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Gesammelte kleinere Erzählungen - Vierter Teil

Hermann Kurz: Gesammelte kleinere Erzählungen - Vierter Teil - Kapitel 6
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typenovelette
authorHermann Kurz
titleGesammelte kleinere Erzählungen ? Vierter Teil
publisherMax Hesse's Verlag
correctorreuters@abc.de
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Die beiden Tubus.

Es war ein wunderschöner Aprilmorgen.

Kein Wölkchen ließ sich am ultramarinblauen Himmel blicken.

Ein leichter frischer Morgenwind hauchte zephirisch am Gebirge hin, und die erwachende Natur dehnte gleichsam alle Glieder aus, um neubelebt und gestärkt an ihr Tagewerk zu gehen.

Die beneidenswerte Mission, diese heitere Stimmung in einem Morgenliede auszusprechen, war auf dem Schauplatze, den wir nun sogleich eröffnen werden, einem kleinen Naturdichter zugefallen, nämlich einer frühen Lerche, die sich aus der Ebene einige tausend Fuß hoch eigens zu der Bergplatte in der Region des Steingerölls heraufbemüht hatte, um dem Pfarrer von A ... berg eine musikalische Matinee zu geben.

Dieser jedoch, obwohl die freundlichste Menschenseele von der Welt, hatte diesmal für seinen Lieblingssänger, seinen Haus- und Hoflyriker, kein Ohr. Und doch stand er am Fenster, und die arme Lerche, das genus irritabile vatum repräsentierend, schrie ihm in ihrem durch Empfindlichkeit gesteigerten Eifer beide Ohren so voll, daß er hätte taub werden sollen. Allein dieses war er bereits, nicht im buchstäblichen Sinn des Wortes, sondern im uneigentlichen. Er gab sich nämlich, gleichfalls in großem Eifer, einer Beschäftigung hin, die ihn ganz Auge sein ließ, so daß er vor lauter Sehen gar nicht zum Hören kam.

Die Beschäftigung des Pfarrers von A...berg war die gewohnte, mir möchten sagen obligate, der er seit zwanzig Jahren jeden Morgen oblag. Er sah nämlich spazieren, indem er einen langen Tubus vor das Auge hielt und über die Ferne hin und her bewegte. Derselbe war weder ein Dollond noch ein Frauenhofer, sondern ein selbstverfertigtes Rohr aus steifem Papier, worin er die teleskopischen Gläser nach freundschaftlicher Anleitung des berühmten Mechanttus Butzengeiger in T... der sein Vetter war, eingesetzt hatte. Dieses Sparfernrohr bildete neben seinem Sohne Wilhelm, von dessen Entwicklung er sich Wunderdinge versprach, sein größten Stolz und, wie schon gesagt, seine tägliche Morgenergötzlichkeit. Es trug wohl zwanzig Stunden weit und ließ in der Landschaft die wellenförmigen Hügelreihen, die dichtgesäeten Dörfer mit den blinkenden Kirchentürmen, in den Bergen aber, die sich links und rechts in langer Front an den hohen Standpunkt unseres Beobachters anschlossen, die verstecktesten Taleinschnitte, die abgelegensten Felsenzacken und die verborgensten Ruinen sehr deutlich vor das Auge treten.

Um das Bild, das wir dem Leser aufgerollt haben, flüchtig zu ergänzen, fügen wir nur noch bei, daß das Gebirgsdörfchen, dessen Pfarrer wir mit dem Tubus in den Händen am Fenster erblicken, ebenso reich an landschaftlichen Schönheiten als arm an den materiellen Erfordernissen des Lebens ist. Beide Ausstattungen ergeben sich jedoch nach ihren verschiedenen Seiten hin aus der bereits angedeuteten Lage dieses ländlichen Hochsitzes von selbst, daher wir auf ihre umständlichere Ausmalung verzichten zu können glauben. Doch wird der wasserkarge Ziehbrunnen unter dem Fenster festzuhalten sein, benebst dem bäuerlichen Liebespaare, das, im Schöpfen begriffen, unter hühnisch verneinendem Wortwechsel eine rauhe Werbung und ein noch abstoßender eingekleidetes Ja verhandelt. Zwar bedürfen wir des Brunnens in der Folge nicht weiter, und »Bub« und »Mädle« sind uns noch überflüssiger, weil der kleine Roman, den wir hier beginnen, ausschließlich in den »besseren Klassen« spielt; wir wissen aber, was wir einem gebildeten Publikum der Gegenwart schuldig sind, und haben es daher nur um so mehr für unsere Pflicht erachtet, wenigstens den Anfang unseres Gemäldes mit einigen volkstümlichen Pinselstrichen abzurunden.

Was jedoch das bewaffnete Auge des Pfarrers von A... berg so gänzlich gefangen nahm und ihn selbst gleichsam zur Statue entgeisterte, war nicht der längst gewohnte Anblick der Morgenlandschaft, obwohl er sich demselben stets mit Liebe hinzugeben pflegte. Es war etwas Neues, Überraschendes und, wie wir wohl vorausschicken mögen, eine verhängnisvolle Epoche in seinem Leben heraufzuführen Bestimmtes.

Während er nämlich von Morgen gegen Abend gerichtet zwischen den am Fuße des Gebirges nach dem unteren Lande hinziehenden Hügeln, die schon vom jungen Grün des Lenzes überflogen glänzten, ein sonderbar schiefes Türmchen aufsuchte, nach welchem er jeden Morgen teilnehmend sah, ob es noch nicht eingefallen sei, trat eine Erscheinung in sein Sehfeld, die ihn beinahe erschreckt hätte, bald aber mit einer fast närrischen Freude erfüllte.

Er hatte bei seinen bisherigen Beobachtungen ein kleines Haus übersehen, dessen Oberteil in einiger Entfernung von dem wehmütig geneigten Türmchen über eine von Bäumen halb versteckte Mauer hervorragte. Erst heute machte er dessen Entdeckung. Aber eine noch größere war ihm vorbehalten: er entdeckte nämlich am Fenster des Häuschens einen Mann, der genau wie er selbst ein Fernrohr handhabte und, so schien es ihm wenigstens, gerade jetzt seine eigene Person rekognoszierte. Er glaubte in einen entfernten Spiegel zu blicken oder gar einen Doppelgänger wahrzunehmen. Bei näherer Untersuchung jedoch fand er, daß dieses »zweite Gesicht«, das ihm ausgestoßen, in Wirklichkeit ein zweites war, das heißt ein anderes. Wenn ihn nämlich sein Butzengeiger, wie er das Instrument zu nennen pflegte, nicht trog, so erkannte er ziemlich deutlich eine schwärzliche Komplexion und einen eckigen Knochenbau mit harten düsteren Zügen, während er selbst blond und glatt wie Hamlet, dabei aber freundlich und gemütlich wie der liebe Vollmond aussah.

Kein Zweifel, das Wunder löste sich in Natur, der Doppelgänger sich in einen Kunst- oder vielmehr Liebhabereigenossen auf. Und dennoch blieb es wunderbar, daß diese verwandten Seelen, wer weiß nach wie langem unbewußten Umhersuchen, sich in so seltener, vielleicht noch nie dagewesener Weise begegnen und eine optische Schäferstunde feiern sollten! Indessen verschob der Pfarrer von A ... berg das Nachdenken auf eine gelegenere Minute, da es ihm für den Augenblick vor allem darum zu tun sein mußte, die so unerwartet gefundene teleskopische Freundschaft hand- oder, wenn man will, augenfest zu machen und sich ihrer dauernd zu versichern. Er holte daher, den schwerfälligen Tubus für eine Weile einhändig regierend und vor Mühe keuchend, sein Taschentuch aus dem Schlafrocke hervor und schwenkte es wiederholt, wobei es ihm nicht wenig Schweiß kostete, den Gegenstand seiner Beobachtung vor dem Glase zu behalten oder, wenn er ihn von Zelt zu Zeit verlor, schnell wieder vor dasselbe zurückzuführen.

Doch aller seiner Bemühungen schien ein neidisches Geschick spotten zu wollen, denn der Unbekannte gab kein Zeichen der Erkennung, obgleich in seiner Stellung und der Richtung seines Fernrohrs keine Veränderung sichtbar geworden war. Sein Entdecker kniete auf den Boden, legte die angeschlagene Augenwaffe auf das Fenstergesims und begann das Taschentuch mit Macht zu schwingen; da er aber bedachte, daß durch dieses Verfahren gerade das breiteste Objekt des Gesehenwerdenkönnens, nämlich sein wohlgerundetes Selbst, dem Bereiche einer gegenseitigen Wiederentdeckung entrückt sei, so band er mit ebensoviel Kunst als Anstrengung die Signalflagge um den unausgesetzt in Arbeit begriffenen Tubus fest, ließ das freie Ende flattern und nahm seinen früheren Standpunkt in dem Fenster, das er vollkommen ausfüllte, wieder ein.

Das Fernrohr jetzt mit beiden Händen, wie vorher, zu bequemeren Evolutionen beherrschend, schüttelte er es von Zeit zu Zeit, um die daran befestigte Flagge tanzen zu lassen. Allein dies war gleichfalls ein mißliches Manöver, worin er jeden Augenblick inne halten mußte, um den durch die Schwankungen gestörten Gesichtswinkel herzustellen, ehe die in demselben befindliche Erscheinung unwiederbringlich verschwinden konnte. Da kam ihm endlich der steifer werdende Morgenwind zu Hilfe und blähte das Taschentuch auf, so daß es lustig zu wehen und ordentlich zu rauschen begann. Der Pfarrer beugte sich jetzt mit dem beflaggten Tubus weit aus dem Fenster, um sich so bemerklich als möglich zu machen, und suchte seinen Doppelgänger gleichfalls im Geist auf die Nase zu stoßen, die, weil dessen Sehrohr in die Höhe gerichtet war, ganz merklich unter demselben zum Vorschein kam.

Vergebens jedoch! Der andere rührte sich nicht, und er hielt ihn nachgerade für einen Gliedermann, den irgend ein Spaßvogel aus unbekannter Absicht dort ans Fenster gestellt habe. Etwa gar um ihn selbst und seine unschuldige Liebhaberei, die man dort bemerkt haben mochte, zu parodieren? Dieser Gedanke, der nahezu an eine Regung von bösem Gewissen hinstreifte, fuhr unserem Beobachter einen Augenblick durch den Kopf; aber der Gedanke war zu wenig wahrscheinlich und der Pfarrer zu gutmütig, als daß er bei ihm verweilt hätte. Auch unterbrach ihn ein plötzlicher Szenenwechsel auf dem Schauplätze seiner Forschungen; der Doppelgänger setzte das Fernrohr an, zog sich zurück, und gleich darauf war das Fenster geschlossen. Er war also kein Gliedermann gewesen. Dafür war er aber jetzt weg, vielleicht auf Nimmerwiedersehen und der Pfarrer von A...berg hatte Zeit und Mühe umsonst verschwendet.

»Reisen Sie glücklich nacher Asia und empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin!« sagte er ärgerlich hinter ihm drein. Dieses aus dem Leben gegriffene Zitat wurzelte mit dem Ursprung seines Daseins im Komplimentierbuch eines kulanten Posthalters der Umgegend. Derselbe hatte einst einen türkischen Gesandten, der, den nächsten Weg von Paris nach Konstantinopel über den Aalbuch einschlagend, bei ihm vorfuhr, Relais für seinen Wagen, für sich selbst aber, als Surrogat für den Scherbet, ein Glas Zuckerwasser zu nehmen, beim Wegfahren mit abgezogener seidener Zipfelmütze und unter einem tiefen Bückling die angeführten goldenen Beurlaubungsworte nachgerufen. Sie waren, von seinen Gästen verbreitet, nach und nach landläufig geworden und wurden, wo nur »Geist, Gemüt und Publizität« ihre Flügel regten, von allen geistreichen Leuten, mit anderem Wort also von allen »Honoratioren«, bei mehr oder weniger passenden Gelegenheiten unfehlbar angewendet.

Der Pfarrer hatte inzwischen eine vorübergehende gemäßigte Verzweiflung über den unbefriedigenden Ausgang seines Abenteuers bald verdaut und stieg nun ziemlich selig zu seiner getreuen Gattin in das Wohnzimmer hinab, um derselben die unerhörte Überraschung, die ihm soeben geworden war, mitzuteilen.

Will man sich hier im Vorübergehen einen allgemeinen Begriff von den Zuständen des Pfarrhauses in A... berg bilden, so versetze man sich einfach in die Geschichte des Landpredigers von Wakefield, nur daß man sich allerlei wegzudenken hat, zum Beispiel die beiden Mädchen mit ihren Liebhabern, den pedantischen Nestkegel, sowie auch den wackern musikalischen Vagabunden nebst seiner musterhaften Liebe, vor allem aber den theologischen Traktat. Von Arbeiten letzterer Art war unser Pfarrer nun ganz und gar kein Freund, und schon bei der Wahl seiner magern Pfarrstelle hatte ihn neben dem Wunsche, die Erkorene seines Herzens schnell heiraten zu können, der weitere Lebensplan bestimmt, auf dem ersten besten Anfangsdienste das Ziel seiner Tage heranzusitzen und jedem Beförderungsanspruch zu entsagen, der ihn nur genötigt haben würde, seine dogmatischen Bücher abzustäuben und sich als alter Knabe noch einmal zum Examen zu melden.

Dieser Lebensplan beruhte auf der breiten Grundlage eines ganz stattlichen Vermögens, das beide Eheleute zusammengebracht hatten und das ihnen ihr Gericht Kraut nicht bloß mit Liebe, sondern mit jedem beliebigen Genuß des Lebens zu würzen gestattete. Und zu all dem Behagen kam noch, daß der gefürchtete Ökonomiebeamte des Bezirks, der Kameralverwalter, der die Aufsicht über die öffentlichen Gebäude zu führen hatte, mit dem Pfarrer im dritten und mit der Pfarrerin sogar im zweiten Grade verwandt war, welches Verhältnis die angenehme Folge hatte, daß das Pfarrhaus von A ... berg nicht nur unter den Pfarrhäusern des Landes als eines der schönsten gepriesen wurde, sondern auch mit Recht ein allerliebstes Häuschen hieß, in der dürftigsten Umgebung der artigste und komfortabelste Felsensitz für ein wohlhäbiges Paar, das Hände genug zur Verfügung hatte, um sich die Nützlichkeiten und Süßigkeiten einer wohlbestellten Haushaltung von allen Seiten die schroffen Bergwege heraustragen zu lassen.

Fällt hienach mit so manchen anderen Vergleichungspunkten zwischen A ... berg und Wakefield auch noch der der Armut hinweg, so bleiben doch immerhin Mr. und Mrs. Primrose übrig, denn das waren die beiden liebenswürdigen Pfarrhälften durch und durch, ein wenig vielleicht schon darum, weil sie sich in ihrer Jugend mit Vorliebe in diese Rolle hineingelesen hatten. Ihr Wilhelm sodann, der ihnen Ältester und Jüngster, Sohn und Tochter, nämlich das einzige Kind war, mochte den braven George und den bedächtigen Moses, ja gar die schwärmerische Olivia und die praktische Sophia alle in einer Person vereinigen; doch ist uns zur Stunde seine nähere Bekanntschaft noch vorenthalten, da er sich auswärts in einer lateinischen Kostschule befindet.

Das Behagen, in welchem unsere Primroses schwammen, teilte sich allen mit, die sie berührten, und da sie sehr mitteilend waren, so erstreckten sich diese Berührungen in ziemlich weite Kreise. Ihre Gastfreundschaft war so groß, daß niemand ihr steiles Schwalbennest unzugänglich fand, und die Gemeinde selbst, obgleich sie nicht erwarten durfte, einen Steinriegel in eine Kornkammer und Dornsträuche in Feigenbäume verwandelt zu sehen, befand sich doch wenigstens bei dem Wohlstand ihres Pfarrers weit besser, als wenn sie, wie es in ähnlicher Lage meist der Fall ist, zu ihrem eigenen Mangel an Wolle auch noch einen kahlen Hirten gehabt hätte.

Sonach, wenn der geneigte Leser den Pfarrer von A... berg vielleicht auf den ersten Anblick wegen seines Papierfernrohrs für einen armen Schlucker oder gar für einen Filz gehalten hat, so ist dies nur einer von den vielen Beweisen für die Wahrheit des Sprichworts, daß der Schein zuzeiten trügt. Der Spartubus stellte bloß ein Stückchen Robinsonade im Studierzimmer, ein Symbol für das »Selbst ist der Mann« und ein Füllhorn des aus der Unabhängigkeit der Selbstfabrikation fließenden gesteigerten Genusses, zugleich aber auch eine Art Ablaß zur Abkaufung aller anderen Unbequemlichkeiten des Lebens vor. Da unter diesen der Anblick fremden Elends eine der störenderen ist, da ferner unserem Pfarrer seine Mittel gestatteten, solcher Störung vorzubeugen, da er endlich den Grundsatz, zu leben und leben zu lassen, rings umher an Arm und Reich betätigte, so wird man der Versicherung, mit der wir sein Charakterbild abschließen, Glauben schenken, daß er einer der wenigen Menschen war, die keinen Feind haben.

Mit unbeschreiblicher Überraschung und grenzenlosem Vergnügen vernahm die Pfarrerin, was sich soeben zwischen Morgen und Abend zugetragen hatte. Als eine Frau, die eine Freude des Gatten wie ihre eigene Freude freute, interessierte sie sich höchlich für den unbekannten Seelenverwandten ihres Mannes und sprach mit Hochachtung und Freundschaft von ihm, jedoch nicht ohne zugleich ihrem Verdrusse Luft zu machen, daß der »dumme Kerl«, wie ihr im Eifer entfuhr, »keine Augen im Kopf gehabt« habe. Sofort eröffnete sich eine lebhafte Beratung über die Fragen, wer derselbe sein möge, wo er wohne, und wie es komme, daß er dem regelmäßigsten aller Beobachter bisher entgangen sei. Die letztere Frage zerfiel wieder in mehrere Unterfragen: war der Fremde vielleicht erst seit gestern oder heute in der Gegend seßhaft, in der er sich hatte entdecken lassen? oder, mochte er nun ständig oder vorübergehend seinen Aufenthalt dort unten haben, entstammte seine heutige Rekognoszierung bloß einer flüchtigen Laune oder einer soliden Gewohnheit? konnte man also darauf rechnen, ihm künftig abermals auf dem heutigen Wege zu begegnen, oder nicht? Oder aber, hatte er vielleicht schon längere Zeit, wohl gar jahrelang, jeden Morgen und nur zu einer anderen Stunde, als der Fernseher von A ... berg, aus jenem Fenster heraufgeschaut? Denn »die Menschen lieben sich zu ungleichen Stunden«, sagt ein grundwahrer Spruch, der dadurch, daß er an jenem Tage noch nicht gedruckt war, gar nichts von seiner Wahrheit verliert.

Eine geheime Ahnung flüsterte der Pfarrerin zu, daß die letztere Hypothese die richtige sei, und mit gewohntem Scharfsinn machte sie ihren Mann auf die Fügung aufmerksam, durch welche ein Moment, das bis jetzt nur in der abstrakten, sich noch nicht objektiv gewordenen Idee gelebt habe, in die von sich wissende und ihrer selbst gewisse Wirklichkeit umgeschlagen sei. Wenn sie sich zur Entwicklung ihrer Ansicht vielleicht auch nicht gerade unserer streng wissenschaftlichen Kategorien bediente, so hoffen wir doch den Sinn ihrer Worte annähernd genau wiedergegeben zu haben. Der Pfarrer hatte nämlich seine gewohnte Morgenandacht heute zur ungewohnten Zeit verrichtet, und zwar eine ganze Stunde später als sonst. Da die Ursache dieser Verspätung auch vom spitzfindigsten Leser wohl schwerlich erraten werden würde, so dürfte es nicht unpassend sein, einen kurzen Bericht darüber hier einzuflechten.

Das Pfarrhaus von A... berg hatte gestern die Ehre gehabt, den neuen Dekan auf seiner ersten Parochialvisitationsrundreise zu bewirten. Ein Wechsel im Amte des Obergeistlichen einer Diözese war und ist für sämtliche Pfarrhäuser derselben von höchster Wichtigkeit; denn kaum gibt es in der Welt ein diplomatischeres Verhältnis als das zwischen diesem Vormann und seiner ehrwürdigen Schar, die zugleich seine Pairs sind, ein Verhältnis, in welchem, wenn beiderseits ein harmonischer Gleichklang herrschen soll, er sich als Primus inter Pares akzentuieren, von ihnen aber als inter Pares Primus akzentuiert werden muß. Man urteile hiernach, wie schwierig es ist, dieses gegenseitige Modifikationsthema durch die vielen, oft so unmerklich kleinen Nuancen und Koloraturen des persönlichen Verkehrs hindurch zu variieren, und wie entscheidend es wirkt, wenn man gleich bei dem ersten Zusammensein den richtigen Ton zu treffen und mit jener anmutigen Leichtigkeit der Modulierung anzugeben versteht, die nur an einer einzigen Universität des protestantisch-gelehrten Europa erworben werden kann oder, damals wenigstens, erworben werden konnte.

Unser Pfarrer, dem außerordentlich viel daran lag, mit dem neuen Dekan von Anfang an in dasselbe herzliche Einvernehmen zu kommen, worin er mit dessen Amtsvorgänger gestanden war, schrieb gleich nach Empfang der Ankündigung des Visitationsbesuches einen Brief an seinen Nachbar, den Pfarrer von Sch...ingen, von dem er wußte, daß er ein Jugendfreund der noch unbekannten Größe war, und lud ihn dringend ein, dem Erwarteten Gesellschaft zu leisten, mit dem Ersuchen, womöglich etwas früher einzutreffen und ihm selbst über Charakter, Temperamentsqualitäten, Gemütsneigungen, Angewöhnungen, besonders jedoch über etwaige Eigenheiten des Fraglichen diensame Auskunft zu geben oder, im Fall einer bedauerlichen Verhinderung, ihn über diese tuskulanischen Quästionen mit Wendung des Boten schriftlich aufzuklären.

Der Abgesandte kam mit einem Briefe zurück, worin der Nachbar unter Entschuldigung, daß er durch Familienangelegenheiten abgehalten sei, an dem bestimmten Tage zu kommen, den gewünschten Bescheid erteilte. Dekanus, schrieb er, sei ein sehr humaner Mann, unter Umständen sogar ein kordiales, ja, wenn desipere in loco statthaft, ein kreuzfideles Haus. Besondere Kennzeichen wisse er Dekano keine beizulegen, maßen selbiger in Amtssachen mit Gewissenhaftigkeit facil, in allen anderen Dingen aber absolut traktabel und demgemäß beim Traktament im eigentlichen Sinne des Worts, je nachdem Gott es beschieden, mit wenigem und auch mit vielem kontent sei. Übrigens habe er allerdings eine individuelle Eigenheit, eine sehr sonderbare, jedoch eine solche, mit deren Hilfe man sein ganzes Herz erobern könne. Er putze nämlich für sein Leben gern Lichter. Könne man daher, was ja in Betracht der schlechten Wege leicht zu bewerkstelligen, Dekanum über Nacht festhalten, und wolle man ihm Gelegenheit geben, abends das Licht oder vielmehr die Lichter fleißig zu putzen, so werde er ganz in seinem EsseKirchengeschichtlicher Ausdruck für à son aise. sein.

Unser Pfarrer war nicht so einfältig, sich zum Opfer dieser plumpen Lüge zu machen, da er, wie alle Welt, seinen Amtsbruder von Sch...ingen als losen Vogel und Exmystifikator kannte. Er wunderte sich nur, daß dem versatilen Kopfe in der Geschwindigkeit nichts besseres eingefallen sei. Aber gerade darum hieß er die Eulenspiegelei, von der er eine Probe halb und halb erwartet hatte, höchlich willkommen; denn sie bot ihm die gewünschte Form für die Begründung jener bereits bezeichneten höheren Umgangsweise, nämlich, in der Kunstsprache eines hierseits spezifischen Esprit zu reden, einen ausgezeichnet »schlechten Witz«, dessen Schuld und etwaiger Stachel sich von selbst auf einen andern ablud, und einen um so unschädlicheren, weil die jedenfalls lustige Lösung des Mißverständnisses nicht lang auf sich warten lassen konnte.

Der Pfarrer ging also mit Vergnügen in die Falle. Er stellte sich, als ob er die Mystifikation von ganzem Herzen und von ganzer Seele glaubte, hielt es jedoch für geraten, die Pfarrerin, deren er sich zu seiner Operation zu bedienen gedachte, nicht in die Tiefe der Verwicklung und auf den Boden seines Planes blicken zu lassen. Indem er ihr daher die theophrastische Charakteristik des Dekans mitteilte, verschwieg er, daß der Urheber derselben ein Duzfreund des Geschilderten sei, der sich etwas gegen diesen erlauben konnte, und brachte so die sonst gescheite Frau dahin, daß sie seinen scheinbaren Glauben in Wirklichkeit teilte. Hierdurch gewann er einerseits, daß sie ihre Rolle, die nicht durch heimliche Zweifel oder gar Gewissensbisse beeinträchtigt sein durfte, mit natürlichster Unbefangenheit spielte, und andererseits hielt er sich selbst für alle Fälle einigermaßen rückenfrei.

Die Visitation ging zur Zufriedenheit beider Teile vorüber. Nachdem die geschäftliche Seite des Besuchs erledigt war, legte der Dekan seine Amtsmiene ab, um der Frau Pfarrerin die Aufwartung zu machen. Trotz seiner Versicherung, daß er nur die Kirche und Schule, nicht aber die Küche zu visitieren gekommen sei, mußte er einem altehrwürdigen Brauch zufolge ihre Einladung zu Tische annehmen, und wie er sich in der Erfüllung dieser amtlichen Nebenpflicht befunden, das würde von dem ganzen Amtsbezirke für eine müßige Frage erklärt worden sein. Mit Gewandtheit wurde sodann die Tafelzeit verlängert, bis man erklären konnte, daß es einem Morde gleich zu achten wäre, wenn man den verehrten Gast bei schon sinkendem Abend die halsbrechende Felsensteige hinabführen ließe. Nach langer und lebhafter Weigerung mußte er sich endlich in das Unvermeidliche fügen, und der Anblick des damastenen Tischtuches, das einen Schluß auf komfortables Bettzeug gestattete, stellte ihm sein Schicksal als ein höchst erträgliches dar. Der Pfarrer schlug zur Ausfüllung der Zwischenzeit einen kleinen romantischen Spaziergang vor und führte dann den Gast zum Abendimbiß zurück.

Der Dekan starrte verwundert in das Lichtermeer, das ihn hier empfing. Die Pfarrerin hatte aber auch nicht bloß ihren eigenen Leuchterschatz, der nicht klein war, in voller Heerschau aufgestellt, sondern auch sämtliche disponible Prachtstücke der Revierförsterin, ja selbst ein paar Antiquitäten von der Schulmeisterin – im Hause des Ortsvorstehers gab es nur autochthonische Ampeln – ins Feuer geführt. Zur Entfaltung aller dieser Schlachtreihen war es nötig gewesen, mehrere Tische zusammenzurücken. Der Dekan unterdrückte ein Lächeln über die vermeintliche Geschmacklosigkeit, und man setzte sich. Während der Hauptschüsseln gönnte man ihm Ruhe; doch hatte er auch da schon in seinem angeblichen Lieblingsfache genug zu arbeiten, weil niemand der Kerzen in den beiden größten, fast Kandelabern zu vergleichenden Leuchtern, die vor seinem Platze standen, sich annahm und er als Mann von Erziehung sie fort und fort allein bedienen mußte. Die kurzen, scharfen, sicheren Bewegungen, womit er in dieser Verrichtung die Lichtputze handhabte, verrieten übrigens in der Tat eine gewisse Virtuosität, und der Pfarrer, der beständig in sich hineinlächelte, begann zu ahnen, daß der Charakteristiker denn doch vielleicht eine Art von schwacher Seite aufs Korn genommen haben könnte.

Mit dem Nachtisch eröffnete sich ein ganzer Sternenhimmel voll Beglückung für den Dekan. Die Pfarrerin manövrierte sehr geschickt, indem sie mitten in der lebhaftesten Unterhaltung zwischen die beiden Riesenleuchter die kleineren Kontingente einzudirigieren, die von dem dienstfertigen Gaste abgefertigten hinter die Schlachtordnung zu bringen und, alles in größter Geräuschlosigkeit, frische Truppen nachzuschieben verstand. Der Dekan hatte eine Zeitlang gar nichts zu tun, als Lichter zu putzen. Endlich aber wurde ihm das Ding zu arg, und da er nicht auf den Kopf gefallen war, so merkte er nachgerade, daß irgend eine verborgene Absicht dabei mit im Spiele sein müsse.

Verbindlich, doch mit etwas spitzem Tone, wendete er sich an den Pfarrer und bemerkte, die Frau Pfarrerin scheine ihm in symbolischer Weise über die Kirchenlichter der Diözese eine regulative Gewalt einräumen zu wollen, der er sich keineswegs gewachsen fühle. Der Pfarrer, in gutgespielter Verlegenheit und Unschuld, aber nicht ohne schlaues Augenzwinkern, erwiderte, seine Frau befasse sich sonst nicht mit Symbolik, im gegenwärtigen Falle aber, als Rationalist zu reden, dürfte sie vielleicht ihre Vernunft etwas zu sehr unter den Glauben an den Herrn Kollega in Sch ... ingen gefangen genommen haben. »So, der Vokativus?« rief der Dekan, bereits einer Enthüllung gewärtig, »was hat der wieder für einen Trumpf ausgespielt?« Der Pfarrer setzte mit Glück seine Rolle als Unparteiischer fort und berichtete, wie seine Frau, angeblich ganz ohne sein Zutun und gegen seine bessere Überzeugung, von dem Erzschelm in den April geschickt worden sei.

Der Dekan brach in ein homerisches Gelächter aus, das er erst mäßigte, als er den Todesschrecken der Pfarrerin gewahrte, die sich zum erstenmal von ihrem Manne verlassen und verraten sah. Sie war wie vom Donner gerührt. Da sie jedoch, durch einen geheimen Wink des Pfarrers verständigt, den klugen Ausweg ergriff, plötzlich in das Lachen der beiden Herren einzustimmen, so nahm solches einen neuen Aufschwung, und in glücklicher Stimmenmischung wurde ein rauschendes Lachterzett aufgeführt. Als die erschöpften Kräfte eine Pause forderten, erzählte der Dekan eine Reihe lustiger Streiche ähnlichen Schlages, die sein Freund während ihrer gemeinsamen Jugendjahre ausgeheckt hatte, und für jeden gab der Pfarrer ein Seitenstück aus dem neueren Leben desselben zum besten, so daß die Munterkeit immer wieder frische Nahrung erhielt. Alsdann bedurfte es nur von Zeit zu Zeit eines Blicks auf die Lichter, eines gegenseitigen Anschauens, und die Lachmusik ging mit erneuter Starke fort. Der Pfarrer machte endlich den Vorschlag, noch zu dieser späten Stunde an den Missetäter ein Citatur ad Magnificum zu erlassen, und der Dekan erteilte wohlgelaunt der Maßregel seine Genehmigung.

Kaum war jedoch der Bote zum Haus hinaus, so klopfte es an der Türe, und der Delinquent trat herein. Er hatte den vermutlichen Erfolg seiner Anstifterei erlauert, sich schon von ferne an dem Lichterglanz des Pfarrhauses innigst erfreut und kam nun der vorausgesehenen Zitation zuvor. Sein Erscheinen erregte ungeheure Heiterkeit. Die Pfarrerin stellte sofort den Antrag, ihn für die ganze Dauer des Abends zum ausschließlich alleinigen Lichterputzen zu verurteilen, und der Dekan trat diesem Strafantrage bei, doch erst nachdem er eine ansehnliche Reduktion der aufgestellten Heeresmassen beantragt und durchgesetzt hatte. Hierauf bereitete die Pfarrerin einen Punsch, als in welchem Artikel sie weit und breit berühmt war.

Zuletzt, als dem Lachen der Nachlaß der Natur ein Ziel steckte, wurde der lustige Abend durch ein Tarok zu Drei, das Feinste für exquisite geistliche Spieler, gekrönt. Dieses Spiel wollte jedoch nicht ganz regelrecht zu Ende kommen; es scheiterte noch vor der gesetzten Zeit an vielfachen und allseitigen Verstößen, als da sind »Vergeben«, »Verzählen« und dergleichen mehr, und man brach es daher ab in freundlichem Einverständnis und mit der Verabredung, sich an einem gelegeneren Tage Revanche zu geben. Die Lichtputze war zuletzt in die Hand der Pfarrerin gewandert, nachdem der Dekan, der dem Sträfling bei dessen zunehmender Ungeschicklichkeit den Dienst abgenommen, einmal um das andere mit allzu knapper Präzision das Licht, dem er seine Kunst widmen wollte, ausgelöscht hatte. Indessen verschmähte der Pfarrer von Sch...ingen das angebotene Nachtlager; er wollte sich nicht nachsagen lassen, daß er sich nicht habe nach Hause finden können. »Mit ihm oder auf ihm!« rief er mit einem spartanischen Gesichtsausdruck und donnerndem Gelächter. Um jedoch nur die erstere der beiden heroischen Chancen zuzulassen, beorderte die Pfarrerin den vorhin schnell zurückgerufenen Boten zu seiner Begleitung, und die Sage meldet nicht, daß ihm auf dem Heimwege irgend ein Abenteuer zugestoßen sei.

So harmlos gemütlich lebte die geistliche Welt in jener mythischen Zeit, da der Lebensmut noch nicht durch Ablösungsgesetze gedämpft, und das theologische Bewußtsein noch nicht durch Kirchentage, Pfarrgemeinderäte und so manches andere vom Zeitgeist getragene Compelle geschärft war. Und dies war der Grund, warum der Pfarrer von A...berg heute seinen Posten am Fenster eine ganze Stunde später als gewöhnlich eingenommen hatte. Wie leicht zu erachten, war der Dekan nicht so früh aus den Federn gekommen und zur Abreise fertig geworden, als er gestern bestellt; sodann hatte man beim Scheiden der wiederholten Zwerchfellerschütterung über den »köstlichen Spaß« noch eine gute Zeitfrist einräumen müssen, so daß es acht Uhr längst vorüber war, als der Gast endlich in sein Chaischen gelangte. Der Pfarrer begleitete ihn sorgfältig mit dem Tubus vom Fenster aus den Berg hinab, um wenigstens mitfühlender Augenzeuge zu sein, falls dem gebrechlichen Fuhrwerk auf der Via mala etwas Menschliches widerführe, und erst, als er es glücklich unten angelangt sah, ließ er seinen Butzengeiger die gewohnten luftigen Pfade wandeln, bei welcher Gelegenheit er die große Entdeckung machte, zu der wir nunmehr zurückkehren.

Ob die Pfarrerin, welche die erlittene Scharte durch einen Triumph ihres Scharfsinns auszuwetzen strebte, diese Gabe Gottes richtig angewendet hatte oder nicht, das mußte der folgende Tag entscheiden.

In der Nacht, die diesem Tage vorausging, taten Pfarrer und Pfarrerin vor Erwartung kein Auge zu.

Endlich graute der Morgen.

Punkt acht Uhr stand der Pfarrer, der auch das Überflüssige nicht versäumen wollte, auf seinem Posten, und zwar, wie er emphatisch bemerkte, »harrend ohne Schmerz und Klage, bis das Fenster klang«. Auch war ihm in der Tat Geduld vonnöten, denn er mußte die ganze Stunde vergebens harren. Die Lerche, die auch an diesem Tage ihren Besuch wiederholte, blieb abermals unbeachtet und verschwebte endlich mißmutig im unendlichen Blau.

Erst um neun Uhr gesellte sich die Pfarrerin, ihrer Theorie gemäß, zu ihrem Manne, um seinen schon etwas erlahmenden Eifer wieder zu befeuern.

Und siehe da, nach kurzer Weile tat er einen hellen Freudenschrei.

Er sah den Unbekannten, wie gestern, an dem Fenster in der Gegend des baufälligen Türmchens erscheinen. Er sah, wie derselbe ein wenig mit seinem Tubus in der Welt umherschweifte, dann aber ihn gerade herauf lichtete und, so zu sagen, gegen das Pfarrhaus von A ... berg im Anschlage liegen blieb.

»Wedle, wedle!« rief er der Pfarrerin zu. Diese legte sich, weil sie keinen Raum neben ihm im Fenster hatte, mit dem ganzen Gewicht ihres Körpers auf seine rechte Schulter und wedelte mit dem bereit gehaltenen Schnupftuch, so weit sie nur konnte, in die Lüfte hinaus.

Vergebens, der Unbekannte nahm keine Notiz von dem Signal.

Der Pfarrer gab der Pfarrerin den Tubus, um ihn auf seiner Schulter aufzulegen und die Beobachtungsrolle zu übernehmen, wählend er selbst mit Hand und Tuch alle seine verfügbaren Kräfte aufbot, um endlich die Aufmerksamkeit des hartnäckigen Blinden zu erobern. Da diese heftigen Bewegungen die Obliegenheit der Pfarrerin wesentlich beeinträchtigten und zum Teil völlig paralysierten, so lief der Versuch nicht ohne kleine Ehedissidien ab, die sich jedoch immer friedlich lösten. Die beiden Gatten tauschten die Rollen wieder, aber was sie auch vornehmen mochten, um ihren Zweck zu erreichen, es blieb alles fruchtlos, und eine saure Stunde war verstrichen, als der Pfarrer mit einem tiefen Seufzer seinen Doppelgänger vom Fenster verschwinden sah.

Womöglich noch unzufriedener als er war sie, die ihre Hypothese ln dem Augenblicke, da sie so glänzend bestätigt werden sollte, für zwecklos und jedes praktischen Weites entkleidet erkennen mußte.

Daß dieser Tag im Pfarrhaus« von A ... berg nicht so heiter wie der vorgestrige und nicht so bewegt wie der gestrige verlief, kann unter den angegebenen Umständen wohl keinem Zweifel unterliegen.

Am dritten Morgen, diesmal aber erst um neun Uhr, machte der Pfarrer seinen letzten Versuch. Den letzten: denn nicht bloß hatte er geschworen, sich kein einziges Mal ferner narren zu lassen – o daß ein freundlich Geschick dieses Gelübde begünstigt hätte! – sondern auch die Witterung schien, für einige Zeit wenigstens, mit seinem Vorsatz im Einverständnis zu sein, und der April begann ein so launisches Gesicht zu machen, daß man dem Fernrohr kaum für heute, geschweige noch für morgen, eine ungestörte Entfaltung seiner Tätigkeit prophezeien konnte. Auch hatte sich ein ungestümer Wind erhoben, der jedoch die von dem Pfarrer trotz seiner Hoffnungslosigkeit getroffenen Anstalten kräftig unterstützte. Denn als der sonderbare Gegenäugler auch heute wieder der Pfarrerin die Ehre erwies, die habituelle Leidenschaft zu zeigen, die sie von Anfang an bei ihm vermutet hatte, so flogen zwölf aneinander gebundene Taschentücher in die Lüfte, einen flatternden Baldachin über dem Pfarrer und seinem Tubus bildend, und ein Stockwerk höher wehte ein großes Leintuch, mit welchem die Pfarrmagd an das Dachfenster postiert worden war. Die Lerche glänzte an diesem Morgen durch ihre Abwesenheit: ob aus gekränkter Freundschaft oder Windes und Wetters halber, wagen wir nicht zu entscheiden.

»Victoria!« rief da der Pfarrer auf einmal aus; denn er glaubte bei dem Unbekannten eine kleine Wendung des Instruments und dann in seinem Gesicht einen Ausdruck des Stutzens und der Neugier wahrgenommen zu haben. Mit geflügelten Worten hieß er die Magd ihr Topsegel reffen und die Frau ihre Tränenflagge einziehen, die jedoch, von dem umspringenden Winde wie eine Schlange umhergewirbelt, sich an einem Haken verfangen hatte und vorderhand in der Geschwindigkeit ihrem Schicksal überlassen werden mußte. Die Pfarrerin gebrauchte ihre nunmehr frei gewordenen Hände, um rechts und links vom Pfarrer nach der Richtung seines Tubus hin zu winken. Über diesem Bestreben wurde er bedeutend gequetscht und vermochte nicht alles und jegliches Stöhnen zu unterdrücken, aber als standhafter Märtyrer ermahnte er sie, seiner Ungemächlichkeit nicht zu achten und mit ihren Signalen fortzufahren. Er selbst, so oft und so lang er eine Hand vom Tubus entfernen konnte, bediente sich derselben, um gleichfalls zu winken, auch mit dem Finger abwechselnd bald auf das Werkzeug, bald auf den Gegenstand der Entdeckung zu zeigen und letzterem hierdurch anzudeuten, wen und was dieses vehemente Salutieren betreffe.

Solcher Aufwand von Zeichen und Kundgebungen durfte nicht unbelohnt bleiben, und es ereignete sich, was der Pfarrer während des Schauens in raschen Mitteilungen seiner Frau berichtete. Der Doppelgänger erkannte, daß die endlich zu seiner Wahrnehmung gelangten Ferngrüße ihm galten. Überrascht erwiderte er die Aufmerksamkeit mit einer Verbeugung, wobei er zugleich in nicht uneleganter Manier den Tubus senkte, gerade wie der Offizier den Degen oder der Wagenlenker von Welt die Peitsche salutierend senkt. Aber gleichbald schien er eingesehen zu haben, daß diese Courtoisie die eingegangenen optischen Beziehungen aufrecht zu erhalten nicht besonders geeignet sei. Er erhob daher schnell sein Instrument zu der früheren Lage, indem er sich bemühte, gleich seinem Entdecker den Händen eine Arbeitsteilung anzuweisen und mit der einen zu winken, wählend die andere den Tubus hielt.

»O weh!« rief der Pfarrer von A...berg und unterrichtete sofort seine Frau über die Ursache dieser schmerzlichen Interjektion. Dem andern war, sei es nun, daß das Instrument zu schwer oder die Hand zu schwach war, der Tubus entfallen! Mitten in der besten Freude alle Freude, für immer vielleicht, verdorben! Die Pfarrerin schrie laut vor Schreck und Jammer auf.

Der Pfarrer war unwillkürlich mit weit auslangendem Blick dem verunglückten Instrumente gefolgt, als ob er es im Sturz aufhalten müßte und könnte. Auch schien er in der Tat mit seiner Sympathie dem Tubus ein guter Engel gewesen zu sein; denn er sah den Oberteil desselben über das schon geschilderte Mäuerchen hervorragen und sogar, wunderbarerweise! sich weiterbewegen. Die Bewegung ging sodann aufwärts, indem mit dem Tubus ein Kübel und unter dem Kübel eine weibliche Figur zum Vorschein kam. Alle drei schwebten an der Seite des Hauses eine von dem Beobachter bis jetzt übersehene dunkle Linie empor, in welcher er nun mit der äußersten Anstrengung seiner Sehkraft eine Stiege erkannte, dergleichen an den Bauernhäusern außen angebracht sind. Aus dem Schwanken des nur teilweise sichtbaren Tubus war mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zu erraten, daß derselbe zum Glück in einen eben vorbeigetragenen Kübel Wasser gefallen und hierdurch dem Verderben, dem gänzlichen wenigstens, entgangen war.

Aber war er auch völlig unbeschädigt geblieben? Hatte er nicht so weit Not gelitten, um die unverzügliche Fortsetzung des so glücklich eröffneten Augendialogs zu vereiteln? Die Spannung des Pfarrers und der Pfarrerin wuchs von Sekunde zu Sekunde.

Jetzt trat auch der Inhaber des Tubus in den Schatten der dunkeln Linie und nahm sein Instrument aus dem Kübel in Empfang. Bald stand er wieder am Fenster, mit Putzen, Untersuchen, Herstellen und Richten des Fernrohrs beschäftigt. Darauf griff er weit hinaus, zog einen Gegenstand herbei, worin sich eine an der Wand des Hauses lehnende, bis in das Fenster ragende Baumstütze zu erkennen gab, legte den Tubus bequem in die Gabel derselben und nahm die unterbrochene Zwiesprache wieder auf.

Der Pfarrer von A ... berg ahmte das gegebene Beispiel nach, sofern er sich von seiner Frau im Halten des Fernrohrs unterstützen ließ, und machte mit der ledigen Hand allerlei phantastische Gestikulationen, durch welche er anzufragen beabsichtigte, ob die Gefahr ohne Schaden abgelaufen sei. Sein Gegenüber schien die Frage zu verstehen, denn er sah eine Weile neben dem Tubus hervor, deutete durch vergnügtes Nicken an, daß derselbe keine Not gelitten habe, und schaute dann wieder eifrig hinein. Ein gegenseitiges jubelvolles Händeschütteln erfolgte, zum Zeichen und zur Feier, daß die raumbeherrschende Verbindung der beiden Fenster nunmehr vollständig ins Leben gerufen sei.

Im gleichen Augenblicke jedoch begann es durch die Luft zu stillen und zu rieseln, der Himmel verdunkelte sich, und ein schwerer Wolkenvorhang schied den Doppelschauplatz des noch im ersten Akt begriffenen vielversprechenden Dramas in seine entlegenen, einander plötzlich unsichtbaren Hälften.

Indessen fühlte sich unser Pfarrer durch diese etwas unzeitige Störung keineswegs entmutigt. Die Bahn war ja gebrochen, und am nächsten hellen Morgen konnte, darüber gab es keinen Zweifel mehr, der zweite Akt des optischen Dioskurenspiels in Szene gehen. Heiter gestimmt, setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb seinem in Pension gegebenen Sohne Wilhelm einen langen Brief, worin er ihm die soeben erlebte wunderbare Begebenheit berichtete, mit dem Versprechen, ihm, sobald die Stillung seiner eigenen brennenden Neugier es gestatte, mitzuteilen, wer der Mann sei, der, mit der gewiß nicht bäurischen Liebhaberei des Fernesehens behaftet, in einem Bauernhause wohne.

Am folgenden Tage, der Regen und Schnee in lebhafter, dem toten Einerlei vorzuziehender Abwechslung brachte, griff er abermals zur Feder, um den Pfarrer des mutmaßlichen Orts, den er erspäht hatte, um die gewünschte Aufklärung anzugehen, An dem hängenden Turme von Pisa, schrieb er, und seinen »narbenvollen Zügen« (Phrase aus einer bekannten Elegie) glaube er unwiderleglich das Dorf Y ... burg erkannt zu haben. Das fragliche Häuschen selbst, setzte er vorsichtig für alle Fälle hinzu, befinde sich in einer der Beobachtung nicht ganz günstigen Lage, indem es durch verschiedene Gegenstände dem Fernrohr etwas minder zugänglich gemacht sei; indessen sei der Bewohner desselben durch den Charakter der wahrgenommenen Beschäftigung als Mann von wissenschaftlicher Bildung nachgewiesen und festgestellt. Da nun, schloß er, ein Pastor loci in geistlichen nicht nur, sondern überhaupt in allen geistigen Angelegenheiten das Faktotum seiner Gemeinde sei, so richte er an den Herrn Kollega die vertrauensvolle Bitte, den interessanten Unbekannten zu erkunden und seiner herzinnigen Freude über die auf so beispiellose Weise gemachte Bekanntschaft zu versichern, für sich selbst aber die wahre amtsbrüderliche Hochachtung zu genehmigen, womit er im voraus dankend verharre usf.

Schon den nächsten Abend brachte der Bote, den die Pfarrerin zur Vervollständigung ihrer Hausapotheke abgesendet hatte, nebst dem bestellten Melissenöl einen Brief, der, als er eröffnet wurde, die Unterschrift des Pfarrers von Y... burg trug. Dieser Brief war und konnte noch keine Antwort auf das soeben erst erlassene Schreiben sein, sondern er führte, man denke sich zu welcher Überraschung des Empfängers! den genannten Pfarrer selbst als den gesuchten Doppelgänger ein, der seinerseits gleichfalls und gleichzeitig die Initiative ergriffen hatte. Auch er drückte großes Vergnügen über das optische Pas de deux, wie er es nannte, aus. Mit wem er dasselbe aufzuführen die Ehre gehabt habe, schrieb er, brauche er nicht zu fragen, denn jedermann wisse ja, daß das in die Lande glänzende Schlößchen neben dem mit blauen Ziegeln ausgelegten Kirchturme das Pfarrhaus von A ... berg sei. Er müsse eigentlich um Verzeihung bitten, daß er seit fünfzehn Jahren, denn so weit datieren seine täglichen Okularreisen zurück, an diesem der Beachtung so würdigen Hause gewissermaßen vorbeigesehen habe. Allein seine Aufmerksamkeit sei stets durch einen nahgelegenen Felsen in Anspruch genommen worden, dessen höchst singuläre Formation, darstellend einen Kopf mit vorspringender Nase von scharfem Schnitt und einen aus dem Rumpfe der Gesteinsmasse hervorwachsenden, aufwärts wider die Nase anstrebenden Finger, auffallend eine alte Universitätserinnerung, deren der Herr Kollega wohl auch noch eingedenk sein werde, vergegenwärtige. Er schloß mit dem Wunsche, zu erfahren, ob das plastische Gebilde in der Nähe den gleichen naturwahren Eindruck mache, der ihn jeden Morgen aus der Entfernung labe.

Die beiden Briefe hatten sich gekreuzt.

Der Pfarrer von A ... berg verfügte sich zur Stunde, ungeachtet des strömenden Regens, zu dem nach allen Anforderungen der Ortsbestimmung genau bezeichneten Felsen und antwortete umgehend, so lebhaft auch in ihm die angedeutete Erinnerung schon bei dem ersten Worte wieder aufgegangen sei, so habe er doch in der Nähe keine Idee von einer Ähnlichkeit finden können, freue sich aber nur um so mehr, zu vernehmen, daß er unter seiner Felsengarde eine so unvergeßliche Gestalt besitze. Indem er jedoch fortfahren wollte, empfand er eine nicht geringe Verlegenheit im Gedanken, daß das Häuschen, das er der ganzen Sachlage nach jetzt als das Pfarrhaus von U ... burg anerkennen mußte, in seinem gestrigen Briefe, wenn auch mit vieler Schonung berührt, so doch mehr mit Schatten- als Lichttönen behandelt war. Er entschuldigte sich mit der weiten Entfernung desselben von dem Türmchen, die ihn nicht habe ahnen lassen, daß es mit der Kirche in näherem und nächstem Grade verwandt sei. Um jedoch über diesen kitzlichen und ihm vorerst unerklärlichen Punkt rasch wegzukommen, unterbrach er die Erörterung durch die in seinem ersten Briefe zu stellen vergessene Frage, ob der Tubus wirklich in einen Kübel mit Wasser gefallen sei, und verweilte zum Schlüsse auf dem Ausdruck seines freudigen Hochgefühls, in den beiden Individuen, zwischen welchen er gestern seine Gesinnungen teilen zu müssen geglaubt, ein einziges gefunden zu haben, dazu emen Standesgenossen, der somit gebeten werde, dieselben doppelt für einfach gutzuschreiben. Ein kaufmännischer Zug, der in Familienverbindungen des Briefschreibers begründet war.

Die Briefe kreuzten sich abermals.

Der Pfarrer von Y ... burg antwortete dem Pfarrer von A ... berg auf dessen erste Anfrage, die Identität seines Ich und Nicht-Ich, die dem Herrn Kollega eine Neuigkeit gewesen sein werde, wolle freilich auch ihm selbst mitunter beinahe zweifelhaft erscheinen. Derselbe würde ihn mit bloßen Augen noch ungünstiger situiert finden, als durch das Fernglas; denn seine Behausung (dies auf den Fühler) sei eine Hütte »still und ländlich«, nämlich ein veritables Bauernhaus. Seit seinem Amtsantritt lasse ihn die Oberkirchenbehörde in dieser Baracke schmachten, deren Umgebung zudem so beschaffen sei, daß er bei schlechtem Wetter den weiten Weg zur Kirche nur in hohen Stiefeln, einer Art von Kotgondeln, durchsegeln könne. Folgten bittere Bemerkungen und Ausfälle, bei deren Lesung den Pfarrer von A... berg eine Gänsehaut überlief, jedoch nicht ohne einen gewissen Wonneschauer; denn welcher Pfarrer hätte nicht zuweilen eine Klage über das Konsistorium auf dem Herzen und fühlte nicht bei dem Naturlaut einer gleichgestimmten Seele dieses in solchem Falle von Mitverantwortlichkeit freie Herz erleichtert?

Er schrieb einen teilnehmenden und zugleich begütigenden Brief, in so durchdachten Wendungen, daß derselbe ein Kunstwerk genannt werden durfte. Gleich darauf kam aus Y ... burg die Antwort auf sein zweites Schreiben, mit der Bestätigung, daß der geschmeidige Tubus richtig in einen dem Hause zu wandelnden Wasserkübel gefallen sei und, eine leichte Verstauchung am Metall abgerechnet, keine Verletzung davongetragen habe. »Ein merkwürdiges Beispiel von Rettung durch Schwimmen!« hatte der Pfarrer von Y ... burg hinzugefügt.

Zum drittenmal hatten die Briefe sich gekreuzt.

Glücklicherweise fiel jetzt bessere Witterung ein, und es schlug die Stunde des Wiedersehens. Da bezog der Pfarrer von A... berg seinen Posten mit einem mächtigen Briefe in der Hand, auf den ein beinahe tellergroßes Siegel gedruckt war. Er hielt ihn hoch und holte mit einer kühnen Bewegung aus, als ob er ihn geradewegs in einem Schwung über Hügel und Täler dem ebenfalls präsenten Gegenseher zuschleudern wollte, der auch alsbald die Hand ausstreckte, wie um den Brief aufzufangen. Er aber zog den Brief zurück und steckte ihn in die Botentasche, die seine Frau neben ihm zum Fenster herausbot, worauf er mit einer Handbewegung andeutete, daß der Brief nunmehr ungesäumt seiner Bestimmung entgegengehen werde.

Der Pfarrer von Y ... burg telegraphierte sogleich zurück, daß ihm der Rebus vollkommen klar gewesen sei. Er verließ das Fenster auf einen Augenblick und kam sofort wieder mit einem symbolischen Blatt Papier, das er, nachdem er es gleichfalls in die Höhe gehalten hatte, langsam in seiner Brusttasche begrub. Hiedurch versinnlichte er die Erwiderung, daß er seinerseits mit Absendung eines Briefes zuwarten wolle, bis er den soeben signalisierten in Empfang genommen haben würde.

Der auf diese Weise telegrammatisch geregelte Briefwechsel wurde nunmehr mit großer Lebhaftigkeit fortgeführt, und die zierlichen Einfälle des Pfarrers von A... berg wie die kaustischen Auslassungen des Pfarrers von Y... burg gaben auf beiden Seiten eine immer frisch sprudelnde Quelle des Vergnügens ab. Man verabredete nach und nach eine Zeichensprache, in der man sich an jedem günstigen Morgen unterhielt und deren Lücken nachher durch den schriftlichen Verkehr ausgefüllt wurden. Eine lange Kontroverse entspann sich von Anfang an über die Entfernung der beiden Standpunkte, wobei es sich zugleich um die Güte der beiden Fernrohre handelte. Bei der Hartnäckigkeit des Pfarrers von A...berg, der in majorem gloriam seines Butzengeigers die gerade Linie so viel als möglich zu verlängern suchte, konnte man sich nicht völlig vereinigen; doch näherten sich die Ansichten einander zuletzt bis auf die Distanz einer halben Stunde.

Die Freundschaft, die sich auf so ungewöhnlichem Wege entsponnen hatte, wurde immer inniger, und besonders der Pfarrer von A ... berg hätte nicht mehr ohne dieses Verhältnis leben zu können geglaubt. Die Vertraulichkeit seiner Mitteilungen stieg von Brief zu Briefe. Er versäumte nicht, seine Frau »als unbekannt« sich empfehlen zu lassen, worauf auch die Pfarrerin von Y ... burg, der er sich selbst in gleicher Eigenschaft zu Füßen legte, in den Austausch der freundschaftlichen Gefühle und Gesinnungen gezogen wurde.

Im Verfolge seiner Herzensergüsse vertraute er dem Freunde, sein aus mehrjährig kinderloser Ehe geborner einziger Sohn Wilhelm, dem geistlichen Stande gewidmet, werde auf den Herbst das Landexamen in dritter Instanz mitmachen; und obgleich er sich anstellte, als ob er wegen des Ausgangs der Prüfung in tausend Ängsten wäre, so tat er dies doch in so scherzhaften Ausdrücken, daß deutlich der Vaterstolz durchschimmerte, der alle diese Besorgnisse nichtig hieß. Der Pfarrer von Y ... burg antwortete darauf, vermöge einer sonderbaren Verkettung der Umstände werde sein Schlingel Eduard zu gleicher Zeit, auf derselben Wage gewogen und in demselben ›Siebe gesiebt werden, des einer wohlberechneten Sonnenfinsternis gleichenden Schicksals gewärtig, zu leicht erfunden zu werden und dennoch trotz dieses Gewichtsmangels mit einer Geschwindigkeit von fünfzehn Pariser Fuß auf die Sekunde durchzufallen. »Bei Philipp« also sehen wir uns wieder,« schloß der Brief.

Welche Wonne für den Pfarrer von A... berg, der die finistre Prophezeiung für ebensowenig ernstlich gemeint hielt, wie die seinige! Und wie wenig ahnte er, daß er mit der Eröffnung der Aussicht auf ein persönliches Zusammentreffen – denn gingen die Söhne ins Landexamen, so verstand es sich von selbst, daß die Väter sie begleiteten – den ersten Nagel in den Sarg der neuen Freundschaft geschlagen hatte! Um uns über dieses psychologische Geheimnis klar zu werden, müssen wir uns, nicht eben gerne, von A...berg nach Y...burg hinab versetzen.

Der Pfarrer von Y...burg war ein dunkler Charakter.

Nach einer heiter verlebten Universitätszeit, während welcher er den Musen und Grazien geopfert, und einem beneidenswerten Bildungsjahre, das er als Hofmeister in den günstigsten Verhältnissen und zum Teil auf Reisen zugebracht, hatte er, da sich eine seinen höheren Ansprüchen genügende Versorgung für den Augenblick nicht finden wollte, einen Winkel der Heimat, den ihm nicht leicht jemand streitig machte, zu seinem Herde gewählt, um eine jener frühen Brautschaften, die der theologischen Laufbahn vorzugsweise anzukleben scheinen, wenn auch langst nicht mehr im ersten Grün, so doch nicht ganz als dürres Heu unter Dach und Fach zu bringen.

»Bumps, da hat der Herr eine Pfarre!« sagte Friedrich Wilhelm I., wie erzählt wird, zu dem Kandidaten, der ihm mit den Worten »Bumps, da hat der Herr Feuer!« die Tabakspfeife angezündet hatte. Fast ebenso prompt ging es bei der Vergebung des Pfarrdienstes von Y...burg her, aber er war auch darnach. Eine vormals adelige Niederlassung, aus zusammengelaufenen Leuten gebildet, um die Einkünfte der Grundherrschaft durch Schutzgelder zu erhöhen, war das zerstreut liegende Dörfchen in den Besitz des Staates gekommen, der es unter strengere Aufsicht nahm, ohne seinen Zustand fühlbar verbessern zu können. Die Wartung war die kleinste, die sich von einer Gemeinde denken läßt, dazu schlechter Grund und Boden, meist in Einbuchtungen von Hügelzügen eingeklemmt.

Wohl konnte man diesen Aufenthalt einen abgelegenen Winkel nennen, denn keine Straße berührte ihn, und die Wege waren trostlos. In geringer Entfernung freilich umgab ihn lachende Ebene, blühender Wohlstand, »rings umher schöne grüne Weide«, wodurch indessen, wie begreiflich, die Traurigkeit der Einöde nur verstärkt wurde. Daß die Besoldung mit der ganzen Beschaffenheit dieses Pfarrdienstes in Einklang war, braucht wohl kaum bemerkt zu werden.

Die beiden Pfarrer von A... berg und Y... burg – daß Familienrücksichten uns von einer deutlicheren Nennung der Namen abhalten, wird der Leser längst ein- und nachgesehen haben – waren somit ziemlich ähnlich gestellt, nur mit dem großen Unterschiede, daß jener etwas zuzusetzen hatte und dieser nicht. Doch suhlte er in den Honigmonaten der Ehe den Druck der Armut wenig; er lebte seiner Liebe und fand, wie der Jüngling am Bache, daß für ein glücklich liebend Paar Raum in der kleinsten Hütte sei. Denn viel mehr als eine solche war das Pfarrhaus von Y... burg nicht, und nicht mit Unrecht mochte man es einem Bauernhause vergleichen, obwohl, wenn man der Wahrheit die Ehre geben wollte, die Freitreppe etwas breiter war und im Innern noch eine zweite, allerdings enge Stiege nach einem kleinen Oberstübchen führte.

Die Geburt eines Sohnes, den er auf die Bitte seiner Gattin nach seinem eigenen Namen Eduard taufte, erhöhte für einen Augenblick sein Glück; aber mit ihr zugleich begann auch eine Reihe von Enttäuschungen und Ernüchterungen, die, wie immer sie auch gestaltet sein mochten, doch alle von der Grundlage ausgingen, daß das Einkommen nicht mehr reichte. Schon bei der Geburt des zweiten Kindes, einer Tochter, ließ sich der Humor des Pfarrers so scharf und schartig an, daß er sie Kunigunde taufte, bloß um das Spottlied »Eduard und Kunigunde« in seiner Familie verkörpert zu besitzen.

Die Hoffnung, seinen Anfangsdienst mit einem besseren zu vertauschen schlug zu wiederholten Malen fehl, so daß er ihr zuletzt entsagte. Finsterer Mißmut bemächtigte sich seiner Seele, er zerfiel mit der ganzen Welt wie mit sich selbst, die Quellen seines Gemüts versiegten. Innerlich versauert, äußerlich verbauert, hatte er nur seinen Humor noch übrig behalten, der aber über der Vergleichung einstiger Lebensaussichten und jetzigen Entbehrens bis zur Ungenießbarkeit herb geworden war.

Wenn die physiologische Lehre Grund hat, daß von dem, was der Mensch zu sich nimmt, seine geistigen Ausflüsse bis zu einem nicht unbedeutenden Grade bedingt sind, so kann uns diese Ungenießbarkeit nicht wundernehmen. Der Pfarrer von Y...burg pflegte sich sein Bier selbst zu brauen. Et verwendete hiezu den schlechtesten Teil vom Fruchtzehnten, nämlich eine mit Schwindelhafer sehr reichlich vermischte magere Gerste, die ihm seine Frau gerne überließ, weil die Kinder schon mehrmals davon erkrankt waren, und statt des Hopfens nahm er die Spitzen von Weidenschößlingen. Diesen Trank, dem es weder an Narkose noch an Bitterkeit gebrach, nannte er mit schneidendem Hohne, auf die Worte des Tacitus anspielend, welchem das Bier der Deutschen ein »humor in quandam similtudinem vini corruptus« ist, sein »Korruptionsgesöff«.

Noch abschreckender als die flüssige Einfuhr war der feste Import, der, wenn ein sonst nur im uneigentlichen Sinn gebrauchter Ausdruck hier zulässig ist, seinen Hauptnahrungszweig ausmachte. Einige Familien des Orts, die nur Wiesen und keine Äcker besaßen, verfertigten eine Art Backsteinkäse von sehr untergeordneter Qualität, womit sie in der Nachbarschaft Handel trieben und wovon sie, in Ermanglung des Getreides, den Zehnten an das Pfarrhaus ablieferten. Diesen Käsezehnten hatte der Pfarrer, der mit der Küche seiner Frau auf gespanntem Fuße stand, für sich in Beschlag genommen und das Produkt zu einer Veredlung, wie er behauptete, gebracht, die aber von Tacitus sicherlich mit einer abschätzigeren Bezeichnung belegt worden wäre, als das braukünstlerische Verfahren unserer germanischen Vorvordern.

Seiner düsteren Sinnesart gemäß liebte er es vor allem, dunkle Taten und peinliche Seelengemälde zu lesen, wie sie vornehmlich in Kriminalgeschichten sich finden. In einer derselben stieß ihm ein casus tragicus von sonderbarer Gattung auf, darin bestehend, daß in einer großen norddeutschen Stadt ein Freund den andern, ohne ihm gram geworden zu sein, in bloßer Trunkenheit, mit einem Heringsbratspieß erstach.

Über dieser Lektüre erwachte in ihm die Erinnerung, daß er selbst jeweils im Norden unseres Vaterlandes, wo diese Speise beliebt ist, gebratene Heringe gegessen und nicht eben unschmackhaft befunden hatte. In seinen damaligen Verhältnissen hatte er auf dieses populäre Gericht vornehm herabsehen können: in seinen jetzigen wäre es ein Leckerbissen, ein Luxusartikel für ihn gewesen. Da ihm nun aber diese nicht erlaubten, Heringe überhaupt und irgendwie, im gewöhnlichen oder marinierten oder gebratenen Zustande, zu genießen, so erfand er für die letztere Bereitungsweise ein Surrogat, indem er auf den Einfall geriet, seine Käse zu braten. Zu diesem Ende machte er sich eine alte abgebrochene Klinge vom Universitätsfechtboden her zurecht, gebrauchte sie als Bratspieß und sprach fortan die unerschütterliche Überzeugung aus, daß der Käse durch diese norddeutsche Behandlung nicht bloß wohlschmeckender, sondern auch nahrhafter werde. Jedenfalls erreichte er dadurch zweierlei: einmal gönnten Frau und Kinder, die das Kunsterzeugnis zu pikant fanden, um es hinunterzubringen, ihm den ganzen Vorrat unverkürzt, und dann hielt der entsetzlich muffige Geruch, der jahraus jahrein im Hause herrschte, alle und jede Besuche fern.

Mit seinem korrumpierten Schwindelhaferweine begehrte gleichfalls niemand bewirtet zu werden: und so saß er Abend für Abend im oberen Stübchen, seinen Käsebraten verdauend, einsam hinter seinem Kruge und rauchte dazu seine gleichfalls selbstbereitete Hanfzigarre, mit Lesen von Kriminalgeschichten beschäftigt, oder auch in dumpfem Brüten, das er nur zuweilen durch ein grimmiges Auflachen unterbrach.

Aus diesen wenigen Konturen mag man sich das Charakterbild des Mannes vervollständigen, das in ausgeführter Schilderung wohl kaum zu erschöpfen sein mochte. Denn leider, wo viel Schatten, da drangt sich eine effektvollere Färbung dem Pinsel entgegen, während, wo das Licht vorherrscht, das Gemälde freundlich, aber eintönig wird. Nichtsdestoweniger sehnen wir uns hinweg von der düsteren Skizze, auf die wir uns beschränken zu müssen geglaubt haben. Tag muß es sein, wo unsere Sterne strahlen – so würden wir gerne ausrufen, wenn diese Erscheinung anders als bei einer totalen Sonnenfinsternis möglich wäre. Wir aber lieben das Helle und gehen, so viel an uns ist, den sonnigeren Spuren des menschlichen Gemüts und Daseins nach, auch auf die Gefahr hin, daß dürftigere Farben unserer Palette entfließen.

Allein uns leitet noch ein anderes Motiv bei der Verzichtleistung, die wir uns auferlegt haben: das Gefühl, berufeneren Federn nicht vorgreifen zu wollen. Wir vernehmen aus sicherer Quelle, daß einer berühmten Sammlung merkwürdiger Pfarrhäuser eine zweite von anderer Hand demnächst zur Seite, ja mit ihr in die Arena treten und daß darin der Charakter, an dessen Schattenriß wir uns nur schüchtern gewagt haben, unter dem Titel: »Der gebratene Backsteinkäsepfarrer«, lebensgroß und lebenswahr gezeichnet, vorgeführt werden wird. Auf dieses Werk, vor welchem wir nach Gebühr zurücktreten, wollen wir hiermit voraus verwiesen haben.

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