warm, und deins ist starr und kalt!
Mein ist der Tag, das Heute reich und jung,
Du bist ein Traumbild, bist Erinnerung.
In allen Adern glüht mir warmes Leben
Und kann dir nichts von meiner Fülle geben;
Nach dir durchirrt mein Aug' die Sternenflur,
Durch alle Welten such' ich deine Spur.
Kein Blümchen hat die Erde, die dich deckt,
Kein Licht die Sonne, die dich nicht mehr weckt.
Und allen Liebesglanz der dich bestrickt
Hab' ich dir nach ins Reich der Nacht geschickt,
Denn seit auf deine Stirn die Scholle fiel,
Ward dieses Leben mir zum Schattenspiel.

 

?

Gedanken, die den Busen schwellen,
Wo sind sie, wenn der Leib zerbricht?
Wo sind des Tons verrauschte Wellen?
Wo zittert ein erloschnes Licht?
Kann je im Nichts Gewes'nes wohnen?
Ruht es versteinert in der Zeit?
Trägt es ein Echo durch Äonen
Zur Nebelwelt Unendlichkeit?

 

Dort und hier

Wie mag der abgeschiednen Seele wohl
Der erste Hauch in jenen Lüften tun?
Hält sie die eigne liebgewes'ne Hülle,
Die fernen Freunde keines Seufzers wert,
Und trinkt, vergessen der verlassnen Bühne,
In vollen Zügen sich am Lichte satt?
Ach, oder treibt sie Heimweh, hoffnungslos
Zurückzueilen die durchlaufne Bahn,
Streckt sie die Schattenarme sehnend aus
Und kann die Schwesterseele nicht umfassen,
Durch groben, einst geliebten Staub getrennt?
Und diese zwiefach namenlose Qual
Wär' zwischen dort und hier das einzige Band?
Nein, laß mich denken, daß der Lebende
Allein der Trennung tausend Stacheln trägt,
Doch der geliebte, der geschiedne Geist,
Der zeitlos sich im Ewigen untertaucht,
Sieht Menschenalter wie Minuten fliehn,
Und wenn der erste Letherausch verflogen,
Ist auch ein Erdenleben schon dahin,
Und die Getrennten finden sich vereint,
Wo Seel' und Seele ineinanderfließen.

 

Als du dereinst verlassen
Den kerzenfunkelnden Saal,
Da war es, als erblassen
Die Lichter mit einemmal.

Und als auf kurze Dauer
Sich unser Pfad getrennt,
Da hüllte sich in Trauer
Die Sonne am Firmament.
Doch seit sich deine Lider
Schlossen zur langen Ruh',
Deckt mich der Nacht Gefieder
Mit ewiger Blindheit zu.

 

Ein Traum beschlich mich schwer und bang:
Ich sah dich auf der Bahre.
Mein Schlaf war tief, die Nacht war lang,
Da kam der Tag, der klare.

Da wischt' ich Tränen vom Gesicht,
Da lächelt' ich am Morgen,
Noch hielten ja dich Lieb' und Licht
In sichrem Arm geborgen.

Nun träum' ich wieder; bleiern ruht
Ein Alp auf meiner Seele,
Mein Herz erstarrt, es stockt mein Blut,
Weil ich mich träumend quäle.

Mein Schlaf ist tief, die Nacht ist lang,
Es wechseln Monde, Jahre;
Und immer träum' ich schwer und bang,
Du liegest in der Bahre.

Kein Morgen graut, es säumt das Licht,
Die Fackel zu entfachen,
Nur eine leise Hoffnung spricht:
Ich werde doch erwachen,

Erwachen, wenn des Ostens Saum
Entsteigt ein seliger Morgen,
Und lächeln über meinen Traum,
In deinem Arm geborgen.

 

                      * * *

Bei des Festes Kerzenflimmer,
Bei der Banner muntrem Wehn,
Mondenglanz und Waffenschimmer
Hab' ich dich zuerst gesehn.

Wie ein Streiter edler Sitte,
Mild und mächtig, schön und schlicht,
Standst du in der Deinen Mitte,
Herrschend wie der Sonne Licht.

Ritter, Waffen und Amuren,
Solche Zauberwelt war dein,
Doch in großer Tage Spuren
Grub das leichtre Heut sich ein.

Heitres Bild auf ernstem Grunde,
Wie ein Märchen schienst du mir.
Ach, und eine kurze Stunde
Blickt' ich wonnig auf zu dir.

Pferde stampfen, Hörner gellen,
Fröstelnd seh' ich mich erwacht –
Und du schwandst im Tageshellen,
Traum der schönsten Sommernacht!

Ja, du schwandst, doch denk' ich immer:
Nicht das Grab hält dich gebannt,
Unter Schall und Waffenschimmer
Zogst du heim ins Wunderland.

 

Schlaf liegt auf deiner Wimper schwer,
    Süß ist die Luft,
Die leise fächelt um dich her
    Von Blumenduft.

Ja, lieblich ist und immergrün
    Der Ort der Rast,
Wo du dein Haupt von Lebensmühn
    Gebettet hast.

Und Liebe läßt im stillen Grund
    Dich nicht allein.
Sie steigt herab mit bleichem Mund
    Und wartet dein.

Sie spricht zu dir in Lauten, die
    Du gern gehört,
Und wacht, daß eine Träne nie
    Den Schlaf dir stört.

Sie hält und hegt dich mütterlich
    Und atmet kaum,.
Und ihre Stimme schmeichelt sich
    In deinen Traum.

Vor ihres Odems Wunderkraft
    Verwesung weicht,
Die lauernd und hyänenhaft
    Die Gruft umschleicht.

So schläfst du friedlich an der Brust
    Der Wärterin,
Und drüber braust in Leid und Lust
    Die Zeitflut hin.

Wenn unsres Frühlings letztes Laub
    Verweht und dorrt,
Ruhst du, dem Alter nicht zum Raub,
    In Schönheit fort.

 

Schlaf im stillen Bette!
Weich sei deine Stätte,
Selig deine Ruh'!
In des Lenzes Blüten,
Bei der Stürme Wüten
Schlafe, schlafe du!

Wenn die Hörner blasen,
Wenn dein stiller Rasen
Dröhnt von Sturm und Wehr,
Faßt dich wohl ein Beben,
Möchtest gern dich heben,
Doch dein Schlaf ist schwer.

Aber wenn in Rosen
Zwei Verliebte kosen
Und vom Blütenbaum,
Um ihr Glück zu schmücken,
Deine Blumen pflücken,
Lächelst du im Traum.

Solltest kämpfen, spielen,
Aber müde fielen
Deine Augen zu.
Jeder Last entbunden,
Gut' und böser Stunden,
Schlafe, schlafe du!

 

Das ist die Lenznacht still und warm,
Sie kommt und deckt die Erde zu,
Die schmiegt sich fest in ihren Arm
Und geht zur Ruh'.

Wie sanft sie ruhn im Schoß der Nacht,
Die Müden, wie im Mutterschoß!
Und nur der Gram, der sehnend wacht,
Ist ruhelos.

Hin irrt der Blick am Sternenfeld:
Wo weilest du? Wo weilest du?
Stumm wie ein Friedhof liegt die Welt,
Du bist zur Ruh'.

 

Ein Grab im Winter

Die weißen Flocken fallen dicht
    Auf Dach und Mauern;
Ich drück' ins Kissen mein Gesicht
    Mit Schauern.

An einen Schläfer denk' ich, hart
    Im steinigen Bette,
Sein Pfühl ist kalt, von Eise starrt
    Die Stätte.

Im engen Schreine hingestreckt
    Ruht er verborgen,
Kein Lichtstrahl wärmt ihn mehr, ihn weckt
    Kein Morgen.

Und um sein kaltes Kissen, weh!
    Die Winde blasen.
Mit weißem Linnen deckt der Schnee
    Den Rasen.

Mich schauert, und die Ruh' ist fort
    In nächtiger Stunde,
Denk' ich an jenen Schläfer dort
    Im Grunde.

 

Der Tod hat keine Schauer mehr,
Denn ihn umschweben
Die Grazien alle, nur das Leben
Ist arm und leer.

Ich weiß, der Freund ist treu und gut,
Dem ohne Sorgen
Mein Liebling so vor Leid geborgen
Im Arme ruht.

Wie schreckte mich die letzte Pein,
Vor der sie bangen?
Den Weg zu gehn, den er gegangen,
Muß Freude sein.

 

Auf deine Gruft

O eine Blume möcht' ich sein
Und möchte blühn mit seltnem Duft
Im Regen und im Sonnenschein
Bei dir, auf deiner Gruft!

Ich brächt' an jedem Morgenrot
Dir Tränen dar kristallenrein,
In deinem Herzen kalt und tot
Senkt' ich die Wurzeln ein.

Und wenn die Blütentage fern,
Und um mich wehte Winterluft,
Dann streut' ich meine Blätter gern
Zu dir, auf deine Gruft.

 

Der Regen schlug gewaltsam
Ans Fenster die ganze Nacht,
In Tränen unaufhaltsam
Hab' ich an dich gedacht.

Als mich aus Traumesschatten
Die Sonne früh geweckt,
Da sah ich Feld und Matten
Mit frischem Grün bedeckt.

Das Aug' verweint, geblendet,
Trinkt sich im Tau gesund.
Hast du das Grün gesendet
Als Gruß aus deinem Grund?

 

Ohne Spur dahin!
Wie ein Rauch zerstoben!
Jahre sind geschoben
Zwischen mich und ihn.

Zögernd tritt der Fuß
In des Lebens Mitte,
Wo ich Schritt nach Schritte
Weiter von ihm muß.

 

Sinngedichte

Die Nicht-Gewesenen

Über ein Glück, das du flüchtig besessen,
Tröstet Erinnern, tröstet Vergessen,
Tröstet die alles heilende Zeit.
Aber die Träume, die nie errungnen,
Nie vergeßnen und nie bezwungnen,
Nimmer verläßt dich ihr sehnendes Leid.

 

Suum cuique

Niemand soll dir's wehren,
Wenn's dich kitzelt,
Einen Fetisch zu verehren,
Den du selbst geschnitzelt.
Nur daß wir kein Opfer zünden,
Darf dich, Guter, nicht verletzen,
Denn wir schnitzen und verkünden
Unsre eignen Götzen.

 

Schutzfärbung

Der dunkle Aar im Himmelsblau,
Im grünen Forst der Eber rauh,
Der fleckige Leopard am Moore
Sind lockendem Ziel des Jägers Rohre.
Doch sicher kriecht von seinem Fleck
Im braunen Schlamm der Gartenschneck,
Das Räupchen auch auf grüner Pflanze,
Im Wiesengrund des Feldes Wanze:
Der Schutz des Schwachen ist allein
Seiner Umgebung ähnlich sein.

 

Das Lied

Von Menschen ist es nicht gemacht,
Es wächst mit andrem Blumenflore,
Gefunden wird's und nicht erdacht,
Drum heißt der Sänger Trovatore.

 

Das Gedicht

Das Gedicht ist ein Geduldspiel,
Wie es Kindern Lust bereitet,
Viele buntbemalte Würfel
Liegen planlos ausgebreitet.

Nur die Würfel richtig wenden!
Heißt's im Spiel wie im Gedichte,
Denn von Anbeginn vollendet
Steht das Bild dir vorm Gesichte.

Und die ungesungnen Lieder
Hängen all am Himmel droben.
Der die Würfel glücklich wendet,
Solcher Dichter ist zu loben.

 

Das Wort

Die Welt ist ein untrennbar fest Gefüge,
Der abgelöste Ring wird schon zum Wahn,
Sobald du redest, hebt der Irrtum an,
Das erste Wort war auch die erste Lüge.
Wer gab es uns? Ein Dämon oder Gott?
Er gab es unsrer Endlichkeit zum Spott.

Doch alle Wahrheit, die uns mag erreichen,
Quillt aus dem trügrischen Gefäß allein.
Wir wissen nicht, ist's wirklich oder Schein?
Wir wissen nur: uns ward kein höhres Zeichen.
Sorgt, daß ihr seine Würde nicht verletzt,
Die ihr zu Priestern seid des Worts gesetzt!

 

Fortschritt der Wissenschaft

Worte abschätzen,
Andre an ihre Stelle setzen,
Immer sich drehn vor verschlossenen Türen:
Das nennt man die Wissenschaft vorwärts führen.

 

Spruchweisheit

Bleib mir mit Spruch und Sentenzen vom Hals, denn was du auch bringest,
Andere haben es schon früher und besser gesagt,
Erblich Gemeingut sind von alters her die Gedanken,
Nur deine Sinne sind dein, Dichter, und dein ist das Lied.

 

Sprache

Sprache erschuf sich der Geist, wie der Schneck sein Gehäuse; da drinnen
Wohnt er verkrochen und streckt neckisch nur Fühler heraus.

 

Lebensdrama

Leben, du spielst mir so kraus, als wärst du von Shakespeare gedichtet,
Tragisch-verzweifelter Not mengst du barocken Humor.
In zermalmendem Ernst groß schreitend rührt mich das Schicksal,
Aber mit Schellengeläut' zupfen die Clowns mich am Rock.
Plötzlich steh' ich verzückt und staun' und lausch' in die Lüfte,
Denn aus Bäumen hervor tönt es wie Ariels Lied.

 


 

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