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Gesammelte kleinere Erzählungen - Vierter Teil

Hermann Kurz: Gesammelte kleinere Erzählungen - Vierter Teil - Kapitel 5
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typenovelette
authorHermann Kurz
titleGesammelte kleinere Erzählungen ? Vierter Teil
publisherMax Hesse's Verlag
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»Laßt ihn nur!« sagte Cäruleus, »er wird schon wiederkommen. Ruwald ist eine eigene, bohrende Natur, die nach allem Neuen, Unbekannten drängt. Ich weiß, daß er sogar einem Menschen bloß deswegen feind sein kann, weil er ihn nicht kennt und das Unbekannte ihn beunruhigt. Jede, neue Persönlichkeit imponiert ihm; dies dauert aber nur so lange, bis sie ihm alt und bekannt ist, dann läßt er sie wieder fahren. Deshalb seid ganz ruhig: die schlechte Gesellschaft wird bald wieder komplett sein.«

Dazu hatte es aber um so geringeren Anschein, als auch Cäruleus in den folgenden Tagen ausblieb: er konnte sich wochenlang, wie er es nannte, der Faulheit befleißigen, kehrte aber dann unerwartet wieder zu einer eben so langen und unausgesetzten Tätigkeit zurück. Diesmal mochte jedoch, was er sich vielleicht selbst nicht gestand, Ruwalds Abwesenheit die Ursache sein, die ihn an seinen Schreibtisch zurücktrieb.

Wir übergehen die nächste Zeit, die nur für Paul und Ruwald bedeutend war durch die Befestigung einer innigen Freundschaft auf der einzigen dauerhaften Grundlage, der Bildung, und nehmen unsere Geschichte an dem Abend, welchem das Herz des jungen Schreibers ängstlich und hoffend entgegenbebte, wieder auf. Es war gut, daß der Ballabend von jenem, an dem die Verschwörung der beiden neuen Freunde gestiftet wurde, nicht gar zu weit entfernt war, denn Ruwald hatte, wie ein General, der lauter Rekruten in die Schlacht führt, seine liebe Not, den wankenden Mut seines Kriegsgefährten immer aufzufrischen und im Feuer zu erhalten.

Die Fenster des Ballsaals waren hell erleuchtet. Unten auf den steinernen Stufen drängte sich die akademische Jugend, welche jedoch großenteils nicht gekommen war, um zu tanzen, sondern den Flor der Stadt zu beschauen und dann, süße Gefühle im Busen, in die graugerauchten Bierkneipen und zu den schäumenden »Bierstiefeln« abzuziehen. Wenn eine Schöne, von der sorgsamen Mutter, vielleicht gar von dem gesetzten Vater geleitet, erschien, so machten die martialischen Jünglinge auf beiden Seiten Front und bildeten eine Gasse, durch welche sie mit niedergeschlagenen Augen hindurchging, zitternd vor dem verheerenden Geschütz, das von allen Seiten aus weitgeöffneten, zum Teil sogar mit Brillen verstärkten Augen gegen sie losgebrannt wurde. Keine entging diesem grausamen Lose des Gassenlaufens, denn es war eine herkömmliche, durch Verjährung geheiligte Sitte. Als Emilie, von einigen Freundinnen umgeben, in ihrem rosenroten Ballkleid erschien, das wunderbar zu ihrem seinen Gesichtchen patzte, da entstand ein leises Gemurmel unter der Menge der Zuschauer, und die wilden Barte, die schweren Kanonenstiefeln wichen ehrerbietig zurück, um dem schönen Mädchen freien Raum zu lassen. Bald darauf kam Ruwald, in einen großen Mantel gehüllt: wir wissen nicht, ob er darunter seine Tänzeruniform, den Frack, verbergen wollte, gegen welche Tracht er einen heftigen Widerwillen empfand und schon oft in donnernden Reden beteuert hatte, sie sei recht geeignet, die Ansicht einiger Naturforscher, daß der Mensch nach seiner Entstehung nur der Übergang des Affen in eine höhere Sphäre sei, zu unterstützen, – oder ob er durch diese Verhüllung einen gewissen Umweg, den seine Beine in der Gegend des Knies nahmen und den Cäruleus mit zarter Schonung eine musikalische Ausweichung genannt hat, den Blicken der Kritiker zu entziehen beabsichtigte; genug, die Studenten, welche die durchwandelnden Tänzer vielfach verhöhnten, ließen ihn ruhig ziehen, denn er hatte das Privilegium des Mantels, weil man wußte, daß er im Frühling und Herbste häufig an Fieberschauern litt, die er zu ungeduldig war, im Bette zu verschwitzen. Pauls Anmarsch können wir nicht beschreiben, denn er hatte sich schon seit mehreren Stunden in der Leseanstalt, die in demselben Haus errichtet war, hinter einem großen Buche verborgen; es war die Enzyklopädie von Ersch und Gruber, worin der launige Zufall ihn auf den Artikel »Angst« geführt hatte; diesen buchstabierte er zwar ziemlich gedankenlos durch, doch vermehrte der darin abgehandelte Begriff, dessen er, sich halb und halb bewußt wurde, seine Beklemmung. Eben las er zum sechsten Male, die Angst rühre namentlich oft von einem Herzfehler her, da ertönten die Striche des ersten Walzers, er warf das Buch auf die Seite und eilte bebend die Treppe zu dem Saale hinab.

Indem er sich durch ein Gedränge von Tänzern, die gerade an der Türe standen, durchzuarbeiten versuchte, trat er jemanden ziemlich empfindlich auf den Fuß. Ein grimmiges Gesicht wandte sich herum, das sich aber bei seinem Anblick alsbald wieder in die Falten der Gelassenheit legte: »Donner und Doria,« rief Ruwald, denn er war der Getretene: »ist dir der berühmte Choral: ›Tret' der Herr auf seine Füße nicht bekannt? ich glaube, die Liebestorheit ist dir in die Beine gefahren! Weißt du was? bring dieses Manöver lieber bei deinen Nebenbuhlern an und mache sie dadurch invalid, sonst werden wir am Ende kein Terrain fassen können, denn ich habe soeben bemerkt, daß mir einer deine Rose weggepflückt hat.«

»Himmel!« rief Paul: »wie kannst du nur scherzen jetzt –«

»Scherzen?« unterbrach ihn Ruwald: »scherzen, in dieser fürchterlichen Stunde? Doch komm, sei vernünftig und stelle dich neben mich, aber mit einiger Rücksicht für meine Beine! laß uns dem Tanz ein wenig zusehen; wo ist denn deine Liebste?«

»Dort, sieh! in dem Rosakleide.«

»Götter! was doch die Liebe einen schnellen Blick hat! Ich mußte lange suchen, bis ich sie gefunden hatte. Aber nicht wahr, sie ist wunderhübsch in diesem Anzug? – Seufze nur nicht so laut: der Polizeikommissar, der da vor uns steht, könnte glauben, deine Seufzer gelten dem Vaterlande. – O brich nicht, Herz! ich bitte dich, halte dein Gesicht besser in Ordnung! die Eifersucht richtet dich abscheulich zu.«

»Wer ist der verdammte Mensch?« rief Paul leise, indem er auf Emiliens gewandten Tänzer blickte.

»Ich weiß es nicht,« sagte Ruwald: »das aber fühl' ich und erkenn' es klar, daß er sehr galant ist. Wenn er nur immerfort tanzen müßte! aber die häufigen Pausen, die geben einer beredten Zunge gar zu viel Gelegenheit. Und seine Worte scheinen nicht in den Wind gesprochen zu sein; sieh, wie sie lächelt! das ist zwar ein großes Unglück, aber auch ein Glück für dich, denn es vergönnt dir, ihren hübschen Mund, ihre weißen Zähne zu sehen. Ich versichere dich, das Lachen steht wenigen Mädchen gut, aber dein Liebchen greift es ganz herrlich an, sie lacht allerliebst.«

»Ich kann es nicht länger aushalten,« flüsterte Paul, indem er ihm krampfhaft die Hand drückte: »Komm, wir wollen gehen und den unbesonnenen Plan aufgeben. Du wirst sehen, es läuft schlecht ab.«

»Mut, Hasenfuß!« entgegnete Ruwald ebenso leise und gab ihm den Druck zurück: »Mut gefaßt! Frisch gewagt ist halb gewonnen! Meinst du, ich wolle diesen abscheulichen Frack vergebens angezogen haben? Die Sache muß in ihrem Laufe bleiben, und wenn es auch nur deswegen wäre. Komm,« fuhr er fort, indem er ihn in eine Fensternische zog, wo sie weniger beobachtet waren: »komm hieher und ziehe den roten Vorhang etwas über deinen schwarzen Konfirmationsfrack her; so! das steht dir gar gut. Jetzt will ich dir etwas sagen und will dabei Goethe nachahmen, wie er zu tun pflegte, wenn er seinem Freund Eckermann eine bedeutende Maxime mitteilte; er führte ihn nämlich an ein Fenster und begann geheimnisvoll: ›Ich will Ihnen jetzt etwas anvertrauen, das Ihnen in Ihrem ganzen Denken und Tun förderlich sein wird.‹ – Also, ich will dir jetzt etwas sagen, was dir für dein ganzes Leben nützlich sein soll: behalt' es in einem feinen Herzen und handle darnach.« Er faßte ihn am Ohr und sprach leise in ihn hinein:

»Benutze doch den Augenblick,
Er streicht so schnell vorbei!
Und ruft die Henne Glück! Glück! Glück!
So nimm ihr gleich das Ei!«

»Aber ich sehe soeben, daß der Walzer zu Ende geht. Jetzt oder nie! Courage, mein Bester! Bete für uns beide!« Mit zwei Sprüngen war er fort, und Paul sah ihm zitternd nach wie er sich im Gewühle der Hin- und Hergehenden verlor.

Ruwald stand bereits vor Emilien; er verneigte sich und hob sein Sprüchlein an: »Mein Fräulein, kann ich die Ehre haben« – Aber ach! sie ließ ihn nicht einmal seine zierliche Phrase vollenden, mit trotzigem Gesicht fiel sie ihm in die Rede und sagte ganz leise, nur ihm vernehmlich: »Nein!« – Ruwald zog sich sachte zurück und sprach zu sich, nachdem er einige aufdringliche Flüche unterdrückt hatte: »Sie denkt doch nicht so übel von mir, als es scheint; sie muß mich wahrhaftig für einen sehr chevaleresken Menschen halten, da sie mir so etwas zu bieten wagt; denn sie weiß sehr wohl, daß ich jetzt das Recht hätte, sie öffentlich zu demütigen.« – Er blickte noch einmal zurück und glaubte in ihren Mienen den Ausdruck der Angst und Reue zu lesen. In diesem Augenblick fühlte er sich am Arm ergriffen: es war Paul: »Ich sehe dir's an,« flüsterte er: »wir haben verloren.«

»Paule, du rasest!« entgegnete Ruwald: »sie ist für die nächsten drei Tänze versagt; – sieh doch um Gottesmillen nicht so verzweifelt aus, die Leute werden ja aufmerksam auf dich. Es ist nichts als eine kleine Geduldprobe: sei froh, daß wir nicht ganz abgewiesen sind. Aber wir wollen uns jetzt ein wenig trennen, es ist unserem Plane nicht förderlich, wenn wir immer die Köpfe zusammenstecken. Zwinge dich und tanz indes mit einer andern, sei unbefangen und nimm dich zusammen, ich bitte dich.«

»Das ist mir nicht möglich,« erwiderte Paul: »ich will lieber den Saal auf eine halbe Stunde verlassen.«

»Nun so geh und komm bald wieder.«

»Ich habe,« dachte Ruwald, als er ihn gehen sah, »ich habe doch meine Klassiker nicht umsonst gelesen: die Reden der alten Generäle, wie sie in den mißlichsten Umständen ihre Soldaten anlogen, es stehe alles ganz herrlich, die sind mir heute zustatten gekommen. Aber was zum Kuckuck fangen wir an? das Spiel geb' ich noch nicht verloren, das ist klar.« Er blickte sinnend im Saal umher: »Gesegneter Zufall!« rief er plötzlich aus: »du bringst mir unerwarteten Sukkurs, da sitzt ja meine treffliche Freundin Lucie und hat, wie es einem geistreichen Frauenzimmer gebührt, keinen Tänzer gefunden. Sie ist, wie ich weiß, mit Emilien bekannt: o ich Tor, daß ich so verwickelte Händel mit meinem geringen Talente lösen zu können meinte! Weiberhilfe, Weiberhilfe, das ist das einzige, was hier not tut!«

Mit diesen Worten ging er auf die genannte Freundin zu, die schon seit geraumer Zeit mehr seinen Geist als sein Herz gefesselt und eines jener seltenen Freundschaftsbündnisse mit ihm geschlossen hatte, wo eine unbefangene Neigung, ein spielender Scherz die Stelle der Leidenschaft vertritt und zwei nach Alter und Schicksal verschiedene Wesen, eine Frau, die nicht mehr im ersten Lenz des Lebens steht, und einen jungen Mann von feurigem Geist und unbefriedigtem Gemüte, zu einem freien, aber dauernden Verhältnis zusammenführt. Lucie war ein lebenslustiges Mädchen und ließ sich, obgleich sie die Generation, welche heute mit Eroberungsplänen ausgezogen war, um ein Ziemliches überschritten hatte, doch noch gern auf einem Balle sehen; um so mehr aber war sie verwundert, als sie ihren Freund, dem sie oft neckend vorgeworfen hatte, er sei aus einem schweren Stoffe geformt, in seiner ungewöhnlichen Uniform erblickte: »Wie? Saul auch unter den Propheten?« rief sie ihm lachend entgegen, als er sich näherte.

»Zuerst, meine witzige Freundin,« entgegnete Ruwald, »muß ich Sie bitten, mit mir zu tanzen und mir Gelegenheit zu einer Mitteilung zu geben.«

»Welche feierliche Sprache! was werd' ich hören müssen?« rief Lucie mit neckischem Pathos, indem sie sich von ihm in die Reihen der Tanzenden führen ließ: »Nun, weil Sie einen besonderen Zweck vorgeben, will ich nach Ihrem Willen tun, denn sonst hätte mir's meine Eitelkeit nicht zugelassen; ich habe wohl bemerkt, daß Sie mich nur zum Ersatz aufgefordert haben –«

»Wie? Sie haben bemerkt, daß ich einen Korb bekam?«

»Freilich, Sie unglücklicher Ritter! und am Ende verlangen Sie gar, ich soll so uneigennützig sein und Ihre schlimme Sache bei meiner spröden Freundin verfechten?«

»Etwas der Art ist es, was mich zu Ihnen führt, ich kann es nicht leugnen, aber ich nehme Ihre Güte nicht für mich in Anspruch, wie auch jener Korb nicht eigentlich mich so empfindlich trifft, als einen Freund.«

»Was muß ich hören?« unterbrach sie ihn lachend: »da haben Sie ein schönes Gewerbe übernommen! Nun, wo ist denn Ihr ungeschickter Faust, der sich sein Gretchen nicht selbst erobern kann?«

»Wenn Sie mich zum Mephistopheles machen,« fuhr Ruwald tanzend fort, »so kann ich mir's schon gefallen lassen, nur muß ich Sie dann inständig bitten, die Rolle der Frau Marthe zu übernehmen.« – Hierauf trug er ihr die Lage der Sachen in gedrängter Kürze vor und bat sie zuletzt, mit der Verzweiflung seines Freundes Barmherzigkeit zu haben und vermittelnd einzuschreiten. Lucie nahm seine Erzählung mit großer Lustigkeit auf und rief, als er geendet hatte: »Was ist ein seltenes Exemplar von einem Liebenden! wenn mir ein solcher aufstieße, ich weiß nicht, wozu ich mich entschließen könnte! Welch ein romantischer Jüngling! also bei Nacht schreibt er die Lektionen nach, die er über seinen Rekognoszierungen versäumt hat? den sollten Sie sich zum Muster nehmen, mein lockerer Herr! wenn Sie auch so exemplarisch wären, so hätten Sie den Armen bei seinem Liebchen nicht in so schlechten Kredit gebracht. Aber hier muß geholfen werben! eine solche Tugend verdient einen ausgezeichneten Lohn, und ich verspreche, mich aus allen Kräften bei der Kleinen zu verwenden; ich will ihr heiß und bange machen und vorstellen, welche Genugtuung sie Ihnen schuldig sei. Mein Gott! welch ein Frevel, einen der ersten Geister dieser Universität, un ingenio de esta corte, so zu behandeln!«

»Spotten Sie nur, liebe Lucie; ich will gerne die Unkosten tragen, da ich mich nicht vergebens an Ihre Güte gewendet habe.«

»Güte, mein Herr! o das ist nur Temperament! Sie wissen, Frauenzimmer in gewissen Jahren lieben es, zu schlichten, zu vermitteln und – zusammenzuführen. Genug! sobald der Walzer aus ist, spreche ich mit der Kleinen: Sie müssen es nun schon ertragen, beim nächsten Tanze mir noch einmal anheimzufallen, da sollen Sie Antwort bekommen.«

Ruwald drückte ihr dankbar die Hand und führte sie, da eben der Walzer zu Ende war, an ihren Platz zurück. Nicht ohne Herzklopfen sah er zu, wie sie Emilien aufsuchte, von ihren Freundinnen losmachte und sodann in eifrigem Gespräch mit ihr im Saale auf und ab ging. Mit atemloser Aufmerksamkeit folgte er ihren Bewegungen, ihrem Mienenspiel: als er aber Emilien erröten, Lucien lachen und Emilien freundlich werden sah, verlieh er mit beruhigtem Herzen den Saal, um etwas frische Luft zu schöpfen.

»Unsere Aktien stehen vortrefflich,« sagte Lucie, als er sie bald darauf im schnellen Galopp dahinschwang: »meine Kleine habe ich mit Sturm genommen, Sie wollte sich Ihrethalb ausreden und behaupten, sie hätte keineswegs die Absicht gehabt, Sie geradezu abzuweisen, sondern sie sei nur damals schon versagt gewesen, aber ich unterbrach sie und hielt ihr eine derbe Strafrede, worauf sie die Bitte an Sie ergehen ließ, der Sache nicht mehr zu erwähnen. Unter uns gesagt, sie weiß schon alles, der Form wegen aber müssen Sie noch eine wohlgesetzte Rede an sie halten; es wäre auch jammerschade, wenn das nicht geschähe, denn die Rede ist doch schon fertig, nicht wahr? Tun Sie sich aber ja nichts auf den Erfolg zugute, der ist Ihnen sicher, und wenn Sie wie der unbehilflichste Abgeordnete sprechen würden! ich versichere Sie, die Kleine ist bis zur Verzweiflung verliebt: ich mochte nur den Adonis sehen. Apropos, für den Kotillon, der gleich hernach an die Reihe kommt, hat sich Emilie an Sie versagt.«

»Was ist vortrefflich,« jubelte Ruwald: »nur Ihrer Honigzunge konnte solch ein Sieg gelingen. Und daß gerade jetzt ein Kotillon kommen muß, ist unbezahlbar! Diesen hübschen treulosen Tanz müssen wir benützen: ich schlage vor, daß Sie ihn mit meinem Freund antreten, Sie haben dadurch Gelegenheit, Ihren Klienten kennen zu lernen, zu instruieren und ihm die gebundene Zunge zu lösen; ich führe Emilien zum Tanz, und wenn ich das meinige getan habe, so wechseln wir unsere Schönen.«

»Bravo,« entgegnete Lucie, »das ist ein Plan der Ihrem intriganten Geist alle Ehre macht; dadurch erhält nun einmal der Kotillon seine wahre Bedeutung.«

»Und wir bilden ein wundervolles Quartett,« fiel Ruwald ein: »belieben Sie zu bemerken: dort Faust und Gretchen, hier Mephistopheles und – ich will Ihnen doch beim nächsten Besuch das treffliche Blatt von Retzsch mitbringen.«

Paul hatte sich indessen, von der Unruhe getrieben, wieder eingestellt. Sobald die Musik schwieg, drängte er sich zu Ruwald durch und fragte nach dem Stande der Angelegenheiten. »Zuerst befehle ich dir,« erwiderte Ruwald, »augenblicklich jenes Mädchen mit dem klugen Gesicht und dem grünen Gürtel zum Kotillon aufzufordern: sie ist deine sehr gute Freundin. Was das übrige betrifft, so wird sich alles geben, und ich sage dir vorerst nur so viel, daß du insgeheim aus dem Schlaraffenlande gebürtig bist und eine Anwartschaft auf gebratene Tauben hast.«

Emilie errötete und atmete tief, als die Musik zum Kotillon begann. Ruwald wußte es schlau abzukarten, daß er in der Reihe der Paare mit ihr zuletzt zu stehen kam und dadurch eine gute Zeit zum Reden gewann; etwas von den anderen abwärts zu stehen, war nicht einmal nötig, denn sein Nachbar, vermutlich ein Architekt, unterhielt seine Name von der Bauart und der Baufälligkeit des Saales so laut, daß Ruwald seine Stimme, um von niemand gehört zu werden, kaum zu dämpfen brauchte.

»Ein kluger Redner,« hub er an, »spricht zuerst von seiner Person und streicht sich dabei aufs beste heraus, um durch den günstigen Eindruck, den er hiedurch auf die Richter macht, seinen Gründen desto mehr Eingang zu verschaffen.« – Nun kam er auf sich, seine Lebensweise und Gesellschaft zu sprechen und verteidigte diese gegen die vielen üblen Nachreden, welche in der Stadt in Umlauf gesetzt worden seien. »Ich kann,« sprach er lachend, »mit Maria Stuart sagen: ›ich bin besser als mein Ruf!‹« dann entschuldigte er, daß die angegriffene Gesellschaft sich an ihren Feinden durch gelinde und derbe Scherze und Witze gerächt habe, wobei vielleicht auch gelegentlich Unschuldige getroffen worden seien. »Man muß es mit solchen Sachen nicht so genau nehmen,« wandte er ein: »eine verwegene Jugend, die sich unter sich selbst nicht verschont, geniert sich auch nicht gegen andere, und ein Witz ist so schwer zu unterdrücken, er will heraus. Wer mich kennt, der weiß gewiß, daß so etwas bei mir nicht böse gemeint ist, und ein christliches Herz vergibt mir leicht; es wird schwerlich einen Menschen geben, der sich, vorausgesetzt, daß seine Sprachorgane in Ordnung sind, nicht schon auf diese Weise gegen einen anderen vergangen und vielleicht gar einen Fehler verspottet hätte, den jener unschuldig an sich trägt.« – Emilie wurde hier feuerrot, denn sie blickte gerade zufällig auf seine Knie und erinnerte sich, daß sie einmal deren eigentümliche Struktur in Gesellschaft von Freundinnen nicht eben so gelinde wie Cäruleus berührt hatte. Seine treuherzige Art, zu reden, bewegte sie, sie wollte sprechen, aber Ruwald ging jetzt auf seinen Schützling über, schilderte sein schüchternes, liebevolles Wesen, beschrieb die Art, wie er jenes Wirtshaus in der einzigen für ihn freien Stunde zu besuchen pflegte, wie er aus Liebe zu ihr alle Bedenklichkeiten überwunden und gerne die Versäumnisse des Tages mit Nachtwachen vergütet habe, ließ scherzweise einfließen, wie fanatisch sein Freund verliebt sei, so sehr, daß er außer dem Gegenstande seiner Leidenschaft kein weibliches Wesen ansehen möge, ja die hübsche Kellnerin, die ihm täglich den Wein so freundlich gebracht, immer sehr schnöde, sogar verächtlich behandelt habe, und vertiefte sich ganz in seine demosthenische Beredsamkeit, ohne nur zu bemerken, wie viel er damit ausrichtete. Wir glauben wohl daran zu tun, wenn wir seine Rede nicht ln ihrer ganzen Ausführlichkeit wiederholen, indem wir unserer Erzählung zu schaden fürchteten, wenn wir mit diesem Hauptcoup nicht ganz den Glauben der Leser in Anspruch nehmen würden. Zudem können wir wesentliche Elemente jener Rede nicht mit der Feder fixieren, und dies sind vor allem das anmutige Organ, das geistig belebte, von wohlwollendem Humor glänzende Auge des Redners. Eher könnte man uns vorwerfen, wir haben die Heldin unserer Erzählung zu sparsam ausgestattet und noch fast gar keine Züge, woraus sich ihr Charakter erkennen ließe, beigebracht, aber wir entgegnen hierauf: Emilie ist ein Mädchen, von dem sich nicht mehr sagen laßt, als hier geschehen ist; sie hat bisher beständig in der innern Welt ihres Heizens gelebt und sich ihre Zukunft nur in leisen Ahnungen vorausgeträumt, eine Zukunft, worin sie unsere Überzeugung von ihr rechtfertigen und ihre innern Besitztümer in den mannigfachen Bewegungen des Lebens aufs liebenswürdigste entwickeln wird.

Zu dieser Überzeugung berechtigt uns die ungezierte, von Charakter zeugende Weise, womit sie Ruwalds Worte aufnahm und erwiderte. »Sie geben sich,« sagte sie, »fast zu viele Mühe mit einem einfältigen Mädchen, das tief unter Ihnen steht; wenn wir uns herausnehmen, das Tun der Männer zu kritisieren, so sollte man billig gar keine Notiz davon nehmen. Wie ganz anders ein Mensch, der gegen die Welt eine unbekümmerte Haltung angenommen hat, nach innen aussehen kann, das lerne ich jetzt an der edeln Art, wie Sie Ihren neuen Freund erworben haben, wie Sie ihn bei mir vertreten. Ich fühle es tief, daß ich ihn aufs unverantwortlichste beleidigt habe, und weiß nicht, wie ich die unartigen Blicke, die ich ihm oft zuwarf, wieder gut machen soll.«

»Das wird nicht schwer halten,« bemerkte Ruwald lächelnd: »ich denke nach, wie glücklich ein Gewisser an meinem Platz sein würde.«

»Ich bin in Ihren Händen,« versetzte Emilie hoch errötend: »tun Sie, was Ihnen gut dünkt! wiewohl,« setzte sie mit einer verbindlichen Verneigung hinzu, »wiewohl ich es sehr bedauern müßte, einen so angenehmen Partner zu entbehren.«

Ruwald war schon fort und stand vor Paul: »Herzog, lassen Sie in allen Kirchen ein Tedeum singen! der Sieg ist unser!« rief er.

»Hat sie –«fragte Lucie.

»Der Marquis wird künftig ungemeldet vorgelassen! Mach, daß du fortkommst! hole sie aus der Tour und dann behalte sie, für den Kotillon, für den Abend, für das ganze Leben!«

Paul wollte zögern: »Marsch!« kommandierte Ruwald: »ich bitte dich, hebe dich hinweg, die Leute könnten ja glauben, du wolltest mir deine Dame streitig machen. Sieh doch, dein galanter Nebenbuhler kommt dir zuvor.«

Dies wirkte: Paul war wie der Blitz bei seiner Geliebten, und seine Freunde sahen ihm lächelnd nach. »Alles geht gut,« sagte Ruwald: »haben Sie ihn ins Gebet genommen?«

»So ziemlich,« erwiderte Lucie: »das ist ein liebes Gemüt; hören Sie, wir haben etwas ganz Hübsches gestiftet!«

»Meinen Sie? ich denke auch so. Und, liebe Lucie, haben Sie auch schon den Vorteil berechnet, daß wir zwei vornehmen Geister dadurch Gelegenheit bekommen, von Zeit zu Zeit ein idyllisches Landleben zu produzieren? Was halten Sie davon? Ich habe mich bereits auf eine Partie Butterbrot engagiert,« So scherzten sie miteinander und sahen dem Paare zu, das sich anfangs ziemlich verlegen gebürdete, endlich aber in ein eifriges Gespräch geriet, wobei Emilie oft hell auflachte. »Gewiß,« sagte Ruwald zu Lucien, »gewiß ist ihm sein Glück in den Kopf gestiegen und er schwatzt tolles Zeug.«

Als nachher in den Verwicklungen des Tanzes der Zufall es fügte, daß die beiden Jünglinge mit verschlungenen Händen eine Pforte bildeten, unter welcher die beiden Mädchen durchschlüpften, da konnten die viere sich eines bedeutsamen Lächelns nicht erwehren.

Ruwald zog sich hierauf in eines der Nebenzimmer zurück und setzte sich behaglich hinter ein Flasche Wein. Erst als der Ball zu Ende war, fand sich Paul bei ihm ein, umarmte ihn stürmisch und rief: »Bruder, sag' mir einmal, wie sieht ein Bräutigam aus?«

»Etwa wie du!«

»Erraten! ich habe ihr Wort.«

»Nun, ich hab' es dir ja gleich gesagt, daß du aus dem Schlaraffenland« seist. Ja, ja, ich gratuliere. Die Eltern werden sich nicht sperren: ein fester Wille bringt alles zustande, und die Hauptsache ist ja richtig.«

»Und das verdanke ich dir,« rief Paul, »du guter Mensch!«

»Purer Eigennutz,« sagte Ruwald: »ich bringe so was gern zustande, siehst du, um mir die Hände an eurem Sonnenschein auch wieder einmal ein wenig zu wärmen.«

»Und die Universität verlass' ich gleich,« jauchzte Paul, »und trete meine Güter an! Ich habe genug studiert, um zu wissen quid juris, wenn einer Händel mit mir anfangen will.«

»So ist's recht,« versetzte Ruwald:

»Glücklich ist der, dem sogleich die erste Geliebte die Hand reicht, Dem der lieblichste Wunsch nicht heimlich im Busen verschmachet!«

Er ließ hierauf zwei Gläser Punsch einschenken und sagte: »Komm, setz' dich zu mir her, jetzt will ich dir einmal beweisen, wenn du's noch nicht weißt, wie glücklich du bist.« Sie setzten sich zusammen, und Ruwald erzählte eine einfache Geschichte aus seinen jüngern Jahren, Paul legte das Haupt auf seine Schultern, und seine Augen standen voll Tränen, während er ihm zuhörte. Als die Erzählung zu Ende war, umarmte er ihn, wehmütig durch die Tränen lächelnd, und wiederholte jene Worte, die er beim Maienfest im Vorübergehen von ihm gehört hatte:

»Es beugt der Schmerz des Lebens
Die Balken auf dem Dach!«

Hiermit schließen wir die Reihe der anspruchslosen Bilder, die wir, oft mit strauchelndem Kiele, vor den Augen des Lesers vorübergeführt haben. Jeder gibt nach seinem Vermögen, und so haben wir es vorgezogen, treulich auf dem sichern Boden der Wirklichkeit und des Erlebten zu bleiben, statt Phantasiegebilde heranzaubern zu wollen, bei welchen sich vielleicht die magische Rute, die sie berief, als eine gewöhnliche Mispel ausgewiesen hätte. So unbedeutend auch der Rahmen ist, in dem wir unsere Personen aufgeführt haben, so glauben wir doch nicht ohne Grund hoffen zu dürfen, es werde da und dort ein Freund Gestalten, die seiner Erinnerung einverleibt sind, gerne wieder erkennen, es werde selbst ein weiterer Kreis von Lesern diesen ihm unbekannten Gestalten seine Teilnahme nicht versagen und sie für sich zu Bekannten machen. Eine treue Schilderung des Lebens, wenn auch keine romantischen Verwicklungen, keine Haupt- und Staatsaktionen drin vorkommen, kann ihre Wirkung auf unbefangene Gemüter nicht verfehlen, und dies wird für uns die Probe sein, ob es eine wahrhafte Schilderung wirklicher Lebenszustände gewesen ist, was wir geboten haben. Sollte man jedoch – gewiß zu unserem großen Leidwesen – den jugendlichen Mutwillen unsrer Trojaner gar zu ungebärdig finden wollen, so verweisen wir auf das Motto, das wir als Ägide und Schild an dieses »Wirtshaus « zu hängen für gut gefunden haben, und würden uns sehr glücklich schätzen, wenn solchen Stimmen gegenüber ein aus dem Lenz des Lebens hinausgeschrittener Leser freundlich lächelnd sagen würde: Semel insanivimus omnes!

Unsere Erzählung ist zu Ende, und wir haben nur noch wenig nachzutragen. Die Einwilligung der beiderseitigen Eltern, welche nach einem kurzen billigen Zögern und einiger Erkundigung um notwendige, aber prosaische Tatsachen erfolgte, berühren wir kaum: Eltern von Verliebten sind in einer Dichtung selten poetische Elemente, und die humoristischen Flausen und Quängeleien, welche die beiden Väter nach der ersten Entdeckung etwa gemacht haben könnten, wären jedenfalls eine abgedroschene Ware, wobei Freund Röthling sagen würde:

Ȇber diesen Strom von Jahren
Bin ich gar zu oft gefahren.«

Genug, Emilie wurde in aller Form Rechtens Pauls Braut, und er durfte sie von da an, wie Ruwald spottend bemerkte,

»spazieren führen,
Nachmittags von eins bis zwei.«

Er verließ bald darauf die Universität, und fast zu gleicher Zeit absolvierten die sämtlichen Mitglieder der schlechten Gesellschaft, weswegen man hoffen darf, es werde sich in der Folge ein besserer Geist jener Akademie bemächtiget haben. In der letzten Zeit ihres Zusammenlebens – Ruwald führte seinen liebenswürdigen Philister mit Emiliens Erlaubnis bei ihnen ein – wurden noch einige heitere Abende zugebracht und, ehe sie sich trennten, ein Abschiedsfest gefeiert, das sie durch die lange verschobene Vorlesung des Märchens von Mörike verherrlichten; den Beschluß machte das schöne Lied: Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein!

Es läßt sich denken, daß bei den Libationen dieses letzten Abends die Dosen unserer beiden Dioskuren, sei es die Rührung zu vermehren oder zu dämpfen, gewaltig geklappt haben werden; indem wir uns dieses Element unsrer Erzählung ins Gedächtnis rufen, halten wir es für eine schickliche Gelegenheit, hier, wo soeben der Poesie gedacht worden ist, die Geduld des Lesers, der so viele unnützerweise eingelegten Arien kaum verschnupft, hat, noch einmal auf die Probe zu stellen und zu guter letzt aus den Papieren, die uns zur Redaktion vorliegen, ein Gedicht, welches Ruwald von Cäruleus in Form einer Apothekersignatur an eine Flasche Makubatabaks angeheftet erhielt, für die Wohlwollenden mitzuteilen, wobei wir diejenigen, welche dieser Gesinnung in geringerem Grade teilhaftig und unter dem in der ersten Strophe angedeuteten Örtchen einen bestimmten Namen sich vorzustellen geneigt sind, um des besungenen Freundes willen inständigst gebeten haben wollen, sich jeder geographisch-statistischen Bosheit zu enthalten und lieber die vielen anderen Blößen der vorliegenden Novelle abzuweiden; wir können versichern, daß der Tabak, den wir selbst in vorurteilsfreien Stunden versucht haben, echter Makuba war und mit dem Kraute von Antizyra nicht die entfernteste Ähnlichkeit hatte. Das Tabaks- und Abschiedsgedicht aber lautet nach einer diplomatisch genauen Abschrift also:

Makuba.

Ein didaktisches Gedicht.

Dem schnupfenden Freunde zu Ehren.

Mit doppeltem Motto in Bulwers Manier.

Prenez.
                    (Paroles d'un Croyant)

Nimm diesen Kuß im Geist an deinem Rheine.
                    (Seume an Münchhausen.)

Nimm diesen »Pris« mit Geist in deinem W***
Und denk' mit einem Herzen, einem sinnenden,
An einen schnupfenden Biedermann,
Den dort an Kretas westlichem Gestade,
Im Labyrinthe unschmackhafter Pfade,
Einst deine Nase liebgewann.

Bewahr' ihn stets an einem kühlen Orte,
Denn wenn er in der Wärme dir verdorrte,
So würd' er wie der Nebelwind,
Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt
Und widerwärtig in die Nase bräuselt,
So unerquicklich und so ungelind.

Und stößt du in die Rezensententuba,
Nimm immer vorher einen Pris Makuba
Und singe einen Schlachtgesang,
Der von dem Felsenfuß der Pyrenäen
Bis zu des Samojeden Winterseen
In grellen Noten wiederklang.

Durchstöre nicht der Schulen alte Kriege,
Noch aufgeblähter Weisheit Federsiege,
Die schnell die Skepse dir verwischt;
Begnüge dich, um gut und froh zu leben,
Salzwasser hie und da dem Pris zu geben,
Wovon die Nase mild und freundlich zischt.

Und wenn beim Donner einer Riesenode
Mir Herz und Kehle springt im Schwanentode,
Und du den Todesboten hörst,
Dann zieh dein Tüchlein männlich aus der Tasche
Und setze mir bei dieser Tabaksflasche
Ein kritisch Werk, mit dem du Helden ehrst.

Jetzt lebe wohl und höre von dem Freunde,
Als ob er scheidend dir im Arme weinte,
Ein Wort, das seine Seele spricht:
Nicht daß ich deine Nase dir mißgönnte!
Nimm diesen Pris in meinem Testamente,
Denn Gold und Silber hab' ich nicht.

Nimm diesen Pris mit Geist etc.
(Mit Grazie in infinitum)

Paul, der seine Braut nach dem Willen der Eltern mit aufs Land nahm, angeblich um ihre neuen Schwiegereltern zu besuchen, eigentlich aber, um die nötigen Vorstudien zu dem nahe bevorstehenden Antritt ihrer Haus- und Landwirtschaft zu machen, schrieb kurze Zeit nach seiner Ankunft den noch auf der Universität anwesenden Freunden: »Die Szenen der letzten Abende brausen mir noch immer im Kopfe herum und kommen mir oft aufs wunderlichste zwischen die Hochzeitsanstalten; ich kann von diesem Wesen nicht so viel vertragen wie ihr, und hoffe, es werde jetzt eine wohltätige Stille in meinem Leben eintreten.«

Die anderen haben sich nach allen Weltgegenden zerstreut, eine dumpfe Sage berichtet, Ostjäck habe die Redaktion des Hellermagazins übernommen; Cäruleus lebt in einem ihm befreundeten Pfarrhause: wir hoffen zu Gott und zur Rechtfertigung seiner Ehre gegen Ruwald, daß er mit der Ausarbeitung des Labor improbus beschäftigt sei, und wünschen, der Geist seines Helden möge ihm beiwohnen und die Arbeit aufs beste fördern, Ruwald ist gleich nach dem Abgang von der Universität nach Norden gezogen und hat, einer eingewurzelten übeln Gewohnheit gemäß, seine Freunde keine Silbe von sich hören lassen; wie erfreut waren sie daher, als sie neulich im Nürnberger Korrespondenten von und für Deutschland lasen, er reise den Rhein herauf und arbeite an einem Hochzeitliede nach der Melodie: Nun ruhen alle Wälder!

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