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Gesammelte kleinere Erzählungen - Vierter Teil

Hermann Kurz: Gesammelte kleinere Erzählungen - Vierter Teil - Kapitel 7
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typenovelette
authorHermann Kurz
titleGesammelte kleinere Erzählungen ? Vierter Teil
publisherMax Hesse's Verlag
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Inzwischen sehen wir uns gleichwohl genötigt, bei dem unerfreulichen Bilde, von dem wir so sehr uns loszureißen wünschten, noch ein wenig zu verweilen. Haben wir uns ja doch noch nicht der Pflicht entledigt, zu erklären, wie der Pfarrer von Y...burg, angesichts der Umstände, in denen wir ihn gefunden haben, zum Besitze eines Tubus gekommen war, der nicht bloß, was wir bereits wissen, aus edlerem Stoffe bestand als der schlichte Butzengeiger seines bemittelten Entdeckers, sondern, wie wir hinzufügen können, in der Tat und Wirklichkeit zu den schönsten und ausgezeichnetsten seiner Art gehörte. Ach, und auch dies war eine, ja es war die letzte und höchste von den Bitterkeiten des Schicksals gewesen, das ihn noch einmal mit einer tauben Blüte der Hoffnung gehöhnt und dann ohne Hoffnung, ohne Glauben, ohne Liebe, auf kahlem Lebenspfade weitergestoßen hatte.

Der niederschlagenden Begebenheit, auf die wir hier anspielen, gerecht zu werden, schreiten wir um fünfzehn Jahre rückwärts, wobei wir jedoch, unserem Plane treu, die Form des flüchtigen Umrisses nicht zu verlassen gedenken.

Es war an einem stürmischen, nachtrabenschwarzen Herbstabend zu später Stunde, daß das Pfarrhaus von Y...burg in der Person des Erbprinzen von ***, der, aus Italien an das Krankenbette seines Vaters heimeilend, durch einen ungeschickten Postillion von der gebahnten Straße auf die verhängnisvolle Y...burger Markung abgeführt und in einem nahen Hohlweg umgeworfen worden war, einen höchst unerwarteten Gast erhielt. Der Pfarrer, der damals bereits jeden Gedanken an ein Vorwärtskommen auf gewöhnlichem Wege aufgegeben hatte, begrüßte in dem hohen Obdachsuchenden eine himmlische Erscheinung, ein Werkzeug des Glücks. Er bot seine halbe Gemeinde auf und verpfändete seinen ganzen Zehnten, um aus einem Umkreise von mehreren Stunden die ausgesuchtesten Speisen und Getränke nebst anderen zweckmäßigen Bewirtungsrequisiten jeder Art herbeischaffen zu lassen.

Mittlerweile stellte er alle noch vorrätigen Schätze seines Geistes aus, um den fürstlichen Gast würdig zu unterhalten. Durch seinen Aufenthalt in den nördlichen Staaten Deutschlands mit der Residenz desselben und ihren Verhältnissen einigermaßen bekannt, zog er die dortigen Beziehungen, wie sie ihm beifielen, eine nach der anderen ins Gespräch, und die Gewandtheit, mit der er dies tat, erfüllte ihn selbst, den so lange von der Welt Abgeschiedenen, innerlich mit Erstaunen, besonders im Gegensatze zu seiner Frau, die gleichsam nur in halber Lebensgröße umherging, da sie vor ehrfurchtsvollem Schrecken beständig wie in den Boden gesunken war.

Er sah sich bereits in *** auf weithin sichtbarem Posten angestellt, ein Monument der Blindheit seiner engeren Heimat, die eine ihrer besten Kräfte nicht zu schätzen gewußt. Die schon halb eingerostete Technik seines einst so beweglichen Kopfes kam immer besser in Gang – er sprühte – sprühte vielleicht etwas zu stark für einen ermüdeten und von dem erlittenen Unfall noch angegriffenen Reisenden, der nicht bloß Fürst, sondern auch Mensch war und zuletzt mit melancholischer Energie zu Bette verlangte, so daß das Geistesfeuerwerk seines Wirtes, der ihn nicht länger aufzuhalten vermochte, noch vor Anwendung der zündendsten Effekte unterbrochen wurde. Die Verzweiflung desselben, dem hohen Gaste ein schlechtes Nachtlager anweisen zu müssen, während modernste Matratzen, gesteppte Decken, französische Teppiche, um schweres Geld und die besten Worte aus einem berühmten Gasthofe der Umgegend gemietet, im Anzüge waren – ihn ungegessen zu Bett zu schicken, während ein pfarrhäuslicher Nahrungsstand für Monate zu einem einzigen Souper homöopathisiert herangeflogen kam – mit Worten ist diese Verzweiflung nicht zu schildern.

Aber auch dem Prinzen, dem ohnehin nicht auf Rosen gebettet war, folgte die Strafe für seine Ungeduld auf dem Fuße nach; denn kaum mochte Se. Hoheit eine Stunde zu ruhen geruht haben, so war es mit der Nachtruhe gänzlich vorbei. Der erste Vortrab der Lieferungsemissäre erschien, von Viertelstunde zu Viertelstunde langten andere an, je nach den Entfernungen und den Gesetzen ihrer eigenen Bewegung, und das Getrappel und Getrampel hörte die ganze Nacht nicht auf. Die Pfarrfamilie war aufgeblieben, um die bestellten Gegenstände, man denke sich mit welchen Gefühlen! nach und nach in Empfang zu nehmen.

Mit dem frühsten Morgen traf das fürstliche Gefolge auf dem Schauplatz ein. Es hatte seinen Herrn die Nacht hindurch nach allen Richtungen gesucht, mancherlei Abenteuer bestanden und erst im Dämmerungsgrauen, durch einen mit leeren Händen heimkehrenden Nachzügler zurechtgewiesen, die Fährte des edlen Wildes aufgespürt. Der Prinz, froh, aus den Federn oder vielmehr aus der Spreu und dem Seegras zu kommen, eilte zu den Seinigen hinab, die ihn mit Begeisterung umringten, so daß er die Wohnstube, in der eine ganze Christbescherung ihm erzählt haben würde, wie hoch man ihn zu ehren bestrebt gewesen sei, gar nicht mehr zu sehen bekam. Er bedeutete dem nachstürzenden Pfarrer, daß er jetzt doppelte Eile nötig habe, um die versäumte Zeit einzubringen, und da er zugleich in der Weise der Großen, die das Wort sehr geschickt von der Tat abzuschälen wissen, den größten Eifer bezeigte, die Name des Hauses aufzusuchen, ohne jedoch einen Fuß zu rühren, so blieb dem Pfarrer nichts übrig, als seine Frau herabzurufen.

Der Abschied wurde am Fuße der uns schon bekannten Freitreppe genommen. Der Prinz ging zu seinem Wagen und winkte seinen Reisemarschall heran, der nach kurzer Unterredung zu dem Pfarrer kam und ihm einige Goldstücke »für die Dienerschaft« einhändigen wollte. Der Pfarrer verbeugte sich ablehnend, indem er mit anständiger Freimütigkeit erklärte, daß er weder Knecht noch Magd habe, und daß die Bedienung in seinem Hause rein patriarchalisch sei. Exzellenz zog sich mit Apprehension zurück und erstattete dem Gebieter Rapport, worauf der Pfarrer an den fürstlichen Wagen gerufen wurde. Der Prinz drückte ihm wiederholt seinen Dank in den gnädigsten Worten aus und reichte ihm sodann nach einem verlegenen Zaudern von ein paar Sekunden aus einer Nische des Wagens sein kostbares Reisefernrohr mit der Bitte, es zum Andenken zu behalten, dar. Eine graziöse Handbewegung, die Pferde zogen an, die anderen Wagen folgten, und der Pfarrer sah, den Tubus in der Hand, jedoch mit bloßem Auge, der Erscheinung nach, die trotz der Grundlosigkeit des Weges bald wie ein Traum entschwunden war.

Darauf kehrte er zu dem unterbrochenen Opferfeste der Gastfreundschaft zurück. Da lagen sie nun, die Kostbarkeiten alle; das meiste war gekauft und bezahlt, das wenigste konnte zurückgegeben werden. Ein Teil der Eßwaren forderte schleunigst in Angriff genommen zu werden, wenn er nicht verderben sollte. So war denn im Pfarrhause von Y... burg der Luxus eingezogen, freilich für ein paar Tage bloß, und in den paar teuer erkauften Tagen gedachte der Pfarrer alter unnennbarer Stunden, und ging der Frau und den Kindern ein Begriff vom Paradies der Reichen auf.

Wie aber die seinen Genüsse auch auf die Verfeinerung der Seelenvermögen, besonders der Vorstellungskraft, einwirken, so kam den Pfarrer bei Gänseleberpastete und Bordeaux, bei Rehbraten und Champagner, plötzlich ein Gedanke an, der glücklich genannt zu werden verdiente, falls er nämlich begründet war.

Der Erbprinz von *** galt für einen Fürsten von Geist, idealer Richtung und duftig zartem Gemüt, Die beiden letzteren Eigenschaften hatte er sicherlich bewiesen, als er seinem Wirt, anstatt einer Erkenntlichkeit substantiellerer, zugleich aber auch gemeinerer Art, seinen Tubus zum Geschenk gemacht hatte. Wie aber, wenn man auch die erstere der drei Eigenschaften mit in Rechnung nahm, war dann nicht noch eine weitere Deutung des Geschenks erlaubt, ja geboten? War's nicht möglich, war's nicht wahrscheinlich, daß der hohe Geber, der ja gegenwärtig selbst noch nicht freie Hand hatte, dem Pfarrer durch diese Hieroglyphe ganz leise sagen wollte, er solle in die Ferne blicken, er solle sich als auf die Zukunft angewiesen betrachten? Je länger er dem Gedanken nachhing, desto mehr wurde ihm derselbe zur Gewißheit und durfte daher auf alle Fälle mit Recht ein glücklicher heißen, weil er seinen Urheber glücklich machte, aber auch freilich nur, so lang' er dies tat.

Leider jedoch wurde der Pfarrer schon nach wenigen Tagen aus seinen Himmeln herabgestürzt. Die Zeitungen brachten aus jenem nördlichen Staate die Nachricht vom Hintritt des regierenden Fürsten, vom Regierungsantritt des Erbprinzen und einem zugleich damit eingetretenen großen Systemwechsel, wobei die neuen Ernennungen, sowohl in geistlichen als weltlichen Ämtern, dem Pfarrer sogleich klar machten, daß jetzt oder nie die Anweisung auf die Zukunft, wenn er sie richtig verstanden habe, sich verwirklichen müsse. Während er aber stündlich auf eine Vokation wartete, kam ein Schreiben vom Privatsekretär des auf den Thron gelangten Prinzen, das in verbindlichen, jedoch kahlen Ausdrücken noch einmal den nunmehr allerhöchsten Dank seines gnädigsten Herrn für die freundliche Beherbergung aussprach. Der Blick in dieses Schreiben glich dem Blicke in ein Fernrohr, dessen anderes Ende mit einem Deckel versehen ist.

»Durlach!« sagte der Pfarrer von Y...burg und leerte mit einem trotzigen Zuge sein letztes Glas Bordeaux. Der Name der vormaligen markgräflichen Haupt- und Residenzstadt, den er bei diesem Anlaß und seitdem häufig im Munde führte, trug für ihn eine sprichwörtliche Bedeutung. Er hatte in seinen Universitätsjahren einen alten blödsinnigen Spitaliten gekannt, der sich auf den Gassen herumtrieb und besonders den Studenten zur Belustigung diente. Diesem hatte vor unzählig vielen Jahren einmal ein Student versprochen, ihn in den Ferien auf eine Reise nach der genannten Stadt mitzunehmen, eine Aussicht, die fortan die Wonne seines Lebens blieb. Was dem liebenden Herzen die Erfüllung des schönsten Traumes, dem ringenden Forscher die Entdeckung der höchsten transszendenten Wahrheit ist, alles, was das Leben schmückt, was wert ist, ein Ziel des Wünschens und Hoffens zu sein, stellte sich diesem kindlichen Gemüte in dem einen Worte »Durlach« dar. Er rief es jedem Begegnenden zu, wobei er den Mund bis zu den Ohren verzog. Daß der Traum nie zur Wirklichkeit wurde, kümmerte ihn nicht; ihm genügte, ihn beseligte der bloße Gedanke, und er lebte und webte darin sein ganzes, an die achtzig Jahre füllendes Leben lang, bis er zur ewigen Ruhe und, wie ein frommer Student in der Leichenrede hinzufügte, in das himmlische Durlach einging.

Die Erinnerung an diesen glücklichen Idioten war es, bei welcher der Pfarrer den Ausdruck borgte, um in bitterster Selbstverhöhnung eine zerplatzte Seifenblase und seinen Glauben an sie zu bezeichnen.

Das Haus erholte sich niemals wieder von dem ökonomischen Schlage, den es durch jene Seifenblase erlitten hatte. War es ja doch schon vorher in einer Verfassung gewesen, von der man sich nur schwer erholt! Der Pfarrer hatte sich mit der ihm eigenen finstern Entschlossenheit gleich von der letzten Nagelprobe des französischen Weines weg auf die Bereitung der korrupten Konsumtionsmittel geworfen, die wir bereits geschildert haben. Wovon Frau und Kinder sich nährten, ist uns ein Geheimnis geblieben. Wir wissen nur, daß letztere im Sommer einen großen Teil des Tages im nahen Walde verbrachten, wo der liebe Gott – oder, nach anderer Ansicht, die gütige Natur – verschiedenerlei Beeren wachsen ließ.

Das sonderbare Geschenk des norddeutschen Prinzen hatte unser seit diesem Erlebnis vollendeter Timon erst unwillig in eine Ecke geworfen, und als es ihm wieder in die Augen fiel, so fehlte wenig, daß er es an dem nächsten besten harten Gegenstand zerschmetterte. Indessen besann er sich doch eines Besseren; er begnadigte den Erinnerungszeugen getäuschter Hoffnung und bediente sich desselben fortan zu den Exkursionen seiner selbstpeinigenden, weltverachtenden Ironie, indem er jeden Morgen, sobald er aufgestanden war, was, wie wir bereits wissen, etwas spät geschah, sich darin gefiel, mit dem Tubus spöttisch durch die leere Luft nach den »besseren künftigen Tagen«, nach dem »glücklichen goldenen Ziele« auszuspähen, sodann aber alle Mängel, die ihm die Erde darbot, schiefgewachsene Bäume, schlechtgestellte Zweige und Blätter, plumpgeformte Berge und häßlich knopfige Türme aufzusuchen, kurz, die ganze Schöpfung recht erbärmlich und besonders die Gegenwart ganz und gar schuftig zu finden. Eine Art Universalrezension, der er, wie gesagt, täglich oblag, und nach deren Beendigung er sich jedesmal mit herabgezogenen Mundwinkeln vom Fenster abwandte, gleich wie man einem mißratenen Poem, das man soeben gelesen hat, den Rücken kehrt.

Wie sich dieses Rezensierhandwerk mit seiner dem Preise des Schöpfers gewidmeten Lebensstellung vertrug, ist eine wohl auszuwerfende Frage, die wir aber leider nicht zu beantworten vermögen. Von den Predigten dieses mit Gott und der Welt zerfallenen Pfarrers hat sich keine einzige erhalten. Schade, daß sie nicht aufgezeichnet worden sind, sie würden vielleicht einen beachtenswerten Beitrag zur Geschichte der Kanzelberedsamkeit geliefert haben. Vielleicht auch nicht; denn nicht immer ist der Zwiespalt sichtbar, der zwischen dem inneren Leben und der äußeren Berufstreue eines Mannes klaffen kann, und es mag wohl auch vorkommen, daß Sauer und Süß aus einem Brunnen quillt.

Eine tägliche Gewohnheit, und wäre es auch die des Hasses, prägt gleichwohl der Seele des Menschen eine gewisse Spur von Liebe ein. Der Tubus war dem Pfarrer, trotz der gallenbitteren Eindrücke, die am Ursprung seines Besitzes hafteten, bald unentbehrlich geworden, und das Vergnügen, das er jeden Morgen empfand, wenn er, mit Blicken der Verachtung zwar, die Welt musterte, hatte sich, obwohl er dies standhaft abgeleugnet haben würde, zu einem integrierenden Teile seines Wesens ausgebildet, »Etwas muß der Mensch haben,« sagt die Weisheit der Völker, und wir sehen an dem vor Augen liegenden Beispiel, daß sie die Wahrheit sagt.

Die unbewußte Befriedigung unseres schwarzsichtigen Fernsehers erreichte jedoch noch einen höheren Grad, als er eines Tages, von Abend nach Morgen schauend, jene Felsennase in der Nähe von A ... berg entdeckte, von welcher bereits die Rede gewesen ist. Er erkannte in diesem Naturgebilde das entschiedene Konterfei eines einstigen Universitätsvorgesetzten, von dem er seinerzeit der Nasen manche erhalten hatte, und gegen den er aus diesem Grunde eine übrigens ungerechte Abneigung bewahrte. In diesem plastischen Porträt konzentrierte sich nun alles, was ihm die Erde Hassenswertes enthielt. In rauhe Bergesöde gebannt, entsprach dieses Phantasma für ihn einigermaßen dem Sündenbocke, den das auserwählte Volk Gottes zu den Zeiten des Alten Bundes, mit allen Missetaten Israels beschwert, dem Asasel in die Wüste jagte. Die übrige Welt konnte jetzt gleichsam von dem Alpdruck seiner täglichen Strafblicke aufatmen – gleichviel ob sie sich diese Vergünstigung zu Nutzen machte oder nicht – während er die ganze Last seines Grolles gegen das steinerne Gesicht entlud. Jeden Morgen zog er es künstlich zu sich heran, gab ihm die Allokutionen zurück, die der wohlmeinende Vorsteher einst an ihn gehalten hatte, wobei er dessen Stimme und Mienenspiel nachahmte, und überhäufte die arme wehrlose Felsenbüste mit Schmähreden ohne Zahl und Ende.

Auf diese Weise war es gekommen, daß er die ganze Zeit über täglich das Pfarrhaus von A ... berg mit dem Tubus hart gestreift hatte, ohne von demselben nähere Notiz zu nehmen, bis endlich die bei heftigem Winde weitflatternden Signalflaggen, die wir in Tätigkeit gesehen haben, an dem beobachteten Gegenstände eine leichte Eklipse bewirkten, wodurch die Aufmerksamkeit des Beobachters auf deren Ursache gelenkt und so jener Blick-, Zeichen- und Briefwechsel zweier Deutschen herbeigefühhrt wurde, der wohl in der Zeitgeschichte kaum seinesgleichen finden dürfte.

Das menschliche Herz ist und bleibt ein unergründliches Rätsel. Der Pfarrer von Y... burg, dieser verbissene Einsiedler, dieser eingefleischte Hypochondrist, dieser unheilbare Misanthrop, war durch die lachende Erscheinung des ihm in A ... berg aufgegangenen Vollmondes hingerissen und, für einige Zeit wenigstens, völlig umgewandelt. Der deutlichste Beweis hiefür war, daß er sich entschließen konnte oder vielmehr sich gedrungen fühlte, sein vertrocknetes Tintenfaß aufzufrischen und aus eigenem Antriebe von der entfernteren Bekanntschaft durch das Sehrohr zu der näheren Befreundung durch die Schreibfeder überzugehen. Der frischen Tinte bedurfte er nämlich, weil er seine Predigten aus dem Stegreif zu halten und auch sonst, amtliche Anlässe ausgenommen, die ihn von Zeit zu Zeit Berichte, Disputationsthesen und dergleichen zu Papier zu bringen nötigten, von der Erfindung des Thot keinen Gebrauch zu machen pflegte, so daß sein Tintenfaß anhaltenden periodischen Trocknissen unterworfen war.

Diese vorübergehende Umwandlung war indessen mehr eine innere als eine äußere; denn auch das Briefschreiben, mit so gutem Recht es in gewissem Sinn ein Herausgehen aus unserm Selbst genannt werden kann, gehört doch immer noch, wenn man es mit dem Reden und mündlich-persönlichen Gebaren vergleicht, den mehr innerlichen Handlungen an und brachte daher in der einsiedlerischen Lebensweise des Stubenvogels von Y...burg keine Veränderung hervor. Doch verspürte seine Umgebung etwas von dem Freudenschimmer, der in dieses verdüsterte Dasein gefallen war; sie verspürte es aber nur an dem Umstände, daß er sich etwas weniger mürrisch gegen Frau und Kinder anließ, als sonst. Der Grund dieser flüchtigen Aufhellung ihres sonst stets bewölkten Lebenshimmels blieb ihnen verborgen. Wenn daher der Pfarrer von Y...burg, durch die Höflichkeit des Pfarrers und der Pfarrerin von A...berg gezwungen, seine Frau in dem angeknüpften Briefwechsel mit auftreten ließ, so war dies reine Fiktion. Er hätte ihr nicht den hundertsten Teil der Worte gegönnt, die erforderlich gewesen wären, ihr zu erklären, warum sie sich diesem unbekannten Paare zu empfehlen habe, und die gute Seele hat vermutlich während ihres ganzen Erdenwallens niemals eine Silbe davon erfahren, daß einmal eine Zeitlang ein lebhafter und inniger Verkehr zwischen den beiden Pfarrhäusern bestand.

So verhielten sich die Dinge nach außen, so nach innen, als in Y...burg jener Brief des Pfarrers von A...berg ankam, der die diesem selbst noch nicht geoffenbarte Aussicht auf ein persönliches Zusammentreffen beim Landexamen eröffnete. Der Pfarrer von Y...burg las, und ein Gewitter stand auf seiner Stirne. Er warf den Brief zu Boden, Worte ausstoßend, die im Munde eines Exorzisten am Platz gewesen wären. Darauf hatte er nicht gewettet! Von weitem, mit dem Tubus oder mit der Feder in der Hand, in abstracto, wenn man so sagen darf, konnte er den großen Wurf, eines Freundes Freund zu sein, zur Not an sich herankommen lassen – aber ein konkretes Menschenwesen in die Arme schließen, stunden- oder wohl tagelang in seiner Atmosphäre aushalten, seinen physischen, moralischen und Gott weiß was noch für weiteren Idiosynkrasien Rücksicht erweisen, Rechnung tragen zu müssen – nein, das war zu viel für ihn! Dazu die Figur, die er in seines finanziellen Nichts durchbohrendem Gefühle neben der Großmacht von A...berg zu spielen verurteilt war! Er verfluchte den Dämon der Menschenliebe, den er längst aus sich ausgetrieben zu haben glaubte und der ihm nun so unversehens ein Bein gestellt hatte.

Ausweichen konnte er der Begegnung nicht, das war ihm klar.

Sein Eduard mußte dieses Jahr ins Examen. Schon zweimal hatte er's mit ihm versäumt und sich dadurch in die verdrießliche Lage versetzt, um besondere Erlaubnis einkommen zu müssen, daß der Knabe die dritte und letzte Prüfung mit seiner Altersklasse gleichsam in Bausch und Bogen erstehen dürfe. Dies war eine Anomalie, die nicht gern gestattet wurde und in einer Welt, in der alles Exzeptionelle anstößig ist, schon im voraus ein der Entscheidung ungünstiges Vorurteil erweckte.

Allein das kümmerte den Pfarrer von Y...burg wenig, denn ihm war es nur um das Examen selbst zu tun, nicht aber um dessen Erfolg.

Daß er den letzteren mit der Zuversicht des Astronomen, der eine Naturerscheinung berechnet, vorausgesagt hatte, war sein völliger Ernst gewesen. Es hatte aber auch zu dieser Sicherheit des Vorherwissens weder einer Kunst noch Wissenschaft bedurft: Eduards Erziehung bürgte hinlänglich für das Eintreffen der Prophezeiung. Aus Mangel an Dispositionsfonds auf das fast immer zweifelhafte Auskunftsmittel des Selbstunterrichts und auf seine eigenen Kenntnisse, die zwar in ihren Trümmern noch schön sein mochten, beschränkt, hatte er in seiner mißlaunischen Unlust an seinem eigenen Fleisch und Blut ein wahres Mietlingswerk getan und den übelberatenen Schüler wenig über das buchstäbliche Verständnis von Typto hinaus gefördert, indem er ihn nämlich aus den spärlichen Lehrstunden, die er ihm erteilte, fast regelmäßig unter Verabreichung etwelcher Ohrfeigen fortjagte, um ihn, wie man sagt, auf der Weide laufen zu lassen.

Zu einiger Rechtfertigung des so unnatürlich scheinenden Vaters darf indessen nicht verschwiegen werden, daß der Sohn in der Tat auch gar kein genügendes Organ für jene geistigen Sphären zeigte, die man Humaniora nennt. Im Freien aufgewachsen, von Kindheit auf wind- und wetterhart, wußte er Pferde zu tummeln, Ochsen zu bändigen, sämtliche Hantierungen, die in dem Orte getrieben wurden, hatte er spielend erlernt, aber im Lateinischen war er, was ein gewisser großer Philosoph laut Schulzeugnis im Fach der Beredsamkeit gewesen sein soll, haud magnus, das Griechische bot ihm nur einen homogenen Dialekt, der zum Unglück nicht in den Lehrplan taugte, den böotischen, und für das Hebräische hatten ihm die Götter ein ehernes Band um die Stirne geschmiedet. Wenn sein Vater ausnahmsweise gut auf ihn zu sprechen war, so konnte er sagen, es stecke vielleicht in dem Jungen ein Mann der Tat, der mehr wert wäre als ein Dutzend Gelehrte zusammen, aber bei einer Nation, die, nach Hölderlins Ausspruch, tatenarm und gedankenvoll sei, möge er zusehen, wie er sich mit dieser Eigenschaft durchschlagen werde.

Und dennoch mußte er diesen Durchfallskandidaten in das Examen schicken, aus welchem der künftige Klerus des Landes hervorgehen sollte. Warum? Es gibt einen Druck der öffentlichen Meinung, der auch den trotzigsten Eigenwillen zwingt. Die öffentliche Meinung aber huldigte nicht bloß der Heiligkeit des geistlichen Berufes, sondern in fast höherem Grade noch der zeitlichen Wohlfahrt, die mit dieser Bestimmung in Perspektive stand. Nahrung, Kleidung, Behausung und Heranbildung der jungen Leute auf öffentliche Kosten – später, wenn auch nach mehr oder minder langem Warten, ein sicheres Brot – mit einem Wort, Versorgung vom zurückgelegten vierzehnten Jahre an auf Lebenszeit – dazu noch, wie nun einmal die öffentliche Meinung glaubte und wie es wohl auch nicht anders als billig war, möglichste Bevorzugung der Pfarrerssöhne, der Kinder vom Stamme Levi, vor der übrigen dem Tempeldienste zuströmenden Jugend des Landes – alle diese Vorteile für seinen Sohn zu vergeben, ja unversucht in den Wind zu schlagen, das ging nicht an. Er lief Gefahr, anstatt des Sohnes selbst in einer Geistesanstalt untergebracht zu werden, nur in keiner bildenden. Von einem Handwerk, falls er nämlich das Lehrgeld aufbrachte, konnte, ohne Empörung aller Standesgefühle, erst dann die Rede sein, wenn sich der Junge zum Studieren unfähig gezeigt hatte, und das einzige unentgeltliche Studium war das, zu welchem der Weg durch das Landexamen führte. Der Versuch mußte also gemacht werden, das stand fest. Fiel der Junge durch – wohl ihm! Blieb er im Siebe liegen, wie es der Zufall manchmal wunderlich fügt, daß der Mensch die paar Brocken Wissen, die an ihm hängen geblieben sind, verwerten kann – dann noch besser oder schlimmer! Im einen wie im anderen Falle, Kardinal! – so apostrophierte der Pfarrer von Y...burg die unsichtbare Gewalt, die ihn drängte – habe ich das meinige getan.

Unter diesen Umständen konnte er es nicht vermeiden, mit dem bisherigen Geistesfreunde nun auch körperlich zusammenzutreffen; denn selbst wenn es ihm gelang, jeder persönlichen Begegnung vorzubeugen, so mußte jener doch seine Anwesenheit, die in keiner Weise verborgen bleiben konnte, erfahren, und der Widerspruch zwischen diesem unfreundschaftlichen Betragen und dem mit fast leidenschaftlicher Freundschaft geführten Briefwechsel war zu groß, zu auffallend, zu unerklärlich, als daß er sich denselben hätte zuschulden kommen lassen dürfen.

Hatte er einmal A gesagt, so mußte er jetzt B sagen. So schrieb er denn, wie wir bereits wissen, anscheinend höchst vergnügt zurück, daß er gleichfalls einen Sohn ins Examen bringen und daß hieraus auch den Vätern die Gelegenheit, sich zu sprechen, erblühen werde. Im Herzen aber war er über dieses bevorstehende Freudenfest voll Gift und Galle, und manchen Morgen, wenn er nach A...berg hinauf telegraphierte, begleitete er seine Signale mit schandbaren Reden, jenen ähnlich, die er vordem an den steinernen Nachbar des Freundes zu richten gepflegt hatte. Ahnungslos, wie seinerzeit die Felsennase, nahm der die versteckten Demonstrationen entgegen und schrieb ihm zum Danke dafür manch wohlgesinnten Brief. Aber auch er selbst hatte in dem Briefwechsel zu viele Unterhaltung gefunden, als daß er diese Form des Verhältnisses gar und gänzlich zu den Raben hätte wünschen können. Im Gegenteil war es ihm eine nicht unwillkommene, jedenfalls eine vergleichungsweise tröstliche Aussicht, nach überstandenem Martyrium der Mündlichkeit dereinst zu dem neutraleren schriftlichen Verfahren zurückzukehren.

»Die Zeit kam heran, welche niemals ausbleibt« – sagt Cervantes gerne, wenn er eine Zwischenzeit überspringen und mit seiner Erzählung zu dem angekündigten Zeitpunkt übergehen will. Zum gleichen Zwecke bietet sich eine in Schwaben geläufige Redensart: »Man spricht das ganze Jahr von der Kirchweih', endlich ist sie.«

So ging es nämlich auch mit dem Landexamen. Es kam heran, es trat in die Reihe der seienden Dinge ein.

Die Straßen der Hauptstadt füllten sich mit alten und jungen Schwarzröcken verschiedenen Schnitts, die einander nur darin gleich waren, daß sie von dem Residenzschnitt bedeutend abwichen.

Ahnungsgrauend schritten die Alten, todesmutig die Jungen einher, um vorerst die zum Teil noch nie genossenen Herrlichkeiten, besonders die Wachtparade, in Augenschein und Ohrenschmaus zu nehmen.

Die Residenzjugend war gleichfalls auf den Beinen und belustigte sich, die »Landpomeranzen«, wie sie die Fremdlinge nannte, auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Mancher würdige Vater eines hoffnungsvollen Sohnes mußte es ertragen, daß sich der beliebte Gänsemarsch an seine Fersen heftete. Mancher hoffnungsvolle Sohn eines würdigen Vaters mußte sich mit dem insolenten Cujas es? anschreien lassen, welche Frage nach der Herkunft in ihrer stereotypen Form zu einer höhnischen Bezeichnung des Gegensatzes zwischen Stadt- und Landlateiner dienen sollte.

Die Jungen waren betäubt, die Alten betrübt über die Ruchlosigkeit dieser Jugend; entrüstet beide; beide aber auch zugleich von ganz geheimer Bewunderung ihrer freien, kecken Manieren erfüllt.

Der erste der Entscheidungstage war angebrochen.

Schon am frühen Morgen war das als Lokal des Examens dienende Gymnasiumsgebäude, von dem gebildeteren Teile der weiblichen Bevölkerung damals das »Gennasium« genannt, ein Schauplatz lebhafter Bewegung. Die Gruppen, die es umringten, bestanden aus Vätern und Verwandten der Prüfungskandidaten. Sie hatten diese ihre Säuglinge nach der Hauptstadt und bis an die Schwelle des Gymnasiums geleitet, wo dieselben streng abgesperrt wurden, um eine Reihe von Aufgaben in verschiedenen Fächern zunächst schriftlich zu lösen, und gingen nun hier ab und zu, um womöglich an der Luft zu spüren, wie die Examenswitterung beschaffen sei. Man steckte die Köpfe zusammen und teilte sich murmelnd die Vermutung mit, daß die Aufgaben dieses Jahr schwieriger sein werden, als je zuvor, weil die Prüfungsbehörde wegen des großen Andrangs der Bewerber beschlossen habe, es diesmal mit den Anforderungen an sie haarscharf zu nehmen. Dazwischen trafen sich alte Bekannte und redeten von ihren Jugendtagen, wo sie ebenfalls hier geschwitzt hatten, oder erzählten einander ihre gegenseitigen Familienerlebnisse in Freud und Leid.

Am Mittag wurden diese Gruppen voller und drängten sich dichter um das Haus. Wer von den jungen Leuten mit seinem Pensum zu Ende war, wurde gegen Zurücklassung der Reinschrift in Freiheit gesetzt. Der erste, der herunterkam, erregte allgemeines Aufsehen. Er mußte sehr geschickt oder sehr leichtsinnig, jedenfalls sehr zuversichtlich sein, daß er es gewagt hatte, allen anderen zuvorzukommen. Man riß sich um ihn, las die Aufgaben vor, kritisierte sie, fand sie unbillig schwer, und die Spannung wuchs mit jedem Augenblicke. Allmählich kamen andere nach, und ihre Angehörigen säumten nicht, ihre Sudelschriften in Empfang zu nehmen und aus diesen sibyllinischen Blättern die Zukunft der jungen Verfasser zu erforschen. Die verschiedenen Abstufungen des Mienenspiels, welche hiebei zu beobachten waren, vom höchsten Entzücken bis zur äußersten Entmutigung hinab, boten ein belebtes Bild, das wohl einer malerischen Darstellung würdig gewesen wäre.

Unter diesen Gruppen, doch außerhalb des dichtesten Gedränges, befand sich ein Mann von vorgeschrittenem Embonpoint und lebensfrohem Gesichtsausdruck, worin keine Spur einer Runzel an Bedenklichkeiten oder Zweifelsqualen erinnerte. Er trug einen Rock von sehr dunkelblauer Farbe, die zur Not, obwohl nicht ganz ordnungsmäßig, die schwarze ersetzen konnte, und war unser alter Freund, der Pfarrer von A...berg. Ein kleines Reisemißgeschick hatte zwar seine Heiterkeit etwas getrübt. Er war nämlich ungemein begierig gewesen, das Felsengesicht, das er in der Nähe nicht ganz sein nennen konnte, sich aus der gehörigen Entfernung anzueignen, und zu diesem Zwecke hatte er seinen Butzengeiger mitgenommen. Unser deutscher Himmel aber hatte ihm unterwegs den Streich gespielt, sich, wie zuweilen die deutsche Philosophie, in Unklarheit zu hüllen, was ihn wirklich auf einige Zeit ganz unglücklich machte. Doch tröstete er sich mit der Hoffnung, auf der Rückreise besseres Glück zu haben, und das Gleichgewicht seines Gemüts war bald wieder so vollkommen hergestellt, daß sämtliche Staaten des Kontinents, besonders diejenigen, welche soeben auf dem Wege von Laibach nach Verona waren, ihn um dasselbe hätten beneiden dürfen.

Nichtsdestoweniger begann dieses Gleichgewicht jetzt ein wenig zu vibrieren, so daß unser untersetzter Freund sich genötigt sah, seinen Schwerpunkt in den Zehen zu suchen. Sein Sohn Wilhelm erschien nämlich im Portale des Gymnasiums, und um ihn im Auge zu behalten, mußte er es machen, wie ein gewisser Schauspieler, der, sonst einer der trefflichsten Künstler, als Lear bei den Worten: »Jeder Zoll ein König«, sich auf die Zehen zu erheben pflegte, um in der Tat und Wahrheit einen Zoll größer zu sein. Vater und Sohn lächelten sich von weitem an, wie ein Mond den andern anlächeln würde, und der Sohn glich auch dem Vater, wie ein Ei dem andern. Auf der hohen, weißen Krawatte ruhte behaglich dasselbe rotbackige Gesicht, rund und voll, wie sein Aszendent, nur in verjüngtem Maßstäbe, und die schneeweißen »Vatermörder«, die es einrahmten, beeinträchtigten so wenig, als bei dem Vater die weiße Halsbinde, das gesunde Rot der Wangen, Mit ruhiger Sicherheit, keinen Schritt beeilend, lavierte der Junge durch das Gewühl auf den Alten zu, der ihm die kurzen Arme entgegenstreckte, um mit beiden Händen nach dem Konzept seiner Ausarbeitungen zu greifen, und als ihre Finger sich berührten, da konnte man den kurzen wohlgenährten Fingern des Jungen den ernstlichen Vorsatz ansehen, dereinst ebenso dick und fleischig zu werden, wie die Finger des Alten waren.

»Zuerst das Arithmetische!« sagte dieser, in dem Sudelhefte blätternd. »Um das übrige ist mir nicht bang, aber das Rechnen war nie deine starke Seite. Voilà! Die Dauer des Dreißigjährigen und dann die des Siebenjährigen Krieges absteigend in Monaten, Wochen und Tagen zu berechnen – etwas kapriös, doch nicht übermenschlich! Richtig, ich hab' mir's gleich gedacht: du rechnest den Monat zu vier Wochen – gelt?«

»Freilich,« sagte Wilhelm. »Wie denn anders?«

»Da bekommst du ja nur achtundvierzig Wochen aufs Jahr,« bemerkte der Vater verdrießlich. »Nun, es wird manchem andern auch so gegangen sein,« setzte er erleichtert hinzu. »Aber halt – was muß ich sehen! Seit wann hat die Woche acht Tage?«

»Man redet ja immer von acht Tagen, wenn man eine Woche bezeichnen will,« wendete Wilhelm ein.

Der Pfarrer von A... berg ließ jenen gelinden Desperationslaut vernehmen, welcher hervorgebracht wird, wenn man ein Z ein paarmal hintereinander durch die Zähne einwärts zieht. Nach einer Pause stummen Kopfschüttelns sah er wieder in das Konzept, las, nickte von Zeit zu Zeit, und immer mehr klärte sich seine Miene auf. »In den Hauptfächern,« sagte er, »steht es ganz so, wie ich's von dir erwartet habe. Besonders dein Latein ist wahrhaft blühend. Nun, die Arithmetik ist ein Nebenfach, mit dem man's nicht so streng nimmt – und ich werde die Herren darauf aufmerksam machen, daß du, von den irrigen Voraussetzungen abgesehen, formell richtig gerechnet hast. Das ist alles, was man verlangt.«

In dieser Weise wurden die einzelnen Arbeiten von den Interessenten durchgenommen, so daß in der kleinen Gelehrtenausstellung ein allgemeines Summen herrschte. Dasselbe wurde jedoch durch eine auffallende Szene unterbrochen.

Während des soeben geschilderten Auftritts kam einer der jungen Kandidaten aus dem Gymnasium, den man unwillkürlich näher ansehen mußte. Er war eine hochaufgeschossene, spindeldürre Figur mit eckigem Gesichtsbau, schwarzen Haaren und dunkeln Augen, welche scheu und trutzig über das Gedränge hinschweiften; aus den Ärmeln seines fadenscheinigen, schwarzen Rockes ragten die Handgelenke nebst einem Teil der Vorderarme unbedeckt hervor. Während er eine Gasse suchte, um aus der Versammlung, die ihm unheimlich zu sein schien, zu entschlüpfen, stürzte ein Mann in einem schwarzen Rock herbei, welches Kleidungsstück ebenfalls sehr abgetragen und zerschlissen aussah, nur daß die Ärmel nicht zu kurz waren, und das vermutlich aus dem einzigen Grunde, weil der Inhaber nicht mehr wuchs. Dagegen waren die Arme dennoch sehr lang, und einen wundersamen Anblick gewährte es, wie er spinnenartig über ein halbes Dutzend Leute hinübergriff, um dem Jungen sein Konzept zu entreißen. Daß er dessen Vater war, konnte niemand bezweifeln, der ihn ins Auge faßte: dieselben schwarzen Haare und Augen, derselbe felsige Knochenbau des Gesichts, nur daß die Ecken viel schärfer hervorstachen, die Furchen viel tiefer eingegraben waren, und endlich in der Miene derselbe dunkle Zug, nur noch weit mehr schattiert.

Wie ein Habicht war' der Alte auf die Sudelblätter gestoßen, die der Junge nicht sowohl hergab, als vielmehr sich bloß wegnehmen ließ. Und wie der Raubvogel seine Beute erhascht, so hatte das Auge des Vaters auf den ersten Blick eine Stelle entdeckt, die ihn jeder weiteren Untersuchung zu entheben schien. Die Wirkung dieser Stelle war so stark, daß sie seine Fassung überwältigte. Er ließ die Hand mit den Blättern sinken. »Unglücklicher!« rief er mit lauter Stimme, faßte den Jungen am Flügel, und – fort war er mit ihm um die nächste Ecke.

Dieses tragische Zwischenspiel hatte allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Auch der Pfarrer von A...berg, der eben mit seinem kritischen Geschäft zu Ende kam, hatte noch den herzbrechenden Ausruf gehört, und sah noch die beiden langen, steifen, hageren Gestalten um die Ecke verschwinden.

Er fragte, und zehn, zwölf andere Stimmen fragten mit ihm, wer dieser darniedergeschmetterte Vater sei.

»Der Pfarrer von Y...burg!« wurde geantwortet.

Der Pfarrer von A... berg nahm seinen Sohn an der Hand, zog ihn durch das Gedränge und eilte dem Freunde nach. Aber vergebens schaute er an der Ecke Straß' ab, Straß' auf. Die beiden Gestalten waren fortgeschossen wie Ladstöcke, die manchmal den Gewehren unvorsichtiger Schützen enteilen.

Mißmutig begab er sich mit seinem Sohne in sein Quartier, das er bei einem hochgestellten Vetter aufgeschlagen hatte; denn die Residenz übte in den Zeiten, die dem völligen Aufhören der Naturalwirtschaft vorangingen, immer noch den schönen Brauch der Hauptstadt des jüdischen Landes, wo an den hohen Jahresfesten jedes Haus eine Gastherberge für Gefreundte und Bekannte vom Lande wurde, nur mit dem Unterschiede, daß hier das Fest der ungesäuerten Brote und dort das Landexamen der Magnet war, der den Landsturm von Gästen brachte.

Ein treffliches Mittagsmahl erquickte die Lebensgeister unseres Pfarrers. Da sein Vetter, einer der Herren Examinatoren war, so konnte er über Tisch in Form einer Anekdote, die er auf Wilhelms Unkosten erzählte, seine arithmetische Herzensangelegenheit anbringen, was sehr zu seiner Aufrichtung diente. Er fand denn auch gleich bestätigt, daß der Fehler nicht groß geachtet wurde. Doch mußte der über und über rot gewordene Kandidat sich manche Neckerei gefallen lassen, daß er zwischen der asiatisch-ägyptisch-deutschen Woche von sieben Tagen und den Nundinen der Römer einen Vermittlungsversuch gewagt habe.

Auf den Abend wandelte der glückliche Vater in einen öffentlichen Garten, der, damals der einzige in der Residenz, weit und breit eines großen Rufes genoß.

»Wer zählt die Völker, nennt die Namen,
Die gastlich hier zusammenkamen?«

Die Chargen des Militärs vom Leutnant aufwärts bis zum General, höhere Kanzleibeamte, alte und junge Richter, Lehrer der Künste und Wissenschaften und endlich schwere Bürger, welche mehr Geld in der Tasche hatten, als jene alle miteinander, das waren die allabendlichen Stammgäste. Hiezu kamen aber noch die vielen, die das Landexamen in die Stadt geführt hatte, und die nicht wenigen, welche diese Wimmelzeit zum Stelldichein benützten. Besonders waren es die verschiedenen Altersklassen der Geistlichkeit, die ihre regelmäßigen, jährlichen Zusammenkünfte auf diese Zeit zu verlegen liebten. Dieselben wurden im elegantesten Latein in der gelesensten Zeitung des Landes ausgeschrieben, die eben darum manchmal beinahe einem ungarischen Reichstagblatte glich, wenn nicht in der Latinität ein merklicher Unterschied gewesen wäre. Solchen Aufforderungen zum Zusammenkommen ward von den Betreffenden stets freudig nachgelebt. Man beobachtete dabei zugleich das werdende Geschlecht und gedachte mit gerechtem Bewußtsein »der alten Zeiten und der alten Schweiz«.

Daß in diesem lebhaften Nationalgewimmel unser Freund von A...berg guter Dinge war, brauchen wir nicht erst zu versichern. Zwar, wer, wie er, eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft hatte, dem konnte es begegnen, daß ein Dutzend Freunde zu gleicher Zeit, ohne voneinander Notiz zu nehmen, sein Ohr belagerten, und wer, wie er, mit seinem ganzen Wesen darauf angelegt war, allen gerecht zu werden und keinen vor den Kopf zu stoßen, der mußte sich einigermaßen im Fegfeuer befinden, weil er nicht wußte, wem er zuerst antworten solle.

»Lieber durch Leiden
Möcht' ich mich schlagen,
Als so viel Freuden
Des Lebens ertragen!«

Indessen eine tüchtige Natur arbeitet sich auch durch Zentnerlasten des Glückes hindurch. »Der Braten war so fett, daß wir ihn nicht essen konnten, aber wir aßen ihn doch,« schrieb jener Knabe in der Schilderung eines Schmauses, zu dem er eingeladen war. Unser Freund lächelte alle zwölf Interpellanten gemütlich an, nickte in der Runde umher, segelte mit dem Glase durch die Luft, um gleichsam eine allgemeine Benediktion zu erteilen, und hiemit waren sämtliche Fragen und Zurufe dem Hauptinhalte nach beantwortet. Nur eines versetzte ihm den perlenden Kelch der Lebensfreude mit Wermut: sein Freund von Y...burg, den er bestimmt hier zu finden erwartet hatte, war nicht da und fand sich auch im ganzen Lauf des Abends nicht ein. Er fragte Bekannte und Unbekannte, beinahe Mann für Mann vergebens nach ihm. Niemand wußte auch nur von ihm zu sagen, wo er sein Zelt aufgeschlagen habe. »Es ist mir unbegreiflich!« murmelte der Pfarrer von A...berg beständig vor sich hin, bis er durch neue Begegnungen und Befreundungen jeweils wieder in den Strudel der heiteren Bewegung gerissen wurde.

Schon am folgenden Morgen erfuhr er zweierlei Gründe, deren einer das rätselhafte Benehmen des Freundes rechtfertigte, durch den andern aber wieder aufgehoben wurde. Aus den entscheidenden Kreisen nämlich, das heißt, aus dem Gremium der Examinatoren, verbreitete sich die Nachricht, daß Eduard von Y...burg merkwürdige Arbeit gemacht habe. Nicht bloß hatte er im Griechischen mit den beiden intrikanten Verneinungswörtchen, die schon firmeren Gelehrten manches Bein gestellt haben, ein heilloses Blindekuhspiel getrieben, sondern noch obendrein im Lateinischen eine Todsünde begangen, die nur mit der jenes unglücklichen Helvetiers verglichen werden kann, der sich nirgends mehr in Gesellschaft blicken lassen durfte, weil die Rede von ihm ging, er habe seinen Grundstock angegriffen – kurz, er hatte Ut mit dem Indikativ gesetzt! Wenn der Vater diesen Schnitzer gestern zuerst ins Auge gefaßt hatte, dann war sein tragischer Ausruf freilich gerechtfertigt. Noch mehr war es sein Wegbleiben aus der Gesellschaft. Der Vater eines Sohnes, der Ut mit dem Indikativ gesetzt, konnte nicht unter die Leute gehen.

Aber diesem Schaden Josefs stand ein wunderbarer Triumph gegenüber. Man erfuhr nämlich zugleich, daß der Pfarrerssohn von Y...burg hinwiederum der einzige gewesen sei, der die arithmetisch-historische Aufgabe vollkommen gelöst habe. Nicht nur hatte er, was von den wenigsten gerühmt werden konnte, das Verhältnis der Wochen zu den Monaten richtig ausgedrückt, sondern er hatte auch die wahre Dauer der beiden Kriege, von welchen die Frage gestellt war, allein genau angegeben. Während alle übrigen Kandidaten dem einen dreißig und dem anderen sieben Jahre zuschrieben, hatte er den ersten vom 23. Mai 1618 bis zum 24. Oktober 1648 und den zweiten vom 29. August 1756 bis zum 15. Februar 1763 datiert, mithin notfolglich ein ganz abweichendes Resultat gewonnen, das obendrein um so glänzender war, als die Berechnung unter diesen Umständen weit größere Schwierigkeiten gehabt hatte. Der Fall war unerhört in den Annalen des Landexamens: derselbe Kandidat, dessen Leistungen in den andern Fächern unter dem Gefrierpunkt geblieben waren, erhielt in der Arithmetik und Historie je zwei große A. Das will nämlich im Zeugnis so viel besagen, als: »Eminent!« Und wenn er nun auch dennoch durchfiel – und wenn seine historische Errungenschaft durch die unmaßgebliche Bemerkung, daß dabei vielleicht mehr Zahlengedächtnis als Geschichtssinn obgewaltet habe, starke Einbuße erleiden mochte – gleichviel, ein Vater eines Sohnes, der in seinem Testimonio vier große A besaß, dieser Vater durfte sich mit diesem Sohne sehen lassen.

Der Pfarrer von A ... berg erteilte seinem Wilhelm, als er ihn wieder zum Gymnasialgebäude begleitete und den Pfarrer von Y ... burg daselbst abermals nirgends erblickte, den Auftrag, den Sohn desselben beim Hinein- oder Herausgehen aufzusuchen, sich nach dem Quartier der beiden Finsterlinge zu erkundigen, und sie jedenfalls für den Abend in »der W... in Garten« zu bestellen.

Wilhelm tat sein Bestes. Allein der Löwe des Dreißig- und Siebenjährigen Krieges erschien so spät, daß er nur noch knapp seinen Platz erreichte, ehe das Diktieren der heutigen Aufgaben begann. Während des pythagoräischen Schweigens, das auf diese feierliche Handlung folgte, war kein Verkehr statthaft. Noch weniger konnte es am Schlüsse zu einer Annäherung kommen: denn ehe Wilhelm mit dem dritten Teile der Pensen fertig war, hatte Eduard seines Wissens Köcher ausgeleert, legte die Feder nieder, überreichte seine Arbeit dem wachthabenden Professor, und – schnell war seine Spur verloren.

Wer Tag verging wie der gestrige.

Vergebens fahndete der Pfarrer von A... berg im Abendzirkel nach dem Freunde, der ihm nur in der Ferne, nicht aber in der Nähe sichtbar sein zu wollen schien. Er schüttelte den Kopf einmal über das andere, ließ manches hinterschlächtige Z durch die Zähne zischen und entsagte zuletzt gänzlich der Hoffnung, den Unsichtbaren zu sehen, den Unbegreiflichen zu begreifen.

Der dritte der Examenstage, der Tag der mündlichen Prüfung, brach an.

Die zum Schwitzen verordnete Jugend schnürte ihre Bücher in den altertümlichen Riemen und eilte dem Schlachtfelde zu, wo der Ausschlag erfolgen sollte; denn heute galt es den halben Mann von dem ganzen zu unterscheiden.

»Wilhelm,« sagte der Pfarrer von A... berg zu seinem Sohne, den er heute zum letzten Male begleitete: »sag mir ehrlich, ob dir das Herz nicht klopft. Ein Examinator hat es doch weit besser, als ein Examinand, denn jener ist auf die Fragen vorbereitet und dieser nicht. Sieh, ich traue dir zwar sehr viel zu, aber – der Mensch mag noch so vieles wissen, alles weiß er nicht. Hast du nie daran gedacht, daß just eine Frage an dich kommen könnte, in der du – nicht zu Hause bist?«

»Freilich,« sagte Wilhelm mit Gleichmut. »In diesem Fall gedenke ich die Rede auf einen verwandten Gegenstand hinüber zu spielen, denn es kommt nicht darauf an, daß man alles weiß, sondern darauf, daß man womöglich keine Antwort schuldig bleibt.

Der Vater klopfte den Sohn auf die Schulter, »Wilhelm,« sagte er freudig bewegt, »an deiner Karriere hab' ich keinen Zweifel mehr.«

Mit diesen Worten schieden sie vor der Schwelle des Gymnasiums.

Im Hinaufsteigen sah sich Wilhelm auf der Treppe unversehens von dem schwärzlichen Aufschößling aus Y ... burg angeredet, der ihm sagte, sein Vater lasse den Herrn Pfarrer von A ... berg bitten, sich doch ja heut' abend in »der W...in Garten« einzufinden.

Wilhelm erwiderte ihm ebenso verwundert als erfreut, der seinige habe keinen sehnlicheren Wunsch, als endlich einmal mit dem Herrn Pfarrer von Y... burg zusammenzutreffen, und erzählte, wie die Bemühungen, dieses Glückes teilhaftig zu werden, bis jetzt vergeblich geblieben seien. – Er fragte ihn, wo denn der Herr Vater logiere.

»Bei Verwandten auf dem Lande in der Nähe,« antwortete Eduard und fügte hinzu, erst heute werde sein Vater von den Abhaltungen frei, die ihn bisher verhindert haben, den Abend in der Stadt zuzubringen.

»Sie dürfen auch nicht wegbleiben,« sagte Wilhelm zutraulich zu ihm. »Mein Vater wird mich gleichfalls mitnehmen.«

Eduard sagte zu, so weit es von ihm abhänge, und die Türe des Prüfungssaales schloß sich hinter ihnen.

Die Angabe, daß er bei Verwandten auf dem Lande wohne, war eine Vexierklappe, mit welcher der Pfarrer von Y... burg seine wahre Adresse verdeckte. Er war vielmehr in der obskursten Winkelkneipe des winkligsten Gäßchens der innersten Altstadt abgestiegen. Seine Käsehändler, die er nach einer wohlfeilen Herberge gefragt, hatten ihm diese Spelunke verraten. Hier konnte er sein Haupt niederlegen, ohne seinen Etat zu überschreiten. Auch wurde er hier von seinem Y ... burger Käse, der zum Besten der Gebrüder Straubinger hierher geliefert wurde, angeheimelt, nur daß er ihn hier ungebraten essen mußte. Home, sweet home! Der Mensch mag auswärts auf Reisen ein Plätzchen finden, wo er sich beinahe heimisch fühlt – am eigenen Herd ist's eben doch immer noch besser! Dagegen traf er hier ein Bier, dem er, obgleich es billig schmeckte, doch den Vorrang vor seinem Korruptionsgebräu unbedingt zugestehen mußte. Und da er mit seinem Sohne ein eigenes Apartement – ein urmals ockergelb angestrichenes Kämmerchen von anderthalb Quadratschuh – inne hatte, so konnte er zu diesem Biere seine scythische Zigarre unangefochten verduften.

Auf diese Weise hatte er den Abend nach seiner Ankunft unter stillen Verwünschungen über den Pfarrer von A ... berg, den schuldlos unwissenden Feind seiner Ruhe, dessen Anwesenheit er selbst in diesen angulus terraum hereinragen fühlte, nicht eben ganz ungemächlich durchlebt, und eine seinem Sohne vor dem Schlafengehen verabreichte Ohrfeige hatte seinen durch die ungewohnten Eindrücke der Außenwelt etwas gestörten Schwerpunkt vollkommen wieder hergestellt, Eduard hatte nämlich auf die Frage, wie es ihm wohl im Examen gehen werde, die allerdings unpassende Antwort gegeben: »Mir ist's Wurst.«

Und doch trieb es ihn am anderen Morgen, am Morgen des ersten Prüfungstages, aus seiner Höhle hinaus. Es war Neugier, verbunden mit jenem dämonischen Zuge, der den Menschen manchmal antreibt, dem Schicksal eine Wette zu bieten. Wenn er dem Pfarrer von A... berg in die Hände fiel, so konnte er nicht mehr zurück, konnte sich ihm über die ganze Prüfungszeit, an den Abenden wenigstens, nicht mehr entziehen. Und dennoch wagte er den Gang, Wie derselbe abgelaufen, haben wir bereits erzählt.

Die Hauptsünde wider den heiligen Donat, die ihm bei dem ersten Blick in Eduards Sudelheft entgegensprang, hatte sein nicht ganz eingeschlummertes philologisches Gewissen in allen Tiefen aufgerührt und ihm jenen Ausruf abgenötigt, der in den Herzen der Ohrenzeugen nachzitterte. Nachdem er aber um etliche Ecken gebogen, stellte sich die verlorene Fassung wieder ein, und es wurde ihm klar, daß der Unglücksfall, den er ja doch in der einen oder anderen Form als unvermeidlich vorhergesehen hatte, ihm gerade so gelegen komme, wie oft einem jungen Mädchen, das sich gern in einem schwarzen Kleide sieht, ein Trauerfall.

Er hatte den legitimsten Grund, sich vor der Welt zu verbergen. Niemand konnte es ihm verargen, wenn er den Indikativ seines Sprößlings in Sack und Asche betrauerte. Er zog sich daher in sein göttliches Loch zurück, allwo er sich hermetisch verschloß und seinem Eduard in den Freistunden, die diesem das Examen ließ, hänfenen Weihrauch unter die Nase dampfte. Die übrige Zeit beschäftigte er sich mit einem alten, verstaubten, in Schweinsleder gebundenen Buche, das er im Hause aufgefunden hatte und das Spitzbubengesprache im Reiche der Toten enthielt, Unterredungen nämlich, worin Cartouche, Nickel List, die vom Schwert zum Rade begnadigten Schloßdiebe Friedlich Wilhelms I. und andere Zelebritäten ihres Jahrhunderts ihre Konfessionen gegeneinander austauschten.

Den folgenden Tag schlug die Lage um, Eduard brachte seinem Erzeuger aus dem Examen die Neuigkeit mit, daß er vier große A in seinem Zeugnis habe.

»Woher wußte der Junge dies?« Ei, sein Nebensitzer im Examen hatte es ihm unter der Arbeit zugeflüstert. Wie ein Stein, der, ins Wasser gefallen, immer weitere Wellenkreise zieht, hatte sich dieses und manches andere Examinalgeheimnis aus dem Konklave der Examinatoren zu ihren vertrauteren Freunden in der Schar der beteiligten Väter und Verwandten fortgepflanzt, von diesen war es im Wege gleicher Tradition zu den übrigen gekommen, die es sodann unter der Jugend selbst verbreiteten, so daß auch der Isolierteste im Laufe zweier Tage erfahren konnte, wie seine Aktien standen. Die Wichtigkeit des Gegenstandes, an welchem die teuersten Interessen des Landes hingen, rechtfertigte dieses geschäftige Treiben, das der offiziellen Bekanntmachung des Ergebnisses der Prüfung weit vorgriff.

Dieses war, vermutlich in Verbindung mit dem kompendiösen Umfange dessen, was er zu Papier hatte bringen können, der Grund gewesen, der Eduarden gestern so früh, daß Wilhelm ihm nicht mehr beikommen konnte, aus dem Examen getrieben hatte.

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